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Samstag, 7. Februar 2026

Predigt von Norbert Wohlrab (06.02.2026)

Werbeclip - The Guardian: Point Of View (1986)

Audio

 

Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig oder den richtigen Blickwinkel haben


1. Einleitung

Dieser prämierte Werbeclip von 1986 zeigt in nur weniger als 30 Sekunden, wie wichtig es ist, den richtigen Blickwinkel bzw. den richtigen Standpunkt (Point of View) zu haben, um ein Geschehen objektiv beurteilen zu können. 
Ist es ein Skinhead, der einen Geschäftsmann attackiert oder ein Skinhead, der das Leben eines Geschäftsmannes rettet?

Den richtigen Blickwinkel zu haben, ist heute genauso aktuell wie damals und wird es wohl immer auch bleiben. In der Gesellschaft, in der Politik, im Arbeitsalltag und auch in der Gemeinde. Nur allzu leicht kommen wir in Situationen, wo wir ein Geschehen oder das Verhalten anderer Menschen beurteilen, sogar verurteilen, ohne ausreichend Informationen haben, ohne ausreichend Zusammenhänge zu kennen oder ohne uns ausreichend in die anderen hineinversetzt zu haben. 

Aber auch im Umgang mit der Bibel ist es wichtig, den richtigen Blickwinkel oder die richtige Haltung einzunehmen. Ich kann mit der Bibel Menschen erschlagen oder ich kann mit ihr Menschen erhöhen, ihnen Gutes tun, sie segnen. 

Im Laufe der Jahrhunderte wurden immer wieder Menschen im Namen der Heiligen Schrift oder im Namen Gottes getötet, verbrannt, gesteinigt, gefoltert, eingekerkert und auch heute werden Menschen noch ausgegrenzt, abgelehnt oder stigmatisiert. Auch Jesus wurde im Namen der Schrift getötet.

Ich möchte heute mit Euch drei Stellen aus dem NT anschauen, in denen ein Perspektivenwechsel weitreichende Folgen gehabt hat. 


2. Der Buchstabe tötet

Zunächst jedoch ein paar Verse aus dem 2. Korintherbrief, die auch von einen Perspektivenwechsel sprechen.

„6 Nur durch ihn können wir die rettende Botschaft verkünden, den neuen Bund, den Gott mit uns Menschen geschlossen hat. Dieser Bund ist nicht mehr vom geschriebenen Gesetz bestimmt, sondern von Gottes Geist. Denn der Buchstabe des Gesetzes tötet, Gottes Geist aber schenkt Leben.
7 Schon der Dienst im alten Bund, der auf dem in Stein gemeißelten Gesetz beruhte und den Menschen den Tod brachte, ließ etwas von Gottes Herrlichkeit erkennen. Nachdem Gott Mose das Gesetz gegeben hatte, lag da nicht ein Glanz auf Moses Gesicht – so stark, dass die Israeliten es nicht ertragen konnten? Dabei war es doch ein Glanz, der wieder verblasste!
8 Wie viel herrlicher muss es dann sein, Gott im neuen Bund zu dienen und die rettende Botschaft von Christus zu verkünden! Denn dieser Dienst führt Menschen durch Gottes Geist zum Leben.
9 Wenn schon der Auftrag, der den Menschen die Verurteilung brachte, so sichtbar Gottes Herrlichkeit ausstrahlte, wie viel herrlicher ist dann der Auftrag, durch den die Menschen von ihrer Schuld vor Gott freigesprochen werden!
10 Ja, was damals herrlich erschien, verblasst völlig vor der überwältigenden Herrlichkeit unseres Auftrags.
11 Wenn schon die alte Ordnung, die doch nur für eine bestimmte Zeit galt, Gottes Herrlichkeit erstrahlen ließ, um wie viel mehr wird sich Gottes Herrlichkeit durch die neue Ordnung offenbaren, die ewig gilt!“ (2. Kor. 3, 6-11 HfA)


Hier wird vom Wechsel vom Alten zum Neuen Bund gesprochen, von einer alten zu einer neuen Ordnung, von Vergänglichkeit zu Herrlichkeit, von Tod zum Leben.

„Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.“ (2. Kor. 3,6b ELB)

Oder in einer dritten Übersetzung:

„Denn das Gesetz bringt den Tod, aber der Geist ´Gottes` macht lebendig.“ (NGÜ)

Das Gesetz des alten Bundes bringt nichts anderes als den Tod, aber der neue Bund, der auf Gnade basiert, bringt Leben durch den Geist Gottes. Das ist ein gewaltiger Perspektivenwechsel. Vom Tod zum Leben. 

Jesus sagt: „Ich aber bin gekommen, um ihnen Leben zu bringen – Leben in ganzer Fülle.“ (Joh. 10,10b NGÜ)


3. Beispiel 1: Jesus und die Ehebrecherin

Meine erste Stelle für einen Perspektivenwechsel. Eine ganz bekannte Geschichte.

„3 Da schleppten die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau heran, die beim Ehebruch überrascht worden war. Sie stellten sie in die Mitte, wo sie von allen gesehen werden konnte,
4 und sagten zu Jesus: »Lehrer, diese Frau wurde auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt.
5 Im Gesetz hat Mose uns befohlen, eine solche Frau zu steinigen. Was meinst du dazu?«
6 Sie fragten dies, um Jesus auf die Probe zu stellen und ihn dann anklagen zu können. Aber Jesus bückte sich nur und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7 Als sie nicht lockerließen, richtete er sich auf und sagte: »Wer von euch noch nie gesündigt hat, soll den ersten Stein auf sie werfen!«
8 Dann bückte er sich wieder und schrieb weiter auf die Erde.
9 Als die Ankläger das hörten, gingen sie einer nach dem anderen davon – die älteren zuerst. Schließlich war Jesus mit der Frau allein. Sie stand immer noch an der gleichen Stelle.
10 Da richtete er sich erneut auf und fragte sie: »Wo sind jetzt deine Ankläger? Hat dich denn keiner verurteilt?«
11 »Nein, Herr«, antwortete sie. »Ich verurteile dich auch nicht«, entgegnete ihr Jesus. »Du kannst gehen, aber sündige nun nicht mehr!« (Joh. 8, 3-9 HfA)


Ich finde diese Begebenheit unheimlich spannend. 

Was ist geschehen? Eine Frau begeht Ehebruch und wird erwischt. Vermutlich war auch ein Mann dabei, aber der ist wohl entkommen. Männer sind meistens etwas schneller beim Weglaufen.

Die Schriftgelehrten und Pharisäer, die die sich also ganz genau mit dem Gesetz auskennen, die es ganz genau nehmen, schleppen die Frau heran und wollen Jesus in Versuchung bringen. Wie wird er handeln? Wird er sich gegen das Gesetz stellen? 

Zunächst einmal ist festzustellen. Die Schriftgelehrten sind im Recht. Das Gesetz sagt:

„Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, hat den Tod verdient, der Ehebrecher und die Ehebrecherin.“ (3. Mose 20,10 EÜ)

Es muss sich hier also um eine verheiratete Frau gehandelt haben. Nur so konnte sie ja ihre Ehe brechen. Die Frau hatte also den Tod verdient. 

