Jahreslosung 2019
1. Frieden
Ich möchte heute über die Jahreslosung sprechen. Sie lautet:
„Suche Frieden und jage ihm nach“ (Ps 34,15b Luther)
Suche Frieden und jage ihm nach. Im hebr. steht hier für Frieden das Wort „schalom“
(שלום).
Wir kennen alle verschiedene Begrüßungen: Hallo, Servus, Grüß Dich, Guten Tag, Grüß Gott, Moin Moin….Ahoi, Ciao, Hola usw. Juden begrüßen sich dagegen mit Schalom (ähnlich Araber mit Salem).
Dieses Wort bedeutet nicht nur einfach Frieden. Also nicht nur das Gegenteil von Krieg, die Abwesenheit von Krieg und Streit. Sondern, es meint einen ungestörten, heilen Zustand voller Harmonie, Wohlergehen, Sicherheit und Frieden, ganzheitlichem umfassenden Glück.
Der jüdische Gruß ist also der Zuspruch und der Wunsch nach Frieden und Lebensglück.
Es erinnert mich ein bisschen an das Recht auf „Streben nach Glück“ in der amerikanischen Verfassung. Es ist auf jeden Fall ein Zustand, in dem wir uns gerne befinden möchten, den wir uns gerne für uns und auch für andere wünschen.
Der Begriff „schalom“ ist jedenfalls umfassender als wir ihn mit unserer Sprache wiedergeben könnten.
2. Jagen
Doch jetzt heißt es hier: Suche Frieden, suche Schalom und jage ihm nach! Schalom/Frieden und jagen bzw. nachjagen?! Das bekommt man jetzt erstmal nur schwer unter einem Hut.
Ich habe mal nachgesehen. Mit dem „Bibleserver“ ist es ganz einfach. Das Verb „jagen“ finden wir nur rund 30 x in der Bibel und meistens geht es dabei wirklich um Tiere jagen oder auch Menschen nachjagen. Und das macht auch Sinn, denn das hebr. Wort „radaph“ ist in der Militär- und Jagdsprache zu Hause. Es meint ein „eifriges Nachlaufen, Nachstellen, Verfolgen mit dem Ziel den Feind zur Strecke zu bringen oder das Tier zu erlegen.
Aber wir finden in der Bibel auch Aussagen wie:
„und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“ (Phil. 3,14 Luther)
„Flieh die Begierden der Jugend! Jage aber nach der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden mit allen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen.“ (2. Tim. 2,22 Luther)
„So lasst uns ihn erkennen, ja, lasst uns nachjagen der Erkenntnis des HERRN!“
(Hos. 6, 3a Rev. Elb.)
Hier wird das Nachjagen mit geistlichen Zielen und Werten in Verbindung gebracht, mit Erkenntnis, Heil, Gerechtigkeit. Hier verdeutlicht das Wort „nachjagen“ die Ernsthaftigkeit und Intensität des Bemühens.
3. Psalm 34: Lobpreis
Schauen wir uns die Jahreslosung mal im Zusammenhang an. Sie steht im Psalm 34.
Ein Psalm Davids. Es ist einer von acht Psalmen (7, 52, 54, 56, 57, 59 und 142), die durch ihre Einleitung im Zusammenhang stehen. Sie beinhalten alle Davids Erleben auf der Flucht vor Saul. Hier ist es die Begebenheit, als David sich vor Abimelech wahnsinnig stellte. (Dies ist nachzulesen in 1. Sam. 21, 12 - 22, 1).
Und es gibt noch eine weitere Besonderheit: der Psalm ist alphabetisch geschrieben, d.h. die Anfänge der einzelnen Zeilen beginnen nacheinander mit den verschiedenen Buchstaben des hebräischen Alphabets (akrostisch). Merkt man natürlich in der Übersetzung nicht.
Der Psalm beginnt erst mal mit einem Lobpreis Gottes.
„2 Ich will den HERRN loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.
3 Meine Seele soll sich rühmen des HERRN, dass es die Elenden hören und sich freuen.
4 Preiset mit mir den HERRN und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen!
5 Da ich den HERRN suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht.
6 Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.
7 Als einer im Elend rief, hörte der HERR und half ihm aus allen seinen Nöten.
8 Der Engel des HERRN lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.
9 Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!“ (Luther)
Ein wunderbarer Lobpreis. Manches findet sich in unseren Lobpreisliedern wieder.
Aufgeschrieben auf der Flucht. Im Zustand der Angst. Angst um das eigene Leben.
David schafft es Gott trotz der Umstände, entgegen der Umstände, unabhängig von den Umständen zu loben. David hat grenzenloses Vertrauen zu Gott.
Er kann uns hier ein Vorbild sein.
Er kann uns Mut machen von den Umständen weg hinzu Gott zu schauen.
Nicht in Ängsten, Nöten und Sorgen zu versinken.
Nicht wie das Kaninchen vor der Schlange zu sitzen.
Nicht den Fokus auf die Probleme legen….sondern auf Gott zu vertrauen.
Bis hierher schaff ich es oft noch ganz leicht. Zum Lobpreis Gottes zu kommen wie David ist dann noch mal eine Stufe weiter.
Vielleicht geht es Dir gerade genauso wie David? Bedrängt von Nöten.
David macht uns Mut Gott zu vertrauen und ihn stattdessen zu preisen. Wir wollen dazu später eine kleine praktische Übung machen.
4. Psalm 34: Furcht Gottes
Zunächst noch einmal zu unserem Psalm. Wir sind ja noch nicht beim Kontext der Jahreslosung angelangt.
In der Mitte des Psalmes kommt jetzt ein belehrender Einschub. Hier erklärt David was es heißt Gott zu fürchten, d.h. ehrfürchtig nach seinem Willen zu leben.
„12 Kommt her, ihr Kinder, höret mir zu! Ich will euch die Furcht des HERRN lehren.
13 Wer ist's, der Leben begehrt und gerne gute Tage hätte?
14 Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden.
15 Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!“
(Luther)
Wer ist es, der nicht gerne lebensfroh leben möchte? Sich seines Lebens, seiner Tage freuen? Natürlich jeder will das.
Aber damit ich mit meinem Nächsten in einem Zustand von Schalom/Frieden leben kann, ist etwas nötig. Ich muss da auch was dazu beitragen. Das kommt nicht einfach so über Dich, sagt David.
Denn es geht ja nicht darum, dass ich mich in einer opiumhaltigen Blase der Glückseligkeit in eine Art geistlichem „Nirwana“ versenke. Nur ich mit mir im Zustand des Schalom. Ab und zu wäre das sicherlich auch nicht schlecht. Aber im realen Leben geht es um ein Miteinander, um ein (hoffentlich) soziales Leben mit anderen Menschen.
3 Dinge sind es, die David hier beschreibt:
- Nichts Böses und Unwahres reden!
- Einander nichts Böses sondern Gutes tun!
- Sich aktiv um Frieden miteinander bemühen!
Das sind ganz praktische, alltägliche Ausprägungen eines Miteinanders nach dem Willen Gottes.
Und David wusste ja wovon er hier schreibt. Er hat den Frieden mit Saul gesucht, der ihn lange Jahre verfolgt hat und töten wollte. David hätte Saul töten können, aber er hat es nicht getan.
Und wir lesen an anderer Stelle auch, dass er mit seinen Männern in diesen Zeiten sich vorbildlich verhalten hat:
„Und doch sind die Männer sehr gut zu uns gewesen. Wir sind nicht belästigt worden, und wir haben nicht das Geringste vermisst alle Tage, die wir mit ihnen umhergezogen sind, wenn wir auf dem Feld waren. Sie sind eine Mauer um uns her gewesen bei Nacht und bei Tag, alle die Tage, die wir in ihrer Nähe waren und die Schafe weideten.“ (1. Sam. 25, 15.16 Rev. Elb.)
So wird das Verhalten von Davids Truppe beschrieben. Sie haben sich anständig und gut gegenüber den Schwächeren verhalten.
Tut einander Gutes und jagt dem Frieden nach!
Jetzt könnte man ja meinen, alles schön und gut. Das ist jetzt halt einfach so ein Loblied Davids. Ist das wirklich so relevant für uns.?
5. Identische Anweisungen im NT
„Endlich aber seid alle gleichgesinnt, mitleidig, voll brüderlicher Liebe, barmherzig, demütig, und vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern im Gegenteil segnet, weil ihr dazu berufen worden seid, dass ihr Segen erbt!
"Denn wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der halte Zunge und Lippen vom Bösen zurück, dass sie nicht Trug reden; er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach!“ (1. Petr. 3, 8 - 11 Rev. Elb.)
So finden wir es im NT bei Petrus. Petrus gibt hier ganz praktische Anweisungen an die Gemeinde. Kombiniert mit der Stelle aus dem Psalm 34. Ach ja, und auch die Christen in Kleinasien (der heutigen Türkei) an die Petrus seinen Brief schrieb, waren Verfolgungen und Bedrückungen ausgesetzt.
Die Bibel ist manchmal sowas von praxisbezogen, sowas von (krass) alltagsrelevant.
Christen streiten sich oft über das richtige Tauf- oder Abendmahlverständnis. Sie belehren einander in Fragen der Geistestaufe und der Geistesgaben. Sie bekämpfen einander bei unterschiedlichen Ansichten zu Abtreibung oder Homosexualität. Wetteifern über die richtigen Gottesdienst-, Gemeinde- und Erweckungsstrukturen und -programme.
Und übersehen doch oft worum es im praktischen Leben, im Alltag eigentlich geht. Und der Alltag ist doch ein recht großer Teil unseres Lebens.
Es geht doch darum mein Umfeld zu lieben:
Nichts Böses, sondern Gutes tun! Den Frieden miteinander suchen! Barmherzig und mitleidig sein! Eigentlich sind das alles nur Teilaspekte von: Liebt einander! Liebt Eure Nächsten!
6. Suchen
Ein Wort haben wir uns jetzt noch gar nicht angeschaut. Frieden, jagen. Fehlt noch suchen.
