Das Gleichnis von den zwei Söhnen (Mt. 21, 28 - 32)
1. Einleitung
Ich habe vor einiger Zeit bereits einmal über eines von den Weinberg-Gleichnissen gepredigt. Dies möchte ich heute wieder tun. Es gibt da ja davon einige in der Bibel. Zunächst einmal der Text:
„Was meint ihr aber hierzu? Ein Mensch hatte zwei Söhne, und er trat hin zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh heute hin, arbeite im Weinberg! Der aber antwortete und sprach: Ich will nicht. Danach aber gereute es ihn, und er ging hin. Und er trat hin zu dem zweiten und sprach ebenso. Der aber antwortete und sprach: Ich gehe, Herr; und er ging nicht.
Wer von den beiden hat den Willen des Vaters getan? Sie sagen: Der erste. Jesus spricht zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch, dass die Zöllner und die Huren euch vorangehen in das Reich Gottes. Denn Johannes kam zu euch im Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; die Zöllner aber und die Huren glaubten ihm; euch aber, als ihr es saht, gereute es auch danach nicht, so dass ihr ihm geglaubt hättet.“ (Rev. Elb.)
Das ist jetzt eine Situation, die wir alle gut kennen. Wir haben ja aller Kinder und erleben es öfters wie unterschiedlich unsere Kinder sind. Oft liegen Welten dazwischen. Gleiches Elternhaus, gleiche Erziehung, gleiche Sozialisation, gleiche christliche Prägung, aber ganz andere Charaktere.
Und auch diese hier beschriebene Situation kommt uns ganz vertraut vor: Wir geben einen Auftrag wie bspw. Zimmer aufräumen, Kleidung wegräumen, Getränke aus dem Keller holen o.ä. und es wird nicht gemacht oder unendlich weit hinausgeschoben oder aber nach anfänglichem Gemaule dann doch erledigt. Also eine uns durchaus vertraute Situation. Und sie scheint wohl auch den Zuhörern damals vertraut gewesen zu sein, sonst hätte Jesus sie wohl nicht als Gleichnis verwendet.
Man meint ja immer ungezogenes, rüpelhaftes Verhalten ist ein Phänomen der Moderne (nachzulesen in der Ausgabe der NN vom Freitag 26.10.17), aber bereits Sokrates (469 - 399 v. Chr.) hat folgendes über die Jugend gesagt:
„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“
Wobei nach meiner Wahrnehmung die heutigen Jugendlichen auf mich relativ höflich wirken.
Es gibt eine nette Geschichte von Tolstoi, in der es auch um Eltern (hier: Mütter) und ihre Söhne geht:
Drei Frauen wollten Wasser holen am Brunnen. Nicht weit davon saß ein alter Mann und hörte zu, wie die Frauen ihre Söhne lobten.
„Mein Sohn“, sagte die erste, „ist so geschickt, dass er alle hinter sich lässt...“
„Mein Sohn“, sagte die zweite, „singt so schön wie die Nachtigall! Es gibt keinen, der eine so schöne Stimme hat wie er ...“
„Und warum lobst du deinen Sohn nicht?“ fragten sie die dritte, als sie schwieg. „Er hat nichts, was ich loben könnte“, entgegnete sie. „Mein Sohn ist nur ein gewöhnlicher Knabe, er hat nichts Besonderes an sich und in sich ...“
Die Frauen füllten ihre Eimer und gingen heim. Der alte Mann ging langsam hinter ihnen her. Die Eimer waren schwer und die abgearbeiteten Hände schwach. Deshalb machten die Frauen eine Ruhepause, denn der Rücken tat ihnen weh.
Da kamen ihnen drei Jungen entgegen. Der erste stellte sich auf die Hände und schlug Rad um Rad. Die Frauen riefen: „Welch ein geschickter Junge!“
Der zweite sang so herrlich wie die Nachtigall, und die Frauen lauschten andachtsvoll und mit Tränen in den Augen. Der dritte Junge lief zu seiner Mutter, hob die Eimer auf und trug sie heim. Da fragten die Frauen den alten Mann: „Was sagst du zu unseren Söhnen?“
„Wo sind eure Söhne?“ fragte der alte Mann verwundert, „ich sehe nur einen einzigen Sohn!“
Soweit erst mal die Geschichte von Tolstoi.
2. Die Bedeutung damals
Aber jetzt zurück zum Gleichnis. Bevor wir uns anschauen, was es für uns heute bedeuten kann, müssen wir uns erst einmal anschauen, was Jesus damit in der konkreten Situation sagen wollte.
Was war die Situation? Am Tag zuvor ist Jesus auf einem Esel in Jerusalem eingezogen und wurde von der Menge bejubelt Unser Palmsonntag geht darauf zurück.
Die Menge hat ihn gepriesen, als von Gott gesandten Propheten, als Sohn Davids. Jesus ging dann in den Tempel und hat dort erst mal für Ordnung gesorgt, in dem er die Händler aus dem Tempelvorhof vertrieben hat. Hier konnten von den Händlern zertifizierte Opfertiere erworben werden, die nur mit einer bestimmten Währung bezahlt werden konnte.
Da anlässlich des bevorstehenden Passahfestes viele Juden aus der Diaspora in Jerusalem waren, gab es viele verschiedene Währungen, die bei den Wechslern eingetauscht werden mussten. Beide, Händler und Wechsler, haben natürlich gewinnorientiert gearbeitet. Das war aber nicht im Sinne Gottes.
Das ist ungefähr so, wie wenn ich zu einer Geburtstagsparty einlade - zu der man mir üblicherweise ein Geschenk mitbringt - und dann kommen zwei völlig Unbekannte, setzen sich an den Gartenzaun und verkaufen Eintrittskarten für meine Feier und geben mir nicht mal etwas davon ab. So haben die Händler und Wechsler den Zugang zu Gott erschwert.
Nach der Tempelreinigung heilte Jesus noch Blinde und Lahme im Tempel und übernachtete dann bei Freunden in Bethanien.
Am nächsten Morgen kommt er wieder und fängt an zu lehren. Daraufhin fragen ihn dann die religiösen Führer, in welcher Autorität er dies tut. Gemeint ist jetzt vermutlich nicht nur das Lehren, sondern auch die Aktionen des Vortages: die Tempelreinigung und das Heilen. Jesus antwortet mit einer Gegenfrage:
„Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Auch ich will euch ein Wort fragen, und wenn ihr es mir sagt, so werde auch ich euch sagen, in welcher Vollmacht ich diese Dinge tue. Woher war die Taufe des Johannes? Vom Himmel oder von Menschen?
Sie aber überlegten bei sich selbst und sprachen: Wenn wir sagen: vom Himmel, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm denn nicht geglaubt? Wenn wir aber sagen: von Menschen, so haben wir die Volksmenge zu fürchten, denn alle halten Johannes für einen Propheten.
Und sie antworteten Jesus und sprachen: Wir wissen es nicht. Da sagte auch er zu ihnen: So sage auch ich euch nicht, in welcher Vollmacht ich diese Dinge tue.“
(V. 24 - 27)
Dieser Hinweis auf Johannes ist wichtig für das Gesamtverständnis. Johannes war von Gott gesandt. Sein Auftrag war es den Weg für Jesus vorzubereiten. Seine Botschaft lautete:
„Tut Buße! Denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen…..und sie wurden von ihm im Jordanfluss getauft, indem sie ihre Sünden bekannten. Als er aber viele der Pharisäer und Sadduzäer zu seiner Taufe kommen sah, sprach er zu ihnen: Otternbrut! Wer hat euch gewiesen, dem kommenden Zorn zu entfliehen? Bringt nun der Buße würdige Frucht; und meint nicht, bei euch selbst zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater! Denn ich sage euch, dass Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken vermag.“(Mt. 3, 2.6-9 Rev. Elb.)
Tut Buße! Besinnt Euch! Kehrt um! Das war die Botschaft des Johannes. Und mit denselben Worten begann übrigens auch Jesus später sein Wirken (Mt. 4,17)
Viele Menschen hörten auf Johannes. Hätten die Schriftgelehrten seine Autorität jetzt anerkannt, hätten sie erklären müssen, warum sie dann seinen Aufruf nicht gefolgt sind. Johannes hat sie zur Buße aufgefordert. Seine Botschaft war: alle sind Sünder und müssen umkehren. Sie haben sich aber als gerecht gesehen und waren der Meinung sie bräuchten keine Buße, weil sie Kinder Abrahams sind.
So haben sie jetzt eben lieber gar nicht geantwortet.
Jetzt kommt der Punkt, an der Jesus das Gleichnis erzählt. Weil es jetzt schon so lange her ist und soviel Texte dazwischen waren, lesen wir es nochmal. Mal nach einer geringfügig moderneren Übersetzung:
„Jesus sprach weiter: „Mal ’ne andere Geschichte, bin gespannt, was ihr dazu sagt: Da war mal so ein Typ, der zwei Söhne hatte. Zum ersten sagte er: ‚Geh mal bitte in unsere Werkstatt und reparier das Auto, das dort steht!‘ ‚Ich hab aber keine Lust!‘, sagte der. Aber später tat es ihm leid, und er ging doch hin und reparierte die Kiste. Dann ging der Mann zu dem zweiten Sohn und wollte dasselbe von ihm. ‚Klar, mach ich‘, sagte er. Aber dann hatte er doch keinen Bock und ging einfach nicht hin. Preisfrage: Wer von den beiden hat das getan, was der Vater wollte?“ – „Der erste natürlich!“ Jetzt erklärte Jesus, was er mit der Geschichte sagen wollte: „Auf eins könnt ihr wetten: Dealer und Huren werden eher an diesem Ort landen, wo Gott das Sagen hat, als ihr. Johannes, der die Leute getauft hat, hatte voll den Plan: Er sagte, ihr müsst euer Leben ändern, sonst fahrt ihr gegen die Wand. Aber ihr wolltet nichts von ihm wissen. Die Dealer und die Nutten aber haben getan, was er gesagt hat. Und obwohl ihr das sehr wohl mitbekommen habt, vertraut ihr mir nicht und ändert euch nicht.“ (Volx-Bibel)
In dem Gleichnis ist Gott der Vater. Die Söhne repräsentieren zwei verschiedene Gruppen in Israel wieder.
Die erste Gruppe sind die Sünder: die Zöllner und Prostituierten. Die, die sich entschieden haben, fernab von der Gerechtigkeit und den Geboten Gottes zu leben. Ihr ganzer Lebenswandel war ein einziges, klares und offensichtliches Nein zu Gott.
Aber dann trat Johannes auf und manche dieser verachteten Sünder hörten seine Botschaft, bereuten ihre Schuld und kehrten um. Aus ihrem Nein wurde ein Ja.
Die zweite Gruppe ist die fromme Elite. Es sind die Hohenpriester und die Ältesten, die Schriftgelehrten und die Pharisäer. Diejenigen, die sich für fromm halten und dies öffentlich zur Schau stellen, die stolz darauf sind Kinder Abrahams zu sein, das Gesetz zu kennen und danach zu leben, die sich selbst rechtfertigten, die aber weder ihre Sündhaftigkeit, noch ihre Erlösungsbedürftigkeit erkennen wollten. Die weder Johannes noch Jesus als von Gott gesandt anerkennen wollten.
Die also äußerlich Ja sagen zu Gott, aber faktisch Nein sagen.
„Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird in das Reich der Himmel hineinkommen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist.“ (Mt. 7,21 Rev. Elb.)
Gleiches wird übrigens auch im Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner ausgedrückt (Lk. 18, 9-14). Dort erkennt der Zöllner seine Erlösungsbedürftigkeit, der Pharisäer dagegen vertraut auf sich selbst und verachtet gleichzeitig die anderen. Danke, dass ich nicht wie dieser Zöllner bin, betet er. (V. 11)
„Ich sage euch: Dieser (der Zöllner) ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, im Gegensatz zu jenem; denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer aber sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Lk. 18,14 Rev. Elb.)
Allein das Jesus sie, die angesehensten Personen der Gesellschaft, hier in einem Atemzug mit den verachtetsten und sündhaftesten Menschen der Gesellschaft nennt, ist schon eine gewaltige Provokation. Ein Pharisäer würde mit solchen Menschen nie etwas zu tun haben (vgl. die Salbung durch die Sünderin).
Jesus drückt also hier aus: es bedarf keiner religiösen Qualifikation oder Sozialisation um gerettet zu werden, nur dem Erkennen der eigenen Sünde und dem Bereuen, d.h. dem Umkehren zu Gott, so wie es in unserem Gleichnis dem zweiten Sohn reute und er dann doch in den Weinberg ging.
3. Die Bedeutung heute
Was bedeutet dieses Gleichnis für uns heute?
Bereits einige Jahrzehnte nach Jesus Himmelfahrt, wurde es auf die Situation der Juden und Christen bezogen. Die Juden haben ihn abgelehnt (sind nicht in den Weinberg gegangen), die Christen haben ihn angenommen (sind in den Weinberg gegangen).
Auch wenn dies historisch betrachtet so zutrifft, ist es doch etwas eine Vergewaltigung des Textes. Im Gleichnis sind ja alle Juden. Und es geht hier ja um ein persönliches Umkehren und nicht um kollektives Verhalten.
Wichtig ist: Gottes Angebot gilt allen. Damals galt es den Zöllnern und den Prostituierten genauso wie den Schriftgelehrten und den Pharisäern. Jeder konnte umkehren.
Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1. Tim. 2,4 Rev. Elb.)
Auch heute gibt es bei ihm keinerlei Numerus Clausus.
Wenn wir Jesus einmal angenommen haben, dann haben wir diesen Schritt bereits in der Vergangenheit getan. Dann haben wir Buße getan. Dann haben wir unsere Erlösungsbedürftigkeit erkannt und unsere Rettung angenommen, haben Jesus Christus angenommen.
Bei mir ist das jetzt über 34 Jahre her. Es war ein radikaler Wechsel von einer Drogenherrschaft zu einer Jesusherrschaft.
Aber dann? Könnte es nicht sein, dass uns manchmal die Puste ausgeht im Weinberg? Oder sehen wir manchmal den Weinstock vor lauter Trauben nicht mehr?
Unser Ja zu Jesus ist ja kein jahrzehntelang durchgehender Ton in einem Atemzug, ohne dazwischen zum Atmen Luft zu holen.
Es bedarf neue, wiederholte Ja´s. Ein Leben das mit einem Ja begonnen hat, aber sich immer wieder mit vielen kleinen Ja´s ausdrückt.
Ein Lebensstil in der Nachfolge, im Hören auf Gott, ein Leben gestaltet nach der Ethik und den Werten des Reiches Gottes. Ein Lebensstil der Heiligung.
Heiligung: das war früher in unserer Jugend die zentrale Botschaft. Damals leider mit dem erhobenen Zeigefinger und in einer sehr gesetzlichen und destruktiven Art und Weise, die oft vieles kaputt gemacht hat und irgendwie - so hatte man den Eindruck - alles verboten hat, was irgendwie Spaß gemacht hat.
Der Text soll uns davor bewahren eine ähnliche Denke zu entwickeln, wie die Pharisäer, die sich darauf berufen haben Kinder Abrahams zu sein.
Gewiss, wir haben Ja gesagt, sind Kind unseres Vaters geworden und sind damit gerettet. Amen?!.
Wir sind einerseits Kinder Gottes. Das ist absolut wahr! Aber nicht um uns darauf etwas einzubilden (so wie die Pharisäer sich etwas darauf eingebildet haben Kinder Abrahams zu sein) und nicht um uns darauf auszuruhen.
Auch wenn bereits alles getan ist - durch Jesus Christus -, heißt es nicht, dass unsererseits nichts mehr getan werden darf.
Denn wir wollen ja unser Leben nach seinem Willen gestalten., aber in der Praxis des Alltags, leben wir dann doch wieder, das eine oder andere Nein, wenn es darum geht, unser Leben an seinen Maßstäben auszurichten und wir sind dann manchmal eher dem zweiten Sohn ähnlich, der ein Ja vortäuscht und dann doch einen Rückzieher macht..
Aber: auch nach Jahrzehnten der Nachfolge, basiert unsere Rechtfertigung immer noch und weiterhin und in Ewigkeit einzig auf dem Erlösungswerk am Kreuz durch Jesus Christus.
Und andererseits (und das klingt jetzt fast wie ein Widerspruch, aber das Leben als Christ findet nun einfach in verschiedenen Spannungszuständen statt), andererseits sollen wir auch nie aufhören das Kind-Gottes-Sein zu genießen.
Es gibt ja noch das andere, das bekanntere Gleichnis von den zwei anderen Brüdern. Vom verlorenen Sohn und dem älteren Bruder (Lk. 15, 11-32). Der ältere Bruder hat in diesem Gleichnis immer beim Vater gelebt und geschuftet, hat aber nie das was sein war auch in Anspruch genommen, hat nie gefeiert und es sich gut gehen lassen.
