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Mittwoch, 16. November 2022

Predigt von Norbert Wohlrab (13.11.2022)

Das Gleichnis vom Richter und der Witwe

Für die heutige Predigt greife ich wieder auf den offiziellen Predigttextes des Kirchenjahres zurück. Und zwar steht er diesmal in Lukas 18, 1-8: das Gleichnis vom Richter und der Witwe.

Es ist ein uns relativ bekanntes Gleichnis. Ein kurzes Gleichnis. Ein Gleichnis mit eigentlich klaren Aussagen und doch ein paar unklaren Elementen. Ein Gleichnis, dass manche Nuancen enthält, die man auf den ersten Blick überliest und ich muss zugeben, manches davon habe ist mir jetzt auch erst beim Vorbereiten dieser Predigt aufgefallen.

Lesen wir es erst einmal zusammen:

„1 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis dafür, dass sie allezeit beten und nicht ermatten sollten,
2 und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der Gott nicht fürchtete und vor keinem Menschen sich scheute.
3 Es war aber eine Witwe in jener Stadt; und sie kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegenüber meinem Widersacher!
4 Und eine Zeit lang wollte er nicht; danach aber sprach er bei sich selbst: Wenn ich auch Gott nicht fürchte und vor keinem Menschen mich scheue,
5 so will ich doch, weil diese Witwe mir Mühe macht, ihr Recht verschaffen, damit sie nicht am Ende kommt und handgreiflich wird.
6 Der Herr aber sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt!
7 Gott aber, sollte er das Recht seiner Auserwählten nicht ausführen, die Tag und Nacht zu ihm schreien, und sollte er es bei ihnen lange hinziehen?
8 Ich sage euch, dass er ihr Recht ohne Verzug ausführen wird. Doch wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde?“
(Lk. 18, 1 - 8 ELB)


Der Anfang ist ja schon einmal ganz klar. Die Zielsetzung dieses Gleichnisses ist es, die Jünger zum anhaltenden Beten zu ermutigen. Sie sollen - also wir sollen - „allezeit beten und darin nicht nachlassen“ (EÜ), „beständig…beten und nicht auf(zu)geben“ (NLB) oder „unablässig beten…ohne sich entmutigen zu lassen“ (NGÜ). So heißt es in den verschiedenen Bibelübersetzungen. Dieser Vers ist quasi wie eine Überschrift und gleichzeitig auch die Hauptaussage dieser Verse.

Dann lesen wir zunächst von einem Richter. Wie war das damals in Israel mit den Richtern? Im 5. Buch Mose 16, 18-20 lesen wir:

„Richter und Aufseher sollst du dir einsetzen in allen deinen Toren, die der HERR, dein Gott, dir nach deinen Stämmen gibt, damit sie das Volk richten mit gerechtem Gericht. Du sollst das Recht nicht beugen, du sollst die Person nicht ansehen und kein Bestechungsgeschenk nehmen. Denn das Bestechungsgeschenk macht die Augen der Weisen blind und verdreht die Sache der Gerechten. Der Gerechtigkeit ⟨und nur⟩ der Gerechtigkeit sollst du nachjagen, damit du lebst und das Land in Besitz nimmst, das der HERR, dein Gott, dir gibt. (ELB)“

Es waren also in allen Städten (Toren) Richter eingesetzt um Rechtsstreitigkeiten zu regeln und zwar sollten sie dies tun
  • ohne das Recht zu beugen,
  • ohne Ansehen der Person und
  • ohne Bestechungsgeschenke zu nehmen.
Sie sollten vielmehr der Gerechtigkeit nachjagen.

Anders jedoch unser Richter hier in dem Gleichnis. Ihm waren die Maßstäbe der Bibel egal, ihm war Gott egal und die Menschen waren ihm auch egal. Er fragte nicht nach Gott und nahm auf keinen Menschen Rücksicht. Ihm war es egal, was andere über ihn sagten. Er kümmerte sich nicht um Recht und Unrecht. Seine Empathie ging gegen Null. Er dachte nur an seine eigenen Interessen.

Das war wohl nicht der Normalzustand des Rechtswesens zur damaligen Zeit, sondern vermutlich eher eine Ausnahme. Aber Jesus bedient sich in diesem Gleichnis dieser Ausnahme.

Dann haben wir in dieser Stadt auch eine Witwe, der scheinbar Unrecht geschehen ist. Sie kommt zu dem Richter und will ihr Recht: „Verhilf mir in der Auseinandersetzung mit meinem Gegner zu meinem Recht!“ (V. 3 NGÜ)

Dazu müssen wir uns vor Augen halten, dass eine Witwe zu dieser Zeit eine schutz- und wehrlose Frau war, die keinen natürlichen Beschützer mehr hatte. Ohne Mann, ohne Haupt hatte sie niemanden mehr, der sie versorgte und sie verteidigte. V.a. wenn sie noch keine erwachsenen Söhne hatte.

Deshalb gebührt den Witwen und zwei anderen Gruppen, die ähnlich benachteiligt waren, nämlich den Waisen und den Fremdlingen, ganz besonders der Schutz Gottes.

„Den Fremden sollst du weder unterdrücken noch bedrängen, denn Fremde seid ihr im Land Ägypten gewesen. Keine Witwe oder Waise dürft ihr bedrücken. Falls du sie in irgendeiner Weise bedrückst, dann werde ich, wenn sie wirklich zu mir schreien ⟨muss⟩, ihr Geschrei gewiss erhören, und mein Zorn wird entbrennen, und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, sodass eure Frauen Witwen und eure Kinder Waisen werden.“ (5. Mose 22, 20 - 23 ELB)

Gott stellt sich hier als Rächer der Unterdrückten dar. „Wenn Du die Witwe bedrückst dann mach ich Deine Frau zur Witwe und Deine Kinder zu Waisen!“ Das ist schon mal eine starke Drohung.

Eine Witwe war also in einer prekären Lebenssituation und hatte nur wenige rechtliche Möglichkeiten, dem abzuhelfen. Es gab ein paar Schutzvorschriften:
  • wenn sie noch kinderlos war, hatte sie das Recht der Schwagerehe (5. Mose 25, 5-10) (so war sie wieder versorgt und die Schmach der Kinderlosigkeit konnte getilgt werden)
  • man durfte sie nicht übervorteilen und es gab eine Art Pfändungsfreigrenze (5. Mose 24,17) (man durfte ihr bspw. das Kleid nicht pfänden)
  • sie hatte bei bestimmten religiösen Festen Anspruch auf den Zehnten oder Teilnahme an den Mahlzeiten (5. Mose 14,28; 16, 11.14) (bspw. Beim Wochen- und beim Laubhüttenfest; Ereignisse in größeren Abständen, Zehnten alle drei Jahre) und
  • sie hatte das Recht der Nachlese bei der Ernte (5. Mose, 24, 19 - 22).

Als dies war im Gesetz geregelt. Aber ich denke mir, dass dies vermutlich trotzdem nicht besonders viel war.
Wie oft im Jahr wurde geerntet?
Wie oft im Jahr konnte sie sich am Tisch beim Laubhüttenfest oder Wochenfest satt essen?
Viele Witwen waren vermutlich auf weitere Almosen angewiesen. Deshalb haben sich auch die jungen christlichen Gemeinden ganz besonders der Witwen angenommen.

Aus so einer Situation heraus kommt jetzt unsere Witwe und ihr wurde Unrecht angetan. 

Vielleicht verweigerte ihr der Schwager die Ehe?
Vielleicht hinderte ein Bauer sie an der Nachlese?
Vielleicht wollte ein Gläubiger ihr ihre Kleidung pfänden?
Vielleicht wurde sie auch nur bei einem Handel übervorteilt?
Wir wissen es nicht. Es war ein Unrecht und nur der Richter kann ihr zu ihrem Recht verhelfen. Aber er tut nichts.

Aber unsere Witwe ist penetrant. Sie hat Ausdauer. Sie kommt immer und immer und immer wieder und irgendwann hat der Richter die Schnauze voll und hat Angst vor ihr geschlagen zu werden - sie war wohl besonders energisch im Auftreten - und gibt endlich nach und verhilft ihr zu ihrem Recht. Nicht weil er auf einmal der Gerechtigkeit nachjagt, sondern weil er einfach kein blaues Auge will.

Und dann sagt Jesus: Hört was der ungerechte Richter sagt! Schaut auf den ungerechten Richter! Der ungerechte Richter verschafft Recht!

Aber Jesus sagt jetzt nicht: so ist Gott! Niemals hat dieses Gleichnis die Intention Gott mit einem ungerechten Richter zu vergleichen, der genötigt werden muss um Recht zu sprechen. Der Richter ist vielmehr das Gegenteil von Gott, die Antipode sozusagen. Schaut auf den Richter, denn so ist Gott eben nicht. „Gott aber“ sagt Jesus, „wie viel mehr wird Gott“ im Gegensatz zu diesem Richter….

Was eigentlich? Was wird Gott? Geht es um Gebetserhörungen? Da erleben wir manchmal etwas anderes. Und jetzt muss man dieses Gleichnis genau lesen.

„Ich sage euch, dass er ihr Recht ohne Verzug ausführen wird. “ (V. 8 ELB)

Es heißt „ihr Recht“! Es geht hier wieder ums Recht! Die Witwe hat ihr Recht gefordert. Was ist denn unser Recht? Haben wir ein Recht auf die Erhörung all unserer Gebete, die Erfüllung all unserer Wünsche, ein schönes Leben in Kraft und Gesundheit, die Verwirklichung unseres Glückes? (Das gilt nur für Amerikaner.) Um all das dürfen wir beten, aber in diesem Gleichnis geht es um unser Recht. Die Zusage der schnellen Umsetzung bezieht sich auf unser Recht! Was ist denn unser Recht?

„Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“ (Röm. 5,1 ELB)

und weiter

„die er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.“ (Röm. 8,30 ELB)

Das ist unser Recht: unsere Erlösung! Durch das vollkommen Opfer Jesu haben wir jetzt ein Recht auf unser Heil! Die Gnade Gottes wurde am Kreuz zu einem mit Blut geschriebenen Bund, der unauflösbar ist. Das ist unser Recht!

„Rechtmäßig um Jesu willen - steht uns die Gnade Gottes zu und der Trost, der mit dieser Gnade verbunden ist.
Rechtmäßig um Jesu willen - steht uns Gottes Vergebung zu und der Frieden, der mit dieser Vergebung verbunden ist.
Rechtmäßig um Jesu willen - steht uns das ewige Leben zu und die Hoffnung, die damit verbunden ist.“ (Pfr. Rainer Trischmann)


Es geht also um unser Recht auf Herrlichkeit, auf Ewigkeit, auf Erlösung, auf Heil durch das Wirken Jesu.

Aber es wird noch konkreter. Es gibt nämlich noch einen ganz bestimmten Vorgang auf den hier Bezug genommen wird. Bei genauer Analyse dieses Textes entfremdet er sich mehr und mehr von dem, was man darin oberflächlich betrachtet vermutet. Es geht hier nämlich um das Geschehen bei der Wiederkunft Christi:

„Doch wenn der Menschensohn wiederkommt“ (V. 8 NLB)

heißt es am Ende dieses Abschnitts. Das allein ist noch nicht so aussagekräftig, aber wenn wir uns den Kontext anschauen, stellen wir fest, dass Jesus direkt davor den Jüngern das Geschehen bei der Wiederkunft schildert. Er erklärt ihnen auf was sie vorbereitet sein müssen. Und er spricht davon, dass dieses Geschehen blitzartig sein wird.

„Denn wie der Blitz aufleuchtet und den Himmel von einem Ende zum anderen erhellt, so wird es an dem Tag sein, an dem der Menschensohn kommt“ (Lk. 24,17 NGÜ)

Dieses Gleichnis ist also thematisch eingebettet in Reden über die Wiederkunft Christi.

Und wenn man das jetzt weiß, dass es

  • um das Recht auf Heil und Erlösung und
  • um die Wiederkunft Christi geht,

dann bekommen die Verse 7 und 8 eine etwas andere Richtung.

„Gott aber, wird er nicht seinen Auserwählten Recht schaffen, die Tag und Nacht zu ihm rufen, wenn er auch lange zuwartet mit ihnen? Ich sage euch: Er wird ihnen schnell Recht schaffen!“ (V.7.8a SLT)

Gott wartet bis er das Recht der Auserwählten offenbar werden lässt. Er wartet immer noch. Schon 2000 Jahre. Aber wenn dieser Tag anbricht, dann wird es schnell gehen, unverzüglich, in Eile, wie der Blitz.
Diese Aussage über das sehr schnelle Handeln und Recht schaffen bezieht sich nicht auf die Gesamtdauer (2000), sondern auf den Vorgang des Handelns am Tag des Herrn (Blitz).
Und dann kommt die Abschlussfrage dieses Abschnitts:

„Doch wenn der Sohn des Menschen kommt, wird er auch den Glauben finden auf Erden?“ (V. 8b SLT)

Hier steht nicht einfach Glauben finden, sondern wird er „den Glauben finden“ oder „solch einen Glauben finden.“

Es geht um eine ganz besondere Art von Glauben. Hier müssen wir uns den Anfang und das Ende dieser Rede als Klammer vorstellen. Es geht um einen Glauben, der unermüdlich betet, beständig betet, ein Schreien zu Gott Tag und Nacht!

