Die Fußwaschung
1. Einleitung
Wir haben ja alle so unsere Lieblingsbücher und -texte in der Bibel. Manche Bücher lesen wir öfters, manche eher selten. Ich lese z.B. meistens die Briefe des Paulus. Irgendwie empfinde ich die für mein Glaubensleben besonders relevant.
Neulich habe ich mal wieder das Johannes-Evangelium gelesen und da ist mir aufgefallen, dass ich es schon recht lange nicht mehr gelesen habe.
Und der Text, der mir für den heutigen Sonntag wichtig geworden ist, ist ein Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium. Es ist ein Text, den ich nie besonders beachtet habe. Bei manchen Stellen in den Evangelien erkennt man einfach keine besonders große Relevanz für das eigene Leben und den persönlichen Glauben und schiebt sie gleich wieder zur Seite.
Das hat für heute morgen jetzt Vor- und Nachteile.
Der Nachteil ist, dass ich mir über den Text vorher noch nie so richtig Gedanken gemacht habe.
Der Vorteil ist, dass ich mir über den Text vorher noch nie so richtig Gedanken gemacht habe,
d.h. ich konnte an ihn völlig unvoreingenommen herangehen und wurde nicht davon beeinflusst, was ich mir eh schon immer dazu gedacht hatte.
Der Text, den ich gleich lesen werde, finden wir ausschließlich im Johannes-Evangelium. Johannes hat sein Evangelium ja erst sehr spät geschrieben, etwa im Jahre 65, also etwa 5 Jahre nach den anderen Evangelien und rund 15 Jahre nach den ältesten Büchern des NT.
Johannes konnte also vieles schon als bekannt voraussetzen und brauchte es nicht wiederholen. Er wollte für ihn wichtige Aussagen und Ereignisse im Leben und Wirken Jesu noch ergänzen.
2. Die Fußwaschung
Im heutigen Text geht es um die Fußwaschung. Ich lese nach der Zürcher Übersetzung
„1 Es war vor dem Passafest und Jesus wusste, dass für ihn die Stunde gekommen war, aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen, und da er die Seinen in der Welt liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.
2 Während eines Mahls, als der Teufel dem Judas Iskariot, dem Sohn des Simon, schon eingegeben hatte, ihn auszuliefern
3 - Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in die Hände gegeben hatte und dass er von Gott ausgegangen war und zu Gott weggehen würde -,
4 da steht er vom Mahl auf und zieht das Obergewand aus, nimmt ein Leinentuch und bindet es sich um;
5 dann giesst er Wasser in das Becken und fängt an, den Jüngern die Füsse zu waschen und sie mit dem Tuch, das er sich umgebunden hat, abzutrocknen.
6 Nun kommt er zu Simon Petrus. Der sagt zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füsse waschen?
7 Jesus entgegnete ihm: Was ich tue, begreifst du jetzt nicht, im Nachhinein aber wirst du es verstehen.
8 Petrus sagt zu ihm: Nie und nimmer sollst du mir die Füsse waschen! Jesus entgegnete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du nicht teil an mir.
9 Simon Petrus sagt zu ihm: Herr, dann nicht nur die Füsse, sondern auch die Hände und den Kopf!
10 Jesus sagt zu ihm: Wer vom Bad kommt, braucht sich nicht zu waschen, nein, er ist ganz rein; und ihr seid rein, aber nicht alle.
11 Denn er kannte den, der ihn ausliefern sollte. Darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.
12 Nachdem er ihnen nun die Füsse gewaschen hatte, zog er sein Obergewand wieder an und setzte sich zu Tisch. Er sagte zu ihnen: Versteht ihr, was ich an euch getan habe?
13 Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr sagt es zu Recht, denn ich bin es.
14 Wenn nun ich als Herr und Meister euch die Füsse gewaschen habe, dann seid auch ihr verpflichtet, einander die Füsse zu waschen.
15 Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben: Wie ich euch getan habe, so tut auch ihr.
16 Amen, amen, ich sage euch: Ein Knecht ist nicht grösser als sein Herr und ein Bote nicht grösser als der, der ihn gesandt hat.
17 Wenn ihr das wisst - selig seid ihr, wenn ihr es tut.“ (Joh. 13, 1-17 Zürcher)
Diese Fußwaschung findet zeitlich im Zusammenhang mit dem letzten Abendmahl statt, von dem wir in den synoptischen Evangelien lesen. Dort wo Jesus das Abendmahl als Gedächtnismahl einsetzt. Kein Wort davon hier bei Johannes. Warum auch. Es ist ja alles bekannt.
Paulus hat es schon groß und deutlich erklärt und es ist in der Christenheit eingeführt. Es war bekannt und wurde praktiziert.
Die Fußwaschung dagegen, die in diesem Zusammenhang stattfand, war jedoch weniger bekannt. Aber sie war für Johannes sehr bedeutsam.
Diese Erzählung hat mehrere Bedeutungen. Hier geschieht etwas auf mehreren Ebenen. Aber was geschieht hier?
Es gab und gibt in der christlichen Theologie mannigfaltige Versuche diese Begebenheit zu deuten. Hier nur mal einige, die ich nicht teile:
- Die Fußwaschung als Bild für das Abendmahl
- Die Fußwaschung als Bild für die Taufe
- Die Fußwaschung existierte als eigenes Sakrament neben Abendmahl und Taufe
- Die Fußwaschung dient als Instrument, Sünden zu tilgen, die nach der Taufe begangen werden usw. …..
Wie stellen wir uns die Begebenheit vor? Die Jünger haben sich mit Jesus wie vereinbart zum Essen im Obergeschoss getroffen. Es war alles vorbereitet: wahrscheinlich ein niedriger Tisch, auf dem die Speisen bereit lagen, Sitzpolster (man lag damals ja bei Tisch: man stützte sich auf den linken Ellbogen und aß mit der rechten Hand, ich weiß nicht, ob das wirklich bequem war, auf jeden Fall war es damals so üblich) und dann gab es natürlich noch einen Krug mit Wasser, ein Tuch und eine Schüssel zum Waschen der Füße. Woher weiß man das dies bereit stand? Weil Jesus es genommen hat. Also muss es schon da gewesen sein.
Die Fußwaschung war eine im Orient überall übliche Praxis. Bedingt durch die Hitze hat man Sandalen getragen und damit sammelte man den Staub und den Dreck der Straße an seinen Füßen und daher war es dringend notwendig sie zu reinigen.
Umso mehr, da man ja beim zu Tisch liegen auf einer horizontalen Ebene mit den Füßen der anderen war.
Ich hatte mal eine Mitschülerin, die im Sommer öfters barfuß in die Schule lief und sie hatte dann wirklich richtig schwarze Füße. Das war beeindruckend.
Und ich selber lauf im Sommer ja auch meist mit Sandalen oder Flip-Flops durch die Gegend und da hatte ich mal eine gebrochene Zehe und musste zum Verbandwechseln zum Orthopäden und dann wurde ich geschimpft, weil mein Füße schmutzig waren. Das war echt peinlich.
Also, alles war vorbereitet und jetzt hätte jmd. vor (!) dem Essen den Dienst der Fußwaschung übernehmen müssen. Aber wer sollte das machen? Reiche Leute hatten dafür Dienstboten oder Sklaven. Denn diesen Dienst übernahmen die Geringsten der Geringen. Aber wenn das jetzt einer der Jünger gemacht hätte, hätte er damit ja ausgedrückt, dass er niedriger gewesen wäre als die anderen Jünger. Und die Jünger hatten doch vorher noch darum gestritten, wer denn unter ihnen der Größte sei (Mk. 9,34).