Ich vermute mal, dass es ihnen hier gar nicht darum ging den Auftrag des Gesetzes zu befolgen. Die Historiker sagen, dass derartige Steinigungen wohl nicht so häufig praktiziert wurden. Außerdem waren Steinigungen wegen Ehebruchs nach römischen Recht gar nicht zulässig. Ich denke, es ging ihnen vor allem darum Jesus aufs Glatteis zu führen. Sie wollten erreichen, dass er sich gegen das Gesetz stellt. Dazu war dies eine wunderbare Gelegenheit. Da war ihnen das schwache Geschlecht gerade recht. 

Jesus war nun in einem Dilemma. Das ist eine spannende Situation. Denn die Gesetzesgelehrten hatten ja recht: Das Gesetz forderte den Tod. Und Jesus musste sich an das Gesetz halten. Er durfte es nicht einfach übergehen. 

Im Galaterbrief lesen wir:

„als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, geboren unter dem Gesetz, damit er die loskaufte, die unter dem Gesetz waren, damit wir die Sohnschaft empfingen.“ (Gal. 4, 4.5 Rev. Elb.)

Jesus Christus kam, lebte und wirkte unter den Vorgaben des Gesetzes Mose um die zu befreien, die unter dem Gesetz lebten, also das Volk Israel. Das war sein Auftrag. Das waren seine Rahmenbedingungen. 
Er befolgte vollständig das Gesetz - und sogar mehr als das - um vollkommen ohne Sünde, ohne jegliche Verfehlung ans Kreuz gehen zu können. Und d.h., dass auch seine Reden mit dem Gesetz übereinstimmen mussten. 

Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass in unserer Bibel der Neue Bund nicht mit dem Beginn des Neuen Testaments, also nicht mit Matthäus 1, sondern mit Matthäus 27, nicht mit Bethlehem, sondern mit Golgatha beginnt. 
Alles was Jesus lehrte, musste immer konform zum Gesetz sein. Er konnte auf die wahre Bedeutung hinweisen, aber er durfte ihm nicht widersprechen. Gegen was er sich aber oft wehrte, war die Auslegungspraxis der Pharisäer. 

Ursprünglich hatten diese nach der babylonischen Gefangenschaft die Zielsetzung, dass das Wort Gottes bewahrt und nicht vergessen wird, damit das Volk Israel nicht erneut heimgesucht und verschleppt wird. So sind die Synaxogengottesdienste und das Rabbinertum entstanden. Aber in ihrem Streben das Wort Gottes zu bewahren, sind sie immer mehr entartet. In ihrem Bestreben Sünde zu vermeiden, haben sie den Menschen mehr und mehr Lasten aufgelegt, die diese nicht mehr tragen konnten. 

Sie haben Netze um das Gesetz gestrickt. Netzte voller zusätzlicher Regeln, die dazu dienen sollten, das Gesetz nicht zu brechen und diese Netze wurden nach und nach so engmaschig, bis sie keine Netze mehr waren.

„Er aber sprach: Wehe auch euch Gesetzesgelehrten! Denn ihr ladet den Menschen unerträgliche Bürden auf, und ihr selbst rührt die Bürden nicht mit einem Finger an.“ (Lk. 11,46 SLT)

Oder an anderer Stelle sagt er zu Ihnen:

„Ihr blinden Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt!“ (Mt. 23,24 LUT)

Ihr Streben nach Gerechtigkeit ist entartet. Sie sind zu hartherzigen Paragraphenreitern geworden. Das Netz ist wichtiger geworden, als das Gebot selbst.

Zurück zum Geschehen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Jesus hier in einem Dialog mit seinem Vater im Himmel war, um übernatürliche Weisheit zu empfangen, wie er in dieser Situation das richtige tun konnte.

Und dann kommt diese geniale Antwort: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ So hält er sich an die Norm des Gesetzes, aber wechselt gleichzeitig die Perspektive.

Und nichts passiert. Kein Stein fliegt. Alle gehen. Denn sie wissen, dass auch sie schon schuldig geworden sind. Niemand ist ohne Schuld. 
Die ältesten gehen zuerst. Je mehr Leben, desto mehr Schuld. Ganz einfache Rechnung. Keiner bleibt zurück. Jesus überführt sie mit nur einem Satz. Er spricht mit einem Satz mitten in ihr Herz. Und das ganz ohne ein Bibelwort. Aber es ist ein geistgehauchtes Wort. 

Die Vertreter des Gesetzes verzichten auf die Vollstreckung ihres Urteils, so kann auch Jesus sie frei sprechen.

Diese Begebenheit verdeutlicht eine darüber stehende Wahrheit: alle sind schuldig, alle haben gesündigt. Der Blickwinkel wechselt von dem Blick der Schuld der einen Person, auf den Blick der Schuld aller.

Das Gesetz sagt: Töten. Aber es gibt einen Ausweg: Barmherzigkeit. Das ist eine neue Perspektive. Die Perspektive Gottes. 



4. Beispiel 2: Der barmherzige Samariter

Eine weitere Stelle, in der Jesus gesetzeskonformes Verhalten einem barmherzigen Handeln gegenüberstellt, ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Was ist das Rahmengeschehen?

„ Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben! Der Gesetzeslehrer wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?“ (Lk. 10, 25-29 EÜ)

Wir haben also wieder eine ähnliche Situation. Wieder will man Jesus dazu bringen, dass er sich irgendwie gegen das Gesetz positioniert. Aber Jesus lässt sich nicht reinlegen. Er antwortet in der Art und Weise, wie jüdische Schriftgelehrte diskutieren, auf eine Frage kommt eine Gegenfrage. Und der Schriftgelehrte fasst das Gesetz zusammen. Er gibt die formal richtige Antwort. Jesus sagt an anderer Stelle selbst, dass an diesen beiden Geboten, das Gesetz und die Propheten hängen (Mt. 22,40): 
Gott lieben mit ganzer Kraft, ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzen Denken. Und den Nächsten. 
Ganz, ganz, ganz, ganz. 
Leisten, leisten, leisten, leisten.
Gesetz, Gesetz, Gesetz, Gesetz.
Und Jesus sagt: Genau, tu das. Tu dies beständig, tu dies ununterbrochen, tu dies immer während und du wirst leben.

Wir Christen müssen uns hier wieder bewusst machen, es geht ums Gesetz. Das ist keine Aufgabenstellung für das Leben eines Christen. Niemand kann das. Der Kerkermeister von Philippi bekommt auf die Frage: „Was muss ich tun um gerettet zu werden?“, die Antwort des neuen Bundes: „Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst gerettet werden“ (Apg. 16,30.31). Nicht ganz, ganz, ganz, ganz, leisten, leisten, leisten, leisten, sondern einfach glauben!
 
Zurück zum Schriftgelehrten. Und eben nicht nur Gott, sondern auch den Nächsten lieben. Wer könnte das denn sein? Das Familienmitglied, der Freund, vielleicht noch maximal der Nachbar, aber dann ist Schluss. Sonst wird es nichts mit dem ewigen Leben. 

Und dann kommt das uns bekannte Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Dort lesen wir, dass ein Priester und ein Levit an dem Überfallenen vorbeigehen, ohne ihn zu helfen. Sie gingen sogar an der gegenüberliegenden Seite vorüber. Das ist interessant. 

