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Freitag, 11. Mai 2018

Predigt von Norbert Wohlrab (06.05.2018)

Jahreslosung 2018


1. Einleitung

Was fällt Euch ein zum Begriff Fernweh?

(Ein Begriff mit dem wohl jeder spätestens dann etwas anfangen kann, wenn Kinder da sind, weil dann mit einem durchschnittlichen Einkommen nicht mehr so viel für Reisen übrig bleibt. Nicht nur kleine Kinder, gerade auch große kosten Geld.)

Und wie ist es mit Sehnsucht? Was fällt Euch dazu ein?

(Ich war überrascht, dass der Begriff ursprünglich eher pathologisch verwendet wurde. Als Krankheit des menschlichen Verlangens. Als ein Verzehren nach Personen, Objekten oder Zuständen mit dem schmerzhaften Bewusstsein, sie nicht erreichen zu können.

Sehnen und Sucht in einem Wort. Das drückt schon viel aus. Das Sehnen wird zur Sucht. Sich sehnen ist noch keine Sehnsucht im eigentlichen Wortsinn.

Sehnsucht ist auch ein Gemanismus. Ein typisch deutscher Begriff, den es so in anderen Sprachen nicht 1zu1 gibt und daher als deutsches Fremdwort übernommen wird.)

Und wie ist es mit Durst? Was fällt Euch dazu ein?

(Die Karawane zieht weiter…..)

Alle drei Begriffe haben etwas mit Sehnen, Begehren usw. zu tun. Und darum geht es mir heute.



2. Jahreslosung 2018: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst (Offb. 21,6)

In meiner Predigt heute geht es um Durst. Mir ist nämlich aufgefallen, dass wir noch keine Predigt zur diesjährigen Jahreslosung hatten.

Die Jahreslosung stammt aus dem Buch der Offenbarung und zwar aus einem Abschnitt, in dem der neue Himmel und die neue Erde beschrieben werden. Ich lese sie mal im Zusammenhang:

„1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;
4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!
6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offb. 21, 1-6 Luth 2017)


Andere Übersetzungen:

„Ich will dem Dürstenden aus der Quelle des Wassers des Lebens geben umsonst.“ (Rev. Elb.)
„Wer Durst hat, dem werde ich umsonst von dem Wasser zu trinken geben, das aus der Quelle des Lebens fließt.“ (NGÜ)
„Wer durstig ist, den werde ich unentgeltlich aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt.“ (EÜ 2016)


Hier spricht Gott! Worte in der Bibel, in denen Gott direkt spricht, haben eine ganz besondere Bedeutung!

Wasser ist wichtig! Ohne Wasser verdursten wir.
Wasser hat auch in der Bibel eine besondere Bedeutung. Nicht nur regional, weil in den Gegenden des Orients Wasser knapp war, sondern auch rituell und symbolisch.
Es gab im AT rituelle Bäder und Waschungen um sich von der Schuld und Unreinheit zu säubern.
Und im NT die Taufe als Bild für das Abwaschen der Schuld und das Sterben des alten Menschen.
Und in beiden Testamenten die Bilder vom Wasser als Lebensstrom, als Strom des Heiligen Geistes.

Also, Wasser als Bild für etwas das neues Leben spendet, war den Hörern bereits vertraut.  Und dieser Vers ist jetzt auch nicht neu, sondern wir finden ihn bereits in anderen Zusammenhängen. Z.B. bei Jesus im Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen.

„Jesus antwortete und sprach zu ihr: Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm geben werde, den wird nicht dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt.“ (Joh. 4, 13.14 Rev. Elb.)

Eigentlich die gleiche Aussage mit etwas anderen Worten und geringen anderen Aspekten.

Wenn wir noch einmal zurück zur Offenbarung gehen, dann fällt auf, Jesus sagt am Anfang: Es ist geschehen. Es ist fest gemacht! Es ist zementiert!

Das erinnert an die Worte Jesu am Kreuz: „Es ist vollbracht“ (Joh. 19,30) und es erinnert an das rückblickende Schauen Gottes auf seine Schöpfung: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1. Mose 1,31)

Es ist geschehen! Das Werk Jesu ist geschehen und das Angebot an alle Dürstenden gilt!
Und es gilt umsonst!
Umsonst, nicht vergeblich, aber unentgeltlich.
Umsonst, nicht käuflich, aber erhältlich.
Umsonst, nicht ohne Kosten für Jesus, aber kostenlos für uns.


3. Durst und menschliche Stillversuche

Das Angebot gilt für alle die Durst haben, für alle Dürstenden.
Das Problem bei Durst ist systemimmanent. Egal wie viel Du trinkst, Du wirst später immer wieder Durst haben.

„Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten“ (Joh. 4,13a) sagt Jesus zu der Samaritanerin. Das war keine neue Erkenntnis, das war und ist allen Menschen zu allen Zeiten klar: genau wie ich immer wieder essen muss, muss ich auch immer wieder trinken. Hilft nichts. Selbst wenn ich mal „über den Durst getrunken habe“ gilt das.

Das gilt für den biologischen Durst und genauso für den Durst nach materiellen und immateriellen Dingen.

Vielleicht könnt Ihr Euch noch an die Freizeit auf dem Hesselberg vor etwa 15 Jahren mit M. Kettner erinnern. Er hat damals u.a. über die Seele gesprochen. Er hat erklärt dass das hebr. Wort für Seele Schlund oder Kehle bedeutet. Unsere Seele ist ein Schlund, sie sucht danach gestillt zu werden. Jeder Mensch sucht nach Erfüllung, nach Füllung dieses Schlundes, dieses Lochs, dieses Vakuums, dieser Leere.

Je nach dem wie wenig Liebe man in seinem „Schlundsystem“, in seiner Seele speichern konnte, und wie wenig Wert man dann in sich selbst empfindet, wie wenig man emotional in sich selbst ruhen kann, desto stärker ist der Drang diesen Durst durch verschiedenste Dinge von außen zu stopfen.

Es dürstet die Seele nach Leben, nach erfüllten vollen Leben. Und sie sucht es zu finden in mich-erfüllenden Partnerschaften, in mich-befriedigender Sexualität, in erfolgreicher beruflicher Karriere, in sportlichen Leistungskicks und Erfolgen, Körperkult, Ernährungs-kult, materiellen Reichtum und Luxus uvm.

Egal was man anstrebt und auch erreichen mag, es ist niemals genug. „Never enough“ heißt es in einem Rocksong. Selbst wenn man in einem Bereich 100% erreicht, wird es keine dauerhafte Befriedigung schenken und man braucht ein neues Betätigungsfeld.