Wenn jetzt bspw. Petrus diesen Dienst übernommen hätte, hätte er seinen Rangplatz ja gleich freiwillig an die anderen abgetreten.
Laut Talmud war der Schüler verpflichtet dem Lehrer die Füße zu waschen. Bei Jesus hätte er es ja noch gemacht, aber doch nicht bei Andreas und den anderen. Er war doch nicht weniger wert als die anderen. So oder so ähnlich haben sie vielleicht gedacht und so hat niemand den Dienst verrichtet und sie lagen mit schmutzigen Füßen bei Tisch.
Dann passiert es. Sie essen gemütlich, unterhalten sich und auf einmal steht Jesus auf. Zuerst sind sie noch leicht irritiert und fragen sich vielleicht, was er denn jetzt vorhat. Dann zieht Jesus sein Obergewand aus und bindet sich eine Schürze um. Jetzt sind sie absolut erstaunt. So wie kleine Kinder, die etwas für sie Unvorstellbares sehen.
Er gießt Wasser in die Schale und fängt an ihnen die Füße zu waschen. Jetzt sind sie absolut konsterniert. Das gibt es nicht! Das ist unmöglich! Das darf nicht sein! Das ist ein absoluter Tabubruch! So etwas hat es noch nie gegeben. Er, der Lehrer fängt an ihnen die Füße zu waschen. Er, der Herr, übernimmt den Dienst eines Dieners, eines Knechtes eines Sklaven.
3. Die Fußwaschung als Beispiel für Dienen
Und so wie Jesus es getan hat, so soll es auch bei den Jüngern sein. Hier sind wir bei der ersten, der offensichtlichen Bedeutung des Geschehens.
„»Versteht ihr, was ich eben getan habe, als ich euch die Füße wusch?«, fragte er sie. »Ihr nennt mich Meister und Herr, und das mit Recht, denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und der Meister, euch die Füße gewaschen habe, sollt auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (V. 12b-15 NGÜ)
Hier ist noch gar keine Symbolik versteckt, sondern Jesus gibt den Jüngern durch seine Handlung ein konkretes und praktisches Beispiel für ihr künftiges Leben. So sollen sie einander tun. Sie sollen einander dienen und lieben, einander höher achten. So sagt er wenige Verse später:
„Ich gebe euch ein neues Gebot: Liebt einander! Ihr sollt einander lieben, wie ich euch geliebt habe.“ (V. 34 NGÜ)
Ich habe Euch gezeigt was Liebe heißt. So sollt auch ihr einander tun. So wie ich Euch geliebt habe (nicht nur wie Ihr Euch selber liebt.)
Leider müssen wir ehrlicherweise feststellen, dass die Geschichte der Christenheit oft anders war. Das ganze Mittelalter war bspw. bestimmt vom Kampf Papst gegen Kaiser, geistliche gegen weltliche Herrschaft, wer dominiert über den anderen. Da ging es nicht um dienende Leiterschaft, da ging es darum dass sie Kirche ihre Macht ausbaut.
Und auch in der Gegenwart gab und gibt es viele Strömungen und Entwicklungen, wo Leiterschaft nicht mit Dienen, sondern mit Herrschen gleichgesetzt wurde.
Ich muss immer noch dran denken, wie ich Ende der 80er Jahre auf einem Seminar war, auf dem von einem bekannten Leiter aus Lüdenscheid gelehrt wurde: „Wenn Dir ein Leiter sagt, dass Du einen Zaun blau zu streichen hast, musst Du ihn blau streichen und wenn er Dir dann später sagt, dass Du ihn jetzt noch einmal rot zu streichen hast, musst Du ihn jetzt rot streichen.“ Das war geistlicher Missbrauch und nicht dienende Leiterschaft. Und auch wenn solche Zeiten größtenteils vorbei sind, heißt es nicht, dass sie nicht wieder kommen. Hier müssen wir wachsam sein.
Es gab immer mal wieder christliche Strömungen, die die Fußwaschung als wörtlichen Auftrag verstanden haben und sie neben dem Abendmahl als Sakrament eingesetzt haben. Aber ich denke das ist nicht gemeint. Sondern es ist eine Beispielshandlung.
Heute laufen wir meist mit geschlossenen Schuhen rum, da werden sie nicht so schmutzig, da würde es eher noch Sinn machen die Schuhe zu putzen. In anderen Kulturen und Regionen mag es vielleicht noch seine Bedeutung haben.
Noch eine Bibelstelle, die ganz gut dazu passt:
„Es erhob sich auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen als der Größte gelten sollte. Er aber sprach zu ihnen: Die Könige herrschen über ihre Völker, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste und der Vornehmste wie ein Diener. Denn wer ist größer: der zu Tisch sitzt oder der dient? Ist's nicht der, der zu Tisch sitzt? Ich aber bin unter euch wie ein Diener.“ (Lk. 22, 24-27 Luth 2017)
Soweit zur Fußwaschung als Beispiel für eine dienende Haltung.
4. Die Fußwaschung als Symbol für den Kreuzestod Jesu
Die Fußwaschung ist aber auch ein Symbol für den Kreuzestod Jesu, für den Gottes-knecht am Kreuz. Es fängt schon mit dem Wechseln der Kleider an. Wie er sein Obergewand ablegte und die Sklavenschürze anlegte, so hat er seine göttliche Herrlichkeit abgelegt und ist Mensch geworden.
„Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“ (Phil. 2, 6.7 Luth 2017)
Genauso wie Jesus hier den Jüngern gegenüber zum Knecht wird, genauso wie er ihnen durch das Füße waschen dient, wird er später am Kreuz dienen.
„Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ (Phil. 2,8 Luth 2017)
Die Jünger hatten wahrscheinlich überhaupt noch nicht verstanden, wie sehr sich Jesus erniedrigt hat. Sicher, sie haben geglaubt, dass er der Messias ist, aber dass er seine Göttlichkeit weggegeben hat um Mensch zu werden?! Sie haben ihn ja im Miteinander als Menschen erlebt. Hier führte er ihnen vor Augen, dass er der Sklave war und fing an sie auf das Kommende vorzubereiten.
5. Die Fußwaschung als Symbol für die Sündenvergebung
Und genauso wie das Abendmahl ein Symbol für den am Kreuz gebrochenen Leib und das am Kreuz vergossene Blut ist, ist auch die Fußwaschung ein Bild, ein Symbol für die Reinigung von der Sündenschuld durch sein Blut.
Deutlich wird dies im Dialog mit Petrus:
„6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, du wäschst mir die Füße?
7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. (Ein Hinweis, dass hier eine Symbolhandlung für ein später stattfindendes Geschehen geschieht.)
8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir.“ (V. 6-8 Luth 2017)
Keinen Teil, keinen Anteil an mir. Keine Gemeinschaft mit mir. Dann gehörst du nicht zu mir. So steht es in anderen Übersetzungen. Dies ist - genauso wie im Abendmahl - ein Bild für das Sühneopfer am Kreuz, das wenige Tage später vollzogen wird.
Wer dieses Opfer am Kreuz nicht annimmt, der glaubt nicht an Jesus, der ist kein Christ, wer sich nicht durch sein Blut reinigen lässt, der hat keinen Anteil an ihm.
Aber Petrus macht dann genau das, was Jesus vorausgesagt hat: Er versteht es noch nicht und will jetzt mehr:
„Herr, dann nicht nur die Füsse, sondern auch die Hände und den Kopf!“ (V. 9 Zürcher)
Er wollte natürlich Anteil haben an Jesus, am Reich Gottes, er wollte dazu gehören. Aber er missverstand die Handlung.