Und um was soll gebetet werden? Die Auserwählten haben auf die Wiederkunft Jesu gewartet, sie haben darauf gewartet erlöst zu werden von dem Bösen in dieser Welt, von der Verfolgung und Bedrückung, sie haben darauf gewartet in das Reich des Herrn versetzt zu werden. Das Gebet um das es hier geht, heißt kurz ausgedrückt „Dein Reich komme“.

Wird Jesus, wenn er wiederkommt diese Art von Glauben vorfinden in Deutschland, in Fürth, in der CGF, bei den Wohlrabs? Findet er hier Gläubige, die beten: „Herr, wann kommst Du? Wann kommst Du endlich? Lass Deine Herrschaft und Herrlichkeit sichtbar werden in dieser Welt. Herr, komme  bald!“

Ich glaube ehrlich gesagt, er wird nicht viele finden. Weil es uns einfach viel zu gut geht, weil wir in vielen Bereichen gesegnet sind, weil wir uns des Lebens und unserer Lieben freuen und ja auch danach streben das Reich Gottes in unserem Leben umzusetzen.

Wir halten keine Ausschau nach seiner Wiederkunft und beten nicht darum. Wir wünschen uns eines Tages alt und lebenssatt zu sterben und dann irgendwann in den Himmel oder die neue Erde kommen. Oder? Ist es nicht so?

Ist das falsch? Nun ich glaube nicht. Unser Leben ist ein Geschenk Gottes und das Ziel eines jeden Lebens ist es ja mit Gott zu leben, seine Werke zu tun, nach seinem Willen zu leben.

Wenn ich bete „Dein Reich komme“ denke ich daran, dass sich sein Reich mehr und mehr in mir und durch mich und um mich verwirklicht, dass ich dazu beitrage es Gestalt werden zu lassen. So spricht ja auch Jesus - gerade im Kapitel vorher - dass das Reich Gottes mitten unter uns ist (Lk. 17,21).

Ich will jetzt aber diese Spannung nicht auflösen und den Text seine Dramaturgie nehmen.

Trotzdem ist es wichtig, dass wir nicht nur das gegenwärtige Reich Gottes, sondern auch das kommende Reich Gottes im Blick haben, erstreben, erbeten, nicht nur den Christus in uns Gestalt werden lassen, sondern auch den wiederkommenden Christus erwarten. Ich denke, nur so können wir gleichzeitig „in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt“ leben. Es ist manchmal eine Korrektur nötig, wenn man im Sattel zu sehr auf einer Seite runter rutscht.

Ich komme zum Schluss. Zusammenfassend lehrt uns dieses Gleichnis drei Dinge:

  1. die allgemein gültige Aussage ist: anhaltend zu beten und nicht nachzulassen. Das ist immer richtig und gilt für alle Belange.
  2. speziell für das kommende Reich Gottes zu beten, das Ewige nicht aus dem Fokus zu verlieren oder wieder in den Fokus zu bekommen (Advent ist hier vielleicht eine thematische Hilfe) und
  3. hat es auch eine sozialkritische Dimension. Vielleicht hat Jesus bewusst eine Frau in prekären Verhältnissen ausgesucht. Wir können uns daher fragen: Wo sind Benachteiligte in unserer Gesellschaft oder praktischer in meinem privaten Lebensumfeld, für die ich eintreten kann?


AMEN.

Dienstag, 23. Mai 2017

Predigt von Norbert Wohlrab (19.05.17)

Das Gleichnis vom vierfältigen Acker


1. Einleitung

Zu Beginn meiner Predigt möchte ich einen Vers lesen, der mir im Lauf der Woche für den heutigen Sonntag wichtig geworden ist:

„Der Sohn Gottes, Jesus Christus…war nicht Ja und Nein, sondern in ihm ist das Ja Wirklichkeit geworden. Denn was immer Gott verheissen hat - in ihm ist das Ja und so auch durch ihn das Amen, damit Gott verherrlicht werde durch uns.“ (2. Kor. 1, 19.20 Zürcher)
In und durch Jesus Christus ist das Ja Gottes zu uns Wirklichkeit geworden. Unsere Erlösung, unsere Rettung, unser Heil. Alles ist auf seinem unabänderlichen Ja gegründet. Gott hat Jesus nicht ans Kreuz geschickt und sagt dann, „Schaun mer mal, ob sie es wert sind“. Er sagt nicht vielleicht, sondern er sagt Ja zu uns!

Aber das ist heute gar nicht mein Predigtthema. Ich möchte heute vielmehr über ein Gleichnis sprechen, dass wir alle mit Sicherheit schon sehr oft gehört haben. Aber ich denke, dass es hin und wieder durchaus sinnvoll ist, sich damit mal wieder neu auseinander-zusetzen. Das Gleichnis vom vierfachen Acker (nach Matthäus).

„1 Später an jenem Tag verließ Jesus das Haus und setzte sich ans Ufer des Sees, ´um zu lehren`.
2 Die Menschenmenge, die sich um ihn versammelte, war so groß, dass er sich in ein Boot setzte; so konnte er zu der ganzen Menge reden, die am Ufer stand.
3 Er sprach über vieles zu ihnen, und er gebrauchte dazu Gleichnisse.»Hört zu!«, begann er. »Ein Bauer ging aufs Feld, um zu säen.
4 Beim Ausstreuen der Saat fiel einiges auf den Weg. Da kamen die Vögel und pickten es auf.
5 Einiges fiel auf felsigen Boden, der nur von einer dünnen Erdschicht bedeckt war. Weil die Saat dort so wenig Erde hatte, ging sie rasch auf.
6 Als dann aber die Sonne höher stieg, wurden die jungen Pflanzen versengt, und weil sie keine kräftigen Wurzeln hatten, verdorrten sie.
7 Einiges fiel ins Dornengestrüpp, und die Dornbüsche überwucherten und erstickten die Saat.
8 Einiges jedoch fiel auf guten Boden und brachte Frucht – zum Teil hundertfach, zum Teil sechzigfach, zum Teil dreißigfach.
9 Wer Ohren hat, der höre!«
10 Die Jünger kamen zu Jesus und fragten ihn: »Warum verwendest du Gleichnisse, wenn du zu den Leuten redest?«
11 Er antwortete: »Euch ist es ´von Gott` gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen; ihnen ist es nicht gegeben.
12 Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.
13 Das ist der Grund, warum ich in Gleichnissen zu ihnen rede. Sie sehen und sehen doch nicht, sie hören und hören doch nicht und verstehen auch nichts.
14 An ihnen erfüllt sich die Prophezeiung Jesajas:›Hört zu – ihr werdet doch nichts verstehen. Seht hin – ihr werdet doch nichts erkennen.
15 Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt, ihre Ohren sind verstopft, und ihre Augen halten sie geschlossen. Sie wollen mit ihren Augen nichts sehen, mit ihren Ohren nichts hören und mit ihrem Herz nichts verstehen und wollen nicht umkehren, sodass ich sie heilen könnte.‹
16 Ihr aber seid glücklich zu preisen! Denn eure Augen sehen, und eure Ohren hören.
17 Ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte sehnten sich danach, zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen; sie sehnten sich danach, zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.«
18 »Ich will euch nun das Gleichnis vom Bauern erklären, der die Saat ausstreut.
19 Wenn jemand die Botschaft vom Himmelreich hört und nicht versteht, ist es wie mit der Saat, die auf den Weg fällt. Der Böse kommt und raubt, was ins Herz dieses Menschen gesät worden ist.
20 Ein anderer Teil der Saat fällt auf felsigen Boden. Das bedeutet: Jemand hört das Wort und nimmt es sofort mit Freuden auf,
21 aber er ist ein unbeständiger Mensch, eine Pflanze ohne Wurzeln. Sobald er wegen des Wortes in Bedrängnis gerät oder sogar verfolgt wird, wendet er sich wieder davon ab.
22 Wieder ein anderer Teil der Saat fällt ins Dornengestrüpp. Das bedeutet: Jemand hört das Wort, doch die Sorgen dieser Welt und die Verlockungen des Reichtums ersticken es, und es bleibt ohne Frucht.
23 Ein Teil der Saat jedoch fällt auf guten Boden. Das bedeutet: Jemand hört das Wort und versteht es und bringt dann auch Frucht – einer hundertfach, ein anderer sechzigfach und wieder ein anderer dreißigfach.«“ (Mt. 13, 3-23 NGÜ)


Wir haben diesen Text wohl schon viele Male gehört oder gelesen. Wahrscheinlich zum ersten Mal bereits im Kindergottesdienst. Und eigentlich ist er ja auch klar, Jesus legt ihn ja sogar selbst aus: die einen sind offen für das Evangelium, die anderen nicht; die einen vollziehen eine vollständige Lebensübergabe und bringen Frucht, die anderen nur eine oberflächliche und fallen früher oder später wieder vom Glauben ab.

Da wir heute hier sitzen, sind wir noch dabei und gehören zu den Guten. Also brauchen wir uns damit eigentlich gar nicht mehr auseinandersetzen. Der Text gilt nur für andere. Punkt, aus, fertig, Schluss. Eigentlich könnte ich mich gleich wieder setzen und wir können schon etwas früher mit dem Grillen anfangen.

Es ist doch angenehm, wenn es Texte in der Bibel gibt, wo man guten Gewissens sagen kann, die habe ich schon abgehandelt, über diese Stufe auf meiner geistlichen Entwicklungsleiter bin ich schon drüber hinweg.

Aber könnte es nicht sein, dass der Text trotzdem - zumindest theoretisch - noch ein paar Aussagen enthält, die uns was zu sagen haben?

Vergegenwärtigen wir uns zunächst noch einmal die Ausgangssituation:
Jesus spricht hier zu einer großen Volksmenge. Er war mittlerweile ein Star geworden und die Leute wollten ihn sehen und hören. Weil es zu viele waren, ist er ins Boot  gestiegen um besser zu der Menge sprechen zu können. Möglicherweise hat er genau diese Menschenmenge vor Augen, als er zu ihnen quasi über sie selbst spricht.
Jesus gebraucht ein Bild des damaligen Ackerbaus. Ein Bild dass jeder kennt. Es war damals üblich zunächst den Samen auszuwerfen und danach erst den Boden umzugraben. Heute macht das in umgekehrter Reihenfolge. Dadurch fiel automatisch ein Teil des Samens auf hart gepressten Boden, wo beispielsweise ein Trampelpfad entstanden ist, manches auf Steine und manches unter das Unkraut, die Dornen, die nicht entfernt worden sind. Dieser Vorgang war allen bekannt, die geistliche Bedeutung verstanden sie jedoch nicht.

Wenn man dieses Gleichnis hört, kann man verschiedene Positionen einnehmen. Nehmen wir zunächst mal die Position des Ackerbodens ein. Was könnte uns dieser Text heute noch sagen? Was könnte er uns raten oder wovor könnte er uns warnen?


2. Unser Herz

Ich denke, dieser Text sagt uns als Ackerboden: Achte auf deine Beschaffenheit! Achte auf dein Herz!

Der Ackerboden in diesem Gleichnis ist ja unser Herz, sagt Jesus (V. 19) und da merkt man, dass Gleichnisse nicht bis ins letzte Detail übertragbar sind. Gleichnisse haben eine Hauptaussage, die Nebenstränge können nicht davon losgelöst übertragen werden, denn in der Natur kann ein Acker nichts dafür, ob er gut oder schlecht, weich oder hart, ertragreich oder steinig ist.
Aber wir, wir können schon etwas dafür, wie unser Herz ist. Wir können etwas dafür ob unser Herz „aufrichtig und bereitwillig“ (Lk. 8,15 NGÜ) ist, wie es im Paralltext bei Lukas heißt ist.
Aufrichtig und bereitwillig. Wem gegenüber? Der Botschaft vom Himmelreich Gottes!

Wenn die Bibel vom Herzens des Menschen spricht, meint sie ja damit nicht das Körperorgan, sondern das Herz als Sitz des geistigen und seelischen Leben des Menschen. Das Herz als das Zentrum des Denkens, Wollens und Fühlens und des Erkennens.

Erkannt wird mit dem Herzen, es ist ein ganzheitliches Erkennen, kein rein vernunftgemäßes logisches Nachvollziehen von Wahrheiten.

Ich kann mich noch erinnern, dass ich eines nachts, kurz nach meiner Bekehrung in den Sternenhimmel geschaut habe und mir bei diesem Anblick sofort die Gegenwart und die Liebe Gottes bewusst war. Ohne dieses Erkennen im Herzen, wären es nur Sterne und Sternhaufen und Galaxien gewesen, „die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat“.

„Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit“ (Röm. 10,10a Rev. Elb.)

Aber das Herz wird auch dargestellt als Quelle des Begehrens und zwar sowohl im Negativen, wie auch im Positiven. Es heißt ja zum einen:

„Habe deine Lust am Herrn, so wird er dir geben, was dein Herz begehrt.“ (Ps. 37,4 Rev. Elb.)

und zum anderen

„das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an.“ (1. Mo. 8,21 Rev. Elb.)

Das menschliche Herz ist ein Schlachtfeld. Hier tobt ein Kampf zwischen guten und schlechten Wünschen, zwischen der Liebe und dem Streben nach Gott auf der einen und Egoismus und Selbstsucht auf der anderen Seite. Daher werden wir ermahnt:

„Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens.“ (Spr. 4,23 Rev. Elb)

Aber, wir haben bei diesem Kampf einen entscheidenden Vorteil. Es steht nicht 1:1. Denn es gibt noch jmd. in unserem Herzen:

„der uns auch versiegelt hat und das Unterpfand des Geistes in unsere Herzen gegeben hat.“ (2. Kor. 1,22)

Der Heilige Geist und damit Gott selbst, wohnt in unserem Herzen. Und so können wir diesen Kampf positiv gestalten. Er kreiert ein neues Herz in uns, das nach Gottes Willen leben möchte. Und das sind gute Voraussetzungen um den Ackerboden unseres Herzens zu bearbeiten.

Wie sieht es jetzt aber in diesem Gleichnis mit den unterschiedlichen Böden/Herzen aus?


3. Die ersten beiden Ackerböden

Lasst uns zunächst einmal einen Blick auf die ersten beiden Herzens-Typen werfen:

1. Die Desinteressierten oder Hartherzigen

Hier fällt die Saat auf den Wegrand. Sie wird zertreten oder von den Vögeln aufgefressen. Jesus erklärt, dass das Gehörte vom Teufel wieder geraubt wird. Es sind Menschen, die das Evangelium zwar hören, aber kein Interesse daran haben, ihm keine Relevanz beimessen.
Ich denke, solche Menschen kennen wir alle und diejenigen unter uns, die nicht von Kindesbeinen an durchgehend geglaubt haben, waren auch mal solche Menschen.

Ich kann mich noch sehr gut an die ersten Bekehrungsversuche erinnern, als man mich so mit 15/16 in eine Jugendevangelisation schleppte und ich dem Ganzen überhaupt nichts abgewinnen konnte. Nicht, dass ich bewusst atheistisch gewesen wäre oder den christlichen Glauben kategorisch abgelehnt hätte, es hat mich nur einfach überhaupt nicht interessiert. Ich konnte keine Relevanz zu meinem Leben herstellen. Sünde. Erlösung. Das war doch alles völlig übertrieben. Ich hatte keinen guten Boden. Der Boden war noch nicht reif.

2. Die Oberflächlichen oder Wetterwenderischen

Die Saat fällt auf felsigen Boden, sie geht zwar schnell auf, aber sie vertrocknet mangels Feuchtigkeit, sie bildet keine Wurzeln aus. Es sind Menschen, die sich in Zeiten der Anfechtung wieder vom Glauben abwenden. Der Glaube wird nicht mit der nötigen Nahrung versorgt.
Das Wort Gottes, das Gebet, die Gemeinschaft wird nicht in der nötigen Art und Weise gepflegt, so dass dem Glaube der Saft abgedreht wird. Und so ist der Mensch den Schwierigkeiten schutzlos ausgeliefert und kann nichts dagegen setzen.
Es sind Menschen, deren Quelle eher der „Rat der Gottlosen“ ist und die nicht an den „Wasserbächen“ des Wortes Gottes gepflanzt sind, wie es im Psalm 1 beschrieben wird.
Es ist wichtig wo meine Quellen sind. Gerade für junge Christen, denen es noch an Stabilität und Fundament mangelt, ist es wichtig, dass der Glaube genährt wird.

Ich habe Menschen erlebt, die sehr schnell begeistert waren. Während ich ein paar Jahre bearbeitet werden musste, ging bei denen alles ruck zuck: Evangelium gehört, sich be-kehrt, begeistert, nach kurzer Zeit getauft und als sie dann gemerkt haben, dass die Nachfolge mit manchen Konsequenzen verbunden ist, das man bspw. nicht alle paar Tage in einem anderen Bett aufwachen sollte (ich rede jetzt nicht von Hotelbetten), haben sie sich schnell wieder dafür entschieden ihren alten Lebensstil zu pflegen, in dem Gott keine Rolle mehr gespielt hat.

Bevor wir uns den nächsten beiden Menschentypen bzw. Ackerböden zuwenden, schauen wir uns an von welcher Art eigentlich die Saat ist.


4. Die Saat vom Reich Gottes

Jesus beschriebt hier die Saat als das Wort Gottes, als die Botschaft vom Himmelreich, vom Reich Gottes. Aus unserer Perspektive bedeutet das in erster Linie das Evangelium, die gute Nachricht von der Errettung durch den Glauben an Jesus Christus. Und so sagt Jesus ja auch:

„Bei einigen, die es hören, ist es wie mit der Saat, die auf den Weg fällt. Der Teufel kommt und nimmt das Wort wieder aus ihrem Herzen weg, sodass sie nicht glauben und daher auch nicht gerettet werden.“ (Lk. 8,12 NGÜ)

Nicht glauben und daher auch nicht gerettet werden. Und so interpretieren wir das ganze Gleichnis ausschließlich hinsichtlich Bekehrung und Errettung. Das ist ja auch das alles Entscheidende.
Wenn wir uns aber auch andere Reich Gottes-Gleichnisse anschauen (z.B. vom Sauerteig oder vom Senfkorn, Lk. 13, 18-21), dann entdecken wir dort neben der vertikalen Dimension in die Gottes-Beziehung hinein, auch noch eine horizontale Dimension der Frucht, eine ausgestaltende, eine lebensdurchdringende Dimension.

Und so sagt Jesus bspw. zu den Jüngern: „Euch ist es von Gott gegeben, die Geheim-nisse des Reiches Gottes zu wissen“ (Lk. 8,10a Rev.Elb.).

Die Geheimnisse des Reiches Gottes:
Ein Reich, dessen König Jesus Christus, der verheißene Messias ist.
Ein  Reich, das unsichtbar und übernatürlich ist, das nicht von dieser Welt ist .
Ein Reich, das innerlich und zwischenmenschlich, aber trotzdem gegenwärtig ist.
Ein Reich das gleichzeitig im Werden, in der Gegenwart, wie auch in der Zukunft ist.
Ein Reich, das sich in Kraft zeigt, in Heilung und Befreiung und im kindlichen Glauben empfangen wird.
Ein Reich, dessen Zugang man sich nicht erarbeiten kann, dessen Zugehörigkeit man sich nicht verdienen kann.
Ein Reich, dass eine eigene Ethik, einen eigenen Lebensstil, eine eigene Gerechtigkeit, hat, nach der zu allererst gestrebt werden soll (Mt. 6,33).

Jesus verdeutlicht immer wieder, das im Reich Gottes andere Maßstäbe gelten:
So streiten sich die Jünger bspw. darum wer der Größte unter ihnen ist. Jesus hält dagegen wer der Größte sein will, der soll der Sklave oder der Diener der anderen sein (Mt. 20, 26.27) und gibt selbst durch sein Leben das passende Beispiel.
Es geht im Reich Gottes nicht um Ehre und Anerkennung, es geht um Dienen und Demut. Eine völlig neue Ethik.

Oder Jesus verdeutlicht, dass es nicht darum gehen soll Reichtum anzustreben, sondern vielmehr Schätze im Himmel zu sammeln, bspw. durch einen Lebensstil des Gebens und der Großzügigkeit.

Oder Jesus verdeutlicht, dass es nicht auf die eigene Stärke ankommt. Im Geistlichen und im Irdischen. Man braucht sich nicht durch religiöse Übungen und Erfolge bei Gott etwas verdienen. Und auch in den natürlichen Belangen darf man all seine Bedürfnisse Gott anvertrauen und seine Hilfe erbitten. Ein Leben im Glauben und Vertrauen. Auch das ist eine neue Verhaltensethik.

Dies alles ist ein Teil der Saat, die Jesus aussät.

Und es wird uns dabei deutlich, dass es um ein sehr ganzheitliches und umfassendes Christsein geht.
Ich glaube ein Leben nach der Gerechtigkeit des Reiches Gottes enthält noch viel mehr radikale Freisetzungsqualität, als wir schon erkannt haben.


5. Die letzten beiden Ackerböden

Und jetzt schließe ich meinen Kreis und komme zu den letzten beiden Ackerböden.

3. Die Geteilten und Halbherzigen

Die Dornen verdrängen die Saat. Die Dornen sind die Sorgen des Lebens, Verlockungen des Reichtums und Freuden dieser Welt (Lk. 8,14).

Die Saat kann lange Zeit wachsen, es ist ein langandauernder Kampf, sie konkurriert mit den Dornen, aber sie kann sich nicht entfalten und das Wachstum von Frucht wird verhindert. Sie wird minimiert und erstickt irgendwann. Letztlich wird das Leben in der Gerech-tigkeit und in der Kraft und in der Qualität des Reiches Gottes nicht freigesetzt.
In anderen Bildern ist davon die Rede, dass der Feind dieses Unkraut sät. Er ist es der uns daran hindern will, dass sich göttliche Lebensqualität freisetzt.

Dies ist die Stelle, die uns zuruft: Achtet auf Euer Herz!
Denn kennen wir das nicht alle? Wer hat denn keine Sorgen? Oder wer bringt sie immer voller Vertrauen zu Gott? Oder wer möchte nicht finanziell ausgesorgt haben?

Wir alle laufen Gefahr uns zu verstricken in Sorgen, Materiellem oder uns irgendwelchen Dingen des Lebens in einem Umfang hinzugeben, der alles geistliche Leben erstickt.

Es muss mich ja gar nicht ganz ersticken - ich gehe mal jetzt über das Gleichnis hinaus -, aber es kann die Frucht minimieren.

Zum Schluss noch :

4. Die Fruchtbaren

Die das Wort hören und umsetzen, die es festhalten, es bewahren, sich nicht entmutigen lassen, ausharren. Das sind die Eigenschaften des fruchtbringenden Herzens. Da ist der richtige Boden. Er ist an den Wasserbächen gepflanzt. Hier kann die Pflanze ihre Wurzeln ausstrecken und Frucht bringen. 30fach, 60fach, 100fach. Leben wird verändert, Charakter werden geformt, Herzen werden heil, neues Leben entsteht, Menschen finden zu Jesus.

Wollen wir nicht alle so sein?
Aber: wir sind es auch! Wir bringen Frucht, wenn wir in Jesus bleiben. So hat er es angelegt. Wir brauchen sie nicht aus uns herauszuquetschen. Wir müssen nicht Luft anhalten und pressen.

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun.“ (Joh. 15,5 Rev. Elb).

Aber wir erleben es auch, dass wir uns immer wieder mal von ihm weg orientieren und wir es dann nötig haben, dass unser Herz neu „aufgeweicht“, neu „ausgerichtet werden muss, neu „aufgemischt“ sozusagen. Dass unsere Lebensausrichtung neu zentriert werden muss, unser Vertrauen neu gestärkt werden muss. Dann dürfen wir Jesus bitten, dass er unser Herz wieder neu verändert und belebt.

In dieser Spannung, zwischen den beiden aber findet unsere Nachfolge statt.


6. Der Sämann

Ich habe eingangs gesagt, man kann bei diesem Gleichnis verschiedene Positionen einnehmen. Man kann beispielsweise auch die Position des Sämanns einnehmen. Denn nicht nur Jesus hat ausgesät, auch später die Jünger und Apostel haben gesät. Und auch unser aller Auftrag ist es ja die gute Nachricht zu säen.

Der Säman im Gleichnis weiß, dass ein großer Teil seiner Saat daneben geht. Das ist für ihn völlig normal. Er sät aber trotzdem, weil er weiß, dass trotzdem sehr viel Frucht entsteht. 30fach, 60fach oder 100fach. Er lässt sich nicht entmutigen. Es ist gar kein Grund zur Entmutigung vorhanden.

Ich weiß nicht mehr, wieviele vergebliche Versuche man unternommen hat um mich zu bekehren. Aber man hat nicht aufgegeben und erfreulicherweise auch jahrelang für mich gebetet und so hat es dann irgendwann doch noch geklappt. Auch Gebet ist eine lebens-verändernde Frucht. Manchmal muss der Weg oder das Herz erst frei gebetet werden.

Manchmal lassen wir uns zu früh entmutigen. Das Gleichnis vom Sämann soll uns auch Mut machen in unseren Bemühungen um andere Menschen nicht nachzulassen und darauf zu vertrauen, dass der Same seine Frucht bringen wird.


AMEN.

