Freude am Herrn.mp3
Neh. 8,10 Die Freude am Herrn
Ich möchte heute über einen Vers aus dem Buch Nehemia sprechen.
(Es ist schon seltsam, dass ich bei Euch meistens über einen alt. Text predige, was ich sonst eigentlich eher selten mache. Hängt das irgendwie mit dem Namen zusammen? Als so eine Art Antikörperreaktion. Oder liegt es doch an Eurem Alter?
Man muss da ja vorsichtig sein, was man so sagt. Neulich im Büro, bei unserer morgendlichen Kaffeerunde - Sozialarbeiter - ist mir mein Schlüssel runter gefallen, und als ich ihn dann wieder aufgehoben habe, meinte eine junge Kollegin: „Na, das schaut ja nicht mehr so besonders geschmeidig aus.“ Zu mir kann man sowas ja sagen. Wir haben dann über Dehnübungen, Physiotherapie, Yoga usw. gesprochen und dann meinte eine ältere Kollegin, das sie da so ein bestimmtes Yoga macht, das sehr gut für ihren Rücken ist, ihr fällt bloß gerade der Name nicht ein. Ich meinte dann: „Yoga für Ältere.“ Daraufhin bekam ich nur ein Wort als Kommentar: „A…loch.“ Insofern, ich habe gelernt: man darf nicht immer alles sagen. Besonders nicht zu Frauen. Jetzt aber zu unserem Bibelvers.)
Ich mache es jetzt mal so wie den Herrenhuter. Ich reiße den Vers mal aus seinem Zusammenhang. Normal mache ich das ja nicht. Aber tun wir mal so, als hätten wir einen Losungsvers vor uns.
„darum seid nicht bekümmert, denn die Freude am HERRN ist eure Stärke!“ (Neh. 8,10 Schlachter)
Bevor wir uns dann später den Zusammenhang dieses Verses anschauen, lassen wir ihn erst mal ganz isoliert in verschiedenen Übersetzungen auf uns wirken.
„Und seid nicht bekümmert, denn die Freude am HERRN, sie ist eure Zuflucht!“
(Zürcher)
„Macht euch keine Sorgen, denn die Freude am Herrn umgibt euch wie eine schützende Mauer.“ (GN)
„Lasst den Mut nicht sinken, denn die Freude am HERRN gibt euch Kraft!“ (HfA)
„Seid nicht traurig, denn die Freude am Herrn ist eure Zuflucht!“ (NLB)
„Und seid nicht bekümmert, denn die Freude am HERRN, sie ist euer Schutz!“ (Rev. Elb.)
Und zu guter letzt:
„Macht euch keine Sorgen! Sich an Gott zu freuen ist wie eine Impfung gegen Frust!“ (Volxbibel)
Mach Dir keine Sorgen! Sei nicht bekümmert! Oder einfach gut fränkisch: Dou di ned oh!
Wir haben den Vers vor kurzem im Hauskreis gelesen und dann festgestellt, so als Ermutigung, als Zuspruch von Gott, tut das jetzt erst mal richtig gut: Sei nicht bekümmert! Mach Dir keine Sorgen! Erst mal durchatmen.
Aber trotzdem, das ist ja jetzt erstmal einfach gesagt. Sich nicht zu bekümmern, sich keine Sorgen zu machen, was ist, wenn es aber nun doch tatsächlichen Grund zur Sorge gibt?
Wenn man nicht weiß, wie die ganzen Rechnungen bezahlt werden können.
Wenn man nicht weiß, wie es gesundheitlich weiter gehen wird.
Wenn man nicht weiß, wie lange man seine Stelle noch behalten wird.
Wenn man nicht weiß, wie man mit der mageren Rente zurecht kommen soll.
Wenn die Ehe vor dem Aus steht oder die Beziehungen zu den Kindern zerrüttet sind.
Wenn ein Kind schwer erkrankt ist, wenn man einsam ist….und und und.
Es gibt viele Anlässe, die tatsächlich berechtigten Grund zur Sorge geben.
Als Mitarbeitervertreter (Betriebsrat) habe ich viel mit Belastungen am Arbeitsplatz zu tun und da habe ich neulich einen Artikel aus der ZEIT gelesen über Erkrankungen am Arbeitsplatz. Und da erzählte eine Betriebsärztin von einer jungen Auszubildenden, die gesagt hat: „Wenn ich mit dem Gespräch hier fertig bin, fahre ich mit dem Aufzug nach oben und spring runter.“ (Sie hat es dann glücklicherweise nicht getan, sondern konnte überzeugt werden, freiwillig in die Psychiatrie zu gehen.)
Es gibt sie, die Belastungen durch die Arbeit, die Belastungen des Lebens, die die Existenz bis ins Mark erschüttern.
Seid nicht bekümmert? Seid nicht traurig? Lasst den Mut nicht sinken? - Drei - Zwei - Eins - Schnipp! - Weg?
Aber unser Vers geht ja weiter. Es braucht die Freude am Herrn! Sie ist Kraft, Schutz, Zuflucht, Burg!
Aber was ist das eigentlich? Freude am Herrn?
Freude kann man ja nicht so einfach verordnen. Freude kann man auch nicht so einfach machen. Freude ist ja in unserem Verständnis zunächst einfach mal eine Emotion. Ein Gefühl, das in mir entsteht als Reaktion auf irgendwas. Und da hakt es schon. Bei mir zumindest.
Ich bin ja eher so der ausgeglichene Typ. Mich regt selten was auf. „Passt scho“ gilt irgendwie immer.
Meine Gefühle laufen so fast wie eine Nullkurve gleichmäßig vor sich hin, mit minimalen Ausschlägen nach oben und unten - bei Hunger und Durst bspw. oder bei Toren und Gegentoren.
Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt kenne ich eher selten und übermäßige Gefühlsäußerungen sind mir auf jeden Fall suspekt, wenn sie nicht ohnehin unter Hysterie einzuordnen sind. Okay, ich habe jetzt geringfügig übertrieben.
Wikipedia schreibt: „Freude ist der Gemütszustand oder die primäre Emotion die als Reaktion auf eine angenehme Situation oder die Erinnerung an eine solche entsteht. Je nach Intensität äußert sie sich als Lächeln, Lachen, Freudenschrei oder in einem Handeln"
Freude ist als Emotion auf jeden Fall etwas Vorübergehendes, etwas das für eine bestimmte Zeitspanne in uns entsteht. Kann so etwas Kurzfristiges zur Stärke werden?
Ich denke, dass hier in unserem Vers mehr gemeint ist, als nur eine vorübergehende Emotion, mehr als ein kurzes sich-über-Gott-freuen, sondern eher eine tiefgehendere Haltung oder Einstellung. Etwas Umfassenderes, etwas Ganzheitlicheres. Etwas das dem Leben Struktur und Rahmen gibt.
Ich hätte hier wahrscheinlich eher geschrieben: der Glaube ist Eure Stärke, das Verwurzeltsein in Gott ist Eure Stärke, das Vertrauen auf Gott ist Eure Stärke, das Getragensein usw. ist Euer Schutz. Gott nahe zu sein ist Eure Stärke, Euer Schutz..
Aber vielleicht hängt das ja alles auch irgendwie zusammen?
„Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte / und meine Zuversicht setze auf Gott den HERRN“ (Ps. 73, 28 Luther)
„Ich aber: Gott zu nahen ist mir gut. Ich habe meine Zuversicht auf den Herrn, HERRN, gesetzt, zu erzählen alle deine Taten.“ (Rev. Elb.)
Hier haben wir es zusammen. Gott nahe zu sein ist meine Freude, mein Glück, wie es in anderen Übersetzungen heißt. Das war übrigens die Jahreslosung 2014. Es gibt hier auch ein schönes Lied dazu von Arne Kopfermann. Und auf unserer Gemeindefreizeit wurde dazu sogar Walzer getanzt.
Der Asaf hatte hier genau unser Problem. Er war zutiefst bekümmert über die Umstände in seinem Leben und hat erkannt, durch die Nähe Gottes, durch das In-Gott-Sein konnte er über die Umstände hinwegblicken. Er konnte sie nicht ändern, aber dadurch konnte er seine Einstellung ändern und Glück und Freude empfinden.
Wenn also Esra hier von der „Freude am Herrn“ spricht, dann hängt das zusammen mit dem sich zu Gott halten, ihn suchen, ihn nahe sein, dann ist das nichts, was man als guter Israelit am Gürtel ständig mit sich trägt, sondern etwas was durch das sich-Gott-nähern - in welcher Form auch immer - entsteht.
Freude erwächst beispielsweise aus der Dankbarkeit. Aus dem Erinnern an das was Gott Gutes in der Vergangenheit bereits getan hat. Beim Volk Israel war es das regelmäßige Erinnern an den Auszug an Ägypten, die Versorgung in der Wüste und der Einnahme des gelobten Landes. Oder aus der Dankbarkeit für die eingebrachte Ernte usw.
Als Martin Luther einmal eine depressive Phase durchlitt, hatte seine Frau einen interessanten Einfall. Sie trat ihm in Trauerkleidern entgegen. Er erschrak: "Wer ist gestorben?"
"Unser Herrgott!", sagte sie.
Da musste er lächeln: "Ei, du Närrlein, … Solche Scherze stehen dir übel!"
Aber sie antwortete: "Doch - unser Herrgott muss gestorben sein. Sonst könnte mein Martinus nicht so traurig sein!" - Jetzt ging ihm ein Licht auf.
Er umfasste sie mit beiden Armen: "Ja, du hast Recht, ich darf nicht traurig sein, da mein Herrgott im Himmel lebt, und seine Wege Güte und Weisheit sind.“
(Quelle: https://www.erf.de/erf-plus/audiothek/wort-zum-tag/nehemia-8-10/73-4262)
Freude an Gott hat auch was zu tun mit Feiern, Singen, Gemeinschaft. Freude ist ganzheitlich. Freude will ganzheitlich erfahren werden, will ausgedrückt, ausgelebt werden. Das jüdische Glaubensverständnis ist ohnehin ein Ganzheitlicheres. Zum Leben gehört Freude. Und die Freude an Gott wird im Leben gelebt, gefeiert, ausgedrückt. Das wusste auch Esra. Deshalb heißt es nämlich unmittelbar vor und nach unserem Vers:
„Und Esra sprach zu ihnen: Geht hin und esst fette Speisen und trinkt süße Getränke…Und alles Volk ging hin, um zu essen, zu trinken und davon auszuteilen und ein großes Freudenfest zu feiern“ (Neh. 8, 10.12 Luther)
Fette Speisen, süße Getränke, vermutlich ist hier süßer Wein gemeint, gemeinsam feiern, das alles ist Ausdruck der Freude an Gott. Die Juden sind nicht prüde und lebensverneinend, sondern das gemeinsame Feiern als Teil des Lebens entspringt aus der Freude über Gott, aus der Dankbarkeit an ihn als Geber aller guten Gaben.
Jetzt sind wir schon ein bisschen angelangt beim eigentlichen Kontext unseres Verses. Was war die Situation?
In den Büchern Esra und Nehemia lesen wir vom Wiederaufbau Jerusalems nach dem babylonischen Exil. Und am Ende versammelte sich das ganze Volk, damit ihnen das Gesetz vorgelesen und erklärt werden konnte. Und am Ende dieses Vorgangs heißt es:
„alles Volk weinte, als sie die Worte des Gesetzes hörten“ (V. 9 Luther)
Das ganze Volk weinte. Es steht nicht dabei warum. Haben sie geweint, weil sie erkannt haben, wie fern sie Gott waren? Ein Erschrecken, eine Bestürzung über die eigene Schuld sozusagen? Haben sie angefangen zu erahnen, wie Gott sie sich als Volk und als Individuen eigentlich vorgestellt hat? War ihnen deshalb zum Heulen zumute?
Oder haben sie geweint, weil sie verstanden haben, welch ungeheure Aufgaben Gott ihnen mit diesen über 600 Geboten zumutet und welcher Strafenkatalog sie in Zukunft erwarten wird? Vielleicht ja auch beides gleichzeitig?
Sie haben gleichzeitig erkannt wie fern sie Gott waren und welch immensen Anstrengungen es sie kosten wird in Zukunft immer alles richtig zu machen. Und es wird ihnen doch nicht gelingen. Eigentlich eine unglückliche Situation. Und in diese Situation hinein sagt Nehemia:
„seid nicht traurig und weint nicht! Denn alles Volk weinte, als sie die Worte des Gesetzes hörten. Und Esra sprach zu ihnen: Geht hin und esst fette Speisen und trinkt süße Getränke und sendet davon auch denen, die nichts für sich bereitet haben; denn dieser Tag ist heilig unserm Herrn. Und seid nicht bekümmert; denn die Freude am HERRN ist eure Stärke.“ (V. 9b.10 Luther)
Eigentlich heißt diese Stelle: Verzweifelt nicht an Eurer Schuld und Eurer Unzulänglichkeit, sondern schaut auf dem Herrn und freut Euch an ihm.