Wahrscheinlich interpretierte er die Fußwaschung als kultische Reinigung. Es gab solche Reinigungen im AT, bei denen nicht nur die Füße gewaschen wurden, sondern der ganze Körper (3. Mose 8,6; 16,4).
Aber Jesus antwortet: „Wer vom Bad kommt, braucht sich nicht zu waschen, nein, er ist ganz rein;“ (V. 10 Zürcher)
D.h. Wer durch das Blut Jesu gereinigt wird, der ist gereinigt, der braucht keine wie auch immer geartete zusätzliche kultische Reinigung.
Es gibt hier unterschiedliche Ur-Texte. Manche enthalten noch den Anhang: „ausgenommen die Füße“. Was die Bedeutung etwas kompliziert macht. Aber man nimmt an, dass es sich dann auf die gerade tatsächlich durchgeführte Fußwaschung als Beispiel für die dienende Haltung bezieht und nicht als Aufforderung für eine wiederkehrende kultische Handlung.
6. Die Fußwaschung als Beispiel für Reinigung von Sünden des Alltags?
Eine oft übliche Auslegung dieser Stelle ist, dass sie ein Beispiel für die Reinigung von den Sünden des Alltags sein sollen. So wie die Füße durch den Staub der Straße schmutzig werden, verunreinigen wir uns immer wieder in unserem Leben, was natürlich stimmt. Aber ich denke nicht, dass dies hier gemeint ist.
Weil zum einen denke ich, wenn Jesus dies im Blick gehabt hätte, hätte er wohl eher die Hände, Augen, Mund, Kopf, Oberkörper etc. gereinigt, da er in der Bergpredigt darauf hingewiesen hat, wo die Sünden in unserem Leben beginnen und wo sie ausgelebt werden. Die Füße wurden da nicht erwähnt.
Und zum anderen brauchen wir keine immer wiederkehrende neue Reinigung und können sie auch nicht bekommen, da das Opfer Jesu am Kreuz einmalig war und für alle Zeiten gilt und er nicht immer wieder neu ans Kreuz gehen muss. (Hebr. 7,27; 9,12; 10,10) Wir sind gereinigt! Das ist ja gerade unser Glaube an sein Erlösungswerk. „Wer gebadet hat ist ganz rein.“ sagt Jesus zu Petrus.
7. Schluss
In manchen Religionen oder Kulturen gab es Traditionen, dass zu bestimmten Anlässen die Rollen getauscht wurden. Bei den Römern bspw. gab es die Saturnalien. Da wurden für eine kurze Zeit Standesunterschiede aufgelöst oder sogar umgekehrt. Bedienstete und Herren auf eine Ebene gestellt oder sogar umgedreht. Aber nur für einen Tag. (Im Rheinland gibt es den Karneval, das ist wahrscheinlich ähnlich.)
Wir brauchen keine Umkehrung, wenn wir das praktizieren und umsetzen, was Jesus uns hier vorgemacht hat, - als vollendete Liebe beschreibt es Johannes hier im V. 1 - und einander lieben, dienen und achten.
AMEN.
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Montag, 5. März 2018
Sonntag, 9. Juni 2013
Predigt von Norbert Wohlrab (09.06.2013)
Die Freiheit des Evangeliums, Teil 3: Die Liebe zu Gott
1. Zusammenfassung der ersten Predigt
1.1 Teil 1: Vergebung
Ich möchte heute meine Predigtreihe über die Freiheit des Evangeliums zum Abschluss bringen. Zunächst möchte ich die beiden vorangegangenen Predigten kurz zusammenfassen und noch auf ein paar offene Fragen, die sich in Gesprächen ergeben haben eingehen.
Im ersten Teil habe ich dargestellt, dass Jesus Christus ein Opfer gebracht hat, dass für alle Zeiten gilt (Hebr.7,27).
„In diesem Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi...Dieser aber hat ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht und sich für immer gesetzt zur Rechten Gottes....Denn mit einem Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer vollkommen gemacht....Wo aber Vergebung dieser Sünden ist, gibt es kein Opfer für Sünde mehr.“ (Hebr. 10, 10.12.14.18 Rev. Elb.)
Und deshalb leben wir immer im Zustand der Vergebung Gottes.
„Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen.“ (1. Joh. 2,12)
oder
„In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Eph. 1,7)
Vergebung ist etwas, das wir haben. Etwas, das ein für alle mal geschehen ist. Etwas das Gott mit seinem Blut unterschrieben hat. Jesus muss nicht wieder neu ans Kreuz um für unsere Verfehlungen zu sterben. Das Opfer Jesu war vollkommen, der Auftrag ist vollbracht, der Gerechtigkeit wurde Genüge getan. Es gibt kein weiteres Opfer.
„Wo aber Vergebung dieser Sünden ist, gibt es kein Opfer für Sünde mehr.“ (Hebr. 10,18 Rev. Elb.)
Wir wechseln daher nicht wie bei facebook unseren Beziehungsstatus von „in einer Beziehung“ zu „Single“, wenn wir wieder neu sündigen, sondern wir bleiben immer im Zustand der „Beziehung“, also des „vergebenen“ Kind Gottes. Genauso wie Ehepaare nicht nach jedem Streit neu heiraten müssen.
Die einzige Bibelstelle, die auf eine andere Praxis hinweist, finden wir im 1. Johannesbrief. Dort heißt es:
„Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit.“ (1. Joh. 1,9 Rev. Elb.)
Ich habe versucht darzustellen, dass sich Johannes hier in den ersten Versen seines Briefes an die Gnostiker wendet, die versucht haben in die Gemeinden Kleinasiens einzudringen. Sie behaupteten, dass Jesus a) kein Mensch war und b) es überhaupt keine Sünde gibt. Deshalb betont Johannes eingangs, dass er Jesus a) persönlich als Mensch gekannt hat und b) wer sagt, dass er ohne Sünde ist, die Wahrheit nicht erkannt hat und daher - logische Schlussfolgerung - noch kein Christ sein kann.
Ich kann nur empfehlen: prüft die Schriftstellen und dann kommt Ihr entweder zum gleichen oder zu einem anderen Ergebnis.
1.2 Missverständnis 1: Kein Bekennen?
Was ich aber nicht sagen wollte ist, dass wir Sünden jetzt bagatellisieren sollen. Ich habe es erwähnt, aber vielleicht wurde es bei all der inneren Empörung nicht wahrgenommen.
Wenn die Bibel davon spricht, dass wir Sünden „bekennen“ sollen (Jak. 5,16), dann bedeutet dies, dass wir mit Gott übereinstimmen in der Bewertung eines Sachverhalts, denn das gr. „exomologeo“ bedeutet „übereinstimmend aussagen“. Und das setzt auch Umkehr voraus, da ich sonst zu keiner Übereinstimmung komme.
Wenn ich lüge um mir einen Vorteil zu verschaffen oder wenn ich die Ehe breche, dann darf ich das Gott gegenüber bekennen und ihm mein Fehlverhalten eingestehen. Genauso wie im Gleichnis vom verlorenen Sohn der Sohn bei seiner Heimkehr sagt: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir“ (Lk. 15,22).
Der Unterschied zu uns ist nur der, dass wir, bereits im Vorfeld die Gewissheit haben dürfen, dass uns immer vergeben ist.
Auch das Zusprechen von Vergebung kann seinen Platz haben, da es dabei nicht um das Gewähren von Vergebung geht - das hat Jesus am Kreuz vollbracht - , sondern um das Erlangen eines guten Gewissens.
