Christus allein - der einzige Weg
„Christus allein - der einzige Weg“ so lautet der Einstieg in die diesjährige Allianz-Gebetswoche.
Dieser Ausspruch „Christus allein“ „solus Christus“ ist ja jetzt kein Bibelzitat, sondern eine der vier Kernaussagen der reformatorischen Theologie, an denen wir uns in dieser Woche entlang beten wollen.
Und es gibt sehr viele Verse und Aussagen des NT, die man damit in Zusammenhang bringen kann und der erste Vers dazu, der einem da wohl sofort einfällt, ist auch genau derjenige aus dem Johannes-Evangelium, der für den heutigen Einstieg vorgegeben ist:
„Jesus spricht (zu ihm): Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh. 14,6 Luther 2017)
Eigentlich ist damit alles gesagt. Das ist ja so eindeutig und klar formuliert. Niemand, also keiner, kommt zum Vater als nur durch Jesus.
Da braucht man nicht groß drüber diskutieren oder um den heißen Brei herumreden. Da nützt auch keine Toleranz oder irgendwelche Diplomatie etwas. Das ist das Alleinstellungsmerkmal unseres christlichen Glaubens. Das ist das für uns entscheidende Kriterium, durch das sich unser Glauben von allen anderen religiösen Angeboten unterscheidet.
Nur in mir liegt der Weg zum Vater, sagt Jesus selbst. Das ist unser Ausschlusskriterium. Das ist der Punkt, wo Juden und Muslime ein Problem haben.
Denn für die einen ist Jesus nur ein Scharlatan, ein Spinner oder Teufel oder ein Fresser und Weinsäufer und für die anderen halt nur irgendein Prophet.
Das ist der Punkt, wo andere Versuche einen Weg zu Gott ohne Jesus zu finden, keine gemeinsame Basis mit unserem christlichen Glauben bekommen können. Ohne Jesus geht nichts. Nur er ist der Weg!
Daher sagt Jesus auch am Anfang dieses Abschnitts: „Lasst Euch nicht verwirren!“ Egal, was andere sagen. „Glaubt an Gott und glaubt an mich!“
„Ich bin der Weg!“ Jesus sagt nicht: „Ich kenn den Weg!“ oder „Ich zeige Euch den Weg!“ oder „Ich werde mal der Weg gewesen sein!“ Er sagt: „Ich selbst bin der Weg!“
Er sagt auch nicht: „Der Weg ist das Ziel!“ Wir kennen ja alle diese weise Aussage von Konfuzius. Und sicher, es gibt viele Bedingungen und Situationen, unter denen sie ihre Richtigkeit hat.
Wenn man z.B. mit Freunden spazieren oder wandern gehe, dann kommt es eigentlich in erster Linie nicht darauf an das Ziel zu erreichen, sondern dann ist die gemeinsame Zeit und das gemeinsame Erleben der Natur auf dem Weg und das Zusammensein viel wichtiger als das Ankommen. Eigentlich. Theoretisch. Für mich gehört dann schon immer der Gipfel auch dazu.
Ich bin ja so ein passionierter Flugverweigerer. Nicht aus irgendwelchen Gründen des Umweltschutzes, sondern ich mag´s einfach nicht. Bisher bin ich auch überall ohne Fliegen ganz gut hingekommen. Sogar nach Afrika. (An meiner ersten USA-Reise arbeite ich noch.) Aber innerhalb von Europa ist das ja sowieso kein Problem. Ich liebe es an die südlichsten Zipfel des Kontinents zu fahren. Sei es jetzt nach Gibraltar, auf die Peloponnes oder nach Apulien. Ich liebe es Tausende Kilometer mit dem Auto zu düsen und zu erleben wie sich die Landschaft, das Klima, die Kultur langsam verändert. Wenn der Asphalt kocht, die Luft flirrt, der Gestank nach Benzin usw. Einfach herrlich- Das gehört für mich einfach zum Urlaub dazu. Da ist der Weg für mich wichtig. Da ist der Weg für mich schon Urlaub. Aber das Ziel brauch ich dennoch auch noch dazu! Sonst haut es mit dem Entspannungseffekt des Urlaubs dann doch nicht so lange hin.
Und in unserem Leben ist es ja auch so. Wir brauchen Weg und Ziel. Das Leben besteht aus verschiedenen kleinen und großen Etappen, an denen wir reifen und lernen und wachsen. Schwierigkeiten und Erfolge, die uns formen und verändern, unsere Persönlichkeit gestalten. Ohne solch einen Weg würden wir ja einfach nur altern.
Und wenn wir jetzt zum Bibelvers zurück kommen, wenn Jesus also sagt, dass er der Weg ist, dann heißt es ja für uns, mit ihm und auf ihm und in ihm und durch ihn diesen Weg zu bestreiten. In ihm zu bleiben. Mit allen kleinen und großen Zielen und Herausforderungen des Weges, des Alltags.
Aber dann endet der Weg nicht einfach so mit dem Tod oder als endloser Rundweg, sondern es gibt ein Ziel: den Vater. Ich bin der Weg zum Vater. Und hier kann man die Erlösung darunter verstehen - nur durch Jesus gibt es Erlösung -, aber auch ganz lokal das verortete Ziel unseres Lebens: eine Wohnung beim Vater!
„Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wenn nicht, so hätte ich es euch gesagt. Ich gehe hin, um euch eine Stätte zu bereiten.“ (Joh. 14,2 Schlachter)
Das Ziel unseres Weges ist die Stätte, die Wohnung beim Vater. Darauf steuern wir hin. Und dahin gibt es nur den einen Weg: Jesus!
