Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg
Ich möchte heute mit Euch ein Gleichnis Jesu anschauen, und zwar das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Jesus erzählte Gleichnisse, die einen Alltagsbezug hatten, die zur Lebenswelt der Menschen gehörten, um den Jüngern geistliche Zusammenhänge verständlich zu machen. Manche von diesen Gleichnissen haben auch heute noch eine erstaunliche Aktualität. Ich lese das Gleichnis in der neuen Luther-Übersetzung:
„1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg.
2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.
3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen
4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.
5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.
6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?
7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.
8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten.
9 Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.
10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen.
11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn
12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben.
13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?
14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.
15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?
16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“
(Mt. 20, 1-16 LUT2017)
Die Ausgangslage in diesem Gleichnis ist uns bekannt: Arbeitslosigkeit. Vielleicht war nicht jeder von uns schon mal arbeitslos, aber wir können uns alle die Situation von arbeitslosen Menschen gut vorstellen. Vielleicht haben wir ja welche in unserem Bekanntenkreis.
Heute ist man als Arbeitsloser in unserem Land ja einigermaßen abgesichert. Wenn man lange genug einbezahlt hat, dann bekommt man für sechs Monate bis zu zwei Jahre Arbeitslosengeld, das sind rund zwei Drittel des letzten Einkommens. Damit kann man einigermaßen klar kommen. Blöd wird es danach, wenn der Anspruch verbraucht ist und man immer noch keinen neuen Job hat und dann nur noch Arbeitslosengeld 2 (Hartz IV) bekommt. Mit dann rund 400,- Euro kann man eigentlich nur noch überleben, aber nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Würde geht anders!
Früher gab es bei den Arbeitsämtern eine Tagesjobvermittlung. Wer früh aufstand und keine harte Arbeit scheute, konnte dort manchmal für einen Tag einen Job bekommen, bei dem er am Abend cash ausbezahlt wurde und sich so sein Arbeitslosengeld aufstocken konnte. In der Nähe vom Plärrer in Nürnberg gab es auch eine Ecke, an der Arbeitslose standen, die ihre Arbeitsleistung anboten. Das war dann die illegale Variante. Soweit ich weiß gibt es heute beides nicht mehr.
So eine ähnliche Situation finden wir hier in diesem Gleichnis. Arbeitslose stehen herum und warten auf eine Möglichkeit sich Geld zu verdienen. Der Unterschied ist, dass sie keine soziale Absicherung haben. Hier geht es nicht um ein Zubrot zur staatlichen Unterstützung. Hier geht es um die blanke Existenz. Hier geht es darum einen Job zu finden, mit dem sie ihre Frau, Kinder und vielleicht die alten Eltern ernähren können.
Der Silbergroschen (oder Denar) entspricht etwa 40 Cent und war damals der wohl übliche Tageslohn. Ein Lohn, der ausgereicht hat um seine Familie zu ernähren.
Auch heute noch gibt es in Jerusalem eine Ecke nahe des Damaskustores, wo jeden Morgen arbeitslose Palästinenser stehen und auf potenzielle Arbeitgeber (meist Israelis) warten.
Gleich am Anfang lesen wir etwas Ungewöhnliches in diesem Gleichnis. Die erste von vielen Ungewöhnlichkeiten: der Hausherr, der Weinbergbesitzer geht früh am Morgen selbst los um Arbeiter für die Arbeit im Weinberg (vermutlich zur Weinernte oder zum Schneiden der Stöcke) einzustellen. Normalerweise mach dies sein Verwalter oder ein Vorarbeiter. Aber hier geht der Hausherr selbst los. Er scheint ihm selbst immens wichtig zu sein. Ein kleines aber wichtiges Detail, wenn wir später zur Auslegung kommen.
Der Hausherr geht sogar öfters los, nicht nur einmal. Er geht am Beginn des Tages und zur dritten, sechsten, neunten und schließlich noch zur elften Stunde los um immer wieder Nachschub an Arbeitskräften zu holen. Der Tag war damals in zwölf Stunden von 6 bis 18 Uhr eingeteilt, d.h. also zwischen 6 und 17 Uhr war er immer wieder, insgesamt fünfmal unterwegs um neue Arbeiter anzuheuern. Während er mit den ersten noch einen konkreten Lohn vereinbart hat, heißt es bei den anderen nur, dass sie bekommen sollten „was recht ist“.
Als es dann an die Bezahlung geht (jetzt kommt übrigens der Verwalter ins Spiel), geschieht das nächste Unglaubliche: die Letzten werden als Erstes bezahlt. Die, die am allerwenigsten gearbeitet haben, bekommen ihren Lohn zuerst. Sauber, na gut, meinetwegen, aber dann bekommen sie auch noch einen ganzen Silbergroschen. Sie bekommen den Lohn, der denen versprochen worden ist, die früh morgens angefangen haben im Weinberg zu schuften. Und die denken sich jetzt wahrscheinlich: „Wahnsinn, wenn die schon einen Silbergroschen bekommen, wieviel bekommen denn dann wir?! Die haben eine Stunde gearbeitet und wir zwölf Stunden. Wow, dann bekommen wir sicherlich mehr als nur den einen Silbergroschen.“
Und dann die große Ernüchterung, sie bekommen auch nur einen Silbergroschen. Genau wie ausgemacht. Die nächste Unglaublichkeit! Der Weinbergbesitzer gibt jedem gleich viel Lohn. Jeder bekommt einen Denar, egal wie lange er im Weinberg geschuftet hat. Das passt nicht in das Denken der Arbeiter, in ihre Wirklichkeit hinein und das passt auch nicht in unsere Wirklichkeit hinein. Unser Empfinden von Gerechtigkeit ist doch etwas anders. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, aber doch nicht gleicher Lohn für ungleiche Arbeit!
Diese provozierende Situation wäre leicht zu vermeiden gewesen, wenn in umgekehrter Reihenfolge ausbezahlt worden wäre. Die ersten hätten ihren Denar eingesackt und schwups wären sie weg gewesen. Sie hätte gar nicht mitbekommen, dass die anderen genauso viel bekommen. Aber so wurden sie bewusst damit konfrontiert.
Und jetzt geschieht etwas mit den „gefühlt Übervorteilten“. Sie ärgern sich, sie fühlen sich ungerecht behandelt, sie werden neidisch. Sozialneid! Aber nicht auf die Starken, nicht auf die Reichen und Schönen, sondern auf die Schwachen. Denn die, die länger auf dem Markt standen und auf Arbeit gewartet haben, waren gleichzeitig auch die, die schwächer waren, weniger kräftig, alt und krank, die auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr so ganz mithalten konnten.
Die, die unten stehen, die kräftigen Tagelöhner, suchen sich solche, die noch weiter unten stehen. Ein auch heute weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen: „Die Hartz4ler, die Ausländer, die Asylanten usw. sind doch alles nur Sozialschmarotzer, die auf Kosten meiner Steuergelder leben.“ So oder so ähnlich wird von vielen gedacht.