2. Zusammenfassung der zweiten Predigt
2.1 Teil 2: Der Neue Bund
In der zweiten Predigt habe ich dargestellt, dass wir in einem „Neuen Bund“ leben und das dieser Bund ganz anders geartet ist als der alte Bund. Dieser „Neue Bund“ begann zeitlich gesehen mit dem Opfer Jesu am Kreuz, erst durch den Tod Jesu bekam er seine Gültigkeit.
„Denn wo ein Testament ist, da muss notwendig der Tod dessen eintreten, der das Testament gemacht hat. Denn ein Testament ist gültig, wenn der Tod eingetreten ist, weil es niemals Kraft hat, solange der lebt, der das Testament gemacht hat.“ (Hebr. 9, 16.17 Rev. Elb.)
Ihr erinnert Euch an das Beispiel mit dem Oldtimer-Traktor, der erst nach dem Tod von Fritz in das Eigentum von Johannes übergeht. Das bedeutet, dass das „Neue Testament“ eigentlich heilsgeschichtlich betrachtet erst nach dem Tod Jesu beginnt und nicht an Weihnachten.
Einige Aussagen Jesu sind daher eingebettet in das Gesetz des Mose und können nur in diesem Zusammenhang verstanden werden, weil Jesus unter Gesetz geboren wurde, um die zu befreien, die unter Gesetz waren (Gal. 4, 4.5). Jesus hob daher die Anforderungen des Gesetzes noch ein paar Stufen höher, um es noch heiliger, um sie noch unerfüllbarer zu machen („Euch ist gesagt, ich aber sage euch...“) und natürlich auch um den wahren Kern der Gebote aufzuzeigen.
Für uns gilt jedoch das Gesetz nicht, weil wir dem Gesetz gestorben sind. Und auch das Update des Gesetzes in der Bergpredigt gilt für uns nicht, da wir keine Juden sind. Daher muss sich weder zur Zeit des Paulus, noch heute, jedermann und jederfrau die Augen ausreißen.
„In Wirklichkeit jedoch ´habe ich mit dem Gesetz nichts mehr zu tun;` ich bin durch das Urteil des Gesetzes dem Gesetz gegenüber gestorben, um ´von jetzt an` für Gott zu leben; ich bin mit Christus gekreuzigt.“ (Gal. 2,19 NGÜ)
Und da ein Toter keinen Ernährungsplan mehr benötigt, brauchen wir an Jesus Gläubigen kein Gesetz.
Für Christen gilt daher, „dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist“ (1. Tim. 1,9 Rev. Elb.)
Unser moralischer Leitfaden für die Gestaltung des Lebens wird nicht durch zehn oder 613 Gebote bestimmt (Gesetz zu halten bedeutet immer alle Gebote halten zu müssen, nicht wahlweise!, Jak. 2,10), sondern durch: lieben.
„Seid niemand irgendetwas schuldig, als nur einander zu lieben! Denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn das: "Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren", und wenn es ein anderes Gebot gibt, ist in diesem Wort zusammengefasst: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Die Erfüllung des Gesetzes ist also die Liebe. (Röm. 13, 8-10)“
Dies ist uns möglich, weil der Geist Gottes in uns lebt, weil die Gebote Jesu in unser Herz geschrieben sind (Hebr. 8,10). Wir dienen nun nicht mehr nach dem Wort, sondern nach dem Geist.
„Jetzt aber sind wir von dem Gesetz losgemacht, da wir dem gestorben sind, worin wir festgehalten wurden, so dass wir in dem Neuen des Geistes dienen und nicht in dem Alten des Buchstabens.“ (Röm. 7,6 Rev. Elb.)
Dies ist natürlich kein Automatismus, wir können immer den Geist Gottes blockieren und seine Liebesbemühungen ersticken.
Menschen, die den Geist Gottes nicht haben, benötigen dagegen ein Gesetz,
„denn durchs Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.“ (Röm. 3,20b Rev. Elb.)
2.2 Missverständnis 2: „schwammig“
„Einfach nur lieben?! Das ist mir zu schwammig!“ So ungefähr lautete ein Kritikpunkt an meiner letzten Predigt von einem Hauskreis-Mitglied.
Liebe ist der Überbegriff. Und in einer idealen Welt wäre es wahrscheinlich ausreichend, aber da ein Merkmal der Menschen auch schon zu Zeiten des Paulus, eher ein gewisser Egoismus und ein Mangel an emotionaler Intelligenz war, füllt er Zeile um Zeile seiner Briefe mit praktischen Erläuterungen, was man unter „lieben“ versteht: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Langmut, einander ertragen und sich gegenseitig vergeben, herzliches Mitleid, den anderen höher achten, nicht nachtragend sein, gastfrei sein usw.
Das NT enthält also noch viele Erklärungen wie Liebe praktisch wird. Der Unterschied zum Gesetz ist: Du verspielst nicht Dein ewiges Leben, wenn Du in einem einzigen Bereich versagst.
2.3 Missverständnis 3: Ist alles erlaubt?
Wenn es kein Gesetz mehr für Christen gibt, ist dann jetzt alles erlaubt? Kann ich dann machen was ich will? Dieses Problem hatten auch schon die Korinther.
Paulus antwortet mit: „Alles ist mir erlaubt; aber nicht alles frommt!“ (1. Kor. 6,12 Schlachter 1951)
Oder anders ausgedrückt: wir haben Jesus Christus angezogen (Gal. 3,27) und dann passt vieles nicht mehr zu unserem Wesen. Und dann gehören viele Verhaltensweisen eben nur noch zum Leben der unerlösten Menschen, aber nicht mehr zum Leben der Gerechten (Kol. 3, 1-17) und ich bin daher überzeugt, dass niemand, der die Wahrheit erkannt hat, dauerhaft mutwillig die Freiheit des Evangeliums ausnutzen kann um in einer Kultur der Sünde zu verharren.
Andererseits hat mal jmd. gesagt, dass diese Fragestellung der beste Beleg dafür ist, dass das Evangelium richtig verkündigt wurde, da sie bei einem gesetzlichen Evangelium erst gar nicht entstehen kann.
3. Das größte Gebot
Der Vorteil von einer Predigtreihe ist, dass man beim dritten Teil schon die Hälfte der Zeit damit rum bringt, dass man die vorherigen Teile zusammen fasst und damit weniger Arbeit hat.
Im letzten Teil geht es mir heute um eine Veränderung in der Liebe zu Gott, die wir im NT finden. Wir kennen alle die Erläuterungen Jesu zu den beiden größten Geboten:
„Und es fragte einer von ihnen, ein Gesetzesgelehrter, und versuchte ihn und sprach: Lehrer, welches ist das größte Gebot im Gesetz? Er aber sprach zu ihm: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand." Dies ist das größte und erste Gebot. Das zweite aber ist ihm gleich: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt. 22, 35-40 Rev. Elb.)
Also, auch wenn hier steht, dass das jetzt die Zusammenfassung des Gesetzes ist, so gilt doch auf auch für uns: Gott lieben und den Nächsten lieben! Darum geht es ja doch im Leben als Christ. Und ich habe ja auch gesagt, dass es um „lieben“ geht im Neuen Bund.
Soweit so gut, aber wir machen einen Fehler, wenn wir diese Verse lesen, nämlich wir setzen wieder unsere christliche Brille auf. Um zu verstehen, was Jesus hier wirklich sagt, brauchen wir aber eine jüdische Brille.