Nun muss man wissen, dass der Kontakt mit Toten sie verunreinigt hätte. Der Levit wäre mindestens vorübergehend, der Priester - soweit ich das verstanden habe - wohl dauerhaft nicht mehr zum Tempeldienst befähigt gewesen (3. Mose 21, 1-4; 4. Mose 19,11). Nach damaligen Verständnis hätte es schon gereicht, wenn nur der eigene Schatten auf den Toten gefallen wäre. Daher das Wechseln der Straßenseite. Sie können gar nicht überprüfen, ob er noch lebt. Schnell den Schatten einziehen und weiter. Sie haben also alles richtig gemacht um auf keinen Fall eine Gesetzesübertretung zu begehen. Aber war es auch das richtige? Hatten sie die richtigen Perspektive?

Nun kommt ein Samariter daher. Also ein Bewohner Samariens. Die Zuhörer haben wohl erwartet, dass Jesus nun als drittes - nach dem Priester und dem Leviten - einen frommen Israeliten aufmarschieren lässt. Aber einen Samariter? Die Samariter wurden von den Juden abgelehnt. Nicht mal das Wort haben sie in den Mund genommen. „Der barmherzig gehandelt hat“, sagt der Schriftgelehrte. Das waren Mischgläubige. Ein bisschen jüdisch, ein bisschen okkult, auf jeden Fall Götzenanbeter. Das Produkt von der Vermischung der Bevölkerung während der babylonischen Gefangenschaft, Völlig inakzeptabel. So einen nimmt Jesus hier als Beispiel für Barmherzigkeit. Ein Affront. 

Wer wäre es heute? Der Clubberer oder noch schlimmer der Bayern-Fan? Der Muslim? Der Palästinenser? Der Homosexuelle? Der Diverse?

Jesus verdeutlicht hier der Ausgestoßene, der Abgelehnte, handelt nicht um ein Gesetz zu erfüllen. Sondern er handelt aus Liebe. Aus Erbarmen. 
Jesus lässt hier mehrmals die Blickwinkel wechseln. Von der Frage: Wer ist mein Nächster zu: Wem bin ich der Nächste? Vom Blickwinkel des Gesetzes zum Blickwinkel der Barmherzigkeit und der Liebe.

„So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“ (Röm. 13,10b LUT) 

schreibt Paulus.


5. Beispiel 3: Der erste Apostelkonzil

Ein letztes Beispiel. Ihr habt neulich eine Predigt gehört von Thomas Zuhr über die Begebenheiten in Apostelgeschichte 10. Dort wird beschrieben, wie Petrus Visionen bekommt, lauter vom Gesetz verbotene Speisen zu essen, weil Gott sie rein gemacht hat. Und er darauf verbotenerweise ins Haus von Heiden eingekehrt ist, mit ihnen Gemeinschaft hatte, ihnen das Evangelium verkündete und so das Evangelium zu den Heiden gekommen ist. Dies war der Beginn der Heidenmission, zu der dann auch Paulus und Barnabas ausgesandt waren. Einige Zeit später kam es dann zum ersten Apostolischen Konzil in Jerusalem. 

Und da gab es einige gläubig gewordene Pharisäer, die wollten, dass die gläubiggewordenen Heiden auch beschnitten werden sollten und das Gesetz halten sollten. Und dann haben die Apostel diskutiert und ihre Entscheidung getroffen. Nein, spricht Jakobus:

„Darum halte ich es für richtig, den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufzubürden“ (Apg. 15,19 EÜ)

Keine Lasten, kein Gesetz. Nur ein paar ethische Regeln für die Praxis:

„Allerdings sollten wir sie in einem Brief dazu auffordern, folgende Dinge zu unterlassen: jede Verunreinigung durch Speisen, die den Götzen geopfert wurden, jede Form von Blutschande, sowie den Genuss von Blut und von nicht ausgeblutetem Fleisch.“ (Apg. 15, 20 NGÜ mit Erläuterungstext)

Diese Regelungen waren vor allen für die Tischgemeinschaft von Juden und Heiden relevant und wurden so in dieser Form von Paulus nicht in den Briefen weitergegeben. Im Gegenteil: dort schreibt er, der eine kann alles essen und macht sich keinen Kopf, egal ob Götzenopferfleich oder nicht, der andere wird Vegetarier und isst nur noch Gemüse. (Röm. 14; 1. Kor. 8).

Dies war die offizielle Festlegung für die Christenheit: das Gesetz gilt nicht für uns Heidenchristen. Punkt. 
Auch dies war ein Wechsel des Blickwinkels. Wir schauen nun auf Gott, auf sein Wort, vom Standpunkt des Geschenks der Gnade aus und nicht vom Standpunkt der Forderungen des Gesetzes. 


6. Schlussgedanke

Trotzdem unterliegen wir alle, manche mehr und manche weniger, der Versuchung uns einzelne Verse aus dem Gesetz heraus zu greifen um uns, oder noch besser anderen Lasten und Bürden aufzulegen, um sie zu richten, auszugrenzen, zu verurteilen. 

Oft sind es dann Verse, die irgendwelche sexuellen Sünden regeln. 
Warum eigentlich nicht solche, in denen es um Mischgewebe geht? Wird im Gesetz genauso verboten:

„tragt keine Kleidung aus Mischgewebe!“ (3. Mose 19,19 HfA)

Da hätten wir wohl alle Probleme. Ich müsste dann ohne Socken hier stehen.

Ich weiß heute: meine Erkenntnis ist Stückwerk. Alles was ich heute sage, beruht auf Erkenntnisstückwerk. Vielleicht stimmt auch nicht alles. 
Die Bedeutung von manchen Aussagen der Bibel, die für mich früher ganz klar waren, gerade hinsichtlich Homosexualität, sind für mich heute nicht mehr so einfach zu erkennen. 

Stellen aus dem NT, in denen Paulus bspw. Homosexualität ablehnt, stehen auch im Kontext von Aussagen, in denen dargestellt wird, dass wir eben alle Sünder sind. 

„Wer kann merken, wie oft er fehlet?“ (Ps. 19,13a LUT)

schreibt der Psalmist. 

Ich habe genügend offenkundige und verdeckte Schwächen und Mängel, sündhaftes Handeln. Wer bin ich, dass ich die sexuelle Identität oder das Empfinden anderer Personen beurteilen kann?

Die Vollkommenheit der Schöpfung hat durch und mit Adam und Eva gestoppt. Seitdem leben wir in einer gefallenen Schöpfung mit Naturkatastrophen, Krankheiten, Behinderungen uvm., die alle nicht Gottes ursprünglichem Plan entsprechen. Die Schöpfung hat ein massives downgrad erhalten.
Trotzdem ist jeder und jede einzelne wertvoll und in den Augen Gottes geliebt. Egal ob männlich, weiblich oder uneindeutig definiert. Egal ob gesund oder beeinträchtigt, Spielvereinigung- oder Bayernfan. Und alle wollen überraschenderweise leben. Und alle innerhalb der Möglichkeiten, die wir haben. 