„Er aber sprach zu ihm: Kind, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, ist dein. (Lk. 15,31 Rev. Elb)“
Wir dürfen das! Wir dürfen einfach auch mal Sohn oder Tochter sein vor Gott. Einfach da sein. In-ihm-ruhen. Seine Gegenwart genießen. Seine Liebe empfangen. Auftanken.
Vor lauter Dienst, vor lauter Alltagsanforderungen und Alltagsstress kommt dies schnell mal zu kurz. Gott freut sich auf Euch, auf Dich, auf mich. Alles hat seine Zeit!
Wir dürfen im Bewusstsein seiner Gnade leben und dienen, arbeiten und ruhen, nehmen und geben.
AMEN.
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Sonntag, 29. Oktober 2017
Dienstag, 31. Januar 2017
Predigt von Norbert Wohlrab zum Beginn der Allianz-Gebetswoche 2017 (08.01.2017)
Christus allein - der einzige Weg
„Christus allein - der einzige Weg“ so lautet der Einstieg in die diesjährige Allianz-Gebetswoche.
Dieser Ausspruch „Christus allein“ „solus Christus“ ist ja jetzt kein Bibelzitat, sondern eine der vier Kernaussagen der reformatorischen Theologie, an denen wir uns in dieser Woche entlang beten wollen.
Und es gibt sehr viele Verse und Aussagen des NT, die man damit in Zusammenhang bringen kann und der erste Vers dazu, der einem da wohl sofort einfällt, ist auch genau derjenige aus dem Johannes-Evangelium, der für den heutigen Einstieg vorgegeben ist:
„Jesus spricht (zu ihm): Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh. 14,6 Luther 2017)
Eigentlich ist damit alles gesagt. Das ist ja so eindeutig und klar formuliert. Niemand, also keiner, kommt zum Vater als nur durch Jesus.
Da braucht man nicht groß drüber diskutieren oder um den heißen Brei herumreden. Da nützt auch keine Toleranz oder irgendwelche Diplomatie etwas. Das ist das Alleinstellungsmerkmal unseres christlichen Glaubens. Das ist das für uns entscheidende Kriterium, durch das sich unser Glauben von allen anderen religiösen Angeboten unterscheidet.
Nur in mir liegt der Weg zum Vater, sagt Jesus selbst. Das ist unser Ausschlusskriterium. Das ist der Punkt, wo Juden und Muslime ein Problem haben.
Denn für die einen ist Jesus nur ein Scharlatan, ein Spinner oder Teufel oder ein Fresser und Weinsäufer und für die anderen halt nur irgendein Prophet.
Das ist der Punkt, wo andere Versuche einen Weg zu Gott ohne Jesus zu finden, keine gemeinsame Basis mit unserem christlichen Glauben bekommen können. Ohne Jesus geht nichts. Nur er ist der Weg!
Daher sagt Jesus auch am Anfang dieses Abschnitts: „Lasst Euch nicht verwirren!“ Egal, was andere sagen. „Glaubt an Gott und glaubt an mich!“
„Ich bin der Weg!“ Jesus sagt nicht: „Ich kenn den Weg!“ oder „Ich zeige Euch den Weg!“ oder „Ich werde mal der Weg gewesen sein!“ Er sagt: „Ich selbst bin der Weg!“
Er sagt auch nicht: „Der Weg ist das Ziel!“ Wir kennen ja alle diese weise Aussage von Konfuzius. Und sicher, es gibt viele Bedingungen und Situationen, unter denen sie ihre Richtigkeit hat.
Wenn man z.B. mit Freunden spazieren oder wandern gehe, dann kommt es eigentlich in erster Linie nicht darauf an das Ziel zu erreichen, sondern dann ist die gemeinsame Zeit und das gemeinsame Erleben der Natur auf dem Weg und das Zusammensein viel wichtiger als das Ankommen. Eigentlich. Theoretisch. Für mich gehört dann schon immer der Gipfel auch dazu.
Ich bin ja so ein passionierter Flugverweigerer. Nicht aus irgendwelchen Gründen des Umweltschutzes, sondern ich mag´s einfach nicht. Bisher bin ich auch überall ohne Fliegen ganz gut hingekommen. Sogar nach Afrika. (An meiner ersten USA-Reise arbeite ich noch.) Aber innerhalb von Europa ist das ja sowieso kein Problem. Ich liebe es an die südlichsten Zipfel des Kontinents zu fahren. Sei es jetzt nach Gibraltar, auf die Peloponnes oder nach Apulien. Ich liebe es Tausende Kilometer mit dem Auto zu düsen und zu erleben wie sich die Landschaft, das Klima, die Kultur langsam verändert. Wenn der Asphalt kocht, die Luft flirrt, der Gestank nach Benzin usw. Einfach herrlich- Das gehört für mich einfach zum Urlaub dazu. Da ist der Weg für mich wichtig. Da ist der Weg für mich schon Urlaub. Aber das Ziel brauch ich dennoch auch noch dazu! Sonst haut es mit dem Entspannungseffekt des Urlaubs dann doch nicht so lange hin.
Und in unserem Leben ist es ja auch so. Wir brauchen Weg und Ziel. Das Leben besteht aus verschiedenen kleinen und großen Etappen, an denen wir reifen und lernen und wachsen. Schwierigkeiten und Erfolge, die uns formen und verändern, unsere Persönlichkeit gestalten. Ohne solch einen Weg würden wir ja einfach nur altern.
Und wenn wir jetzt zum Bibelvers zurück kommen, wenn Jesus also sagt, dass er der Weg ist, dann heißt es ja für uns, mit ihm und auf ihm und in ihm und durch ihn diesen Weg zu bestreiten. In ihm zu bleiben. Mit allen kleinen und großen Zielen und Herausforderungen des Weges, des Alltags.
Aber dann endet der Weg nicht einfach so mit dem Tod oder als endloser Rundweg, sondern es gibt ein Ziel: den Vater. Ich bin der Weg zum Vater. Und hier kann man die Erlösung darunter verstehen - nur durch Jesus gibt es Erlösung -, aber auch ganz lokal das verortete Ziel unseres Lebens: eine Wohnung beim Vater!
„Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wenn nicht, so hätte ich es euch gesagt. Ich gehe hin, um euch eine Stätte zu bereiten.“ (Joh. 14,2 Schlachter)
Das Ziel unseres Weges ist die Stätte, die Wohnung beim Vater. Darauf steuern wir hin. Und dahin gibt es nur den einen Weg: Jesus!
Ich möchte noch einen zweiten Aspekt von „Christus allein“ erwähnen.
„Jesus hat nur ein einziges Mal ein Opfer dargebracht, nämlich sich selbst, und dieses Opfer gilt für immer.“ (Hebr. 7,27b NGÜ)
Es war Jesus einmaliges Opfer, das uns für immer gilt. Christus allein - das immer gültige Opfer! Ich brauche nichts dazu tun, ich kann nichts dazu tun, ich darf nichts hinzufügen.
Eigentlich ist dies die Grundlage für eine entspannte und freudige Nachfolge. Er hat alles getan. Nur er - Christus allein! Und ich bin frei von allen Zwängen und Gesetzen und Müssen. Frei um aus der Gnade heraus jesusgemäß in Liebe zu leben.
„Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Mt. 11,7 Luther 2017)
sagt Jesus.
Nur leider hat es der Christenheit von Anfang an gefallen sich selbst und einander Lasten aufzulegen. Das ging los mit dem Judaismus und den Querelen um Beschneidung und Einhalten der Gebote des Alten Bundes über das dunkle Mittelalter und der Lebensverneinung des Pietismus bis hin zu geistlichem Missbrauch und sozialer Kontrolle in den Gemeinden der Gegenwart. Immer wieder hat das Gesetz neue Liebhaber gefunden.
Aber nichts davon brauchen wir. Weil Christus allein das allgültige Opfer gebracht hat.
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!…Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern. Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt (3. Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« (Gal. 1.13b.15 Luther 2017)
Wir Gemeinden müssen aufpassen, dass wir den freien Zugang zu Jesus nicht durch unnötige Lasten verbarrikadieren oder die Freude an der Nachfolge beschweren. Wenn Christsein in einem freien Land zur Last wird, weil vielleicht die Gemeinde mich so sehr vereinnahmt oder kontrolliert, dass ich nicht mehr frei atmen kann, dann läuft etwas falsch! Hier heißt es wachsam zu sein.
Und noch auf einen dritten und letzten Aspekt des Christus allein, möchte ich kurz eingehen.
Bei der Weihnachtsfeier in der Heilsarmee hat mein Chef bei seiner Ansprache den Satz von Blaise Pascal, einem französischen Mathematiker und christlichen Philosophen. zitiert: „Willst du Gott zum Lachen bringen, dann erzähl ihm von deinen Plänen.“ Im ersten Moment musste ich erstmal schlucken, aber dann musste ich doch schmunzeln. Denn, kennen wir das nicht alle?
Wir machen großartige Pläne und schmieden Visionen, im Privaten aber vor allem in der Gemeinde und vieles davon zerfällt im Nichts. Und auch von dem, was nicht zerfällt, ist noch lange nicht alles „Gold, Silber, Edelstein“ (1. Kor. 3,12).
Ich glaube heute mehr und mehr, dass viele unserer Gemeindeaufbaustrategien in diese Kategorie fallen. Damit meine ich nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen sollen, aber durchaus etwas entspannter sein können und uns selber nicht so wichtig zu nehmen brauchen und hin und wieder über uns selbst lachen sollten, denn die Gemeinde ist seine Gemeinde. Christus allein! Und Gott ist es, der das Gedeihen schenkt (1. Kor. 3,5).
Zurück zum Anfang: Jesus sagt, nur er ist der Weg zum Vater. Das ist radikal, exklusiv und intolerant. Aber es ist auch ein wunderbares Angebot. Das ist die gute Nachricht.
AMEN.
„Christus allein - der einzige Weg“ so lautet der Einstieg in die diesjährige Allianz-Gebetswoche.
Dieser Ausspruch „Christus allein“ „solus Christus“ ist ja jetzt kein Bibelzitat, sondern eine der vier Kernaussagen der reformatorischen Theologie, an denen wir uns in dieser Woche entlang beten wollen.
Und es gibt sehr viele Verse und Aussagen des NT, die man damit in Zusammenhang bringen kann und der erste Vers dazu, der einem da wohl sofort einfällt, ist auch genau derjenige aus dem Johannes-Evangelium, der für den heutigen Einstieg vorgegeben ist:
„Jesus spricht (zu ihm): Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh. 14,6 Luther 2017)
Eigentlich ist damit alles gesagt. Das ist ja so eindeutig und klar formuliert. Niemand, also keiner, kommt zum Vater als nur durch Jesus.
Da braucht man nicht groß drüber diskutieren oder um den heißen Brei herumreden. Da nützt auch keine Toleranz oder irgendwelche Diplomatie etwas. Das ist das Alleinstellungsmerkmal unseres christlichen Glaubens. Das ist das für uns entscheidende Kriterium, durch das sich unser Glauben von allen anderen religiösen Angeboten unterscheidet.
Nur in mir liegt der Weg zum Vater, sagt Jesus selbst. Das ist unser Ausschlusskriterium. Das ist der Punkt, wo Juden und Muslime ein Problem haben.
Denn für die einen ist Jesus nur ein Scharlatan, ein Spinner oder Teufel oder ein Fresser und Weinsäufer und für die anderen halt nur irgendein Prophet.
Das ist der Punkt, wo andere Versuche einen Weg zu Gott ohne Jesus zu finden, keine gemeinsame Basis mit unserem christlichen Glauben bekommen können. Ohne Jesus geht nichts. Nur er ist der Weg!
Daher sagt Jesus auch am Anfang dieses Abschnitts: „Lasst Euch nicht verwirren!“ Egal, was andere sagen. „Glaubt an Gott und glaubt an mich!“
„Ich bin der Weg!“ Jesus sagt nicht: „Ich kenn den Weg!“ oder „Ich zeige Euch den Weg!“ oder „Ich werde mal der Weg gewesen sein!“ Er sagt: „Ich selbst bin der Weg!“
Er sagt auch nicht: „Der Weg ist das Ziel!“ Wir kennen ja alle diese weise Aussage von Konfuzius. Und sicher, es gibt viele Bedingungen und Situationen, unter denen sie ihre Richtigkeit hat.
Wenn man z.B. mit Freunden spazieren oder wandern gehe, dann kommt es eigentlich in erster Linie nicht darauf an das Ziel zu erreichen, sondern dann ist die gemeinsame Zeit und das gemeinsame Erleben der Natur auf dem Weg und das Zusammensein viel wichtiger als das Ankommen. Eigentlich. Theoretisch. Für mich gehört dann schon immer der Gipfel auch dazu.
Ich bin ja so ein passionierter Flugverweigerer. Nicht aus irgendwelchen Gründen des Umweltschutzes, sondern ich mag´s einfach nicht. Bisher bin ich auch überall ohne Fliegen ganz gut hingekommen. Sogar nach Afrika. (An meiner ersten USA-Reise arbeite ich noch.) Aber innerhalb von Europa ist das ja sowieso kein Problem. Ich liebe es an die südlichsten Zipfel des Kontinents zu fahren. Sei es jetzt nach Gibraltar, auf die Peloponnes oder nach Apulien. Ich liebe es Tausende Kilometer mit dem Auto zu düsen und zu erleben wie sich die Landschaft, das Klima, die Kultur langsam verändert. Wenn der Asphalt kocht, die Luft flirrt, der Gestank nach Benzin usw. Einfach herrlich- Das gehört für mich einfach zum Urlaub dazu. Da ist der Weg für mich wichtig. Da ist der Weg für mich schon Urlaub. Aber das Ziel brauch ich dennoch auch noch dazu! Sonst haut es mit dem Entspannungseffekt des Urlaubs dann doch nicht so lange hin.
Und in unserem Leben ist es ja auch so. Wir brauchen Weg und Ziel. Das Leben besteht aus verschiedenen kleinen und großen Etappen, an denen wir reifen und lernen und wachsen. Schwierigkeiten und Erfolge, die uns formen und verändern, unsere Persönlichkeit gestalten. Ohne solch einen Weg würden wir ja einfach nur altern.
Und wenn wir jetzt zum Bibelvers zurück kommen, wenn Jesus also sagt, dass er der Weg ist, dann heißt es ja für uns, mit ihm und auf ihm und in ihm und durch ihn diesen Weg zu bestreiten. In ihm zu bleiben. Mit allen kleinen und großen Zielen und Herausforderungen des Weges, des Alltags.
Aber dann endet der Weg nicht einfach so mit dem Tod oder als endloser Rundweg, sondern es gibt ein Ziel: den Vater. Ich bin der Weg zum Vater. Und hier kann man die Erlösung darunter verstehen - nur durch Jesus gibt es Erlösung -, aber auch ganz lokal das verortete Ziel unseres Lebens: eine Wohnung beim Vater!
„Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wenn nicht, so hätte ich es euch gesagt. Ich gehe hin, um euch eine Stätte zu bereiten.“ (Joh. 14,2 Schlachter)
Das Ziel unseres Weges ist die Stätte, die Wohnung beim Vater. Darauf steuern wir hin. Und dahin gibt es nur den einen Weg: Jesus!
Ich möchte noch einen zweiten Aspekt von „Christus allein“ erwähnen.
„Jesus hat nur ein einziges Mal ein Opfer dargebracht, nämlich sich selbst, und dieses Opfer gilt für immer.“ (Hebr. 7,27b NGÜ)
Es war Jesus einmaliges Opfer, das uns für immer gilt. Christus allein - das immer gültige Opfer! Ich brauche nichts dazu tun, ich kann nichts dazu tun, ich darf nichts hinzufügen.
Eigentlich ist dies die Grundlage für eine entspannte und freudige Nachfolge. Er hat alles getan. Nur er - Christus allein! Und ich bin frei von allen Zwängen und Gesetzen und Müssen. Frei um aus der Gnade heraus jesusgemäß in Liebe zu leben.
„Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Mt. 11,7 Luther 2017)
sagt Jesus.
Nur leider hat es der Christenheit von Anfang an gefallen sich selbst und einander Lasten aufzulegen. Das ging los mit dem Judaismus und den Querelen um Beschneidung und Einhalten der Gebote des Alten Bundes über das dunkle Mittelalter und der Lebensverneinung des Pietismus bis hin zu geistlichem Missbrauch und sozialer Kontrolle in den Gemeinden der Gegenwart. Immer wieder hat das Gesetz neue Liebhaber gefunden.