Nichts davon ist geeignet dieses Vakuum dauerhaft zu stillen. Nichts Immaterielles und nichts Materielles.

Bei der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen war es vielleicht ähnlich. Sie hat ja nicht nur regelmäßig Wasser geschöpft. Sie hatte auch einen gewissen Männerverschleiß. „fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann“ (Joh. 4,18 Rev. Elb.). Es lässt sich nur spekulieren, aber vielleicht hatte ja auch sie ein starkes emotionales Defizit, dass sie versucht hat irgendwie zu füllen.
Übrigens Jesus verurteilt sie nicht, sondern er bietet ihr lebendiges Wasser an.

Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie hat einmal gesagt: „Sobald die Leute genug haben, wovon sie leben können, stellt sich heraus, dass sie nicht wissen, wofür sie leben können.“ Dies gilt in jeder Hinsicht. Egal nach welchem System man Löcher stopfen will, es funktioniert nicht.

„Denn zweifach Böses hat mein Volk begangen: Mich, die Quelle lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich Zisternen auszuhauen, rissige Zisternen, die das Wasser nicht halten.“ (Jer. 2,13 Rev.Elb.)

Die Zisternen sind löchrig. Das „Schlundsystem" unseres Seins, kann nur durch lebendiges Wasser gestillt werden.

„Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt“ (Pred. 3,11a Rev. Elb.)

Der Mensch hat in sich ein systemimmanentes Vakuum. Dieses Vakuum dürstet nach Ewigkeit, dürstet nach Gott.

„Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott“ (Ps. 42,3a Rev. Elb.)

Es ist dieser Durst nach Ewigkeit, nach inneren Frieden und Versöhnung, nach Gnade und Annahme, nach Heil und Geborgenheit, den ich nur in Jesus löschen kann, der nur von ihm gestillt werden kann.
Aber wenn er gestillt ist, dann ist er es auch. Auch wenn die letztendliche Vollendung erst in der Ewigkeit geschieht, wird doch das Vakuum in der Seele schon jetzt gestopft.

„den wird nicht dürsten in Ewigkeit.“ Wenn ich sein Lebenswasser getrunken habe, dann will ich es gar nicht mehr anderweitig stillen. Dann weiß ich auch, dass all die schönen Dinge des Lebens gar nicht dazu geeignet sind, gar nicht dazu gemacht sind, meinen Durst zu stillen. Ich glaube, man kann dann wahrscheinlich erst so richtig genießen.


4. Überfließendes Wasser

Aber Jesus geht ja auch noch weiter. Sein Lebenswasser stopft nicht nur unseren Schlund. Es läuft auch noch über.

„Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus seinem Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Joh. 7,38 Rev. Elb.)

Jesus spricht hier vom Heiligen Geist (V. 39). Wir sind überfließbar angelegt. Gottes Geist wirkt und fließt durch uns, wenn wir uns von ihm leiten lassen. Und hier geht es nicht nur um spektakuläre Heilungsgebete, sondern auch um das ganz normale Leben im Alltag. Der größte Teil unseres Lebens ist Alltagsleben (wenn wir nicht gerade schlafen). Dort will seine Freundlichkeit, seine Güte, seine Liebe, seine Gerechtigkeit weiter aus uns heraus in die Welt hinein fließen.

Und ich glaube, das geschieht oft sogar, ohne dass wir uns dessen groß bewusst sind.

Es passiert, dass sich Leute bei uns bekehren und wir wissen nichts davon.
Ich habe angeblich mal durch eine einzige Frage eine ganze Ehe gerettet.
Neulich habe ich einen ehemaligen Klienten getroffen, der sich bei mir bedankt hat, weil ich ihm immer so motiviert und gedrängt habe und er damals dann schon Schulabschluss und Ausbildung nachholen konnte und er jetzt mittlerweile seit einigen Jahren Vorarbeiter in einer Firma ist und nun sogar so gut verdient, dass er sich in Fürth eine kleine Altbauwohnung kaufen konnte.

Und ich denke, solche Dinge, wo wir etwas von Gottes Herrlichkeit weitergeben konnten, kennen wir alle. Wir vergessen die Sachen nur oft wieder allzu schnell.


5. Schluss

Viele die versuchen ihren Lebensdurst mit irgendwelchen Quellen zu stillen, sind auch auf der Suche nach einem Sinn im Leben oder den Sinn des Lebens.

Paradoxerweise sagt die Bibel zu dieser eher philosophischen Frage gar nichts. Der Begriff Sinn des Lebens oder eine ähnliche Fragestellung finden wir in der Bibel nicht. Es wird nur erwähnt wie unsinnig und nichtig vieles menschliche Streben ist. Sinn ist irgendwie überhaupt kein Thema. Vielleicht auch weil das von Gott gegebene Leben schon automatisch Sinn in sich trägt.

Wir Christen sind ja ganz schnell mit Aussagen wie „Jesus ist der Sinn des Lebens“ oder „Jesus gibt deinen Leben Sinn“ oder so ähnlich. Aber was heißt das denn eigentlich praktisch, ganz konkret und nicht abstrakt? Im konkreten Alltag? Haben wir überall, in jedem Lebensbereich Sinn gefunden oder überhaupt gesucht? Brauchen wir überall Sinn?

Ich denke, wenn ich Jesus gefunden habe, wenn er den Lebensdurst in mir gestillt hat, dann ruhe ich in dermaßen in ihm, der ja das Leben ist, dass sich die Frage gar nicht mehr stellt, weil ich dann weiß wohin ich gehe, weil ich mit ihm verbunden bin, weil ich mich angenommen und geliebt weiß. Dann habe ich eine unheimliche feste Basis für mein Leben. Dann bin ich über diese Daseinsstufe, über diese Fragestufe schon hinaus. Dann dürstet mich nicht mehr.

Und wenn er dann in mir lebt, dann kann ich durch ihn meinem Alltag Sinn geben.
Vielleicht ist es das gleiche, wie „Jesus gibt deinem Leben Sinn“, aber ich habe das Gefühl, er nimmt mich nicht ganz aus der Verantwortung….

Ich habe neulich einen kurzen Clip von Will Smith gesehen und da hat er erzählt, dass er jetzt aufhört seine Frau glücklich machen zu wollen, weil er erkannt hat, dass das nicht geht. Er kann sie lieben, freundlich zu ihr sein, sie zum Lachen bringen usw., aber sie nicht glücklich machen, denn glücklich zu sein, ist ihre eigene Entscheidung. (Und die Amerikaner sind ja sogar durch die Verfassung verpflichtet nach Glück zu streben.)