Wir kennen alle Beziehungen ohne Frieden. Unversöhnlichkeit. Gegeneinander statt miteinander. Der Frieden ist nicht mehr da. Er ist abhanden gekommen. Verloren gegangen. Vielleicht war er auch noch nie da.
Deshalb werden wir aufgefordert ihn zu suchen! Das hebr. Wort „bakasch“ heißt soviel wie wühlen, scharren, alles durchsuchen, angestrengt nach etwas suchen.
Leute, wir werden hier ganz schön gefordert:
Angestrengt nach dem verloren gegangenen Frieden zu suchen und wenn wir ihn gefunden haben, dann ihn auch noch nachzujagen, damit er nicht wieder verlustig geht.
Ich sag mal, es gab schon durchaus bequemere Jahreslosungen.
Nicht jeder Konflikt lässt sich lösen, wenn der andere sich dagegen wehrt und sich verweigert. Der Friede zwischen Saul und David war nie wirklich stabil. Aber es lag nicht an David. Wir sind nur für uns verantwortlich. Für unser Verhalten. Unser Suchen und Jagen.
Bei alldem brauchen wir Gottes Unterstützung. David schreibt weiter:
„18 Wenn die Gerechten schreien, so hört der HERR und errettet sie aus all ihrer Not.
19 Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.“ (Luther)
Nichts muss aus eigener Kraft geschehen. Manches übersteigt das menschlich Mögliche.
(Bsp. Versöhnung von x mit ihrer Mutter).
7. Frieden mit Gott
Für David war die Basis für dies alles sein Vertrauen auf Gott, sein Ruhen in Gott, sein Frieden mit Gott. Das war die Basis für sein Leben, für sein Streben, sein Ausharren, sein Suchen und Jagen.
Wenn man Frieden mit anderen leben will, die es einem schwer machen, braucht man den Frieden mit Gott. Nur aus diesem Frieden heraus ist das überhaupt machbar.
Ich denke es passt ganz gut, dass dieser Psalm 34 auch noch ein messianischer Psalm ist, d.h. er beinhaltet Stellen, die auf Jesus als Messias hinweisen.
„21 Er bewahrt ihm alle seine Gebeine, dass nicht eines von ihnen zerbrochen wird.“ (Luther)
(vgl. Joh. 19, 33 - 36; 2. Mo. 12, 46)
Wenn Du Jesus noch nicht kennst, er bietet Dir seinen Frieden an.
Einen Frieden, der nur er Dir geben kann. Er hat am Kreuz Frieden gemacht zwischen Gott und mir und alle Schuld getilgt. Jesus Christus ist unser Friede! Er ist der Friedensstifter.
AMEN.
(Übung: Kurzen Psalm schreiben in dem wir Gott über die Umstände erheben)
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Montag, 25. März 2019
Sonntag, 2. Oktober 2016
Predigt von Norbert Wohlrab (25.09.16)
Röm. 14, 17 - 19
Da ich heute gleich zwei Predigttermine habe, habe ich mir gedacht, es wäre doch ganz praktisch gleich über den offiziellen Predigttextes des heutigen Sonntags zu predigen. So erspar ich es mir zwei verschiedene Predigten vorbereiten zu müssen. Synergieeffekt sozusagen. Außerdem bleib ich dann davor bewahrt immer wieder über meine Lieblingsthemen zu predigen.
Der Text für heute ist Röm. 14, 17-19:
„Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist. Denn wer in diesem dem Christus dient, ist Gott wohlgefällig und den Menschen bewährt. So lasst uns nun dem nachstreben, was dem Frieden, und dem, was der gegenseitigen Erbauung dient.“ (Röm. 14, 17-19 Rev. Elb.)
Das Reich Gottes ist also nicht Essen und Trinken. Wie lebensfeindlich aber auch, oder?
Wir haben in der CGF heute Gottesdienst mit gemeinsamen Mittagessen im Anschluss. Gemeinsames Essen und Trinken gehört bei uns einmal im Monat zum Gottesdienst feiern dazu. Das ist bei uns ein Ausdruck christlicher Lebenskultur. Aber, da haben wir wohl jetzt schon wieder mal alles falsch gemacht. Ätsch! Um sowas geht´s im Reich Gottes nämlich gar nicht. Solche profanen irdischen Dinge sollten wir nämlich nur auf das wirklich Allernotwendigste beschränken. Askese ist angesagt! Essen in der Gemeinde, so was Überflüssiges. Knapp daneben ist auch vorbei.
So oder so ähnlich könnte man diese Bibelstelle, diese Aufforderung ja zunächst einmal verstehen, wenn man sie aus dem Zusammenhang reißt. Aber ist das hier wirklich gemeint? Ist das NT wirklich so lebensverneinend? Hat Jesus selbst nicht ganz anders gehandelt?
Und tatsächlich wenn wir uns das Leben und Wirken unseres Herrn anschauen, dann lesen wir beispielsweise
Also alles andere als lebensverneinend und so kann dieser Vers aus dem Römerbrief auch nur eine ganz andere Bedeutung haben, die man aber nur im Zusammenhang des ganzes Kapitels erkennt.
Die Gemeinde in Rom war ja keine homogene Gruppe. Nicht so wie wir. Sie bestand wohl nicht nur aus mehreren dezentralen Hauskirchen, sondern auch aus völlig unterschiedlich religiös sozialisierten Gruppen: den Judenchristen und den Heidenchristen, also aus Menschen die vorher im jüdischen Glauben verwurzelt waren oder und aus Menschen, die vorher einer heidnischen Religionen angehört haben.
Und diese beiden Gruppen waren sich nicht besonders grün, denn sie hatten unterschied-liche Auffassungen in manchen theologischen Fragen. Und nicht nur in irgendwelchen nebensächlichen Fragestellungen, wie heute vielleicht Erd- oder Feuerbestattung oder nimmt man nun homöopathische Medikamente oder lieber doch nicht. Da muss man sich nicht bis aufs Blut streiten. Das ist nicht so existenziell.
Nein, es ging um Fragen, die die tägliche Lebensweise, aber v.a. auch die Praxis der täglichen Nachfolge betroffen haben. Es ging beispielsweise um´s Essen.
V. 2 „Einer glaubt, er dürfe alles essen; der Schwache aber isst Gemüse.“
(Paulus hat also eine eindeutige Meinung zur vegetarischen Ernährung. In der Luther-übersetzung von 1912 steht hier noch so nett übersetzt „der ißt Kraut“.)
Es gab hier zwei Konfliktpotenziale: zum einen die jüdischen Reinheitsgebote, die den Verzehr von bestimmten Fleischarten oder von unsachgemäß zubereiteten Fleisch (nicht richtig geschächteten Fleisch, das noch Blut beinhaltet) verbieten und zum anderen die Tatsache, dass es sich wohl bei dem meisten Fleisch, dass auf dem Markt erhältlich war um Götzenopferfleisch gehandelt hat, also um Überreste von Opfern in unterschiedlichen römischen, hellenistischen oder ägyptischen Kulten, d.h. Fleisch, dass heidnischen Göttern geweiht war und die sozusagen nicht alles aufgegessen haben.
Beides dürfte eigentlich für das Leben eines Christen keine Rolle spielen. Alle Speise kommt von Gott. Die Götzen sind Nichtse und die jüdischen Gesetze sind für Christen genauso „nichtsig". Daher kann alles guten Gewissens verzehrt werden. Wer so denkt ist - zumindest in diesem Punkt - stark im Glauben, der hat eine gewisse Reife erreicht. Aber es gibt eben auch die anderen, die Ängstlichen, die Unreifen, die Schwachen, die Anfänger im Glauben, die noch nicht frei sind in ihrem Gewissen, die noch gefangen sind in ihrer Prägung.
Eigentlich könnten sie unbeschadet nebeneinander existieren, wenn sie sich denn in Ruhe lassen würden, aber
V. 3 „Wer isst, verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, richte den nicht, der isst! Denn Gott hat ihn aufgenommen.
V. 4 Wer bist du, der du den Hausknecht eines anderen richtest? Er steht oder fällt dem eigenen Herrn. Er wird aber aufrecht gehalten werden, denn der Herr vermag ihn aufrecht zu halten.“
Es haut nicht hin mit der friedlichen Koexistenz, sondern sie fangen an einander zu richten, einander zu verurteilen, übereinander herzuziehen. Auch die Starken. Sie sind vielleicht noch gar nicht so reif, wenn sie auf einmal anfangen die Schwachen zu verurteilen und sich über ihre Pedanterie lustig machen.
Dieser Streit ist uns ziemlich fremd. Götzenopferfleisch kriegen wir heute eher selten beim Metzger. (Das müsste man wohl explizit bestellen.) Gewiss auch heute gibt es unterschiedliche Auffassungen in punkto Ernährung, aber es sind keine theologisch motivierten Streitigkeiten, wobei es sicherlich Menschen gibt, bei denen die richtige Ernährung durchaus zu einer Ersatzreligion geworden ist und die eine sehr missionarische Gesinnung haben ihren Standpunkt zu vermitteln.
Es gab aber noch einen anderen Konfliktherd: nämlich der Umgang mit den heiligen Tagen:
Wie viele würden sich wohl auch heute wünschen, dass Paulus ganz klare Ansagen macht, was die Gestaltung des Sabbats/Sonntages betrifft. Aber weit gefehlt. Es geht hier ja nicht um Ehebruch oder Diebstahl, dazu hätte Paulus sich wohl sehr klar geäußert. Es geht um die Ausgestaltung der Nachfolge. Es geht nicht um besser sündigen, sondern um richtig nachfolgen.
Umso länger ich im Glauben stehe umso mehr stelle ich fest, dass das NT kein Gesetz-buch ist wie das AT. Wir finden hier viel Freiraum in Fragen der Lebensgestaltung und der persönlichen Nachfolge. Und so auch hier:
V. 5 „Der eine hält einen Tag vor dem anderen, der andere aber hält jeden Tag gleich. Jeder aber sei in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt!