Es geht hier eigentlich gar nicht um einen Zuspruch für alle Widrigkeiten des Lebens, sondern es geht um Trost für all diejenigen, die zerbrochen und gedemütigt sind durch das Erkennen der eigenen Sündhaftigkeit, der eigenen Gottesferne.
Ich habe überlegt, welche Stelle im NT etwas Ähnliches aussagt. Und da ist mir diese eingefallen. Jesus spricht hier:
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Mt. 11, 28 - 30 Luther)
Auch hier spricht Jesus wohl zu denen, die beladen sind mit ihrer Schuld, die gedrückt werden vom Gesetz und auch noch von manch zusätzlichen Lasten, die die Pharisäer der Bevölkerung auferlegt haben. Er verheißt ihnen diese Lasten abzunehmen.
Jesus kann das. Das ist der Unterschied. Er hat das Gesetz dauerhaft hinweggetan. Die Lasten gibt es nicht mehr.
Bei Nehemia im alten Bund, sind die Feiern nur so eine Art vorübergehendes Luftholen und Eintauchen in die Liebe Gottes. Die Forderungen des Gesetzes jedoch blieben bestehen.
Wenn wir heute aus der Perspektive des neuen Bundes auf die „Freude am Herrn“ schauen, dann können wir dies auf Grundlage dessen tun, was am Kreuz geschehen ist, was Jesus dort bewirkt hat, aus dem Wissen heraus, das wir in ihm eine Grundlage für vollkommene und ewige Freude haben.
Und da passt es ja auch, dass es auf Weihnachten zu geht. Nicht umsonst heißt es:
„Siehe, ich verkündige euch große Freude“ (Lk. 2,10 Luther)
Die Adventszeit ist ja jetzt eigentlich eine Zeit der Vorbereitung, der Besinnung, des Einkehrens und Innehaltens. Eine Zeit wo wir uns vielleicht neu vornehmen können, Gott in besonderer Weise nahe zu sein.
Faktisch ist sie meist eine Zeit vermehrten Stresses. Das ist ja nicht nur der Mehraufwand durch die Vorbereitung der Feierlichkeiten, sondern es geht ja auch aufs Jahresende zu und im Betrieb müssen viele Prozesse zum Abschluss gebracht werden, Auswertungen gemacht, Rechnungen geschrieben, Statistiken erstellt. Alles ballt sich in den letzten beiden Monaten des Jahres. Und dann auch noch Weihnachten.
Vorhin habe ich ja gesagt, die Freude an Gott und die Nähe zu Gott sind eng miteinander verknüpft. Könnte nicht jetzt die Zeit sein neu in die Nähe Gottes einzutauchen. Und da gibt es viele verschiedene Wege und Möglichkeiten:
- wenn ich ihm im Gebet mein Herz ausschütte, meine Sorgen mitteile, mein Leid klage, ihm meinen Blues hinbringe sozusagen
- wenn ich anbete oder Lobpreislieder singe
- wenn ich ihm danke für all das Gute in meinem Leben
- wenn ich mich hinsetzte und einfach Lobpreismusik höre
- wenn ich einfach mal still bin vor ihm und sage „Ich bin jetzt einfach hier.“
- wenn ich Bibel lese oder Bibelverse ausspreche
- wenn ich Gemeinschaft mit Geschwistern habe
- wenn ich seinen Segen empfange oder weiter gebe
- wenn mich neu sein Heiliger Geist erfüllt
- wenn ich das Abendmahl empfange
- wenn ich andern Gutes tue oder mir Gutes tuen lasse
- wenn ich über seine Schöpfung staune
- uvm. ……
All das sind Wege in die Nähe Gottes und damit in die Freude am Herrn.
Einen letzten Punkt habe ich noch. Etwas das auch stark mit Freude verbunden ist, ist Tanz. Das Tanzen vor Freude hatte und hat in der jüdischen Kultur einen großen Stellenwert.
H. ist ja gerade in Asien auf einem globalen Nehemia-Kongress (schon wieder Nehemia). Und H. hatte dort Geburtstag. Und er hat Videos geschickt, wie ihm zum Geburtstag gratuliert wurde. Und ich weiß jetzt nicht, ob das eine besondere Challenge war, aber die haben ihm tanzend gratuliert. Die kamen mit den vielen Geburtstagstorten angetanzt und haben gesungen. Habt Ihr schon mal jmd. tanzend zum Geburtstag gratuliert? Nein, ich auch nicht. Das ist in unserer Kultur unbekannt. Aber es ist ein legitimer Ausdruck von Freude.
Manchmal möchten wir uns freuen, aber sind innerlich blockiert. Kein Wunder, wenn wir den ganzen Tag nur im Bürostuhl sitzen. Und dann braucht unsere Seele Befreiung. Devil, come out! Bewegung tut uns nicht nur körperlich gut, sondern auch unserer Seele, unserer Psyche, unserem Gemüt. Und vielleicht probiert Ihr es ja bei der nächsten Gebetszeit zu Hause mal aus und fangt an beim Lobpreis zu tanzen.
AMEN.
Gleichnis von den Ehrenplätzen beim Festmahl (Lk. 14, 1 - 14)
1. Warnung vor Ehrsucht
Für den heutigen Sonntag habe ich ein Gleichnis herausgesucht, das man meistens nur wenig beachtet und über das auch eher selten gepredigt wird. Vermutlich einfach deshalb, weil die zentralen Aussagen so einfach und klar sind. Es handelt sich um das Gleichnis von den Plätzen bei einem Festmahl.
„1 Und es begab sich, als er am Sabbat in das Haus eines Obersten der Pharisäer ging, um zu speisen, da beobachteten sie ihn.
2 Und siehe, da war ein wassersüchtiger Mensch vor ihm.
3 Und Jesus ergriff das Wort und redete zu den Gesetzesgelehrten und Pharisäern, indem er sprach: Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen?
4 Sie aber schwiegen. Da rührte er ihn an, machte ihn gesund und entließ ihn.
5 Und er begann und sprach zu ihnen: Wer von euch, wenn ihm sein Esel oder Ochse in den Brunnen fällt, wird ihn nicht sogleich herausziehen am Tag des Sabbats?
6 Und sie konnten ihm nichts dagegen antworten.
7 Er sagte aber zu den Gästen ein Gleichnis, da er bemerkte, wie sie sich die ersten Plätze aussuchten, und sprach zu ihnen:
8 Wenn du von jemand zur Hochzeit eingeladen bist, so setze dich nicht auf den obersten Platz, damit nicht etwa ein Vornehmerer als du von ihm eingeladen ist,
9 und nun der, der dich und ihn eingeladen hat, kommt und zu dir sagt: Mache diesem Platz! — und du dann beschämt den letzten Platz einnehmen musst.
10 Sondern wenn du eingeladen bist, so geh hin und setze dich auf den letzten Platz, damit der, welcher dich eingeladen hat, wenn er kommt, zu dir spricht: Freund, rücke hinauf! Dann wirst du Ehre haben vor denen, die mit dir zu Tisch sitzen.
11 Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
12 Er sagte aber auch zu dem, der ihn eingeladen hatte: Wenn du ein Mittags- oder Abendmahl machst, so lade nicht deine Freunde, noch deine Brüder, noch deine Verwandten, noch reiche Nachbarn ein, damit nicht etwa auch sie dich wieder einladen und dir vergolten wird;
13 sondern wenn du ein Gastmahl machst, so lade Arme, Krüppel, Lahme, Blinde ein,
14 so wirst du glückselig sein; denn weil sie es dir nicht vergelten können, wird es dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.“
(Lk. 14, 1-14 Schlachter 2000)
Wir finden verschiedene Hochzeitsgleichnisse in der Bibel, die meist einen Bezug auf Jesus als Bräutigam haben. Dies hier ist etwas anders ausgerichtet, hat einen etwas anderen Schwerpunkt. Zunächst die Frage nach dem Kontext.
Jesus war mit seinen Anhängern auf Wanderschaft. Er hat gelehrt und geheilt. Der Konflikt mit den Pharisäern war noch nicht auf seinem Höhepunkt angekommen. Er wurde von den Pharisäern jedoch kritisch gemustert und beobachtet. Würde er etwas tun, dass dem Gesetz oder ihren Gebräuchen widerspricht?
Dann wurde er an einem Sabbat von einem Obersten der Pharisäer, vermutlich einem Hohenpriester oder Synagogenvorsteher, zu einem Festmahl eingeladen. Er nahm die Einladung an und wurde genau beobachtet (V. 1) und - schwups - auf einmal stand ein Wassersüchtiger vor ihm (V. 2). Ein schwerkranker Mensch mit Ödemen, möglicherweise wegen einer Herz- oder Niereninsuffizienz.
Was würde Jesus tun? Am Sabbat heilen, also medizinische Arbeit leisten?
Es ging nicht darum, dass ein Wunder notwendig war um diesen Mann gesund zu machen, da es mit den damaligen medizinischen Möglichkeiten keine Heilung gegeben hat, sondern es ging darum, dass in ihren Augen Heilen Arbeit ist und damit am Sabbat verboten sein muss. Jesus fragt sie: Ist es erlaubt? Bekommt keine Antwort und heilt ihm und schraubt damit den Konflikt mit den Pharisäern eine Stufe höher, weil er dadurch ihr religiöses System, ihre religiösen Überzeugungen in Frage stellt.
Weiter fragt er sie, ob sie nicht auch am Sabbat ihren Sohn (in anderen Texten heißt es Esel) oder Ochsen retten würden, wenn er am Sabbat in einem Brunnen fällt (5. Mose 22,4)? Auch hierauf erhält er keine Antwort. Wieder eine Stufe höher. Das ist der Zusammenhang. Nun beginnt das Mahl. Das war bestimmt eine interessante Atmosphäre, wenn man vom Anfang an mit dem Gastgeber in einem Konflikt war. Das ist der Punkt, wo ich mir wahrscheinlich gedacht hätte, okay, ich geh dann mal wieder, gibt es halt kein Festessen. Aber nicht so Jesus.
Nun beginnt ein munteres Treiben. Zur damaligen Zeit und in der damaligen Kultur hatte Gastfreundschaft einen besonders hohen Stellenwert. Aber der ursprüngliche Auftrag für Reisende und Bedürftige zu sorgen, wurde pervertiert.
Wenn man ein Gastmahl gegeben hat, ging es jetzt zum einen darum das Ansehen des Gastgebers zu vergrößern, dadurch dass er durch das Auftragen erlesener und reichhaltiger Speisen, seinen Reichtum zur Schau stellen konnte und zum anderen ging es auch den Eingeladenen darum, ihr Ansehen zu vergrößern, indem sie die Ehrenplätze beim Festmahl beanspruchten. Und diese waren rechts und links des Gastgebers.
Jetzt versuchten die Geladenen - ähnlich wie bei der Reise nach Jerusalem - durch geschicktes Manövrieren, Ablenken („Schau mal diese wunderbaren Oliven!“ „Hast Du schon diesen herrlichen Braten gesehen?“ „Schau mal dieser wunderbare Wandteppich“), Taktieren, Drehen und Wenden, jedoch ohne dies zu offensiv, offensichtlich oder gar aggressiv anzugehen, das wäre verpönt gewesen - die Ehrenplätze zu ergattern. Dies alle beobachtete Jesus.
Nun konnte es aber passieren, dass der Gastgeber, der in der Regel als letztes erschien, ganz andere Personen für die Ehrenplätze vorgesehen hatte und dann wurden die beiden, die es nach oben geschafft hatten, auf die hintersten Plätze geschickt und statt vor allen anderen geehrt zu werden, wurden sie nun vor allen anderen gedemütigt.
„Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (V. 11)
Jesus kritisiert dieses Treiben, dieses Streben nach Ehre und Anerkennung, sowohl der Geladenen als auch des Gastgebers, denn auch der Gastgeber strebt ja danach. Daher der Hinweis, dass er die einladen soll, die ihm die Einladung nicht vergelten können, die sich nicht bei ihm revanchieren können.
Es gibt ein eindeutiges christliches Verhalten, wie Jesus es an dieser Stelle einfordert und wie wir es in vielen anderen Stellen des Neuen Testaments nachlesen können: Strebt nicht nach Ehre und Anerkennung. Seid bescheiden. Seid demütig!