„Bist du neidisch, weil ich so gütig bin?“ fragt sie der Besitzer. Diejenigen, die länger auf dem Markt herum standen, brauchen aber auch genauso viel zum Überleben, wie alle anderen auch. Sie brauchen auch ihre 40 Cent am Tag um ausreichend Essen zu kaufen. Was hätte ihnen der Lohn für eine Stunde Arbeit genutzt? Es hätte vielleicht gelangt für einen halben Laib Brot und ein Bier zum Frust runterspülen, aber nicht für den Tagesbedarf einer ganzen Familie.
Der Gutsbesitzer dagegen ist gütig, er will dass alle genug zum Leben haben. Unabhängig von ihrer Leistung. Er ist nicht auf Gewinnmaximierung aus, sondern maximiert seine Güte. Heute würde man vielleicht sagen, er praktiziert eine Form von solidarischer Ökonomie.
Dieses Vergütungsmodell passt nicht in den Kapitalismus. Da hätte der Weinbauer vielleicht nur die Hälfte vom vereinbarten Lohn ausbezahlt, weil sie angeblich zu langsam gearbeitet hätten.
Und das passt auch nicht in die soziale Marktwirtschaft. Da hätte es trotzdem nur einen gewerkschaftlich fest vereinbarten Stundenlohn gegeben. Und aus dem Überfluss etwas für die Kranken und Schwachen.
Und im Kommunismus hätten wahrscheinlich alle gleich wenig bekommen,weil es nichts zum Verteilen gegeben hätte.
Nein, dieses Verhalten ist einzigartig: jeder bekommt den gleichen Tageslohn damit jeder genug zum Leben hat.
Nun, es ist ein Gleichnis, eine Geschichte und hat nicht den Anspruch Grundlage für ein Wirtschaftssystem zu sein. Ein ähnliches Modell finden wir in der Bibel meines Wissens nur noch in der Jerusalemer Urgemeinde, die in einer Art Kommunismus zusammen gelebt haben. Dort heißt es:
„Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“
(Apg. 4,32 LUT2017)
Aber auch das Jerusalemer Modell war nicht erfolgreich, denn wenige Jahre darauf, mussten Spenden bei den neuen christlichen Gemeinden für die Gemeinde in Jerusalem gesammelt werden, da diese mittlerweile verarmt war. Auch hier gilt: die Beschreibung beinhaltet erstmal keine Aufforderung genauso zu handeln.
Aber interessant ist doch, wenn man sich anschaut in welchen Kontext das Gleichnis vom Weinberg eingebettet ist. Es folgt nämlich direkt auf die Begegnung des reichen Jünglings mit Jesus, an dessen Ende Jesus feststellt:
„Wahrlich, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen.“ (Mt. 19, 23b LUT 2017)
Dies sollten wir doch bedenken. Sollte das Weinbergmodell doch ein Vorbild für unser Leben sein? Auf jeden Fall eine Aufforderung zum Großzügigsein.
Es verdeutlicht auf jeden Fall: unser Gerechtigkeitsempfinden, unsere Vorstellung von Gerechtigkeit ist anders, als Gottes Gerechtigkeitsempfinden.
Es gibt wohl unterschiedliche „Gerechtigkeiten“. Unterschiedliche Vorstellungen und Bezugssysteme. Gerechtigkeit nach Leistung und eine Gerechtigkeit der Verteilung, eine Art ausgleichende Gerechtigkeit.
In unserem Land gibt es ja mittlerweile einen Mindestlohn, der aber immer noch so niedrig ist, dass derjenige, dessen Einkommen sich immer auf diesem Niveau bewegt, im Rentenalter auf gesetzliche Unterstützung angewiesen sein wird. Nach dem Motto: „Hättest was Gescheites gelernt, würdest mehr verdienen, hättest mehr Rente.“ Das klingt eher nach Sozialdarwinismus als nach Gerechtigkeit.
Die Schweiz dagegen hat ein 3-Säulen-Rentensystem, in dem alle - also auch die Selbständigen und Beamten - den gleichen Prozentsatz in die erste Säule einzahlen, aus der dann später eine Grundrente für alle finanziert wird. D.h., dass jmd. der gut verdient u. U. mehr einzahlen muss als er später als Maximalrente aus dieser Säule herausbekommen kann. Das ist eine Form von ausgleichender Gerechtigkeit und die Schweizer scheinen damit überhaupt kein Problem zu haben.
Es gibt darüberhinaus heute vielfältige Formen von Solidarökonomie nicht nur in Lateinamerika: Genossenschaften, Fair Trade-Produkte, FoodCoops, Tauschbörsen, OpenSource-Programme usw. sind solche Modelle.
Den Arbeitern in unserem Gleichnis geht es um Lohn für Leistung. Den Gutsherrn geht es darum, dass es ihnen gut geht, dass sie ein genügendes Auskommen haben. Im übertragenen Sinne: wir sind leistungsorientiert, Gott ist Gnade-orientiert.
Damit sind wir jetzt bei der Auslegung. Im Eingang steht. „Denn mit dem Reich der Himmel ist es“. Es geht hier um dass Reich Gottes, um das Himmelreich Gottes, um die Königsherrschaft Gottes.
Also zum einen um das Leben in der Ewigkeit bei Gott und zum anderen, aber auch schon um das Himmelreich unter uns, dort wo die Herrschaft Gottes, wo das Reich Gottes in Kraft und Liebe und Gerechtigkeit und Frieden schon in die Gegenwart hinein wirkt und durch uns sichtbar wird.
„Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ (Lk 17,21 LUT2017)
Gott ist der Weinbergbesitzer, der alle, die in seinem Weinberg kommen, belohnen will. Er will, dass alle genug haben, keiner soll Mangel leiden. Jeder soll ewiges Leben empfangen:
unabhängig davon, ob man als Jude geboren wurde und damit zum auserwählten Volk gehört, zu dem Volk, das das Gesetz hatte oder erst als Heide das Evangelium gehört hatte,
unabhängig davon, ob man sich sein ganzes Leben lang als Pharisäer besondere religiöse Pflichten auferlegt hatte oder ob man als einfacher jüdischer Mensch gelebt hatte,
unabhängig davon, ob man sich als kleines Kind oder als Greis dafür entschieden hat Jesus nachzufolgen,
und auch unabhängig davon, ob man viel oder wenig dazu beigetragen hat. Jeder bekommt gleich.
Gott macht keinen Unterschied. Jesus sagt, dass die Ersten die Letzten sein werden, das also kein Vorteil darin besteht Jude oder Pharisäer zu sein. Dies ist die im historischen Kontext erste Zielgruppe des Gleichnis. Er will ihnen vermitteln, dass sie nicht besser, nicht wichtiger sind als die anderen, als die Sünder.
Es geht nicht um Leistung, es geht nicht um Gerechtigkeit durch Werke, sondern einzig allein um die Güte des Weinbergbesitzers, um die Gnade die Gott gerne schenkt. Es gibt keine Fleißkärtchen und kein Punktesystem für einen Platz im Himmelreich.