Aber nichts davon brauchen wir. Weil Christus allein das allgültige Opfer gebracht hat.
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!…Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern. Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt (3. Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« (Gal. 1.13b.15 Luther 2017)
Wir Gemeinden müssen aufpassen, dass wir den freien Zugang zu Jesus nicht durch unnötige Lasten verbarrikadieren oder die Freude an der Nachfolge beschweren. Wenn Christsein in einem freien Land zur Last wird, weil vielleicht die Gemeinde mich so sehr vereinnahmt oder kontrolliert, dass ich nicht mehr frei atmen kann, dann läuft etwas falsch! Hier heißt es wachsam zu sein.
Und noch auf einen dritten und letzten Aspekt des Christus allein, möchte ich kurz eingehen.
Bei der Weihnachtsfeier in der Heilsarmee hat mein Chef bei seiner Ansprache den Satz von Blaise Pascal, einem französischen Mathematiker und christlichen Philosophen. zitiert: „Willst du Gott zum Lachen bringen, dann erzähl ihm von deinen Plänen.“ Im ersten Moment musste ich erstmal schlucken, aber dann musste ich doch schmunzeln. Denn, kennen wir das nicht alle?
Wir machen großartige Pläne und schmieden Visionen, im Privaten aber vor allem in der Gemeinde und vieles davon zerfällt im Nichts. Und auch von dem, was nicht zerfällt, ist noch lange nicht alles „Gold, Silber, Edelstein“ (1. Kor. 3,12).
Ich glaube heute mehr und mehr, dass viele unserer Gemeindeaufbaustrategien in diese Kategorie fallen. Damit meine ich nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen sollen, aber durchaus etwas entspannter sein können und uns selber nicht so wichtig zu nehmen brauchen und hin und wieder über uns selbst lachen sollten, denn die Gemeinde ist seine Gemeinde. Christus allein! Und Gott ist es, der das Gedeihen schenkt (1. Kor. 3,5).
Zurück zum Anfang: Jesus sagt, nur er ist der Weg zum Vater. Das ist radikal, exklusiv und intolerant. Aber es ist auch ein wunderbares Angebot. Das ist die gute Nachricht.
AMEN.
Sonntag, 24. Januar 2016
Predigt von Norbert Wohlrab (24.01.16)
Gedanken zur Jahreslosung 2016
1. Begriffsklärungen
Die Jahreslosung für 2016 lautet:
Gott spricht: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jes 66,13a Luther)
Trösten wie eine Mutter tröstet?!
Vor einigen Wochen gab es einen Spiegel (52/15) mit dem provokanten Titel: „Sind Väter die besseren Mütter?“ Weil ich das insgeheim schon immer vermutet hatte, habe ich ihn mir natürlich gleich gekauft. In dem sehr interessanten Artikel vergleicht die Entwicklungs-psychologin Liselotte Ahnert - völlig wertneutral - das unterschiedliche Erziehungsverhalten von Vätern und Müttern bei Kleinkindern. Und sie stellt dabei u.a. fest, dass Väter und Mütter in Frustrationssituationen ganz anders reagieren:
Mütter reagieren viel schneller auf die Unpässlichkeiten der Kinder, versuchen negative Emotionen umgehend auszubalancieren und trösten mit körperlicher Nähe und Zuneigung.
Väter reagieren dagegen deutlich gelassener und sie benutzen eine Umlenkungstaktik („Reframing“), um den Kind zu ermöglichen die frustrierende Situation anders zu bewerten und sich einer neuen Situation zuzuwenden und so die Emotionen selber regulieren zu können. (Nebenbei bemerkt ein deutlicher Unterschied wurde auch in Väter-Kind und Mutter-Kind-Krabbelgruppen deutlich: bei den Vätern war es ganz ruhig und entspannt.)
Väter trösten also anders als Mütter. Mütter trösten durch mehr körperliche Nähe. Vielleicht einfach auf Grund der einzigartigen physischen Beziehung die eine Mutter und ihr Kind in der Schwangerschaft miteinander haben. Sie waren ja monatelang eine körperliche Einheit, hatten denselben Blutkreislauf, das gleiche Essen, haben einander stets gespürt , sie waren immer am selben Ort, ganz ohne eigenes Zutun. Die Mutter war immer da. Das Kind war immer dabei.
Beim Stillen wird diese Nähe dann auch noch weiter fortgesetzt. Dadurch hat vermutlich der Trost der Mutter eine ganz andere emotionale Tiefe als der des Vaters. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Das ist wie ein Heim-kommen in völlige Geborgenheit. Gott gebraucht dieses Bild um ein Maximum an Geborgenheit auszudrücken.
Könnt Ihr Euch erinnern wie Ihr von Euren Müttern getröstet wurdet? Oder Ihr Mütter: Wie habt Ihr Eure Kinder getröstet?
Trotzdem ist es jetzt erstmal ungewöhnlich für unser theologisches Gottesbild, dass Gott sich hier als Mutter darstellt. Dieser Vers stammt ja nicht aus einer Bibel in gerechter Sprache, sondern aus einer ganz normalen Lutherübersetzung. Wird Gott uns nicht in der Bibel von Anfang an als unser Vater, also als Mann dargestellt?!
Nun, zum einen muss man sagen, dass Gott hier ja nicht sagt, dass er die Mutter ist, sondern wie eine Mutter tröstet. Aber er gebraucht tatsächlich ein weibliches Bild, wie auch an einigen anderen Stellen in der Bibel. Zwei Beispiele dafür:
„Den Felsen, der dich gezeugt, täuschtest du und vergaßest den Gott, der dich geboren.“ (5. Mose 32,18 Rev. Elb.)
Gott stellt sich hier also als gebärende Frau dar.
„Vergisst etwa eine Frau ihren Säugling, dass sie sich nicht erbarmt über den Sohn ihres Leibes? Sollten selbst diese vergessen, ich werde dich niemals vergessen.“
(Jes. 49,15 Rev. Elb.)
Hier vergleicht er sich mit einer stillenden Mutter.
Das hebr. Wort für Trost (nchm) ist übrigens verwandt mit dem Wort für Barmherzigkeit/Erbarmen/Mitgefühl (rachamim) und dieses wiederum kommt vom Wort für Mutterschoß/Gebärmutter (rachäm). Also auch hier wird wieder die weibliche Seite deutlich.
Also, wie sollen wir uns Gott vorstellen? Als Vater, als Mutter, als Wolke wie die Schichina im Tempel, als Feuer- oder Wolkensäule wie bei Mose? Müssen wir uns Gott überhaupt vorstellen?
Gott sagt über sich selbst:
„Denn Gott bin ich und nicht ein Mensch, in deiner Mitte der Heilige“ (Hos. 11.9b Rev. Elb.)
Und er spricht bei der Schöpfung des Menschen:
„Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich! …Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.“ (1. Mose 1, 26.a.27 Rev. Elb.)
Gott ist kein Mensch wie wir, er ist kein geschlechtlicher Mensch, er ist nicht Mann oder Frau. Mann und Frau zusammen sind ihm nur ähnlich. Ich männlich, du weiblich, Gott göttlich.
Wir sind in unserer christlichen Sozialisation etwas einseitig geprägt, weil wir alle im 20. Jahrhundert geboren sind und mit speziellen Bibelübersetzungen aufgewachsen sind. Bereits ein paar Jahrhunderte vor Christus begannen nämlich die Juden den Gottesnamen JHWH zu tabuisieren und in den Abschriften der Tora die Buchstaben von „Adonai“ (Herr) einzufügen um eine missbräuchliche Verwendung des Gottesnamens zu vermeiden.
Genauso wurde in vielen deutschen Bibelübersetzungen verfahren (z.B. bei Martin Luther). Auch bei ihm wurde aus:
„Und Gott redete zu Mose und sprach zu ihm: Ich bin Jahwe. Ich bin Abraham, Isaak und Jakob erschienen als Gott, der Allmächtige; aber mit meinem Namen Jahwe habe ich mich ihnen nicht zu erkennen gegeben. (2. Mose 6, 2.3 Rev. Elb)
Bei Luther hieß es dann:
„Und Gott redete mit Mose und sprach zu ihm: Ich bin der HERR und bin erschienen Abraham, Isaak und Jakob als der allmächtige Gott, aber mit meinem Namen »HERR« habe ich mich ihnen nicht offenbart."
Und in der wortgetreuen Elberfelderübersetzung wurde bei der Revision die falsche Übertragung „Jehova“ , die durch eine Fehlinterpretation des in den Gottesnamen eingefügte Herr entstanden ist, ebenfalls an den meisten Stellen durch Herr ersetzt. D.h. der an sich geschlechtsneutrale Name Gottes wurde durch das männliche Herr ersetzt. Dadurch haben wir eine viel stärkere maskuline Vorstellung in unserem Gottesbild entwickelt, wie eigentlich im ursprünglichen Text vorhanden ist.
Trotzdem hat uns Jesus Gott als Vater - und damit doch maskulin - offenbart. Gott als unser nahbarer Vater ist ja eine der zentralen Offenbarungen des Neuen Bundes. Denn im AT war Gott - bis auf ganz wenige Bibelstellen (z.B. Jes. 66,13)- als Vater nicht bekannt. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass die Assoziation einer geschlechtlich-natürlichen Verbindung und Abstammung zwischen Gott und dem Menschen - wie sie bei den umliegenden Völkern vorherrschend war - unter allen Umständen vermieden werden sollte.
Aber die zentrale Bedeutung der Vateroffenbarung Gottes durch Jesus ist ja nicht die Maskulinität Gottes, sondern die Nähe Gottes. Gott als persönliches Gegenüber. Und in dieser Beziehung ist Gott uns als Gegenüber wie Vater und wie Mutter.
2. Jesaja 66
Doch gehen wir noch einmal zur Jahreslosung zurück. Der Vers steht beim Propheten Jesaja. Jesaja ist wie Tolstoi und Dostojewski zusammen. Schwere Kost.
Das Buch Jesaja besteht aus zwei bis drei Abschnitten. In der Theologie spricht man sogar von drei Verfasser bzw. Verfassergruppen, vom Deutero- und Tritojesaja. Und es enthält neben den aktuellen Ermahnungen Gottes für das Volk Israel sehr, sehr viel Prophetie. Und diese prophetischen Äußerungen beziehen sich nicht nur auf die Zeit vor und nach dem Exil, sondern auch auf das erste Kommen Jesu (denken wir bspw. an das Weihnachtsevangelium aus Jesaja), auf seinen Tod (der Gottesknecht), auf das zweite Kommen, auf die Endzeit, auf die Zeit des neuen Himmels und der neuen Erde….. Und es ist meist sehr schwierig zu erkennen welche Zeit jetzt gemeint ist und manches passt dann auch gleich mehrmals.
Lesen wir ein paar Verse des Kontextes der Jahreslosung:
„Hört das Wort des HERRN, die ihr zittert vor seinem Wort! Es sagen eure Brüder, die euch hassen, die euch verstoßen meines Namens wegen: Der HERR erweise sich herrlich, dass wir auf eure Freude sehen können! Aber sie werden zuschanden werden. Schall eines Getöses von der Stadt her! Schall aus dem Tempel! Schall vom HERRN, der Vergeltung übt an seinen Feinden! Ehe sie Wehen hatte, hat sie geboren; ehe Geburtsschmerzen sie ankamen, wurde sie von einem Knaben entbunden. Wer hat so etwas je gehört, wer hat dergleichen je gesehen? Wird ein Land an einem einzigen Tag zur Welt gebracht oder eine Nation mit einem Mal geboren? Denn Zion bekam Wehen und gebar auch schon seine Söhne. Sollte ich zum Durchbruch bringen und dann nicht gebären lassen?, spricht der HERR. Oder sollte ich gebären lassen und dabei den Schoß verschließen?, spricht dein Gott. Freut euch mit Jerusalem und jubelt über sie, alle, die ihr sie liebt! Jauchzt mit ihr in Freude, alle, die ihr über sie getrauert habt! Damit ihr saugt und euch sättigt an der Brust ihrer Tröstungen, damit ihr schlürft und euch labt an der Fülle ihrer Herrlichkeit. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich wende ihr Frieden zu wie einen Strom und die Herrlichkeit der Nationen wie einen überflutenden Bach. Und ihr werdet saugen. Auf den Armen werdet ihr getragen und auf den Knien geliebkost werden. Wie einen, den seine Mutter tröstet, so will ich euch trösten. An Jerusalem sollt ihr getröstet werden. Ihr werdet es sehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Gebeine werden sprossen wie das junge Gras. Und die Hand des HERRN wird sich an seinen Knechten zeigen, aber seine Feinde wird er bedrohen.“ (Jes. 66, 5-14 Rev. Elb.)
Im Zusammenhang wird deutlich, dies ist eine Prophetie für die Rückkehr nach Israel aus der assyrischen Gefangenschaft….nein, für die Gründung des Staates Israel 1948….oder doch vielmehr für das Leben des Volk Israels im neuen Friedensreich, denn ein paar Verse weiter vorne heißt es ja:
„Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und an das Frühere wird man nicht mehr denken, und es wird nicht mehr in den Sinn kommen.“ (Jes. 65,17 Rev. Elb.)
Oder vielleicht für alles zusammen. Biblische Prophetie ist nicht einfach. Ihr kennt ja sicherlich das Bild vom Blick von einem Gipfel zu den anderen Gipfeln. Der Prophet sieht einen Bergkamm in der Ferne und erkennt nicht, dass es verschiedene Gipfel sind, die auch noch durch Täler voneinander getrennt sind.
Aber eines machen doch diese prophetischen Bilder und die verschiedenen Möglichkeiten der Auslegung dieser Bibelstelle deutlich: eigentlich geht es hier eindeutig um Israel. Um den Trost, den sie durch die Rückkehr nach Jerusalem erfahren. Das Erleben der Rückkehr in das geliebte Jerusalem ist wie der Trost einer Mutter. Und das heißt für Israel ja auch die Rückkehr in die Gegenwart Gottes, denn wo der Tempel war, da war Gott.
Es geht hier erstmal nicht um uns Christen, es geht hier erstmal nicht um den Trost, den wir in verschiedenen Lebenssituationen vielleicht benötigen, sondern es geht um Trost für Israel durch das Heimkommen in die Gegenwart Gottes.
3. Trost für uns
Ja, hat dies jetzt alles überhaupt keine Bedeutung für uns? Und warum dann diese Jahreslosung?
Nun, ich weiß nicht nach welchen Kriterien die von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Bibeltexte aus ihrem Zusammenhang reißen. Für meinen persönlichen Umgang mit der Bibel ist es schon etwas grenzwertig. Zumindest ein Hinweis auf den Textzusammenhang wäre hilfreich.
Aber das Wesen Gottes, dass sich in dieser Bibelstelle offenbart, das ist natürlich allgemeingültig. Und natürlich kann Gott darüberhinaus auch durch jeden Vers persönlich zu einer Person sprechen.
Also, Gott als ein Gott des Trostes. Das hat natürlich Bedeutung für die Christenheit und für uns persönlich.
Und zwar in mehrfacher Hinsicht:
Erstens: Der Trost für Israel ist ein Trost durch die Veränderung des Blickwinkels. Durch das Schauen auf die Zukunft. Auf das kommende Friedensreich (Jes. 55, 17-24). Ein Leben im Schalom. Im Wohlstand und Gesundheit. Kein vergebliches Mühen, kein früher Tod. Ein hohes Alter wie das Alter der Bäume. Keine Säuglingssterblichkeit. Kein Leid, kein Geschrei. Nichts Böses geschieht. Gottes Nähe. Wolf und Lamm, Löwe und Rind weiden zusammen usw. Dieses Bild einer wunderbaren Zukunft ist nicht nur ein Trost für Israel, es ist natürlich auch ein Trost für uns. Auch wir haben Teil am 1000jährigen Friedensreich. Auch wenn es der Menschheit global betrachtet noch nie so gut ging wie gegenwärtig: die geringste Armut, die höchste Bildung, die wenigsten Kriegstoten im Vergleich zu allen vorherigen Jahrhunderten, gibt es doch trotzdem noch viel Leid, von dem wir weg auf diese Zukunftsvision schauen können.
„Wenn keine Offenbarung da ist, verwildert ein Volk; aber wohl ihm, wenn es das Gesetz beachtet!“ (Spr. 29,18 Rev. Elb.)
Wir brauchen immer wieder auch den väterlichen Trost (vgl. Kap. 1), die Offenbarung der Zukunft, die uns hilft unsere Blickrichtung zu verändern vom Jetzt auf das Kommende. Denn das Beste kommt noch!