Glücklichsein liegt sozusagen im Auge des Betrachters.

Vor ein paar Wochen wurde bundesweit eine Umfrage unter Wohnungslosen durchgeführt mit Fragen zu unterschiedlichen Lebensfeldern. Unter anderem ging es auch um ihre materiellen Möglichkeiten. Und eine Frage war: „Können Sie sich alles kaufen, was ihnen wichtig ist?“ (Freizeit, Kultur, Genussmittel, Fahrkarten etc.). Die Antwortmöglichkeiten gingen von 1 (alles) bis 5 (gar nichts). Die Umfrage wurde auch in unserer Einrichtung durchgeführt und man erwartet bei Menschen, die 115,- Euro im Monat dafür zur Verfügung haben, dass sie überwiegend 4 oder 5 ankreuzen. Aber das war überraschenderweise gar nicht der Fall. Es gab eine komplette gleichmäßig verteilte Streubreite von 1 bis 5. Und ich vermute, dass man hier zu den selben Ergebnissen kommt, egal ob die Leute 200, 2000 oder 20.000 Euro im Monat zur Verfügung haben.
Warum? Weil es ist die eigene Entscheidung, ob man zufrieden ist, ob man glücklich ist oder nicht.

Um das ganze Abzurunden: wenn ich Jesus gefunden habe, wenn er meinen Lebensdurst gestillt hat, wenn mein Leben Sinn macht, kann es trotzdem sein, dass ich in einzelnen Lebensbereichen (z.B. im Beruf) keinen Sinn sehe. Deshalb ist aber nicht das Fundament falsch, sondern ich kann Jesus bitten mir zu helfen die Sache mit anderen Augen zu sehen, neu zu bewerten, vielleicht auch zu lassen oder einfach hinzunehmen, zu tragen. .

Ich habe vorhin von dem jungen Ex-Klienten erzählt. Wie oft kommt das vor? Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass ist vielleicht einer von 40, der so eine vollständige und nachhaltige Integration in die Gesellschaft erzielt. Das sind 2,5 %. Lohnt das denn? Ich sage Ja. Das sind 2,5% die meiner Arbeit Sinn geben. 2,5% für die es Sinn macht. Für mich ist das heute ok. Früher war das anders. Es ist ja auch nicht so, dass alle anderen scheitern. Es gibt da viele Graduierungen. Erfolg liegt im Auge des Betrachters.

Als Johannes die Offenbarung empfangen hat, lag die Welt für die Christen in Scherben. Verfolgung überall. Da bekommen die Aussagen, dass Gott alle Tränen abwischen wird und das es in der Zukunft bei ihm kein Leid und kein Geschrei mehr geben wird, eine ganz neue Bedeutung.

Wie haben sie ihr Leben wohl gerade bewertet? Verfolgung, Unterdrückung, Misshandlung, Benachteiligung, Tod, Leid und Schmerz. Ob sie sich über den Sinn des Lebens Gedanken gemacht haben? Oder haben sie einfach nur nach Erlösung und Gerechtigkeit gedürstet (Mt. 5,6)?

Auch wenn sich ihre Lebensumstände nicht von jetzt auf gleich geändert haben, so galt auch für sie, dass das lebendige Wasser eine Quelle ist, die durch alle Lebenslagen durch trägt und ein Fundament bildet, das allen Widernissen widerstehen kann. Das gilt auch für uns.

AMEN.

Dienstag, 31. Januar 2017

Predigt von Norbert Wohlrab zur Jahreslosung 2017 (22.01.2017)

Jahreslosung 2017

Traditionsgemäß werde ich zum Jahresanfang über die Jahreslosung predigen. Sie lautet: 


„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hes. 36,26) 

 
Betrachten wir den Vers zunächst einmal in seinem Zusammenhang.
 

24 „Und ich werde euch aus den Nationen holen und euch aus allen Ländern sammeln und euch in euer Land bringen.
25 Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von all euren Unreinheiten und von all euren Götzen werde ich euch reinigen.
26 Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.
27 Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde machen, dass ihr in meinen Ordnungen lebt und meine Rechtsbestimmungen bewahrt und tut.
28 Und ihr werdet in dem Land wohnen, dass ich euren Vätern gegeben habe, und ihr werdet mir zum Volk, und ich, ich werde euch zum Gott sein.
29 Und ich werde euch befreien von all euren Unreinheiten.“ (Hes.36, 24-29a Rev. Elb.)
 


Wir haben es hier mit prophetischen Aussagen des Hesekiel zu tun. Und wie so oft im AT, sind die Prophetien mehrschichtig, d.h. sie sind auf mehrere Zeitebenen in der Zukunft bezogen.

Was war die Situation? Israel hat - wie so oft in seiner Geschichte - die Wege des Herrn verlassen. Es hat nicht mehr nach seinen Geboten gelebt, hat fremde Götter angebetet, hat Menschenopfer gebracht, den Tempel entweiht und andere Verbrechen getan, wie soziale Unterdrückung, Raub, Inzest usw. Es hat nicht auf die Warnungen und Aufrufe zur Umkehr durch die Propheten gehört. Daher wurde Israel 597 v. Chr. von den Babyloniern erobert. Zunächst wurde König Jojachin und die führende Elite nach Babylon verschleppt - unter ihnen auch der Prophet Hefekiel - und eine Marionettenregierung in Jerusalem eingesetzt. Als diese dann zehn Jahre später gegen Babylon aufbegehrte, wurde Jerusalem zerstört und das Volk Israel 586 v. Chr. in die Gefangenschaft nach Babylon deportiert.

Hesekiel war der Prophet im Exil. Dort im Exil verkündete er dem Volk die Hoffnungsbotschaft, dass sie in die Heimat zurückkehren werden. Und tatsächlich als im Jahre 539 v. Chr. Babylon von den Persern unter Kyros II. erobert wird, können sie in die Heimat zurückkehren und unter Nehemia und Serubbabel wird Jerusalem neu aufgebaut. Nachzulesen in den Büchern Esra und Nehemia.

Dort erfüllt sich der erste Teil der Verheißung. Das Volk Israel kehrt zurück in sein Land. Später wiederholt sich die Geschichte. Jerusalem wird unter den Römern erneut zerstört und das Volk wieder zerstreut um dann im Jahr 1948 wieder in seine Heimat zurückzukehren. Und die Verheißung aus Hesekiel erfüllt sich ein zweites Mal.