Ich möchte noch einen zweiten Aspekt von „Christus allein“ erwähnen.
„Jesus hat nur ein einziges Mal ein Opfer dargebracht, nämlich sich selbst, und dieses Opfer gilt für immer.“ (Hebr. 7,27b NGÜ)
Es war Jesus einmaliges Opfer, das uns für immer gilt. Christus allein - das immer gültige Opfer! Ich brauche nichts dazu tun, ich kann nichts dazu tun, ich darf nichts hinzufügen.
Eigentlich ist dies die Grundlage für eine entspannte und freudige Nachfolge. Er hat alles getan. Nur er - Christus allein! Und ich bin frei von allen Zwängen und Gesetzen und Müssen. Frei um aus der Gnade heraus jesusgemäß in Liebe zu leben.
„Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Mt. 11,7 Luther 2017)
sagt Jesus.
Nur leider hat es der Christenheit von Anfang an gefallen sich selbst und einander Lasten aufzulegen. Das ging los mit dem Judaismus und den Querelen um Beschneidung und Einhalten der Gebote des Alten Bundes über das dunkle Mittelalter und der Lebensverneinung des Pietismus bis hin zu geistlichem Missbrauch und sozialer Kontrolle in den Gemeinden der Gegenwart. Immer wieder hat das Gesetz neue Liebhaber gefunden.
Aber nichts davon brauchen wir. Weil Christus allein das allgültige Opfer gebracht hat.
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!…Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern. Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt (3. Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« (Gal. 1.13b.15 Luther 2017)
Wir Gemeinden müssen aufpassen, dass wir den freien Zugang zu Jesus nicht durch unnötige Lasten verbarrikadieren oder die Freude an der Nachfolge beschweren. Wenn Christsein in einem freien Land zur Last wird, weil vielleicht die Gemeinde mich so sehr vereinnahmt oder kontrolliert, dass ich nicht mehr frei atmen kann, dann läuft etwas falsch! Hier heißt es wachsam zu sein.
Und noch auf einen dritten und letzten Aspekt des Christus allein, möchte ich kurz eingehen.
Bei der Weihnachtsfeier in der Heilsarmee hat mein Chef bei seiner Ansprache den Satz von Blaise Pascal, einem französischen Mathematiker und christlichen Philosophen. zitiert: „Willst du Gott zum Lachen bringen, dann erzähl ihm von deinen Plänen.“ Im ersten Moment musste ich erstmal schlucken, aber dann musste ich doch schmunzeln. Denn, kennen wir das nicht alle?
Wir machen großartige Pläne und schmieden Visionen, im Privaten aber vor allem in der Gemeinde und vieles davon zerfällt im Nichts. Und auch von dem, was nicht zerfällt, ist noch lange nicht alles „Gold, Silber, Edelstein“ (1. Kor. 3,12).
Ich glaube heute mehr und mehr, dass viele unserer Gemeindeaufbaustrategien in diese Kategorie fallen. Damit meine ich nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen sollen, aber durchaus etwas entspannter sein können und uns selber nicht so wichtig zu nehmen brauchen und hin und wieder über uns selbst lachen sollten, denn die Gemeinde ist seine Gemeinde. Christus allein! Und Gott ist es, der das Gedeihen schenkt (1. Kor. 3,5).
Zurück zum Anfang: Jesus sagt, nur er ist der Weg zum Vater. Das ist radikal, exklusiv und intolerant. Aber es ist auch ein wunderbares Angebot. Das ist die gute Nachricht.
AMEN.
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Dienstag, 31. Januar 2017
Sonntag, 18. November 2012
Predigt von Norbert Wohlrab (18.11.12)
Die erste Tempelreinigung (Joh. 2)
1. Einleitung
Ich möchte heute ein bisschen da weiter machen, wo ich letzte Woche aufgehört habe.
Letzte Woche haben wir gemeinsam das Gleichnis von den drei Türen und dem guten Hirten betrachtet. Aufgehört habe ich mit der Feststellung, dass wir oft im Laufe des Nachfolge-Prozesses etwas Patina oder Rost ansetzten, d.h. wir haben etwas verloren von der Freude über die Erlösung, von der Begeisterung über Jesus, von dem Eifer für unseren Herrn usw.
Heute möchte ich mit Euch wieder einen Text aus dem Johannes-Evangelium lesen und auch vielleicht schon einen ersten Hinweis liefern, wie sich unser Zustand wieder verändern kann.
„Kurz bevor die Juden ihr Passafest feierten, ging Jesus nach Jerusalem hinauf. Im Vorhof des Tempels stieß er auf die Händler, die ihre Rinder, Schafe und Tauben zum Verkauf anboten, und auf die Geldwechsler, die ´an ihren Tischen` saßen. Da machte er sich aus Stricken eine Peitsche und trieb sie alle mit ihren Schafen und Rindern aus dem Tempelbezirk hinaus. Er schüttete das Geld der Wechsler auf den Boden und stieß ihre Tische um, und den Taubenverkäufern befahl er: »Schafft das alles weg! Macht aus dem Haus meines Vaters kein Kaufhaus!« Seine Jünger erinnerten sich dabei an die Schriftstelle: »Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren.«Die führenden Männer des jüdischen Volkes stellten Jesus zur Rede: »Kannst du uns mit einem Wunder beweisen, dass du das Recht hast, so zu handeln?« Jesus gab ihnen zur Antwort: »Reißt diesen Tempel ab, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen.« – »Wie?«, entgegneten sie. »Sechsundvierzig Jahre lang wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufbauen?« Doch Jesus hatte mit dem Tempel seinen eigenen Körper gemeint. Später, als Jesus von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger an diesen Ausspruch, und sie glaubten ´den Voraussagen` der Schrift und dem, was Jesus selbst gesagt hatte.“ (Joh. 2, 13-22 NGÜ)
2. Abgrenzung zu den Bußpredigten
Diese Stelle wird gerne als Allegorie verstanden und verwendet, wenn man der Gemeinde bzw. einzelnen Gliedern so richtig nahe bringen will, dass es unbedingt notwendig ist, dass sie sich reinigen von allerlei Sünde, dass sie wieder umkehren auf dem richtigen Weg, dass sie Buße tun über ihren schlimmen Zustand, dass es nötig ist sich vom Heiligen Geist neu reinigen, neu läutern zu lassen, weil wir ja dieser Tempel sind, den Jesus hier reinigen muss.