Lesen wir mal den Text im Zusammenhang, den Jesus hier zitiert. Dort spricht Gott zu Mose:
„Möge doch diese ihre Gesinnung bleiben, mich allezeit zu fürchten und alle meine Gebote zu halten, damit es ihnen und ihren Kindern ewig gut geht! Geh, sage zu ihnen: Kehrt in eure Zelte zurück! Du aber bleibe hier bei mir stehen! Und ich will all die Gebote und die Ordnungen und die Rechtsbestimmungen zu dir reden, die du sie lehren sollst, damit sie sie tun in dem Land, das ich ihnen gebe, es in Besitz zu nehmen. Achtet nun darauf, zu tun, wie der HERR, euer Gott, es euch geboten hat! Weicht nicht davon ab zur Rechten noch zur Linken! Auf dem ganzen Weg, den der HERR, euer Gott, euch geboten hat, sollt ihr gehen, damit ihr lebt und es euch gut geht und ihr eure Tage verlängert in dem Land, das ihr in Besitz nehmen werdet. Und dies ist das Gebot, die Ordnungen und die Rechtsbestimmungen, die der HERR, euer Gott, geboten hat, euch zu lehren, damit ihr sie tut in dem Land, in das ihr hinüberzieht, um es in Besitz zu nehmen, damit du den HERRN, deinen Gott, fürchtest alle Tage deines Lebens, um alle seine Ordnungen und seine Gebote zu bewahren, die ich dir gebiete - du und dein Sohn und deines Sohnes Sohn -, und damit deine Tage lange währen. Höre nun, Israel, und achte darauf, sie zu tun, damit es dir gut geht und ihr sehr zahlreich werdet - wie der HERR, der Gott deiner Väter, zu dir geredet hat - in einem Land, das von Milch und Honig überfließt! Höre, Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR allein! Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem Herzen sein. Und du sollst sie deinen Kindern einschärfen, und du sollst davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt und wenn du auf dem Weg gehst, wenn du dich hinlegst und wenn du aufstehst.“ (5. Mose 5,29 - 6,7 Rev. Elb.)
Das Gebot Gott „mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft zu lieben“ ist die Quintessenz all der Ordnungen und Gesetze und Gebote des Gesetzes, die sich auf Gott beziehen.
Wenn wir das erste Gebot im Doppelgebot der Liebe lesen, dann denken wir: ja ok, wir sollen mit all unserem Wesen und Fühlen und Denken Gott lieben. Genau!
Wenn ein Jude, der unter dem Gesetz lebt, das hört, dann weiß er, dass er in allem was er tut, darauf achten soll, dass Gott in seiner Heiligkeit geachtet werden soll, z.B. dadurch dass beim Kochen nicht Milch- und Fleischprodukte gemeinsam verwendet werden, oder dass keine Kleidungsstücke aus verschiedenen Stoffen getragen werden, der Sabbat geheiligt wird, die Feste gefeiert, die Opfer dargebracht werden, sein Name nicht missbraucht wird, kein Götze angebetet wird, der Zehnte gegeben wird, die Kanaaniter erschlagen werden uvm.
Dies meint Jesus hier in seiner Zusammenfassung. Daran hängt das Gesetz! Das ist der Kern des Gesetzes.
Was macht Jesus hier also: er zitiert aus dem Gesetz das den Juden gegeben wurde, zu einer Zeit als das Gesetz noch volle Gültigkeit hatte, im Disput mit einem Menschen, der unter dem Gesetz steht, an einem Ort, an dem das Gesetz galt.
Nun wissen wir aber, dass wir Christen, wir Nicht-Juden mit dem Gesetz nichts zu schaffen haben.
„Denn Christus ist des Gesetzes Ende“ (Röm. 10,4a Luther)
Daher die Frage: Hat das jetzt eigentlich etwas mit uns zu tun? Gewiss, Gott zu lieben hat mit uns etwas zu tun, aber formaljuristisch betrachtet, so wie es hier im Kontext des Gesetzes dargestellt wird, lautet die Antwort: nein!
Juristisch betrachtet, hat es mit uns erst mal gar nichts zu tun, da uns nie ein Gesetz gegeben wurde und wir uns dann auch nicht fragen müssen, welches denn die größten Gebote im Gesetz sind.
Aber mit der Liebe haben wir schon etwas zu tun. Von Paulus wissen wir, dass das Gebot der Nächstenliebe der Kern unseres moralischen Lebens als Christen ist. Wie ist es mit der Liebe zu Gott? Darum muss es doch auch gehen im Leben als Christ. Ja, darum geht es auch, aber es gibt im Neuen Bund ein paar Modifikationen zu dem Gebot des Alten Bundes. Die Parameter haben sich etwas verändert. Die Rahmenbedingungen sind jetzt andere geworden.
1. Es ist tatsächlich so, dass diese Formulierung des Gesetzes: „mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft“, nirgends mehr auftaucht im NT. Es wurde weder auf dem Konzil in Jerusalem Paulus damit beauftragt es den Heiden zu verkünden, noch hat er es in den Briefen irgendwo vermittelt. Was immer es auch konkret bedeutet haben mag, es scheint eine spezifische Formulierung des Gesetzes zu sein. Es heißt nun einfach: „Wir lieben ihn, weil er uns zuerst geliebt hat.“ (1. Joh. 4,19 Schlachter)
2. Und das ist auch schon die nächste Modifikation: Geht es im Gesetz um unsere Bemühungen, geht es im Neuen Bund v.a. um Gottes Liebe zu uns. „Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe...“ (1. Joh. 4,16 Rev. Elb.) Die meisten Stellen in den Briefen handeln von seiner Liebe zu uns.
3. Geht es im Gesetz darum Gott zu fürchten und daraus resultierend ihn mit ganzer Kraft zu lieben, heißt es im Neuen Bund nun: „Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wieder zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!“ (Röm. 8,15 Rev. Elb.) oder „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat es mit Strafe zu tun. Wer sich aber fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe.“ (1. Joh. 4,18 Rev. Elb.)
4. Haben wir im Gesetz Gott lieben und den Nächsten lieben, finden wir im Neuen Bund stattdessen: „Und dies ist sein Gebot: dass wir an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, wie er es uns als Gebot gegeben hat.“ (1. Joh. 3,23 Rev. Elb.) Also an Jesus glauben und den anderen lieben. Es ist fast so, als ob der Vater sagt: „Wenn ihr an meinen geliebten Sohn glaubt, dann ist das die größte Liebe, die ihr zu mir haben könnt. Denn ihr seid dann die Braut meines Sohnes!“
5. Und noch einen weiteren Unterschied mag es geben. Ist im Alten Bund das Leben im Segen Gottes, im Shalom, das Ziel aller Bemühungen, ist es jetzt der Ausgang. Gott hat uns bereits alles gegeben (Eph. 1,3). Ist es im Alten Bund das Ziel, in die Gegenwart Gottes zu kommen, ist es im Neuen Bund der Ausgang: der Vorhang im Allerheiligsten ist zerrissen. Ist es im Alten Bund das Ziel, Gott zu nahen, ist Gott im Neuen Bund gegenwärtig: „Oder erkennt ihr euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist?“ (2. Kor. 13,5 Rev. Elb.) Wir haben schon viel, viel mehr an der Nähe, der Gegenwart Gottes in unserem Leben, in uns, als die Bundesmenschen des Alten Bundes überhaupt mit „ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft“ jemals erreichen konnten.
Ich versuche es noch mal mit ein paar Bildern zu verdeutlichen: der Aufwand, die Hingabe, der Einsatz, den man aufbringt um die Champions League zu gewinnen, ist ein anderer, als die Gefühle, die man hat, wenn man sie gewonnen hat. Das Werben um einen Partner ist anders, als die Gefühle beim Gang zum Traualtar. Ein Soldat hat andere Aufgaben im Krieg, als im Frieden. Wer sich bemüht ins „Weiße Haus“ zu kommen, muss anders auftreten, als die Kids der Obamas usw. Wir sind bereits im Zustand der Ruhe bei Gott! Unsere Liebe ist nun eine andere!