Soweit die geographische Wiederherstellung.

Es gibt eine Geschichte von Friedrich dem Großen, der einmal seinen Leibarzt sarkastisch gefragt haben soll: „Nenn´ er mir einen Gottesbeweis, wenn er kann!“ Der soll eine kurze Antwort gegeben haben: „Die Juden - Majestät.“

Wie viele Völker gibt es, die komplett vernichtet wurden? Denken wir nur an die Indianer und Indios in Amerika oder an die Armenier, von denen nur noch wenige übrig sind oder an zahlreiche Stämme in Afrika, die ausradiert wurden.
Wie viele gibt es, die seit Jahrhunderten kein eigens Land haben, wie bspw. die Kurden, eines der ältesten Völker der Welt?
Das Volk Israel dagegen hat nach mehreren Exilen, nach Jahrhunderten der Zerstreuung in alle Welt, nach der Massenvernichtung im Holocaust, nach zahlreichen Angriffen von seinen arabischen Nachbarn usw. immer noch bzw. wieder seinen Platz auf der Landkarte und es wächst und gedeiht.

Aber das Volk Israel soll ja auch innerlich erneuert werden. 
Zunächst spricht Hesekiel von der Reinigung mit Wasser. Dies ist ein Bild, dass den kultischen Vorgaben des AT entspricht. Die Hohepriester, die ja als einziges Zugang zum Allerheiligsten im Tempel hatten, mussten sich zunächst rituell reinigen um Gott begegnen zu können.

„Wenn sie in das Zelt der Begegnung hineingehen, sollen sie sich mit Wasser waschen, damit sie nicht sterben. Oder wenn sie an den Altar herantreten zum Dienst, um für den Herrn ein Feueropfer als Rauch aufsteigen zu lassen, dann sollen sie ihre Hände und ihre Füße waschen, damit sie nicht sterben. Und das soll für sie eine ewige Ordnung sein.“ (2. Mose 30, 20.21a Rev. Elb.)
 

Der Mensch ist unrein und kann Gott ohne (diese wohl symbolische) Reinigung von seiner Unreinheit nicht begegnen. Aber hier ist es Gott, der die Reinigung vollzieht und nicht der Mensch. Das ist jetzt das völlig Neue. Keine Rituale, keine Gesetze, keine Selbsterlösung. Gott allein reinigt und rettet. Christus allein. Solos Christus. Allein aus Gnade. Sola Gratia. Das passt zum Reformationsjubiläum.

„so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in voller Gewissheit des Glaubens, die Herzen besprengt und damit gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser.“ (Hebr. 10,22 Rev. Elb.)

Aber es geht noch weiter. Gott schenkt nicht nur die Reinigung. Das wäre ja zum Zwecke der Erlösung schon völlig ausreichend. Er setzt noch einen drauf und schenkt noch eine Herztransplantation.

„Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“ (V. 26)

Das Herz des Menschen, im biblischen Sinne der Sitz des Lebens, des Wesens, des Charakters, das Zentrum des Denkens, Wollens und Fühlens ist schlecht.

„Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken: Mord, Ehebruch, Unzucht, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerungen“ (Mt. 15,19 Rev. Elb.)

So schaut´s aus. Das ist die göttliche Einschätzung des menschlichen Wesens.
Hier hilft keine Maniküre, keine äußerliche Reinigung, kein Hände und Füße waschen, keine neue Frisur, kein neuer Anzug. Hier hilft kein neuer Job und kein neues Auto. Und auch keine neue Frau und kein neuer Mann. Auch keine neue Religion und kein neuer Meditationsweg. Auch kein Jakobsweg und keine andere Ernährung. Keine noch so guten Vorsätze. Nicht einmal ein Präsidentenamt. Nichts, was der Mensch irgendwie tun könnte, würde an seinem Grundwesen etwas ändern.

„denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an“ (1. Mose 8,21b Rev. Elb.)

Es langt also nicht aus die Herzenshaltung zu ändern. Zuerst bedarf es eines neuen Herzens. Die Prophetie des Hesekiel verbindet dies mit einem neuen Geist. Ein neues Herz und ein neuer Geist.

Die Erfüllung dieser Verheißung begann für Israel und für alle Menschen am ersten Pfingsten. Durch die Hinwendung zu Christus und den Empfang des Heiligen Geistes vollzog sich diese Herztransplantation.

„Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern und allen, die in der Ferne sind, so viele der Herr, unser Gott, berufen wird.“ (Apg. 2, 38.39 Rev. Elb.)
 

Tut Buße. Also stimmt mit Gott überein, dass Ihr Sünder seid und Euch nicht selbst erlösen könnt. Lasst Euch taufen auf den Namen Jesu. Drückt dadurch aus, dass Ihr Euer Vertrauen auf Erlösung einzig und allein auf Jesus Christus setzt. Solus Christus. Und dann empfangt den Heiligen Geist. Und dies ist die Verheißung, die an verschiedenen Stellen im AT angekündigt wurde. Hesekiel, Joel, Jeremia etc.

Und dieser Geist ist es, der in uns die Umgestaltung unseres Wesens bewirkt. Der - bildlich gesprochen - das steinerne Herz entfernt und ein fleischernes einsetzt. Der uns den Wunsch und den Willen gibt jesusgemäß zu leben. Diese Veränderung ist so gewaltig, dass die Bibel von einer neuen Schöpfung, einer neuen Kreatur, einem neuen Menschen spricht. (2. Kor. 5,17)

„Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der Herr: ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben. Und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Dann wird nicht mehr einer seinen Nächsten oder seinen Bruder lehren und sagen: Erkennt den Herrn! Denn sie alle werden mich erkennen von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten, spricht der Herr. Denn ich werde ihre Schuld vergeben und an ihre Sünde nicht mehr denken.“ (Jer. 31, 33.34 Rev. Elb.)

Für das Volk Israel ist diese Verheißung erst punktuell erfüllt, da sie Jesus als Messias ja abgelehnt haben. Nur die an Christus glaubenden Juden erleben sie schon. Aber wir sind schon mittendrin.

„denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der gegeben worden ist.“ (Röm. 5,5b Rev. Elb.)

Wir sind nun in der komfortablen Situation, dass wir durch den in uns wohnenden Geist eine Verbindung zum Vater haben, dass wir Gott erkennen, mehr und mehr erkennen und dadurch seinen Willen teilen.