Eigentlich geht es in diesem Gleichnis ja gar nicht um die Arbeiter, sondern um den gütigen Weinbergbesitzer. Um sein Mitgefühl mit den verlorenen Menschen. Er ist es, der sich aktiv um sie bemüht, sich aktiv auf die Suche begibt um sie in den Weinberg zu holen. Er selbst bringt die gute Nachricht: „Hey, komm in den Weinberg. Dort ist noch Platz für Dich.“ Er enthält seinen Lohn, seine Güte, seine Gnade niemanden vor. Jeder bekommt sie. Er ist ähnlich wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn.
Aber es geht auch darum Teil des Weinbergs zu sein. Die Tagelöhner haben Arbeit ge-sucht. Übertragen bedeutet dies, sie haben nach Gott gesucht. Ich flutsche nicht einfach so in das Reich Gottes hinein. Ich muss es wollen. Ich muss Erlösung wollen. Ich muss Jesus wollen.
Es gilt immer noch was Jesus sagt:
„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh 14,6 LUT2017)
Die Annahme des Jobs entspricht der Annahme des Erlösungsangebots Jesu. Durch ihn werde ich Teil bzw. bekomme ich Anteil am Himmelreich Gottes.
Genauso gilt es aber auch in ihm zu bleiben. Bis zum Schluss in ihm zu bleiben. Den Lauf zu voll-enden, wie Paulus es ausdrückt (2. Tim. 4,7). Es sind leider nicht wenige, die sich im Laufe ihres Lebens von ihrem christlichen Glauben abgewendet haben um irgend-welchen obskuren Theorien anzuhängen.
Hören wir im Lutherjahr, was Martin Luther zur Auslegung des Gleichnisses zu sagen hat:
„So ist nu dies die Summa dieses Evangeliums: kein Mensch ist so hoch noch wird je so hoch kommen, dass er nicht zu fürchten hat, er werde der allerniedrigste. Und umgekehrt, niemand liegt so tief oder kann so tief fallen, der nicht hoffen könnte, dass er der höchste würde. Denn hier ist alles Verdienst aufgehoben und wird allein Gottes Güte gepriesen und ist fest beschlossen: der erste soll der letzte, der letzte soll der erste sein. Damit dass er spricht: der erste soll der letzte sein, nimmt er dir alle Vermessenheit und verbietet dir, dass du dich über keine Hure erhebst, auch wenn du Abraham, David, Petrus oder Paulus wärst. Damit aber dass er spricht: der letzte soll der erste sein, verwehrt er dir alle Verzweiflung und gebietet dir, dass du dich unter keinen Heiligen stellst, auch wenn du Pilatus, Herodes und Sodom und Gomorrha wärst. Denn gleichwie wir keine Ursache haben, uns zu vermessen, so haben wir auch keine Ursache, zu verzweifeln. Durch dies Evangelium wird die Mittelstraße befestigt und bewahrt, dass man nicht nach dem Pfennig sehe, sondern auf die Güte des Hausvaters, welche gleich und von einerlei Art ist über Hohe und Niedrige, über die ersten und die letzten, über Heilige und über Sünder. Und keiner kann sich derselben mehr rühmen oder trösten oder vermessen als der andre.“
(D Martin Luthers Evangelien-Auslegung, Zweiter Teil, Das Matthäus Evangelium (Kap. 3 - 25), S. 681 ff.)
Gott ruft uns durch dieses Gleichnis in seine Nachfolge. Es ist unsere Entscheidung, wie wir darauf reagieren. Für die Tagelöhner war es die Möglichkeit zum Überleben. Und auch wir wissen, nur in Jesus ist das Leben.
Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge. (Joh. 10,10 LUT2017)
Und Gott ist es, der es uns zuspricht, unabhängig von jeglicher Vorgeschichte. Egal, ob wir unser Leben lang gefrömmelt haben oder überall reingetappt sind, wo es nur geht. Wir dürfen durch Jesus Teil haben am Himmelreich Gottes.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
AMEN.
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Sonntag, 23. April 2017
Sonntag, 2. Oktober 2016
Predigt von Norbert Wohlrab (25.09.16)
Röm. 14, 17 - 19
Da ich heute gleich zwei Predigttermine habe, habe ich mir gedacht, es wäre doch ganz praktisch gleich über den offiziellen Predigttextes des heutigen Sonntags zu predigen. So erspar ich es mir zwei verschiedene Predigten vorbereiten zu müssen. Synergieeffekt sozusagen. Außerdem bleib ich dann davor bewahrt immer wieder über meine Lieblingsthemen zu predigen.
Der Text für heute ist Röm. 14, 17-19:
„Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist. Denn wer in diesem dem Christus dient, ist Gott wohlgefällig und den Menschen bewährt. So lasst uns nun dem nachstreben, was dem Frieden, und dem, was der gegenseitigen Erbauung dient.“ (Röm. 14, 17-19 Rev. Elb.)
Das Reich Gottes ist also nicht Essen und Trinken. Wie lebensfeindlich aber auch, oder?
Wir haben in der CGF heute Gottesdienst mit gemeinsamen Mittagessen im Anschluss. Gemeinsames Essen und Trinken gehört bei uns einmal im Monat zum Gottesdienst feiern dazu. Das ist bei uns ein Ausdruck christlicher Lebenskultur. Aber, da haben wir wohl jetzt schon wieder mal alles falsch gemacht. Ätsch! Um sowas geht´s im Reich Gottes nämlich gar nicht. Solche profanen irdischen Dinge sollten wir nämlich nur auf das wirklich Allernotwendigste beschränken. Askese ist angesagt! Essen in der Gemeinde, so was Überflüssiges. Knapp daneben ist auch vorbei.
So oder so ähnlich könnte man diese Bibelstelle, diese Aufforderung ja zunächst einmal verstehen, wenn man sie aus dem Zusammenhang reißt. Aber ist das hier wirklich gemeint? Ist das NT wirklich so lebensverneinend? Hat Jesus selbst nicht ganz anders gehandelt?
Und tatsächlich wenn wir uns das Leben und Wirken unseres Herrn anschauen, dann lesen wir beispielsweise
Also alles andere als lebensverneinend und so kann dieser Vers aus dem Römerbrief auch nur eine ganz andere Bedeutung haben, die man aber nur im Zusammenhang des ganzes Kapitels erkennt.
Die Gemeinde in Rom war ja keine homogene Gruppe. Nicht so wie wir. Sie bestand wohl nicht nur aus mehreren dezentralen Hauskirchen, sondern auch aus völlig unterschiedlich religiös sozialisierten Gruppen: den Judenchristen und den Heidenchristen, also aus Menschen die vorher im jüdischen Glauben verwurzelt waren oder und aus Menschen, die vorher einer heidnischen Religionen angehört haben.