Sonntag, 23. April 2017

Predigt von Norbert Wohlrab (23.04.2017)

Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg
 

Ich möchte heute mit Euch ein Gleichnis Jesu anschauen, und zwar das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Jesus erzählte Gleichnisse, die einen Alltagsbezug hatten, die zur Lebenswelt der Menschen gehörten, um den Jüngern geistliche Zusammenhänge verständlich zu machen. Manche von diesen Gleichnissen haben auch heute noch eine erstaunliche Aktualität. Ich lese das Gleichnis in der neuen Luther-Übersetzung:

„1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg.
2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.
3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen
4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.
5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.
6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?
7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.
8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten.
9 Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.
10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen.
11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn
12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben.
13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?
14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.
15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?
16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“
(Mt. 20, 1-16 LUT2017)


Die Ausgangslage in diesem Gleichnis ist uns bekannt: Arbeitslosigkeit. Vielleicht war nicht jeder von uns schon mal arbeitslos, aber wir können uns alle die Situation von arbeitslosen Menschen gut vorstellen. Vielleicht haben wir ja welche in unserem Bekanntenkreis.
Heute ist man als Arbeitsloser in unserem Land ja einigermaßen abgesichert. Wenn man lange genug einbezahlt hat, dann bekommt man für sechs Monate bis zu zwei Jahre Arbeitslosengeld, das sind rund zwei Drittel des letzten Einkommens. Damit kann man einigermaßen klar kommen. Blöd wird es danach, wenn der Anspruch verbraucht ist und man immer noch keinen neuen Job hat und dann nur noch Arbeitslosengeld 2 (Hartz IV) bekommt. Mit dann rund 400,- Euro kann man eigentlich nur noch überleben, aber nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Würde geht anders!


Früher gab es bei den Arbeitsämtern eine Tagesjobvermittlung. Wer früh aufstand und keine harte Arbeit scheute, konnte dort manchmal für einen Tag einen Job bekommen, bei dem er am Abend cash ausbezahlt wurde und sich so sein Arbeitslosengeld aufstocken konnte. In der Nähe vom Plärrer in Nürnberg gab es auch eine Ecke, an der Arbeitslose standen, die ihre Arbeitsleistung anboten. Das war dann die illegale Variante. Soweit ich weiß gibt es heute beides nicht mehr.

So eine ähnliche Situation finden wir hier in diesem Gleichnis. Arbeitslose stehen herum und warten auf eine Möglichkeit sich Geld zu verdienen. Der Unterschied ist, dass sie keine soziale Absicherung haben. Hier geht es nicht um ein Zubrot zur staatlichen Unterstützung. Hier geht es um die blanke Existenz. Hier geht es darum einen Job zu finden, mit dem sie ihre Frau, Kinder und vielleicht die alten Eltern ernähren können.
Der Silbergroschen (oder Denar) entspricht etwa 40 Cent und war damals der wohl übliche Tageslohn. Ein Lohn, der ausgereicht hat um seine Familie zu ernähren.

Auch heute noch gibt es in Jerusalem eine Ecke nahe des Damaskustores, wo jeden Morgen arbeitslose Palästinenser stehen und auf potenzielle Arbeitgeber (meist Israelis) warten.

Gleich am Anfang lesen wir etwas Ungewöhnliches in diesem Gleichnis. Die erste von vielen Ungewöhnlichkeiten: der Hausherr, der Weinbergbesitzer geht früh am Morgen selbst los um Arbeiter für die Arbeit im Weinberg (vermutlich zur Weinernte oder zum Schneiden der Stöcke) einzustellen. Normalerweise mach dies sein Verwalter oder ein Vorarbeiter. Aber hier geht der Hausherr selbst los. Er scheint ihm selbst immens wichtig zu sein. Ein kleines aber wichtiges Detail, wenn wir später zur Auslegung kommen.

Der Hausherr geht sogar öfters los, nicht nur einmal. Er geht am Beginn des Tages und zur dritten, sechsten, neunten und schließlich noch zur elften Stunde los um immer wieder Nachschub an Arbeitskräften zu holen. Der Tag war damals in zwölf Stunden von 6 bis 18 Uhr eingeteilt, d.h. also zwischen  6 und 17 Uhr war er immer wieder, insgesamt fünfmal unterwegs um neue Arbeiter anzuheuern. Während er mit den ersten noch einen konkreten Lohn vereinbart hat, heißt es bei den anderen nur, dass sie bekommen sollten „was recht ist“.

Als es dann an die Bezahlung geht (jetzt kommt übrigens der Verwalter ins Spiel), geschieht das nächste Unglaubliche: die Letzten werden als Erstes bezahlt. Die, die am allerwenigsten gearbeitet haben, bekommen ihren Lohn zuerst. Sauber, na gut, meinetwegen, aber dann bekommen sie auch noch einen ganzen Silbergroschen. Sie bekommen den Lohn, der denen versprochen worden ist, die früh morgens angefangen haben im Weinberg zu schuften. Und die denken sich jetzt wahrscheinlich: „Wahnsinn, wenn die schon einen Silbergroschen bekommen, wieviel bekommen denn dann wir?! Die haben eine Stunde gearbeitet und wir zwölf Stunden. Wow, dann bekommen wir sicherlich mehr als nur den einen Silbergroschen.“

Und dann die große Ernüchterung, sie bekommen auch nur einen Silbergroschen. Genau wie ausgemacht. Die nächste Unglaublichkeit! Der Weinbergbesitzer gibt jedem gleich viel Lohn. Jeder bekommt einen Denar, egal wie lange er im Weinberg geschuftet hat. Das passt nicht in das Denken der Arbeiter, in ihre Wirklichkeit hinein und das passt auch nicht in unsere Wirklichkeit hinein. Unser Empfinden von Gerechtigkeit ist doch etwas anders. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, aber doch nicht gleicher Lohn für ungleiche Arbeit!

Diese provozierende Situation wäre leicht zu vermeiden gewesen, wenn in umgekehrter Reihenfolge ausbezahlt worden wäre. Die ersten hätten ihren Denar eingesackt und schwups wären sie weg gewesen. Sie hätte gar nicht mitbekommen, dass die anderen genauso viel bekommen. Aber so wurden sie bewusst damit konfrontiert.

Und jetzt geschieht etwas mit den „gefühlt Übervorteilten“. Sie ärgern sich, sie fühlen sich ungerecht behandelt, sie werden neidisch. Sozialneid! Aber nicht auf die Starken, nicht auf die Reichen und Schönen, sondern auf die Schwachen. Denn die, die länger auf dem Markt standen und auf Arbeit gewartet haben, waren gleichzeitig auch die, die schwächer waren, weniger kräftig, alt und krank, die auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr so ganz mithalten konnten.
Die, die unten stehen, die kräftigen Tagelöhner, suchen sich solche, die noch weiter unten stehen. Ein auch heute weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen: „Die Hartz4ler, die Ausländer, die Asylanten usw. sind doch alles nur Sozialschmarotzer, die auf Kosten meiner Steuergelder leben.“ So oder so ähnlich wird von vielen gedacht.

„Bist du neidisch, weil ich so gütig bin?“ fragt sie der Besitzer. Diejenigen, die länger auf dem Markt herum standen, brauchen aber auch genauso viel zum Überleben, wie alle anderen auch. Sie brauchen auch ihre 40 Cent am Tag um ausreichend Essen zu kaufen. Was hätte ihnen der Lohn für eine Stunde Arbeit genutzt? Es hätte vielleicht gelangt für einen halben Laib Brot und ein Bier zum Frust runterspülen, aber nicht für den Tagesbedarf einer ganzen Familie.

Der Gutsbesitzer dagegen ist gütig, er will dass alle genug zum Leben haben. Unabhängig von ihrer Leistung. Er ist nicht auf Gewinnmaximierung aus, sondern maximiert seine Güte. Heute würde man vielleicht sagen, er praktiziert eine Form von solidarischer Ökonomie.

Dieses Vergütungsmodell passt nicht in den Kapitalismus. Da hätte der Weinbauer vielleicht nur die Hälfte vom vereinbarten Lohn ausbezahlt, weil sie angeblich zu langsam gearbeitet hätten.
Und das passt auch nicht in die soziale Marktwirtschaft. Da hätte es trotzdem nur einen gewerkschaftlich fest vereinbarten Stundenlohn gegeben. Und aus dem Überfluss etwas für die Kranken und Schwachen.
Und im Kommunismus hätten wahrscheinlich alle gleich wenig bekommen,weil es nichts zum Verteilen gegeben hätte.
Nein, dieses Verhalten ist einzigartig: jeder bekommt den gleichen Tageslohn damit jeder genug zum Leben hat.

Nun, es ist ein Gleichnis, eine Geschichte und hat nicht den Anspruch Grundlage für ein Wirtschaftssystem zu sein. Ein ähnliches Modell finden wir in der Bibel meines Wissens nur noch in der Jerusalemer Urgemeinde, die in einer Art Kommunismus zusammen gelebt haben. Dort heißt es:

„Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“
(Apg. 4,32 LUT2017)


Aber auch das Jerusalemer Modell war nicht erfolgreich, denn wenige Jahre darauf, mussten Spenden bei den neuen christlichen Gemeinden für die Gemeinde in Jerusalem gesammelt werden, da diese mittlerweile verarmt war. Auch hier gilt: die Beschreibung beinhaltet erstmal keine Aufforderung genauso zu handeln.
Aber interessant ist doch, wenn man sich anschaut in welchen Kontext das Gleichnis vom Weinberg eingebettet ist. Es folgt nämlich direkt auf die Begegnung des reichen Jünglings mit Jesus, an dessen Ende Jesus feststellt:

„Wahrlich, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen.“ (Mt. 19, 23b LUT 2017)

Dies sollten wir doch bedenken. Sollte das Weinbergmodell doch ein Vorbild für unser Leben sein?  Auf jeden Fall eine Aufforderung zum Großzügigsein.
Es verdeutlicht auf jeden Fall: unser Gerechtigkeitsempfinden, unsere Vorstellung von Gerechtigkeit ist anders, als Gottes Gerechtigkeitsempfinden.
Es gibt wohl unterschiedliche „Gerechtigkeiten“. Unterschiedliche Vorstellungen und Bezugssysteme. Gerechtigkeit nach Leistung und eine Gerechtigkeit der Verteilung, eine Art ausgleichende Gerechtigkeit.

In unserem Land gibt es ja mittlerweile einen Mindestlohn, der aber immer noch so niedrig ist, dass derjenige, dessen Einkommen sich immer auf diesem Niveau bewegt, im Rentenalter auf gesetzliche Unterstützung angewiesen sein wird. Nach dem Motto: „Hättest was Gescheites gelernt, würdest mehr verdienen, hättest mehr Rente.“ Das klingt eher nach Sozialdarwinismus als nach Gerechtigkeit.

Die Schweiz dagegen hat ein 3-Säulen-Rentensystem, in dem alle - also auch die Selbständigen und Beamten - den gleichen Prozentsatz in die erste Säule einzahlen, aus der dann später eine Grundrente für alle finanziert wird. D.h., dass jmd. der gut verdient u. U. mehr einzahlen muss als er später als Maximalrente aus dieser Säule herausbekommen kann. Das ist eine Form von ausgleichender Gerechtigkeit und die Schweizer scheinen damit überhaupt kein Problem zu haben.

Es gibt darüberhinaus heute vielfältige Formen von Solidarökonomie nicht nur in Lateinamerika: Genossenschaften, Fair Trade-Produkte, FoodCoops, Tauschbörsen, OpenSource-Programme usw. sind solche Modelle.

Den Arbeitern in unserem Gleichnis geht es um Lohn für Leistung. Den Gutsherrn geht es darum, dass es ihnen gut geht, dass sie ein genügendes Auskommen haben. Im übertragenen Sinne: wir sind leistungsorientiert, Gott ist Gnade-orientiert.

Damit sind wir jetzt bei der Auslegung. Im Eingang steht. „Denn mit dem Reich der Himmel ist es“. Es geht hier um dass Reich Gottes, um das Himmelreich Gottes, um die Königsherrschaft Gottes.
Also zum einen um das Leben in der Ewigkeit bei Gott und zum anderen, aber auch schon um das Himmelreich unter uns, dort wo die Herrschaft Gottes, wo das Reich Gottes in Kraft und Liebe und Gerechtigkeit und Frieden schon in die Gegenwart hinein wirkt und durch uns sichtbar wird.

„Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ (Lk 17,21 LUT2017)

Gott ist der Weinbergbesitzer, der alle, die in seinem Weinberg kommen, belohnen will. Er will, dass alle genug haben, keiner soll Mangel leiden. Jeder soll ewiges Leben empfangen:
unabhängig davon, ob man als Jude geboren wurde und damit zum auserwählten Volk gehört, zu dem Volk, das das Gesetz hatte oder erst als Heide das Evangelium gehört hatte,
unabhängig davon, ob man sich sein ganzes Leben lang als Pharisäer besondere religiöse Pflichten auferlegt hatte oder ob man als einfacher jüdischer Mensch gelebt hatte,
unabhängig davon, ob man sich als kleines Kind oder als Greis dafür entschieden hat Jesus nachzufolgen,
und auch unabhängig davon, ob man viel oder wenig dazu beigetragen hat. Jeder bekommt gleich.