Zweitens: Jesus bietet seinen Trost an. Sein Leben und Wirken ist den Leidenden, den Kranken, den Gebundenen, den Bedrückten, den Verlorenen zugerichtet. Er sieht die Not und greift ein. Und er spricht uns zu:
„Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben.“ (Mt. 11,28 Rev. Elb.)
Dieser Vers ist gerade an die gerichtet, die seelisch am Boden sind, weil sie erleben den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Damals waren es wohl in erster Linie religiöse Anforderungen, religiöser Druck, das Gesetz mit seinen Überlieferungen. Heute ist es gesellschaftlicher Druck, im Arbeitsleben, aber auch religiöser Druck. Wieviele werden von der Gemeinde verheizt? Oder wieviele bringen sich selber unter Verdammnis, weil sie den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden?
Als ich Gott während meiner Sabbatzeit fragte, ob etwas zwischen mir und ihm steht, hatte ich während eines Gottesdienstes die Erkenntnis: „Es steht nichts zwischen Gott und mir. Nur ich steh zwischen mir und mir.“ Es sind die eigenen Anforderungen an die eigene Person, die uns oft blockieren und unter Druck setzen. Für die Aufräumarbeiten zwischen Gott und uns hat Jesus bereits gesorgt.
Ich hatte Ende letzten Jahres so den Eindruck - da kannte ich die Jahreslosung noch nicht - 2016 könnte ein Jahr sein, wo wir speziell den verwundeten Seelen dienen. Vielleicht wird Gott Euch mit so Menschen in Kontakt bringen. Dann ladet sie einfach mal ein privat oder in den Hauskreis oder …einfach in unsere Gemeinschaft. Die tut oft schon alleine gut. Ich hatte auf jeden Fall seitdem schon einen Kontakt in dieser Richtung. Wir können dadurch für andere zum Trost werden. So wie Barnabas (= Sohn des Trostes, Apg. 4,36).
Und drittens ist es für uns von Bedeutung, weil Jesus unser Trost so wichtig ist, dass er uns den Heiligen Geist geschickt hat. Johannes bezeichnet ihn als den Tröster.
„Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Joh. 14,26 Rev. Elb.)
Aber das ist ein eigenes Thema, dass ich hier jetzt nicht mehr aufgreifen möchte. Übrigens das hebr. Wort für Geist „ruach“ ist wieder weiblich.
Im Trost Gottes erfahren wir zugleich väterlichen und mütterlichen Trost. Wir erfahren die Nähe Gottes und die Veränderung des Blickwinkels, im Schauen auf die Zukunft. Gott gibt uns beides.
„Nahe ist der HERR denen, die zerbrochenen Herzens sind.“ (Ps. 34,19a Rev. Elb.)
Das deutsche Wort für Trost ist abgeleitet von dem althochdeutschen Wort „Tröst“ und bedeutet so viel wie treu und innerliche Festigkeit. Darum geht es letztlich, dass wir neu innerliche Stärke, Zuversicht und Festigkeit bekommen.
Deshalb ist es Paulus und den anderen Schreibern im NT auch so wichtig, dass wir uns immer wieder gegenseitig ermahnen, ermutigen, ermuntern, aufbauen, stärken, Gemeinschaft haben usw. (1. Kor. 14,3, Kol. 3,16, Phil. 2,1, 1. Thes. 5,11, Hebr. 3,13 etc.)
Auch das gemeinsame Feiern des Abendmahls soll dazu dienen.
Schließen möchte ich mit einem Vers, der speziell für uns gilt:
„Es gibt über euch so viel Gutes zu berichten: Ihr ermutigt euch als Christen gegenseitig und seid zu liebevollem Trost bereit. Man spürt bei euch etwas von der Gemeinschaft, die der Geist Gottes bewirkt, und herzliche, mitfühlende Liebe verbindet euch.“ (Phil. 2,1 HfA)
AMEN.
1. Begriffsklärungen
Die Jahreslosung für 2016 lautet:
Gott spricht: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jes 66,13a Luther)
Trösten wie eine Mutter tröstet?!
Vor einigen Wochen gab es einen Spiegel (52/15) mit dem provokanten Titel: „Sind Väter die besseren Mütter?“ Weil ich das insgeheim schon immer vermutet hatte, habe ich ihn mir natürlich gleich gekauft. In dem sehr interessanten Artikel vergleicht die Entwicklungs-psychologin Liselotte Ahnert - völlig wertneutral - das unterschiedliche Erziehungsverhalten von Vätern und Müttern bei Kleinkindern. Und sie stellt dabei u.a. fest, dass Väter und Mütter in Frustrationssituationen ganz anders reagieren:
Mütter reagieren viel schneller auf die Unpässlichkeiten der Kinder, versuchen negative Emotionen umgehend auszubalancieren und trösten mit körperlicher Nähe und Zuneigung.
Väter reagieren dagegen deutlich gelassener und sie benutzen eine Umlenkungstaktik („Reframing“), um den Kind zu ermöglichen die frustrierende Situation anders zu bewerten und sich einer neuen Situation zuzuwenden und so die Emotionen selber regulieren zu können. (Nebenbei bemerkt ein deutlicher Unterschied wurde auch in Väter-Kind und Mutter-Kind-Krabbelgruppen deutlich: bei den Vätern war es ganz ruhig und entspannt.)
Väter trösten also anders als Mütter. Mütter trösten durch mehr körperliche Nähe. Vielleicht einfach auf Grund der einzigartigen physischen Beziehung die eine Mutter und ihr Kind in der Schwangerschaft miteinander haben. Sie waren ja monatelang eine körperliche Einheit, hatten denselben Blutkreislauf, das gleiche Essen, haben einander stets gespürt , sie waren immer am selben Ort, ganz ohne eigenes Zutun. Die Mutter war immer da. Das Kind war immer dabei.
Beim Stillen wird diese Nähe dann auch noch weiter fortgesetzt. Dadurch hat vermutlich der Trost der Mutter eine ganz andere emotionale Tiefe als der des Vaters. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Das ist wie ein Heim-kommen in völlige Geborgenheit. Gott gebraucht dieses Bild um ein Maximum an Geborgenheit auszudrücken.
Könnt Ihr Euch erinnern wie Ihr von Euren Müttern getröstet wurdet? Oder Ihr Mütter: Wie habt Ihr Eure Kinder getröstet?
Trotzdem ist es jetzt erstmal ungewöhnlich für unser theologisches Gottesbild, dass Gott sich hier als Mutter darstellt. Dieser Vers stammt ja nicht aus einer Bibel in gerechter Sprache, sondern aus einer ganz normalen Lutherübersetzung. Wird Gott uns nicht in der Bibel von Anfang an als unser Vater, also als Mann dargestellt?!
Nun, zum einen muss man sagen, dass Gott hier ja nicht sagt, dass er die Mutter ist, sondern wie eine Mutter tröstet. Aber er gebraucht tatsächlich ein weibliches Bild, wie auch an einigen anderen Stellen in der Bibel. Zwei Beispiele dafür:
„Den Felsen, der dich gezeugt, täuschtest du und vergaßest den Gott, der dich geboren.“ (5. Mose 32,18 Rev. Elb.)
Gott stellt sich hier also als gebärende Frau dar.
„Vergisst etwa eine Frau ihren Säugling, dass sie sich nicht erbarmt über den Sohn ihres Leibes? Sollten selbst diese vergessen, ich werde dich niemals vergessen.“
(Jes. 49,15 Rev. Elb.)
Hier vergleicht er sich mit einer stillenden Mutter.
Das hebr. Wort für Trost (nchm) ist übrigens verwandt mit dem Wort für Barmherzigkeit/Erbarmen/Mitgefühl (rachamim) und dieses wiederum kommt vom Wort für Mutterschoß/Gebärmutter (rachäm). Also auch hier wird wieder die weibliche Seite deutlich.
Also, wie sollen wir uns Gott vorstellen? Als Vater, als Mutter, als Wolke wie die Schichina im Tempel, als Feuer- oder Wolkensäule wie bei Mose? Müssen wir uns Gott überhaupt vorstellen?
Gott sagt über sich selbst:
„Denn Gott bin ich und nicht ein Mensch, in deiner Mitte der Heilige“ (Hos. 11.9b Rev. Elb.)
Und er spricht bei der Schöpfung des Menschen:
„Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich! …Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.“ (1. Mose 1, 26.a.27 Rev. Elb.)
Gott ist kein Mensch wie wir, er ist kein geschlechtlicher Mensch, er ist nicht Mann oder Frau. Mann und Frau zusammen sind ihm nur ähnlich. Ich männlich, du weiblich, Gott göttlich.
Wir sind in unserer christlichen Sozialisation etwas einseitig geprägt, weil wir alle im 20. Jahrhundert geboren sind und mit speziellen Bibelübersetzungen aufgewachsen sind. Bereits ein paar Jahrhunderte vor Christus begannen nämlich die Juden den Gottesnamen JHWH zu tabuisieren und in den Abschriften der Tora die Buchstaben von „Adonai“ (Herr) einzufügen um eine missbräuchliche Verwendung des Gottesnamens zu vermeiden.
Genauso wurde in vielen deutschen Bibelübersetzungen verfahren (z.B. bei Martin Luther). Auch bei ihm wurde aus:
„Und Gott redete zu Mose und sprach zu ihm: Ich bin Jahwe. Ich bin Abraham, Isaak und Jakob erschienen als Gott, der Allmächtige; aber mit meinem Namen Jahwe habe ich mich ihnen nicht zu erkennen gegeben. (2. Mose 6, 2.3 Rev. Elb)
Bei Luther hieß es dann:
„Und Gott redete mit Mose und sprach zu ihm: Ich bin der HERR und bin erschienen Abraham, Isaak und Jakob als der allmächtige Gott, aber mit meinem Namen »HERR« habe ich mich ihnen nicht offenbart."
Und in der wortgetreuen Elberfelderübersetzung wurde bei der Revision die falsche Übertragung „Jehova“ , die durch eine Fehlinterpretation des in den Gottesnamen eingefügte Herr entstanden ist, ebenfalls an den meisten Stellen durch Herr ersetzt. D.h. der an sich geschlechtsneutrale Name Gottes wurde durch das männliche Herr ersetzt. Dadurch haben wir eine viel stärkere maskuline Vorstellung in unserem Gottesbild entwickelt, wie eigentlich im ursprünglichen Text vorhanden ist.
Trotzdem hat uns Jesus Gott als Vater - und damit doch maskulin - offenbart. Gott als unser nahbarer Vater ist ja eine der zentralen Offenbarungen des Neuen Bundes. Denn im AT war Gott - bis auf ganz wenige Bibelstellen (z.B. Jes. 66,13)- als Vater nicht bekannt. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass die Assoziation einer geschlechtlich-natürlichen Verbindung und Abstammung zwischen Gott und dem Menschen - wie sie bei den umliegenden Völkern vorherrschend war - unter allen Umständen vermieden werden sollte.
Aber die zentrale Bedeutung der Vateroffenbarung Gottes durch Jesus ist ja nicht die Maskulinität Gottes, sondern die Nähe Gottes. Gott als persönliches Gegenüber. Und in dieser Beziehung ist Gott uns als Gegenüber wie Vater und wie Mutter.
2. Jesaja 66
Doch gehen wir noch einmal zur Jahreslosung zurück. Der Vers steht beim Propheten Jesaja. Jesaja ist wie Tolstoi und Dostojewski zusammen. Schwere Kost.
Das Buch Jesaja besteht aus zwei bis drei Abschnitten. In der Theologie spricht man sogar von drei Verfasser bzw. Verfassergruppen, vom Deutero- und Tritojesaja. Und es enthält neben den aktuellen Ermahnungen Gottes für das Volk Israel sehr, sehr viel Prophetie. Und diese prophetischen Äußerungen beziehen sich nicht nur auf die Zeit vor und nach dem Exil, sondern auch auf das erste Kommen Jesu (denken wir bspw. an das Weihnachtsevangelium aus Jesaja), auf seinen Tod (der Gottesknecht), auf das zweite Kommen, auf die Endzeit, auf die Zeit des neuen Himmels und der neuen Erde….. Und es ist meist sehr schwierig zu erkennen welche Zeit jetzt gemeint ist und manches passt dann auch gleich mehrmals.
Lesen wir ein paar Verse des Kontextes der Jahreslosung:
„Hört das Wort des HERRN, die ihr zittert vor seinem Wort! Es sagen eure Brüder, die euch hassen, die euch verstoßen meines Namens wegen: Der HERR erweise sich herrlich, dass wir auf eure Freude sehen können! Aber sie werden zuschanden werden. Schall eines Getöses von der Stadt her! Schall aus dem Tempel! Schall vom HERRN, der Vergeltung übt an seinen Feinden! Ehe sie Wehen hatte, hat sie geboren; ehe Geburtsschmerzen sie ankamen, wurde sie von einem Knaben entbunden. Wer hat so etwas je gehört, wer hat dergleichen je gesehen? Wird ein Land an einem einzigen Tag zur Welt gebracht oder eine Nation mit einem Mal geboren? Denn Zion bekam Wehen und gebar auch schon seine Söhne. Sollte ich zum Durchbruch bringen und dann nicht gebären lassen?, spricht der HERR. Oder sollte ich gebären lassen und dabei den Schoß verschließen?, spricht dein Gott. Freut euch mit Jerusalem und jubelt über sie, alle, die ihr sie liebt! Jauchzt mit ihr in Freude, alle, die ihr über sie getrauert habt! Damit ihr saugt und euch sättigt an der Brust ihrer Tröstungen, damit ihr schlürft und euch labt an der Fülle ihrer Herrlichkeit. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich wende ihr Frieden zu wie einen Strom und die Herrlichkeit der Nationen wie einen überflutenden Bach. Und ihr werdet saugen. Auf den Armen werdet ihr getragen und auf den Knien geliebkost werden. Wie einen, den seine Mutter tröstet, so will ich euch trösten. An Jerusalem sollt ihr getröstet werden. Ihr werdet es sehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Gebeine werden sprossen wie das junge Gras. Und die Hand des HERRN wird sich an seinen Knechten zeigen, aber seine Feinde wird er bedrohen.“ (Jes. 66, 5-14 Rev. Elb.)
Im Zusammenhang wird deutlich, dies ist eine Prophetie für die Rückkehr nach Israel aus der assyrischen Gefangenschaft….nein, für die Gründung des Staates Israel 1948….oder doch vielmehr für das Leben des Volk Israels im neuen Friedensreich, denn ein paar Verse weiter vorne heißt es ja:
„Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und an das Frühere wird man nicht mehr denken, und es wird nicht mehr in den Sinn kommen.“ (Jes. 65,17 Rev. Elb.)
Oder vielleicht für alles zusammen. Biblische Prophetie ist nicht einfach. Ihr kennt ja sicherlich das Bild vom Blick von einem Gipfel zu den anderen Gipfeln. Der Prophet sieht einen Bergkamm in der Ferne und erkennt nicht, dass es verschiedene Gipfel sind, die auch noch durch Täler voneinander getrennt sind.
Aber eines machen doch diese prophetischen Bilder und die verschiedenen Möglichkeiten der Auslegung dieser Bibelstelle deutlich: eigentlich geht es hier eindeutig um Israel. Um den Trost, den sie durch die Rückkehr nach Jerusalem erfahren. Das Erleben der Rückkehr in das geliebte Jerusalem ist wie der Trost einer Mutter. Und das heißt für Israel ja auch die Rückkehr in die Gegenwart Gottes, denn wo der Tempel war, da war Gott.
Es geht hier erstmal nicht um uns Christen, es geht hier erstmal nicht um den Trost, den wir in verschiedenen Lebenssituationen vielleicht benötigen, sondern es geht um Trost für Israel durch das Heimkommen in die Gegenwart Gottes.
3. Trost für uns
Ja, hat dies jetzt alles überhaupt keine Bedeutung für uns? Und warum dann diese Jahreslosung?
Nun, ich weiß nicht nach welchen Kriterien die von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Bibeltexte aus ihrem Zusammenhang reißen. Für meinen persönlichen Umgang mit der Bibel ist es schon etwas grenzwertig. Zumindest ein Hinweis auf den Textzusammenhang wäre hilfreich.
Aber das Wesen Gottes, dass sich in dieser Bibelstelle offenbart, das ist natürlich allgemeingültig. Und natürlich kann Gott darüberhinaus auch durch jeden Vers persönlich zu einer Person sprechen.
Also, Gott als ein Gott des Trostes. Das hat natürlich Bedeutung für die Christenheit und für uns persönlich.