Und diese beiden Gruppen waren sich nicht besonders grün, denn sie hatten unterschied-liche Auffassungen in manchen theologischen Fragen. Und nicht nur in irgendwelchen nebensächlichen Fragestellungen, wie heute vielleicht Erd- oder Feuerbestattung oder nimmt man nun homöopathische Medikamente oder lieber doch nicht. Da muss man sich nicht bis aufs Blut streiten. Das ist nicht so existenziell.
Nein, es ging um Fragen, die die tägliche Lebensweise, aber v.a. auch die Praxis der täglichen Nachfolge betroffen haben. Es ging beispielsweise um´s Essen.
V. 2 „Einer glaubt, er dürfe alles essen; der Schwache aber isst Gemüse.“
(Paulus hat also eine eindeutige Meinung zur vegetarischen Ernährung. In der Luther-übersetzung von 1912 steht hier noch so nett übersetzt „der ißt Kraut“.)
Es gab hier zwei Konfliktpotenziale: zum einen die jüdischen Reinheitsgebote, die den Verzehr von bestimmten Fleischarten oder von unsachgemäß zubereiteten Fleisch (nicht richtig geschächteten Fleisch, das noch Blut beinhaltet) verbieten und zum anderen die Tatsache, dass es sich wohl bei dem meisten Fleisch, dass auf dem Markt erhältlich war um Götzenopferfleisch gehandelt hat, also um Überreste von Opfern in unterschiedlichen römischen, hellenistischen oder ägyptischen Kulten, d.h. Fleisch, dass heidnischen Göttern geweiht war und die sozusagen nicht alles aufgegessen haben.
Beides dürfte eigentlich für das Leben eines Christen keine Rolle spielen. Alle Speise kommt von Gott. Die Götzen sind Nichtse und die jüdischen Gesetze sind für Christen genauso „nichtsig". Daher kann alles guten Gewissens verzehrt werden. Wer so denkt ist - zumindest in diesem Punkt - stark im Glauben, der hat eine gewisse Reife erreicht. Aber es gibt eben auch die anderen, die Ängstlichen, die Unreifen, die Schwachen, die Anfänger im Glauben, die noch nicht frei sind in ihrem Gewissen, die noch gefangen sind in ihrer Prägung.
Eigentlich könnten sie unbeschadet nebeneinander existieren, wenn sie sich denn in Ruhe lassen würden, aber
V. 3 „Wer isst, verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, richte den nicht, der isst! Denn Gott hat ihn aufgenommen.
V. 4 Wer bist du, der du den Hausknecht eines anderen richtest? Er steht oder fällt dem eigenen Herrn. Er wird aber aufrecht gehalten werden, denn der Herr vermag ihn aufrecht zu halten.“
Es haut nicht hin mit der friedlichen Koexistenz, sondern sie fangen an einander zu richten, einander zu verurteilen, übereinander herzuziehen. Auch die Starken. Sie sind vielleicht noch gar nicht so reif, wenn sie auf einmal anfangen die Schwachen zu verurteilen und sich über ihre Pedanterie lustig machen.
Dieser Streit ist uns ziemlich fremd. Götzenopferfleisch kriegen wir heute eher selten beim Metzger. (Das müsste man wohl explizit bestellen.) Gewiss auch heute gibt es unterschiedliche Auffassungen in punkto Ernährung, aber es sind keine theologisch motivierten Streitigkeiten, wobei es sicherlich Menschen gibt, bei denen die richtige Ernährung durchaus zu einer Ersatzreligion geworden ist und die eine sehr missionarische Gesinnung haben ihren Standpunkt zu vermitteln.
Es gab aber noch einen anderen Konfliktherd: nämlich der Umgang mit den heiligen Tagen:
Wie viele würden sich wohl auch heute wünschen, dass Paulus ganz klare Ansagen macht, was die Gestaltung des Sabbats/Sonntages betrifft. Aber weit gefehlt. Es geht hier ja nicht um Ehebruch oder Diebstahl, dazu hätte Paulus sich wohl sehr klar geäußert. Es geht um die Ausgestaltung der Nachfolge. Es geht nicht um besser sündigen, sondern um richtig nachfolgen.
Umso länger ich im Glauben stehe umso mehr stelle ich fest, dass das NT kein Gesetz-buch ist wie das AT. Wir finden hier viel Freiraum in Fragen der Lebensgestaltung und der persönlichen Nachfolge. Und so auch hier:
V. 5 „Der eine hält einen Tag vor dem anderen, der andere aber hält jeden Tag gleich. Jeder aber sei in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt!
V. 6 Wer den Tag beachtet, beachtet ihn dem Herrn. Und wer isst, isst dem Herrn, denn er sagt Gott Dank; und wer nicht isst, isst dem Herrn nicht und sagt Gott Dank.
V. 7 Denn keiner von uns lebt sich selbst, und keiner stirbt sich selbst.“
Beides ist möglich. Man kann zu Gottes Ehre Fleisch essen und man kann zu Gottes Ehre darauf verzichten. Man kann frei sein zum essen und nicht frei sein zum essen.
Beides ist möglich. Man kann zu Gottes Ehre einen Tag höher als andere halten und kann aus der Freiheit des Glaubens darauf verzichten.
Jeder soll in der Gestaltung der Nachfolge seiner Überzeugung gemäß handeln, aber ohne über den, der eine andere Überzeugung hat die Nase zu rümpfen und ohne ihn zu richten.
Eine kurze Geschichte, die ich im Internet gefunden habe, verdeutlich dies:
Ein Vater zog mit seinem Sohn und einem Esel in der Mittagsglut durch die staubigen Gassen von Keshan. Der Vater saß auf dem Esel, den der Junge führte. „Der arme Junge“, sagte da ein Vorübergehender. „Seine kurzen Beinchen versuchen, mit dem Tempo des Esels Schritt zu halten. Wie kann man so faul auf dem Esel herumsitzen, wenn man sieht, dass das kleine Kind sich müde läuft.“ Der Vater nahm sich dies zu Herzen, stieg hinter der nächsten Ecke ab und ließ den Jungen aufsitzen. Gar nicht lange dauerte es, da erhob schon wieder ein Vorübergehender seine Stimme: „ So eine Unverschämt-heit. Sitzt doch der kleine Bengel wie ein Sultan auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenherläuft.“ Dies schmerzte den Jungen und er bat den Vater, sich hinter ihn auf den Esel zu setzen. „Hat man so etwas schon gesehen?“ keifte eine schleierverhangene Frau, „solche Tierquälerei? Dem armen Esel hängt der Rücken durch, und der alte und der junge Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus, als wäre er ein Diwan, die arme Kreatur!“ Die Gescholtenen schauten sich an und stiegen beide, ohne ein Wort zu sagen, vom Esel herunter. Kaum waren sie wenige Schritte neben dem Tier hergegangen, machte sich ein Fremder über sie lustig: „So dumm möchte ich einmal sein! Wozu führt ihr denn den Esel spazieren, wenn er nichts leistet, euch keinen Nutzen bringt und noch nicht einmal einen von euch trägt?“ Der Vater schob dem Esel eine Hand voll Stroh ins Maul und legte seine Hand auf die Schulter seines Sohnes. „Gleichgültig, was wir machen“, sagte er, „es findet sich doch jemand, der damit nicht einverstanden ist. Ich glaube, wir müssen selbst wissen, was wir für richtig halten.“
(Quelle: Nossrat Peseschkian, Der Kaufmann und der Papagei)
Nach der eigenen Überzeugung handeln ohne den anderen zu verurteilen.