„Wir sind der Tempel des lebendigen Gottes“ (2.Kor. 6,16b Rev. Elb.)
schreibt der Paulus. Jesus könnte ja auch was anderes machen, aber er muss uns reinigen, weil wir so verlottert sind. Also trennt Euch bitte doch von aller Sünde!
Es gibt solche Bußpredigten und ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich als junger Christ, so mit 19-20 so eine Predigt gehört habe - ich glaube es war ein Baptistenprediger - und ich hatte danach so ein schlechtes Gewissen, das mich dann umgetrieben hat, ich hab es fast nicht mehr ausgehalten, mein Herz schien mir regelrecht zu zerspringen.
Das Problem war nur, ich wusste überhaupt nicht von was ich umkehren sollte, worüber ich Buße tun sollte. Ich lebte ja kein Larifari-Christsein, ich hatte mich ja bereits bemüht mein Leben mit meiner ganzen Kraft nach den Willen Gottes auszurichten, ich hatte meinen Glauben sehr ernst genommen, ich hatte ja bereits ein bußfertiges Herz und war immer bereit auch Dinge in meinem Leben zu ändern, wenn der Heilige Geist mir etwas gezeigt hatte. Aber diese Predigt hatte in mir - wohl durch rhetorisches Geschick - ein schlechtes Gewissen erzeugt, einfach um des schlechten Gewissens willen. Denn zur Umkehr treibt uns nicht der Zorn Gottes, und auch keine Predigt über den Zorn Gottes, vermutlich auch keine Predigt über die Hölle, sondern die Güte Gottes.
„Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?“ (Röm. 2,5 Luther)
Damit will ich jetzt nicht sagen, dass es unnötig ist sich zu prüfen und zu reinigen. Ganz im Gegenteil! Es gibt Zeiten, in denen uns der Heilige Geist ganz besonders Dinge über uns offenbart, die wir ändern oder angehen müssen. Nicht immer sind dies Sünden, manchmal sind dies auch nur Schwächen, wo Veränderung nötig und möglich ist. Wir haben uns jetzt bspw. auch im Hauskreis entschieden demnächst eine Art Beichtabend zu machen, wo wir einander unsere Schuld bekennen. Auch um unserer Gemeinschaft noch eine neue Tiefe zu geben.
Hier bei dieser Tempelreinigung geht es aber um etwas anderes. Schauen wir uns das noch mal genau an.
3. Die Tempelreinigung bei Johannes
Johannes hat ja in seinem Evangelium v.a. die Begebenheiten im Leben Jesu aufgeschrieben, die die Synoptiker nicht geschrieben haben. Die Tempelreinigung findet man jedoch auch bei den anderen Evangelisten, jedoch an einer ganz anderen Stelle. Während sie bei ihnen am Ende des Wirkens Jesu vorkommt, steht sie bei Johannes ganz am Anfang. Man geht daher davon aus, dass es sich um zwei verschiedene Begebenheiten handelt.
Das erste Wunder, von dem Johannes berichtet, ist die Hochzeit zu Kana, bei der Jesus Wasser in Wein verwandelt. Dieses Wunder bewirkte nicht nur vor Ort große Freude, weil der Hochzeitsgesellschaft zuvor der Wein ausgegangen war, sondern es ist auch ein Bild für die Freude, die Gott schenkt. Hier in der sich anschließenden Begebenheit, zeigt Jesus auf, was die Freude in der Gottesbeziehung trüben kann.
Die Händler im Tempel waren nicht zufällig dort, sondern sie waren dort um Opfertiere (Rinder, Schafe, Ziegen, Tauben) zu verkaufen und um Geld zu tauschen. Wir wissen aus den Opfergesetzen des Alten Bundes, dass nur besonders reine Tiere geopfert werden durften. Da es die Zeit des Passah-Festes war, wurde besonders viel geopfert. Zusätzlich zu all den Brand-, Speis- Heils-, Sünd- und Schuldopfern brauchte jede Familie (oder Nachbarsgemeinschaft) noch ein Lamm als Opfertier für das Passahfest.
Nun konnte man diese Opfertiere entweder über eine sehr lange Wegstrecke nach Jerusalem treiben um sie dort zu opfern (oder um festzustellen, dass sie der Prüfung nicht stand hielten, weil sie doch einen Makel hatten) oder sich vor Ort geprüfte Opfertier kaufen.
Diese Geschäfte fanden mit Genehmigung (und natürlich unter Gewinnbeteiligung) der Hohenpriesterschaft im Tempelvorhof statt. Dort wurde auch Geld getauscht, da die Tempelsteuer nur in bestimmten jüdischen Geldstücken gezahlt werden durften (vermutlich weil nur bestimmte Münzen einen ausreichend hohen Silberanteil hatten).