Und zwar in mehrfacher Hinsicht:
Erstens: Der Trost für Israel ist ein Trost durch die Veränderung des Blickwinkels. Durch das Schauen auf die Zukunft. Auf das kommende Friedensreich (Jes. 55, 17-24). Ein Leben im Schalom. Im Wohlstand und Gesundheit. Kein vergebliches Mühen, kein früher Tod. Ein hohes Alter wie das Alter der Bäume. Keine Säuglingssterblichkeit. Kein Leid, kein Geschrei. Nichts Böses geschieht. Gottes Nähe. Wolf und Lamm, Löwe und Rind weiden zusammen usw. Dieses Bild einer wunderbaren Zukunft ist nicht nur ein Trost für Israel, es ist natürlich auch ein Trost für uns. Auch wir haben Teil am 1000jährigen Friedensreich. Auch wenn es der Menschheit global betrachtet noch nie so gut ging wie gegenwärtig: die geringste Armut, die höchste Bildung, die wenigsten Kriegstoten im Vergleich zu allen vorherigen Jahrhunderten, gibt es doch trotzdem noch viel Leid, von dem wir weg auf diese Zukunftsvision schauen können.
„Wenn keine Offenbarung da ist, verwildert ein Volk; aber wohl ihm, wenn es das Gesetz beachtet!“ (Spr. 29,18 Rev. Elb.)
Wir brauchen immer wieder auch den väterlichen Trost (vgl. Kap. 1), die Offenbarung der Zukunft, die uns hilft unsere Blickrichtung zu verändern vom Jetzt auf das Kommende. Denn das Beste kommt noch!
Zweitens: Jesus bietet seinen Trost an. Sein Leben und Wirken ist den Leidenden, den Kranken, den Gebundenen, den Bedrückten, den Verlorenen zugerichtet. Er sieht die Not und greift ein. Und er spricht uns zu:
„Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben.“ (Mt. 11,28 Rev. Elb.)
Dieser Vers ist gerade an die gerichtet, die seelisch am Boden sind, weil sie erleben den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Damals waren es wohl in erster Linie religiöse Anforderungen, religiöser Druck, das Gesetz mit seinen Überlieferungen. Heute ist es gesellschaftlicher Druck, im Arbeitsleben, aber auch religiöser Druck. Wieviele werden von der Gemeinde verheizt? Oder wieviele bringen sich selber unter Verdammnis, weil sie den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden?
Als ich Gott während meiner Sabbatzeit fragte, ob etwas zwischen mir und ihm steht, hatte ich während eines Gottesdienstes die Erkenntnis: „Es steht nichts zwischen Gott und mir. Nur ich steh zwischen mir und mir.“ Es sind die eigenen Anforderungen an die eigene Person, die uns oft blockieren und unter Druck setzen. Für die Aufräumarbeiten zwischen Gott und uns hat Jesus bereits gesorgt.
Ich hatte Ende letzten Jahres so den Eindruck - da kannte ich die Jahreslosung noch nicht - 2016 könnte ein Jahr sein, wo wir speziell den verwundeten Seelen dienen. Vielleicht wird Gott Euch mit so Menschen in Kontakt bringen. Dann ladet sie einfach mal ein privat oder in den Hauskreis oder …einfach in unsere Gemeinschaft. Die tut oft schon alleine gut. Ich hatte auf jeden Fall seitdem schon einen Kontakt in dieser Richtung. Wir können dadurch für andere zum Trost werden. So wie Barnabas (= Sohn des Trostes, Apg. 4,36).
Und drittens ist es für uns von Bedeutung, weil Jesus unser Trost so wichtig ist, dass er uns den Heiligen Geist geschickt hat. Johannes bezeichnet ihn als den Tröster.
„Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Joh. 14,26 Rev. Elb.)
Aber das ist ein eigenes Thema, dass ich hier jetzt nicht mehr aufgreifen möchte. Übrigens das hebr. Wort für Geist „ruach“ ist wieder weiblich.
Im Trost Gottes erfahren wir zugleich väterlichen und mütterlichen Trost. Wir erfahren die Nähe Gottes und die Veränderung des Blickwinkels, im Schauen auf die Zukunft. Gott gibt uns beides.
„Nahe ist der HERR denen, die zerbrochenen Herzens sind.“ (Ps. 34,19a Rev. Elb.)
Das deutsche Wort für Trost ist abgeleitet von dem althochdeutschen Wort „Tröst“ und bedeutet so viel wie treu und innerliche Festigkeit. Darum geht es letztlich, dass wir neu innerliche Stärke, Zuversicht und Festigkeit bekommen.
Deshalb ist es Paulus und den anderen Schreibern im NT auch so wichtig, dass wir uns immer wieder gegenseitig ermahnen, ermutigen, ermuntern, aufbauen, stärken, Gemeinschaft haben usw. (1. Kor. 14,3, Kol. 3,16, Phil. 2,1, 1. Thes. 5,11, Hebr. 3,13 etc.)
Auch das gemeinsame Feiern des Abendmahls soll dazu dienen.
Schließen möchte ich mit einem Vers, der speziell für uns gilt:
„Es gibt über euch so viel Gutes zu berichten: Ihr ermutigt euch als Christen gegenseitig und seid zu liebevollem Trost bereit. Man spürt bei euch etwas von der Gemeinschaft, die der Geist Gottes bewirkt, und herzliche, mitfühlende Liebe verbindet euch.“ (Phil. 2,1 HfA)
AMEN.
Dienstag, 27. Januar 2015
Predigt von Norbert Wohlrab zum Beginn der Allianz-Gebetswoche 2015 (11.01.2015)
Der Vater
Heute beginnt also die Allianz-Gebetswoche 2015. Die einzelnen Abende hangeln sich dieses Jahr am „Vaterunser“ entlang und so bildet der Beginn des Gebets „Unser Vater im Himmel“ (bzw. „Vater unser im Himmel“) auch den thematischen Anfang der Gebetswoche. Heute geht es also um den „Vater“ und als Predigttext dazu wurden ein paar Verse aus Römer 8 ausgewählt (V. 14-17a) nach der Übersetzung Martin Luthers.
„Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi.“ (Röm. 8, 14-17a Luther)
Ich persönlich liebe ja den Römerbrief. Nicht dass ich behaupten könnte, wirklich alles zu verstehen, aber ich liebe den Tiefgang dieses Briefes. Und so könnte man wahrscheinlich über diese 3,5 Verse ohne weiteres eine Predigtreihe an 3-4 Sonntagen halten und hätte wahrscheinlich immer noch nicht alles gesagt, was man dazu sagen könnte. Meine Aufgabe ist es jetzt die Wahrheiten dieser Verse in 10-12 Minuten so komprimiert darzustellen, dass wir danach hoffentlich noch mehr Lust und noch mehr Interesse am Gebet haben, als vorher.
Fangen wir an: Luther übersetzt hier mit „die der Geist Gottes treibt“. In anderen Übersetzungen heißt es vielleicht zutreffender: die sich vom Geist Gottes leiten lassen, führen lassen, regieren lassen. Richtig ist alles, aber ich denke, Paulus meint hier nicht ein zwanghaftes getrieben werden oder Getriebensein, gegen das man sich nicht wehren kann, - das würde man wohl eher im Bereich der psychischen Erkrankungen einordnen oder zumindest eher im Bereich von unreifen Verhalten - sondern eher ein Reagieren auf die Impulse des Heiligen Geistes, die jedoch durchaus unterschiedlich stark sein können: vom sanften Flüstern bis zur schweren inneren Last.
Auch der Gegensatz zum vorherigen Vers 13, indem Paulus darüber schreibt, dass man sich nicht vom Fleisch bestimmen lassen soll, legt eher eine Bedeutung in die Richtung nahe: sich leiten lassen, sich führen lassen, sich regieren lassen.
Dann geht es weiter: „die sind Gottes Kinder“ und jetzt muss ich schon wieder mit Luther brechen, denn es heißt eigentlich „die sind Söhne Gottes“, wie es bspw. in der Elberfelder und Schlachter-Übersetzung zu lesen ist. Denn hier steht im grie. „hyioi“, das in erster Linie mit „Söhne“ übersetzt wird.
Und das ist schon was besonderes, denn wenn im NT vom Sohn die Rede ist, dann geht es eigentlich immer um Jesus Christus, den Sohn Gottes. Und hier werden die vom Geist Geleiteten, hier werden wir, als Söhne bezeichnet.
Warum bedeutet Sohn mehr als Kind? Sohn ist nicht einfach nur ein Kind, es geht hier auch nicht nur um die Abstammung, sondern Sohn meint den mündigen Nachkommen. Sohn beinhaltet den Stand, die Stellung, den Machtbereich. Sohn meint den rechtmäßigen Nachkommen bspw. auch im Gegensatz zu einem unehelichen Kind. Es wird im orientalischen Bereich auch durch den Zusatz des Namen des Vaters ausgedrückt: „Isaak, Sohn (ben) des Abrahams“ („Norbert, Sohn des Arthurs“, „Jesus, Sohn Gottes“).
Gleichzeitig beinhaltet das Wort aber auch die Beziehung zu den Eltern bzw. zum Vater. Dabei steht aber nicht das Geschlecht im Vordergrund. Die maskulinen Pluralformen sowohl im grie. als auch im hebr. können Söhne und Töchter beinhalten (bibelwissenschaft.de). Man könnte also sagen, auch ihr Frauen seid Söhne Gottes!
(Damit bin ich jetzt bestimmt in alle nur denkbaren Gender-Fallen getappt.)
Und jetzt legt Paulus die Begründung nach: weil wir keinen Geist der Knechtschaft, keinen Geist der Sklaverei, keinen knechtischen Geist empfangen haben, mit dem wir uns wieder oder abermals fürchten müssten.
Abermals! Wieder! D.h. früher mussten sie sich fürchten. Sie waren ja damit vertraut. Sie haben gewusst: mit diesem Gott ist nicht zu spaßen. Die jüdisch geprägte Gruppe in Rom war mit einem Gott vertraut, der die Einhaltung von 613 Gesetzen von ihnen forderte. Mit einem „Dienst des Todes, mit Buchstaben in Steine eingegraben“ (2. Kor. 3,7a), wie Paulus die Gebote Gottes im Korintherbrief bezeichnete. Sie haben gewusst, vor diesem Gott kann man nicht bestehen. Und jetzt sagt Paulus: Nein! Nicht wieder so, nicht wieder Furcht, „sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!“
Einen Geist der Sohnschaft! Der Begriff „hyiothesia“ lässt sich auch übersetzen mit Adoption oder Annahme als Sohn. Das ist unser Status. Von Gott angenommene Söhne! Mit allen Rechten! Die Reformation spricht hier von einem forensischen Begriff, d.h. damit ist unser juristischer Status gemeint, unabhängig von allem Fühlen und Erkennen.
Und dieser Status ermöglicht uns im Gebet zu Gott zu sagen „Abba, Vater“.
„Abba“, dieses kindliche Kosewort für Vater aus dem aramäischen Sprachgebrauch. In einem Kommentar steht, eigentlich ist es gar kein Wort, sondern eher einer der ersten Laute, die ein Kind von sich gibt, wenn es zu sprechen beginnt. Dieses „Abba“ passt jetzt irgendwie schlecht in die griechische und auch in unsere Sprache und so wird ihm gleich das verständliche „Vater“ hinzugestellt.
Aber egal, ob wir nun Abba, Papa, Vati, Daddy oder Vater sagen, das Entscheidende ist die Nähe zu unserem Vater im Himmel, die damit verbunden ist. Unsere Sohnschaft ermöglicht uns diese Nähe. Aus der Ferne wird eine Nähe. Nicht nur Jesus darf Gott seinen „Abba“ nennen, auch wir dürfen „Abba, Papa, Vater“ sagen.
Für Juden war die Anrede Gottes in Gemeindegebeten als „Unser Vater“ noch einigermaßen gebräuchlich. Aber „Abba“, diese vertraute und kindliche Nähe, war ihnen doch völlig fremd. Uns wird sie zugesprochen.
Erinnert Ihr Euch noch wie es war, als wir kleine Kinder waren?
Wie nanntet Ihr damals Euren Vater?
Gab es diese vertrauensvolle Nähe?
Welche Bilder, welche Erinnerungen, welche Gefühle kommen da hoch?
Für mich sind die schönsten und tiefsten Gefühle in der Kleinkindzeit angesiedelt. Zeiten des gemeinsamen Spielens. Zeiten ohne große Anforderungen. Man durfte einfach Kind sein bei seinem Vati. Zeiten voller Geborgenheit und Vertrauen.
Aber es ist gar nicht so einfach als Erwachsener in diese kindliche Haltung zurückzufinden. Oft stehen uns Erfahrungen, Kultur, unser Leben im Weg. Auch hat nicht jeder so eine vertrauensvolle Nähe zu seinem Vater erfahren dürfen. Manch Vater war abwesend, vielleicht gestorben oder überhaupt nie da oder nicht zur Nähe fähig. Manche Kulturen und Gesellschaften kennen diese Nähe auch gar nicht. Dort ist der Vater unnahbar. Ich weiß von holländischen Familien, dort muss der Vater sogar gesiezt werden.
Wenn man selbst nie so eine Nähe erlebt hat, kann man sich vielleicht an die Zeit erinnern, wo man selber als Mutter oder Vater seinen Kindern diese Nähe gegeben hat.
Es ist auf jeden Fall die Haltung, die wir gegenüber Gott haben dürfen und hier befinden wir uns wohl im Gegensatz zu wahrscheinlich allen anderen Religionen. Deren Götter sind unnahbar, willkürlich, man ist ihnen ausgeliefert und weiß nicht, ob man vor ihnen bestehen kann. Unser Vater sagt: „Mein Kind, Du hast schon bestanden!“
Dies bezeugt der Heilige Geist unserem Geist, schreibt Paulus weiter. Er bezeugt uns unsere Kindschaft.
Und der Textabschnitt des Tages schließt mit der Aussage: Und deshalb sind wir auch „Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi“. Und Erbe zu sein, bedeutet jetzt nicht, dass der Erblasser gestorben ist (wie es in unserem Sprachgebrauch üblich ist), sondern es bezeichnet die Teilhabe am Familienbesitz. Genauso, wie es der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn zum älteren Bruder gesagt hat: „Was mein ist, ist auch dein“ (Lk. 15,31).
Die Größe dieses Erbes können wir an Gott messen, aber die Gewissheit an Christus. So sicher wie Christus für unsere Rettung gestorben ist, so sicher sind wir auch Miterben.
„Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm. 8, 32 Luther)
schreibt Paulus ein paar Verse weiter.
Deshalb können wir in dieser Woche gemeinsam in Dankbarkeit und Freude bezeugen und anbeten: So ist unser Vater im Himmel!
AMEN.
Heute beginnt also die Allianz-Gebetswoche 2015. Die einzelnen Abende hangeln sich dieses Jahr am „Vaterunser“ entlang und so bildet der Beginn des Gebets „Unser Vater im Himmel“ (bzw. „Vater unser im Himmel“) auch den thematischen Anfang der Gebetswoche. Heute geht es also um den „Vater“ und als Predigttext dazu wurden ein paar Verse aus Römer 8 ausgewählt (V. 14-17a) nach der Übersetzung Martin Luthers.
„Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi.“ (Röm. 8, 14-17a Luther)
Ich persönlich liebe ja den Römerbrief. Nicht dass ich behaupten könnte, wirklich alles zu verstehen, aber ich liebe den Tiefgang dieses Briefes. Und so könnte man wahrscheinlich über diese 3,5 Verse ohne weiteres eine Predigtreihe an 3-4 Sonntagen halten und hätte wahrscheinlich immer noch nicht alles gesagt, was man dazu sagen könnte. Meine Aufgabe ist es jetzt die Wahrheiten dieser Verse in 10-12 Minuten so komprimiert darzustellen, dass wir danach hoffentlich noch mehr Lust und noch mehr Interesse am Gebet haben, als vorher.
Fangen wir an: Luther übersetzt hier mit „die der Geist Gottes treibt“. In anderen Übersetzungen heißt es vielleicht zutreffender: die sich vom Geist Gottes leiten lassen, führen lassen, regieren lassen. Richtig ist alles, aber ich denke, Paulus meint hier nicht ein zwanghaftes getrieben werden oder Getriebensein, gegen das man sich nicht wehren kann, - das würde man wohl eher im Bereich der psychischen Erkrankungen einordnen oder zumindest eher im Bereich von unreifen Verhalten - sondern eher ein Reagieren auf die Impulse des Heiligen Geistes, die jedoch durchaus unterschiedlich stark sein können: vom sanften Flüstern bis zur schweren inneren Last.
Auch der Gegensatz zum vorherigen Vers 13, indem Paulus darüber schreibt, dass man sich nicht vom Fleisch bestimmen lassen soll, legt eher eine Bedeutung in die Richtung nahe: sich leiten lassen, sich führen lassen, sich regieren lassen.