Vielleicht ist uns ja so ein Streben nach den besten Plätzen wie in dem Gleichnis geschildert ohnehin fremd. Ich bin ja eher so der „peinliche“ Typ, also ich meine mir ist es eher unangenehm irgendwo hervorgehoben zu werden. Ich fühle mich in den hintersten Reihen mit etwas Distanz, Ruhe und Überblick ohnehin viel wohler. Ich wäre nicht gefährdet nach den Ehrenplätzen zu streben. Vielleicht geht es dem einen oder anderen ja genauso, aber es gibt vermutlich noch mehr Lebensbereiche wo uns unsere Ehre wichtig ist wird und wir nicht so leicht damit klarkommen zurückgesetzt zu werden.
Aber wie ist es, wenn wir zu einer Feier einladen? Laden wir dann nicht automatisch unsere Freunde, Familie und Nachbarn ein?
Sicher es ist nicht ganz dasselbe, wir feiern nicht um zu protzen und anzugeben, sondern wegen der Geselligkeit, weil wir Zeit mit den Menschen verbringen wollen, die wir lieben. Aber ein bisschen ähnlich ist es schon, wir laden nicht die ein, mit denen wir keine Zeit verbringen wollen, mit denen wir gar nichts zu tun haben wollen. Und ehrlich, wenn ich mir vorstellen würde, ich sollte bspw. die Bewohner der Heilsarmee einladen, dann würde ich lieber gar nicht mehr feiern.
Aber dennoch, muss es auch für mich, für uns praktikable Möglichkeiten geben dieser Anregung zumindest annähernd zu folgen. Sagen wir mal hier bleibt noch Luft nach oben.
2. Demut - die Gesinung eines Dienenden
Der offizielle Predigtext des heutigen Sonntags steht im 1. Petr. 5, 5b - 11. Dort heißt es ähnlich:
„Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.“ (1. Petr. 5, 5b.6 Luther)
Da haben wir das gleiche Thema: Demut. Demut heißt auf Lateinisch „Humilitas“, das hat wohl etwas mit Humus zu tun: Erde, Erdboden. Demut hat also etwas mit Bodenständigkeit, Erdverbundenheit zu tun, nicht abgehoben zu sein, sich seiner Begrenztheit und seiner Vergänglichkeit bewusst zu sein.
Petrus schreibt hier davon, dass sich alle mit Demut bekleiden sollen, gürten sollen, sie anziehen sollen, so wie ein Sklave seinen Schurz angelegt hat, der ihn für seinen Dienst vorbereitet hat und ihn von einem freien Mann unterscheidet. Nicht nur die Jüngeren sollen gegenüber den Älteren demütig sein, sondern alle einander. Petrus verwendet dieses Wort nur hier.
Demütig sein, heißt für Petrus, sich selbst zum Sklaven zu machen, zum Diener zu machen. Das ist auch genau das, was das althochdeutsche Wort „Diomuot“ (zusammengesetzt aus Dienen und Mut bzw. Gesinnung) beschreibt: die Gesinnung eines Dienenden einzunehmen, aber nicht erzwungen sondern freiwillig, so wie es Jesus getan hat.
„Habt diese Gesinnung in euch, die auch in Christus Jesus war, der in Gestalt Gottes war und es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein. Aber er machte sich selbst zu nichts und nahm Knechtsgestalt an, indem er den Menschen gleich geworden ist, und der Gestalt nach wie ein Mensch befunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz.“ (Phil. 2, 5-8 Rev. Elb.)
Jesus hat es vorgemacht und wir sollen seine Nachahmer sein. Wir müssen nicht wie er ans Kreuz. Aber unser Leben soll gekennzeichnet sein, von der Gesinnung eines Dienenden.
Der Spiegel hat vor ein paar Jahren mal verschiedene Prominente befragt, was sie unter Demut verstehen. Matthias Sammer hat darauf geantwortet:
„Demut bedeutet für mich: Respektvoll zu sein. Gegenüber allen Menschen, egal welchen Alters, welcher Herkunft, Bildung und sozialer Stellung. Vor allem aber auch vor der eigenen Bedeutung. Wir sind alle nur Bestandteil einer großen Geschichte, das sollte jedem bewusst sein, egal wer er ist.“
Eine ganz gute Antwort, wie ich finde. Wir sind alle nur Humus. Aus Erde gemacht und wir gehen zur Erde zurück. Wir sind alle Gottes Geschöpfe, die einen tragen während ihrer Zeit auf Erden etwas mehr, die anderen etwas weniger Lametta.
Helen Nielsen (amerikaniche TV-Autorin) hat mal gesagt:
„Demut ist wie Unterwäsche - unerlässlich, aber unziehmlich, wenn sie durchscheint.“
(Stimmt heutzutage nicht mehr so ganz.)
Und noch ein bisschen Luther:
„Die wahren Demütigen sehen nicht auf den Lohn und die Folgen der Demut ... und haben keine Ahnung, dass sie demütig sind... Daher kommt's dann, dass ihnen die Ehre allezeit unerwartet widerfährt und ihre Erhöhung unvermutet kommt; denn sie haben sich einfältig an ihrem geringen Wesen begnügt und nie nach Höhe gestrebt. Die falschen Demütigen aber wundern sich, dass ihre Ehre und Erhöhung so lange ausbleibt, und ihr heimlicher falscher Hochmut fühlt sich gar nicht wohl in seinem geringen Stand, sondern denkt nur immer höher und höher.“
3. Demut contra Selbstbewusstsein?
Wir wissen alle, das Gegenteil von Demut ist Hochmut.
Hochmütig zu sein heißt bspw.:
- stolz zu seineine große Hybris zu haben, ein großes Ego zu haben
sich etwas darauf einzubilden, auf das was man ist, hat oder kann
- sich für besser, höher stehender, wertvoller, wichtiger als andere zu halten
- keine Korrektur mehr nötig zu haben
- es sowieso besser zu wissen usw.
- auf andere herabzusehen, sie zu richten
…
Aber wie ist es mit Selbstbewusstsein? Heißt demütig zu sein auch jegliches Selbstbewusstsein abzulegen?
Ich überspitze jetzt mal etwas:
Mut haben kann eigentlich nur der Ängstliche. Jemand der keine Angst vor einer Situation hat, kann auch nicht mutig sein. Er braucht sich ja nicht zu überwinden.
Ein Diener, ein Sklave oder Knecht kann sich selbst nicht demütigen. Jemand der gezwungen ist zu dienen, kann nicht so einfach aus sich selbst heraus demütig sein, weil er sich nicht frei dafür entscheiden kann, die Haltung eines Dienenden einzunehmen.
Ich darf mir daher meinem Selbst bewusst sein, meinen Stärken, meinen Fähigkeiten usw. durchaus bewusst sein und entscheide mich gerade aus dieser Stärke heraus, den anderen höher als mich selbst zu achten.
„Tut nichts aus Selbstsucht oder nichtigem Ehrgeiz, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst.“ (Phil. 2,3 Schlachter 2000)
Es geht nicht darum als Wurm durchs Leben zu gehen. Auch nicht als erlöster Wurm. Ich bin ein Kind Gottes. Gerechtfertigt und erlöst, begnadigt und begabt, auserwählt und berufen usw. Und außerdem vielleicht auch noch eine gute Ärztin, ein guter Ingenieur, eine gute Erzieherin, ein guter Techniker usw. Dessen allen darf ich mir bewusst sein, aber trotzdem oder gerade deshalb entscheide ich mich die Gesinnung eines Dienenden einzunehmen. Ist das ein Widerspruch? Nein, ich denke nicht.
Es gibt in der Philosophie das Konzept der Schwestertugenden. Erstmals formuliert von Aristoteles und später für die Psychologie weiter entwickelt und bekannt geworden unter dem Wertequadrat.(Paul Hellwig, Friedemann Schulz v. Thun). Es geht dabei darum, das jede Tugend zur Übertreibung werden kann und daher ein Gegengewicht (eine Schwestertugend) als Korrektiv benötigt. Aus Sparsamkeit kann bspw. Geiz werden. Daher benötigt die Sparsamkeit die Freigiebigkeit (die Übertreibung der Freigiebigkeit wäre Verschwendungssucht). In dieser Balance kann sich die Tugend dann entfalten, so Aristoteles.
Die Schwestertugend von Demut ist Selbstbewusstsein. Ohne Selbstbewusstsein, kann die Demut zur Unterwürfigkeit werden; ohne Demut, kann aus dem Selbstbewusstsein Hochmut oder Arroganz werden.
Finden wir das in der Bibel? Nein, nicht unter diesen Namen. Aber am Beispiel vieler Personen: im AT David und im NT v.a. Paulus. Gerade bei ihm wechseln immer wieder Stellen, wo er sich seiner Begrenztheit, seines Mangels, seiner Schwäche bewusst ist und sich dann wieder seiner Autorität, seiner Stellung, seiner Position bewusst ist und diese auch betont und in Anspruch nimmt. Demut und Selbstbewusstsein sind kein Widerspruch, sondern eine notwendige Ergänzung.
Mangelt es mir an Selbstbewusstsein, dann sollte ich mehr erkennen, aus welchen Grenzen heraus mich Gott bestimmt hat.
Mangelt es mir an Demut, dann sollte ich mehr erkennen, in welche Grenzen hinein mich Gott bestimmt hat.
4. Schluss
Petrus schreibt den Empfängern, dass sie sich unter die gewaltige Hand Gottes demütigen sollen. Manchmal heißt demütig sein, einfach auch nur Gott gegenüber den richtigen Platz - Gott ist Gott, ich bin Mensch - einzunehmen.
AMEN.
Kein Ansehen der Person
1. Einleitung
Ich möchte heute über den Predigttext des heutigen Sonntags sprechen: Jak. 2, 1- 13.
Als ich nachgesehen habe, welcher Text für den heutigen Sonntag als Predigttext angegeben ist, habe ich erst gedacht: „Ohje. No Way! Passt gar nicht. Und mir auch nicht. Jakobusbrief mag ich sowieso nicht. Was soll ich dazu denn sagen?“ Aber ich hatte dann doch so den Eindruck, dass ich bei dem Text bleiben sollte.
Und jetzt haben wir heute hier also diesen Text aus dem Jakobusbrief. Was machen wir nun damit? Zunächst einmal lesen. Bis Vers 12.
„ 1 Meine Geschwister, ihr glaubt doch an Jesus Christus, unseren Herrn, dem alle Macht und Herrlichkeit gehört. Dann dürft ihr aber Rang und Ansehen eines Menschen nicht zum Kriterium dafür machen, wie ihr mit ihm umgeht!
2 Angenommen, in euren Gottesdienst kommt ein vornehm gekleideter Mann mit goldenen Ringen an den Fingern; es kommt aber auch ein Armer in zerlumpter Kleidung herein.
3 Wenn ihr nun dem mit der vornehmen Kleidung besondere Aufmerksamkeit schenkt und zu ihm sagt: »Hier ist ein bequemer Platz für dich!«, während ihr zu dem Armen sagt: »Bleib du dort drüben stehen oder setz dich hier bei meinem Fußschemel auf den Boden!« –
4 messt ihr da nicht in euren eigenen Reihen mit zweierlei Maß? Und macht ihr euch damit nicht zu Richtern, die sich von verwerflichen Überlegungen leiten lassen?
5 Hört, meine lieben Geschwister! Hat Gott nicht gerade die, die in den Augen dieser Welt arm sind, dazu erwählt, durch den Glauben reich zu werden? Hat er nicht gerade sie zu Erben seines Reiches bestimmt – zu Erben des Reiches, das er denen zugesagt hat, die ihn lieben?
6 Doch was macht ihr? Ihr behandelt den Armen geringschätzig! Sind es denn nicht die Reichen, die euch unterdrücken und euch sogar vor die Gerichte schleppen?
7 Und sind es nicht die Reichen, die den wunderbaren Namen ´unseres Herrn` verhöhnen, der über euch ausgerufen worden ist?
8 Nun, wenn ihr euch wirklich nach dem königlichen Gesetz richtet, wie es in der Schrift niedergelegt ist: »Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!«, dann handelt ihr gut und richtig.
9 Doch wenn ihr Rang und Ansehen eines Menschen zum Kriterium dafür macht, wie ihr mit ihm umgeht, begeht ihr eine Sünde und werdet vom Gesetz als Gesetzesübertreter überführt.
10 Und ihr wisst: Wer das ganze Gesetz befolgt, aber gegen ein einziges ´Gebot` verstößt, macht sich damit am ganzen Gesetz mit allen seinen Geboten schuldig.
11 Denn derselbe, der gesagt hat: »Du sollst nicht die Ehe brechen!«, hat auch gesagt: »Du sollst keinen Mord begehen!« Bei jedem einzelnen Verstoß gegen ein Gebot verstößt du also gegen das Gesetz als Ganzes; du kannst einen Mord nicht damit aufwiegen, dass du keinen Ehebruch begehst.