Versteht mich nicht falsch, ich möchte nicht alles bagatellisieren, was es an Auswüchsen und Perversionen in unserer Gesellschaft so gibt. Gerade junge Menschen in der Entwicklung brauchen besonderen Schutz, wenn sie dabei sind ihre Identität zu entwickeln.

Ich will nur keine Menschen verurteilen oder beurteilen, die ernsthaft, tiefgründig, existenziell, um ihre sexuelle und biologische Identität gerungen haben, weil ich denke, dass steht mir nicht zu. 
Meine Aufgabe ist es nicht irgendwelche Verse aus der Bibel hervorzukramen und zu richten, sondern meine Aufgabe ist es, die Liebe Gottes weiterzugeben. Im privaten Umgang heißt es sie annehmen und lieben. Was es im gemeindlichen Kontext heißen kann, sind noch offene Fragen. Auf jeden Fall gilt: 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.“ (Luk. 6, 36.37 LUT)

Amen.



 

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Predigt von Norbert Wohlrab (30.09.18)

Kein Ansehen der Person


1. Einleitung

Ich möchte heute über den Predigttext des heutigen Sonntags sprechen: Jak. 2, 1- 13.
Als ich nachgesehen habe, welcher Text für den heutigen Sonntag als Predigttext angegeben ist, habe ich erst gedacht: „Ohje. No Way! Passt gar nicht. Und mir auch nicht. Jakobusbrief mag ich sowieso nicht. Was soll ich dazu denn sagen?“ Aber ich hatte dann doch so den Eindruck, dass ich bei dem Text bleiben sollte.
Und jetzt haben wir heute hier also diesen Text aus dem Jakobusbrief. Was machen wir nun damit? Zunächst einmal lesen. Bis Vers 12.

„ 1 Meine Geschwister, ihr glaubt doch an Jesus Christus, unseren Herrn, dem alle Macht und Herrlichkeit gehört. Dann dürft ihr aber Rang und Ansehen eines Menschen nicht zum Kriterium dafür machen, wie ihr mit ihm umgeht! 
2 Angenommen, in euren Gottesdienst kommt ein vornehm gekleideter Mann mit goldenen Ringen an den Fingern; es kommt aber auch ein Armer in zerlumpter Kleidung herein.
3 Wenn ihr nun dem mit der vornehmen Kleidung besondere Aufmerksamkeit schenkt und zu ihm sagt: »Hier ist ein bequemer Platz für dich!«, während ihr zu dem Armen sagt: »Bleib du dort drüben stehen oder setz dich hier bei meinem Fußschemel auf den Boden!« –
4 messt ihr da nicht in euren eigenen Reihen mit zweierlei Maß? Und macht ihr euch damit nicht zu Richtern, die sich von verwerflichen Überlegungen leiten lassen?
5 Hört, meine lieben Geschwister! Hat Gott nicht gerade die, die in den Augen dieser Welt arm sind, dazu erwählt, durch den Glauben reich zu werden? Hat er nicht gerade sie zu Erben seines Reiches bestimmt – zu Erben des Reiches, das er denen zugesagt hat, die ihn lieben?
6 Doch was macht ihr? Ihr behandelt den Armen geringschätzig! Sind es denn nicht die Reichen, die euch unterdrücken und euch sogar vor die Gerichte schleppen?
7 Und sind es nicht die Reichen, die den wunderbaren Namen ´unseres Herrn` verhöhnen, der über euch ausgerufen worden ist?
8 Nun, wenn ihr euch wirklich nach dem königlichen Gesetz richtet, wie es in der Schrift niedergelegt ist: »Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!«, dann handelt ihr gut und richtig.
9 Doch wenn ihr Rang und Ansehen eines Menschen zum Kriterium dafür macht, wie ihr mit ihm umgeht, begeht ihr eine Sünde und werdet vom Gesetz als Gesetzesübertreter überführt.
10 Und ihr wisst: Wer das ganze Gesetz befolgt, aber gegen ein einziges ´Gebot` verstößt, macht sich damit am ganzen Gesetz mit allen seinen Geboten schuldig.
11 Denn derselbe, der gesagt hat: »Du sollst nicht die Ehe brechen!«, hat auch gesagt: »Du sollst keinen Mord begehen!« Bei jedem einzelnen Verstoß gegen ein Gebot verstößt du also gegen das Gesetz als Ganzes; du kannst einen Mord nicht damit aufwiegen, dass du keinen Ehebruch begehst.
12 Redet und handelt so, wie es dem Gesetz der Freiheit entspricht – dem Gesetz, nach dem ihr einmal gerichtet werdet.  “ (Jak. 2, 1 - 12 NGÜ)



2. Hintergrund

Schon Luther hatte seine Probleme mit dem Jakobusbrief. Er hätte ihn am liebsten aus dem NT entfernt und hat ihm jegliche apostolische Autorität abgesprochen. „…achte ich sie für keines Apostels Schrift“ sagt er in seiner Einleitung zum Jakobusbrief.

Warum? Weil sie (die Schrift) „stracks wider S. Paulum und alle andre Schrift den Werken die Rechtfertigung gibt.“ Und wirklich man könnte meinen Jakobus lehrt eine Rückkehr zum Gesetz, wenn er hier so fleißig auf das Gesetz verweist und an anderer Stelle sogar davon spricht, dass man durch Werke gerechtfertigt wird.
So schreibt Jakobus bspw. „Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, hat aber keine Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?“ (2,14 Rev. Elb.) oder „Ihr seht also, dass ein Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein.“ (2,24 Rev. Elb.)
Dies veranlasst Luther zu dem Resümee: „Aber dieser Jakobus tut nicht mehr, als daß er treibt zu dem Gesetz und seinen Werken….Darum will ich ihn nicht haben in meiner Bibel in der Zahl der rechten Hauptbücher…“

Luther hat ihn also nicht auf die gleiche Ebene gestellt, wie die Schriften des Paulus oder des Petrus. Aber Luther wusste damals noch wenig über die Hintergründe dieses Briefes.

Wer war eigentlich dieser Jakobus? Jakobus war ein Bruder von Jesus. Er war keiner der zwölf Jünger und damit keiner aus der ersten Reihe der Apostel. Er war einer aus der zweiten Reihe. Aber er war der Vorsteher der jüdisch-christlichen Gemeinde in Jerusalem.

Er wurde als absolut integrer Mann beschrieben und sein Wort hatte geistliche Autorität.
Er war es, der auf dem ersten Konzil in Jerusalem Paulus und Barnabas mit auf dem Weg gab, dass die heidenchristlichen Gemeinden sich nicht an das Gesetz halten müssen und sich auch nicht beschneiden lassen müssen, aber sich doch bitte zur Konfliktvermeidung und aus Rücksicht den Juden gegenüber von bestimmten Speisen enthalten sollen (nachzulesen in Apg. 15). Also keineswegs ein Rückfall in das Gesetz.