Dann geht es weiter: „die sind Gottes Kinder“ und jetzt muss ich schon wieder mit Luther brechen, denn es heißt eigentlich „die sind Söhne Gottes“, wie es bspw. in der Elberfelder und Schlachter-Übersetzung zu lesen ist. Denn hier steht im grie. „hyioi“, das in erster Linie mit „Söhne“ übersetzt wird.
Und das ist schon was besonderes, denn wenn im NT vom Sohn die Rede ist, dann geht es eigentlich immer um Jesus Christus, den Sohn Gottes. Und hier werden die vom Geist Geleiteten, hier werden wir, als Söhne bezeichnet.
Warum bedeutet Sohn mehr als Kind? Sohn ist nicht einfach nur ein Kind, es geht hier auch nicht nur um die Abstammung, sondern Sohn meint den mündigen Nachkommen. Sohn beinhaltet den Stand, die Stellung, den Machtbereich. Sohn meint den rechtmäßigen Nachkommen bspw. auch im Gegensatz zu einem unehelichen Kind. Es wird im orientalischen Bereich auch durch den Zusatz des Namen des Vaters ausgedrückt: „Isaak, Sohn (ben) des Abrahams“ („Norbert, Sohn des Arthurs“, „Jesus, Sohn Gottes“).
Gleichzeitig beinhaltet das Wort aber auch die Beziehung zu den Eltern bzw. zum Vater. Dabei steht aber nicht das Geschlecht im Vordergrund. Die maskulinen Pluralformen sowohl im grie. als auch im hebr. können Söhne und Töchter beinhalten (bibelwissenschaft.de). Man könnte also sagen, auch ihr Frauen seid Söhne Gottes!
(Damit bin ich jetzt bestimmt in alle nur denkbaren Gender-Fallen getappt.)
Und jetzt legt Paulus die Begründung nach: weil wir keinen Geist der Knechtschaft, keinen Geist der Sklaverei, keinen knechtischen Geist empfangen haben, mit dem wir uns wieder oder abermals fürchten müssten.
Abermals! Wieder! D.h. früher mussten sie sich fürchten. Sie waren ja damit vertraut. Sie haben gewusst: mit diesem Gott ist nicht zu spaßen. Die jüdisch geprägte Gruppe in Rom war mit einem Gott vertraut, der die Einhaltung von 613 Gesetzen von ihnen forderte. Mit einem „Dienst des Todes, mit Buchstaben in Steine eingegraben“ (2. Kor. 3,7a), wie Paulus die Gebote Gottes im Korintherbrief bezeichnete. Sie haben gewusst, vor diesem Gott kann man nicht bestehen. Und jetzt sagt Paulus: Nein! Nicht wieder so, nicht wieder Furcht, „sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!“
Einen Geist der Sohnschaft! Der Begriff „hyiothesia“ lässt sich auch übersetzen mit Adoption oder Annahme als Sohn. Das ist unser Status. Von Gott angenommene Söhne! Mit allen Rechten! Die Reformation spricht hier von einem forensischen Begriff, d.h. damit ist unser juristischer Status gemeint, unabhängig von allem Fühlen und Erkennen.
Und dieser Status ermöglicht uns im Gebet zu Gott zu sagen „Abba, Vater“.
„Abba“, dieses kindliche Kosewort für Vater aus dem aramäischen Sprachgebrauch. In einem Kommentar steht, eigentlich ist es gar kein Wort, sondern eher einer der ersten Laute, die ein Kind von sich gibt, wenn es zu sprechen beginnt. Dieses „Abba“ passt jetzt irgendwie schlecht in die griechische und auch in unsere Sprache und so wird ihm gleich das verständliche „Vater“ hinzugestellt.
Aber egal, ob wir nun Abba, Papa, Vati, Daddy oder Vater sagen, das Entscheidende ist die Nähe zu unserem Vater im Himmel, die damit verbunden ist. Unsere Sohnschaft ermöglicht uns diese Nähe. Aus der Ferne wird eine Nähe. Nicht nur Jesus darf Gott seinen „Abba“ nennen, auch wir dürfen „Abba, Papa, Vater“ sagen.
Für Juden war die Anrede Gottes in Gemeindegebeten als „Unser Vater“ noch einigermaßen gebräuchlich. Aber „Abba“, diese vertraute und kindliche Nähe, war ihnen doch völlig fremd. Uns wird sie zugesprochen.
Erinnert Ihr Euch noch wie es war, als wir kleine Kinder waren?
Wie nanntet Ihr damals Euren Vater?
Gab es diese vertrauensvolle Nähe?
Welche Bilder, welche Erinnerungen, welche Gefühle kommen da hoch?
Für mich sind die schönsten und tiefsten Gefühle in der Kleinkindzeit angesiedelt. Zeiten des gemeinsamen Spielens. Zeiten ohne große Anforderungen. Man durfte einfach Kind sein bei seinem Vati. Zeiten voller Geborgenheit und Vertrauen.
Aber es ist gar nicht so einfach als Erwachsener in diese kindliche Haltung zurückzufinden. Oft stehen uns Erfahrungen, Kultur, unser Leben im Weg. Auch hat nicht jeder so eine vertrauensvolle Nähe zu seinem Vater erfahren dürfen. Manch Vater war abwesend, vielleicht gestorben oder überhaupt nie da oder nicht zur Nähe fähig. Manche Kulturen und Gesellschaften kennen diese Nähe auch gar nicht. Dort ist der Vater unnahbar. Ich weiß von holländischen Familien, dort muss der Vater sogar gesiezt werden.
Wenn man selbst nie so eine Nähe erlebt hat, kann man sich vielleicht an die Zeit erinnern, wo man selber als Mutter oder Vater seinen Kindern diese Nähe gegeben hat.
Es ist auf jeden Fall die Haltung, die wir gegenüber Gott haben dürfen und hier befinden wir uns wohl im Gegensatz zu wahrscheinlich allen anderen Religionen. Deren Götter sind unnahbar, willkürlich, man ist ihnen ausgeliefert und weiß nicht, ob man vor ihnen bestehen kann. Unser Vater sagt: „Mein Kind, Du hast schon bestanden!“
Dies bezeugt der Heilige Geist unserem Geist, schreibt Paulus weiter. Er bezeugt uns unsere Kindschaft.
Und der Textabschnitt des Tages schließt mit der Aussage: Und deshalb sind wir auch „Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi“. Und Erbe zu sein, bedeutet jetzt nicht, dass der Erblasser gestorben ist (wie es in unserem Sprachgebrauch üblich ist), sondern es bezeichnet die Teilhabe am Familienbesitz. Genauso, wie es der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn zum älteren Bruder gesagt hat: „Was mein ist, ist auch dein“ (Lk. 15,31).
Die Größe dieses Erbes können wir an Gott messen, aber die Gewissheit an Christus. So sicher wie Christus für unsere Rettung gestorben ist, so sicher sind wir auch Miterben.
„Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm. 8, 32 Luther)
schreibt Paulus ein paar Verse weiter.
Deshalb können wir in dieser Woche gemeinsam in Dankbarkeit und Freude bezeugen und anbeten: So ist unser Vater im Himmel!
AMEN.
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Sonntag, 11. November 2012
Predigt von Norbert Wohlrab (11.11.12)
Das Gleichnis von der dreifachen Tür und vom guten Hirten (Joh. 10, 1-18)
1. Einleitung
Ich möchte zu Euch heute über ein Gleichnis sprechen, dass wir alle kennen: ich nenne es mal das Gleichnis von der dreifachen Tür. Ihr kennt es ganz bestimmt, nur vielleicht nicht unter diesem Namen. Bevor wir es aber zusammen lesen, möchte ich kurz auf den Kontext eingehen, in dem Jesus dieses Gleichnis erzählt.
Es ist die Zeit des Laubhüttenfests. Jesus ist in Jerusalem und lehrt. Hierbei kommt es zu einer Reihe von Konflikten und Auseinandersetzungen mit den Pharisäern und Schriftgelehrten (z.B. bei der Ehebrecherin, die gesteinigt werden sollte und der Heilung des Blindgeborenen). Dabei überführt Jesus seine Kritiker ihrer falschen Frömmigkeit. Er deckt auf, wo sie das Gesetz in ihrem eigenen Interesse beugen und zeigt, wo die Traditionen der Mischna (Auslegungen zum Gesetz des Mose und weiterführende Gesetze) sich von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes entfernt hatten. Als Folge dieser Konflikte wird Jesus von ihnen abgelehnt. Sie treffen Aussagen, wie: „Du hast einen Dämon.“ (V. 49) und versuchen ihn zu töten (V. 59).
Jesus trifft dann Aussagen über sie wie: „Ihr kennt weder mich noch meinen Vater; wenn ihr mich gekannt hättet, so würdet ihr auch meinen Vater gekannt haben“ (Joh. 8,19 Rev. Elb.), „Ihr sucht mich zu töten, weil mein Wort nicht Raum in euch findet“ (V. 37b) oder „Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun.“ (V. 44a)
Gleichzeitig stellt Jesus ganz klar heraus, dass er der gesandte Messias ist: „ich bin nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat“ (V. 16b), „der Vater, der mich gesandt hat, zeugt von mir“ (V. 18b), „ich bin von dem, was oben ist“ (V. 23a), „Wenn ihr nicht glauben werdet, dass ich es bin, so werdet ihr in euren Sünden sterben“ (V. 24b), „mein Vater ist es...von dem ihr sagt: Er ist unser Gott.“ (V. 54) „Abraham, euer Vater, frohlockte, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich...Ehe Abraham war, bin ich.“ (V. 56.58b)
Zusätzlich zu seine Worten, tat er noch ein Wunder, dass nach der jüdischen Überlieferung nur der Messias tun konnte und noch nie geschehen ist in Israel (Joh. 9,32): er heilte einen Blindgeborenen (und dann auch noch am Sabbat und mit Brei, was nach der Mischna strengstens verboten war.)
Obwohl Jesus also klare Worte sprach und entsprechende Werke tat, wurde er von ihnen abgelehnt. In diesen Zusammenhang spricht er nun das Gleichnis von den drei Türen, uns eher bekannt als Gleichnis vom guten Hirten, wobei der Hirte eigentlich in diesem Gleichnis nur ein Teilaspekt ist. Ich möchte es jetzt Vers für Vers mit Euch lesen (Joh. 10 Rev. Elb.).
2. Das Gleichnis von den drei Türen
Jesus beginnt mit:
„1 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:“
Wenn Jesus so beginnt, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Es ist wie ein Schwur, wie eine Tatsachenbekundung, die von Ewigkeit zu Ewigkeit gilt.
„Wer nicht durch die Tür in den Hof der Schafe hineingeht, sondern anderswo hinübersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.“
Hier müssen wir wissen, dass die Schafe nachts in eine Art Hof geführt wurden. In eine sog. Schafhürde. Dies war ein ummauerter Weideplatz, in dem sie nachts geschützt sein sollten. Zu diesen Weideplatz gab es einen Eingang, der mit einem Gatter oder einer Tür versehen war.
Wenn jmd. unlautere Absichten hatte, z.B. Schafe stehlen wollte, der musste über die Mauer in diese Hürde einsteigen. Der Hirte dagegen kommt durch die Tür.
„2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist Hirte der Schafe.“
Hier haben wir jetzt die erste Tür. Durch diese Tür kommt Jesus zu seinen Schafen.
Sie wird als die Tür der Schriften bezeichnet. Viele Schriftstellen des Alten Testaments weisen auf Jesus hin: er ist der Nachkomme Davids, die verheißene Jungfrauengeburt, Bethlehem als Geburtsort usw.
Das ganze Volk Israel wartete auf den Messias. Es war fokussiert durch die verschiedenen Prophetien. Es richtete seinen Blick auf die Türöffnung und wartete auf den angekündigten Hirten über den es heißt:
„Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte, die Lämmer wird er in seinen Arm nehmen und in seinem Gewandbausch tragen, die säugenden Muttertiere wird er fürsorglich leiten.“ (Jes. 40, 11 Rev. Elb.)
Weil Jesus, der angekündigte Hirte ist, öffnet ihm der Türhüter.
„3 Diesem öffnet der Türhüter, und die Schafe hören seine Stimme, und er ruft die eigenen Schafe mit Namen und führt sie heraus.“
Wer ist nun der Türhüter? Ich denke Gott selbst ist der Türhüter. Er öffnet den Zugang zu seinen Schafen, zum Volk Israel nur für den von ihm gesandten Sohn und Retter.
Wie öffnet er die Tür? Ich denke, in dem er die alttestamentlichen Prophetien bestätigt und Jesus als den versprochenen Retter ankündigen lässt. Durch die Engel bei Maria und bei den Hirten, durch die Magier aus dem Osten, durch Simon im Tempel, durch Johannes dem Täufer, durch die Zusage bei der Taufe Jesus: „Du bist mein geliebter Sohn!“ So wird er angekündigt, so wird die Tür zum Volk Gottes geöffnet.
Nun tritt er ein und ruft seine Schafe mit Namen. „Simon und Andreas, kommt mir nach!“, „Matthäus, folge mir nach!“, „Zachäus, steig herab!“
In so einer Schafhürde waren nachts die Schafe von mehreren Herden untergebracht. Die Schafe haben sich natürlich dann im Laufe der Nacht munter gemischt. Absolutes Chaos. Aber die Schafe kennen die Stimme ihres Hirten und so können die Hirten jeden Morgen ihre Schafe wieder separieren und aus der Hürde hinaus führen, so dass wieder Ordnung in das Durcheinander kommt und jedes Schaf wieder beim richtigen Hirten landet.
Die Pharisäer und Schriftgelehrten waren zwar auch Schafe, weil sie zum Volk Israel gehörten, aber sie ließen sich nicht von ihm herausrufen. (Sie gehörten bildlich gesprochen zu denn 99 Schafen in der Wüste, die nicht Buße taten, wie wir in einem anderen Gleichnis lesen können. Man kann das Gleichnis von dem verlorenen Schaf nämlich auch so interpretieren.)
Von Spurgeon wird berichtet, dass er alle 6000 Mitglieder seiner Gemeinde mit Namen kannte. Nur wenn neue Ehen geschlossen wurden, ist er manchmal durcheinander gekommen.
Jesus kennt jedes seiner Millionen Schafe mit Namen. Er rief Zachäus schon mit Namen, bevor dieser ihn persönlich kennen gelernt hat. Ja, Zachäus wusste selbst noch nicht mal, dass er in Kürze zur Gemeinde Gottes gehören wird.
D.h. er weiß nicht nur, wie wir heißen, er kennt uns durch und durch. Er kennt unsere Persönlichkeit, unsere Stärken und Schwächen, unser Wünsche und Träume, unsere Schrullen, unseren ganzen Charakter und unser bußfertiges Herz.
Das soll uns keine Angst machen, das ist keine Ermahnung, sondern wir können dadurch wissen, dass wir ihn grenzenlos vertrauen können.
„4 Wenn er die eigenen Schafe alle herausgebracht hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen.“
Das beschreibt hier zuerst mal den Prozess der Nachfolge, aber noch viel mehr.
Woraus führt er die Schafe eigentlich? Er führt sie heraus aus der Ummauerung des Gesetzes. Das Gesetz zeigt die Sünde auf. Es tötet (2. Kor. 3,6). Es bringt keine Freiheit. Hinzu kommen noch die Lasten der Mischna. Jesus wirft den Schriftgelehrten an anderer Stelle vor, dass sie dem Volk harte Lasten aufladen (Lk. 11,46). Seine Last dagegen ist leicht (Mt. 11,30). Er führt in die Freiheit:
„Die Wahrheit wird euch frei machen...Wenn nun der Sohn euch frei machen wird, so werdet ihr wirklich frei sein.“ (Joh. 8,32.36 Rev. Elb.)
Diese Freiheit konnte nur der Sohn Gottes erwirken. Kein Israelit konnte sie selbst erwirken. Kein Schaf konnte in Eigenregie durch das Tor die Hürde verlassen.
Gleichzeitig wendet er sich durch diesen Auszug von denen ab, die ihm nicht folgen wollen. Nicht nur von denen, die ihn angegriffen haben, sondern von der ganzen Umzäunung des Gesetzes. Der Weg der Gnade und der Weg des Gesetzes sind nicht kompatibel.
Hier wird die zweite Tür (oder die zweite Funktion der Tür) deutlich. Durch die erste Tür kam Jesus hinein, durch die zweite Tür führt er die heraus, die ihm nachfolgen wollen und auf seinen Ruf antworten. Es ist die Tür der Schafe (V. 7).
Dann geht der Hirte vor ihnen her. Schafe hüten im Orient erfolgt nach anderen Vorgehensweisen, als in Europa. Bei uns werden die Schafe meist durch den Hirtenhund getrieben, im Nahen Osten werden sie durch die Stimme des Hirten gelockt.