Nicht wie Marionetten, sondern wie Prinzen und Prinzessinnen. Wir tragen seine DNA in uns. Und jetzt geschieht das Erstaunliche: wir brauchen seine Gebote eigentlich gar nicht mehr.

„indem er dies weiß, dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist, sondern für Gesetzlose und Widerspenstige, für Gottlose und Sünder, für Heillose und Unheilige, Vatermörder und Muttermörder, Mörder, Unzüchtige, Knabenschänder, Menschenräuber, Lügner, Meineidige…“ (1. Tim. 1, 8b-10 Rev. Elb.)

Diejenigen, die Gott nicht kennen, brauchen das Gesetz, damit sie eine moralisch-ethisch-soziale Orientierung haben, diejenigen, die den Heiligen Geist in ihrem Herzen haben, leben gemäß der DNA Gottes. Wenn Du ein Elektroauto hast, dann brauchst Du kein Benzin mehr.

Natürlich sind das alles Wachstumsprozesse. Die Früchte des Geistes, die Früchte der Liebe wachsen in uns. Und wenn jmd. frisch dabei ist sein Leben mit Jesus zu leben, ist es hilfreich eine ethisch-moralische Instanz außerhalb von sich selbst zu haben, an der man sich orientieren kann. Das sagt Paulus auch vorher:

„Das Gesetz ist, wie wir alles wissen, gut und nützlich – vorausgesetzt, man wendet es in der ihm angemessenen Weise an.“ (1. Tim. 1,8 NGÜ)
 

Also nicht als Heilsweg, sondern als Hilfestellung, als Orientierungshilfe auf dem Weg der Liebe. Denn wir wissen, wie es Luther so schön ausdrückte (wenn auch theologisch nicht korrekt, weil es eigentlich um das schwache Fleisch geht und nicht um den alten Adam, da dieser ja mit Jesus gekreuzigt wurde):

„Der alte Adam in uns soll ersäuft werden. Nimm dich aber in acht, das Aas kann schwimmen!“ (Luther)
 

Wir haben ein neues Herz. Ein Herz der Liebe. Einen neuen Geist. Den Heiligen Geist. Ohne dies alles wäre es für uns sehr schwierig einander zu lieben, den Nächsten zu lieben, Gott zu lieben. So ist es uns möglich.

Das befreit uns nicht davor auf unser Herz zu achten. Manchmal ziehen dunkle Wolken darüber. Manchmal wird uns Gift injiziert. Manchmal injizieren wir es sogar selbst.

Daher benötigen wir manchmal Seelsorge und Gebet, manchmal innere Heilung und Befreiung, manchmal Ermutigung, manchmal brauchen wir einfach nur einander. Wäre dies nicht so, wäre das NT nicht voll von Ratschlägen und Hilfestellungen:

Ermahnt einander, ermutigt einander, tröstet einander, tragt einander die Lasten, lacht miteinander, weint miteinander.

„Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden-„ (2. Kor. 5,17 Rev. Elb.)

Wenn wir zu Christus gehören, sind wir neue Menschen, haben ein neues Herz, haben seinen Geist. Dies sind Gottes Zusagen. Dies gilt auch, wenn es im Alltag einmal anders aussieht. Dann gilt:

„dass, wenn das Herz uns verurteilt, Gott größer ist als unser Herz und alles kennt.“ (1. Joh. 3,20 Rev. Elb.)

AMEN.

Sonntag, 24. Februar 2013

Predigt von Norbert Wohlrab (24.02.13)

Ströme lebendigen Wassers
 

1. Die Bedeutung des Laubhüttenfestes

Wenn man eine Predigt vorbereitet, ist es manchmal so, dass man von vornherein etwas Bestimmtes auf dem Herzen hat, dass in einem brennt und man ist sich ganz sicher, dass Gott möchte, dass man das weiter gibt. Manchmal ist es auch so, dass man ein Predigtthema vorgegeben bekommt und dann forscht, was Gott der Gemeinde darin sagen möchte. Und manchmal ist es so, dass man Gott fragt über was man predigen soll und man hört dann eine relativ klare Antwort, bekommt einen Bibelvers und denkt sich dann: „Und darüber soll ich predigen?“ So erging es mir diesmal. Ich hatte sofort einen Vers vor Augen, den ich mir selber auf keinem Fall raus gesucht hätte.

Nein, er ist nicht aus den Geschlechtsregistern, sondern wir finden ihn im Johannes-Evangelium.

„Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.“ (Joh. 7, 37-39 Luther) 


Schauen wir uns zunächst mal die Situation an, in der Jesus diese Worte sprach. Es war das Laubhüttenfest. Der letzte Tag des Festes, der gleichzeitig auch der höchste, der wichtigste Tag war.

1.1 Das Erntefest

Das Laubhüttenfest (Sukkot) war das letzte von drei Wallfahrtsfesten (2. Mose 23, 14-17), an denen jeder männliche Israelit teilnehmen musste. Es war das Fest des Einsammelns der Ernte am Ende des Jahres, also der Obst- und Weinernte. Das Fest dauert eine Woche, aber nur der erste und der letzte Tag sind Feiertage.

„Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage zu den Israeliten: Am fünfzehnten Tage dieses siebenten Monats ist das Laubhüttenfest für den HERRN, sieben Tage lang. Am ersten Tage soll eine heilige Versammlung sein; keine Arbeit sollt ihr tun. Sieben Tage sollt ihr dem HERRN Feueropfer darbringen. Am achten Tage sollt ihr wieder eine heilige Versammlung halten und sollt Feueropfer dem HERRN darbringen. Es ist eine Festversammlung; keine Arbeit sollt ihr tun. Das sind die Feste des HERRN, die ihr als heilige Versammlungen ausrufen sollt, um dem HERRN Feueropfer darzubringen: Brandopfer, Speisopfer, Schlachtopfer und Trankopfer, ein jedes an seinem Tage, abgesehen von den Sabbaten des HERRN und euren andern Gaben und Gelübden und freiwilligen Gaben, die ihr dem HERRN gebt. Am fünfzehnten Tage des siebenten Monats, wenn ihr die Früchte des Landes einbringt, sollt ihr ein Fest des HERRN halten sieben Tage lang. Am ersten Tage ist Ruhetag und am achten Tage ist auch Ruhetag. Ihr sollt am ersten Tage Früchte nehmen von schönen Bäumen, Palmwedel und Zweige von Laubbäumen und Bachweiden und sieben Tage fröhlich sein vor dem HERRN, eurem Gott, und sollt das Fest dem HERRN halten jährlich sieben Tage lang. Das soll eine ewige Ordnung sein bei euren Nachkommen, dass sie im siebenten Monat so feiern. Sieben Tage sollt ihr in Laubhütten wohnen. Wer einheimisch ist in Israel, soll in Laubhütten wohnen, dass eure Nachkommen wissen, wie ich die Israeliten habe in Hütten wohnen lassen, als ich sie aus Ägyptenland führte. Ich bin der HERR, euer Gott. Und Mose tat den Israeliten die Feste des HERRN kund.“ (3. Mose 23, 33-44 Luther) 


Während dieser sieben Tage wohnt das Volk also in Laubhütten zur Erinnerung an die Nomadenzeit während der Wüstenwanderung, es soll an die Versorgung durch Gott erinnern, an die völlige Abhängigkeit von ihm und es soll als ein fröhliches Fest vor ihrem Gott gefeiert werden.