V. 6 Wer den Tag beachtet, beachtet ihn dem Herrn. Und wer isst, isst dem Herrn, denn er sagt Gott Dank; und wer nicht isst, isst dem Herrn nicht und sagt Gott Dank.
V. 7 Denn keiner von uns lebt sich selbst, und keiner stirbt sich selbst.“
Beides ist möglich. Man kann zu Gottes Ehre Fleisch essen und man kann zu Gottes Ehre darauf verzichten. Man kann frei sein zum essen und nicht frei sein zum essen.
Beides ist möglich. Man kann zu Gottes Ehre einen Tag höher als andere halten und kann aus der Freiheit des Glaubens darauf verzichten.
Jeder soll in der Gestaltung der Nachfolge seiner Überzeugung gemäß handeln, aber ohne über den, der eine andere Überzeugung hat die Nase zu rümpfen und ohne ihn zu richten.
Eine kurze Geschichte, die ich im Internet gefunden habe, verdeutlich dies:
Ein Vater zog mit seinem Sohn und einem Esel in der Mittagsglut durch die staubigen Gassen von Keshan. Der Vater saß auf dem Esel, den der Junge führte. „Der arme Junge“, sagte da ein Vorübergehender. „Seine kurzen Beinchen versuchen, mit dem Tempo des Esels Schritt zu halten. Wie kann man so faul auf dem Esel herumsitzen, wenn man sieht, dass das kleine Kind sich müde läuft.“ Der Vater nahm sich dies zu Herzen, stieg hinter der nächsten Ecke ab und ließ den Jungen aufsitzen. Gar nicht lange dauerte es, da erhob schon wieder ein Vorübergehender seine Stimme: „ So eine Unverschämt-heit. Sitzt doch der kleine Bengel wie ein Sultan auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenherläuft.“ Dies schmerzte den Jungen und er bat den Vater, sich hinter ihn auf den Esel zu setzen. „Hat man so etwas schon gesehen?“ keifte eine schleierverhangene Frau, „solche Tierquälerei? Dem armen Esel hängt der Rücken durch, und der alte und der junge Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus, als wäre er ein Diwan, die arme Kreatur!“ Die Gescholtenen schauten sich an und stiegen beide, ohne ein Wort zu sagen, vom Esel herunter. Kaum waren sie wenige Schritte neben dem Tier hergegangen, machte sich ein Fremder über sie lustig: „So dumm möchte ich einmal sein! Wozu führt ihr denn den Esel spazieren, wenn er nichts leistet, euch keinen Nutzen bringt und noch nicht einmal einen von euch trägt?“ Der Vater schob dem Esel eine Hand voll Stroh ins Maul und legte seine Hand auf die Schulter seines Sohnes. „Gleichgültig, was wir machen“, sagte er, „es findet sich doch jemand, der damit nicht einverstanden ist. Ich glaube, wir müssen selbst wissen, was wir für richtig halten.“
(Quelle: Nossrat Peseschkian, Der Kaufmann und der Papagei)
Nach der eigenen Überzeugung handeln ohne den anderen zu verurteilen.
In der CGF sind wir ja mittlerweile so homogenisiert und pasteurisiert, da finden wir gar keinen Ansatzpunkt mehr für irgendwelche theologischen Streitigkeiten. Wir wissen bspw. wie jeder über Taufe denkt. Jeder soll da nach seiner Überzeugung handeln. Manchmal denke ich ein bisschen mehr Reibung würde uns gar nicht schaden, weil mancher dadurch herausgefordert wird, vielleicht auch angetrieben und angespornt wird.
Aber in anderen christlichen Gemeinden gibt es oft noch genug solcher Reizthemen: Ist es für das Reich Gottes förderlicher zu bauen oder nicht zu bauen? Wie laut, wie modern, wie elektrisch usw. soll die Lobpreisband sein? Das sind oft die Gemeindespalter. Frauenordination ist bei manchen auch ein Thema. Es gibt sicher noch viel mehr Konfliktherde, die ich mir mit meinem schlichten Gemüt mir gar nicht vorstellen kann.
V. 10 „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder auch du, was verachtest du deinen Bruder? Denn wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“
Und weiter schreibt Paulus, nicht nur nicht richten, sondern sogar so das Leben gestalten, dass es dem anderen kein Stolperstein ist.
V. 13 „Lasst uns nun nicht mehr einander richten, sondern haltet vielmehr das für recht, dem Bruder keinen Anstoß oder kein Ärgernis zu geben!“
Kein Fallstrick sein! Das ist jetzt ein Wort an die Starken. Wenn ich frei bin zum Verzehr, dann kann ich auch frei sein zum Verzicht in der Gegenwart des Schwachen. Nicht damit ich es dem anderen Recht mache, sondern damit ich durch mein Verhalten dem anderen, dem jungen und schwachen im Glauben nicht in Glaubenskrisen führe.
Trotzdem stellt Paulus klar, auf welcher Seite er steht:
V. 14 „Ich weiß und bin überzeugt in dem Herrn Jesus, dass nichts an sich unrein ist; nur dem, der etwas als gemein ansieht, dem ist es unrein.“
Hier beruft er sich nicht auf sich selbst, sondern auf Jesus Christus. Entweder bezieht er sich auf eine geistliche Offenbarung oder auf Worte Jesu. Und Jesus sagte ja bspw. im Disput mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, dass alle Speisen rein sind und nichts von außen den Menschen verunreinigen kann (Mk. 7, 15 - 23).
Aber trotzdem im gemeindlichen Miteinander geht es nicht darum Recht zu bekommen, nicht um das Urteilen und Verurteilen, sondern es geht um einen gemeinsamen Wandel in der Liebe, um gegenseitigen Respekt und Anerkennung, um Rücksichtnahme.
V. 15b sonst „wandelst du nicht mehr nach der Liebe.“
Denn….und jetzt kommt endlich der Vers des Predigttextes:
V. 16 „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.“
oder besser verständlich:
„Denn im Reich Gottes geht es nicht um Fragen des Essens und Trinkens, sondern um das, was der Heilige Geist bewirkt: Gerechtigkeit, Frieden und Freude.“ (Röm. 14,16 NGÜ)
Wenn im NT vom Reich Gottes die Rede ist, dann geht es immer um die ausgeübte Königsherrschaft Gottes, nicht um ein regionales Reich oder Gebiet. Es bedeutet also etwa soviel wie. da:
wo Gott unter Euch herrscht,
wo das Wesen seiner Herrschaft gegenwärtig ist ,
wo seine Liebe gegenwärtig ist…
Dort spielen solche Fragen keine Rolle mehr.
Nächstes Jahr ist Luther-Jahr. Was hat den jungen Luther gequält? Die Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?
Auch darum geht es in unserem Text: Wie esse ich richtig? Wie halte ich den Feiertag richtig? Die Antwort: Ich muss keine Reinheitsvorschriften mehr beachten um vor Gott bestehen zu können. Ich habe bestanden!
Diese Fragestellungen gehen daher am Kern des Evangeliums vorbei. In einer Klassenarbeit würde der Lehrer wohl sagen: Leider eine Themaverfehlung.
Jetzt hatten wir eine lange Herleitung was das Reich Gottes nicht ist. Wahrscheinlich typisch deutsch: immer auf das Negative schauen. Jetzt wollen wir aber noch auf das Schauen, was das Reich Gottes ausmacht: Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist!
Gerechtigkeit, Friede und Freude. Also, ehrlich gesagt: ich hätte es wahrscheinlich anders definiert. Zuallererst hätte ich Liebe geschrieben und wenn ich jetzt ein organisch-dynamischer Vollblut-Pfingstler wäre, hätte ich wohl auch noch Kraft geschrieben und Barm-herzigkeit natürlich und selbstverständlich Gnade und…..
Nun, ich bin mir nicht sicher, ob Paulus dies als abschließende Aufzählung verstanden haben wollte, aber er hat sich sicherlich dabei etwas gedacht.
Und daher ist es sicher kein Zufall, dass hier als erstes Gerechtigkeit steht. Gerechtigkeit ist ein Wesenszug Gottes. Gerechtigkeit meint mehr als unser regulatives Verständnis.
„Die Bibel meint also mit der Gerechtigkeit Gottes seine umfassende Lebensgabe und Lebensgnade.“
(Quelle: Brunnen, Das große Bibellexikon Band 2)
Denn das ist es ja, was im Reich Gottes bewirkt wird: nicht durch mein ängstliches Streben, sondern durch Gottes Gnade: ich werde gerechtfertigt und erfahre ohne eigenes Zutun, durch das Werk Christi Gottes Gerechtigkeit.
„und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist.“ (Röm. 3,24 Rev. Elb.)
Und diese Gerechtigkeit bewirkt Frieden mit Gott.
„Und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein.“ (Jes. 32,17 Luther)
So beschreibt Jesaja das Wesen des kommenden Königreiches.
Aber ich denke Gerechtigkeit hat immer auch eine Dimension zu meinen Nächsten hin. Auch in diese Richtung sollen Gerechtigkeit und Frieden als Wesen des Reiches Gottes sichtbar werden. Der wahre Gottesdienst findet im Alltag statt, schreibt Paulus an anderer Stelle im Römerbrief (12,1).
Aus der Gerechtigkeit mit Gott entspringt Gerechtigkeit im Alltag. Gerechtigkeit drückt sich immer in Beziehungen aus. Beim Volk Israel war der Gradmesser der Umgang mit den Witwen, Waisen und Fremden. Auch heute wieder ein aktuelles Thema: der Umgang mit den Fremden.
Als ich von der Partei mit dem C im Namen kürzlich gelesen habe, sie wollen Asyl künftig auf Christen reduzieren, musste ich an das Wort Jesu denken: „Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe?“ (Mt. 5,46 Rev. Elb.)
Gerechtigkeit im Alltag, in der Gesellschaft, in der Politik, im Reich Gottes…ein spannendes Thema. Stoff für viele weitere Predigten.