Bei der Menge an Tieren, die gehandelt wurden, können wir uns vorstellen, dass im Tempelvorhof ein ganz schönes „Gwerch“ war. Nicht nur die Tiere haben wahrscheinlich nicht in aller Stille auf ihr baldiges Ende gewartet, sondern auch die Menschen haben gelärmt beim Handeln und Feilschen. Bei der zweiten Tempelreinigung spricht Jesus sogar von einer „Räuberhöhle“, daher ist anzunehmen, dass die Händler und die dahinter stehende Hohepriesterschaft ihre Machtposition und ihr Monopol ausgenutzt hat und extreme Wucherpreise verlangt hat.
Eigentlich sollte dieser Raum, aber ein Raum der Stille und Anbetung sein, ein Raum der Sammlung, ein Raum des Verharrens in der Gegenwart Gottes.
„Der Herr aber wohnt in seinem heiligen Tempel. Alle Welt schweige in seiner Gegenwart.“ (Hab. 2,20 EÜ)
Stattdessen war da Schachern um Gewinn und Blöken von Schafen. Es stand nirgendwo in den Opfergesetzen, dass der Verkauf der Opfertiere im Tempel stattzufinden hat. Dies war eine Entscheidung der Verantwortlichen. Hier haben sich Glaube und Geschäft gemischt. Hier wurde ein religiöses System genährt. Und hier „rastet“ Jesus aus.
Eigentlich passt dieses Vorgehen Jesu nicht ganz in unsere Vorstellung von christlichen Leben oder in unsere Vorstellung von Jesus. Das würde doch eher zu einem Che Guevara passen, aber zu Jesus?! Heißt Christsein nicht eher Kuschen und Ja-Sagen und dem Anderen Recht geben, die linke Backe hinhalten, die zweite Meile gehen, tolerant sein?
Religiöse Toleranz (eine Errungenschaft des 30jährigen Krieges) bedeutet ja nicht mit dem Anderen übereinzustimmen, sondern ihn nicht zu erschlagen, wenn er eine andere Meinung hat, als die eigene.
Jesus war hier auch tolerant, weil er hat niemanden erschlagen. Weder Mensch noch Tier. Er war nur ordentlich. Er hat aufgeräumt. Aus Eifer für seinen Vater. Aus Liebe zu seinem Vater. Er hat es nicht ertragen können, nicht dulden wollen, dass der Tempel des lebendigen Gottes auf so eine Art missbraucht wird.
Nun kann man dieses Verhalten nicht als Legitimation verstehen, um künftig selbst draufzuschlagen, wenn Gott irgendwo gelästert wird. So wie die Inquisition im Mittelalter.
Bei Jesus war die Situation anders. Er hatte das Hausrecht. Er war der Messias. Er war in seines Vaters Haus. Und noch mehr: er selbst war der Tempel. Er konnte sich identifizieren mit dem Wohnsitz Gottes auf Erden. Weil Gott im Tempel in Jerusalem genauso gegenwärtig sein sollte, wie er ihn ihm selbst gegenwärtig war.
Dass jmd. auf so drastische Weise Gottes Willen durchsetzte, wie Jesus es hier getan hat, war dem Volk Israel nicht gänzlich unbekannt. Auch die Propheten hatten manchmal ähnliches getan (z.B. Jeremia). Aber sie waren legitimiert dazu. Daher die Frage an Jesus: „Aus welchem Recht heraus tust Du das?“ Sie wollten einen Beleg für sein Tun, ein Wunder. Jesus antwortete mit einem prophetischen Wort. Er sagte voraus, dass er sterben wird und nach drei Tagen selbständig wieder ins Leben zurück kehren wird. Niemand hat dies verstanden, auch die Jünger haben erst hinterher kapiert, was Jesus meinte.
4. Religiosität hindert die Glaubensbeziehung
Bei der zweiten Tempelreinigung, von der in den anderen Evangelien berichtet wird, sagt Jesus:
„Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker“ (Mk. 11,17a Luther)
Ich denke Jesus geht es um mehr, als nur darum, dass das Haus seines Vaters nicht entweiht wird. Sein Eifer, sein Zorn richtet sich hier gegen die religiösen Strukturen, die entstanden sind und letztlich die Beziehung zu Gott verhindern oder erschweren.
Gewiss, die Opfergesetze stammten von Gott selbst und waren ein Hauptbestandteil des Alten Bundes. Aber es ist etwas anderes, ob ich sage: „Mein bestes Rind für Gott“ oder wenn ich arm bin „Meine beste Taube für Gott“ und sie dann im Glauben opfere und mein Anliegen (sei es das Bekennen von Schuld oder der Dank für eine Heilung usw.) vor Gott bringe oder ob mir durch ein kompliziertes religiöses und kommerzielles System dieser Zugang erschwert wird und eigentlich nicht nur persifliert wird, sondern sinnentleert wird.
Die Gemeinschaft mit Gott im Tempel geht dabei unter oder spielt nur noch eine Nebenrolle. Wogegen sich Jesus hier wehrt, ist - wie er es oft kritisiert hat - wieder das Auflegen von Lasten auf die Gläubigen und Suchenden.
„Wehe auch euch Gesetzesgelehrten! Denn ihr ladet den Menschen unerträgliche Bürden auf“ (Lk. 11,46a Schlachter)
Auch wir laden uns manchmal selbst solche Lasten auf oder bekommen sie aufgeladen. Und diese Lasten rauben uns die Freude an Gott. Gott ist der Quell unerschöpflicher Freude. Er ist voller Liebe. Er hat uns schon geliebt, als er uns noch sowas von scheißegal war (1. Joh. 4,19; Röm. 5,8), als wir noch Sünder waren und uns nicht um seinen Willen geschert haben.