Es gibt ja Christen die denken, fröhlich zu sein, d.h. jetzt man isst zusammen Kuchen, klopft sich fröhlich auf die Schulter und spricht sich den Segen Gottes zu. Das ist natürlich auch sehr schön, aber ich persönlich glaube ja, wenn ich mir anschaue, welche Vorgabe Gott für den Zehnten gegeben hat:

„und gib das Geld für alles, woran dein Herz Lust hat, es sei für Rinder, Schafe, Wein, starkes Getränk oder für alles, was dein Herz wünscht, und iss dort vor dem HERRN, deinem Gott, und sei fröhlich, du und dein Haus“ (5. Mose 14,26 Luther)

dass es da ganz schön feuchtfröhlich zuging und der Alkohol nicht nur in homöopathischen Dosierungen genossen wurde. Aber vielleicht steht das ja in jeder Übersetzung anders......

Und am letzten Tag des Festes gab es nun eine besondere Tradition, die sog. Schoeva-Prozession (= Wasserschöpf-Prozession).  Ein Priester zog zu dem Teich Siloah bzw. zu der Gihon-Quelle, die den Teich gespeist hat, schöpfte dort Wasser in einem goldenen Gefäss um es dann auf dem Altar in ein Gefäss zu gießen. Da dieses aber Löcher hatte, ergoss sich das ganze Wasser über den Altar.

Dieses Ritual hatte mehrere Bedeutungen:

Zum einen ist das Laubhüttenfest ja ein Erntefest. Daher weiß man sich abhängig von der Versorgung Gottes mit Wasser, dankt ihm für die Ernte und bittet ihn um ausreichend Regen für das kommende Erntejahr. Dies wird durch das überfließende Wasser verdeutlicht. Die Idee für dieses Ritual - es gibt dafür keinen biblischen Auftrag - kommt aus dem Buch Jesaja. Dort steht:

„Und mit Freuden werdet ihr Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils.“ (Jes. 12,3 Rev. Elb.)
   
Für Heil steht hier im Hebr. „Je-schua“, also eigentlich JAHWE heilt, erlöst, hilft usw.
Hier ist also bereits ein erster Bezug zu Jesus vorhanden.

Zum Besprengen mit Wasser fällt mir ein Witz ein.

Ein Jude zieht in eine sehr katholische Gegend. Jeden Freitag sind die Katholiken sehr nervös, denn während sie ihren Fisch essen, sitzt der Jude im Garten und grillt Steaks. Also machen sie sich daran, ihn zu konvertieren. Schließlich, mit Bitten und Drohungen, gelingt es ihnen. Sie brachten ihn zu einem Priester, der besprenkelte ihn mit gesegnetem Wasser und sprach: "....geboren als Jude ....aufgewachsen als Jude ....jetzt ein Katholik." Die Katholiken sind begeistert, keine verführerischen Gerüche mehr am Freitag. Aber am nächsten Freitag zieht der Grillgeruch wieder durch die Nachbarschaft. Die Katholiken rennen schnell zum Haus des Juden, um ihn an seine neue Diät zu erinnern. Sie finden ihn am Grill stehend, wo er Wasser über das Fleisch sprenkelt und sagt: "....geboren als Kuh ....aufgewachsen als Kuh ....jetzt ein Fisch." 


1.2 Wasser aus dem Felsen 

Einen weiteren Ursprung dieses Schoeva-Rituals finden wir in einer Begebenheit während der Wüstenwanderung. Das Volk Israel ist in der Wüste und hat kein Wasser mehr und begehrt gegen Mose auf. Mose ist entnervt und verzweifelt und wendet sich an Gott. Dann heißt es:

„Der HERR sprach zu ihm: Tritt hin vor das Volk und nimm einige von den Ältesten Israels mit dir und nimm deinen Stab in deine Hand, mit dem du den Nil schlugst, und geh hin. Siehe, ich will dort vor dir stehen auf dem Fels am Horeb. Da sollst du an den Fels schlagen, so wird Wasser herauslaufen, dass das Volk trinke. Und Mose tat so vor den Augen der Ältesten von Israel.“ (2. Mose 17, 5.6 Luther)
An diese Begebenheit, diese hier erlebte Versorgung wird während des Rituals gedacht. Diese Begebenheit in der Wüste hat aber auch eine prophetische Dimension. Sie weist auf Jesus und das Kreuz hin.

Das Wort „Horeb“ wird wohl von dem hebräischen Wort für „Gericht“ abgeleitet. (Ganz sicher bin ich mir da nicht, ob meine Quellen da stimmen. Bei zehn jüdischen Kommentaren findet man manchmal 15 verschiedene Meinungen.) Tatsächlich wird aber der letzte Tag (Hoschanna Rabba) des Laubhüttenfestes, als ein Tag des Gerichts betrachtet, an dem die Erlösungsbedürftigkeit herausgestellt wird.

Mose schlug also auf den Felsen und es geschah wie Gott es verheißen hatte.

„Er spaltete Felsen in der Wüste und tränkte sie reichlich, wie mit Urfluten. Er ließ Bäche hervorkommen aus dem Felsen und Wasser herablaufen wie Flüsse.“ (Ps. 78, 15.16 Rev. Elb.)

Womit schlug er? Mit denselben Stab, mit den Mose den Nil geschlagen hatte. Mit denselben Stab, mit den er das Gericht über die Ägypter herabgerufen hatte. Dieser Stab ist ein Sinnbild für das Gericht Gottes.