Frieden. Wer Frieden mit Gott hat, kann auch Frieden mit seinen Mitmenschen leben. Dabei ist nicht nur kein Krieg und kein Streit gemeint, sondern ein füreinander sorgen. Ein sich aktives Einsetzen.
V. 19 „So lasst uns nun dem nachstreben, was dem Frieden…dient.“
Fehlt noch Freude. Ich muss zugeben: Ich hab´s nicht so mit der Freude. Ich bin einfach sowas von ausgeglichen. (Liegt vielleicht daran, dass ich seit meiner Jugend „beta-geblockt“ bin.) Ich bin schon zufrieden, wenn ich mich mal innerlich freue. Wenn ich auf irgendwelchen Konferenzen bin und dann enthusiastisch jubelnde und emotional verzückte Christen sehe, komm ich mir mit meiner Ausgeglichenheit immer recht minderbegabt vor.
Aber das biblische Freude bedeutet viel mehr. Sie meint ein ganzheitliches Wohlbefinden. (Und mit Wohlbefinden kenn ich mich als Wohlrab aus.) Fülle. Leben in Fülle.
V. 18.19 „So lasst uns nun dem nachstreben, was dem Frieden, und dem, was gegenseitigen Erbauung dient.“
AMEN.
Da ich heute gleich zwei Predigttermine habe, habe ich mir gedacht, es wäre doch ganz praktisch gleich über den offiziellen Predigttextes des heutigen Sonntags zu predigen. So erspar ich es mir zwei verschiedene Predigten vorbereiten zu müssen. Synergieeffekt sozusagen. Außerdem bleib ich dann davor bewahrt immer wieder über meine Lieblingsthemen zu predigen.
Der Text für heute ist Röm. 14, 17-19:
„Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist. Denn wer in diesem dem Christus dient, ist Gott wohlgefällig und den Menschen bewährt. So lasst uns nun dem nachstreben, was dem Frieden, und dem, was der gegenseitigen Erbauung dient.“ (Röm. 14, 17-19 Rev. Elb.)
Das Reich Gottes ist also nicht Essen und Trinken. Wie lebensfeindlich aber auch, oder?
Wir haben in der CGF heute Gottesdienst mit gemeinsamen Mittagessen im Anschluss. Gemeinsames Essen und Trinken gehört bei uns einmal im Monat zum Gottesdienst feiern dazu. Das ist bei uns ein Ausdruck christlicher Lebenskultur. Aber, da haben wir wohl jetzt schon wieder mal alles falsch gemacht. Ätsch! Um sowas geht´s im Reich Gottes nämlich gar nicht. Solche profanen irdischen Dinge sollten wir nämlich nur auf das wirklich Allernotwendigste beschränken. Askese ist angesagt! Essen in der Gemeinde, so was Überflüssiges. Knapp daneben ist auch vorbei.
So oder so ähnlich könnte man diese Bibelstelle, diese Aufforderung ja zunächst einmal verstehen, wenn man sie aus dem Zusammenhang reißt. Aber ist das hier wirklich gemeint? Ist das NT wirklich so lebensverneinend? Hat Jesus selbst nicht ganz anders gehandelt?
Und tatsächlich wenn wir uns das Leben und Wirken unseres Herrn anschauen, dann lesen wir beispielsweise
- von der Hochzeitsfeier, auf der er Wein vermehrt hat (bei der Heilsarmee wurde diese Bibelstelle in Saft umgewandelt)
- dass er sich selber bei Zachäus zum Essen eingeladen hat (das sind die liebsten Gäste)
- mit Zöllnern und Sündern gespeist hatund überhaupt so häufig am gemeinschaftlichen Essen und Trinken war, dass die Pharisäer ihn als Fresser und Weinsäufer (Mt. 11,19) tituliert haben uvm.
- und auch im AT gibt es bspw. die Aufforderung vor Gott mit Wein, starkem Getränk und allen Speisen, die das Herz begehrt, zu feiern und fröhlich zu sein (5. Mo. 14,26)
Also alles andere als lebensverneinend und so kann dieser Vers aus dem Römerbrief auch nur eine ganz andere Bedeutung haben, die man aber nur im Zusammenhang des ganzes Kapitels erkennt.
Die Gemeinde in Rom war ja keine homogene Gruppe. Nicht so wie wir. Sie bestand wohl nicht nur aus mehreren dezentralen Hauskirchen, sondern auch aus völlig unterschiedlich religiös sozialisierten Gruppen: den Judenchristen und den Heidenchristen, also aus Menschen die vorher im jüdischen Glauben verwurzelt waren oder und aus Menschen, die vorher einer heidnischen Religionen angehört haben.
Und diese beiden Gruppen waren sich nicht besonders grün, denn sie hatten unterschied-liche Auffassungen in manchen theologischen Fragen. Und nicht nur in irgendwelchen nebensächlichen Fragestellungen, wie heute vielleicht Erd- oder Feuerbestattung oder nimmt man nun homöopathische Medikamente oder lieber doch nicht. Da muss man sich nicht bis aufs Blut streiten. Das ist nicht so existenziell.
Nein, es ging um Fragen, die die tägliche Lebensweise, aber v.a. auch die Praxis der täglichen Nachfolge betroffen haben. Es ging beispielsweise um´s Essen.
V. 2 „Einer glaubt, er dürfe alles essen; der Schwache aber isst Gemüse.“
(Paulus hat also eine eindeutige Meinung zur vegetarischen Ernährung. In der Luther-übersetzung von 1912 steht hier noch so nett übersetzt „der ißt Kraut“.)
Es gab hier zwei Konfliktpotenziale: zum einen die jüdischen Reinheitsgebote, die den Verzehr von bestimmten Fleischarten oder von unsachgemäß zubereiteten Fleisch (nicht richtig geschächteten Fleisch, das noch Blut beinhaltet) verbieten und zum anderen die Tatsache, dass es sich wohl bei dem meisten Fleisch, dass auf dem Markt erhältlich war um Götzenopferfleisch gehandelt hat, also um Überreste von Opfern in unterschiedlichen römischen, hellenistischen oder ägyptischen Kulten, d.h. Fleisch, dass heidnischen Göttern geweiht war und die sozusagen nicht alles aufgegessen haben.
Beides dürfte eigentlich für das Leben eines Christen keine Rolle spielen. Alle Speise kommt von Gott. Die Götzen sind Nichtse und die jüdischen Gesetze sind für Christen genauso „nichtsig". Daher kann alles guten Gewissens verzehrt werden. Wer so denkt ist - zumindest in diesem Punkt - stark im Glauben, der hat eine gewisse Reife erreicht. Aber es gibt eben auch die anderen, die Ängstlichen, die Unreifen, die Schwachen, die Anfänger im Glauben, die noch nicht frei sind in ihrem Gewissen, die noch gefangen sind in ihrer Prägung.
Eigentlich könnten sie unbeschadet nebeneinander existieren, wenn sie sich denn in Ruhe lassen würden, aber
V. 3 „Wer isst, verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, richte den nicht, der isst! Denn Gott hat ihn aufgenommen.
V. 4 Wer bist du, der du den Hausknecht eines anderen richtest? Er steht oder fällt dem eigenen Herrn. Er wird aber aufrecht gehalten werden, denn der Herr vermag ihn aufrecht zu halten.“
Es haut nicht hin mit der friedlichen Koexistenz, sondern sie fangen an einander zu richten, einander zu verurteilen, übereinander herzuziehen. Auch die Starken. Sie sind vielleicht noch gar nicht so reif, wenn sie auf einmal anfangen die Schwachen zu verurteilen und sich über ihre Pedanterie lustig machen.
Dieser Streit ist uns ziemlich fremd. Götzenopferfleisch kriegen wir heute eher selten beim Metzger. (Das müsste man wohl explizit bestellen.) Gewiss auch heute gibt es unterschiedliche Auffassungen in punkto Ernährung, aber es sind keine theologisch motivierten Streitigkeiten, wobei es sicherlich Menschen gibt, bei denen die richtige Ernährung durchaus zu einer Ersatzreligion geworden ist und die eine sehr missionarische Gesinnung haben ihren Standpunkt zu vermitteln.
Es gab aber noch einen anderen Konfliktherd: nämlich der Umgang mit den heiligen Tagen:
- Sollte man den Sabbat halten?
- Oder besser den Sonntag, weil Jesus da auferstanden ist?
- Oder lieber beide Tage?
- Oder doch gar keinen Tag, weil man doch frei vom jüdischen Gesetz war?
Wie viele würden sich wohl auch heute wünschen, dass Paulus ganz klare Ansagen macht, was die Gestaltung des Sabbats/Sonntages betrifft. Aber weit gefehlt. Es geht hier ja nicht um Ehebruch oder Diebstahl, dazu hätte Paulus sich wohl sehr klar geäußert. Es geht um die Ausgestaltung der Nachfolge. Es geht nicht um besser sündigen, sondern um richtig nachfolgen.
Umso länger ich im Glauben stehe umso mehr stelle ich fest, dass das NT kein Gesetz-buch ist wie das AT. Wir finden hier viel Freiraum in Fragen der Lebensgestaltung und der persönlichen Nachfolge. Und so auch hier:
V. 5 „Der eine hält einen Tag vor dem anderen, der andere aber hält jeden Tag gleich. Jeder aber sei in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt!
V. 6 Wer den Tag beachtet, beachtet ihn dem Herrn. Und wer isst, isst dem Herrn, denn er sagt Gott Dank; und wer nicht isst, isst dem Herrn nicht und sagt Gott Dank.
V. 7 Denn keiner von uns lebt sich selbst, und keiner stirbt sich selbst.“
Beides ist möglich. Man kann zu Gottes Ehre Fleisch essen und man kann zu Gottes Ehre darauf verzichten. Man kann frei sein zum essen und nicht frei sein zum essen.
Beides ist möglich. Man kann zu Gottes Ehre einen Tag höher als andere halten und kann aus der Freiheit des Glaubens darauf verzichten.