4. Schluss
Ich komme jetzt zum Ende der Predigtreihe. Ich denke, dass ich Euch mit diesen drei Predigten einiges zum „Knappern“ gegeben habe. Bei manchen Aussagen könnt Ihr eher „bekennen“, also mit mir übereinstimmen, bei anderen weniger. Das ist ok.
Ich glaube, dass die meisten Gemeinden/Kirchen und die meisten Christen ein Problem haben im Umgang mit Neuem und Alten Bund und dazu neigen vieles zu vermischen. Dabei geht einiges von der Leichtigkeit und Freude des Evangeliums verloren.
Wenn ich mich unter dem Druck sehe, Gott mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft lieben zu müssen (und nicht einmal weiß, was es überhaupt bedeutet), dann muss ich sagen, dass kann ich nicht - und ich habe auch noch nie jmd. kennen gelernt, der dies kann - und ich komme unter eine Schwere, unter eine Last; wenn ich mir aber vergegenwärtige, dass er mich zuerst geliebt hat und ich nur diese Liebe erwidern darf, in all meiner Schwachheit, was auch noch der Heilige Geist in mir vollbringen möchte, dann wird es wieder leicht als Christ zu leben.
„Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben. Nehmt auf euch mein Joch, und lernt von mir! Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und "ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen"“ (Mt. 11, 28.29 Rev. Elb.)
AMEN.
1. Zusammenfassung der ersten Predigt
1.1 Teil 1: Vergebung
Ich möchte heute meine Predigtreihe über die Freiheit des Evangeliums zum Abschluss bringen. Zunächst möchte ich die beiden vorangegangenen Predigten kurz zusammenfassen und noch auf ein paar offene Fragen, die sich in Gesprächen ergeben haben eingehen.
Im ersten Teil habe ich dargestellt, dass Jesus Christus ein Opfer gebracht hat, dass für alle Zeiten gilt (Hebr.7,27).
„In diesem Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi...Dieser aber hat ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht und sich für immer gesetzt zur Rechten Gottes....Denn mit einem Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer vollkommen gemacht....Wo aber Vergebung dieser Sünden ist, gibt es kein Opfer für Sünde mehr.“ (Hebr. 10, 10.12.14.18 Rev. Elb.)
Und deshalb leben wir immer im Zustand der Vergebung Gottes.
„Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen.“ (1. Joh. 2,12)
oder
„In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Eph. 1,7)
Vergebung ist etwas, das wir haben. Etwas, das ein für alle mal geschehen ist. Etwas das Gott mit seinem Blut unterschrieben hat. Jesus muss nicht wieder neu ans Kreuz um für unsere Verfehlungen zu sterben. Das Opfer Jesu war vollkommen, der Auftrag ist vollbracht, der Gerechtigkeit wurde Genüge getan. Es gibt kein weiteres Opfer.
„Wo aber Vergebung dieser Sünden ist, gibt es kein Opfer für Sünde mehr.“ (Hebr. 10,18 Rev. Elb.)
Wir wechseln daher nicht wie bei facebook unseren Beziehungsstatus von „in einer Beziehung“ zu „Single“, wenn wir wieder neu sündigen, sondern wir bleiben immer im Zustand der „Beziehung“, also des „vergebenen“ Kind Gottes. Genauso wie Ehepaare nicht nach jedem Streit neu heiraten müssen.
Die einzige Bibelstelle, die auf eine andere Praxis hinweist, finden wir im 1. Johannesbrief. Dort heißt es:
„Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit.“ (1. Joh. 1,9 Rev. Elb.)
Ich habe versucht darzustellen, dass sich Johannes hier in den ersten Versen seines Briefes an die Gnostiker wendet, die versucht haben in die Gemeinden Kleinasiens einzudringen. Sie behaupteten, dass Jesus a) kein Mensch war und b) es überhaupt keine Sünde gibt. Deshalb betont Johannes eingangs, dass er Jesus a) persönlich als Mensch gekannt hat und b) wer sagt, dass er ohne Sünde ist, die Wahrheit nicht erkannt hat und daher - logische Schlussfolgerung - noch kein Christ sein kann.
Ich kann nur empfehlen: prüft die Schriftstellen und dann kommt Ihr entweder zum gleichen oder zu einem anderen Ergebnis.
1.2 Missverständnis 1: Kein Bekennen?
Was ich aber nicht sagen wollte ist, dass wir Sünden jetzt bagatellisieren sollen. Ich habe es erwähnt, aber vielleicht wurde es bei all der inneren Empörung nicht wahrgenommen.
Wenn die Bibel davon spricht, dass wir Sünden „bekennen“ sollen (Jak. 5,16), dann bedeutet dies, dass wir mit Gott übereinstimmen in der Bewertung eines Sachverhalts, denn das gr. „exomologeo“ bedeutet „übereinstimmend aussagen“. Und das setzt auch Umkehr voraus, da ich sonst zu keiner Übereinstimmung komme.
Wenn ich lüge um mir einen Vorteil zu verschaffen oder wenn ich die Ehe breche, dann darf ich das Gott gegenüber bekennen und ihm mein Fehlverhalten eingestehen. Genauso wie im Gleichnis vom verlorenen Sohn der Sohn bei seiner Heimkehr sagt: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir“ (Lk. 15,22).
Der Unterschied zu uns ist nur der, dass wir, bereits im Vorfeld die Gewissheit haben dürfen, dass uns immer vergeben ist.
Auch das Zusprechen von Vergebung kann seinen Platz haben, da es dabei nicht um das Gewähren von Vergebung geht - das hat Jesus am Kreuz vollbracht - , sondern um das Erlangen eines guten Gewissens.
2. Zusammenfassung der zweiten Predigt
2.1 Teil 2: Der Neue Bund
In der zweiten Predigt habe ich dargestellt, dass wir in einem „Neuen Bund“ leben und das dieser Bund ganz anders geartet ist als der alte Bund. Dieser „Neue Bund“ begann zeitlich gesehen mit dem Opfer Jesu am Kreuz, erst durch den Tod Jesu bekam er seine Gültigkeit.
„Denn wo ein Testament ist, da muss notwendig der Tod dessen eintreten, der das Testament gemacht hat. Denn ein Testament ist gültig, wenn der Tod eingetreten ist, weil es niemals Kraft hat, solange der lebt, der das Testament gemacht hat.“ (Hebr. 9, 16.17 Rev. Elb.)
Ihr erinnert Euch an das Beispiel mit dem Oldtimer-Traktor, der erst nach dem Tod von Fritz in das Eigentum von Johannes übergeht. Das bedeutet, dass das „Neue Testament“ eigentlich heilsgeschichtlich betrachtet erst nach dem Tod Jesu beginnt und nicht an Weihnachten.
Einige Aussagen Jesu sind daher eingebettet in das Gesetz des Mose und können nur in diesem Zusammenhang verstanden werden, weil Jesus unter Gesetz geboren wurde, um die zu befreien, die unter Gesetz waren (Gal. 4, 4.5). Jesus hob daher die Anforderungen des Gesetzes noch ein paar Stufen höher, um es noch heiliger, um sie noch unerfüllbarer zu machen („Euch ist gesagt, ich aber sage euch...“) und natürlich auch um den wahren Kern der Gebote aufzuzeigen.