Heute lassen wir uns - von wem auch immer - unter Druck setzen, z.B. wenn wir zuwenig gebetet haben, zu wenig in der Bibel gelesen, zu wenig von der sog. „Stillen Zeit“ gemacht haben, zu wenig evangelisiert, zu wenig „Zehnten“ gegeben, zu wenig „Salbung“ haben, zu wenig Kranke geheilt usw.
Versteht mich nicht falsch, das sind alles wichtige Dinge für unser Glaubensleben, die es wert sind kultiviert und gepflegt zu werden. Aber wie perfekt oder unperfekt wir darin sind, hat überhaupt nichts mit der Liebe zu tun, die Gott für uns empfindet. Wenn wir das denken, dann ist das Religiosität. Und so ein religiöser Druck raubt meinem Christsein jede Freude.
Sei entspannt! Gott hat schon alles getan! Schmeiß die religiösen Erwartungen anderer an Dich über Bord! Und lebe in der Freiheit, die Dir Gott schenkt. (Dann verschwindet auch die Patina.) Gottes Gnade reicht für Mörder, dann reicht sie auch für unsere „Möchtegern-Sünden.“
Eine andere Form der Religiosität kann sein, wenn wir uns mehr um die Gemeinde drehen, als um Gott. Das kann man sich zwar bei uns kaum vorstellen, aber man kann auch um seinen Mangel kreisen.
Ich hab vor kurzem eine Online-Predigt von Stefan Driess gehört und da fand ich etwas ganz interessant. Und zwar hat er erzählt, dass einige ehemalige Esoteriker, die durch ihn zum Glauben gekommen sind und mittlerweile in Gemeinden integriert sind, zu ihm gesagt haben: „Stefan, Du hast zu uns immer über Jesus gesprochen. Jetzt wird nur noch über die Gemeinde gesprochen.“
Wie viel reden wir über Jesus und wie viel über Gemeinden und Theologie? Da kann sich jeder selber mal beobachten. Mir hat es auf jeden Fall zu Denken gegeben.
Gebete und Lobpreis sind Ausdruck einer Beziehung und nicht leere Rituale. Gott liebt uns so sehr, dass er sich gesagt hat, es reicht nicht aus, wenn sie mein Wort haben und darin immer wieder lesen können: „Gott hat mich zuerst geliebt“, nein, sie brauchen auch noch den Heiligen Geist, der es ihnen lebendig bezeugt, dass sie meine Kinder sind.
„Denn der Geist Gottes, den ihr empfangen habt, führt euch nicht in eine neue Sklaverei, in der ihr wieder Angst haben müsstet. Er macht euch vielmehr zu Gottes Kindern. Jetzt können wir zu Gott kommen und zu ihm sagen: "Vater, lieber Vater!" Gottes Geist selbst gibt uns die innere Gewissheit, dass wir Gottes Kinder sind.“ (Röm. 8, 15.16 HfA)
Nur manchmal tut er sich schwer unsere religiöse Hülle zu durchbrechen, weil wir auf stur schalten. Da will der Heilige Geist mir mitteilen: „Ach Norbert, Du bist mein liebes Kind“ und ich denk mir „Ich hab heut aber noch nicht gebetet!“ oder „Ich hab jetzt aber drei Tage nicht in der Bibel gelesen“ o.ä. Versteht Ihr?
Wir sind zur Freiheit berufen!
„Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht.“ (Gal. 5,1a Rev. Elb.)
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (Gal. 5,1a Luther)
„Durch Christus sind wir frei geworden, damit wir als Befreite leben. Jetzt kommt es darauf an, dass ihr euch nicht wieder vom Gesetz versklaven lasst.“ (Gal. 5,1 HfA)
„Ihr braucht nicht mehr unter der Fuchtel von Gesetzen zu stehen.“ (Gal. 5,1b Volx)
Und Paulus meint hier nicht die Freiheit von Bindungen! Dann könnte man sich wieder neu Druck machen: „Ja, aber, hier und dort, da ist noch nicht alles in Ordnung in meinem Leben. Da muss ich noch dran arbeiten. Da brauch ich noch Befreiung.“ Paulus meint hier Freiheit vom Gesetz und davon sich nicht wieder unter irgendein neues religiöses Gesetz zu stellen.
Wenn wir immer wieder neu verstehen, wie frei wir wirklich sind, wie geliebt wir wirklich sind, werden wir auch ganz neue Freude für unser Leben mit Gott bekommen.
AMEN.
1. Einleitung
Ich möchte heute ein bisschen da weiter machen, wo ich letzte Woche aufgehört habe.
Letzte Woche haben wir gemeinsam das Gleichnis von den drei Türen und dem guten Hirten betrachtet. Aufgehört habe ich mit der Feststellung, dass wir oft im Laufe des Nachfolge-Prozesses etwas Patina oder Rost ansetzten, d.h. wir haben etwas verloren von der Freude über die Erlösung, von der Begeisterung über Jesus, von dem Eifer für unseren Herrn usw.
Heute möchte ich mit Euch wieder einen Text aus dem Johannes-Evangelium lesen und auch vielleicht schon einen ersten Hinweis liefern, wie sich unser Zustand wieder verändern kann.