Jeder soll in der Gestaltung der Nachfolge seiner Überzeugung gemäß handeln, aber ohne über den, der eine andere Überzeugung hat die Nase zu rümpfen und ohne ihn zu richten.
Eine kurze Geschichte, die ich im Internet gefunden habe, verdeutlich dies:
Ein Vater zog mit seinem Sohn und einem Esel in der Mittagsglut durch die staubigen Gassen von Keshan. Der Vater saß auf dem Esel, den der Junge führte. „Der arme Junge“, sagte da ein Vorübergehender. „Seine kurzen Beinchen versuchen, mit dem Tempo des Esels Schritt zu halten. Wie kann man so faul auf dem Esel herumsitzen, wenn man sieht, dass das kleine Kind sich müde läuft.“ Der Vater nahm sich dies zu Herzen, stieg hinter der nächsten Ecke ab und ließ den Jungen aufsitzen. Gar nicht lange dauerte es, da erhob schon wieder ein Vorübergehender seine Stimme: „ So eine Unverschämt-heit. Sitzt doch der kleine Bengel wie ein Sultan auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenherläuft.“ Dies schmerzte den Jungen und er bat den Vater, sich hinter ihn auf den Esel zu setzen. „Hat man so etwas schon gesehen?“ keifte eine schleierverhangene Frau, „solche Tierquälerei? Dem armen Esel hängt der Rücken durch, und der alte und der junge Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus, als wäre er ein Diwan, die arme Kreatur!“ Die Gescholtenen schauten sich an und stiegen beide, ohne ein Wort zu sagen, vom Esel herunter. Kaum waren sie wenige Schritte neben dem Tier hergegangen, machte sich ein Fremder über sie lustig: „So dumm möchte ich einmal sein! Wozu führt ihr denn den Esel spazieren, wenn er nichts leistet, euch keinen Nutzen bringt und noch nicht einmal einen von euch trägt?“ Der Vater schob dem Esel eine Hand voll Stroh ins Maul und legte seine Hand auf die Schulter seines Sohnes. „Gleichgültig, was wir machen“, sagte er, „es findet sich doch jemand, der damit nicht einverstanden ist. Ich glaube, wir müssen selbst wissen, was wir für richtig halten.“
(Quelle: Nossrat Peseschkian, Der Kaufmann und der Papagei)
Nach der eigenen Überzeugung handeln ohne den anderen zu verurteilen.
In der CGF sind wir ja mittlerweile so homogenisiert und pasteurisiert, da finden wir gar keinen Ansatzpunkt mehr für irgendwelche theologischen Streitigkeiten. Wir wissen bspw. wie jeder über Taufe denkt. Jeder soll da nach seiner Überzeugung handeln. Manchmal denke ich ein bisschen mehr Reibung würde uns gar nicht schaden, weil mancher dadurch herausgefordert wird, vielleicht auch angetrieben und angespornt wird.
Aber in anderen christlichen Gemeinden gibt es oft noch genug solcher Reizthemen: Ist es für das Reich Gottes förderlicher zu bauen oder nicht zu bauen? Wie laut, wie modern, wie elektrisch usw. soll die Lobpreisband sein? Das sind oft die Gemeindespalter. Frauenordination ist bei manchen auch ein Thema. Es gibt sicher noch viel mehr Konfliktherde, die ich mir mit meinem schlichten Gemüt mir gar nicht vorstellen kann.
V. 10 „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder auch du, was verachtest du deinen Bruder? Denn wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“
Und weiter schreibt Paulus, nicht nur nicht richten, sondern sogar so das Leben gestalten, dass es dem anderen kein Stolperstein ist.
V. 13 „Lasst uns nun nicht mehr einander richten, sondern haltet vielmehr das für recht, dem Bruder keinen Anstoß oder kein Ärgernis zu geben!“
Kein Fallstrick sein! Das ist jetzt ein Wort an die Starken. Wenn ich frei bin zum Verzehr, dann kann ich auch frei sein zum Verzicht in der Gegenwart des Schwachen. Nicht damit ich es dem anderen Recht mache, sondern damit ich durch mein Verhalten dem anderen, dem jungen und schwachen im Glauben nicht in Glaubenskrisen führe.
Trotzdem stellt Paulus klar, auf welcher Seite er steht:
V. 14 „Ich weiß und bin überzeugt in dem Herrn Jesus, dass nichts an sich unrein ist; nur dem, der etwas als gemein ansieht, dem ist es unrein.“
Hier beruft er sich nicht auf sich selbst, sondern auf Jesus Christus. Entweder bezieht er sich auf eine geistliche Offenbarung oder auf Worte Jesu. Und Jesus sagte ja bspw. im Disput mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, dass alle Speisen rein sind und nichts von außen den Menschen verunreinigen kann (Mk. 7, 15 - 23).
Aber trotzdem im gemeindlichen Miteinander geht es nicht darum Recht zu bekommen, nicht um das Urteilen und Verurteilen, sondern es geht um einen gemeinsamen Wandel in der Liebe, um gegenseitigen Respekt und Anerkennung, um Rücksichtnahme.
V. 15b sonst „wandelst du nicht mehr nach der Liebe.“
Denn….und jetzt kommt endlich der Vers des Predigttextes:
V. 16 „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.“
oder besser verständlich:
„Denn im Reich Gottes geht es nicht um Fragen des Essens und Trinkens, sondern um das, was der Heilige Geist bewirkt: Gerechtigkeit, Frieden und Freude.“ (Röm. 14,16 NGÜ)
Wenn im NT vom Reich Gottes die Rede ist, dann geht es immer um die ausgeübte Königsherrschaft Gottes, nicht um ein regionales Reich oder Gebiet. Es bedeutet also etwa soviel wie. da:
wo Gott unter Euch herrscht,
wo das Wesen seiner Herrschaft gegenwärtig ist ,
wo seine Liebe gegenwärtig ist…
Dort spielen solche Fragen keine Rolle mehr.
Nächstes Jahr ist Luther-Jahr. Was hat den jungen Luther gequält? Die Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?
Auch darum geht es in unserem Text: Wie esse ich richtig? Wie halte ich den Feiertag richtig? Die Antwort: Ich muss keine Reinheitsvorschriften mehr beachten um vor Gott bestehen zu können. Ich habe bestanden!
Diese Fragestellungen gehen daher am Kern des Evangeliums vorbei. In einer Klassenarbeit würde der Lehrer wohl sagen: Leider eine Themaverfehlung.
Jetzt hatten wir eine lange Herleitung was das Reich Gottes nicht ist. Wahrscheinlich typisch deutsch: immer auf das Negative schauen. Jetzt wollen wir aber noch auf das Schauen, was das Reich Gottes ausmacht: Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist!
Gerechtigkeit, Friede und Freude. Also, ehrlich gesagt: ich hätte es wahrscheinlich anders definiert. Zuallererst hätte ich Liebe geschrieben und wenn ich jetzt ein organisch-dynamischer Vollblut-Pfingstler wäre, hätte ich wohl auch noch Kraft geschrieben und Barm-herzigkeit natürlich und selbstverständlich Gnade und…..
Nun, ich bin mir nicht sicher, ob Paulus dies als abschließende Aufzählung verstanden haben wollte, aber er hat sich sicherlich dabei etwas gedacht.
Und daher ist es sicher kein Zufall, dass hier als erstes Gerechtigkeit steht. Gerechtigkeit ist ein Wesenszug Gottes. Gerechtigkeit meint mehr als unser regulatives Verständnis.
„Die Bibel meint also mit der Gerechtigkeit Gottes seine umfassende Lebensgabe und Lebensgnade.“
(Quelle: Brunnen, Das große Bibellexikon Band 2)
Denn das ist es ja, was im Reich Gottes bewirkt wird: nicht durch mein ängstliches Streben, sondern durch Gottes Gnade: ich werde gerechtfertigt und erfahre ohne eigenes Zutun, durch das Werk Christi Gottes Gerechtigkeit.
„und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist.“ (Röm. 3,24 Rev. Elb.)
Und diese Gerechtigkeit bewirkt Frieden mit Gott.
„Und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein.“ (Jes. 32,17 Luther)
So beschreibt Jesaja das Wesen des kommenden Königreiches.
Aber ich denke Gerechtigkeit hat immer auch eine Dimension zu meinen Nächsten hin. Auch in diese Richtung sollen Gerechtigkeit und Frieden als Wesen des Reiches Gottes sichtbar werden. Der wahre Gottesdienst findet im Alltag statt, schreibt Paulus an anderer Stelle im Römerbrief (12,1).
Aus der Gerechtigkeit mit Gott entspringt Gerechtigkeit im Alltag. Gerechtigkeit drückt sich immer in Beziehungen aus. Beim Volk Israel war der Gradmesser der Umgang mit den Witwen, Waisen und Fremden. Auch heute wieder ein aktuelles Thema: der Umgang mit den Fremden.
Als ich von der Partei mit dem C im Namen kürzlich gelesen habe, sie wollen Asyl künftig auf Christen reduzieren, musste ich an das Wort Jesu denken: „Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe?“ (Mt. 5,46 Rev. Elb.)
Gerechtigkeit im Alltag, in der Gesellschaft, in der Politik, im Reich Gottes…ein spannendes Thema. Stoff für viele weitere Predigten.
Frieden. Wer Frieden mit Gott hat, kann auch Frieden mit seinen Mitmenschen leben. Dabei ist nicht nur kein Krieg und kein Streit gemeint, sondern ein füreinander sorgen. Ein sich aktives Einsetzen.
V. 19 „So lasst uns nun dem nachstreben, was dem Frieden…dient.“
Fehlt noch Freude. Ich muss zugeben: Ich hab´s nicht so mit der Freude. Ich bin einfach sowas von ausgeglichen. (Liegt vielleicht daran, dass ich seit meiner Jugend „beta-geblockt“ bin.) Ich bin schon zufrieden, wenn ich mich mal innerlich freue. Wenn ich auf irgendwelchen Konferenzen bin und dann enthusiastisch jubelnde und emotional verzückte Christen sehe, komm ich mir mit meiner Ausgeglichenheit immer recht minderbegabt vor.