12 Redet und handelt so, wie es dem Gesetz der Freiheit entspricht – dem Gesetz, nach dem ihr einmal gerichtet werdet. “ (Jak. 2, 1 - 12 NGÜ)
2. Hintergrund
Schon Luther hatte seine Probleme mit dem Jakobusbrief. Er hätte ihn am liebsten aus dem NT entfernt und hat ihm jegliche apostolische Autorität abgesprochen. „…achte ich sie für keines Apostels Schrift“ sagt er in seiner Einleitung zum Jakobusbrief.
Warum? Weil sie (die Schrift) „stracks wider S. Paulum und alle andre Schrift den Werken die Rechtfertigung gibt.“ Und wirklich man könnte meinen Jakobus lehrt eine Rückkehr zum Gesetz, wenn er hier so fleißig auf das Gesetz verweist und an anderer Stelle sogar davon spricht, dass man durch Werke gerechtfertigt wird.
So schreibt Jakobus bspw. „Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, hat aber keine Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?“ (2,14 Rev. Elb.) oder „Ihr seht also, dass ein Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein.“ (2,24 Rev. Elb.)
Dies veranlasst Luther zu dem Resümee: „Aber dieser Jakobus tut nicht mehr, als daß er treibt zu dem Gesetz und seinen Werken….Darum will ich ihn nicht haben in meiner Bibel in der Zahl der rechten Hauptbücher…“
Luther hat ihn also nicht auf die gleiche Ebene gestellt, wie die Schriften des Paulus oder des Petrus. Aber Luther wusste damals noch wenig über die Hintergründe dieses Briefes.
Wer war eigentlich dieser Jakobus? Jakobus war ein Bruder von Jesus. Er war keiner der zwölf Jünger und damit keiner aus der ersten Reihe der Apostel. Er war einer aus der zweiten Reihe. Aber er war der Vorsteher der jüdisch-christlichen Gemeinde in Jerusalem.
Er wurde als absolut integrer Mann beschrieben und sein Wort hatte geistliche Autorität.
Er war es, der auf dem ersten Konzil in Jerusalem Paulus und Barnabas mit auf dem Weg gab, dass die heidenchristlichen Gemeinden sich nicht an das Gesetz halten müssen und sich auch nicht beschneiden lassen müssen, aber sich doch bitte zur Konfliktvermeidung und aus Rücksicht den Juden gegenüber von bestimmten Speisen enthalten sollen (nachzulesen in Apg. 15). Also keineswegs ein Rückfall in das Gesetz.
Hier bei diesem Brief ist die Situation eine andere. Dies ist vermutlich der älteste Brief im NT. Er wurde geschrieben, als die Gemeinde noch ganz jung war, als es noch keine christliche Theologie eines Paulus gab, als die Trennung von Juden und Christen in den Synagogen noch nicht vollzogen war, als es auch noch nicht für alles eine göttliche Offenbarung gab.
Er wurde geschrieben von einem Judenchristen aus Jerusalem an die Judenchristen in der Diaspora, an Menschen, die in der jüdischen Tradition und vielfach auch tatsächlich nach den Vorschriften des Gesetzes lebten. Jakobus wählt dabei bewusst jüdische Begrifflichkeiten, weil er weiß, dass sie von seinen Lesern verstanden werden, da diese genauso im Judentum und im Gesetz gegründet sind, wie er selbst.
Wenn man sich dies vor Augen hält, ist der Jakobusbrief kein Widerspruch zu den Schriften des Paulus, sondern er verwendet nur andere Begriffe und hat eine ganz andere Akzentuierung.
3. In der Gesellschaft
Um was geht es jetzt Jakobus in der heutigen Textstelle?
Ich möchte an dieser Stelle mit Euch zunächst ein kurzes Video anschauen.
https://www.huffingtonpost.de/2014/05/14/obdachloser-hilfe-anzug_n_5321248.html
Dieses kurze Video beschreibt ganz gut das Problem der Gemeinden, an die Jakobus hier schreibt. Und es macht deutlich wie praktisch und wie einfach oft die Fragestellungen des christlichen Lebens eigentlich sind. (Es gibt ja Christen, die in aufwändigen Seelsorgesitzungen über Jahrzehnte hinweg versuchen immer heiliger und geheilter zu werden, dabei sind die Fragestellungen der Heiligung in der christlichen Nachfolge oft ganz banal.)
Sie haben auf das Äußere geschaut. Seid „frei von allem Ansehen der Person“ (V. 1 Luther) sagt Jakobus. Damit ist jetzt nicht die Persönlichkeit oder die Individualität oder die Originalität gemeint, sondern eben das was einer war: Feldherr, Fürst, Händler oder Sklave, Bettler. Sein Stand. Sein Ansehen. Sein Habitus. Sein Reichtum.
Hier soll in der christlichen Gemeinde kein Unterschied gelten. Warum? Weil Gott auch keinen Unterschied macht. Und weil die Herrlichkeit des einzelnen, nur aus dem Herrn der Herrlichkeit kommt.
„Nicht Besitz, Stellung oder herrliches Kleid gibt Herrlichkeit, sondern allein der Herr der Herrlichkeit.“ (Fritz Grünzweig, Der Brief des Jakobus).
Wir wissen nicht, ob Jakobus sich hier auf eine reale Begebenheit bezieht, oder ob er ein fiktives Geschehen beschreibt. Es muss auf jeden Fall irgendeine Grundlage für seinen Brief gegeben haben.
Die Situation ist bei uns heute gar nicht so einfach vorstellbar. Kein Platz mehr im Gottesdienst? Ist bei uns nicht so das Problem. Hier in diesem Raum sind wir manchmal schon an der Grenze. Aber sonst. Vielleicht an Heiligabend in der Kirche. Und sind dann die Plätze ganz vorne wirklich besser?
Im Theater, bei Konzerten, bei Sportveranstaltungen ist uns klar, da gibt es billige und teure Plätze, schlechte und gute. Und die in der ersten Reihe sind dann nicht immer die besten, weil man da oft die schlechtere Sicht oder schlechtere Akustik hat. Aber im Gottesdienst?
Es muss damals auf jeden Fall gute und schlechte Plätze gegeben haben. Oder vielleicht auch gute gegen gar keine Plätze.
Und den Reichen wurden damals automatisch die besseren Plätze zugewiesen. Für sie hat man notfalls auch mal Platz gemacht. Man hat auf das Äußere geachtet. Mehr Geld, mehr wert.
Wie wäre es denn bei uns? Nehmen wir an, der Raum hier ist voll. Alle Stühle belegt. Es kommen Gäste. Natürlich organisieren wir dann für sie irgendwie Sitzgelegenheiten. Notfalls tritt man den eigenen Stuhl ab. Das ist eine normale Geste der Gastfreundschaft. Aber wenn jetzt gleichzeitig eine bekannte Fürther Persönlichkeit und ein etwas versiffter Stadtstreicher kämen, würden wir da nicht auch ganz automatisch differenzieren? Nur mal so zum Nachdenken.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der selbstverständlich gilt „Du bist, was Du hast!“. Vielleicht nicht immer, aber sehr häufig.
Und wir leben in einer Gesellschaft, in der jedmöglicher Kult und Hype um prominente Personen in den Medien betrieben wird. Und was heutzutage alles als prominent gilt….. Nicht jeder schafft es dabei auf dem Boden zu bleiben. Es macht etwas mit einem, wenn einem ständig zugejubelt wird und die Blitzlichter blitzen. Wer noch nicht narzisstisch war, wird es spätestens jetzt. Lassen wir uns davon beeinflussen?
Sogar unter uns Christen ist es oft so, dass ein Hype gemacht wird um irgendwelche tollen Prediger, Apostel, Heilungsevangelisten o.ä. und groß mit ihrem Konterfei auf Veranstaltungseinladungen geworben wird.
Aber sind sie deshalb etwa mehr wert? Sind wir nicht alle ein Leib? Paulus drückt es so schön demütig aus: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben.“ (1. Kor. 3,6 Luther). Nicht jeder schafft es demütig zu bleiben.
4. Das Beispiel Jesu
Jesus gibt uns durch sein Leben vielfach Beispiele dafür, dass er nicht die Person ansieht, dass er nicht auf den Stand schaut.
Er begegnet einer Ausländerin aus Syrophönizien und befreit ihre Tochter von einem Dämon.
Er begegnet einer Samaritanerin, die ihn wilder Ehe lebt, und heilt ihre Seele.
Er begegnet Zachäus, dem Zöllner und Betrüger, kehrt bei ihm ein und verändert dadurch sein Leben.
Er begegnet Bettlern und Aussätzigen.
Er isst und trinkt mit Zöllnern und Prostituierten und
er kehrt auch ein bei Pharisäern und reichen Menschen.
Jesus sieht nicht auf das Äußere und jetzt kommt normalerweise der Satz: er sieht auf das Herz. Aber das weiß ich ja gar nicht und nicht für jeden war die Begegnung mit Jesus automatisch eine Veränderung zum Positiven, eine Hinwendung zu ihn, ein Schritt in die Nachfolge.
Ich würde eher sagen: er gab jedem eine Chance, er begegnete jedem unvoreingenommen.
Er steckt die Menschen nicht automatisch in Schubladen:
Ausländer? Für die ist mein Evangelium jetzt noch nicht gedacht.
Samaritaner? Falscher Glaube.
Zöllner? Mit denen hat man keinen Umgang.
Prostituierte? Fernab von jeglicher Moral.
Pharisäer? Unbelehrbar selbstgerecht.
Ein Reicher? Sein Gott ist der Mammon.
Jesus begegnet jeden. Ohne Unterschied. Ohne Schublade.
Und wir? Wie machen wir es?
Ich war diese Woche in München. Und ich musste ca. eine Stunde am Bahnhof auf meinen Zug warten und da hab ich die Zeit genutzt und mir die Menschen angeschaut.
Ich finde das interessant, Menschen anzuschauen. Es ist ja auch noch Oktoberfest. Da gab es sehr viele Menschen und sehr viele waren betrunken.
Menschen sind so unterschiedlich. Jeder ist anders. Jeder einzigartig. Jeder auf seine Art originell.
Wenn man sich im Zoo die Paviane anschaut, dann schauen die alle ziemlich gleich aus. Aber Menschen sind so was tolles, so was faszinierendes. Und jeder ist irgendwie anders und jeder ein bisschen verrückt. Das macht ja auch grad die Einzigartigkeit, die Individualität aus. Und das ist dann auch herausfordernd mit all diesen Einzigartigkeiten umzugehen.
Bei der Rückfahrt dann im Zug: Ziemlich viele Betrunkene. Das Oktoberfest macht’s möglich. Und dann auch so ein typischer Heilsarmee-Klient. Besoffen, ungepflegt, herumpöbelnd, alle blöd anmachend und die ganze Zeit die Klappe offen. Und da hab ich auch gemerkt, mein Herz für solche Menschen, geht nicht über die, die ich persönlich betreue oder mit denen ich auf meiner Arbeitsstelle zu tun habe, hinaus. Ich hab mir dann echt gedacht: Könnte nicht einer dieser kampferprobten Oberbayern im Trachtenanzug, ihn einfach mal ein paar auf´s Maul hauen, damit er ruhig ist. Ernsthaft. (Aber die haben die Schläge leider nur angedroht und dann doch lieber klein beigegeben und das Abteil gewechselt.)
Ich bin nicht in der Lage allen gleich zu begegnen oder überhaupt zu begegnen und schon gar nicht unvoreingenommen.
5. In der Gemeinde
Aber wie soll es bei uns sein? Es gibt eine Grenze. Eine Linie. In unserer Gesellschaft spielt es eine Rolle wer man ist und was man hat. Aber in der Gemeinde, im Reich Gottes - und da wo ich mich bewege, ist ja das Reich Gottes - soll dieser Maßstab nicht gelten, da muss gelten: alle sind gleich, keiner ist mehr wert, d.h. nicht, das ich automatisch mit jedem gleich umgehen muss oder die gleiche Nähe zulasse, aber in der Wertigkeit sind alle gleich, in den Augen Gottes sind alle gleich.
Warum? Weil Jakobus sagt, dass das Gesetz der Freiheit, gemeint ist das Gebot der Nächstenliebe, für alle gilt. Hier gibt es keinen Unterschied in Rang und Ansehen. Der Arme ist genauso der Nächste, wie der Reiche. Für beide gilt das Gebot der Liebe.
Jakobus erklärt es den Adressaten mit dem Beispiel, dass man sich beim Gesetz - das sie ja alle kannten - auch nicht heraus suchen kann, welche Gebote man befolgt und welche nicht, sondern alle befolgen muss; genauso wenig kann man sich heraussuchen welche Nächste man lieben will und welche nicht. Er lehrt also nicht wieder Gesetz, sondern er nimmt es zu Erklärungszwecken, weil er weiß, dass es die Empfänger verstehen.
Diese Ethik ist eine ganz praktische Orientierung für unser Leben.