Gott macht keinen Unterschied. Jesus sagt, dass die Ersten die Letzten sein werden, das also kein Vorteil darin besteht Jude oder Pharisäer zu sein. Dies ist die im historischen Kontext erste Zielgruppe des Gleichnis. Er will ihnen vermitteln, dass sie nicht besser, nicht wichtiger sind als die anderen, als die Sünder.

Es geht nicht um Leistung, es geht nicht um Gerechtigkeit durch Werke, sondern einzig allein um die Güte des Weinbergbesitzers, um die Gnade die Gott gerne schenkt. Es gibt keine Fleißkärtchen und kein Punktesystem für einen Platz im Himmelreich.

Eigentlich geht es in diesem Gleichnis ja gar nicht um die Arbeiter, sondern um den gütigen Weinbergbesitzer. Um sein Mitgefühl mit den verlorenen Menschen. Er ist es, der sich aktiv um sie bemüht, sich aktiv auf die Suche begibt um sie in den Weinberg zu holen. Er selbst bringt die gute Nachricht: „Hey, komm in den Weinberg. Dort ist noch Platz für Dich.“ Er enthält seinen Lohn, seine Güte, seine Gnade niemanden vor. Jeder bekommt sie. Er ist ähnlich wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Aber es geht auch darum Teil des Weinbergs zu sein. Die Tagelöhner haben Arbeit ge-sucht. Übertragen bedeutet dies, sie haben nach Gott gesucht. Ich flutsche nicht einfach so in das Reich Gottes hinein. Ich muss es wollen. Ich muss Erlösung wollen. Ich muss Jesus wollen.

Es gilt immer noch was Jesus sagt:

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh 14,6 LUT2017)

Die Annahme des Jobs entspricht der Annahme des Erlösungsangebots Jesu. Durch ihn werde ich Teil bzw. bekomme ich Anteil am Himmelreich Gottes.

Genauso gilt es aber auch in ihm zu bleiben. Bis zum Schluss in ihm zu bleiben. Den Lauf zu voll-enden, wie Paulus es ausdrückt (2. Tim. 4,7). Es sind leider nicht wenige, die sich im Laufe ihres Lebens von ihrem christlichen Glauben abgewendet haben um irgend-welchen obskuren Theorien anzuhängen.

Hören wir im Lutherjahr, was Martin Luther zur Auslegung des Gleichnisses zu sagen hat:

„So ist nu dies die Summa dieses Evangeliums: kein Mensch ist so hoch noch wird je so hoch kommen, dass er nicht zu fürchten hat, er werde der allerniedrigste. Und umgekehrt, niemand liegt so tief oder kann so tief fallen, der nicht hoffen könnte, dass er der höchste würde. Denn hier ist alles Verdienst aufgehoben und wird allein Gottes Güte gepriesen und ist fest beschlossen: der erste soll der letzte, der letzte soll der erste sein. Damit dass er spricht: der erste soll der letzte sein, nimmt er dir alle Vermessenheit und verbietet dir, dass du dich über keine Hure erhebst, auch wenn du Abraham, David, Petrus oder Paulus wärst. Damit aber dass er spricht: der letzte soll der erste sein, verwehrt er dir alle Verzweiflung und gebietet dir, dass du dich unter keinen Heiligen stellst, auch wenn du Pilatus, Herodes und Sodom und Gomorrha wärst.  Denn gleichwie wir keine Ursache haben, uns zu vermessen, so haben wir auch keine Ursache, zu verzweifeln. Durch dies Evangelium wird die Mittelstraße befestigt und bewahrt, dass man nicht nach dem Pfennig sehe, sondern auf die Güte des Hausvaters, welche gleich und von einerlei Art ist über Hohe und Niedrige, über die ersten und die letzten, über Heilige und über Sünder. Und keiner kann sich derselben mehr rühmen oder trösten oder vermessen als der andre.“
(D Martin Luthers Evangelien-Auslegung, Zweiter Teil, Das Matthäus Evangelium (Kap. 3 - 25), S. 681 ff.)


Gott ruft uns durch dieses Gleichnis in seine Nachfolge. Es ist unsere Entscheidung, wie wir darauf reagieren. Für die Tagelöhner war es die Möglichkeit zum Überleben. Und auch wir wissen, nur in Jesus ist das Leben.

Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge. (Joh. 10,10 LUT2017) 


Und Gott ist es, der es uns zuspricht, unabhängig von jeglicher Vorgeschichte. Egal, ob wir unser Leben lang gefrömmelt haben oder überall reingetappt sind, wo es nur geht. Wir dürfen durch Jesus Teil haben am Himmelreich Gottes.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

AMEN.

Sonntag, 2. Oktober 2016

Predigt von Norbert Wohlrab (25.09.16)

Röm. 14, 17 - 19


Da ich heute gleich zwei Predigttermine habe, habe ich mir gedacht, es wäre doch ganz praktisch gleich über den offiziellen Predigttextes des heutigen Sonntags zu predigen. So erspar ich es mir zwei verschiedene Predigten vorbereiten zu müssen. Synergieeffekt sozusagen. Außerdem bleib ich dann davor bewahrt immer wieder über meine Lieblingsthemen zu predigen.

Der Text für heute ist Röm. 14, 17-19:

„Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist. Denn wer in diesem dem Christus dient, ist Gott wohlgefällig und den Menschen bewährt. So lasst uns nun dem nachstreben, was dem Frieden, und dem, was der gegenseitigen Erbauung dient.“ (Röm. 14, 17-19 Rev. Elb.)

Das Reich Gottes ist also nicht Essen und Trinken. Wie lebensfeindlich aber auch, oder?

Wir haben in der CGF heute Gottesdienst mit gemeinsamen Mittagessen im Anschluss. Gemeinsames Essen und Trinken gehört bei uns einmal im Monat zum Gottesdienst feiern dazu. Das ist bei uns ein Ausdruck christlicher Lebenskultur. Aber, da haben wir wohl jetzt schon wieder mal alles falsch gemacht. Ätsch! Um sowas geht´s im Reich Gottes nämlich gar nicht. Solche profanen irdischen Dinge sollten wir nämlich nur auf das wirklich Allernotwendigste beschränken. Askese ist angesagt! Essen in der Gemeinde, so was Überflüssiges. Knapp daneben ist auch vorbei.

So oder so ähnlich könnte man diese Bibelstelle, diese Aufforderung ja zunächst einmal verstehen, wenn man sie aus dem Zusammenhang reißt. Aber ist das hier wirklich gemeint? Ist das NT wirklich so lebensverneinend? Hat Jesus selbst nicht ganz anders gehandelt?

Und tatsächlich wenn wir uns das Leben und Wirken unseres Herrn anschauen, dann lesen wir beispielsweise

  • von der Hochzeitsfeier, auf der er Wein vermehrt hat (bei der Heilsarmee wurde diese Bibelstelle in Saft umgewandelt)
  • dass er sich selber bei Zachäus zum Essen eingeladen hat (das sind die liebsten Gäste)  
  • mit Zöllnern und  Sündern gespeist hatund überhaupt so häufig am gemeinschaftlichen Essen und Trinken war, dass die Pharisäer ihn als Fresser und Weinsäufer (Mt. 11,19) tituliert haben uvm. 
  • und auch im AT gibt es bspw. die Aufforderung vor Gott mit Wein, starkem Getränk und allen Speisen, die das Herz begehrt, zu feiern und fröhlich zu sein (5. Mo. 14,26)

Also alles andere als lebensverneinend und so kann dieser Vers aus dem Römerbrief auch nur eine ganz andere Bedeutung haben, die man aber nur im Zusammenhang des ganzes Kapitels erkennt.

Die Gemeinde in Rom war ja keine homogene Gruppe. Nicht so wie wir. Sie bestand wohl nicht nur aus mehreren dezentralen Hauskirchen, sondern auch aus völlig unterschiedlich religiös sozialisierten Gruppen: den Judenchristen und den Heidenchristen, also aus Menschen die vorher im jüdischen Glauben verwurzelt waren oder und aus Menschen, die vorher einer heidnischen Religionen angehört haben.

Und diese beiden Gruppen waren sich nicht besonders grün, denn sie hatten unterschied-liche Auffassungen in manchen theologischen Fragen. Und nicht nur in irgendwelchen nebensächlichen Fragestellungen, wie heute vielleicht Erd- oder Feuerbestattung oder  nimmt man nun homöopathische Medikamente oder lieber doch nicht. Da muss man sich nicht bis aufs Blut streiten. Das ist nicht so existenziell.
Nein, es ging um Fragen, die die tägliche Lebensweise, aber v.a. auch die Praxis der täglichen Nachfolge betroffen haben. Es ging beispielsweise um´s Essen.

V. 2 „Einer glaubt, er dürfe alles essen; der Schwache aber isst Gemüse.“

(Paulus hat also eine eindeutige Meinung zur vegetarischen Ernährung. In der Luther-übersetzung von 1912 steht hier noch so nett übersetzt „der ißt Kraut“.)

Es gab hier zwei Konfliktpotenziale: zum einen die jüdischen Reinheitsgebote, die den Verzehr von bestimmten Fleischarten oder von unsachgemäß zubereiteten Fleisch (nicht richtig geschächteten Fleisch, das noch Blut beinhaltet) verbieten und zum anderen die Tatsache, dass es sich wohl bei dem meisten Fleisch, dass auf dem Markt erhältlich war um Götzenopferfleisch gehandelt hat, also um Überreste von Opfern in unterschiedlichen römischen, hellenistischen oder ägyptischen Kulten, d.h. Fleisch, dass heidnischen Göttern geweiht war und die sozusagen nicht alles aufgegessen haben.

Beides dürfte eigentlich für das Leben eines Christen keine Rolle spielen. Alle Speise kommt von Gott. Die Götzen sind Nichtse und die jüdischen Gesetze sind für Christen genauso „nichtsig". Daher kann alles guten Gewissens verzehrt werden. Wer so denkt ist - zumindest in diesem Punkt - stark im Glauben, der hat eine gewisse Reife erreicht. Aber es gibt eben auch die anderen, die Ängstlichen, die Unreifen, die Schwachen, die Anfänger im Glauben, die noch nicht frei sind in ihrem Gewissen, die noch gefangen sind in ihrer Prägung.

Eigentlich könnten sie unbeschadet nebeneinander existieren, wenn sie sich denn in Ruhe lassen würden, aber

V. 3 „Wer isst, verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, richte den nicht, der isst! Denn Gott hat ihn aufgenommen.
V. 4 Wer bist du, der du den Hausknecht eines anderen richtest? Er steht oder fällt dem eigenen Herrn. Er wird aber aufrecht gehalten werden, denn der Herr vermag ihn aufrecht zu halten.“


Es haut nicht hin mit der friedlichen Koexistenz, sondern sie fangen an einander zu richten, einander zu verurteilen, übereinander herzuziehen. Auch die Starken. Sie sind vielleicht noch gar nicht so reif, wenn sie auf einmal anfangen die Schwachen zu verurteilen und sich über ihre Pedanterie lustig machen.

Dieser Streit ist uns ziemlich fremd. Götzenopferfleisch kriegen wir heute eher selten beim Metzger. (Das müsste man wohl explizit bestellen.) Gewiss auch heute gibt es unterschiedliche Auffassungen in punkto Ernährung, aber es sind keine theologisch motivierten Streitigkeiten, wobei es sicherlich Menschen gibt, bei denen die richtige Ernährung durchaus zu einer Ersatzreligion geworden ist und die eine sehr missionarische Gesinnung haben ihren Standpunkt zu vermitteln.

Es gab aber noch einen anderen Konfliktherd: nämlich der Umgang mit den heiligen Tagen:

  • Sollte man den Sabbat halten?
  • Oder besser den Sonntag, weil Jesus da auferstanden ist?
  • Oder lieber beide Tage?
  • Oder doch gar keinen Tag, weil man doch frei vom jüdischen Gesetz war?

Wie viele würden sich wohl auch heute wünschen, dass Paulus ganz klare Ansagen macht, was die Gestaltung des Sabbats/Sonntages betrifft. Aber weit gefehlt. Es geht hier ja nicht um Ehebruch oder Diebstahl, dazu hätte Paulus sich wohl sehr klar geäußert. Es geht um die Ausgestaltung der Nachfolge. Es geht nicht um besser sündigen, sondern um richtig nachfolgen.