Aber das biblische Freude bedeutet viel mehr. Sie meint ein ganzheitliches Wohlbefinden. (Und mit Wohlbefinden kenn ich mich als Wohlrab aus.) Fülle. Leben in Fülle.
V. 18.19 „So lasst uns nun dem nachstreben, was dem Frieden, und dem, was gegenseitigen Erbauung dient.“
AMEN.
Sonntag, 13. März 2016
Predigt von Norbert Wohlrab (13.03.2016)
Mühselig und beladen. mp3
Mühselig und beladen
1. Einleitung
Für den heutigen Sonntag ist mir ein Bibeltext aus dem Matthäus-Evangelium wichtig geworden, den wir alle nur zu gut gehen:
„Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben. Nehmt auf euch mein Joch, und lernt von mir! Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und "ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen“; denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Mt. 11, 28-30 Rev. Elb.)
Jesus spricht also: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ Dieser Vers ist uns allen bekannt, egal ob wir nun Anfänger im Bibellesen sind oder sie noch gar nicht gelesen haben oder schon Fortgeschrittene sind. Diese Einladung, den sogenannten Heilandsruf haben wir irgendwo schon mal gehört Er ist uns allen vertraut.
Ich habe im Internet ein Beispiel gelesen, dass wenn ich jetzt in einer afroamerikanischen Gemeinde irgendwo in New York, in Harlem oder Brooklyn fragen würde: „Wer von Euch ist denn beladen?“, dann würde sofort ein großer Teil der Anwesenden die Hände heben und nach vorne stürmen, weil genau sie sich mühselig und beladen fühlen und Gebet brauchen. Der Rest der Gemeinde würde das Ganze mit lauten Singen und Beten und „Halleluja“- und „Amen“-Rufen begleiten. Aber auch sie würden sich selbst selbstverständlich als mühselig und beladen definieren.
Und hier bei uns?
Haben nicht auch wir vielfach schwer zu tragen in unserem Leben?
Sind nicht auch wir häufig schwer belastet und beladen?
In unserem Alltag: in der Arbeit, in der Familie? Oder durch Krankheit und Leid ?
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Mt. 11,28 Luther)
Brauchen nicht auch wir diese Erquickung, wie es Luther übersetzt?
Wünschen wir uns nicht, dass irgendwie alles gut wird, alle Probleme werden gelöst, endlich auftanken, rund-um-versorgt sein wie ein Säugling an der Brust der Mutter, all-inclusive wie auf dem Kreuzfahrtschiff, Sonne und Strand, Karibik und Cocktails, Wellness bis zum Abwinken, Auszeit und Massage, ganzheitliche Erquickung aus dem Gebetsautomaten Gottes, alles wird gut. Eine Art christliches Schlaraffenland.
Liebe Gemeinde, ich habe jetzt bewusst überzeichnet, aber solche oder zumindest so ähnliche Gedanken haben wir schon beim Lesen dieses Verses:
„Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen.“ (Mt. 11,28 NGÜ)
aber ich befürchte, Jesus meint hier etwas ganz anderes.
2. Befreiung von religiösen Lasten
Gewiss werden wir im NT - Gott sei Dank - eingeladen unsere Sorgen und Nöte ihn hinzubringen, auf ihn zu werfen und loszulassen. Und ich weiß gar nicht, wie ich ohne dies leben könnte. Das Leben wäre zumindest viel schwerer, düsterer, belasteter. Aber hier bei diesem Heilandsruf geht es Jesus um eine ganz andere, um eine ganz spezielle Art von Last.
Vergegenwärtigen wir uns zunächst einmal das Umfeld an in dem Jesus hier diese Aussage trifft. Jesus ist gerade mit seinen Jüngern in Galiläa unterwegs um das Reich Gottes zu verkünden. Da kommt eine Gruppe von Johannesjüngern zu ihm. Sie wollen wissen, ob Jesus der Messias ist. Er spricht dann zu einer nicht genauer definierten Menge, die sich also aus seinen Jüngern, den Johannesjüngern und den übrigen Menschen zusammen setzt, die gekommen sind um ihn zu hören.
Diese Menschen haben alle (oder zumindest zum größten Teil) etwas gemeinsam: es sind fromme, religiöse Menschen.
Die Zeit Jesu war allgemein eine Zeit hoher Frömmigkeit im Judentum. Es gab keine Hurerei mit fremden Göttern. Es gab viele radikale religiöse Gruppen und Sekten, die Pharisäer und Sadduzäer, die Essener uvm. Außerdem gab es eine hohe Messias-Erwartung. Erst hat man gedacht, Johannes könnte der Gesalbte sein, nun fragt man sich, ob Jesus es sein könnte.
Seine Zuhörer sind also größtenteils Menschen, die versuchen „richtig“ zu leben, die versuchen nach dem Willen Gottes zu leben. Menschen die das Gesetz und die religiösen Vorschriften der damaligen Zeit kennen und danach streben, sie zu befolgen. Menschen die versuchen, die 613 Gebote des AT plus die zahlreichen weiteren Vorschriften der Pharisäer usw. einzuhalten. Es sind Menschen, die nach dem Frieden mit Gott, nach Erlösung, nach Ruhe in Gott suchen und sie durch das Befolgen der Gesetze und Vorschriften zu erlangen hoffen.
Und mit diesen Vorschriften und Gesetzen plagen und quälen sie sich ab. Von ihnen werden sie erdrückt. Die Gebote und das Gesetz sind schon schlimm genug und unhaltbar. So schlimm, dass Paulus sie als Dienst des Todes bezeichnet (2. Kor. 3,7). Aber nun kommen auch noch die Pharisäer mit ihren zusätzlichen Vorschriften, von denen Jesus sagt:
„Sie binden aber schwere und schwer zu tragende Lasten zusammen und legen sie auf die Schultern der Menschen. (Mt. 24,4 Rev. Elb.)
Hiermit haben sich die Menschen geplagt. Damit haben sie gekämpft und gerungen. Sie waren mühselig. Hatten also Mühe für ihre Seele, in der deutschen Übersetzung des Wortes kommt das ganz gut rüber.
Die Frage, die sie gequält hat, war auch die uns bekannte Frage eines Martin Luthers: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“
„Wie bekomme ich Frieden mit Gott?“
„Wie kann ich in die Ruhe Gottes eingehen?“
Und Ruhe meint hier ja nicht nur: cool down, chillen und immer schön locker bleiben. Es meint die Ruhe durch den Frieden mit Gott.
„So spricht der HERR: Tretet auf die Wege, seht und fragt nach den Pfaden der Vorzeit, wo denn der Weg zum Guten sei, und geht ihn! So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ (Jer. 6,16 Rev. Elb.)
Es geht hier also nicht um die Mühsal des Alltags:
Diesen Alltagsnöte von Tausenden hätte Jesus als einzelner Mensch ja auch gar nicht abhelfen können. Allerhöchstens punktuell. Hier hätte er viele enttäuschen müssen. Nein, ihm geht es hier um das Seelenheil.
„Kommt zu mir“ ist der weitgehend identische Ruf mit dem uns bekannten „Folget mir nach“. Es geht um die Einladung sein Heil, seine göttliche Ruhe in Jesus zu finden. Ruhe für die Seele, nicht durch das ängstliches Befolgen von Vorschriften und durch Abmühen, sondern durch das Annehmen des Geschenkes der Gnade, des Heils aus seiner Hand.
Es gibt einen Text beim Propheten Jesaja, an dem ich in diesem Zusammenhang wieder denken musste:
„Auf, ihr Durstigen, alle, kommt zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt, kauft und esst! Ja, kommt, kauft ohne Geld und ohne Kaufpreis Wein und Milch! Warum wiegt ihr Geld ab für das, was kein Brot ist, und euren Verdienst für das, was nicht sättigt? Hört doch auf mich, und esst das Gute, und eure Seele labe sich am Fetten! Neigt euer Ohr und kommt zu mir! Hört, und eure Seele wird leben! Und ich will einen ewigen Bund mit euch schließen, getreu den unverbrüchlichen Gnadenerweisen an David.“ (Jes. 55,2 Rev. Elb.)
Es gibt kein Geld, keine Mühe, kein Werk, dass es ermöglicht selbst in die Ruhe Gottes zu kommen. Es ist alles umsonst, weil alles umsonst ist. Alles Bemühen ist nutzlos, weil alles gratis ist.
3. Aufruf
„…alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist.“ (Röm. 3, 23.24 Rev. Elb.)
Alle umsonst? Alle, die danach suchen. Die nach der Ruhe, nach dem Heil trachten, die sich Rechtfertigung wünschen. Wenn ich nicht danach suche, kann ich den Heilandsruf ja auch nicht hören. Wenn ich kein Interesse am Heil, keine Sehnsucht nach meiner Erlösung habe, kann ich auch nicht hören, wie Jesus mich einlädt zu ihm kommen und zu glauben, dass er der Heiland ist, dass er für mein Heil vorgesorgt hat.
Aber wenn ich es höre, dann kann ich sagen: „Ja, Herr. Ich glaube! Ich erkenne, dass ich ein Sünder bin und ich brauche Deine Vergebung und nehme sie für mich persönlich an. Danke, dass Du für meine Schuld gestorben bist.“
So wird man Christ. Nicht durch ein bisschen Wasser auf den Kopf in einer Lebensphase, wo der Kopf noch gar nicht richtig ausgebildet ist, sondern durch das persönliche Annehmen der Vergebung Gottes ermöglicht durch den Tod von Jesus Christus am Kreuz. Denn auch wenn es für mich umsonst ist, hat es Jesus doch einiges gekostet.
Und dann passiert es: kaum mal nicht aufgepasst, schon hab ich ein Joch um den Hals. Es heißt ja, dass wir sein Joch aufnehmen sollen.
Bob Dylan singt in einem Lied :
„You're gonna have to serve somebody,
It may be the devil or it may be the Lord
But you're gonna have to serve somebody.“.