„Kurz bevor die Juden ihr Passafest feierten, ging Jesus nach Jerusalem hinauf. Im Vorhof des Tempels stieß er auf die Händler, die ihre Rinder, Schafe und Tauben zum Verkauf anboten, und auf die Geldwechsler, die ´an ihren Tischen` saßen. Da machte er sich aus Stricken eine Peitsche und trieb sie alle mit ihren Schafen und Rindern aus dem Tempelbezirk hinaus. Er schüttete das Geld der Wechsler auf den Boden und stieß ihre Tische um, und den Taubenverkäufern befahl er: »Schafft das alles weg! Macht aus dem Haus meines Vaters kein Kaufhaus!« Seine Jünger erinnerten sich dabei an die Schriftstelle: »Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren.«Die führenden Männer des jüdischen Volkes stellten Jesus zur Rede: »Kannst du uns mit einem Wunder beweisen, dass du das Recht hast, so zu handeln?« Jesus gab ihnen zur Antwort: »Reißt diesen Tempel ab, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen.« – »Wie?«, entgegneten sie. »Sechsundvierzig Jahre lang wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufbauen?« Doch Jesus hatte mit dem Tempel seinen eigenen Körper gemeint. Später, als Jesus von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger an diesen Ausspruch, und sie glaubten ´den Voraussagen` der Schrift und dem, was Jesus selbst gesagt hatte.“ (Joh. 2, 13-22 NGÜ)
2. Abgrenzung zu den Bußpredigten
Diese Stelle wird gerne als Allegorie verstanden und verwendet, wenn man der Gemeinde bzw. einzelnen Gliedern so richtig nahe bringen will, dass es unbedingt notwendig ist, dass sie sich reinigen von allerlei Sünde, dass sie wieder umkehren auf dem richtigen Weg, dass sie Buße tun über ihren schlimmen Zustand, dass es nötig ist sich vom Heiligen Geist neu reinigen, neu läutern zu lassen, weil wir ja dieser Tempel sind, den Jesus hier reinigen muss.
„Wir sind der Tempel des lebendigen Gottes“ (2.Kor. 6,16b Rev. Elb.)
schreibt der Paulus. Jesus könnte ja auch was anderes machen, aber er muss uns reinigen, weil wir so verlottert sind. Also trennt Euch bitte doch von aller Sünde!
Es gibt solche Bußpredigten und ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich als junger Christ, so mit 19-20 so eine Predigt gehört habe - ich glaube es war ein Baptistenprediger - und ich hatte danach so ein schlechtes Gewissen, das mich dann umgetrieben hat, ich hab es fast nicht mehr ausgehalten, mein Herz schien mir regelrecht zu zerspringen.
Das Problem war nur, ich wusste überhaupt nicht von was ich umkehren sollte, worüber ich Buße tun sollte. Ich lebte ja kein Larifari-Christsein, ich hatte mich ja bereits bemüht mein Leben mit meiner ganzen Kraft nach den Willen Gottes auszurichten, ich hatte meinen Glauben sehr ernst genommen, ich hatte ja bereits ein bußfertiges Herz und war immer bereit auch Dinge in meinem Leben zu ändern, wenn der Heilige Geist mir etwas gezeigt hatte. Aber diese Predigt hatte in mir - wohl durch rhetorisches Geschick - ein schlechtes Gewissen erzeugt, einfach um des schlechten Gewissens willen. Denn zur Umkehr treibt uns nicht der Zorn Gottes, und auch keine Predigt über den Zorn Gottes, vermutlich auch keine Predigt über die Hölle, sondern die Güte Gottes.
„Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?“ (Röm. 2,5 Luther)
Damit will ich jetzt nicht sagen, dass es unnötig ist sich zu prüfen und zu reinigen. Ganz im Gegenteil! Es gibt Zeiten, in denen uns der Heilige Geist ganz besonders Dinge über uns offenbart, die wir ändern oder angehen müssen. Nicht immer sind dies Sünden, manchmal sind dies auch nur Schwächen, wo Veränderung nötig und möglich ist. Wir haben uns jetzt bspw. auch im Hauskreis entschieden demnächst eine Art Beichtabend zu machen, wo wir einander unsere Schuld bekennen. Auch um unserer Gemeinschaft noch eine neue Tiefe zu geben.
Hier bei dieser Tempelreinigung geht es aber um etwas anderes. Schauen wir uns das noch mal genau an.
3. Die Tempelreinigung bei Johannes
Johannes hat ja in seinem Evangelium v.a. die Begebenheiten im Leben Jesu aufgeschrieben, die die Synoptiker nicht geschrieben haben. Die Tempelreinigung findet man jedoch auch bei den anderen Evangelisten, jedoch an einer ganz anderen Stelle. Während sie bei ihnen am Ende des Wirkens Jesu vorkommt, steht sie bei Johannes ganz am Anfang. Man geht daher davon aus, dass es sich um zwei verschiedene Begebenheiten handelt.
Das erste Wunder, von dem Johannes berichtet, ist die Hochzeit zu Kana, bei der Jesus Wasser in Wein verwandelt. Dieses Wunder bewirkte nicht nur vor Ort große Freude, weil der Hochzeitsgesellschaft zuvor der Wein ausgegangen war, sondern es ist auch ein Bild für die Freude, die Gott schenkt. Hier in der sich anschließenden Begebenheit, zeigt Jesus auf, was die Freude in der Gottesbeziehung trüben kann.
Die Händler im Tempel waren nicht zufällig dort, sondern sie waren dort um Opfertiere (Rinder, Schafe, Ziegen, Tauben) zu verkaufen und um Geld zu tauschen. Wir wissen aus den Opfergesetzen des Alten Bundes, dass nur besonders reine Tiere geopfert werden durften. Da es die Zeit des Passah-Festes war, wurde besonders viel geopfert. Zusätzlich zu all den Brand-, Speis- Heils-, Sünd- und Schuldopfern brauchte jede Familie (oder Nachbarsgemeinschaft) noch ein Lamm als Opfertier für das Passahfest.