Hier bei diesem Brief ist die Situation eine andere. Dies ist vermutlich der älteste Brief im NT. Er wurde geschrieben, als die Gemeinde noch ganz jung war, als es noch keine christliche Theologie eines Paulus gab, als die Trennung von Juden und Christen in den Synagogen noch nicht vollzogen war, als es auch noch nicht für alles eine göttliche Offenbarung gab.
Er wurde geschrieben von einem Judenchristen aus Jerusalem an die Judenchristen in der Diaspora, an Menschen, die in der jüdischen Tradition und vielfach auch tatsächlich nach den Vorschriften des Gesetzes lebten. Jakobus wählt dabei bewusst jüdische Begrifflichkeiten, weil er weiß, dass sie von seinen Lesern verstanden werden, da diese genauso im Judentum und im Gesetz gegründet sind, wie er selbst.
Wenn man sich dies vor Augen hält, ist der Jakobusbrief kein Widerspruch zu den Schriften des Paulus, sondern er verwendet nur andere Begriffe und hat eine ganz andere Akzentuierung.


3. In der Gesellschaft

Um was geht es jetzt Jakobus in der heutigen Textstelle?

Ich möchte an dieser Stelle mit Euch zunächst ein kurzes Video anschauen.

https://www.huffingtonpost.de/2014/05/14/obdachloser-hilfe-anzug_n_5321248.html

Dieses kurze Video beschreibt ganz gut das Problem der Gemeinden, an die Jakobus hier schreibt. Und es macht deutlich wie praktisch und wie einfach oft die Fragestellungen des christlichen Lebens eigentlich sind. (Es gibt ja Christen, die in aufwändigen Seelsorgesitzungen über Jahrzehnte hinweg versuchen immer heiliger und geheilter zu werden, dabei sind die Fragestellungen der Heiligung in der christlichen Nachfolge oft ganz banal.)

Sie haben auf das Äußere geschaut. Seid „frei von allem Ansehen der Person“ (V. 1 Luther) sagt Jakobus. Damit ist jetzt nicht die Persönlichkeit oder die Individualität oder die Originalität gemeint, sondern eben das was einer war: Feldherr, Fürst, Händler oder Sklave, Bettler. Sein Stand. Sein Ansehen. Sein Habitus. Sein Reichtum.
Hier soll in der christlichen Gemeinde kein Unterschied gelten. Warum? Weil Gott auch keinen Unterschied macht. Und weil die Herrlichkeit des einzelnen, nur aus dem Herrn der Herrlichkeit kommt.

„Nicht Besitz, Stellung oder herrliches Kleid gibt Herrlichkeit, sondern allein der Herr der Herrlichkeit.“ (Fritz Grünzweig, Der Brief des Jakobus).

Wir wissen nicht, ob Jakobus sich hier auf eine reale Begebenheit bezieht, oder ob er ein fiktives Geschehen beschreibt. Es muss auf jeden Fall irgendeine Grundlage für seinen Brief gegeben haben.

Die Situation ist bei uns heute gar nicht so einfach vorstellbar. Kein Platz mehr im Gottesdienst? Ist bei uns nicht so das Problem. Hier in diesem Raum sind wir manchmal schon an der Grenze. Aber sonst. Vielleicht an Heiligabend in der Kirche. Und sind dann die Plätze ganz vorne wirklich besser?

Im Theater, bei Konzerten, bei Sportveranstaltungen ist uns klar, da gibt es billige und teure Plätze, schlechte und gute. Und die in der ersten Reihe sind dann nicht immer die besten, weil man da oft die schlechtere Sicht oder schlechtere Akustik hat. Aber im Gottesdienst?
Es muss damals auf jeden Fall gute und schlechte Plätze gegeben haben. Oder vielleicht auch gute gegen gar keine Plätze.
Und den Reichen wurden damals automatisch die besseren Plätze zugewiesen. Für sie hat man notfalls auch mal Platz gemacht. Man hat auf das Äußere geachtet. Mehr Geld, mehr wert.

Wie wäre es denn bei uns? Nehmen wir an, der Raum hier ist voll. Alle Stühle belegt. Es kommen Gäste. Natürlich organisieren wir dann für sie irgendwie Sitzgelegenheiten. Notfalls tritt man den eigenen Stuhl ab. Das ist eine normale Geste der Gastfreundschaft. Aber wenn jetzt gleichzeitig eine bekannte Fürther Persönlichkeit und ein etwas versiffter Stadtstreicher kämen, würden wir da nicht auch ganz automatisch differenzieren? Nur mal so zum Nachdenken.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der selbstverständlich gilt „Du bist, was Du hast!“. Vielleicht nicht immer, aber sehr häufig.
Und wir leben in einer Gesellschaft, in der jedmöglicher Kult und Hype um prominente Personen in den Medien betrieben wird. Und was heutzutage alles als prominent gilt….. Nicht jeder schafft es dabei auf dem Boden zu bleiben. Es macht etwas mit einem, wenn einem ständig zugejubelt wird und die Blitzlichter blitzen. Wer noch nicht narzisstisch war, wird es spätestens jetzt. Lassen wir uns davon beeinflussen?

Sogar unter uns Christen ist es oft so, dass ein Hype gemacht wird um irgendwelche tollen Prediger, Apostel, Heilungsevangelisten o.ä. und groß mit ihrem Konterfei auf Veranstaltungseinladungen geworben wird.
Aber sind sie deshalb etwa mehr wert? Sind wir nicht alle ein Leib? Paulus drückt es so schön demütig aus: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben.“ (1. Kor. 3,6 Luther). Nicht jeder schafft es demütig zu bleiben.


4. Das Beispiel Jesu

Jesus gibt uns durch sein Leben vielfach Beispiele dafür, dass er nicht die Person ansieht, dass er nicht auf den Stand schaut.

Er begegnet einer Ausländerin aus Syrophönizien und befreit ihre Tochter von einem Dämon.
Er begegnet einer Samaritanerin, die ihn wilder Ehe lebt, und heilt ihre Seele.
Er begegnet Zachäus, dem Zöllner und Betrüger, kehrt bei ihm ein und verändert dadurch sein Leben.
Er begegnet Bettlern und Aussätzigen.
Er isst und trinkt mit Zöllnern und Prostituierten und
er kehrt auch ein bei Pharisäern und reichen Menschen.

Jesus sieht nicht auf das Äußere und jetzt kommt normalerweise der Satz: er sieht auf das Herz. Aber das weiß ich ja gar nicht und nicht für jeden war die Begegnung mit Jesus automatisch eine Veränderung zum Positiven, eine Hinwendung zu ihn, ein Schritt in die Nachfolge.
Ich würde eher sagen: er gab jedem eine Chance, er begegnete jedem unvoreingenommen.

Er steckt die Menschen nicht automatisch in Schubladen:
Ausländer? Für die ist mein Evangelium jetzt noch nicht gedacht.
Samaritaner? Falscher Glaube.
Zöllner? Mit denen hat man keinen Umgang.
Prostituierte? Fernab von jeglicher Moral.
Pharisäer? Unbelehrbar selbstgerecht.
Ein Reicher? Sein Gott ist der Mammon.

Jesus begegnet jeden. Ohne Unterschied. Ohne Schublade.

Und wir? Wie machen wir es?

Ich war diese Woche in München. Und ich musste ca. eine Stunde am Bahnhof auf meinen Zug warten und da hab ich die Zeit genutzt und mir die Menschen angeschaut.
Ich finde das interessant, Menschen anzuschauen. Es ist ja auch noch Oktoberfest. Da gab es sehr viele Menschen und sehr viele waren betrunken.