Umso länger ich im Glauben stehe umso mehr stelle ich fest, dass das NT kein Gesetz-buch ist wie das AT. Wir finden hier viel Freiraum in Fragen der Lebensgestaltung und der persönlichen Nachfolge. Und so auch hier:

V. 5 „Der eine hält einen Tag vor dem anderen, der andere aber hält jeden Tag gleich. Jeder aber sei in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt!
V. 6 Wer den Tag beachtet, beachtet ihn dem Herrn. Und wer isst, isst dem Herrn, denn er sagt Gott Dank; und wer nicht isst, isst dem Herrn nicht und sagt Gott Dank.
V. 7 Denn keiner von uns lebt sich selbst, und keiner stirbt sich selbst.“


Beides ist möglich. Man kann zu Gottes Ehre Fleisch essen und man kann zu Gottes Ehre darauf verzichten. Man kann frei sein zum essen und nicht frei sein zum essen.

Beides ist möglich. Man kann zu Gottes Ehre einen Tag höher als andere halten und kann aus der Freiheit des Glaubens darauf verzichten.

Jeder soll in der Gestaltung der Nachfolge seiner Überzeugung gemäß handeln, aber ohne über den, der eine andere Überzeugung hat die Nase zu rümpfen und ohne ihn zu richten.

Eine kurze Geschichte, die ich im Internet gefunden habe, verdeutlich dies:

Ein Vater zog mit seinem Sohn und einem Esel in der Mittagsglut durch die staubigen Gassen von Keshan. Der Vater saß auf dem Esel, den der Junge führte. „Der arme Junge“, sagte da ein Vorübergehender. „Seine kurzen Beinchen versuchen, mit dem Tempo des Esels Schritt zu halten. Wie kann man so faul auf dem Esel herumsitzen, wenn man sieht, dass das kleine Kind sich müde läuft.“ Der Vater nahm sich dies zu Herzen, stieg hinter der nächsten Ecke ab und ließ den Jungen aufsitzen. Gar nicht lange dauerte es, da erhob schon wieder ein Vorübergehender seine Stimme: „ So eine Unverschämt-heit. Sitzt doch der kleine Bengel wie ein Sultan auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenherläuft.“ Dies schmerzte den Jungen und er bat den Vater, sich hinter ihn auf den Esel zu setzen. „Hat man so etwas schon gesehen?“ keifte eine schleierverhangene Frau, „solche Tierquälerei? Dem armen Esel hängt der Rücken durch, und der alte und der junge Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus, als wäre er ein Diwan, die arme Kreatur!“ Die Gescholtenen schauten sich an und stiegen beide, ohne ein Wort zu sagen, vom Esel herunter. Kaum waren sie wenige Schritte neben dem Tier hergegangen, machte sich ein Fremder über sie lustig: „So dumm möchte ich einmal sein! Wozu führt ihr denn den Esel spazieren, wenn er nichts leistet, euch keinen Nutzen bringt und noch nicht einmal einen von euch trägt?“ Der Vater schob dem Esel eine Hand voll Stroh ins Maul und legte seine Hand auf die Schulter seines Sohnes. „Gleichgültig, was wir machen“, sagte er, „es findet sich doch jemand, der damit nicht einverstanden ist. Ich glaube, wir müssen selbst wissen, was wir für richtig halten.“

(Quelle: Nossrat Peseschkian, Der Kaufmann und der Papagei)


Nach der eigenen Überzeugung handeln ohne den anderen zu verurteilen.

In der CGF sind wir ja mittlerweile so homogenisiert und pasteurisiert, da finden wir gar keinen Ansatzpunkt mehr für irgendwelche theologischen Streitigkeiten. Wir wissen bspw. wie jeder über Taufe denkt. Jeder soll da nach seiner Überzeugung handeln. Manchmal denke ich ein bisschen mehr Reibung würde uns gar nicht schaden, weil mancher dadurch herausgefordert wird, vielleicht auch angetrieben und angespornt wird.

Aber in anderen christlichen Gemeinden gibt es oft noch genug solcher Reizthemen: Ist es für das Reich Gottes förderlicher zu bauen oder nicht zu bauen? Wie laut, wie modern, wie elektrisch usw. soll die Lobpreisband sein? Das sind oft die Gemeindespalter. Frauenordination ist bei manchen auch ein Thema. Es gibt sicher noch viel mehr Konfliktherde, die ich mir mit meinem schlichten Gemüt mir gar nicht vorstellen kann.

V. 10 „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder auch du, was verachtest du deinen Bruder? Denn wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“

Und weiter schreibt Paulus, nicht nur nicht richten, sondern sogar so das Leben gestalten, dass es dem anderen kein Stolperstein ist.

V. 13 „Lasst uns nun nicht mehr einander richten, sondern haltet vielmehr das für recht, dem Bruder keinen Anstoß oder kein Ärgernis zu geben!“

Kein Fallstrick sein! Das ist jetzt ein Wort an die Starken. Wenn ich frei bin zum Verzehr, dann kann ich auch frei sein zum Verzicht in der Gegenwart des Schwachen. Nicht damit ich es dem anderen Recht mache, sondern damit ich durch mein Verhalten dem anderen, dem jungen und schwachen im Glauben nicht in Glaubenskrisen führe.

Trotzdem stellt Paulus klar, auf welcher Seite er steht:

V. 14 „Ich weiß und bin überzeugt in dem Herrn Jesus, dass nichts an sich unrein ist; nur dem, der etwas als gemein ansieht, dem ist es unrein.“

Hier beruft er sich nicht auf sich selbst, sondern auf Jesus Christus. Entweder bezieht er sich auf eine geistliche Offenbarung oder auf Worte Jesu. Und Jesus sagte ja bspw. im Disput mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, dass alle Speisen rein sind und nichts von außen den Menschen verunreinigen kann (Mk. 7, 15 - 23).

Aber trotzdem im gemeindlichen Miteinander geht es nicht darum Recht zu bekommen, nicht um das Urteilen und Verurteilen, sondern es geht um einen gemeinsamen Wandel in der Liebe, um gegenseitigen Respekt und Anerkennung, um Rücksichtnahme.

V. 15b sonst „wandelst du nicht mehr nach der Liebe.“

Denn….und jetzt kommt endlich der Vers des Predigttextes:

V. 16 „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.“

oder besser verständlich:

„Denn im Reich Gottes geht es nicht um Fragen des Essens und Trinkens, sondern um das, was der Heilige Geist bewirkt: Gerechtigkeit, Frieden und Freude.“ (Röm. 14,16 NGÜ)

Wenn im NT vom Reich Gottes die Rede ist, dann geht es immer um die ausgeübte Königsherrschaft Gottes, nicht um ein regionales Reich oder Gebiet. Es bedeutet also etwa soviel wie. da:
wo Gott unter Euch herrscht,
wo das Wesen seiner Herrschaft gegenwärtig ist ,
wo seine Liebe gegenwärtig ist…
Dort spielen solche Fragen keine Rolle mehr.

Nächstes Jahr ist Luther-Jahr. Was hat den jungen Luther gequält? Die Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?
Auch darum geht es in unserem Text: Wie esse ich richtig? Wie halte ich den Feiertag richtig? Die Antwort: Ich muss keine Reinheitsvorschriften mehr beachten um vor Gott bestehen zu können. Ich habe bestanden!

Diese Fragestellungen gehen daher am Kern des Evangeliums vorbei. In einer Klassenarbeit würde der Lehrer wohl sagen: Leider eine Themaverfehlung.

Jetzt hatten wir eine lange Herleitung was das Reich Gottes nicht ist. Wahrscheinlich typisch deutsch: immer auf das Negative schauen. Jetzt wollen wir aber noch auf das Schauen, was das Reich Gottes ausmacht: Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist!

Gerechtigkeit, Friede und Freude. Also, ehrlich gesagt: ich hätte es wahrscheinlich anders definiert. Zuallererst hätte ich Liebe geschrieben und wenn ich jetzt ein organisch-dynamischer Vollblut-Pfingstler wäre, hätte ich wohl auch noch Kraft geschrieben und Barm-herzigkeit natürlich und selbstverständlich Gnade und…..

Nun, ich bin mir nicht sicher, ob Paulus dies als abschließende Aufzählung verstanden haben wollte, aber er hat sich sicherlich dabei etwas gedacht.

Und daher ist es sicher kein Zufall, dass hier als erstes Gerechtigkeit steht. Gerechtigkeit ist ein Wesenszug Gottes. Gerechtigkeit meint mehr als unser regulatives Verständnis.

„Die Bibel meint also mit der Gerechtigkeit Gottes seine umfassende Lebensgabe und Lebensgnade.“

(Quelle: Brunnen, Das große Bibellexikon Band 2)


Denn das ist es ja, was im Reich Gottes bewirkt wird: nicht durch mein ängstliches Streben, sondern durch Gottes Gnade: ich werde gerechtfertigt und erfahre ohne eigenes Zutun, durch das Werk Christi Gottes Gerechtigkeit.

„und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist.“ (Röm. 3,24 Rev. Elb.)

Und diese Gerechtigkeit bewirkt Frieden mit Gott.

„Und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein.“ (Jes. 32,17 Luther)

So beschreibt Jesaja das Wesen des kommenden Königreiches.

Aber ich denke Gerechtigkeit hat immer auch eine Dimension zu meinen Nächsten hin. Auch in diese Richtung sollen Gerechtigkeit und Frieden als Wesen des Reiches Gottes sichtbar werden. Der wahre Gottesdienst findet im Alltag statt, schreibt Paulus an anderer Stelle im Römerbrief (12,1).

Aus der Gerechtigkeit mit Gott entspringt Gerechtigkeit im Alltag. Gerechtigkeit drückt sich immer in Beziehungen aus. Beim Volk Israel war der Gradmesser der Umgang mit den Witwen, Waisen und Fremden. Auch heute wieder ein aktuelles Thema: der Umgang mit den Fremden.

Als ich von der Partei mit dem C im Namen kürzlich gelesen habe, sie wollen Asyl künftig auf Christen reduzieren, musste ich an das Wort Jesu denken: „Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe?“ (Mt. 5,46 Rev. Elb.)

Gerechtigkeit im Alltag, in der Gesellschaft, in der Politik, im Reich Gottes…ein spannendes Thema. Stoff für viele weitere Predigten.

Frieden. Wer Frieden mit Gott hat, kann auch Frieden mit seinen Mitmenschen leben. Dabei ist nicht nur kein Krieg und kein Streit gemeint, sondern ein füreinander sorgen. Ein sich aktives Einsetzen.

V. 19 „So lasst uns nun dem nachstreben, was dem Frieden…dient.“

Fehlt noch Freude. Ich muss zugeben: Ich hab´s nicht so mit der Freude. Ich bin einfach sowas von ausgeglichen. (Liegt vielleicht daran, dass ich seit meiner Jugend „beta-geblockt“ bin.) Ich bin schon zufrieden, wenn ich mich mal innerlich freue. Wenn ich auf irgendwelchen Konferenzen bin und dann enthusiastisch jubelnde und emotional verzückte Christen sehe, komm ich mir mit meiner Ausgeglichenheit immer recht minderbegabt vor.

Aber das biblische Freude bedeutet viel mehr. Sie meint ein ganzheitliches Wohlbefinden. (Und mit Wohlbefinden kenn ich mich als Wohlrab aus.) Fülle. Leben in Fülle.

V. 18.19 „So lasst uns nun dem nachstreben, was dem Frieden, und dem, was gegenseitigen Erbauung dient.“

AMEN.

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Ein Weihnachtsgruß......

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell…Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.“ (Jes. 9,1.5.6a) 

So lesen wir die Geburt Jesu im Propheten Jesaja beschrieben.

Es ist schon eine eigenartige Sache mit diesem Weihnachten. Irgendwie scheint dieses christliche Fest eine Kraft, ein Licht, eine Dynamik in sich zu haben, die Dinge verändert, die Verhärtungen löst oder zumindest lösen kann.

In der bekannten Kindergeschichte "Hilfe! Die Herdmanns kommem!", sind auf einmal aus Außenstehenden ganz besondere Menschen geworden. Menschen, die abgelehnt wurden, belächelt oder schief angeschaut wurden, standen auf einmal im Mittelpunkt und wurden wertgeschätzt.

Nun ist das nur eine Geschichte gewesen, aber auch in der Bibel geschieht im Umfeld der Geburt Jesu Ähnliches. Da sind es bspw. die Hirten, die als Außenstehende, Geringgeachtete und Randfiguren der Gesellschaft auf einmal in den Mittelpunkt des Weltgeschehens gerückt werden.