An späterer Stelle erklärt er, dass sich der Glaube - wenn er echt ist - auch durch Taten ausdrücken wird (Jak. 2, 14 - 26), dass Glaube also nicht einfach irgendetwas Vergeistigtes ist, sondern praktisch lebbar und erlebbar sein muss.
Als Beispiel bringt er an: wenn jmd. bedürftig ist und keine warme Kleidung hat, dann nützt es nichts, wenn man ihm einen Reisesegen mit auf dem Weg gibt, sondern dann braucht er einfach eine warme Jacke.
Glaube war damals sehr praxisbezogen. Es gab viele Arme, da konnte der Glaube sich in der Praxis beweisen. Wir haben heute - eben aus diesem christlichen Glauben heraus - gut funktionierende Sozialsysteme, die die meiste Not auffangen. Wir sind in unseren Alltagssituation nicht so permanent gefordert, wie es damals der Fall war.
Aber der Umgang mit den Menschen fordert uns dennoch auch heute noch heraus.
Schaffen wir es den Menschen unvoreingenommen zu begegnen?
Schaffen wir es allen mit der gleichen Haltung zu begegnen?
Können wir allen die gleiche Wertigkeit zusprechen?
Wenn man einen Menschen liebt, dann begegnet man ihm ganz anders. Das heißt auch
nicht, dass wir zu allem Ja und Amen sagen sollen, was Menschen so tun und treiben. Das hat Jesus ja auch nicht gemacht. Aber wenn man einem Menschen liebt, dann kann man ihm viel wohlwollender begegnen. Die Liebe deckt alles zu, „sie rechnet das Böse nicht an“ (1. Kor. 13,5d Zür.).
Ich komme mit meinen Klienten gut zurecht. Ich habe irgendwie ein großes Herz für sie. Egal wie kaputt oder chaotisch sie auch sind. Egal wie sich sich manchmal benehmen. Aber das hört an meiner Bürotür auf.
Damit meine ich jetzt nicht, dass ich ihnen anders begegne, wenn ich sie außerhalb von meinem Büro antreffe, sondern damit meine ich, dass gilt nicht für die Klienten in den Büros meiner Kollegen.
Da denke ich mir: Boah, der nervt, und nöhlt und tobt hier rum, was für ein Idiot, was für ein Arsch, den hätte ich schon längst rausgeschmissen usw.
Es gibt aber keine wirklichen Unterschiede bei unseren Klienten. Sie sind alle ähnlich. Aber die Wertigkeit, die Bedeutung, die ich ihnen beimesse, kommt durch die persönliche Begegnung, durch die Nähe. Dadurch werden sie zu Personen. Außerhalb sind sie nur Chaoten in Schubladen.
C.S.Lewis oft zitierter Satz (sinngemäß): „Wenn Du jmd. nicht lieben kannst, fang an freundlich zu ihm zu sein.“ Der freundliche Umgang verändert die Sicht und das Herz.
Hierbei dürfen wir immer Gottes Hilfe erbitten.
AMEN.
Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg
Ich möchte heute mit Euch ein Gleichnis Jesu anschauen, und zwar das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Jesus erzählte Gleichnisse, die einen Alltagsbezug hatten, die zur Lebenswelt der Menschen gehörten, um den Jüngern geistliche Zusammenhänge verständlich zu machen. Manche von diesen Gleichnissen haben auch heute noch eine erstaunliche Aktualität. Ich lese das Gleichnis in der neuen Luther-Übersetzung:
„1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg.
2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.
3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen
4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.
5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.
6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?
7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.
8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten.
9 Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.
10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen.
11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn
12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben.
13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?
14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.
15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?
16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“
(Mt. 20, 1-16 LUT2017)
Die Ausgangslage in diesem Gleichnis ist uns bekannt: Arbeitslosigkeit. Vielleicht war nicht jeder von uns schon mal arbeitslos, aber wir können uns alle die Situation von arbeitslosen Menschen gut vorstellen. Vielleicht haben wir ja welche in unserem Bekanntenkreis.
Heute ist man als Arbeitsloser in unserem Land ja einigermaßen abgesichert. Wenn man lange genug einbezahlt hat, dann bekommt man für sechs Monate bis zu zwei Jahre Arbeitslosengeld, das sind rund zwei Drittel des letzten Einkommens. Damit kann man einigermaßen klar kommen. Blöd wird es danach, wenn der Anspruch verbraucht ist und man immer noch keinen neuen Job hat und dann nur noch Arbeitslosengeld 2 (Hartz IV) bekommt. Mit dann rund 400,- Euro kann man eigentlich nur noch überleben, aber nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Würde geht anders!
Früher gab es bei den Arbeitsämtern eine Tagesjobvermittlung. Wer früh aufstand und keine harte Arbeit scheute, konnte dort manchmal für einen Tag einen Job bekommen, bei dem er am Abend cash ausbezahlt wurde und sich so sein Arbeitslosengeld aufstocken konnte. In der Nähe vom Plärrer in Nürnberg gab es auch eine Ecke, an der Arbeitslose standen, die ihre Arbeitsleistung anboten. Das war dann die illegale Variante. Soweit ich weiß gibt es heute beides nicht mehr.
So eine ähnliche Situation finden wir hier in diesem Gleichnis. Arbeitslose stehen herum und warten auf eine Möglichkeit sich Geld zu verdienen. Der Unterschied ist, dass sie keine soziale Absicherung haben. Hier geht es nicht um ein Zubrot zur staatlichen Unterstützung. Hier geht es um die blanke Existenz. Hier geht es darum einen Job zu finden, mit dem sie ihre Frau, Kinder und vielleicht die alten Eltern ernähren können.
Der Silbergroschen (oder Denar) entspricht etwa 40 Cent und war damals der wohl übliche Tageslohn. Ein Lohn, der ausgereicht hat um seine Familie zu ernähren.
Auch heute noch gibt es in Jerusalem eine Ecke nahe des Damaskustores, wo jeden Morgen arbeitslose Palästinenser stehen und auf potenzielle Arbeitgeber (meist Israelis) warten.
Gleich am Anfang lesen wir etwas Ungewöhnliches in diesem Gleichnis. Die erste von vielen Ungewöhnlichkeiten: der Hausherr, der Weinbergbesitzer geht früh am Morgen selbst los um Arbeiter für die Arbeit im Weinberg (vermutlich zur Weinernte oder zum Schneiden der Stöcke) einzustellen. Normalerweise mach dies sein Verwalter oder ein Vorarbeiter. Aber hier geht der Hausherr selbst los. Er scheint ihm selbst immens wichtig zu sein. Ein kleines aber wichtiges Detail, wenn wir später zur Auslegung kommen.
Der Hausherr geht sogar öfters los, nicht nur einmal. Er geht am Beginn des Tages und zur dritten, sechsten, neunten und schließlich noch zur elften Stunde los um immer wieder Nachschub an Arbeitskräften zu holen. Der Tag war damals in zwölf Stunden von 6 bis 18 Uhr eingeteilt, d.h. also zwischen 6 und 17 Uhr war er immer wieder, insgesamt fünfmal unterwegs um neue Arbeiter anzuheuern. Während er mit den ersten noch einen konkreten Lohn vereinbart hat, heißt es bei den anderen nur, dass sie bekommen sollten „was recht ist“.
Als es dann an die Bezahlung geht (jetzt kommt übrigens der Verwalter ins Spiel), geschieht das nächste Unglaubliche: die Letzten werden als Erstes bezahlt. Die, die am allerwenigsten gearbeitet haben, bekommen ihren Lohn zuerst. Sauber, na gut, meinetwegen, aber dann bekommen sie auch noch einen ganzen Silbergroschen. Sie bekommen den Lohn, der denen versprochen worden ist, die früh morgens angefangen haben im Weinberg zu schuften. Und die denken sich jetzt wahrscheinlich: „Wahnsinn, wenn die schon einen Silbergroschen bekommen, wieviel bekommen denn dann wir?! Die haben eine Stunde gearbeitet und wir zwölf Stunden. Wow, dann bekommen wir sicherlich mehr als nur den einen Silbergroschen.“
Und dann die große Ernüchterung, sie bekommen auch nur einen Silbergroschen. Genau wie ausgemacht. Die nächste Unglaublichkeit! Der Weinbergbesitzer gibt jedem gleich viel Lohn. Jeder bekommt einen Denar, egal wie lange er im Weinberg geschuftet hat. Das passt nicht in das Denken der Arbeiter, in ihre Wirklichkeit hinein und das passt auch nicht in unsere Wirklichkeit hinein. Unser Empfinden von Gerechtigkeit ist doch etwas anders. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, aber doch nicht gleicher Lohn für ungleiche Arbeit!
Diese provozierende Situation wäre leicht zu vermeiden gewesen, wenn in umgekehrter Reihenfolge ausbezahlt worden wäre. Die ersten hätten ihren Denar eingesackt und schwups wären sie weg gewesen. Sie hätte gar nicht mitbekommen, dass die anderen genauso viel bekommen. Aber so wurden sie bewusst damit konfrontiert.
Und jetzt geschieht etwas mit den „gefühlt Übervorteilten“. Sie ärgern sich, sie fühlen sich ungerecht behandelt, sie werden neidisch. Sozialneid! Aber nicht auf die Starken, nicht auf die Reichen und Schönen, sondern auf die Schwachen. Denn die, die länger auf dem Markt standen und auf Arbeit gewartet haben, waren gleichzeitig auch die, die schwächer waren, weniger kräftig, alt und krank, die auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr so ganz mithalten konnten.
Die, die unten stehen, die kräftigen Tagelöhner, suchen sich solche, die noch weiter unten stehen. Ein auch heute weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen: „Die Hartz4ler, die Ausländer, die Asylanten usw. sind doch alles nur Sozialschmarotzer, die auf Kosten meiner Steuergelder leben.“ So oder so ähnlich wird von vielen gedacht.
„Bist du neidisch, weil ich so gütig bin?“ fragt sie der Besitzer. Diejenigen, die länger auf dem Markt herum standen, brauchen aber auch genauso viel zum Überleben, wie alle anderen auch. Sie brauchen auch ihre 40 Cent am Tag um ausreichend Essen zu kaufen. Was hätte ihnen der Lohn für eine Stunde Arbeit genutzt? Es hätte vielleicht gelangt für einen halben Laib Brot und ein Bier zum Frust runterspülen, aber nicht für den Tagesbedarf einer ganzen Familie.
Der Gutsbesitzer dagegen ist gütig, er will dass alle genug zum Leben haben. Unabhängig von ihrer Leistung. Er ist nicht auf Gewinnmaximierung aus, sondern maximiert seine Güte. Heute würde man vielleicht sagen, er praktiziert eine Form von solidarischer Ökonomie.
Dieses Vergütungsmodell passt nicht in den Kapitalismus. Da hätte der Weinbauer vielleicht nur die Hälfte vom vereinbarten Lohn ausbezahlt, weil sie angeblich zu langsam gearbeitet hätten.
Und das passt auch nicht in die soziale Marktwirtschaft. Da hätte es trotzdem nur einen gewerkschaftlich fest vereinbarten Stundenlohn gegeben. Und aus dem Überfluss etwas für die Kranken und Schwachen.
Und im Kommunismus hätten wahrscheinlich alle gleich wenig bekommen,weil es nichts zum Verteilen gegeben hätte.
Nein, dieses Verhalten ist einzigartig: jeder bekommt den gleichen Tageslohn damit jeder genug zum Leben hat.
Nun, es ist ein Gleichnis, eine Geschichte und hat nicht den Anspruch Grundlage für ein Wirtschaftssystem zu sein. Ein ähnliches Modell finden wir in der Bibel meines Wissens nur noch in der Jerusalemer Urgemeinde, die in einer Art Kommunismus zusammen gelebt haben. Dort heißt es:
„Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“
(Apg. 4,32 LUT2017)
Aber auch das Jerusalemer Modell war nicht erfolgreich, denn wenige Jahre darauf, mussten Spenden bei den neuen christlichen Gemeinden für die Gemeinde in Jerusalem gesammelt werden, da diese mittlerweile verarmt war. Auch hier gilt: die Beschreibung beinhaltet erstmal keine Aufforderung genauso zu handeln.
Aber interessant ist doch, wenn man sich anschaut in welchen Kontext das Gleichnis vom Weinberg eingebettet ist. Es folgt nämlich direkt auf die Begegnung des reichen Jünglings mit Jesus, an dessen Ende Jesus feststellt:
„Wahrlich, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen.“ (Mt. 19, 23b LUT 2017)
Dies sollten wir doch bedenken. Sollte das Weinbergmodell doch ein Vorbild für unser Leben sein? Auf jeden Fall eine Aufforderung zum Großzügigsein.
Es verdeutlicht auf jeden Fall: unser Gerechtigkeitsempfinden, unsere Vorstellung von Gerechtigkeit ist anders, als Gottes Gerechtigkeitsempfinden.