Menschen sind so unterschiedlich. Jeder ist anders. Jeder einzigartig. Jeder auf seine Art originell.
Wenn man sich im Zoo die Paviane anschaut, dann schauen die alle ziemlich gleich aus. Aber Menschen sind so was tolles, so was faszinierendes. Und jeder ist irgendwie anders und jeder ein bisschen verrückt. Das macht ja auch grad die Einzigartigkeit, die Individualität aus. Und das ist dann auch herausfordernd mit all diesen Einzigartigkeiten umzugehen.

Bei der Rückfahrt dann im Zug: Ziemlich viele Betrunkene. Das Oktoberfest macht’s möglich. Und dann auch so ein typischer Heilsarmee-Klient. Besoffen, ungepflegt, herumpöbelnd, alle blöd anmachend und die ganze Zeit die Klappe offen. Und da hab ich auch gemerkt, mein Herz für solche Menschen, geht nicht über die, die ich persönlich betreue oder mit denen ich auf meiner Arbeitsstelle zu tun habe, hinaus. Ich hab mir dann echt gedacht: Könnte nicht einer dieser kampferprobten Oberbayern im Trachtenanzug, ihn einfach mal ein paar auf´s Maul hauen, damit er ruhig ist. Ernsthaft. (Aber die haben die Schläge leider nur angedroht und dann doch lieber klein beigegeben und das Abteil gewechselt.)

Ich bin nicht in der Lage allen gleich zu begegnen oder überhaupt zu begegnen und schon gar nicht unvoreingenommen.


5. In der Gemeinde

Aber wie soll es bei uns sein? Es gibt eine Grenze. Eine Linie. In unserer Gesellschaft spielt es eine Rolle wer man ist und was man hat. Aber in der Gemeinde, im Reich Gottes - und da wo ich mich bewege, ist ja das Reich Gottes - soll dieser Maßstab nicht gelten, da muss gelten: alle sind gleich, keiner ist mehr wert, d.h. nicht, das ich automatisch mit jedem gleich umgehen muss oder die gleiche Nähe zulasse, aber in der Wertigkeit sind alle gleich, in den Augen Gottes sind alle gleich.

Warum? Weil Jakobus sagt, dass das Gesetz der Freiheit, gemeint ist das Gebot der Nächstenliebe, für alle gilt. Hier gibt es keinen Unterschied in Rang und Ansehen. Der Arme ist genauso der Nächste, wie der Reiche. Für beide gilt das Gebot der Liebe.

Jakobus erklärt es den Adressaten mit dem Beispiel, dass man sich beim Gesetz - das sie ja alle kannten - auch nicht heraus suchen kann, welche Gebote man befolgt und welche nicht, sondern alle befolgen muss; genauso wenig kann man sich heraussuchen welche Nächste man lieben will und welche nicht. Er lehrt also nicht wieder Gesetz, sondern er nimmt es zu Erklärungszwecken, weil er weiß, dass es die Empfänger verstehen.

Diese Ethik ist eine ganz praktische Orientierung für unser Leben.

An späterer Stelle erklärt er, dass sich der Glaube - wenn er echt ist - auch durch Taten ausdrücken wird (Jak. 2, 14 - 26), dass Glaube also nicht einfach irgendetwas Vergeistigtes ist, sondern praktisch lebbar und erlebbar sein muss.

Als Beispiel bringt er an: wenn jmd. bedürftig ist und keine warme Kleidung hat, dann nützt es nichts, wenn man ihm einen Reisesegen mit auf dem Weg gibt, sondern dann braucht er einfach eine warme Jacke.

Glaube war damals sehr praxisbezogen. Es gab viele Arme, da konnte der Glaube sich in der Praxis beweisen. Wir haben heute - eben aus diesem christlichen Glauben heraus - gut funktionierende Sozialsysteme, die die meiste Not auffangen. Wir sind in unseren Alltagssituation nicht so permanent gefordert, wie es damals der Fall war.

Aber der Umgang mit den Menschen fordert uns dennoch auch heute noch heraus.
Schaffen wir es den Menschen unvoreingenommen zu begegnen?
Schaffen wir es allen mit der gleichen Haltung zu begegnen?
Können wir allen die gleiche Wertigkeit zusprechen?

Wenn man einen Menschen liebt, dann begegnet man ihm ganz anders. Das heißt auch
nicht, dass wir zu allem Ja und Amen sagen sollen, was Menschen so tun und treiben. Das hat Jesus ja auch nicht gemacht. Aber wenn man einem Menschen liebt, dann kann man ihm viel wohlwollender begegnen. Die Liebe deckt alles zu, „sie rechnet das Böse nicht an“ (1. Kor. 13,5d Zür.).

Ich komme mit meinen Klienten gut zurecht. Ich habe irgendwie ein großes Herz für sie. Egal wie kaputt oder chaotisch sie auch sind. Egal wie sich sich manchmal benehmen. Aber das hört an meiner Bürotür auf.
Damit meine ich jetzt nicht, dass ich ihnen anders begegne, wenn ich sie außerhalb von meinem Büro antreffe, sondern damit meine ich, dass gilt nicht für die Klienten in den Büros meiner Kollegen.
Da denke ich mir: Boah, der nervt, und nöhlt und tobt hier rum, was für ein Idiot, was für ein Arsch, den hätte ich schon längst rausgeschmissen usw.
Es gibt aber keine wirklichen Unterschiede bei unseren Klienten. Sie sind alle ähnlich. Aber die Wertigkeit, die Bedeutung, die ich ihnen beimesse, kommt durch die persönliche Begegnung, durch die Nähe. Dadurch werden sie zu Personen. Außerhalb sind sie nur Chaoten in Schubladen.

C.S.Lewis oft zitierter Satz (sinngemäß): „Wenn Du jmd. nicht lieben kannst, fang an freundlich zu ihm zu sein.“ Der freundliche Umgang verändert die Sicht und das Herz.

Hierbei dürfen wir immer Gottes Hilfe erbitten.

AMEN.



Dienstag, 31. Januar 2017

Predigt von Norbert Wohlrab zur Jahreslosung 2017 (22.01.2017)

Jahreslosung 2017

Traditionsgemäß werde ich zum Jahresanfang über die Jahreslosung predigen. Sie lautet: 


„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hes. 36,26) 

 
Betrachten wir den Vers zunächst einmal in seinem Zusammenhang.
 

24 „Und ich werde euch aus den Nationen holen und euch aus allen Ländern sammeln und euch in euer Land bringen.
25 Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von all euren Unreinheiten und von all euren Götzen werde ich euch reinigen.
26 Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.
27 Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde machen, dass ihr in meinen Ordnungen lebt und meine Rechtsbestimmungen bewahrt und tut.
28 Und ihr werdet in dem Land wohnen, dass ich euren Vätern gegeben habe, und ihr werdet mir zum Volk, und ich, ich werde euch zum Gott sein.
29 Und ich werde euch befreien von all euren Unreinheiten.“ (Hes.36, 24-29a Rev. Elb.)
 