(„Gotta Serve Somebody“, 1979 auf „Slow Train Coming“)
Irgendjemanden musst Du dienen. Irgendein Joch wirst du immer tragen, ob Du willst oder nicht.
Mache ich mich zum Sklaven des Materialismus oder des Konsums?
Trage ich das Joch des beruflichen Erfolges?
Versuche ich mein Heil in der Esoterik zu finden?
Werde ich zum Sklaven meines Freizeitgenusses?
Oder versuche ich einfach nur in aller Selbstbestimmtheit mir mein eigenes Ich als Joch zu zimmern und aufzuerlegen?
Irgendein Joch wirst Du tragen. Der Unterschied ist der, das Joch, das Jesus mir auflegen möchte, ist nicht schwer. Es ist ein leichtes Joch. Es drückt nicht, es schneidet nicht ein. Sein Joch ist sanft, weil er sanftmütig ist. Er fordert uns auf von ihm zu lernen. Er zwingt uns nichts auf.
Sein Joch heißt einfach: „Glaube an mich. Nimm meine Vergebung an. Lebe in meiner Liebe….und gib meine Liebe weiter.“ Und sogar dabei hilft er uns. In einem Joch sind ja zumeist zwei Tiere eingespannt, die gemeinsam daran ziehen. Jesus spannt sich selbst mit ein. Er zieht mit uns. Wir können nicht nur an seinem Vorbild lernen, er gibt uns auch noch den Heiligen Geist, der uns vieles erst ermöglicht.
In den Apokryphen gibt es bei Jesus Sirach einen interessanten Text, der sowohl Elemente des Heilandsrufs, als auch der vorhin gelesenen Stelle aus Jesaja beinhaltet. Dort ist es die Weisheit, die beschrieben wird. Die Weisheit ist ja vielfach auch ein Bild für Jesus.
„Kehrt bei mir ein, ihr Unwissenden, verweilt in meinem Lehrhaus! Wie lange noch wollt ihr das alles entbehren und eure Seele dürsten lassen? Ich öffne meinen Mund und sage von ihr: Erwerbt euch Weisheit, es kostet nichts. Beugt euren Nacken unter ihr Joch und nehmt ihre Last auf euch! Denen, die sie suchen, ist sie nahe, und wer sich ihr ganz hingibt, findet sie. Seht mit eigenen Augen, dass ich mich nur wenig bemühte, aber viel Ruhe gefunden habe. Hört auf meine knapp bemessene Lehre! Durch sie werdet ihr viel Silber und Gold erwerben. Eure Seele freue sich an meinem Lehrstuhl, meines Liedes sollt ihr euch nicht schämen.“ (Jesus Sirach 51, 23 - 28 EÜ)
4. Fromme Lasten der Christen
Und wie ist es bei uns Christen, wenn wir schon länger im Prozess der Nachfolge stehen? Sicher, auch wir laufen hin und wieder Gefahr es machen zu wollen, wie das Volk Israel in der Wüste: die Schnauze voll vom Manna zu haben und zurück zu wollen zu den Fleischtöpfen Ägyptens. In einer Art Verklärung der Vergangenheit.
Aber die größte Gefahr liegt eher darin, dass wir hergehen und auf das leichte Joch Jesu noch viele zusätzliche Lasten drauf legen. Auch bei den frommen Juden waren es nicht immer die anderen, die ihnen die Lasten aufgelegt haben, nein, mit vielen Gewichten haben sie sich selbst belastet. Und was ich meine ist, dass wir die Freiheit des Evangeliums mit zahlreichen frommen Lasten verschütten:
Wie schnell wird aus der Freiheit etwas zu tun oder zu lassen, ein Zwang, eine Pflicht, ein Gesetz, eine Last.
Aus der Freiheit Geld zu geben, wird ein Zwang („einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“ 2. Kor. 9,7 Luther).
Aus der Freiheit in den Gottesdienst zu gehen, wird ein Zwang.
Aus dem Geschenk der Gemeinschaft mit Gott und den Geschwistern, wird ein Zwang.
Aus dem Geschenk des Gebets und der Bibel, wird ein Zwang.
Zwang, Zwang, Zwang.
„Wem der Teufel nicht bremsen kann, den treibt er!“, heißt es.
Versteht mich nicht falsch. Es ist alles richtig. Es ist richtig zu spenden, zu beten, die Bibel zu studieren, in den Gottesdienst zu gehen usw. Aber nicht aus Zwang, aus Leistung, als Gesetz. Denn dann wird es genau wieder zu der Last, die uns Jesus doch abnehmen möchte, sondern aus Freiheit.
„Für die Freiheit hat Christus uns frei gemacht. Steht nun fest und lasst euch nicht wieder durch ein Joch der Sklaverei belasten!“ (Gal. 5,1 Rev. Elb.)
AMEN.
Mühselig und beladen
1. Einleitung
Für den heutigen Sonntag ist mir ein Bibeltext aus dem Matthäus-Evangelium wichtig geworden, den wir alle nur zu gut gehen:
„Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben. Nehmt auf euch mein Joch, und lernt von mir! Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und "ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen“; denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Mt. 11, 28-30 Rev. Elb.)
Jesus spricht also: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ Dieser Vers ist uns allen bekannt, egal ob wir nun Anfänger im Bibellesen sind oder sie noch gar nicht gelesen haben oder schon Fortgeschrittene sind. Diese Einladung, den sogenannten Heilandsruf haben wir irgendwo schon mal gehört Er ist uns allen vertraut.
Ich habe im Internet ein Beispiel gelesen, dass wenn ich jetzt in einer afroamerikanischen Gemeinde irgendwo in New York, in Harlem oder Brooklyn fragen würde: „Wer von Euch ist denn beladen?“, dann würde sofort ein großer Teil der Anwesenden die Hände heben und nach vorne stürmen, weil genau sie sich mühselig und beladen fühlen und Gebet brauchen. Der Rest der Gemeinde würde das Ganze mit lauten Singen und Beten und „Halleluja“- und „Amen“-Rufen begleiten. Aber auch sie würden sich selbst selbstverständlich als mühselig und beladen definieren.
Und hier bei uns?
Haben nicht auch wir vielfach schwer zu tragen in unserem Leben?
Sind nicht auch wir häufig schwer belastet und beladen?
In unserem Alltag: in der Arbeit, in der Familie? Oder durch Krankheit und Leid ?
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Mt. 11,28 Luther)
Brauchen nicht auch wir diese Erquickung, wie es Luther übersetzt?
Wünschen wir uns nicht, dass irgendwie alles gut wird, alle Probleme werden gelöst, endlich auftanken, rund-um-versorgt sein wie ein Säugling an der Brust der Mutter, all-inclusive wie auf dem Kreuzfahrtschiff, Sonne und Strand, Karibik und Cocktails, Wellness bis zum Abwinken, Auszeit und Massage, ganzheitliche Erquickung aus dem Gebetsautomaten Gottes, alles wird gut. Eine Art christliches Schlaraffenland.
Liebe Gemeinde, ich habe jetzt bewusst überzeichnet, aber solche oder zumindest so ähnliche Gedanken haben wir schon beim Lesen dieses Verses:
„Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen.“ (Mt. 11,28 NGÜ)
aber ich befürchte, Jesus meint hier etwas ganz anderes.
2. Befreiung von religiösen Lasten
Gewiss werden wir im NT - Gott sei Dank - eingeladen unsere Sorgen und Nöte ihn hinzubringen, auf ihn zu werfen und loszulassen. Und ich weiß gar nicht, wie ich ohne dies leben könnte. Das Leben wäre zumindest viel schwerer, düsterer, belasteter. Aber hier bei diesem Heilandsruf geht es Jesus um eine ganz andere, um eine ganz spezielle Art von Last.
Vergegenwärtigen wir uns zunächst einmal das Umfeld an in dem Jesus hier diese Aussage trifft. Jesus ist gerade mit seinen Jüngern in Galiläa unterwegs um das Reich Gottes zu verkünden. Da kommt eine Gruppe von Johannesjüngern zu ihm. Sie wollen wissen, ob Jesus der Messias ist. Er spricht dann zu einer nicht genauer definierten Menge, die sich also aus seinen Jüngern, den Johannesjüngern und den übrigen Menschen zusammen setzt, die gekommen sind um ihn zu hören.
Diese Menschen haben alle (oder zumindest zum größten Teil) etwas gemeinsam: es sind fromme, religiöse Menschen.
Die Zeit Jesu war allgemein eine Zeit hoher Frömmigkeit im Judentum. Es gab keine Hurerei mit fremden Göttern. Es gab viele radikale religiöse Gruppen und Sekten, die Pharisäer und Sadduzäer, die Essener uvm. Außerdem gab es eine hohe Messias-Erwartung. Erst hat man gedacht, Johannes könnte der Gesalbte sein, nun fragt man sich, ob Jesus es sein könnte.
Seine Zuhörer sind also größtenteils Menschen, die versuchen „richtig“ zu leben, die versuchen nach dem Willen Gottes zu leben. Menschen die das Gesetz und die religiösen Vorschriften der damaligen Zeit kennen und danach streben, sie zu befolgen. Menschen die versuchen, die 613 Gebote des AT plus die zahlreichen weiteren Vorschriften der Pharisäer usw. einzuhalten. Es sind Menschen, die nach dem Frieden mit Gott, nach Erlösung, nach Ruhe in Gott suchen und sie durch das Befolgen der Gesetze und Vorschriften zu erlangen hoffen.
Und mit diesen Vorschriften und Gesetzen plagen und quälen sie sich ab. Von ihnen werden sie erdrückt. Die Gebote und das Gesetz sind schon schlimm genug und unhaltbar. So schlimm, dass Paulus sie als Dienst des Todes bezeichnet (2. Kor. 3,7). Aber nun kommen auch noch die Pharisäer mit ihren zusätzlichen Vorschriften, von denen Jesus sagt:
„Sie binden aber schwere und schwer zu tragende Lasten zusammen und legen sie auf die Schultern der Menschen. (Mt. 24,4 Rev. Elb.)