Hier zeigt sich, dass der Weg des Schafes ein Weg in der vertrauten Beziehung mit seinem Herrn ist. Es ist kein eigenmächtiger Weg, sondern ein Weg ihm nach.
John Stott erzählt, wie er einmal eine Reise in den Nahen Osten unternahm. Er saß mit einer Gruppe im Bus. Der arabische Touristenführer berichtete von den unterschiedlichen Führungsmethoden der Hirten im Westen und im Osten. Während er den Touristen wissen ließ, dass in seiner Gegend die Hirten ihrer Herde vorangehen und die Schafe seiner Stimme folgen, schaute ein Teilnehmer aus dem Busfenster und sah genau das Gegenteil. Er sah, wie ein Mann mit einem Stock in der Hand eine Schafherde vor sich hertrieb. Der Tourist meldete sich und wies auf die Situation auf der anderen Straßenseite hin. Der Touristenführer ließ den Bus anhalten und lief über die Straße, um den Mann mit dem Stock in der Hand zu befragen. Dann kam er mit einem Strahlen auf dem Gesicht zurück und sagte: „Das war nicht der Hirte. Das war der Schlachter!“ (aus Quelle: Gemeinde- und Missionswerk Arche e.V., Christian Wegert, „Ich bin der gute Hirte“, 04.12.11)
„5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen...
7 Jesus sprach nun wieder zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür der Schafe. 8 Alle, die vor mir gekommen sind, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe hörten nicht auf sie.“
In Großbritannien gibt es sportliche Wettbewerbe, bei denen man fremde Schafherden weiden muss. Die größte Herausforderung dabei ist es die fremden Schafe ohne Hilfsmittel erst einmal aus dem Pferch herauszubekommen.
Vor Jesus gab es mehrere falsche Propheten, die sich als Messias ausgegeben hatten. Aber sie hatten keinen Bestand. Auch die Pharisäer sind solche Diebe und Räuber. Ihr Interesse war es sich selbst zu weiden.
„Und das Wort des HERRN geschah zu mir so: Menschensohn, weissage über die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen, den Hirten: So spricht der Herr, HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Die Milch genießt ihr, und mit der Wolle kleidet ihr euch, das fette Vieh schlachtet ihr - die Herde weidet ihr nicht. Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt und das Kranke nicht geheilt und das Gebrochene nicht verbunden und das Versprengte nicht zurückgebracht und das Verlorene nicht gesucht, sondern mit Härte habt ihr über sie geherrscht und mit Gewalt.“ (Hes. 34, 1-4 Rev. Elb.)
Wir kommen jetzt zur dritten Tür: der Tür der Errettung!
„9 Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, so wird er gerettet werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.“
Jesus selbst ist diese Tür. Er ist die Tür der Errettung! Hier weitet sich das Bild nochmals. Waren es bei der Tür der Schafe, diejenigen, die er berufen hat und durch die Tür gingen, gilt dieses Angebot jetzt allen. Einem jeden der durch ihn eingeht! Jesus spricht hier von einem einmaligen Eingehen, einer einmaligen Handlung, dem einmaligen Eintreten in die Gemeinschaft der Schafe (Konjunktiv Aorist!).
Er ist der Weg! Er ist die Tür! Und nur er! Kein spirituelles Erlebnis hat irgendeine errettende Bedeutung, wenn es nicht Jesus-zentriert ist, wenn es nicht auf Jesus weist, man kann sagen, wenn man dabei nicht durch Jesus geht!
Vielleicht wird man die gegenwärtigen Jahrzehnte mal rückwirkend als die spirituell-esoterische Epoche bezeichnen. Und tatsächlich sind auch manche Menschen offen für Gott. Aber das Erleben von geistlichen Erfahrungen lässt sie noch keine Christus-Nachfolger werden. Sie müssen erst Jesus erkennen und durch ihn eingehen! Nur in ihm ist das Heil (Apg. 4,12).
Etwas schwer zu verstehen, ist hier „ein- und ausgehen und Weide finden.“ Ich vermute hier ein Bild für die christliche Freiheit und nicht für ein wechselhaftes zu-Gott-hinwenden und von-Gott-abwenden.
Die Juden waren eingesperrt, sie waren verwahrt im Gesetz. Sie hatten zwar Sicherheit, aber die eines Gefängnisses. Sie hatten keinen Zugang zu Gott, der Weg ins Allerheiligste war verwehrt.
„Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt, eingeschlossen auf den Glauben hin, der offenbart werden sollte.“ (Gal. 3,23 Rev. Elb.)
Nun war es möglich sich frei zu bewegen. Der Weg zum Vater wird möglich. Auch der Weg zu den Heiden wird später möglich.
Während im Alten Bund unter geistlicher Nahrung v.a. das Meditieren über dem Gesetz zu verstehen ist, ist nun Jesus selbst diese Nahrung. Er ist das Brot. Er gibt die Weide. In ihm wird das Wort Gottes lebendig, durch seine Gegenwart wird Kraft gespendet. Er versorgt auch mit Weideland in Ewigkeit, mit Wohnraum in Ewigkeit, mit ewigem Leben.
„10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu schlachten und zu verderben. Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Überfluss haben.“
Das Interesse der falschen Hirten habe ich vorhin bereits erwähnt. Jesus stellt jetzt hierzu im Gegensatz noch einmal dar, was er bringt: Leben! Erfülltes Leben, Leben im Überfluss, volle Genüge (Luther), in ganzer Fülle (NGÜ), alles reichlich dazu (Neue evangelistische Übersetzung).
Dies ist ein Vers, der gerne falsch verstanden und fehl interpretiert wird. Jesus redet hier nicht davon, dass uns ein Leben verheißen wird, in dem man alles bekommt, was man sich so wünscht. Nicht von einem Leben im Schlaraffenland, von einem Leben in Hülle und Fülle und auch nicht in Saus und Braus (so wie Gun´s´Roses es in einem moralisch eher zweifelhaften Rocksong postulieren „Take me down to the paradise city, where the grass is green and the girls are pretty“). Jesus redet hier nämlich nicht vom bios (vom körperlichen Leben) und nicht vom psychos (vom seelischen Leben), sondern von zoe (vom geistlichen Leben).
Dieses geistliche Leben, das er schenkt ist ein überfließendes Leben, denn es gibt Gnade ohne Ende, ohne Abwinken, all you can eat!
„Denn aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade.“ (Joh. 1,16 Rev. Elb.)
Die Fülle die darin steckt ist überfließende Gnade. Sie fließt vom Thron Gottes und fließt und fließt und fließt....und wenn wir schon gestorben sind, dann fließt sie immer noch weiter. Diese Gnade kannten sie nicht im Alten Bund, dieses Leben kannten sie nicht, dies wurde erst möglich durch den Tod Jesu.
Vielleicht kann man den Begriff auch noch weiter fassen. Jeder von uns, der den persönlichen Ruf Jesu in seinem Leben gehört hat, brauchte sich nie wieder Gedanken darüber machen, wo er her kommt und wo er hin geht. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist für alle Zeiten gestillt. Es gibt keine Suche mehr, die mich antreibt. Ich hab´s gefunden! Das Vakuum ist ausgefüllt, das Loch in meiner Seele gestopft. Zumindest in dieser existenziellen Fragestellung. Manch andere kleine Löcher haben wir schon noch, so wie in Socken manchmal unverständlicherweise Löcher auftreten.
Auch der Heilige Geist, der uns gegeben ist, würde in dieses Bild passen. Die Früchte des Geistes, die Früchte der Liebe, die aus uns heraus wachsen. Aber das würde heute den Rahmen dieser Predigt sprengen.
3. Das Bild vom guten Hirten
Jetzt endlich kommt der Vers, den wir doch alle so lieben, bei dem es uns wohl ums Herz wird.
„11 Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“
Der Beruf des Hirten war jetzt nicht wirklich ein Job, dem man großen Respekt zollte. Man wollte vielleicht auch nicht unbedingt mit Schafen vergleichen werden. Aber Gott wählte diese Bilder bereits im Alten Bund. Vielleicht weil sie so klar und unmissverständlich sind.
Jesus hat kein Problem sich mit diesem Berufsstand zu identifizieren. Er hatte nie ein Problem damit bei den Entrechteten und den am Rande stehenden Glieder der Gesellschaft zu sein.
Er lässt sein Leben, nicht aus Zwang, sondern aus freien Stücken. Nicht einfach so allgemein und universell, sondern für die Schafe. Für die Schafe, die er mit Namen kennt, ganz persönlich.
„12 Wer Lohnarbeiter und nicht Hirte ist, wer die Schafe nicht zu eigen hat, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht - und der Wolf raubt und zerstreut sie -,
13 weil er ein Lohnarbeiter ist und sich um die Schafe nicht kümmert.“
Hier wird das Problem aller Arbeitgeber beschrieben: der Lohnarbeiter hat nur eine begrenzte Motivation. Wenn es ans Leben geht, dann steckt er lieber zurück. Der Eigentümer der Herde dagegen kämpft für seine Schafe. Hier ist kein moralischer Unterton, sondern es wird einfach ein gegebener Sachverhalt beschrieben.
Der Wolf ist ein Bild für den Teufel. Er raubt einzelne Schafe und zerstreut die Herde.
Wie viel Zerstreuung in der heutigen Gemeindelandschaft ist doch durch das „Durcheinanderwirbeln“ des Wolfes entstanden? Nicht das ich meine es dürfte nur eine Gemeinde am Ort geben. Zur Zeit der Urchristen gab es z. T. auch mehrere Versammlungen am Ort, anders war es logistisch gar nicht möglich. Und nicht jeder wird sich in der Anonymität einer großen Gemeinde wohl fühlen. Aber manche Separation, die wir heute erleben, ist auf diese Weise entstanden.
„14 Ich bin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich,
15 wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne; und ich lasse mein Leben für die Schafe.“
Hier wird noch mal bestätigt, was ich bereits vermutet habe. Er kennt nicht nur unsere Namen, er kennt uns selbst. Nicht weil er uns bespitzelt, sondern weil er uns liebt, so wie eine Mutter ihr Kind liebt. Der Hirte kennt die Schafe von Anfang an und er begleitet sie bis zum Tod.
„16 Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hof sind; auch diese muss ich bringen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde, ein Hirte sein.“
Hier ist jetzt von den Heidenchristen die Rede. Auch sie, also auch wir, die wir nicht aus diesem Hof sind, die nicht zum Volk Israel gehören, dürfen zum Vater kommen. Und nun sind wir eine große Herde: Heidenchristen und Judenchristen.
„17 Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, um es wiederzunehmen.
18 Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen.“
Jesus hat sein Leben gegeben. Er ist nicht an den Folgen der Kreuzigung gestorben, sondern er hat es aus freien Stücken Gott hingegeben. Und er hat es selbst wieder genommen, da er über den Tod gesiegt hat.
Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis. Das erfüllte Leben, das Jesus uns verheißt ist nur möglich durch das Leben, das er gibt. Er gibt ewiges Leben und niemand geht verloren in Ewigkeit (V. 28).
4. Abschluss
Diese Worte Jesu, diese Auseinandersetzung mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, dieses Gleichnis, sein Tod am Kreuz sind ja jetzt schon an die 2000 Jahre her. Und auch wenn wir nicht so alt sind, haben wir doch etliche Jahrzehnte des Lebens im Glauben an Jesus hinter uns. Und so ist manches einfach selbstverständlich geworden: die Gnade Gottes, das Leben das er gibt. Und mit den Jahren hat sich dann so manche Patina oder mancher Rost angesetzt. Bei Dekorationsartikeln hat dies ja oft einen besonderen Charme, aber im Prozess der Nachfolge ist es nicht unbedingt zweckmäßig, wenn der Eifer, die Freude, die Hingabe auf der langen Wegstrecke verloren geht.
Mein Gebet für mich persönlich und für uns als Gemeinschaft ist es, dass wir immer wieder neu überwältigt werden von einer Begeisterung für unseren Hirten.
AMEN.
1. Einleitung
Ich möchte zu Euch heute über ein Gleichnis sprechen, dass wir alle kennen: ich nenne es mal das Gleichnis von der dreifachen Tür. Ihr kennt es ganz bestimmt, nur vielleicht nicht unter diesem Namen. Bevor wir es aber zusammen lesen, möchte ich kurz auf den Kontext eingehen, in dem Jesus dieses Gleichnis erzählt.
Es ist die Zeit des Laubhüttenfests. Jesus ist in Jerusalem und lehrt. Hierbei kommt es zu einer Reihe von Konflikten und Auseinandersetzungen mit den Pharisäern und Schriftgelehrten (z.B. bei der Ehebrecherin, die gesteinigt werden sollte und der Heilung des Blindgeborenen). Dabei überführt Jesus seine Kritiker ihrer falschen Frömmigkeit. Er deckt auf, wo sie das Gesetz in ihrem eigenen Interesse beugen und zeigt, wo die Traditionen der Mischna (Auslegungen zum Gesetz des Mose und weiterführende Gesetze) sich von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes entfernt hatten. Als Folge dieser Konflikte wird Jesus von ihnen abgelehnt. Sie treffen Aussagen, wie: „Du hast einen Dämon.“ (V. 49) und versuchen ihn zu töten (V. 59).
Jesus trifft dann Aussagen über sie wie: „Ihr kennt weder mich noch meinen Vater; wenn ihr mich gekannt hättet, so würdet ihr auch meinen Vater gekannt haben“ (Joh. 8,19 Rev. Elb.), „Ihr sucht mich zu töten, weil mein Wort nicht Raum in euch findet“ (V. 37b) oder „Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun.“ (V. 44a)
Gleichzeitig stellt Jesus ganz klar heraus, dass er der gesandte Messias ist: „ich bin nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat“ (V. 16b), „der Vater, der mich gesandt hat, zeugt von mir“ (V. 18b), „ich bin von dem, was oben ist“ (V. 23a), „Wenn ihr nicht glauben werdet, dass ich es bin, so werdet ihr in euren Sünden sterben“ (V. 24b), „mein Vater ist es...von dem ihr sagt: Er ist unser Gott.“ (V. 54) „Abraham, euer Vater, frohlockte, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich...Ehe Abraham war, bin ich.“ (V. 56.58b)
Zusätzlich zu seine Worten, tat er noch ein Wunder, dass nach der jüdischen Überlieferung nur der Messias tun konnte und noch nie geschehen ist in Israel (Joh. 9,32): er heilte einen Blindgeborenen (und dann auch noch am Sabbat und mit Brei, was nach der Mischna strengstens verboten war.)
Obwohl Jesus also klare Worte sprach und entsprechende Werke tat, wurde er von ihnen abgelehnt. In diesen Zusammenhang spricht er nun das Gleichnis von den drei Türen, uns eher bekannt als Gleichnis vom guten Hirten, wobei der Hirte eigentlich in diesem Gleichnis nur ein Teilaspekt ist. Ich möchte es jetzt Vers für Vers mit Euch lesen (Joh. 10 Rev. Elb.).
2. Das Gleichnis von den drei Türen
Jesus beginnt mit:
„1 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:“
Wenn Jesus so beginnt, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Es ist wie ein Schwur, wie eine Tatsachenbekundung, die von Ewigkeit zu Ewigkeit gilt.
„Wer nicht durch die Tür in den Hof der Schafe hineingeht, sondern anderswo hinübersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.“
Hier müssen wir wissen, dass die Schafe nachts in eine Art Hof geführt wurden. In eine sog. Schafhürde. Dies war ein ummauerter Weideplatz, in dem sie nachts geschützt sein sollten. Zu diesen Weideplatz gab es einen Eingang, der mit einem Gatter oder einer Tür versehen war.
Wenn jmd. unlautere Absichten hatte, z.B. Schafe stehlen wollte, der musste über die Mauer in diese Hürde einsteigen. Der Hirte dagegen kommt durch die Tür.
„2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist Hirte der Schafe.“
Hier haben wir jetzt die erste Tür. Durch diese Tür kommt Jesus zu seinen Schafen.
Sie wird als die Tür der Schriften bezeichnet. Viele Schriftstellen des Alten Testaments weisen auf Jesus hin: er ist der Nachkomme Davids, die verheißene Jungfrauengeburt, Bethlehem als Geburtsort usw.
Das ganze Volk Israel wartete auf den Messias. Es war fokussiert durch die verschiedenen Prophetien. Es richtete seinen Blick auf die Türöffnung und wartete auf den angekündigten Hirten über den es heißt:
„Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte, die Lämmer wird er in seinen Arm nehmen und in seinem Gewandbausch tragen, die säugenden Muttertiere wird er fürsorglich leiten.“ (Jes. 40, 11 Rev. Elb.)
Weil Jesus, der angekündigte Hirte ist, öffnet ihm der Türhüter.