Wir haben es hier mit prophetischen Aussagen des Hesekiel zu tun. Und wie so oft im AT, sind die Prophetien mehrschichtig, d.h. sie sind auf mehrere Zeitebenen in der Zukunft bezogen.

Was war die Situation? Israel hat - wie so oft in seiner Geschichte - die Wege des Herrn verlassen. Es hat nicht mehr nach seinen Geboten gelebt, hat fremde Götter angebetet, hat Menschenopfer gebracht, den Tempel entweiht und andere Verbrechen getan, wie soziale Unterdrückung, Raub, Inzest usw. Es hat nicht auf die Warnungen und Aufrufe zur Umkehr durch die Propheten gehört. Daher wurde Israel 597 v. Chr. von den Babyloniern erobert. Zunächst wurde König Jojachin und die führende Elite nach Babylon verschleppt - unter ihnen auch der Prophet Hefekiel - und eine Marionettenregierung in Jerusalem eingesetzt. Als diese dann zehn Jahre später gegen Babylon aufbegehrte, wurde Jerusalem zerstört und das Volk Israel 586 v. Chr. in die Gefangenschaft nach Babylon deportiert.

Hesekiel war der Prophet im Exil. Dort im Exil verkündete er dem Volk die Hoffnungsbotschaft, dass sie in die Heimat zurückkehren werden. Und tatsächlich als im Jahre 539 v. Chr. Babylon von den Persern unter Kyros II. erobert wird, können sie in die Heimat zurückkehren und unter Nehemia und Serubbabel wird Jerusalem neu aufgebaut. Nachzulesen in den Büchern Esra und Nehemia.

Dort erfüllt sich der erste Teil der Verheißung. Das Volk Israel kehrt zurück in sein Land. Später wiederholt sich die Geschichte. Jerusalem wird unter den Römern erneut zerstört und das Volk wieder zerstreut um dann im Jahr 1948 wieder in seine Heimat zurückzukehren. Und die Verheißung aus Hesekiel erfüllt sich ein zweites Mal.

Soweit die geographische Wiederherstellung.

Es gibt eine Geschichte von Friedrich dem Großen, der einmal seinen Leibarzt sarkastisch gefragt haben soll: „Nenn´ er mir einen Gottesbeweis, wenn er kann!“ Der soll eine kurze Antwort gegeben haben: „Die Juden - Majestät.“

Wie viele Völker gibt es, die komplett vernichtet wurden? Denken wir nur an die Indianer und Indios in Amerika oder an die Armenier, von denen nur noch wenige übrig sind oder an zahlreiche Stämme in Afrika, die ausradiert wurden.
Wie viele gibt es, die seit Jahrhunderten kein eigens Land haben, wie bspw. die Kurden, eines der ältesten Völker der Welt?
Das Volk Israel dagegen hat nach mehreren Exilen, nach Jahrhunderten der Zerstreuung in alle Welt, nach der Massenvernichtung im Holocaust, nach zahlreichen Angriffen von seinen arabischen Nachbarn usw. immer noch bzw. wieder seinen Platz auf der Landkarte und es wächst und gedeiht.

Aber das Volk Israel soll ja auch innerlich erneuert werden. 
Zunächst spricht Hesekiel von der Reinigung mit Wasser. Dies ist ein Bild, dass den kultischen Vorgaben des AT entspricht. Die Hohepriester, die ja als einziges Zugang zum Allerheiligsten im Tempel hatten, mussten sich zunächst rituell reinigen um Gott begegnen zu können.

„Wenn sie in das Zelt der Begegnung hineingehen, sollen sie sich mit Wasser waschen, damit sie nicht sterben. Oder wenn sie an den Altar herantreten zum Dienst, um für den Herrn ein Feueropfer als Rauch aufsteigen zu lassen, dann sollen sie ihre Hände und ihre Füße waschen, damit sie nicht sterben. Und das soll für sie eine ewige Ordnung sein.“ (2. Mose 30, 20.21a Rev. Elb.)
 

Der Mensch ist unrein und kann Gott ohne (diese wohl symbolische) Reinigung von seiner Unreinheit nicht begegnen. Aber hier ist es Gott, der die Reinigung vollzieht und nicht der Mensch. Das ist jetzt das völlig Neue. Keine Rituale, keine Gesetze, keine Selbsterlösung. Gott allein reinigt und rettet. Christus allein. Solos Christus. Allein aus Gnade. Sola Gratia. Das passt zum Reformationsjubiläum.

„so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in voller Gewissheit des Glaubens, die Herzen besprengt und damit gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser.“ (Hebr. 10,22 Rev. Elb.)

Aber es geht noch weiter. Gott schenkt nicht nur die Reinigung. Das wäre ja zum Zwecke der Erlösung schon völlig ausreichend. Er setzt noch einen drauf und schenkt noch eine Herztransplantation.

„Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“ (V. 26)

Das Herz des Menschen, im biblischen Sinne der Sitz des Lebens, des Wesens, des Charakters, das Zentrum des Denkens, Wollens und Fühlens ist schlecht.

„Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken: Mord, Ehebruch, Unzucht, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerungen“ (Mt. 15,19 Rev. Elb.)

So schaut´s aus. Das ist die göttliche Einschätzung des menschlichen Wesens.
Hier hilft keine Maniküre, keine äußerliche Reinigung, kein Hände und Füße waschen, keine neue Frisur, kein neuer Anzug. Hier hilft kein neuer Job und kein neues Auto. Und auch keine neue Frau und kein neuer Mann. Auch keine neue Religion und kein neuer Meditationsweg. Auch kein Jakobsweg und keine andere Ernährung. Keine noch so guten Vorsätze. Nicht einmal ein Präsidentenamt. Nichts, was der Mensch irgendwie tun könnte, würde an seinem Grundwesen etwas ändern.

„denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an“ (1. Mose 8,21b Rev. Elb.)

Es langt also nicht aus die Herzenshaltung zu ändern. Zuerst bedarf es eines neuen Herzens. Die Prophetie des Hesekiel verbindet dies mit einem neuen Geist. Ein neues Herz und ein neuer Geist.

Die Erfüllung dieser Verheißung begann für Israel und für alle Menschen am ersten Pfingsten. Durch die Hinwendung zu Christus und den Empfang des Heiligen Geistes vollzog sich diese Herztransplantation.

„Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern und allen, die in der Ferne sind, so viele der Herr, unser Gott, berufen wird.“ (Apg. 2, 38.39 Rev. Elb.)
 

Tut Buße. Also stimmt mit Gott überein, dass Ihr Sünder seid und Euch nicht selbst erlösen könnt. Lasst Euch taufen auf den Namen Jesu. Drückt dadurch aus, dass Ihr Euer Vertrauen auf Erlösung einzig und allein auf Jesus Christus setzt. Solus Christus. Und dann empfangt den Heiligen Geist. Und dies ist die Verheißung, die an verschiedenen Stellen im AT angekündigt wurde. Hesekiel, Joel, Jeremia etc.