Und wer war der Felsen? Christus! Paulus sagt:

„und alle tranken den gleichen gottgeschenkten Trank; denn sie tranken aus dem Leben spendenden Felsen, der mit ihnen zog. Und dieser Fels war Christus.“ (1. Kor. 10, 4 EÜ)

Der Felsen wurde am Ort des Gerichts mit dem Stab des Gerichts geschlagen. Christus wurde am Ort des Gerichts am Stab des Gerichts, am Kreuz, für uns geschlagen.
Wir haben hier also einen doppelten Hinweis auf Jesus: er ist der Fels der mit dem Gericht geschlagen wurde und er ist die Quelle des Heils, aus der geschöpft wird.

Und nun steht Jesus auf und sagt: „Wenn Ihr wirklich Durst habt nach lebendigen Wasser, nicht nur wie eure Vorväter nach physischen Bedürfnissen, wenn ihr eine Sehnsucht nach Leben habt, dann kommt zu mir und trinkt. Es wird euren Durst stillen und wird als lebendige Wasser aus Euch heraus strömen, so wie es den Altar überflutet hat.“

Die Juden sagten über ihr Laubhüttenfest, dass es ein Fest von großer Freude war. Es war laut und bunt und schrill und es wurde getanzt usw. und wer diese Freude nie erlebt hatte, wusste nicht was wahre Freude ist, trotzdem ist es nur fades Wasser im Vergleich zu dem lebendigen Wasser, das Jesus gibt.


2. Jesus gibt das Wasser des Geistes

In der Bibel ist Wasser oft ein Symbol für den Heiligen Geist. Und so auch hier: Jesus spricht von strömenden lebendigen Wasser des Geistes, das aus uns herausfließt.

Wer kommt in den Genuss dieser Verheißung? Das ist einfach. Jeder, der an Jesus glaubt, so wie die Schrift es sagt. Das AT stellt ihn vor, als den Messias, den Christus, den Erlöser. Jeder der glaubt, dass er der Christus, der für mich gesandte Erlöser ist.

Aber um an diesen Punkt zu kommen, muss ich erst mal Durst haben. Ich muss mir meiner Erlösungsbedürftigkeit bewusst sein, ich muss mich danach sehnen frei von meiner Schuld zu werden, ich muss mich danach sehnen gerechtfertigt zu werden von Gott. Ohne dies bleibt es beim intellektuellen Zustimmen - so wie ich der Wirkung eines Antibiotikums intellektuell zustimme „Ja, ich glaube, dass dieses Medikament gesund macht und diese und jene Wirkung hat“ ohne dass ich es jedoch einnehme - und wird nicht zum persönlichen Glauben.

Aber wenn ich diesen Glauben habe, dann habe ich die Verheißung, dass der Heilige Geist in mir (aus meinem Leib, aus meinem Inneren, aus meinem Bauch) zu einer überfließenden Quelle lebendigen Wassers wird.

Dr. Eckart von Hirschhausen fragt ja in seinem aktuellen Buch „Wo geht die Liebe hin, wenn sie durch den Magen durch ist?“, analog könnten wir hier fragen „Wo geht der Heilige Geist hin, wenn er aus meinem Bauch raus ist?“
Ich weiß nicht, ob Hirschhausen Antworten gibt, ich werde auf jeden Fall welche geben.

Zu dem Zeitpunkt des Auftretens Jesu auf dem Laubhüttenfest war der Heilige Geist noch nicht da. Wir leben jetzt nach Pfingsten und haben den Heiligen Geist. Wir haben ihn in Empfang genommen, haben unterschiedliche Erfahrungen der Erfüllung/Taufe/Freisetzung des Heiligen Geistes erlebt. Wir wissen also, wovon Johannes hier schreibt.

Trotzdem gibt es manchmal Differenzen zwischen unserer Erfahrung und der Verheißung Jesu. Manchmal fließt´s, manchmal strömt´s und manchmal tröpfelt´s auch nur. Woran könnte dies liegen?


 

3. Die verschiedenen Wirkungsweisen des Heiligen Geistes

Der Theologe Detmar Scheunemann differenziert vier verschiedene Dienste bzw. Wirkungsweisen des Heiligen Geistes, die ich für sehr hilfreich empfinde:
- der evangelistische Dienst: er überführt mich von Sünde, macht Jesus groß, führt mich zur Bekehrung
- der organisch-umgestaltende Dienst: er lässt die Früchte des Geistes in mir wachsen, lässt mich Christus-ähnlicher werden
- der charismatische Dienst: all die verschiedenen Geistesgaben und Kraftwirkungen (Prophetie, Heilung usw.) und
- der pädagogische Dienst: er lehrt mich durch das Wort, führt mich, tröstet mich usw.

Und ich denke diese vier Differenzierungen sind genauso auf die Ströme des Geistes anwendbar, die aus uns heraus fließen.

Wir charismatisch geprägten Christen haben oft nur die charismatische Seite des Wirkens des Heiligen Geistes im Blick oder sind zumindest etwas einseitig darauf fixiert. Wenn um uns herum oder durch uns die Kranken geheilt werden, die Prophetie fließt, die Dämonen weichen usw., dann sehen wir uns im Fluss des Heiligen Geistes. Dann bin ich da, wo der Geist Gottes ist und er strömt aus mir heraus und das Wasser fließt und alles ist bestens.

Aber wenn ich nur das charismatische Wirken im Blick habe, bin ich pneumatalogisch etwas restringiert. Dann bin ich in meiner Sicht der Dinge eingeschränkt, dann ist meine Wahrnehmung limitiert und dann ist auch meine Erwartungshaltung verkürzt.

Es könnte nämlich sein, dass der Heilige Geist gerade aus mir aktuell eher organisch-umgestaltend oder pädagogisch herausfließen möchte, weil es der Person neben mir einfach gut tut, wenn ich ihr bspw. mit Güte und Geduld begegne oder ihr einen Rat gebe. Und ich krieg es nicht mit, weil ich die falsche Brille aufgesetzt habe.


4. Hinderungsgründe für den Fluss des Geistes

Es gibt also tatsächlich Mechanismen, wie wir den Strom des Heiligen Geistes aus uns heraus behindern können.

Ich möchte Euch ein paar Strategien nennen, wie wir das möglichst „erfolgsversprechend“ schaffen könnten.

Eine habe ich schon erwähnt:
„1. Fokussiere Dich auf eine bestimmte Wirkungsweise des Heiligen Geistes und lass alles andere nicht in Dein Blickfeld!“

Im Gleichnis vom vierfachen Acker spricht Jesus davon, dass „die Sorgen des Alltags, die Verführung durch den Wohlstand und die Jagd nach den Freuden dieses Lebens“ (Lk. 8, 14 HfA) das geistliche Leben ersticken.