Es gibt wohl unterschiedliche „Gerechtigkeiten“. Unterschiedliche Vorstellungen und Bezugssysteme. Gerechtigkeit nach Leistung und eine Gerechtigkeit der Verteilung, eine Art ausgleichende Gerechtigkeit.
In unserem Land gibt es ja mittlerweile einen Mindestlohn, der aber immer noch so niedrig ist, dass derjenige, dessen Einkommen sich immer auf diesem Niveau bewegt, im Rentenalter auf gesetzliche Unterstützung angewiesen sein wird. Nach dem Motto: „Hättest was Gescheites gelernt, würdest mehr verdienen, hättest mehr Rente.“ Das klingt eher nach Sozialdarwinismus als nach Gerechtigkeit.
Die Schweiz dagegen hat ein 3-Säulen-Rentensystem, in dem alle - also auch die Selbständigen und Beamten - den gleichen Prozentsatz in die erste Säule einzahlen, aus der dann später eine Grundrente für alle finanziert wird. D.h., dass jmd. der gut verdient u. U. mehr einzahlen muss als er später als Maximalrente aus dieser Säule herausbekommen kann. Das ist eine Form von ausgleichender Gerechtigkeit und die Schweizer scheinen damit überhaupt kein Problem zu haben.
Es gibt darüberhinaus heute vielfältige Formen von Solidarökonomie nicht nur in Lateinamerika: Genossenschaften, Fair Trade-Produkte, FoodCoops, Tauschbörsen, OpenSource-Programme usw. sind solche Modelle.
Den Arbeitern in unserem Gleichnis geht es um Lohn für Leistung. Den Gutsherrn geht es darum, dass es ihnen gut geht, dass sie ein genügendes Auskommen haben. Im übertragenen Sinne: wir sind leistungsorientiert, Gott ist Gnade-orientiert.
Damit sind wir jetzt bei der Auslegung. Im Eingang steht. „Denn mit dem Reich der Himmel ist es“. Es geht hier um dass Reich Gottes, um das Himmelreich Gottes, um die Königsherrschaft Gottes.
Also zum einen um das Leben in der Ewigkeit bei Gott und zum anderen, aber auch schon um das Himmelreich unter uns, dort wo die Herrschaft Gottes, wo das Reich Gottes in Kraft und Liebe und Gerechtigkeit und Frieden schon in die Gegenwart hinein wirkt und durch uns sichtbar wird.
„Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ (Lk 17,21 LUT2017)
Gott ist der Weinbergbesitzer, der alle, die in seinem Weinberg kommen, belohnen will. Er will, dass alle genug haben, keiner soll Mangel leiden. Jeder soll ewiges Leben empfangen:
unabhängig davon, ob man als Jude geboren wurde und damit zum auserwählten Volk gehört, zu dem Volk, das das Gesetz hatte oder erst als Heide das Evangelium gehört hatte,
unabhängig davon, ob man sich sein ganzes Leben lang als Pharisäer besondere religiöse Pflichten auferlegt hatte oder ob man als einfacher jüdischer Mensch gelebt hatte,
unabhängig davon, ob man sich als kleines Kind oder als Greis dafür entschieden hat Jesus nachzufolgen,
und auch unabhängig davon, ob man viel oder wenig dazu beigetragen hat. Jeder bekommt gleich.
Gott macht keinen Unterschied. Jesus sagt, dass die Ersten die Letzten sein werden, das also kein Vorteil darin besteht Jude oder Pharisäer zu sein. Dies ist die im historischen Kontext erste Zielgruppe des Gleichnis. Er will ihnen vermitteln, dass sie nicht besser, nicht wichtiger sind als die anderen, als die Sünder.
Es geht nicht um Leistung, es geht nicht um Gerechtigkeit durch Werke, sondern einzig allein um die Güte des Weinbergbesitzers, um die Gnade die Gott gerne schenkt. Es gibt keine Fleißkärtchen und kein Punktesystem für einen Platz im Himmelreich.
Eigentlich geht es in diesem Gleichnis ja gar nicht um die Arbeiter, sondern um den gütigen Weinbergbesitzer. Um sein Mitgefühl mit den verlorenen Menschen. Er ist es, der sich aktiv um sie bemüht, sich aktiv auf die Suche begibt um sie in den Weinberg zu holen. Er selbst bringt die gute Nachricht: „Hey, komm in den Weinberg. Dort ist noch Platz für Dich.“ Er enthält seinen Lohn, seine Güte, seine Gnade niemanden vor. Jeder bekommt sie. Er ist ähnlich wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn.
Aber es geht auch darum Teil des Weinbergs zu sein. Die Tagelöhner haben Arbeit ge-sucht. Übertragen bedeutet dies, sie haben nach Gott gesucht. Ich flutsche nicht einfach so in das Reich Gottes hinein. Ich muss es wollen. Ich muss Erlösung wollen. Ich muss Jesus wollen.
Es gilt immer noch was Jesus sagt:
„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh 14,6 LUT2017)
Die Annahme des Jobs entspricht der Annahme des Erlösungsangebots Jesu. Durch ihn werde ich Teil bzw. bekomme ich Anteil am Himmelreich Gottes.
Genauso gilt es aber auch in ihm zu bleiben. Bis zum Schluss in ihm zu bleiben. Den Lauf zu voll-enden, wie Paulus es ausdrückt (2. Tim. 4,7). Es sind leider nicht wenige, die sich im Laufe ihres Lebens von ihrem christlichen Glauben abgewendet haben um irgend-welchen obskuren Theorien anzuhängen.
Hören wir im Lutherjahr, was Martin Luther zur Auslegung des Gleichnisses zu sagen hat:
„So ist nu dies die Summa dieses Evangeliums: kein Mensch ist so hoch noch wird je so hoch kommen, dass er nicht zu fürchten hat, er werde der allerniedrigste. Und umgekehrt, niemand liegt so tief oder kann so tief fallen, der nicht hoffen könnte, dass er der höchste würde. Denn hier ist alles Verdienst aufgehoben und wird allein Gottes Güte gepriesen und ist fest beschlossen: der erste soll der letzte, der letzte soll der erste sein. Damit dass er spricht: der erste soll der letzte sein, nimmt er dir alle Vermessenheit und verbietet dir, dass du dich über keine Hure erhebst, auch wenn du Abraham, David, Petrus oder Paulus wärst. Damit aber dass er spricht: der letzte soll der erste sein, verwehrt er dir alle Verzweiflung und gebietet dir, dass du dich unter keinen Heiligen stellst, auch wenn du Pilatus, Herodes und Sodom und Gomorrha wärst. Denn gleichwie wir keine Ursache haben, uns zu vermessen, so haben wir auch keine Ursache, zu verzweifeln. Durch dies Evangelium wird die Mittelstraße befestigt und bewahrt, dass man nicht nach dem Pfennig sehe, sondern auf die Güte des Hausvaters, welche gleich und von einerlei Art ist über Hohe und Niedrige, über die ersten und die letzten, über Heilige und über Sünder. Und keiner kann sich derselben mehr rühmen oder trösten oder vermessen als der andre.“
(D Martin Luthers Evangelien-Auslegung, Zweiter Teil, Das Matthäus Evangelium (Kap. 3 - 25), S. 681 ff.)
Gott ruft uns durch dieses Gleichnis in seine Nachfolge. Es ist unsere Entscheidung, wie wir darauf reagieren. Für die Tagelöhner war es die Möglichkeit zum Überleben. Und auch wir wissen, nur in Jesus ist das Leben.
Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge. (Joh. 10,10 LUT2017)
Und Gott ist es, der es uns zuspricht, unabhängig von jeglicher Vorgeschichte. Egal, ob wir unser Leben lang gefrömmelt haben oder überall reingetappt sind, wo es nur geht. Wir dürfen durch Jesus Teil haben am Himmelreich Gottes.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
AMEN.
Jahreslosung 2017
Traditionsgemäß werde ich zum Jahresanfang über die Jahreslosung predigen. Sie lautet:
„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hes. 36,26)
Betrachten wir den Vers zunächst einmal in seinem Zusammenhang.
24 „Und ich werde euch aus den Nationen holen und euch aus allen Ländern sammeln und euch in euer Land bringen.
25 Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von all euren Unreinheiten und von all euren Götzen werde ich euch reinigen.
26 Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.
27 Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde machen, dass ihr in meinen Ordnungen lebt und meine Rechtsbestimmungen bewahrt und tut.
28 Und ihr werdet in dem Land wohnen, dass ich euren Vätern gegeben habe, und ihr werdet mir zum Volk, und ich, ich werde euch zum Gott sein.
29 Und ich werde euch befreien von all euren Unreinheiten.“ (Hes.36, 24-29a Rev. Elb.)
Wir haben es hier mit prophetischen Aussagen des Hesekiel zu tun. Und wie so oft im AT, sind die Prophetien mehrschichtig, d.h. sie sind auf mehrere Zeitebenen in der Zukunft bezogen.
Was war die Situation? Israel hat - wie so oft in seiner Geschichte - die Wege des Herrn verlassen. Es hat nicht mehr nach seinen Geboten gelebt, hat fremde Götter angebetet, hat Menschenopfer gebracht, den Tempel entweiht und andere Verbrechen getan, wie soziale Unterdrückung, Raub, Inzest usw. Es hat nicht auf die Warnungen und Aufrufe zur Umkehr durch die Propheten gehört. Daher wurde Israel 597 v. Chr. von den Babyloniern erobert. Zunächst wurde König Jojachin und die führende Elite nach Babylon verschleppt - unter ihnen auch der Prophet Hefekiel - und eine Marionettenregierung in Jerusalem eingesetzt. Als diese dann zehn Jahre später gegen Babylon aufbegehrte, wurde Jerusalem zerstört und das Volk Israel 586 v. Chr. in die Gefangenschaft nach Babylon deportiert.
Hesekiel war der Prophet im Exil. Dort im Exil verkündete er dem Volk die Hoffnungsbotschaft, dass sie in die Heimat zurückkehren werden. Und tatsächlich als im Jahre 539 v. Chr. Babylon von den Persern unter Kyros II. erobert wird, können sie in die Heimat zurückkehren und unter Nehemia und Serubbabel wird Jerusalem neu aufgebaut. Nachzulesen in den Büchern Esra und Nehemia.
Dort erfüllt sich der erste Teil der Verheißung. Das Volk Israel kehrt zurück in sein Land. Später wiederholt sich die Geschichte. Jerusalem wird unter den Römern erneut zerstört und das Volk wieder zerstreut um dann im Jahr 1948 wieder in seine Heimat zurückzukehren. Und die Verheißung aus Hesekiel erfüllt sich ein zweites Mal.
Soweit die geographische Wiederherstellung.
Es gibt eine Geschichte von Friedrich dem Großen, der einmal seinen Leibarzt sarkastisch gefragt haben soll: „Nenn´ er mir einen Gottesbeweis, wenn er kann!“ Der soll eine kurze Antwort gegeben haben: „Die Juden - Majestät.“
Wie viele Völker gibt es, die komplett vernichtet wurden? Denken wir nur an die Indianer und Indios in Amerika oder an die Armenier, von denen nur noch wenige übrig sind oder an zahlreiche Stämme in Afrika, die ausradiert wurden.
Wie viele gibt es, die seit Jahrhunderten kein eigens Land haben, wie bspw. die Kurden, eines der ältesten Völker der Welt?
Das Volk Israel dagegen hat nach mehreren Exilen, nach Jahrhunderten der Zerstreuung in alle Welt, nach der Massenvernichtung im Holocaust, nach zahlreichen Angriffen von seinen arabischen Nachbarn usw. immer noch bzw. wieder seinen Platz auf der Landkarte und es wächst und gedeiht.
Aber das Volk Israel soll ja auch innerlich erneuert werden.
Zunächst spricht Hesekiel von der Reinigung mit Wasser. Dies ist ein Bild, dass den kultischen Vorgaben des AT entspricht. Die Hohepriester, die ja als einziges Zugang zum Allerheiligsten im Tempel hatten, mussten sich zunächst rituell reinigen um Gott begegnen zu können.
„Wenn sie in das Zelt der Begegnung hineingehen, sollen sie sich mit Wasser waschen, damit sie nicht sterben. Oder wenn sie an den Altar herantreten zum Dienst, um für den Herrn ein Feueropfer als Rauch aufsteigen zu lassen, dann sollen sie ihre Hände und ihre Füße waschen, damit sie nicht sterben. Und das soll für sie eine ewige Ordnung sein.“ (2. Mose 30, 20.21a Rev. Elb.)