Etwas ganz Besonderes ist am Heiligabend vor 100 Jahren geschehen. Es war am Anfang des 1. Weltkriegs. Deutsche Soldaten lagen sich auf er einen und französische und britische Soldaten auf der anderen Seite in Schützengräben gegenüber. Alle hatten gedacht, bis Weihnachten ist der Krieg vorbei und man ist wieder zu Hause. Aber daraus ist nichts geworden. Ein jahrelanger Stellungskrieg stand ihnen stattdessen noch bevor. Aber an diesem Weihnachten ist es geschehen, dass ein deutscher Kammersänger namens Walter Kirchhoff angefangen hat Weihnachtslieder im Graben zu singen. Die französischen Soldaten waren davon so begeistert, dass sie Zugaben forderten und so entstand nach und nach ein gemeinsames Singen von Weihnachtsliedern. Mehr und mehr Soldaten haben ihre Schützengräben verlassen und sind im Niemandsland aufeinander zu gegangen. Man hat Vertrauen gefasst. Es wurde ein gemeinsamer mehrsprachiger Gottesdienst gefeiert. Es wurden Geschenke ausgetauscht: Tabak, Alkohol, Süßigkeiten. Man zeigte einander die Bilder seiner Lieben, es gab ein gemeinsames Fußballspiel. Und dies geschah gleichzeitig an mehreren Stellen der Westfront. Dieser Weihnachtsfrieden hielt teilweise sogar bis zum 6. Januar.

Weihnachten hat eine Kraft in sich. Die Kraft der Geburt Christi. Den Soldaten erschien ein großes Licht. Es war für die Beteiligten ein großes Wunder. Und es hatte Auswirkungen. Den meisten war es danach nicht mehr möglich auf die neu gewonnenen Freunde zu schießen. Wie sollte man denn auch die versuchen zu töten, mit denen man gerade sein Leben geteilt hat?!

Der Heeresleitung war dies natürlich überhaupt nicht recht. Auf allen Seiten. Da man aber nicht ganze Garnisonen erschießen lassen konnte wegen Verbrüderung mit dem Feind, blieb nichts anders übrig, als sie an andere Stellen der Front zu versetzen.

Heute würden wir aus unserer charismatisch geprägten Theologie heraus vielleicht sagen, da ist ein Stück vom Reich Gottes auf die Erde durchgebrochen. Da ist etwas sichtbar geworden von der Herrschaft Christi, von seinem Friedensreich.

Wenn wir heute in die Welt schauen, dann wissen wir, dass es noch viele Kriege und Konflikte, viel Ablehnung gibt. Wir brauchen gar nicht in den Nahen Osten schauen, wir brauchen nur nach Dresden - in den noch näheren Osten - schauen, Stichwort: Pegida. Aber auch in unserem Lebensumfeld, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, gibt es Menschen die ausgegrenzt oder abgelehnt werden.

Aber wenn etwas deutlich wird bei diesem Weihnachtsfrieden des 1. Weltkriegs, dann ist es das, dass die Menschen es sind, dass wir es sind, mit denen Gott die Welt verändert, mit denen er sein Reich, seine Herrschaft, sein Friedensreich baut. Wie im Himmel, so auf Erden. Wie im Himmel, so auch da wo ich lebe, da wo ich stehe.

Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Der Glaube ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.“ Wir haben diesen Glauben. Um uns herum ist oft Dunkelheit, aber wir haben eine andere Hoffnung, eine andere Zukunftserwartung, als diejenigen, die Jesus Christus nicht kennen. Wir wissen von der Liebe und der Güte Gottes, wir wissen von Christi Geburt und von seiner Wiederkunft. Diese Hoffnung gibt Licht in jede Dunkelheit.

„Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh. 3,16)

FROHE WEIHNACHTEN.

Freitag, 17. Februar 2012

Predigt von Norbert Wohlrab (12.02.12)

Gemeinschaft braucht Eigeninitiative


1. Einleitung

Ich möchte heute mal mit einem Zitat beginnen - vielleicht habe ich es auch irgendwann schon mal in einem anderen Zusammenhang erwähnt, aber ich finde es nach wie vor sehr bedeutsam:

„Eine Gemeinschaft lebt nur, wenn sie selbst aktiv ist. Wenn sie sich nur betreuen lässt, stirbt sie.“

Diese Aussage, die so viel Wahrheit enthält, stammt weder aus der Bibel, noch von weisen Menschen wie Sokrates, Plato oder Einstein. Nein, sie stammt von einem FDP-Politiker (den Namen habe ich mir leider nicht notiert) aus einer Debatte zum Haushalt der Stadt Fürth aus dem Jahre 2010 (oder 2011?).

Ihr kennt ja alle das Infoblatt der Stadt Fürth und da sind manchmal Reden aus den Ratssitzungen abgedruckt und so bin ich einmal zufällig über diese Aussage gestolpert, die mir sehr gut gefällt. Ich weiß nicht, ob er es irgendwo geguttenbergt hat - auf jeden Fall ist es eine unheimlich tiefgründige Aussage: „Eine Gemeinschaft lebt nur, wenn sie selbst aktiv ist. Wenn sie sich nur betreuen lässt, stirbt sie.“

Das Erschreckende an dieser Aussage ist, dass sie eigentlich für alle oder zumindest viele Bereiche des sozialen Lebens anwendbar ist. So gilt sie bspw. im Wirtschaftsleben: eine Firma kann sich nur weiter entwickeln, wenn immer wieder neue Ideen entwickelt werden, neue Innovationen und Initiativen entstehen, neue Wege gegangen werden, sonst kann sie im Konkurrenzkampf nicht mithalten, sonst wird sie den Anforderungen von sich veränderten Märkten nicht gerecht. Wenn ein Versandhandel bspw. ignoriert, dass mittlerweile ein Großteil der Geschäfte über das Internet abgeschlossen werden, ist er nicht länger konkurrenzfähig. Wenn eine Firma keine Plattform für Innovation und Kreativität bietet, wird sie sich nicht weiter entwickeln.

Sie gilt aber genauso für die politische Gemeinde und sie gilt genauso für Verbände und Vereine. Ohne Initiative von Einzelnen oder von Gruppen erstarrt das Leben, gibt es keine Entwicklung. Ohne das Einbringen neuer Ideen entsteht kein neues Leben, keine Vielfalt; wenn nur versucht wird den status quo zu verwalten, wird das Leben erstickt.

Sie gilt genauso für die Ehe, für Partnerschaften und auch für das Fußballteam. Jede Zweierschaft braucht neue Anregungen, damit sie nicht erstarrt, jede Fußballelf braucht die genialen Geistesblitze von kreativen Offensivspielern, sonst kann sie das gegnerische Abwehrbollwerk nicht überwinden. Eine Mannschaft, die nur den Ball halten will (wie letzte Saison bei Bayern München unter Louis van Gaal) spielt nicht nur unattraktiven Fußball, sondern wird sich auch schwer tun das Spiel zu gewinnen.


2. Prinzipien aus dem Reich Gottes (oder der Nachfolge)

Und diese Wahrheit gilt - wie könnte es anders sein - natürlich auch für die Gemeinde, für die Gemeinschaft der Christen. Ja gerade hier, denn in diesem Satz finden wir fundamentale Wahrheiten des Reiches Gottes!

2.1 Das Einbringen der eigenen Begabungen

Wir finden hier z.B. das Prinzip des Einbringens der eigenen Fähigkeiten, der eigenen Gaben und Möglichkeiten.

Christliche Gemeinschaft, christliches Leben im Allgemeinen ist auf Wachstum angelegt. Im Gleichnis von den anvertrauten Talenten (Mt. 25, 14-30), wird derjenige bestraft, der nichts aus seinen Möglichkeiten gemacht hat, der keine Initiative gezeigt hat, der die Talente nur vergraben hat und es werden diejenigen belohnt, die sie gewinnbringend, sich vervielfältigend eingesetzt haben.

Gott hat uns ausgerüstet! Einem jeden aber ist gegeben, sagt Paulus! Jeder hat seine ganz speziellen Möglichkeiten und Fähigkeiten bekommen, die er einbringen kann. Seien es jetzt geistliche Gaben oder natürliche Begabungen: wir sind alle bestens ausgerüstet.

2.2. Den Bau des Reiches Gottes (oder Leib Christis)

Ein weiteres Prinzip, dass in diesem Zitat verborgen ist: es geht um die Gemeinschaft. Es geht nicht um mich, es geht nicht nur um meine Familie, es geht um viel mehr. Und das steht so ganz im Gegensatz zum Zeitgeist und zur zunehmenden Individualisierung in unserer Gesellschaft.

Alles was gegeben ist, „dient zur Erbauung des Leibes Christi“ (Eph. 4,12) schreibt Paulus. Jede Gabe, jede Aufgabe, jede Fähigkeit, jede Initiative hat dieses Ziel: der Leib Christi soll erbaut, soll auferbaut, soll gebaut werden! Darum geht es! Und ich sehe den Leib Christi hier größer als die Gemeinde, ich sehe ihn hier als jede Initiative, jedes Werk, dass das Ziel hat Reich Gottes in dieser Welt auszubreiten!

Es geht darum, dass Wohl des Ganzen im Blick zu haben! Auf politischer Ebene oder kommunaler Ebene spricht man von dem Gemeinwohl! Ein leicht antiquierter und angestaubter Ausdruck, der heute zwar zunehmend an Bedeutung verloren hat, aber der nach wie vor für das Wohlergehen einer Gesellschaft unabdingbar ist. Da wo nur die Ziele Einzelner oder einzelner Gruppen verfolgt werden, geht jede soziale Komponente verloren. Dann dominieren nur noch Egoismus, Gewinnmaximierung und Macht!

Gott wollte eine soziale Gesellschaft. Er wollte weder den Kapitalismus des Westens noch die Oligarchien des Ostens. Beides sind Systeme, in denen der Mammon regiert. Und da wo der Mammon regiert, freut sich der Teufel. Bedenken wir, er hat Jesus in der Versuchung alle „Reiche dieser Welt und ihre Herrlichkeit“ (Mt. 4,8) angeboten. (Natürlich die USA ausgenommen, weil das ist ja „God´s Country“.)

Vor ein paar Tagen stand folgender Vers in der Tageslosung:

„Wehe denen, die ein Haus zum anderen bringen und einen Acker an den andern rücken, bis kein Raum mehr da ist und sie allein das Land besitzen!“ (Jes. 5,8)

Deshalb hat er im Gesetz Mechanismen eingeführt wie das Jobeljahr, in denen es nach 50 Jahren wieder zu Rückverteilungen kommen sollte. Jedes erworbene Land musste nach 50 Jahren wieder an den vorherigen Besitzer zurückgegeben werden (3. Mo. 25,10). So hätte verhindert werden sollen, dass einzelne verarmen und andere zu Oligarchen werden und außerdem wäre dadurch verdeutlicht worden, dass das Land wirklich Gottes Land ist und die israeliten nur die Nutzer sind mit dem Auftrag es zu bebauen und zu bewahren. Leider gibt es keine historischen Belege, dass dies jemals tatsächlich durchgeführt worden ist. Der Einfluss des Mammon war wohl schon damals zu stark.

Auch das Verbot von einander Zinsen zu verlangen, sollte die Verarmung des Bruders verhindern (3. Mo. 25,37). Es gibt ein Gedankenexperiment von Richard Price. Er hat festgestellt, wenn Joseph zur Geburt Jesu einen Penny angelegt hätte mit einer durchschnittlichen Verzinsung von 5%. Dann ergäbe das heute durch Zins und Zinseszins 150 Millionen Erden mit reinem Gold. Wenn man sich dies vergegenwärtigt, wird deutlich, dass unsere ganze Finanzwirtschaft auf einer riesigen virtuellen Blase basiert.

Selbst Wolfgang Schäuble hat neulich zugegeben, dass wir erkennen müssen, dass unsere Wirtschaft saturiert ist und die Mär vom grenzenlosen Wachstum global gesehen weder sozial gerecht, noch unbegrenzt möglich ist.

Wenn schon auf politischer Ebene die Bedeutung des Gemeinwohls erkannt wird, wie viel mehr muss es uns wichtig sein die Königsherrschaft Gottes in diese gefallene Welt hineinzubringen.

2.3. Das eigene Sterben

Hier wird mir ein weiteres Prinzip deutlich: das persönliche Einbringen ist verbunden mit dem eigenen Sterben!

Jesus sagt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh. 12, 24 Rev. Elb.)

Natürlich meint Jesus hier zunächst sich selbst: er ist das Weizenkorn, dass in die Erde fällt; er stirbt und geht in´s Grab um dann aufzuerstehen und um ein Vielfaches an Frucht zu bringen: millionenfaches neues Leben, wozu auch wir gehören. Aber der Text geht noch weiter und da wird deutlich, dass auch wir damit gemeint sind.

„Wer sein Leben liebt, wird es verlieren; und wer sein Leben in dieser Welt hasst, wird es zum ewigen Leben bewahren.“ (Joh. 12, 25 Rev. Elb.)

Das Ablehnen mancher eigenen Wünsche und Ziele, solange bis die Wünsche und Ziele Christi zu meinen eigenen geworden sind, ist ein wesentliches Prinzip des Lebens als Christ.

Wer war schon einmal in Jerusalem? Ich sage, wir waren alle schon mal in Jerusalem! Nur ist das schon ziemlich lange her, an die 2000 Jahre, da erinnert sich vielleicht nicht mehr jeder daran.

Denn es heißt: „ich bin mit Christus gekreuzigt“ (Gal. 2,20a Rev. Elb.)