In der CGF sind wir ja mittlerweile so homogenisiert und pasteurisiert, da finden wir gar keinen Ansatzpunkt mehr für irgendwelche theologischen Streitigkeiten. Wir wissen bspw. wie jeder über Taufe denkt. Jeder soll da nach seiner Überzeugung handeln. Manchmal denke ich ein bisschen mehr Reibung würde uns gar nicht schaden, weil mancher dadurch herausgefordert wird, vielleicht auch angetrieben und angespornt wird.
Aber in anderen christlichen Gemeinden gibt es oft noch genug solcher Reizthemen: Ist es für das Reich Gottes förderlicher zu bauen oder nicht zu bauen? Wie laut, wie modern, wie elektrisch usw. soll die Lobpreisband sein? Das sind oft die Gemeindespalter. Frauenordination ist bei manchen auch ein Thema. Es gibt sicher noch viel mehr Konfliktherde, die ich mir mit meinem schlichten Gemüt mir gar nicht vorstellen kann.
V. 10 „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder auch du, was verachtest du deinen Bruder? Denn wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“
Und weiter schreibt Paulus, nicht nur nicht richten, sondern sogar so das Leben gestalten, dass es dem anderen kein Stolperstein ist.
V. 13 „Lasst uns nun nicht mehr einander richten, sondern haltet vielmehr das für recht, dem Bruder keinen Anstoß oder kein Ärgernis zu geben!“
Kein Fallstrick sein! Das ist jetzt ein Wort an die Starken. Wenn ich frei bin zum Verzehr, dann kann ich auch frei sein zum Verzicht in der Gegenwart des Schwachen. Nicht damit ich es dem anderen Recht mache, sondern damit ich durch mein Verhalten dem anderen, dem jungen und schwachen im Glauben nicht in Glaubenskrisen führe.
Trotzdem stellt Paulus klar, auf welcher Seite er steht:
V. 14 „Ich weiß und bin überzeugt in dem Herrn Jesus, dass nichts an sich unrein ist; nur dem, der etwas als gemein ansieht, dem ist es unrein.“
Hier beruft er sich nicht auf sich selbst, sondern auf Jesus Christus. Entweder bezieht er sich auf eine geistliche Offenbarung oder auf Worte Jesu. Und Jesus sagte ja bspw. im Disput mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, dass alle Speisen rein sind und nichts von außen den Menschen verunreinigen kann (Mk. 7, 15 - 23).
Aber trotzdem im gemeindlichen Miteinander geht es nicht darum Recht zu bekommen, nicht um das Urteilen und Verurteilen, sondern es geht um einen gemeinsamen Wandel in der Liebe, um gegenseitigen Respekt und Anerkennung, um Rücksichtnahme.
V. 15b sonst „wandelst du nicht mehr nach der Liebe.“
Denn….und jetzt kommt endlich der Vers des Predigttextes:
V. 16 „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.“
oder besser verständlich:
„Denn im Reich Gottes geht es nicht um Fragen des Essens und Trinkens, sondern um das, was der Heilige Geist bewirkt: Gerechtigkeit, Frieden und Freude.“ (Röm. 14,16 NGÜ)
Wenn im NT vom Reich Gottes die Rede ist, dann geht es immer um die ausgeübte Königsherrschaft Gottes, nicht um ein regionales Reich oder Gebiet. Es bedeutet also etwa soviel wie. da:
wo Gott unter Euch herrscht,
wo das Wesen seiner Herrschaft gegenwärtig ist ,
wo seine Liebe gegenwärtig ist…
Dort spielen solche Fragen keine Rolle mehr.
Nächstes Jahr ist Luther-Jahr. Was hat den jungen Luther gequält? Die Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?
Auch darum geht es in unserem Text: Wie esse ich richtig? Wie halte ich den Feiertag richtig? Die Antwort: Ich muss keine Reinheitsvorschriften mehr beachten um vor Gott bestehen zu können. Ich habe bestanden!
Diese Fragestellungen gehen daher am Kern des Evangeliums vorbei. In einer Klassenarbeit würde der Lehrer wohl sagen: Leider eine Themaverfehlung.
Jetzt hatten wir eine lange Herleitung was das Reich Gottes nicht ist. Wahrscheinlich typisch deutsch: immer auf das Negative schauen. Jetzt wollen wir aber noch auf das Schauen, was das Reich Gottes ausmacht: Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist!
Gerechtigkeit, Friede und Freude. Also, ehrlich gesagt: ich hätte es wahrscheinlich anders definiert. Zuallererst hätte ich Liebe geschrieben und wenn ich jetzt ein organisch-dynamischer Vollblut-Pfingstler wäre, hätte ich wohl auch noch Kraft geschrieben und Barm-herzigkeit natürlich und selbstverständlich Gnade und…..
Nun, ich bin mir nicht sicher, ob Paulus dies als abschließende Aufzählung verstanden haben wollte, aber er hat sich sicherlich dabei etwas gedacht.
Und daher ist es sicher kein Zufall, dass hier als erstes Gerechtigkeit steht. Gerechtigkeit ist ein Wesenszug Gottes. Gerechtigkeit meint mehr als unser regulatives Verständnis.
„Die Bibel meint also mit der Gerechtigkeit Gottes seine umfassende Lebensgabe und Lebensgnade.“
(Quelle: Brunnen, Das große Bibellexikon Band 2)
Denn das ist es ja, was im Reich Gottes bewirkt wird: nicht durch mein ängstliches Streben, sondern durch Gottes Gnade: ich werde gerechtfertigt und erfahre ohne eigenes Zutun, durch das Werk Christi Gottes Gerechtigkeit.
„und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist.“ (Röm. 3,24 Rev. Elb.)
Und diese Gerechtigkeit bewirkt Frieden mit Gott.
„Und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein.“ (Jes. 32,17 Luther)
So beschreibt Jesaja das Wesen des kommenden Königreiches.
Aber ich denke Gerechtigkeit hat immer auch eine Dimension zu meinen Nächsten hin. Auch in diese Richtung sollen Gerechtigkeit und Frieden als Wesen des Reiches Gottes sichtbar werden. Der wahre Gottesdienst findet im Alltag statt, schreibt Paulus an anderer Stelle im Römerbrief (12,1).
Aus der Gerechtigkeit mit Gott entspringt Gerechtigkeit im Alltag. Gerechtigkeit drückt sich immer in Beziehungen aus. Beim Volk Israel war der Gradmesser der Umgang mit den Witwen, Waisen und Fremden. Auch heute wieder ein aktuelles Thema: der Umgang mit den Fremden.