Für uns gilt jedoch das Gesetz nicht, weil wir dem Gesetz gestorben sind. Und auch das Update des Gesetzes in der Bergpredigt gilt für uns nicht, da wir keine Juden sind. Daher muss sich weder zur Zeit des Paulus, noch heute, jedermann und jederfrau die Augen ausreißen.
„In Wirklichkeit jedoch ´habe ich mit dem Gesetz nichts mehr zu tun;` ich bin durch das Urteil des Gesetzes dem Gesetz gegenüber gestorben, um ´von jetzt an` für Gott zu leben; ich bin mit Christus gekreuzigt.“ (Gal. 2,19 NGÜ)
Und da ein Toter keinen Ernährungsplan mehr benötigt, brauchen wir an Jesus Gläubigen kein Gesetz.
Für Christen gilt daher, „dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist“ (1. Tim. 1,9 Rev. Elb.)
Unser moralischer Leitfaden für die Gestaltung des Lebens wird nicht durch zehn oder 613 Gebote bestimmt (Gesetz zu halten bedeutet immer alle Gebote halten zu müssen, nicht wahlweise!, Jak. 2,10), sondern durch: lieben.
„Seid niemand irgendetwas schuldig, als nur einander zu lieben! Denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn das: "Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren", und wenn es ein anderes Gebot gibt, ist in diesem Wort zusammengefasst: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Die Erfüllung des Gesetzes ist also die Liebe. (Röm. 13, 8-10)“
Dies ist uns möglich, weil der Geist Gottes in uns lebt, weil die Gebote Jesu in unser Herz geschrieben sind (Hebr. 8,10). Wir dienen nun nicht mehr nach dem Wort, sondern nach dem Geist.
„Jetzt aber sind wir von dem Gesetz losgemacht, da wir dem gestorben sind, worin wir festgehalten wurden, so dass wir in dem Neuen des Geistes dienen und nicht in dem Alten des Buchstabens.“ (Röm. 7,6 Rev. Elb.)
Dies ist natürlich kein Automatismus, wir können immer den Geist Gottes blockieren und seine Liebesbemühungen ersticken.
Menschen, die den Geist Gottes nicht haben, benötigen dagegen ein Gesetz,
„denn durchs Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.“ (Röm. 3,20b Rev. Elb.)
2.2 Missverständnis 2: „schwammig“
„Einfach nur lieben?! Das ist mir zu schwammig!“ So ungefähr lautete ein Kritikpunkt an meiner letzten Predigt von einem Hauskreis-Mitglied.
Liebe ist der Überbegriff. Und in einer idealen Welt wäre es wahrscheinlich ausreichend, aber da ein Merkmal der Menschen auch schon zu Zeiten des Paulus, eher ein gewisser Egoismus und ein Mangel an emotionaler Intelligenz war, füllt er Zeile um Zeile seiner Briefe mit praktischen Erläuterungen, was man unter „lieben“ versteht: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Langmut, einander ertragen und sich gegenseitig vergeben, herzliches Mitleid, den anderen höher achten, nicht nachtragend sein, gastfrei sein usw.
Das NT enthält also noch viele Erklärungen wie Liebe praktisch wird. Der Unterschied zum Gesetz ist: Du verspielst nicht Dein ewiges Leben, wenn Du in einem einzigen Bereich versagst.
2.3 Missverständnis 3: Ist alles erlaubt?
Wenn es kein Gesetz mehr für Christen gibt, ist dann jetzt alles erlaubt? Kann ich dann machen was ich will? Dieses Problem hatten auch schon die Korinther.
Paulus antwortet mit: „Alles ist mir erlaubt; aber nicht alles frommt!“ (1. Kor. 6,12 Schlachter 1951)
Oder anders ausgedrückt: wir haben Jesus Christus angezogen (Gal. 3,27) und dann passt vieles nicht mehr zu unserem Wesen. Und dann gehören viele Verhaltensweisen eben nur noch zum Leben der unerlösten Menschen, aber nicht mehr zum Leben der Gerechten (Kol. 3, 1-17) und ich bin daher überzeugt, dass niemand, der die Wahrheit erkannt hat, dauerhaft mutwillig die Freiheit des Evangeliums ausnutzen kann um in einer Kultur der Sünde zu verharren.
Andererseits hat mal jmd. gesagt, dass diese Fragestellung der beste Beleg dafür ist, dass das Evangelium richtig verkündigt wurde, da sie bei einem gesetzlichen Evangelium erst gar nicht entstehen kann.
3. Das größte Gebot
Der Vorteil von einer Predigtreihe ist, dass man beim dritten Teil schon die Hälfte der Zeit damit rum bringt, dass man die vorherigen Teile zusammen fasst und damit weniger Arbeit hat.
Im letzten Teil geht es mir heute um eine Veränderung in der Liebe zu Gott, die wir im NT finden. Wir kennen alle die Erläuterungen Jesu zu den beiden größten Geboten:
„Und es fragte einer von ihnen, ein Gesetzesgelehrter, und versuchte ihn und sprach: Lehrer, welches ist das größte Gebot im Gesetz? Er aber sprach zu ihm: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand." Dies ist das größte und erste Gebot. Das zweite aber ist ihm gleich: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt. 22, 35-40 Rev. Elb.)
Also, auch wenn hier steht, dass das jetzt die Zusammenfassung des Gesetzes ist, so gilt doch auf auch für uns: Gott lieben und den Nächsten lieben! Darum geht es ja doch im Leben als Christ. Und ich habe ja auch gesagt, dass es um „lieben“ geht im Neuen Bund.
Soweit so gut, aber wir machen einen Fehler, wenn wir diese Verse lesen, nämlich wir setzen wieder unsere christliche Brille auf. Um zu verstehen, was Jesus hier wirklich sagt, brauchen wir aber eine jüdische Brille.
Lesen wir mal den Text im Zusammenhang, den Jesus hier zitiert. Dort spricht Gott zu Mose:
„Möge doch diese ihre Gesinnung bleiben, mich allezeit zu fürchten und alle meine Gebote zu halten, damit es ihnen und ihren Kindern ewig gut geht! Geh, sage zu ihnen: Kehrt in eure Zelte zurück! Du aber bleibe hier bei mir stehen! Und ich will all die Gebote und die Ordnungen und die Rechtsbestimmungen zu dir reden, die du sie lehren sollst, damit sie sie tun in dem Land, das ich ihnen gebe, es in Besitz zu nehmen. Achtet nun darauf, zu tun, wie der HERR, euer Gott, es euch geboten hat! Weicht nicht davon ab zur Rechten noch zur Linken! Auf dem ganzen Weg, den der HERR, euer Gott, euch geboten hat, sollt ihr gehen, damit ihr lebt und es euch gut geht und ihr eure Tage verlängert in dem Land, das ihr in Besitz nehmen werdet. Und dies ist das Gebot, die Ordnungen und die Rechtsbestimmungen, die der HERR, euer Gott, geboten hat, euch zu lehren, damit ihr sie tut in dem Land, in das ihr hinüberzieht, um es in Besitz zu nehmen, damit du den HERRN, deinen Gott, fürchtest alle Tage deines Lebens, um alle seine Ordnungen und seine Gebote zu bewahren, die ich dir gebiete - du und dein Sohn und deines Sohnes Sohn -, und damit deine Tage lange währen. Höre nun, Israel, und achte darauf, sie zu tun, damit es dir gut geht und ihr sehr zahlreich werdet - wie der HERR, der Gott deiner Väter, zu dir geredet hat - in einem Land, das von Milch und Honig überfließt! Höre, Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR allein! Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem Herzen sein. Und du sollst sie deinen Kindern einschärfen, und du sollst davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt und wenn du auf dem Weg gehst, wenn du dich hinlegst und wenn du aufstehst.“ (5. Mose 5,29 - 6,7 Rev. Elb.)