Nun konnte man diese Opfertiere entweder über eine sehr lange Wegstrecke nach Jerusalem treiben um sie dort zu opfern (oder um festzustellen, dass sie der Prüfung nicht stand hielten, weil sie doch einen Makel hatten) oder sich vor Ort geprüfte Opfertier kaufen.
Diese Geschäfte fanden mit Genehmigung (und natürlich unter Gewinnbeteiligung) der Hohenpriesterschaft im Tempelvorhof statt. Dort wurde auch Geld getauscht, da die Tempelsteuer nur in bestimmten jüdischen Geldstücken gezahlt werden durften (vermutlich weil nur bestimmte Münzen einen ausreichend hohen Silberanteil hatten).
Bei der Menge an Tieren, die gehandelt wurden, können wir uns vorstellen, dass im Tempelvorhof ein ganz schönes „Gwerch“ war. Nicht nur die Tiere haben wahrscheinlich nicht in aller Stille auf ihr baldiges Ende gewartet, sondern auch die Menschen haben gelärmt beim Handeln und Feilschen. Bei der zweiten Tempelreinigung spricht Jesus sogar von einer „Räuberhöhle“, daher ist anzunehmen, dass die Händler und die dahinter stehende Hohepriesterschaft ihre Machtposition und ihr Monopol ausgenutzt hat und extreme Wucherpreise verlangt hat.
Eigentlich sollte dieser Raum, aber ein Raum der Stille und Anbetung sein, ein Raum der Sammlung, ein Raum des Verharrens in der Gegenwart Gottes.
„Der Herr aber wohnt in seinem heiligen Tempel. Alle Welt schweige in seiner Gegenwart.“ (Hab. 2,20 EÜ)
Stattdessen war da Schachern um Gewinn und Blöken von Schafen. Es stand nirgendwo in den Opfergesetzen, dass der Verkauf der Opfertiere im Tempel stattzufinden hat. Dies war eine Entscheidung der Verantwortlichen. Hier haben sich Glaube und Geschäft gemischt. Hier wurde ein religiöses System genährt. Und hier „rastet“ Jesus aus.
Eigentlich passt dieses Vorgehen Jesu nicht ganz in unsere Vorstellung von christlichen Leben oder in unsere Vorstellung von Jesus. Das würde doch eher zu einem Che Guevara passen, aber zu Jesus?! Heißt Christsein nicht eher Kuschen und Ja-Sagen und dem Anderen Recht geben, die linke Backe hinhalten, die zweite Meile gehen, tolerant sein?
Religiöse Toleranz (eine Errungenschaft des 30jährigen Krieges) bedeutet ja nicht mit dem Anderen übereinzustimmen, sondern ihn nicht zu erschlagen, wenn er eine andere Meinung hat, als die eigene.
Jesus war hier auch tolerant, weil er hat niemanden erschlagen. Weder Mensch noch Tier. Er war nur ordentlich. Er hat aufgeräumt. Aus Eifer für seinen Vater. Aus Liebe zu seinem Vater. Er hat es nicht ertragen können, nicht dulden wollen, dass der Tempel des lebendigen Gottes auf so eine Art missbraucht wird.
Nun kann man dieses Verhalten nicht als Legitimation verstehen, um künftig selbst draufzuschlagen, wenn Gott irgendwo gelästert wird. So wie die Inquisition im Mittelalter.
Bei Jesus war die Situation anders. Er hatte das Hausrecht. Er war der Messias. Er war in seines Vaters Haus. Und noch mehr: er selbst war der Tempel. Er konnte sich identifizieren mit dem Wohnsitz Gottes auf Erden. Weil Gott im Tempel in Jerusalem genauso gegenwärtig sein sollte, wie er ihn ihm selbst gegenwärtig war.
Dass jmd. auf so drastische Weise Gottes Willen durchsetzte, wie Jesus es hier getan hat, war dem Volk Israel nicht gänzlich unbekannt. Auch die Propheten hatten manchmal ähnliches getan (z.B. Jeremia). Aber sie waren legitimiert dazu. Daher die Frage an Jesus: „Aus welchem Recht heraus tust Du das?“ Sie wollten einen Beleg für sein Tun, ein Wunder. Jesus antwortete mit einem prophetischen Wort. Er sagte voraus, dass er sterben wird und nach drei Tagen selbständig wieder ins Leben zurück kehren wird. Niemand hat dies verstanden, auch die Jünger haben erst hinterher kapiert, was Jesus meinte.
4. Religiosität hindert die Glaubensbeziehung
Bei der zweiten Tempelreinigung, von der in den anderen Evangelien berichtet wird, sagt Jesus:
„Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker“ (Mk. 11,17a Luther)
Ich denke Jesus geht es um mehr, als nur darum, dass das Haus seines Vaters nicht entweiht wird. Sein Eifer, sein Zorn richtet sich hier gegen die religiösen Strukturen, die entstanden sind und letztlich die Beziehung zu Gott verhindern oder erschweren.
Gewiss, die Opfergesetze stammten von Gott selbst und waren ein Hauptbestandteil des Alten Bundes. Aber es ist etwas anderes, ob ich sage: „Mein bestes Rind für Gott“ oder wenn ich arm bin „Meine beste Taube für Gott“ und sie dann im Glauben opfere und mein Anliegen (sei es das Bekennen von Schuld oder der Dank für eine Heilung usw.) vor Gott bringe oder ob mir durch ein kompliziertes religiöses und kommerzielles System dieser Zugang erschwert wird und eigentlich nicht nur persifliert wird, sondern sinnentleert wird.