Als ich von der Partei mit dem C im Namen kürzlich gelesen habe, sie wollen Asyl künftig auf Christen reduzieren, musste ich an das Wort Jesu denken: „Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe?“ (Mt. 5,46 Rev. Elb.)
Gerechtigkeit im Alltag, in der Gesellschaft, in der Politik, im Reich Gottes…ein spannendes Thema. Stoff für viele weitere Predigten.
Frieden. Wer Frieden mit Gott hat, kann auch Frieden mit seinen Mitmenschen leben. Dabei ist nicht nur kein Krieg und kein Streit gemeint, sondern ein füreinander sorgen. Ein sich aktives Einsetzen.
V. 19 „So lasst uns nun dem nachstreben, was dem Frieden…dient.“
Fehlt noch Freude. Ich muss zugeben: Ich hab´s nicht so mit der Freude. Ich bin einfach sowas von ausgeglichen. (Liegt vielleicht daran, dass ich seit meiner Jugend „beta-geblockt“ bin.) Ich bin schon zufrieden, wenn ich mich mal innerlich freue. Wenn ich auf irgendwelchen Konferenzen bin und dann enthusiastisch jubelnde und emotional verzückte Christen sehe, komm ich mir mit meiner Ausgeglichenheit immer recht minderbegabt vor.
Aber das biblische Freude bedeutet viel mehr. Sie meint ein ganzheitliches Wohlbefinden. (Und mit Wohlbefinden kenn ich mich als Wohlrab aus.) Fülle. Leben in Fülle.
V. 18.19 „So lasst uns nun dem nachstreben, was dem Frieden, und dem, was gegenseitigen Erbauung dient.“
AMEN.
Da ich heute gleich zwei Predigttermine habe, habe ich mir gedacht, es wäre doch ganz praktisch gleich über den offiziellen Predigttextes des heutigen Sonntags zu predigen. So erspar ich es mir zwei verschiedene Predigten vorbereiten zu müssen. Synergieeffekt sozusagen. Außerdem bleib ich dann davor bewahrt immer wieder über meine Lieblingsthemen zu predigen.
Der Text für heute ist Röm. 14, 17-19:
„Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist. Denn wer in diesem dem Christus dient, ist Gott wohlgefällig und den Menschen bewährt. So lasst uns nun dem nachstreben, was dem Frieden, und dem, was der gegenseitigen Erbauung dient.“ (Röm. 14, 17-19 Rev. Elb.)
Das Reich Gottes ist also nicht Essen und Trinken. Wie lebensfeindlich aber auch, oder?
Wir haben in der CGF heute Gottesdienst mit gemeinsamen Mittagessen im Anschluss. Gemeinsames Essen und Trinken gehört bei uns einmal im Monat zum Gottesdienst feiern dazu. Das ist bei uns ein Ausdruck christlicher Lebenskultur. Aber, da haben wir wohl jetzt schon wieder mal alles falsch gemacht. Ätsch! Um sowas geht´s im Reich Gottes nämlich gar nicht. Solche profanen irdischen Dinge sollten wir nämlich nur auf das wirklich Allernotwendigste beschränken. Askese ist angesagt! Essen in der Gemeinde, so was Überflüssiges. Knapp daneben ist auch vorbei.
So oder so ähnlich könnte man diese Bibelstelle, diese Aufforderung ja zunächst einmal verstehen, wenn man sie aus dem Zusammenhang reißt. Aber ist das hier wirklich gemeint? Ist das NT wirklich so lebensverneinend? Hat Jesus selbst nicht ganz anders gehandelt?
Und tatsächlich wenn wir uns das Leben und Wirken unseres Herrn anschauen, dann lesen wir beispielsweise
- von der Hochzeitsfeier, auf der er Wein vermehrt hat (bei der Heilsarmee wurde diese Bibelstelle in Saft umgewandelt)
- dass er sich selber bei Zachäus zum Essen eingeladen hat (das sind die liebsten Gäste)
- mit Zöllnern und Sündern gespeist hatund überhaupt so häufig am gemeinschaftlichen Essen und Trinken war, dass die Pharisäer ihn als Fresser und Weinsäufer (Mt. 11,19) tituliert haben uvm.
- und auch im AT gibt es bspw. die Aufforderung vor Gott mit Wein, starkem Getränk und allen Speisen, die das Herz begehrt, zu feiern und fröhlich zu sein (5. Mo. 14,26)
Also alles andere als lebensverneinend und so kann dieser Vers aus dem Römerbrief auch nur eine ganz andere Bedeutung haben, die man aber nur im Zusammenhang des ganzes Kapitels erkennt.
Die Gemeinde in Rom war ja keine homogene Gruppe. Nicht so wie wir. Sie bestand wohl nicht nur aus mehreren dezentralen Hauskirchen, sondern auch aus völlig unterschiedlich religiös sozialisierten Gruppen: den Judenchristen und den Heidenchristen, also aus Menschen die vorher im jüdischen Glauben verwurzelt waren oder und aus Menschen, die vorher einer heidnischen Religionen angehört haben.
Und diese beiden Gruppen waren sich nicht besonders grün, denn sie hatten unterschied-liche Auffassungen in manchen theologischen Fragen. Und nicht nur in irgendwelchen nebensächlichen Fragestellungen, wie heute vielleicht Erd- oder Feuerbestattung oder nimmt man nun homöopathische Medikamente oder lieber doch nicht. Da muss man sich nicht bis aufs Blut streiten. Das ist nicht so existenziell.
Nein, es ging um Fragen, die die tägliche Lebensweise, aber v.a. auch die Praxis der täglichen Nachfolge betroffen haben. Es ging beispielsweise um´s Essen.
V. 2 „Einer glaubt, er dürfe alles essen; der Schwache aber isst Gemüse.“
(Paulus hat also eine eindeutige Meinung zur vegetarischen Ernährung. In der Luther-übersetzung von 1912 steht hier noch so nett übersetzt „der ißt Kraut“.)
Es gab hier zwei Konfliktpotenziale: zum einen die jüdischen Reinheitsgebote, die den Verzehr von bestimmten Fleischarten oder von unsachgemäß zubereiteten Fleisch (nicht richtig geschächteten Fleisch, das noch Blut beinhaltet) verbieten und zum anderen die Tatsache, dass es sich wohl bei dem meisten Fleisch, dass auf dem Markt erhältlich war um Götzenopferfleisch gehandelt hat, also um Überreste von Opfern in unterschiedlichen römischen, hellenistischen oder ägyptischen Kulten, d.h. Fleisch, dass heidnischen Göttern geweiht war und die sozusagen nicht alles aufgegessen haben.
Beides dürfte eigentlich für das Leben eines Christen keine Rolle spielen. Alle Speise kommt von Gott. Die Götzen sind Nichtse und die jüdischen Gesetze sind für Christen genauso „nichtsig". Daher kann alles guten Gewissens verzehrt werden. Wer so denkt ist - zumindest in diesem Punkt - stark im Glauben, der hat eine gewisse Reife erreicht. Aber es gibt eben auch die anderen, die Ängstlichen, die Unreifen, die Schwachen, die Anfänger im Glauben, die noch nicht frei sind in ihrem Gewissen, die noch gefangen sind in ihrer Prägung.