Und beim besten Willen, wenn ich mit Jesus Christus gekreuzigt bin, wenn ich da auch mit am Kreuz hing auf Golgatha, dann muss ich ja auch schon mal dort gewesen sein, oder? Jedes Kind Gottes war damals in der Mitte der dreißiger Jahre des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung mit in Jerusalem und hing da mit Jesus am Kreuz.

Nehmt das jetzt symbolisch, allegorisch oder wie auch immer. Paulus sagt: wir hingen da mit dran. Mitgefangen, mitgehangen!

Ich finde dieses Bild sehr hilfreich - denn, wenn man sich vorstellt, dass man da irgendwie in Jesus Christus drin war, dass Jesus als er meine Schuld getilgt hat, mich auch irgendwie da mit genommen hat - dann kann man sich vielleicht auch leichter vorstellen, wie dieses stellvertretende Opfer Jesu mich mit einschließt.

„und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20b Rev. Elb.)

schreibt Paulus dann weiter.

Und obwohl dies so ist, obwohl unser alter Mensch mit der Taufe in den Tod begraben wurden (Röm. 6,4), obwohl Christus in mir lebt, sind wir doch einen Kampf ausgesetzt, der unser ganzes Leben anhält: das tägliche Sterben!

„Wenn jemand mir nachkommen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf täglich und folge mir nach.“ (Lk. 9,23 Rev. Elb.)

Täglich! Obwohl wir mit Christus gekreuzigt sind, obwohl unser alter Mensch begraben ist, obwohl Jesus Christus in uns lebt, obwohl wir den Heiligen Geist haben - bleibt doch noch ein Restkampf übrig: ein tägliches Ringen mit uns selbst; weil Gott unsere Persönlichkeit nicht eliminiert hat, bleibt es uns überlassen unseren Willen immer wieder neu zu opfern und ihn hinzugeben.

Und fällt Euch auf, es heißt, dass wir unser eigenes Kreuz auf uns nehmen sollen. Nicht das des anderen und wir sollen schon gar nicht das Kreuz tragen, von dem der andere, der besorgte Bruder oder die es gut meinende Schwester meint, dass könnte zu mir ganz gut passen.

Weder Gott noch sonst jmd. legt mir ein Kreuz auf, sondern ich selbst darf mich demütigen, ich selbst darf erkennen, wo ich mich verleugnen muss. Wir dürfen unseren persönlichen Hochmut (oder was auch immer) selbst ans Kreuz bringen.


3. Hinderungsgründe

Die eigenen Gaben einbringen, zuerst an den Bau des Reiches Gottes und des Leibes Christi denken, sich selbst immer wieder hingeben. Eigeninitiative entwickeln und neues Land einnehmen, mutig neue Wege gehen (so wie wir es in dem neuen Lied singen). Die Frage ist, was hindert uns oft daran, dass wir es zwar wissen, aber nicht immer umsetzen.

Und denkt jetzt nicht, ich sehe das jetzt bloß mit der Gemeindebrille, nur im Gemeindehorizont, damit sich die aktive Mitarbeiterschaft erhöht. Nein, unser Leben ist doch viel vielfältiger, viel vielschichtiger. Unsere Gaben und Berufungen umfassen Bereiche, die gibt´s ja gar nicht in der Gemeinde. Wenn man eine Begabung hat zum Bücher schreiben oder Bilder malen, um auf diese Weise die frohe Botschaft ausdrücken zu können, dann muss man doch nicht hier die Tapeten vollkritzeln (zumal das ja gar nicht unsere sind).

Andere Begabungen hätten hier natürlich sehr wohl Raum und Platz und vielleicht ist ja bereits eine Sehnsucht vorhanden. Eine Sehnsucht von jemanden oder danach, dass jemand eigeninitiativ wird und Träume in die Wirklichkeit holt.

Von Anfang an war es ein großer Wert in der CGF, dass Eigeninitiative ihren Raum finden konnte und wertgeschätzt wurde.

Was hindert uns? Was sind Hinderungsgründe? Was blockiert uns?

3.1. Die Altersblockade

Nun, vielleicht hindert uns eine Art Altersblockade, eine Art Altersmüdigkeit. Viele sind um die 50, manche schon über 60. Vielleicht stellt sich in diesem Alter eine gewisse Gesetztheit ein. Man hat manches erreicht in seinem Leben, vieles hat man auch nicht erreicht, man denkt sich jetzt können die Jüngeren mal ran (oops, wo sind die eigentlich?), wie auch immer, man ist etwas bequem geworden, etwas gesetzt geworden. Ich denke, das kann man ganz nüchtern so feststellen, ohne dass sich jemand auf den Schlips getreten fühlen muss.

Irgendwie ist es schon paradox, wenn man kleine Kinder hat, hat man keine Zeit, weil die Familie einem fordert. Wenn man Berufseinsteiger ist, hat man keine Zeit, weil der Beruf einem fordert. Später hat man keine Zeit, weil man im Beruf Karriere machen muss und die Hypothek abbezahlen muss. Und dann wenn man endlich Zeit hätte, die Schulden getilgt, die Kinder aus dem Haus sind, fühlt man sich zu alt, so dass zwischendrin nur eine kurze Zeitspanne von vielleicht 5 Monaten bleibt, wo die Belastungen erträglich sind. Ich hab´s jetzt ein bisschen überzeichnet, aber es ist schon was Wahres dran.

Es gibt bei Gott keine Altersbegrenzung - weder nach unten, noch nach oben. Moses war 80 als er seinen Dienst begonnen hat, Abraham war uralt, David war ein Teenager, Maria war ein Teenager. Gott hat kein Mitleid mit Alter und Jugend - er beruft, wen er beruft!

Eigentlich sind die meisten von uns jetzt im besten Alter um etwas im Reich Gottes zu bewegen - ein Übermaß an Lebenserfahrung und geistlicher Reife - ja soviel Lebenserfahrung, dass es andere nur schwer ertragen können-, an Weisheit, gepaart mit (Alters-)Milde und

Barmherzigkeit, das ist doch genau das was benötigt wird.

Es gibt keine junge Generation hinter der wir uns verstecken könnten. Es gibt keine junge Generation, auf der ein ausschließlicher Ruf liegt. Derartige Prophetien sind Unsinn und nicht mit dem Wort Gottes vereinbar. Gott beruft immer Jung & Alt. Er gießt seinen Geist auf Jung & Alt (Joel 3)! Er beruft alle Generationen!

Es tut mir jetzt echt für manchen leid, aber es gibt kein Renteneintrittsalter im Reich Gottes! Die Zeit von niemanden hier im Raum ist vorbei, sie fängt höchstens gerade erst an.

3.2 Die Schwächeblockade

Es gibt noch eine weitere Blockade. Ich nenne sie jetzt mal die Schwächeblockade.

Die Jahreslosung 2012 lautet: „Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Kor. 12,9 L)

Wir haben uns diese Woche im Hauskreis den Vers mal in seinem größeren Zusammenhang angeschaut und da wurde uns die Herausforderung, die dieser Zuspruch für Paulus gewesen ist, erst so richtig deutlich.

Paulus berichtet davon wie er in Todesgefahr war, wie er um Christi willen mit Ruten geschlagen wurde, wie er gesteinigt wurde, wie er in Seenot war, Schiffbruch erlitten hat, durch reißende Flüsse musste, auf der Flucht vor Räubern war, Hunger und Durst hatte, Kälte und Nacktheit ertragen musste, Schlafmangel hatte, viele Mühen und Beschwerden ertragen musste und dazu noch von einen „Engel Satans“ körperlich gequält wurde (was immer man darunter auch verstehen soll). All dies hat er auf sich genommen um das Evangelium auszubreiten - und war damit wohl im Gegensatz zu den sogenannten „Super-Aposteln“, deren Leben nicht so entbehrsam war.

Und in diese Situation der Schwäche spricht Jesus jetzt quasi zu ihm: „Lass es so wie es ist. Mach weiter! Denn wenn du körperlich und seelisch und mental am Ende bist, erst dann kommt meine Kraft in Dir zur Entfaltung!“

D.h. für uns, die wir viele dieser Nöte - Gott sei Dank - nicht ertragen müssen, aber doch auch viele Mühen und Beschwerden kennen, die das Leben in einer gefallenen Welt mit sich bringt, dass wir keine eigene Stärke brauchen, denn da wo wir am Ende sind und uns trotzdem in das Reich Gottes investieren, da kommt seine Kraft erst in uns zur Entfaltung.

Es gibt bei Gott keine Altersbegrenzung und es gibt keine Schwächebegrenzung! Er beruft, wen er beruft - und wir sind alle berufen!

3.3. Die Blockade des Herzens (Liebestöter)

Aber es gibt noch eine weitere Blockade, die uns oft zu Schaffen macht und mit der wir uns oft unser ganzes Leben herumschlagen müssen. Ich nenn sie mal die Blockade des Herzens oder den „Liebestöter“.

Wir kennen alle das Gleichnis von den vier verschiedenen Ackerböden (Lk. 8, 4-15). Ein Bauer sät den Samen aus, manches fällt auf dem Weg und wird zertreten oder von den Vögeln gefressen, manches fällt auf steinigen Boden und verdorrt gleich mangels Feuchtigkeit, manches fällt unter die Dornen und wird nach einiger Zeit erstickt und manches fällt auf guten fruchtbaren Boden und bringt vielfältige Frucht.

In seiner Auslegung sagt Jesus, dass der Samen, der „unter die Dornen fiel...durch Sorgen und Reichtum und Vergnügungen des Lebens erstickt (V. 14)“ wurde.

Ein Ackerboden kann sich seine Beschaffenheit ja nicht selbst aussuchen, hier ist das Gleichnis nur beschränkt übertragbar, aber wir Menschen können die Beschaffenheit unseres Bodens, unseres Herzens beeinflussen.

Wir hatten uns im letzten Hausgottesdienst darüber ausgetauscht, was uns Lebensfreude, was uns Lebensenergie raubt. Und tatsächlich diese Sorgen, die Jesus hier anspricht - ich glaube jetzt mal nicht, dass Reichtum und Vergnügungen des Lebens für uns vorrangige Versuchungen darstellen - diese Sorgen haben die Kraft, haben die Qualität unseren Glauben zu ersticken. So wie die Dornen die aufgehende Pflanze ersticken. Sie können zu einer Blockade unseres Herzens werden. Sie können die Freude rauben, sie können die Liebe töten, die Liebe zu Jesus ersticken.

Wie gesagt, der Boden kann sich seine Konsistenz nicht aussuchen, aber wir haben eine Verantwortung für unseren Boden, für unser Herz.

Jesus sagt, nicht dass was wir essen macht uns unrein, sondern das, was aus unserem Herzen heraus kommt (Mt. 15,19). Wir sind die Pfleger unseres Herzens!

Wenn Du ein Essen kochst, bist Du verantwortlich, ob es schmeckt oder nicht. Du wählst die Zutaten aus. Du prüfst, ob sie passen. Du gibst die Zutaten in der richtigen Konsistenz un d Reihenfolge in den Kochtopf. Du überwachst den Kochvorgang.

Und wenn Du eine Pflanze ansäst, bist Du verantwortlich für ihr Gedeihen. Du prüfst, ob es der richtige Boden ist. Du sorgst für ausreichend Wasser, Licht und Nährstoffe. Du bekämpfst die Schädlinge.

Und so ist es mit unserem Herzen. Wir entscheiden, ob wir es zulassen, dass uns die Sorgen des Lebens unseren Glauben ersticken, unsere Liebe rauben, unser Engagement eliminieren oder ob wir unser Herz bewahren.

Und ich sage nicht, dass es einfach ist. Ich weiß wovon ich rede. Wenn man jahrelang immer wieder seine Sorgen bei Gott abgibt ohne dass man große Veränderungen in der Realität sieht, dann kann man schon resignieren und jegliche Lebensfreude verlieren. Und dann gelingt es mir in manchen Phasen besser und in manchen Phasen schlechter. (Das ist wohl normal, nehme ich mal an.)

Aber unser Herz ist es wert, dass wir um es kämpfen und uns um es bemühen, dass wir Bitterkeit keinen Raum geben und Sorgen immer wieder abgeben. Egal was für Nöte und Sorgen es auch sind. Jesus sagt:

„Kommt her zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen.“ (Mt. 11,28 NGÜ)

Dieses Angebot gilt für alle Arten von Sorgen und Nöten.


4. Zusammenfassung

Der Bau des Reiches Gottes und der Gemeinde lebt von der Initiative des einzelnen. Dazu hat Gott uns überreich befähigt. Dazu sind wir weder zu alt, noch zu schwach. Und wir haben die allumfassende Möglichkeit, dass wir dazu auch nicht zu besorgt sein müssen, weil wir unsere Sorgen und Nöte allezeit auf Jesus Christus werfen können, denn er sorgt für uns (1. Petr. 5,7).

AMEN.