Der Mensch ist unrein und kann Gott ohne (diese wohl symbolische) Reinigung von seiner Unreinheit nicht begegnen. Aber hier ist es Gott, der die Reinigung vollzieht und nicht der Mensch. Das ist jetzt das völlig Neue. Keine Rituale, keine Gesetze, keine Selbsterlösung. Gott allein reinigt und rettet. Christus allein. Solos Christus. Allein aus Gnade. Sola Gratia. Das passt zum Reformationsjubiläum.
„so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in voller Gewissheit des Glaubens, die Herzen besprengt und damit gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser.“ (Hebr. 10,22 Rev. Elb.)
Aber es geht noch weiter. Gott schenkt nicht nur die Reinigung. Das wäre ja zum Zwecke der Erlösung schon völlig ausreichend. Er setzt noch einen drauf und schenkt noch eine Herztransplantation.
„Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“ (V. 26)
Das Herz des Menschen, im biblischen Sinne der Sitz des Lebens, des Wesens, des Charakters, das Zentrum des Denkens, Wollens und Fühlens ist schlecht.
„Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken: Mord, Ehebruch, Unzucht, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerungen“ (Mt. 15,19 Rev. Elb.)
So schaut´s aus. Das ist die göttliche Einschätzung des menschlichen Wesens.
Hier hilft keine Maniküre, keine äußerliche Reinigung, kein Hände und Füße waschen, keine neue Frisur, kein neuer Anzug. Hier hilft kein neuer Job und kein neues Auto. Und auch keine neue Frau und kein neuer Mann. Auch keine neue Religion und kein neuer Meditationsweg. Auch kein Jakobsweg und keine andere Ernährung. Keine noch so guten Vorsätze. Nicht einmal ein Präsidentenamt. Nichts, was der Mensch irgendwie tun könnte, würde an seinem Grundwesen etwas ändern.
„denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an“ (1. Mose 8,21b Rev. Elb.)
Es langt also nicht aus die Herzenshaltung zu ändern. Zuerst bedarf es eines neuen Herzens. Die Prophetie des Hesekiel verbindet dies mit einem neuen Geist. Ein neues Herz und ein neuer Geist.
Die Erfüllung dieser Verheißung begann für Israel und für alle Menschen am ersten Pfingsten. Durch die Hinwendung zu Christus und den Empfang des Heiligen Geistes vollzog sich diese Herztransplantation.
„Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern und allen, die in der Ferne sind, so viele der Herr, unser Gott, berufen wird.“ (Apg. 2, 38.39 Rev. Elb.)
Tut Buße. Also stimmt mit Gott überein, dass Ihr Sünder seid und Euch nicht selbst erlösen könnt. Lasst Euch taufen auf den Namen Jesu. Drückt dadurch aus, dass Ihr Euer Vertrauen auf Erlösung einzig und allein auf Jesus Christus setzt. Solus Christus. Und dann empfangt den Heiligen Geist. Und dies ist die Verheißung, die an verschiedenen Stellen im AT angekündigt wurde. Hesekiel, Joel, Jeremia etc.
Und dieser Geist ist es, der in uns die Umgestaltung unseres Wesens bewirkt. Der - bildlich gesprochen - das steinerne Herz entfernt und ein fleischernes einsetzt. Der uns den Wunsch und den Willen gibt jesusgemäß zu leben. Diese Veränderung ist so gewaltig, dass die Bibel von einer neuen Schöpfung, einer neuen Kreatur, einem neuen Menschen spricht. (2. Kor. 5,17)
„Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der Herr: ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben. Und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Dann wird nicht mehr einer seinen Nächsten oder seinen Bruder lehren und sagen: Erkennt den Herrn! Denn sie alle werden mich erkennen von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten, spricht der Herr. Denn ich werde ihre Schuld vergeben und an ihre Sünde nicht mehr denken.“ (Jer. 31, 33.34 Rev. Elb.)
Für das Volk Israel ist diese Verheißung erst punktuell erfüllt, da sie Jesus als Messias ja abgelehnt haben. Nur die an Christus glaubenden Juden erleben sie schon. Aber wir sind schon mittendrin.
„denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der gegeben worden ist.“ (Röm. 5,5b Rev. Elb.)
Wir sind nun in der komfortablen Situation, dass wir durch den in uns wohnenden Geist eine Verbindung zum Vater haben, dass wir Gott erkennen, mehr und mehr erkennen und dadurch seinen Willen teilen.
Nicht wie Marionetten, sondern wie Prinzen und Prinzessinnen. Wir tragen seine DNA in uns. Und jetzt geschieht das Erstaunliche: wir brauchen seine Gebote eigentlich gar nicht mehr.
„indem er dies weiß, dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist, sondern für Gesetzlose und Widerspenstige, für Gottlose und Sünder, für Heillose und Unheilige, Vatermörder und Muttermörder, Mörder, Unzüchtige, Knabenschänder, Menschenräuber, Lügner, Meineidige…“ (1. Tim. 1, 8b-10 Rev. Elb.)
Diejenigen, die Gott nicht kennen, brauchen das Gesetz, damit sie eine moralisch-ethisch-soziale Orientierung haben, diejenigen, die den Heiligen Geist in ihrem Herzen haben, leben gemäß der DNA Gottes. Wenn Du ein Elektroauto hast, dann brauchst Du kein Benzin mehr.
Natürlich sind das alles Wachstumsprozesse. Die Früchte des Geistes, die Früchte der Liebe wachsen in uns. Und wenn jmd. frisch dabei ist sein Leben mit Jesus zu leben, ist es hilfreich eine ethisch-moralische Instanz außerhalb von sich selbst zu haben, an der man sich orientieren kann. Das sagt Paulus auch vorher:
„Das Gesetz ist, wie wir alles wissen, gut und nützlich – vorausgesetzt, man wendet es in der ihm angemessenen Weise an.“ (1. Tim. 1,8 NGÜ)
Also nicht als Heilsweg, sondern als Hilfestellung, als Orientierungshilfe auf dem Weg der Liebe. Denn wir wissen, wie es Luther so schön ausdrückte (wenn auch theologisch nicht korrekt, weil es eigentlich um das schwache Fleisch geht und nicht um den alten Adam, da dieser ja mit Jesus gekreuzigt wurde):
„Der alte Adam in uns soll ersäuft werden. Nimm dich aber in acht, das Aas kann schwimmen!“ (Luther)
Wir haben ein neues Herz. Ein Herz der Liebe. Einen neuen Geist. Den Heiligen Geist. Ohne dies alles wäre es für uns sehr schwierig einander zu lieben, den Nächsten zu lieben, Gott zu lieben. So ist es uns möglich.
Das befreit uns nicht davor auf unser Herz zu achten. Manchmal ziehen dunkle Wolken darüber. Manchmal wird uns Gift injiziert. Manchmal injizieren wir es sogar selbst.
Daher benötigen wir manchmal Seelsorge und Gebet, manchmal innere Heilung und Befreiung, manchmal Ermutigung, manchmal brauchen wir einfach nur einander. Wäre dies nicht so, wäre das NT nicht voll von Ratschlägen und Hilfestellungen:
Ermahnt einander, ermutigt einander, tröstet einander, tragt einander die Lasten, lacht miteinander, weint miteinander.
„Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden-„ (2. Kor. 5,17 Rev. Elb.)
Wenn wir zu Christus gehören, sind wir neue Menschen, haben ein neues Herz, haben seinen Geist. Dies sind Gottes Zusagen. Dies gilt auch, wenn es im Alltag einmal anders aussieht. Dann gilt:
„dass, wenn das Herz uns verurteilt, Gott größer ist als unser Herz und alles kennt.“ (1. Joh. 3,20 Rev. Elb.)
AMEN.
Warten.mp3
Warten - Lk. 12, 35-38
Ich wurde gebeten heute nicht über die Endzeit zu predigen. Daher gibt es keine Predigt darüber, ob Donald Trump jetzt der Antichrist ist oder nicht. Und ich nehme auch den Predigttext des heutigen Sonntages nicht als Grundlage, der wäre nämlich tatsächlich auch noch aus der Offenbarung.
Ich möchte vielmehr mit euch den Wochenvers des heutigen Ewigkeitssonntags betrachten: „Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen.“ (Lk. 12,35 Luther)
Ich möchte dazu aber auch noch die Verse 36 - 38 lesen. Eigentlich müsste ich jetzt ja die neue Lutherübersetzung hernehmen, aber mein erster Kontakt damit war gleich so niederschmetternd, dass ich das jetzt erst mal lasse. Oder haltet Ihr „übermochte“ (beim Zweikampf Jakobs am Jabbok) für eine zeitgemäßere Übersetzung als „bezwang“ oder „überwältigte“? Ist wohl eher was für Luther-Freaks
Aber wer weiß, vielleicht freunde ich mich damit ja noch an. Ich lese jetzt mal nach der Neuen Genfer Übersetzung.
„35 »Haltet euch bereit und sorgt dafür, dass eure Lampen brennen!
36 Seid wie Diener, deren Herr auf einem Fest ist und die auf seine Rückkehr warten, damit sie ihm sofort aufmachen können, wenn er kommt und an die Tür klopft.
37 Glücklich zu preisen sind die Diener, die der Herr wach und bereit findet, wenn er kommt. Ich sage euch: Er wird sich ´einen Schurz` umbinden und sie zu Tisch bitten, und er selbst wird sie bedienen.
38 Vielleicht kommt er spät in der Nacht oder sogar erst gegen Morgen. Wenn er sie dann bereit findet – wie glücklich sind sie da zu preisen!«“
(Lk. 12, 35-38 NGÜ)
Welche Situation wird hier beschrieben? Ein Hausherr geht zu einem Fest. Zu einer Hochzeit. Die Knechte verriegeln in dieser Zeit das Haus, dass kein Dieb eindringen kann und alles sicher ist.
Es muss ein wohlhabender Mann sein, dieser Herr. Er hat Diener, Bedienstete, vielleicht sogar Sklaven. Es muss auch ein größeres Haus sein, vielleicht eine Villa oder ein größeres Landgut. In einer Einraumwohnung bräuchte man wohl kaum Diener. Da wäre ja auch gar kein Platz für sie.
Vielleicht ist so ähnlich wie bei Downton Abbey. Da gibt es einen Butler, Unterbutler, einen ersten Diener, einen zweiten Diener, Zofen, eine Haushälterin, eine Köchin, Küchenhilfen, einen Gärtner usw.
Der Herr erwartet von seinen Dienern, dass sie bereit sind für seine Rückkehr. So wie wir heute selbstverständlich erwarten, dass unsere Haushaltsgeräte funktionieren, wenn wir nach Hause kommen. Dass der Kühlschrank, die Kaffeemaschine, die Waschmaschine funktionstüchtig sind, dass die Heizung läuft, der Strom fließt usw.
Die Diener sollen ihre Lenden umgürtet haben, sie sollen also ihr langes Gewand hochgebunden haben, es in den Gürtel gesteckt haben, damit sie fähig sind zum Laufen und zum Arbeiten. Sie sollen wach sein, sie sollen im Haus alles vorbereitet haben. Die Lichter sollen brennen, Reserveöl soll bereit stehen, das Bett gemacht sein, etwas zum Essen und zum Trinken vorbereitet, falls der Herr noch Hunger oder Durst hat bei seiner Heimkehr, vielleicht Wasser zum Füße waschen, ein Feuer im Ofen falls es draußen kalt ist. Vor allem aber sollen sie bereit sein um ihm unverzüglich die Tür auf zu machen, wenn er anklopft, damit sie ihm in sein Eigentum sofort einlassen können und sie sich nicht erst anziehen müssen und er draußen warten muss.
Sie wissen nicht, wann er vorhat zu kommen. Er weiß es vielleicht selber nicht. Wer weiß schon vorher wieviel Spaß man auf so einer Hochzeit hat, wie die Stimmung ist, wie der Wein schmeckt usw.
Vielleicht kommt er in der zweiten Nachwache, also zwischen neun und zwölf Uhr, vielleicht erst in der dritten, also zwischen zwölf und drei Uhr. Aber es war klar, er kommt in dieser Nacht wieder nach Hause.
Wenn man sich das so vergegenwärtigt, ist es eigentlich keine schwere Aufgabe für die Dienerschaft. Einfach mal einen Abend oder eine Nacht ein bisschen länger aufbleiben und für den Herrn alles vorbereiten. Wenn wir abends ausgehen oder Freunde besuchen, dann kommen wir auch so zwischen der zweiten und dritten Nachtwache wieder heim. So lange kann man schon durchhalten. So lange kann man auch zu Hause warten. Zur Not hilft man halt mit etwas Koffein nach.
Die Dienerschaft musste also nichts anderes machen als sonst auch, nur eben mal etwas länger durchhalten. Nur eben etwas warten. Ist eigentlich alles kein Problem. Eine überschaubare, klar abgegrenzte Aufgabe.