Eigentlich könnten sie unbeschadet nebeneinander existieren, wenn sie sich denn in Ruhe lassen würden, aber
V. 3 „Wer isst, verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, richte den nicht, der isst! Denn Gott hat ihn aufgenommen.
V. 4 Wer bist du, der du den Hausknecht eines anderen richtest? Er steht oder fällt dem eigenen Herrn. Er wird aber aufrecht gehalten werden, denn der Herr vermag ihn aufrecht zu halten.“
Es haut nicht hin mit der friedlichen Koexistenz, sondern sie fangen an einander zu richten, einander zu verurteilen, übereinander herzuziehen. Auch die Starken. Sie sind vielleicht noch gar nicht so reif, wenn sie auf einmal anfangen die Schwachen zu verurteilen und sich über ihre Pedanterie lustig machen.
Dieser Streit ist uns ziemlich fremd. Götzenopferfleisch kriegen wir heute eher selten beim Metzger. (Das müsste man wohl explizit bestellen.) Gewiss auch heute gibt es unterschiedliche Auffassungen in punkto Ernährung, aber es sind keine theologisch motivierten Streitigkeiten, wobei es sicherlich Menschen gibt, bei denen die richtige Ernährung durchaus zu einer Ersatzreligion geworden ist und die eine sehr missionarische Gesinnung haben ihren Standpunkt zu vermitteln.
Es gab aber noch einen anderen Konfliktherd: nämlich der Umgang mit den heiligen Tagen:
- Sollte man den Sabbat halten?
- Oder besser den Sonntag, weil Jesus da auferstanden ist?
- Oder lieber beide Tage?
- Oder doch gar keinen Tag, weil man doch frei vom jüdischen Gesetz war?
Wie viele würden sich wohl auch heute wünschen, dass Paulus ganz klare Ansagen macht, was die Gestaltung des Sabbats/Sonntages betrifft. Aber weit gefehlt. Es geht hier ja nicht um Ehebruch oder Diebstahl, dazu hätte Paulus sich wohl sehr klar geäußert. Es geht um die Ausgestaltung der Nachfolge. Es geht nicht um besser sündigen, sondern um richtig nachfolgen.
Umso länger ich im Glauben stehe umso mehr stelle ich fest, dass das NT kein Gesetz-buch ist wie das AT. Wir finden hier viel Freiraum in Fragen der Lebensgestaltung und der persönlichen Nachfolge. Und so auch hier:
V. 5 „Der eine hält einen Tag vor dem anderen, der andere aber hält jeden Tag gleich. Jeder aber sei in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt!
V. 6 Wer den Tag beachtet, beachtet ihn dem Herrn. Und wer isst, isst dem Herrn, denn er sagt Gott Dank; und wer nicht isst, isst dem Herrn nicht und sagt Gott Dank.
V. 7 Denn keiner von uns lebt sich selbst, und keiner stirbt sich selbst.“
Beides ist möglich. Man kann zu Gottes Ehre Fleisch essen und man kann zu Gottes Ehre darauf verzichten. Man kann frei sein zum essen und nicht frei sein zum essen.
Beides ist möglich. Man kann zu Gottes Ehre einen Tag höher als andere halten und kann aus der Freiheit des Glaubens darauf verzichten.
Jeder soll in der Gestaltung der Nachfolge seiner Überzeugung gemäß handeln, aber ohne über den, der eine andere Überzeugung hat die Nase zu rümpfen und ohne ihn zu richten.
Eine kurze Geschichte, die ich im Internet gefunden habe, verdeutlich dies:
Ein Vater zog mit seinem Sohn und einem Esel in der Mittagsglut durch die staubigen Gassen von Keshan. Der Vater saß auf dem Esel, den der Junge führte. „Der arme Junge“, sagte da ein Vorübergehender. „Seine kurzen Beinchen versuchen, mit dem Tempo des Esels Schritt zu halten. Wie kann man so faul auf dem Esel herumsitzen, wenn man sieht, dass das kleine Kind sich müde läuft.“ Der Vater nahm sich dies zu Herzen, stieg hinter der nächsten Ecke ab und ließ den Jungen aufsitzen. Gar nicht lange dauerte es, da erhob schon wieder ein Vorübergehender seine Stimme: „ So eine Unverschämt-heit. Sitzt doch der kleine Bengel wie ein Sultan auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenherläuft.“ Dies schmerzte den Jungen und er bat den Vater, sich hinter ihn auf den Esel zu setzen. „Hat man so etwas schon gesehen?“ keifte eine schleierverhangene Frau, „solche Tierquälerei? Dem armen Esel hängt der Rücken durch, und der alte und der junge Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus, als wäre er ein Diwan, die arme Kreatur!“ Die Gescholtenen schauten sich an und stiegen beide, ohne ein Wort zu sagen, vom Esel herunter. Kaum waren sie wenige Schritte neben dem Tier hergegangen, machte sich ein Fremder über sie lustig: „So dumm möchte ich einmal sein! Wozu führt ihr denn den Esel spazieren, wenn er nichts leistet, euch keinen Nutzen bringt und noch nicht einmal einen von euch trägt?“ Der Vater schob dem Esel eine Hand voll Stroh ins Maul und legte seine Hand auf die Schulter seines Sohnes. „Gleichgültig, was wir machen“, sagte er, „es findet sich doch jemand, der damit nicht einverstanden ist. Ich glaube, wir müssen selbst wissen, was wir für richtig halten.“
(Quelle: Nossrat Peseschkian, Der Kaufmann und der Papagei)
Nach der eigenen Überzeugung handeln ohne den anderen zu verurteilen.
In der CGF sind wir ja mittlerweile so homogenisiert und pasteurisiert, da finden wir gar keinen Ansatzpunkt mehr für irgendwelche theologischen Streitigkeiten. Wir wissen bspw. wie jeder über Taufe denkt. Jeder soll da nach seiner Überzeugung handeln. Manchmal denke ich ein bisschen mehr Reibung würde uns gar nicht schaden, weil mancher dadurch herausgefordert wird, vielleicht auch angetrieben und angespornt wird.
Aber in anderen christlichen Gemeinden gibt es oft noch genug solcher Reizthemen: Ist es für das Reich Gottes förderlicher zu bauen oder nicht zu bauen? Wie laut, wie modern, wie elektrisch usw. soll die Lobpreisband sein? Das sind oft die Gemeindespalter. Frauenordination ist bei manchen auch ein Thema. Es gibt sicher noch viel mehr Konfliktherde, die ich mir mit meinem schlichten Gemüt mir gar nicht vorstellen kann.
V. 10 „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder auch du, was verachtest du deinen Bruder? Denn wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“
Und weiter schreibt Paulus, nicht nur nicht richten, sondern sogar so das Leben gestalten, dass es dem anderen kein Stolperstein ist.