Auch dies ist eine sehr gute Strategie um den Strom des Heiligen Geistes abzutöten. Wir leben in einer Welt voller Freiheit und Möglichkeiten, aber auch voller Verpflichtungen und sozialer und medialer Einbindungen. Fluch und Segen liegen hier oft nah beieinander. Weniger ist hier oft mehr. „Simplify Your Life!“ ist das Schlagwort dazu.

Die erfolgsversprechende Strategie ist daher: „2. Versenke Dich in möglichst alle Anforderungen und Gelegenheiten des beruflichen, medialen und sozialen Lebens und sorge Dich stets um Deine Zukunft!“

Was kann den Fluss noch behindern? Ich habe vorhin erwähnt, dass das Laubhüttenfest ein Fest der Freude sein sollte. Und Freude hängt viel mit Freiheit zusammen. Paulus ruft uns zu:

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Gal. 5,1 Luther)

Obwohl die Hoch-Zeit des Pietismus mit seinen vielen Übertreibungen schon lange vorbei ist, setzen wir uns doch oft wieder selbst unter religiösen Druck oder lassen uns religiöse Erwartungen anderer aufladen. Wir haben irgendwelche Ideale, die wir erfüllen wollen; Vorbilder, denen wir nacheifern oder Prinzipien, nach denen wir zu leben trachten. Leider gibt es auch viele an sich gute christliche Bücher, die nur neuen Druck auf uns legen.

Daher lass Dir gesagt sein: Du musst gar nichts! Es ist vollbracht! Es ist vollständig erfüllt! Es ist vollendet! Es ist vollkommen vollkommen! Es gibt keine Verdammnis mehr. Gott liebt Dich, egal ob Du heute Plus- oder Minuspunkte in Deinem persönlichen Anspruchskatalog gesammelt hast.

Eine gute Verhinderungsstrategie ist daher: „3. Zweifle beständig und zuverlässig an Gottes persönlicher Liebe zu Dir und versuche Dir jeden Tag eine neue Pflicht aufzuerlegen!“

Man könnte noch ergänzen: „3a. Arbeite in mindestens so vielen gemeindlichen Gremien mit, dass es Dir schwer fällt Zeiten zur Entspannung und für Dinge, die Dir Spaß machen zu finden!“


5. Der Fluss des Geistes und seine Flussrichtung

Einen Punkt hab ich noch. Vielleicht sogar der Wichtigste. Jeder Fluss fließt immer von oben nach unten. Er entspringt irgendwo in den Bergen und fließt ins Meer.

Der Strom des Heiligen Geistes, der aus uns herausfließt, hat seinen Ursprung bei Gott und er will zu den Menschen fließen. Er ist nicht für mich bestimmt. Er ist nicht dazu da, dass ich mich gut fühle. Das ist ein wunderbarer Neben-Effekt, aber ich bin nicht das Ziel. (Es geht nicht um Individualismus und auch nicht um Gruppen-Egoismus.)

Gott ist Liebe (1. Joh. 4,8) und die Substanz dieses Stroms ist Liebe. Und diese Liebe will zu den Menschen. Dabei fließt sie heraus aus der Intimität mit Gott, aus den Zeiten der Gegenwart Gottes, der Ruhe vor Gott, der Anbetung zu den Menschen - und zwar in den verschiedensten Ausprägungen. Die Liebe will sich ausdrücken in Kraft, in Prophetie, in Heilung, aber genauso in Freundlichkeit und Güte, in Beratung und Hilfeleistung, in Dienen und Geben, in Verkündigung und Zeugnis, in Nähe und Zärtlichkeit, in Lachen und Feiern, Zuhören und gemeinsam Spaß haben....

Manchmal behindern wir den Strom des lebendigen Wassers, weil wir die Adressaten nicht im Blick haben oder weil wir sie vielleicht nur als Subjekt zur Bekehrung gesehen haben, weil wir vielleicht nicht über unsere Gemeinde- und Gottesdienstgrenzen hinaus geschaut haben.

Paulus schreibt:

„Ich habe euch vor Augen geführt, Geschwister, wie groß Gottes Erbarmen ist. Die einzige angemessene Antwort darauf ist die, dass ihr euch mit eurem ganzen Leben Gott zur Verfügung stellt und euch ihm als ein lebendiges und heiliges Opfer darbringt, an dem er Freude hat. Das ist der wahre Gottesdienst, und dazu fordere ich euch auf.“ (Röm. 12,1 NGÜ)

Wenn wir hier aus dem Saal gehen, dann hört der Gottesdienst nicht auf, dann fängt er erst an. Unser Arbeitsplatz, unsere Nachbarschaft, unsere Familie, unsere Stadt, unsere Gesellschaft, das sind die Plätze, an die der Strom Gottes hin fließen möchte. Das sind die Plätze wo er durch uns Reich Gottes bauen und gestalten möchte.

Wir haben in unserem Hauskreis gerade eine Aktion am Laufen, wo wir reihum an einem Hauskreisabend unsere Arbeitsplätze aufsuchen - alle paar Wochen an einem anderen - um dort zu beten, dass dort Reich Gottes durch das einzelne Hauskreismitglied gebaut werden kann. Das Gottes Gegenwart dort einziehen kann und sich die Atmosphäre verändert, dass die Werte Gottes, die Gerechtigkeit des Reiches Gottes sich dort ausbreiten.


6. Zusammenfassung

Ich möchte zum Schluss noch kurz zusammenfassen:

Manchmal sind wir blind für die Ströme des lebendigen Wassers, die aus uns heraus fließen, weil wir den falschen Fokus haben, weil wir nicht wahrnehmen, dass Gott gerade ganz anders wirken möchte.

Manchmal hindert uns unser Alltag.

Manchmal blockieren wir uns selbst durch überzogene Erwartungen und manchmal vergessen wir, dass wir Gottes geliebte Kinder sind.

Und manchmal ist es einfach so, dass wir den Blick abgewendet haben von den Menschen, zu denen die Liebe Gottes eigentlich hin fließen möchte.

Wichtig ist: Gott zieht seine Liebe und den Strom seines Heiligen Geist nie zurück und wird ihn nie zurückziehen.

Wir sind für immer die Gerechtfertigten, die Heiligen, seine Söhne und Töchter.

Christus lebt in uns und will sich durch uns ausdrücken.

Wenn wir in diesem Bewusstsein leben, dann sucht sich der Strom immer wieder seinen Weg zu den Menschen.



AMEN.