Die Gemeinschaft mit Gott im Tempel geht dabei unter oder spielt nur noch eine Nebenrolle. Wogegen sich Jesus hier wehrt, ist - wie er es oft kritisiert hat - wieder das Auflegen von Lasten auf die Gläubigen und Suchenden.
„Wehe auch euch Gesetzesgelehrten! Denn ihr ladet den Menschen unerträgliche Bürden auf“ (Lk. 11,46a Schlachter)
Auch wir laden uns manchmal selbst solche Lasten auf oder bekommen sie aufgeladen. Und diese Lasten rauben uns die Freude an Gott. Gott ist der Quell unerschöpflicher Freude. Er ist voller Liebe. Er hat uns schon geliebt, als er uns noch sowas von scheißegal war (1. Joh. 4,19; Röm. 5,8), als wir noch Sünder waren und uns nicht um seinen Willen geschert haben.
Heute lassen wir uns - von wem auch immer - unter Druck setzen, z.B. wenn wir zuwenig gebetet haben, zu wenig in der Bibel gelesen, zu wenig von der sog. „Stillen Zeit“ gemacht haben, zu wenig evangelisiert, zu wenig „Zehnten“ gegeben, zu wenig „Salbung“ haben, zu wenig Kranke geheilt usw.
Versteht mich nicht falsch, das sind alles wichtige Dinge für unser Glaubensleben, die es wert sind kultiviert und gepflegt zu werden. Aber wie perfekt oder unperfekt wir darin sind, hat überhaupt nichts mit der Liebe zu tun, die Gott für uns empfindet. Wenn wir das denken, dann ist das Religiosität. Und so ein religiöser Druck raubt meinem Christsein jede Freude.
Sei entspannt! Gott hat schon alles getan! Schmeiß die religiösen Erwartungen anderer an Dich über Bord! Und lebe in der Freiheit, die Dir Gott schenkt. (Dann verschwindet auch die Patina.) Gottes Gnade reicht für Mörder, dann reicht sie auch für unsere „Möchtegern-Sünden.“
Eine andere Form der Religiosität kann sein, wenn wir uns mehr um die Gemeinde drehen, als um Gott. Das kann man sich zwar bei uns kaum vorstellen, aber man kann auch um seinen Mangel kreisen.
Ich hab vor kurzem eine Online-Predigt von Stefan Driess gehört und da fand ich etwas ganz interessant. Und zwar hat er erzählt, dass einige ehemalige Esoteriker, die durch ihn zum Glauben gekommen sind und mittlerweile in Gemeinden integriert sind, zu ihm gesagt haben: „Stefan, Du hast zu uns immer über Jesus gesprochen. Jetzt wird nur noch über die Gemeinde gesprochen.“
Wie viel reden wir über Jesus und wie viel über Gemeinden und Theologie? Da kann sich jeder selber mal beobachten. Mir hat es auf jeden Fall zu Denken gegeben.
Gebete und Lobpreis sind Ausdruck einer Beziehung und nicht leere Rituale. Gott liebt uns so sehr, dass er sich gesagt hat, es reicht nicht aus, wenn sie mein Wort haben und darin immer wieder lesen können: „Gott hat mich zuerst geliebt“, nein, sie brauchen auch noch den Heiligen Geist, der es ihnen lebendig bezeugt, dass sie meine Kinder sind.
„Denn der Geist Gottes, den ihr empfangen habt, führt euch nicht in eine neue Sklaverei, in der ihr wieder Angst haben müsstet. Er macht euch vielmehr zu Gottes Kindern. Jetzt können wir zu Gott kommen und zu ihm sagen: "Vater, lieber Vater!" Gottes Geist selbst gibt uns die innere Gewissheit, dass wir Gottes Kinder sind.“ (Röm. 8, 15.16 HfA)
Nur manchmal tut er sich schwer unsere religiöse Hülle zu durchbrechen, weil wir auf stur schalten. Da will der Heilige Geist mir mitteilen: „Ach Norbert, Du bist mein liebes Kind“ und ich denk mir „Ich hab heut aber noch nicht gebetet!“ oder „Ich hab jetzt aber drei Tage nicht in der Bibel gelesen“ o.ä. Versteht Ihr?
Wir sind zur Freiheit berufen!
„Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht.“ (Gal. 5,1a Rev. Elb.)
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (Gal. 5,1a Luther)
„Durch Christus sind wir frei geworden, damit wir als Befreite leben. Jetzt kommt es darauf an, dass ihr euch nicht wieder vom Gesetz versklaven lasst.“ (Gal. 5,1 HfA)
„Ihr braucht nicht mehr unter der Fuchtel von Gesetzen zu stehen.“ (Gal. 5,1b Volx)
Und Paulus meint hier nicht die Freiheit von Bindungen! Dann könnte man sich wieder neu Druck machen: „Ja, aber, hier und dort, da ist noch nicht alles in Ordnung in meinem Leben. Da muss ich noch dran arbeiten. Da brauch ich noch Befreiung.“ Paulus meint hier Freiheit vom Gesetz und davon sich nicht wieder unter irgendein neues religiöses Gesetz zu stellen.
Wenn wir immer wieder neu verstehen, wie frei wir wirklich sind, wie geliebt wir wirklich sind, werden wir auch ganz neue Freude für unser Leben mit Gott bekommen.
AMEN.
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