„3 Diesem öffnet der Türhüter, und die Schafe hören seine Stimme, und er ruft die eigenen Schafe mit Namen und führt sie heraus.“
Wer ist nun der Türhüter? Ich denke Gott selbst ist der Türhüter. Er öffnet den Zugang zu seinen Schafen, zum Volk Israel nur für den von ihm gesandten Sohn und Retter.
Wie öffnet er die Tür? Ich denke, in dem er die alttestamentlichen Prophetien bestätigt und Jesus als den versprochenen Retter ankündigen lässt. Durch die Engel bei Maria und bei den Hirten, durch die Magier aus dem Osten, durch Simon im Tempel, durch Johannes dem Täufer, durch die Zusage bei der Taufe Jesus: „Du bist mein geliebter Sohn!“ So wird er angekündigt, so wird die Tür zum Volk Gottes geöffnet.
Nun tritt er ein und ruft seine Schafe mit Namen. „Simon und Andreas, kommt mir nach!“, „Matthäus, folge mir nach!“, „Zachäus, steig herab!“
In so einer Schafhürde waren nachts die Schafe von mehreren Herden untergebracht. Die Schafe haben sich natürlich dann im Laufe der Nacht munter gemischt. Absolutes Chaos. Aber die Schafe kennen die Stimme ihres Hirten und so können die Hirten jeden Morgen ihre Schafe wieder separieren und aus der Hürde hinaus führen, so dass wieder Ordnung in das Durcheinander kommt und jedes Schaf wieder beim richtigen Hirten landet.
Die Pharisäer und Schriftgelehrten waren zwar auch Schafe, weil sie zum Volk Israel gehörten, aber sie ließen sich nicht von ihm herausrufen. (Sie gehörten bildlich gesprochen zu denn 99 Schafen in der Wüste, die nicht Buße taten, wie wir in einem anderen Gleichnis lesen können. Man kann das Gleichnis von dem verlorenen Schaf nämlich auch so interpretieren.)
Von Spurgeon wird berichtet, dass er alle 6000 Mitglieder seiner Gemeinde mit Namen kannte. Nur wenn neue Ehen geschlossen wurden, ist er manchmal durcheinander gekommen.
Jesus kennt jedes seiner Millionen Schafe mit Namen. Er rief Zachäus schon mit Namen, bevor dieser ihn persönlich kennen gelernt hat. Ja, Zachäus wusste selbst noch nicht mal, dass er in Kürze zur Gemeinde Gottes gehören wird.
D.h. er weiß nicht nur, wie wir heißen, er kennt uns durch und durch. Er kennt unsere Persönlichkeit, unsere Stärken und Schwächen, unser Wünsche und Träume, unsere Schrullen, unseren ganzen Charakter und unser bußfertiges Herz.
Das soll uns keine Angst machen, das ist keine Ermahnung, sondern wir können dadurch wissen, dass wir ihn grenzenlos vertrauen können.
„4 Wenn er die eigenen Schafe alle herausgebracht hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen.“
Das beschreibt hier zuerst mal den Prozess der Nachfolge, aber noch viel mehr.
Woraus führt er die Schafe eigentlich? Er führt sie heraus aus der Ummauerung des Gesetzes. Das Gesetz zeigt die Sünde auf. Es tötet (2. Kor. 3,6). Es bringt keine Freiheit. Hinzu kommen noch die Lasten der Mischna. Jesus wirft den Schriftgelehrten an anderer Stelle vor, dass sie dem Volk harte Lasten aufladen (Lk. 11,46). Seine Last dagegen ist leicht (Mt. 11,30). Er führt in die Freiheit:
„Die Wahrheit wird euch frei machen...Wenn nun der Sohn euch frei machen wird, so werdet ihr wirklich frei sein.“ (Joh. 8,32.36 Rev. Elb.)
Diese Freiheit konnte nur der Sohn Gottes erwirken. Kein Israelit konnte sie selbst erwirken. Kein Schaf konnte in Eigenregie durch das Tor die Hürde verlassen.
Gleichzeitig wendet er sich durch diesen Auszug von denen ab, die ihm nicht folgen wollen. Nicht nur von denen, die ihn angegriffen haben, sondern von der ganzen Umzäunung des Gesetzes. Der Weg der Gnade und der Weg des Gesetzes sind nicht kompatibel.
Hier wird die zweite Tür (oder die zweite Funktion der Tür) deutlich. Durch die erste Tür kam Jesus hinein, durch die zweite Tür führt er die heraus, die ihm nachfolgen wollen und auf seinen Ruf antworten. Es ist die Tür der Schafe (V. 7).
Dann geht der Hirte vor ihnen her. Schafe hüten im Orient erfolgt nach anderen Vorgehensweisen, als in Europa. Bei uns werden die Schafe meist durch den Hirtenhund getrieben, im Nahen Osten werden sie durch die Stimme des Hirten gelockt.
Hier zeigt sich, dass der Weg des Schafes ein Weg in der vertrauten Beziehung mit seinem Herrn ist. Es ist kein eigenmächtiger Weg, sondern ein Weg ihm nach.
John Stott erzählt, wie er einmal eine Reise in den Nahen Osten unternahm. Er saß mit einer Gruppe im Bus. Der arabische Touristenführer berichtete von den unterschiedlichen Führungsmethoden der Hirten im Westen und im Osten. Während er den Touristen wissen ließ, dass in seiner Gegend die Hirten ihrer Herde vorangehen und die Schafe seiner Stimme folgen, schaute ein Teilnehmer aus dem Busfenster und sah genau das Gegenteil. Er sah, wie ein Mann mit einem Stock in der Hand eine Schafherde vor sich hertrieb. Der Tourist meldete sich und wies auf die Situation auf der anderen Straßenseite hin. Der Touristenführer ließ den Bus anhalten und lief über die Straße, um den Mann mit dem Stock in der Hand zu befragen. Dann kam er mit einem Strahlen auf dem Gesicht zurück und sagte: „Das war nicht der Hirte. Das war der Schlachter!“ (aus Quelle: Gemeinde- und Missionswerk Arche e.V., Christian Wegert, „Ich bin der gute Hirte“, 04.12.11)
„5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen...
7 Jesus sprach nun wieder zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür der Schafe. 8 Alle, die vor mir gekommen sind, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe hörten nicht auf sie.“
In Großbritannien gibt es sportliche Wettbewerbe, bei denen man fremde Schafherden weiden muss. Die größte Herausforderung dabei ist es die fremden Schafe ohne Hilfsmittel erst einmal aus dem Pferch herauszubekommen.
Vor Jesus gab es mehrere falsche Propheten, die sich als Messias ausgegeben hatten. Aber sie hatten keinen Bestand. Auch die Pharisäer sind solche Diebe und Räuber. Ihr Interesse war es sich selbst zu weiden.
„Und das Wort des HERRN geschah zu mir so: Menschensohn, weissage über die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen, den Hirten: So spricht der Herr, HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Die Milch genießt ihr, und mit der Wolle kleidet ihr euch, das fette Vieh schlachtet ihr - die Herde weidet ihr nicht. Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt und das Kranke nicht geheilt und das Gebrochene nicht verbunden und das Versprengte nicht zurückgebracht und das Verlorene nicht gesucht, sondern mit Härte habt ihr über sie geherrscht und mit Gewalt.“ (Hes. 34, 1-4 Rev. Elb.)
Wir kommen jetzt zur dritten Tür: der Tür der Errettung!
„9 Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, so wird er gerettet werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.“
Jesus selbst ist diese Tür. Er ist die Tür der Errettung! Hier weitet sich das Bild nochmals. Waren es bei der Tür der Schafe, diejenigen, die er berufen hat und durch die Tür gingen, gilt dieses Angebot jetzt allen. Einem jeden der durch ihn eingeht! Jesus spricht hier von einem einmaligen Eingehen, einer einmaligen Handlung, dem einmaligen Eintreten in die Gemeinschaft der Schafe (Konjunktiv Aorist!).
Er ist der Weg! Er ist die Tür! Und nur er! Kein spirituelles Erlebnis hat irgendeine errettende Bedeutung, wenn es nicht Jesus-zentriert ist, wenn es nicht auf Jesus weist, man kann sagen, wenn man dabei nicht durch Jesus geht!
Vielleicht wird man die gegenwärtigen Jahrzehnte mal rückwirkend als die spirituell-esoterische Epoche bezeichnen. Und tatsächlich sind auch manche Menschen offen für Gott. Aber das Erleben von geistlichen Erfahrungen lässt sie noch keine Christus-Nachfolger werden. Sie müssen erst Jesus erkennen und durch ihn eingehen! Nur in ihm ist das Heil (Apg. 4,12).
Etwas schwer zu verstehen, ist hier „ein- und ausgehen und Weide finden.“ Ich vermute hier ein Bild für die christliche Freiheit und nicht für ein wechselhaftes zu-Gott-hinwenden und von-Gott-abwenden.
Die Juden waren eingesperrt, sie waren verwahrt im Gesetz. Sie hatten zwar Sicherheit, aber die eines Gefängnisses. Sie hatten keinen Zugang zu Gott, der Weg ins Allerheiligste war verwehrt.
„Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt, eingeschlossen auf den Glauben hin, der offenbart werden sollte.“ (Gal. 3,23 Rev. Elb.)
Nun war es möglich sich frei zu bewegen. Der Weg zum Vater wird möglich. Auch der Weg zu den Heiden wird später möglich.
Während im Alten Bund unter geistlicher Nahrung v.a. das Meditieren über dem Gesetz zu verstehen ist, ist nun Jesus selbst diese Nahrung. Er ist das Brot. Er gibt die Weide. In ihm wird das Wort Gottes lebendig, durch seine Gegenwart wird Kraft gespendet. Er versorgt auch mit Weideland in Ewigkeit, mit Wohnraum in Ewigkeit, mit ewigem Leben.
„10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu schlachten und zu verderben. Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Überfluss haben.“
Das Interesse der falschen Hirten habe ich vorhin bereits erwähnt. Jesus stellt jetzt hierzu im Gegensatz noch einmal dar, was er bringt: Leben! Erfülltes Leben, Leben im Überfluss, volle Genüge (Luther), in ganzer Fülle (NGÜ), alles reichlich dazu (Neue evangelistische Übersetzung).
Dies ist ein Vers, der gerne falsch verstanden und fehl interpretiert wird. Jesus redet hier nicht davon, dass uns ein Leben verheißen wird, in dem man alles bekommt, was man sich so wünscht. Nicht von einem Leben im Schlaraffenland, von einem Leben in Hülle und Fülle und auch nicht in Saus und Braus (so wie Gun´s´Roses es in einem moralisch eher zweifelhaften Rocksong postulieren „Take me down to the paradise city, where the grass is green and the girls are pretty“). Jesus redet hier nämlich nicht vom bios (vom körperlichen Leben) und nicht vom psychos (vom seelischen Leben), sondern von zoe (vom geistlichen Leben).
Dieses geistliche Leben, das er schenkt ist ein überfließendes Leben, denn es gibt Gnade ohne Ende, ohne Abwinken, all you can eat!
„Denn aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade.“ (Joh. 1,16 Rev. Elb.)
Die Fülle die darin steckt ist überfließende Gnade. Sie fließt vom Thron Gottes und fließt und fließt und fließt....und wenn wir schon gestorben sind, dann fließt sie immer noch weiter. Diese Gnade kannten sie nicht im Alten Bund, dieses Leben kannten sie nicht, dies wurde erst möglich durch den Tod Jesu.
Vielleicht kann man den Begriff auch noch weiter fassen. Jeder von uns, der den persönlichen Ruf Jesu in seinem Leben gehört hat, brauchte sich nie wieder Gedanken darüber machen, wo er her kommt und wo er hin geht. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist für alle Zeiten gestillt. Es gibt keine Suche mehr, die mich antreibt. Ich hab´s gefunden! Das Vakuum ist ausgefüllt, das Loch in meiner Seele gestopft. Zumindest in dieser existenziellen Fragestellung. Manch andere kleine Löcher haben wir schon noch, so wie in Socken manchmal unverständlicherweise Löcher auftreten.
Auch der Heilige Geist, der uns gegeben ist, würde in dieses Bild passen. Die Früchte des Geistes, die Früchte der Liebe, die aus uns heraus wachsen. Aber das würde heute den Rahmen dieser Predigt sprengen.
3. Das Bild vom guten Hirten
Jetzt endlich kommt der Vers, den wir doch alle so lieben, bei dem es uns wohl ums Herz wird.
„11 Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“
Der Beruf des Hirten war jetzt nicht wirklich ein Job, dem man großen Respekt zollte. Man wollte vielleicht auch nicht unbedingt mit Schafen vergleichen werden. Aber Gott wählte diese Bilder bereits im Alten Bund. Vielleicht weil sie so klar und unmissverständlich sind.
Jesus hat kein Problem sich mit diesem Berufsstand zu identifizieren. Er hatte nie ein Problem damit bei den Entrechteten und den am Rande stehenden Glieder der Gesellschaft zu sein.
Er lässt sein Leben, nicht aus Zwang, sondern aus freien Stücken. Nicht einfach so allgemein und universell, sondern für die Schafe. Für die Schafe, die er mit Namen kennt, ganz persönlich.
„12 Wer Lohnarbeiter und nicht Hirte ist, wer die Schafe nicht zu eigen hat, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht - und der Wolf raubt und zerstreut sie -,
13 weil er ein Lohnarbeiter ist und sich um die Schafe nicht kümmert.“
Hier wird das Problem aller Arbeitgeber beschrieben: der Lohnarbeiter hat nur eine begrenzte Motivation. Wenn es ans Leben geht, dann steckt er lieber zurück. Der Eigentümer der Herde dagegen kämpft für seine Schafe. Hier ist kein moralischer Unterton, sondern es wird einfach ein gegebener Sachverhalt beschrieben.
Der Wolf ist ein Bild für den Teufel. Er raubt einzelne Schafe und zerstreut die Herde.
Wie viel Zerstreuung in der heutigen Gemeindelandschaft ist doch durch das „Durcheinanderwirbeln“ des Wolfes entstanden? Nicht das ich meine es dürfte nur eine Gemeinde am Ort geben. Zur Zeit der Urchristen gab es z. T. auch mehrere Versammlungen am Ort, anders war es logistisch gar nicht möglich. Und nicht jeder wird sich in der Anonymität einer großen Gemeinde wohl fühlen. Aber manche Separation, die wir heute erleben, ist auf diese Weise entstanden.
„14 Ich bin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich,
15 wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne; und ich lasse mein Leben für die Schafe.“
Hier wird noch mal bestätigt, was ich bereits vermutet habe. Er kennt nicht nur unsere Namen, er kennt uns selbst. Nicht weil er uns bespitzelt, sondern weil er uns liebt, so wie eine Mutter ihr Kind liebt. Der Hirte kennt die Schafe von Anfang an und er begleitet sie bis zum Tod.
„16 Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hof sind; auch diese muss ich bringen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde, ein Hirte sein.“
Hier ist jetzt von den Heidenchristen die Rede. Auch sie, also auch wir, die wir nicht aus diesem Hof sind, die nicht zum Volk Israel gehören, dürfen zum Vater kommen. Und nun sind wir eine große Herde: Heidenchristen und Judenchristen.
„17 Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, um es wiederzunehmen.
18 Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen.“
Jesus hat sein Leben gegeben. Er ist nicht an den Folgen der Kreuzigung gestorben, sondern er hat es aus freien Stücken Gott hingegeben. Und er hat es selbst wieder genommen, da er über den Tod gesiegt hat.
Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis. Das erfüllte Leben, das Jesus uns verheißt ist nur möglich durch das Leben, das er gibt. Er gibt ewiges Leben und niemand geht verloren in Ewigkeit (V. 28).
4. Abschluss
Diese Worte Jesu, diese Auseinandersetzung mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, dieses Gleichnis, sein Tod am Kreuz sind ja jetzt schon an die 2000 Jahre her. Und auch wenn wir nicht so alt sind, haben wir doch etliche Jahrzehnte des Lebens im Glauben an Jesus hinter uns. Und so ist manches einfach selbstverständlich geworden: die Gnade Gottes, das Leben das er gibt. Und mit den Jahren hat sich dann so manche Patina oder mancher Rost angesetzt. Bei Dekorationsartikeln hat dies ja oft einen besonderen Charme, aber im Prozess der Nachfolge ist es nicht unbedingt zweckmäßig, wenn der Eifer, die Freude, die Hingabe auf der langen Wegstrecke verloren geht.
Mein Gebet für mich persönlich und für uns als Gemeinschaft ist es, dass wir immer wieder neu überwältigt werden von einer Begeisterung für unseren Hirten.
AMEN.
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