Das Gebot Gott „mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft zu lieben“ ist die Quintessenz all der Ordnungen und Gesetze und Gebote des Gesetzes, die sich auf Gott beziehen.
Wenn wir das erste Gebot im Doppelgebot der Liebe lesen, dann denken wir: ja ok, wir sollen mit all unserem Wesen und Fühlen und Denken Gott lieben. Genau!
Wenn ein Jude, der unter dem Gesetz lebt, das hört, dann weiß er, dass er in allem was er tut, darauf achten soll, dass Gott in seiner Heiligkeit geachtet werden soll, z.B. dadurch dass beim Kochen nicht Milch- und Fleischprodukte gemeinsam verwendet werden, oder dass keine Kleidungsstücke aus verschiedenen Stoffen getragen werden, der Sabbat geheiligt wird, die Feste gefeiert, die Opfer dargebracht werden, sein Name nicht missbraucht wird, kein Götze angebetet wird, der Zehnte gegeben wird, die Kanaaniter erschlagen werden uvm.
Dies meint Jesus hier in seiner Zusammenfassung. Daran hängt das Gesetz! Das ist der Kern des Gesetzes.
Was macht Jesus hier also: er zitiert aus dem Gesetz das den Juden gegeben wurde, zu einer Zeit als das Gesetz noch volle Gültigkeit hatte, im Disput mit einem Menschen, der unter dem Gesetz steht, an einem Ort, an dem das Gesetz galt.
Nun wissen wir aber, dass wir Christen, wir Nicht-Juden mit dem Gesetz nichts zu schaffen haben.
„Denn Christus ist des Gesetzes Ende“ (Röm. 10,4a Luther)
Daher die Frage: Hat das jetzt eigentlich etwas mit uns zu tun? Gewiss, Gott zu lieben hat mit uns etwas zu tun, aber formaljuristisch betrachtet, so wie es hier im Kontext des Gesetzes dargestellt wird, lautet die Antwort: nein!
Juristisch betrachtet, hat es mit uns erst mal gar nichts zu tun, da uns nie ein Gesetz gegeben wurde und wir uns dann auch nicht fragen müssen, welches denn die größten Gebote im Gesetz sind.
Aber mit der Liebe haben wir schon etwas zu tun. Von Paulus wissen wir, dass das Gebot der Nächstenliebe der Kern unseres moralischen Lebens als Christen ist. Wie ist es mit der Liebe zu Gott? Darum muss es doch auch gehen im Leben als Christ. Ja, darum geht es auch, aber es gibt im Neuen Bund ein paar Modifikationen zu dem Gebot des Alten Bundes. Die Parameter haben sich etwas verändert. Die Rahmenbedingungen sind jetzt andere geworden.
1. Es ist tatsächlich so, dass diese Formulierung des Gesetzes: „mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft“, nirgends mehr auftaucht im NT. Es wurde weder auf dem Konzil in Jerusalem Paulus damit beauftragt es den Heiden zu verkünden, noch hat er es in den Briefen irgendwo vermittelt. Was immer es auch konkret bedeutet haben mag, es scheint eine spezifische Formulierung des Gesetzes zu sein. Es heißt nun einfach: „Wir lieben ihn, weil er uns zuerst geliebt hat.“ (1. Joh. 4,19 Schlachter)
2. Und das ist auch schon die nächste Modifikation: Geht es im Gesetz um unsere Bemühungen, geht es im Neuen Bund v.a. um Gottes Liebe zu uns. „Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe...“ (1. Joh. 4,16 Rev. Elb.) Die meisten Stellen in den Briefen handeln von seiner Liebe zu uns.
3. Geht es im Gesetz darum Gott zu fürchten und daraus resultierend ihn mit ganzer Kraft zu lieben, heißt es im Neuen Bund nun: „Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wieder zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!“ (Röm. 8,15 Rev. Elb.) oder „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat es mit Strafe zu tun. Wer sich aber fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe.“ (1. Joh. 4,18 Rev. Elb.)
4. Haben wir im Gesetz Gott lieben und den Nächsten lieben, finden wir im Neuen Bund stattdessen: „Und dies ist sein Gebot: dass wir an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, wie er es uns als Gebot gegeben hat.“ (1. Joh. 3,23 Rev. Elb.) Also an Jesus glauben und den anderen lieben. Es ist fast so, als ob der Vater sagt: „Wenn ihr an meinen geliebten Sohn glaubt, dann ist das die größte Liebe, die ihr zu mir haben könnt. Denn ihr seid dann die Braut meines Sohnes!“
5. Und noch einen weiteren Unterschied mag es geben. Ist im Alten Bund das Leben im Segen Gottes, im Shalom, das Ziel aller Bemühungen, ist es jetzt der Ausgang. Gott hat uns bereits alles gegeben (Eph. 1,3). Ist es im Alten Bund das Ziel, in die Gegenwart Gottes zu kommen, ist es im Neuen Bund der Ausgang: der Vorhang im Allerheiligsten ist zerrissen. Ist es im Alten Bund das Ziel, Gott zu nahen, ist Gott im Neuen Bund gegenwärtig: „Oder erkennt ihr euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist?“ (2. Kor. 13,5 Rev. Elb.) Wir haben schon viel, viel mehr an der Nähe, der Gegenwart Gottes in unserem Leben, in uns, als die Bundesmenschen des Alten Bundes überhaupt mit „ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft“ jemals erreichen konnten.
Ich versuche es noch mal mit ein paar Bildern zu verdeutlichen: der Aufwand, die Hingabe, der Einsatz, den man aufbringt um die Champions League zu gewinnen, ist ein anderer, als die Gefühle, die man hat, wenn man sie gewonnen hat. Das Werben um einen Partner ist anders, als die Gefühle beim Gang zum Traualtar. Ein Soldat hat andere Aufgaben im Krieg, als im Frieden. Wer sich bemüht ins „Weiße Haus“ zu kommen, muss anders auftreten, als die Kids der Obamas usw. Wir sind bereits im Zustand der Ruhe bei Gott! Unsere Liebe ist nun eine andere!
4. Schluss
Ich komme jetzt zum Ende der Predigtreihe. Ich denke, dass ich Euch mit diesen drei Predigten einiges zum „Knappern“ gegeben habe. Bei manchen Aussagen könnt Ihr eher „bekennen“, also mit mir übereinstimmen, bei anderen weniger. Das ist ok.
Ich glaube, dass die meisten Gemeinden/Kirchen und die meisten Christen ein Problem haben im Umgang mit Neuem und Alten Bund und dazu neigen vieles zu vermischen. Dabei geht einiges von der Leichtigkeit und Freude des Evangeliums verloren.
Wenn ich mich unter dem Druck sehe, Gott mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft lieben zu müssen (und nicht einmal weiß, was es überhaupt bedeutet), dann muss ich sagen, dass kann ich nicht - und ich habe auch noch nie jmd. kennen gelernt, der dies kann - und ich komme unter eine Schwere, unter eine Last; wenn ich mir aber vergegenwärtige, dass er mich zuerst geliebt hat und ich nur diese Liebe erwidern darf, in all meiner Schwachheit, was auch noch der Heilige Geist in mir vollbringen möchte, dann wird es wieder leicht als Christ zu leben.
„Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben. Nehmt auf euch mein Joch, und lernt von mir! Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und "ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen"“ (Mt. 11, 28.29 Rev. Elb.)
AMEN.
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