Warten erlebt man ja durchaus unterschiedlich. Das hängt vom Typ ab und von der Situation. Wenn ich beim Arzt im Wartezimmer sitze und mit entspannender Musik berieselt werde, stört mich das überhaupt nicht. Im Gegenteil es beruhigt mich und ich genieße es runterzufahren und zur Ruhe zu kommen. Bei meiner Frau ist das ganz anders. Wenn die irgendwo in einem Wartezimmer warten muss, bombardiert sie mich mit whatsapp-Nachrichten. Und zwar schneller als ich antworten kann. Für sie ist Warten eher Stress.
Mich nervt das Warten dagegen eher im Verkehr. Wenn vor mir die Autos mit 40 in der Stadt dahin kriechen oder auf der Autobahn minutenlang ein PKW mit 110 einen anderen mt 105 überholt und mich blockieren und dann hindern zügig an mein Ziel zu kommen. Ich will oder muss ja zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort sein. Oder im Stau da ist Warten für mich auch unangenehm. Andere lässt das wohl wieder eher kalt und die bleiben da entspannt.
Warten dass die Kinder nachts endlich nach Hause kommen. Warten dass der Arzt endlich zurückruft und man die Diagnose erfährt. All das sind eher unangenehme Wartesituationen.
Wie mag es in dem Gleichnis für die Diener gewesen sein? Sicherlich nicht so unangenehm. Wenn der Herr kein Tyrann war, hatten sie nichts zu befürchten und der Zeitraum war ja auch überschaubar.
Wenn wir im NT wie hier von einer Hochzeit lesen, dann denken wir vielleicht als erstes an die Hochzeit von Jesus mit der Braut Christi, der Gemeinde. Aber davon ist hier nicht die Rede. Jesus ist zwar mit dem Herrn gleichzusetzen, aber er ist selbst nur als Gast auf einer Hochzeit. Es ist nicht seine eigene.
Und auch an einer anderen Stelle zeigt sich, dass dieses Bild nicht beliebig übertragbar ist. Richtig es geht um die Wiederkunft Christ. Darum, dass wir darauf vorbereitet sein sollen. Aber für die Knechte hier war klar, ihr Herr kommt in dieser Nacht zurück.
Wäre die Option gewesen, er käme im Laufe der nächsten vierzehn Tage, hätten sie nicht alle durchgehend wach bleiben können. Das funktioniert nicht. Sie hätten sich vielleicht abgewechselt im Wachen und im Schlafen.
Wäre der Zeitpunkt der Rückkehr sogar auf Monate oder Jahre hinaus ungewiss, hätten sie noch weitere Vorkehrungen treffen müssen. Entweder hätte der Herr regelmäßig Geld schicken müssen oder sie hätten sich einen Nebenjob suchen müssen, um sich und ihre Familie versorgen zu können. Also wir sehen, wir können dieses Gleichnis nicht überstrapazieren.
Warum es hier geht, ist: Seid bereit! Lasst nicht nach im Glauben! Lasst nicht nach in der Nachfolge!
Ein paar Verse weiter wird das falsche Verhalten beschrieben:
„45 Wenn jener Diener sich aber sagt: ›Mein Herr kommt noch lange nicht!‹ und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen, während er selbst schwelgt und prasst und sich volltrinkt,
46 dann wird sein Herr an einem Tag kommen, an dem er ihn nicht erwartet, und zu einem Zeitpunkt, an dem er es nicht vermutet. Er wird den Diener in Stücke hauen lassen und ihm dasselbe Los bereiten wie den Ungläubigen.«“ (V.45.46 NGÜ)
Hier denkt sich der Diener: Mein Herr kommt ohnehin nicht so schnell. Jetzt lass ich die Sau raus und mach was ich will. Dieses Verhalten wird nicht belohnt werden.
Nicht nachlassen. Durchhalten! Treu bleiben! Wer durchhält bis zum Schluss, der wird selig werden, heißt es (Mt. 24,13).
In unserem Gleichnis gibt es eine phantastische und schier unglaubliche Wendung! Die Knechte warten auf den Herrn, haben alles vorbereitet, der Herr kommt und dann: der Herr dreht den Spieß um!
Er bindet sich eine Schürze um, bittet sie zu Tisch und bedient sie. Jetzt bekommen sie das ganze leckere Essen und die leckeren Getränke. Jetzt dürfen sie sich ausruhen und genießen. Alles wird auf den Kopf gestellt!
„Du ´lädst mich ein und` deckst mir den Tisch selbst vor den Augen meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl, ´um mich zu ehren`,und füllst meinen Becher bis zum Überfließen.“ (Ps. 23,5 NGÜ)
„Er wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein!“ heißt es in dem Kirchenlied „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich“. Genau das geschieht hier! Und es hat sich ja bereits im Leben Jesu gezeigt.
„Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben.“ (Mt. 20,28 NGÜ)
Jesus hat in seinem Leben gedient: er hat den Jüngern die Füße gewaschen, hat Hungrige gespeist, Zerbrochene aufgerichtet, Bedrückte von Lasten des Gesetzes befreit, Kranke geheilt, Gebundene befreit.
Er hat durch seinen Tod gedient und uns damit errettet. Und jetzt lesen wir, dass er auch bei seiner Wiederkunft dienen wird, uns den Tisch bereiten wird.
Ist das nicht ein starkes Bild, ein froh machendes Bild?
„Und er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offb. 21,7 Rev. Elb.)
(Jetzt bin ich seltsamerweise doch beim heutigen Predigttext aus Offb. 21.) Ein Gott der zu Tisch bittet und die Tränen abwischt. Ein Gott, auf dem sich das Warten lohnt.
Der Gedanke an die Heimkehr des Herrn soll keine Furcht auslösen, sondern Zuversicht, Hoffnung, Freude.
Die ersten Christen lebten in einer Naherwartung. Sie dachten die Wiederkunft Christ stünde unmittelbar bevor. Viele haben daher völlig darauf verzichtet sich in der Welt einzurichten, sie haben nicht geheiratet, keine Familie gegründet, manche sogar die Arbeit aufgegeben, keine gesellschaftliche Verantwortung übernommen, nicht an Morgen gedacht, weil sie davon ausgingen, dass es gar kein Morgen mehr geben wird.
Wir wissen es heute besser. Es sind fast zweitausend Jahre vergangen. Wir wissen das wir unser Leben planen müssen, einen Beruf ergreifen, Familie gründen und ernähren, für den Ruhestand vorsorgen usw.
Trotzdem sind wir näher dran an der Wiederkunft als die ersten Christen. (Jetzt bin ich doch bei der Endzeit. Der Wartezeit!) Trotzdem gilt auch uns die Aufforderung die Lenden zu gürten und die Lichter brennen zu lassen.
Aber was heißt es für uns heute, bereit zu sein?
1. Bereit sein heißt die Lichter leuchten lassen
Lasst Eure Lichter leuchten! Das hat für mich etwas mit Reinheit zu tun. Mit verantwortlichem Leben. Mit christlicher Ethik. Mit christlichen Werten. Mit Leben in der Liebe. Nicht so, wie der untreue Knecht, der angefangen hat die anderen zu schlagen und sich zu bereichern.
Das Jahr 2016 geht ja bald zur Neige. Können wir guten Gewissens sagen, dass wir immer bereit waren. Dass uns Jesus nie in Situationen angetroffen hätte, wo wir uns hätten schämen müssen. Ich fürchte, das können wir nicht, wenn wir ehrlich sind. Wie oft waren wir doch lieblos, gleichgültig, egoistisch oder einfach in der Nachfolge lethargisch?! Ich sage das nicht um Druck aufzubauen und ein schlechtes Wissen aufzubauen, sondern einfach als Bestandsaufnahme der Realität, als Bekenntnis. Wir sind immer wieder schwach. Isso. So ist es. Amen. Und dürfen gleichzeitig aus der Gnade leben.
Wir haben gerade eine Gemeindefreizeit hinter uns und haben uns mit den Herausforderungen des Christseins in der zweiten Lebenshälfte beschäftigt, mit den Umgang mit Enttäuschungen und nicht eingetroffenen Erwartungen und Visionen, aber auch mit geistlicher Reife und Weisheit.
Und da haben wir uns z.B. eine Frage gestellt: Wie möchten wir vom Ende her auf unser Leben zurück blicken? Was möchten wir da sehen? Was wäre uns da wichtig? Was soll auf unserer Grabrede gesagt werden?
Und da haben wir gemerkt: da spielen unsere Erfolge und Niederlagen überhaupt keine Rolle mehr. Weder im Beruf noch in geistlichen Diensten. Die Erfolge gehören Gott und die Niederlagen genauso. Was dann noch zählt ist die Liebe. Habe ich mein Leben in der Liebe gelebt? Zu Gott (oder besser in Gott) und zu den Menschen.
„Was für immer bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei. Aber am größten von ihnen ist die Liebe.“ (1. Kor. 13,3 NGÜ)
2. Bereit sein heißt die Ärmel hochkrempeln
„Alles, was ihr sagt, und alles, was ihr tut, soll im Namen von Jesus, dem Herrn, geschehen, und dankt dabei Gott, dem Vater, durch ihn….Ihr Sklaven… worin auch immer eure Arbeit besteht – tut sie mit ganzer Hingabe, denn ´letztlich` dient ihr nicht Menschen, sondern dem Herrn.“ (Kol. 3, 17.22a.23 NGÜ)
Bereit zu sein, die Ärmel hochgekrempelt, die Lenden gegürtet zu haben, heißt sein Leben, seinen Alltag so zu gestalten, dass es Gott ehrt.
Paulus spricht dies hier den Sklaven zu. Egal welch niedrige Aufgabe, sie auch haben mögen, alles ist wertvoll in den Augen Gottes. Alles kann Dienst für Gott sein. Egal ob ich Hausarbeit mache, in der Altenpflege arbeite, die Straße kehre, Verwaltungsbeamter bin, Lehrer oder Rechtsanwalt oder ob ich predige oder Konfirmanden-Unterricht gebe. Alles ist wertvoll. Alles kann in der rechten Weise zur Ehre Gottes getan werden, wenn ich meine Aufgaben wahrnehme und sie korrekt erledige, wenn ich mir meiner Verantwortung vor Gott und den Menschen bewusst bin und sie annehme. Die geistlichen Tätigkeiten sind dabei nicht wichtiger, als die profanen oder umgekehrt.
Es war Luther, der darauf hinwies, dass jeder Beruf, jede Tätigkeit eine Berufung ist, in der man Gott und den Nächsten dienen kann. Und das die Magd, die die Stube fegt, sogar mehr den Nächsten dient, als der Mönch, der hinter den Klostermauern nur für sein eigenes Heil sorgt.
3. Bereit sein heißt die Schuhe anziehen
„und tragt an den Füßen das Schuhwerk der Bereitschaft, das Evangelium des Friedens zu verbreiten.“ (Eph. 6,15 NGÜ)
Bereit zu sein, heißt neben dem Leben in der Liebe und dem Dienen im Alltag, aber auch das Evangelium weiterzugeben. Hier sind wir alle unterschiedlich. Nicht nur unterschiedlich begabt, sondern auch unterschiedlicher Natur. Was für den einen hundert Möglichkeiten sind, ist für den anderen nicht mal eine einzige Chance.
Ich bin selber kein großer Evangelist und erlebe die Möglichkeiten zum Zeugnis im Alltag oft nur homöopathisch. Ich will hier gar nichts kaschieren. Aber ich denke, wir sollten uns hier öfters daran erinnern und gegenseitig ermutigen. Und etwas was wir alle können ist für bestimmte Menschen, die uns am Herzen liegen oder die Gott uns über den Weg schickt zu beten und auch für Möglichkeiten um bei Ihnen Zeugnis zu sein.
Früher hat man bei den Jahreszahlen noch AD angehängt. Anno Domini. Im Jahr des Herrn. 2016 AD. Eigentlich schade, dass dies nicht mehr üblich ist, denn es hilft einem zu vergegenwärtigen, wem unser Jahr, unsere Zeit, unser Leben gehört und mit wessen Wiederkunft in das Seine wir rechnen sollen.
Wir beten im Vaterunser: Dein Reich komme! Und wir freuen uns, wenn sein Reich durchblitzt in unserem Lebensalltag und in unseren Gemeinden, wenn etwas von seinem Reich sichtbar wird. Seiner Kraft. Seiner Herrlichkeit. Seiner Barmherzigkeit
Aber die endgültige Erhörung wird sein, wenn er kommt um uns in sein Reich zu holen und wir dann mit ihm zu Tisch sitzen werden. Darauf warten wir. Darauf besinnen wir uns auch im Advent. Nicht nur auf die Menschwerdung Gottes, sondern auch auf das zweite Kommen Jesu Christi.
Gustav Heinemann hat einmal gesagt: „Lasst uns der Welt zurufen: Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt!“
AMEN.