V. 13 „Lasst uns nun nicht mehr einander richten, sondern haltet vielmehr das für recht, dem Bruder keinen Anstoß oder kein Ärgernis zu geben!“
Kein Fallstrick sein! Das ist jetzt ein Wort an die Starken. Wenn ich frei bin zum Verzehr, dann kann ich auch frei sein zum Verzicht in der Gegenwart des Schwachen. Nicht damit ich es dem anderen Recht mache, sondern damit ich durch mein Verhalten dem anderen, dem jungen und schwachen im Glauben nicht in Glaubenskrisen führe.
Trotzdem stellt Paulus klar, auf welcher Seite er steht:
V. 14 „Ich weiß und bin überzeugt in dem Herrn Jesus, dass nichts an sich unrein ist; nur dem, der etwas als gemein ansieht, dem ist es unrein.“
Hier beruft er sich nicht auf sich selbst, sondern auf Jesus Christus. Entweder bezieht er sich auf eine geistliche Offenbarung oder auf Worte Jesu. Und Jesus sagte ja bspw. im Disput mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, dass alle Speisen rein sind und nichts von außen den Menschen verunreinigen kann (Mk. 7, 15 - 23).
Aber trotzdem im gemeindlichen Miteinander geht es nicht darum Recht zu bekommen, nicht um das Urteilen und Verurteilen, sondern es geht um einen gemeinsamen Wandel in der Liebe, um gegenseitigen Respekt und Anerkennung, um Rücksichtnahme.
V. 15b sonst „wandelst du nicht mehr nach der Liebe.“
Denn….und jetzt kommt endlich der Vers des Predigttextes:
V. 16 „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.“
oder besser verständlich:
„Denn im Reich Gottes geht es nicht um Fragen des Essens und Trinkens, sondern um das, was der Heilige Geist bewirkt: Gerechtigkeit, Frieden und Freude.“ (Röm. 14,16 NGÜ)
Wenn im NT vom Reich Gottes die Rede ist, dann geht es immer um die ausgeübte Königsherrschaft Gottes, nicht um ein regionales Reich oder Gebiet. Es bedeutet also etwa soviel wie. da:
wo Gott unter Euch herrscht,
wo das Wesen seiner Herrschaft gegenwärtig ist ,
wo seine Liebe gegenwärtig ist…
Dort spielen solche Fragen keine Rolle mehr.
Nächstes Jahr ist Luther-Jahr. Was hat den jungen Luther gequält? Die Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?
Auch darum geht es in unserem Text: Wie esse ich richtig? Wie halte ich den Feiertag richtig? Die Antwort: Ich muss keine Reinheitsvorschriften mehr beachten um vor Gott bestehen zu können. Ich habe bestanden!
Diese Fragestellungen gehen daher am Kern des Evangeliums vorbei. In einer Klassenarbeit würde der Lehrer wohl sagen: Leider eine Themaverfehlung.
Jetzt hatten wir eine lange Herleitung was das Reich Gottes nicht ist. Wahrscheinlich typisch deutsch: immer auf das Negative schauen. Jetzt wollen wir aber noch auf das Schauen, was das Reich Gottes ausmacht: Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist!
Gerechtigkeit, Friede und Freude. Also, ehrlich gesagt: ich hätte es wahrscheinlich anders definiert. Zuallererst hätte ich Liebe geschrieben und wenn ich jetzt ein organisch-dynamischer Vollblut-Pfingstler wäre, hätte ich wohl auch noch Kraft geschrieben und Barm-herzigkeit natürlich und selbstverständlich Gnade und…..
Nun, ich bin mir nicht sicher, ob Paulus dies als abschließende Aufzählung verstanden haben wollte, aber er hat sich sicherlich dabei etwas gedacht.
Und daher ist es sicher kein Zufall, dass hier als erstes Gerechtigkeit steht. Gerechtigkeit ist ein Wesenszug Gottes. Gerechtigkeit meint mehr als unser regulatives Verständnis.
„Die Bibel meint also mit der Gerechtigkeit Gottes seine umfassende Lebensgabe und Lebensgnade.“
(Quelle: Brunnen, Das große Bibellexikon Band 2)
Denn das ist es ja, was im Reich Gottes bewirkt wird: nicht durch mein ängstliches Streben, sondern durch Gottes Gnade: ich werde gerechtfertigt und erfahre ohne eigenes Zutun, durch das Werk Christi Gottes Gerechtigkeit.
„und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist.“ (Röm. 3,24 Rev. Elb.)
Und diese Gerechtigkeit bewirkt Frieden mit Gott.
„Und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein.“ (Jes. 32,17 Luther)
So beschreibt Jesaja das Wesen des kommenden Königreiches.
Aber ich denke Gerechtigkeit hat immer auch eine Dimension zu meinen Nächsten hin. Auch in diese Richtung sollen Gerechtigkeit und Frieden als Wesen des Reiches Gottes sichtbar werden. Der wahre Gottesdienst findet im Alltag statt, schreibt Paulus an anderer Stelle im Römerbrief (12,1).
Aus der Gerechtigkeit mit Gott entspringt Gerechtigkeit im Alltag. Gerechtigkeit drückt sich immer in Beziehungen aus. Beim Volk Israel war der Gradmesser der Umgang mit den Witwen, Waisen und Fremden. Auch heute wieder ein aktuelles Thema: der Umgang mit den Fremden.
Als ich von der Partei mit dem C im Namen kürzlich gelesen habe, sie wollen Asyl künftig auf Christen reduzieren, musste ich an das Wort Jesu denken: „Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe?“ (Mt. 5,46 Rev. Elb.)
Gerechtigkeit im Alltag, in der Gesellschaft, in der Politik, im Reich Gottes…ein spannendes Thema. Stoff für viele weitere Predigten.
Frieden. Wer Frieden mit Gott hat, kann auch Frieden mit seinen Mitmenschen leben. Dabei ist nicht nur kein Krieg und kein Streit gemeint, sondern ein füreinander sorgen. Ein sich aktives Einsetzen.
V. 19 „So lasst uns nun dem nachstreben, was dem Frieden…dient.“
Fehlt noch Freude. Ich muss zugeben: Ich hab´s nicht so mit der Freude. Ich bin einfach sowas von ausgeglichen. (Liegt vielleicht daran, dass ich seit meiner Jugend „beta-geblockt“ bin.) Ich bin schon zufrieden, wenn ich mich mal innerlich freue. Wenn ich auf irgendwelchen Konferenzen bin und dann enthusiastisch jubelnde und emotional verzückte Christen sehe, komm ich mir mit meiner Ausgeglichenheit immer recht minderbegabt vor.
Aber das biblische Freude bedeutet viel mehr. Sie meint ein ganzheitliches Wohlbefinden. (Und mit Wohlbefinden kenn ich mich als Wohlrab aus.) Fülle. Leben in Fülle.
V. 18.19 „So lasst uns nun dem nachstreben, was dem Frieden, und dem, was gegenseitigen Erbauung dient.“
AMEN.
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