Hiermit haben sich die Menschen geplagt. Damit haben sie gekämpft und gerungen. Sie waren mühselig. Hatten also Mühe für ihre Seele, in der deutschen Übersetzung des Wortes kommt das ganz gut rüber.
Die Frage, die sie gequält hat, war auch die uns bekannte Frage eines Martin Luthers: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“
„Wie bekomme ich Frieden mit Gott?“
„Wie kann ich in die Ruhe Gottes eingehen?“
Und Ruhe meint hier ja nicht nur: cool down, chillen und immer schön locker bleiben. Es meint die Ruhe durch den Frieden mit Gott.
„So spricht der HERR: Tretet auf die Wege, seht und fragt nach den Pfaden der Vorzeit, wo denn der Weg zum Guten sei, und geht ihn! So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ (Jer. 6,16 Rev. Elb.)
Es geht hier also nicht um die Mühsal des Alltags:
- um die Lasten die ein Bauer bei der kargen Erntearbeit zu tragen hat oder
- um die kinderlose Witwe deren Mann zu früh verstorben ist und die nun von Almosen leben muss oder
- um den Sklaven, der unter den Gewaltausbrüchen seines Herrn zu leiden hat oder
- um den Viehhirten, der einen Arm beim Kampf gegen einen Berglöwen verloren hat usw.
Diesen Alltagsnöte von Tausenden hätte Jesus als einzelner Mensch ja auch gar nicht abhelfen können. Allerhöchstens punktuell. Hier hätte er viele enttäuschen müssen. Nein, ihm geht es hier um das Seelenheil.
„Kommt zu mir“ ist der weitgehend identische Ruf mit dem uns bekannten „Folget mir nach“. Es geht um die Einladung sein Heil, seine göttliche Ruhe in Jesus zu finden. Ruhe für die Seele, nicht durch das ängstliches Befolgen von Vorschriften und durch Abmühen, sondern durch das Annehmen des Geschenkes der Gnade, des Heils aus seiner Hand.
Es gibt einen Text beim Propheten Jesaja, an dem ich in diesem Zusammenhang wieder denken musste:
„Auf, ihr Durstigen, alle, kommt zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt, kauft und esst! Ja, kommt, kauft ohne Geld und ohne Kaufpreis Wein und Milch! Warum wiegt ihr Geld ab für das, was kein Brot ist, und euren Verdienst für das, was nicht sättigt? Hört doch auf mich, und esst das Gute, und eure Seele labe sich am Fetten! Neigt euer Ohr und kommt zu mir! Hört, und eure Seele wird leben! Und ich will einen ewigen Bund mit euch schließen, getreu den unverbrüchlichen Gnadenerweisen an David.“ (Jes. 55,2 Rev. Elb.)
Es gibt kein Geld, keine Mühe, kein Werk, dass es ermöglicht selbst in die Ruhe Gottes zu kommen. Es ist alles umsonst, weil alles umsonst ist. Alles Bemühen ist nutzlos, weil alles gratis ist.
3. Aufruf
„…alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist.“ (Röm. 3, 23.24 Rev. Elb.)
Alle umsonst? Alle, die danach suchen. Die nach der Ruhe, nach dem Heil trachten, die sich Rechtfertigung wünschen. Wenn ich nicht danach suche, kann ich den Heilandsruf ja auch nicht hören. Wenn ich kein Interesse am Heil, keine Sehnsucht nach meiner Erlösung habe, kann ich auch nicht hören, wie Jesus mich einlädt zu ihm kommen und zu glauben, dass er der Heiland ist, dass er für mein Heil vorgesorgt hat.
Aber wenn ich es höre, dann kann ich sagen: „Ja, Herr. Ich glaube! Ich erkenne, dass ich ein Sünder bin und ich brauche Deine Vergebung und nehme sie für mich persönlich an. Danke, dass Du für meine Schuld gestorben bist.“
So wird man Christ. Nicht durch ein bisschen Wasser auf den Kopf in einer Lebensphase, wo der Kopf noch gar nicht richtig ausgebildet ist, sondern durch das persönliche Annehmen der Vergebung Gottes ermöglicht durch den Tod von Jesus Christus am Kreuz. Denn auch wenn es für mich umsonst ist, hat es Jesus doch einiges gekostet.
Und dann passiert es: kaum mal nicht aufgepasst, schon hab ich ein Joch um den Hals. Es heißt ja, dass wir sein Joch aufnehmen sollen.
Bob Dylan singt in einem Lied :
„You're gonna have to serve somebody,
It may be the devil or it may be the Lord
But you're gonna have to serve somebody.“.
(„Gotta Serve Somebody“, 1979 auf „Slow Train Coming“)
Irgendjemanden musst Du dienen. Irgendein Joch wirst du immer tragen, ob Du willst oder nicht.
Mache ich mich zum Sklaven des Materialismus oder des Konsums?
Trage ich das Joch des beruflichen Erfolges?
Versuche ich mein Heil in der Esoterik zu finden?
Werde ich zum Sklaven meines Freizeitgenusses?
Oder versuche ich einfach nur in aller Selbstbestimmtheit mir mein eigenes Ich als Joch zu zimmern und aufzuerlegen?
Irgendein Joch wirst Du tragen. Der Unterschied ist der, das Joch, das Jesus mir auflegen möchte, ist nicht schwer. Es ist ein leichtes Joch. Es drückt nicht, es schneidet nicht ein. Sein Joch ist sanft, weil er sanftmütig ist. Er fordert uns auf von ihm zu lernen. Er zwingt uns nichts auf.
Sein Joch heißt einfach: „Glaube an mich. Nimm meine Vergebung an. Lebe in meiner Liebe….und gib meine Liebe weiter.“ Und sogar dabei hilft er uns. In einem Joch sind ja zumeist zwei Tiere eingespannt, die gemeinsam daran ziehen. Jesus spannt sich selbst mit ein. Er zieht mit uns. Wir können nicht nur an seinem Vorbild lernen, er gibt uns auch noch den Heiligen Geist, der uns vieles erst ermöglicht.
In den Apokryphen gibt es bei Jesus Sirach einen interessanten Text, der sowohl Elemente des Heilandsrufs, als auch der vorhin gelesenen Stelle aus Jesaja beinhaltet. Dort ist es die Weisheit, die beschrieben wird. Die Weisheit ist ja vielfach auch ein Bild für Jesus.
„Kehrt bei mir ein, ihr Unwissenden, verweilt in meinem Lehrhaus! Wie lange noch wollt ihr das alles entbehren und eure Seele dürsten lassen? Ich öffne meinen Mund und sage von ihr: Erwerbt euch Weisheit, es kostet nichts. Beugt euren Nacken unter ihr Joch und nehmt ihre Last auf euch! Denen, die sie suchen, ist sie nahe, und wer sich ihr ganz hingibt, findet sie. Seht mit eigenen Augen, dass ich mich nur wenig bemühte, aber viel Ruhe gefunden habe. Hört auf meine knapp bemessene Lehre! Durch sie werdet ihr viel Silber und Gold erwerben. Eure Seele freue sich an meinem Lehrstuhl, meines Liedes sollt ihr euch nicht schämen.“ (Jesus Sirach 51, 23 - 28 EÜ)
4. Fromme Lasten der Christen
Und wie ist es bei uns Christen, wenn wir schon länger im Prozess der Nachfolge stehen? Sicher, auch wir laufen hin und wieder Gefahr es machen zu wollen, wie das Volk Israel in der Wüste: die Schnauze voll vom Manna zu haben und zurück zu wollen zu den Fleischtöpfen Ägyptens. In einer Art Verklärung der Vergangenheit.
Aber die größte Gefahr liegt eher darin, dass wir hergehen und auf das leichte Joch Jesu noch viele zusätzliche Lasten drauf legen. Auch bei den frommen Juden waren es nicht immer die anderen, die ihnen die Lasten aufgelegt haben, nein, mit vielen Gewichten haben sie sich selbst belastet. Und was ich meine ist, dass wir die Freiheit des Evangeliums mit zahlreichen frommen Lasten verschütten:
- den Zehnten zu geben
- keinen Alkohol zu trinken
- mehrere Stunden am Tag zu beten (Ich war mal auf einem Seminar, da hat der Prediger, der seinen Aussagen zufolge schon mehrere Tote auferweckt hat, gesagt, dass geht nur mit 8 Stunden Gebet täglich. Mir war dann klar, wer wohl nicht dazu berufen ist, Tote aufzuerwecken.)
- mehrmals täglich in der Bibel zu lesen
- auf keinen Fall einen Gottesdienst zu versäumen
- bestimmte Kleidung zu tragen oder nicht zu tragen
- immer zu lächeln
- ….
Wie schnell wird aus der Freiheit etwas zu tun oder zu lassen, ein Zwang, eine Pflicht, ein Gesetz, eine Last.
Aus der Freiheit Geld zu geben, wird ein Zwang („einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“ 2. Kor. 9,7 Luther).
Aus der Freiheit in den Gottesdienst zu gehen, wird ein Zwang.
Aus dem Geschenk der Gemeinschaft mit Gott und den Geschwistern, wird ein Zwang.
Aus dem Geschenk des Gebets und der Bibel, wird ein Zwang.
Zwang, Zwang, Zwang.
„Wem der Teufel nicht bremsen kann, den treibt er!“, heißt es.
Versteht mich nicht falsch. Es ist alles richtig. Es ist richtig zu spenden, zu beten, die Bibel zu studieren, in den Gottesdienst zu gehen usw. Aber nicht aus Zwang, aus Leistung, als Gesetz. Denn dann wird es genau wieder zu der Last, die uns Jesus doch abnehmen möchte, sondern aus Freiheit.
„Für die Freiheit hat Christus uns frei gemacht. Steht nun fest und lasst euch nicht wieder durch ein Joch der Sklaverei belasten!“ (Gal. 5,1 Rev. Elb.)
AMEN.
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