Und dieser Geist ist es, der in uns die Umgestaltung unseres Wesens bewirkt. Der - bildlich gesprochen - das steinerne Herz entfernt und ein fleischernes einsetzt. Der uns den Wunsch und den Willen gibt jesusgemäß zu leben. Diese Veränderung ist so gewaltig, dass die Bibel von einer neuen Schöpfung, einer neuen Kreatur, einem neuen Menschen spricht. (2. Kor. 5,17)

„Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der Herr: ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben. Und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Dann wird nicht mehr einer seinen Nächsten oder seinen Bruder lehren und sagen: Erkennt den Herrn! Denn sie alle werden mich erkennen von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten, spricht der Herr. Denn ich werde ihre Schuld vergeben und an ihre Sünde nicht mehr denken.“ (Jer. 31, 33.34 Rev. Elb.)

Für das Volk Israel ist diese Verheißung erst punktuell erfüllt, da sie Jesus als Messias ja abgelehnt haben. Nur die an Christus glaubenden Juden erleben sie schon. Aber wir sind schon mittendrin.

„denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der gegeben worden ist.“ (Röm. 5,5b Rev. Elb.)

Wir sind nun in der komfortablen Situation, dass wir durch den in uns wohnenden Geist eine Verbindung zum Vater haben, dass wir Gott erkennen, mehr und mehr erkennen und dadurch seinen Willen teilen.

Nicht wie Marionetten, sondern wie Prinzen und Prinzessinnen. Wir tragen seine DNA in uns. Und jetzt geschieht das Erstaunliche: wir brauchen seine Gebote eigentlich gar nicht mehr.

„indem er dies weiß, dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist, sondern für Gesetzlose und Widerspenstige, für Gottlose und Sünder, für Heillose und Unheilige, Vatermörder und Muttermörder, Mörder, Unzüchtige, Knabenschänder, Menschenräuber, Lügner, Meineidige…“ (1. Tim. 1, 8b-10 Rev. Elb.)

Diejenigen, die Gott nicht kennen, brauchen das Gesetz, damit sie eine moralisch-ethisch-soziale Orientierung haben, diejenigen, die den Heiligen Geist in ihrem Herzen haben, leben gemäß der DNA Gottes. Wenn Du ein Elektroauto hast, dann brauchst Du kein Benzin mehr.

Natürlich sind das alles Wachstumsprozesse. Die Früchte des Geistes, die Früchte der Liebe wachsen in uns. Und wenn jmd. frisch dabei ist sein Leben mit Jesus zu leben, ist es hilfreich eine ethisch-moralische Instanz außerhalb von sich selbst zu haben, an der man sich orientieren kann. Das sagt Paulus auch vorher:

„Das Gesetz ist, wie wir alles wissen, gut und nützlich – vorausgesetzt, man wendet es in der ihm angemessenen Weise an.“ (1. Tim. 1,8 NGÜ)
 

Also nicht als Heilsweg, sondern als Hilfestellung, als Orientierungshilfe auf dem Weg der Liebe. Denn wir wissen, wie es Luther so schön ausdrückte (wenn auch theologisch nicht korrekt, weil es eigentlich um das schwache Fleisch geht und nicht um den alten Adam, da dieser ja mit Jesus gekreuzigt wurde):

„Der alte Adam in uns soll ersäuft werden. Nimm dich aber in acht, das Aas kann schwimmen!“ (Luther)
 

Wir haben ein neues Herz. Ein Herz der Liebe. Einen neuen Geist. Den Heiligen Geist. Ohne dies alles wäre es für uns sehr schwierig einander zu lieben, den Nächsten zu lieben, Gott zu lieben. So ist es uns möglich.

Das befreit uns nicht davor auf unser Herz zu achten. Manchmal ziehen dunkle Wolken darüber. Manchmal wird uns Gift injiziert. Manchmal injizieren wir es sogar selbst.

Daher benötigen wir manchmal Seelsorge und Gebet, manchmal innere Heilung und Befreiung, manchmal Ermutigung, manchmal brauchen wir einfach nur einander. Wäre dies nicht so, wäre das NT nicht voll von Ratschlägen und Hilfestellungen:

Ermahnt einander, ermutigt einander, tröstet einander, tragt einander die Lasten, lacht miteinander, weint miteinander.

„Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden-„ (2. Kor. 5,17 Rev. Elb.)

Wenn wir zu Christus gehören, sind wir neue Menschen, haben ein neues Herz, haben seinen Geist. Dies sind Gottes Zusagen. Dies gilt auch, wenn es im Alltag einmal anders aussieht. Dann gilt:

„dass, wenn das Herz uns verurteilt, Gott größer ist als unser Herz und alles kennt.“ (1. Joh. 3,20 Rev. Elb.)

AMEN.

Sonntag, 13. März 2016

Predigt von Norbert Wohlrab (13.03.2016)

Mühselig und beladen. mp3


Mühselig und beladen


1. Einleitung

Für den heutigen Sonntag ist mir ein Bibeltext aus dem Matthäus-Evangelium wichtig geworden, den wir alle nur zu gut gehen:

„Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben. Nehmt auf euch mein Joch, und lernt von mir! Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und "ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen“; denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Mt. 11, 28-30 Rev. Elb.)

 
Jesus spricht also: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ Dieser Vers ist uns allen bekannt, egal ob wir nun Anfänger im Bibellesen sind oder sie noch gar nicht gelesen haben oder schon Fortgeschrittene sind. Diese Einladung, den sogenannten Heilandsruf haben wir irgendwo schon mal gehört Er ist uns allen vertraut.

Ich habe im Internet ein Beispiel gelesen, dass wenn ich jetzt in einer afroamerikanischen Gemeinde irgendwo in New York, in Harlem oder Brooklyn fragen würde: „Wer von Euch ist denn beladen?“, dann würde sofort ein großer Teil der Anwesenden die Hände heben und nach vorne stürmen, weil genau sie sich mühselig und beladen fühlen und Gebet brauchen. Der Rest der Gemeinde würde das Ganze mit lauten Singen und Beten und „Halleluja“- und „Amen“-Rufen begleiten. Aber auch sie würden sich selbst selbstverständlich als mühselig und beladen definieren.

Und hier bei uns?
Haben nicht auch wir vielfach schwer zu tragen in unserem Leben?
Sind nicht auch wir häufig schwer belastet und beladen?
In unserem Alltag: in der Arbeit, in der Familie? Oder durch Krankheit und Leid ?

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Mt. 11,28 Luther)

Brauchen nicht auch wir diese Erquickung, wie es Luther übersetzt?

Wünschen wir uns nicht, dass irgendwie alles gut wird, alle Probleme werden gelöst, endlich auftanken, rund-um-versorgt sein wie ein Säugling an der Brust der Mutter, all-inclusive wie auf dem Kreuzfahrtschiff, Sonne und Strand, Karibik und Cocktails, Wellness bis zum Abwinken, Auszeit und Massage, ganzheitliche Erquickung aus dem Gebetsautomaten Gottes, alles wird gut. Eine Art christliches Schlaraffenland.

Liebe Gemeinde, ich habe jetzt bewusst überzeichnet, aber solche oder zumindest so ähnliche Gedanken haben wir schon beim Lesen dieses Verses:

„Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen.“ (Mt. 11,28 NGÜ)

aber ich befürchte, Jesus meint hier etwas ganz anderes.



2. Befreiung von religiösen Lasten

Gewiss werden wir im NT - Gott sei Dank - eingeladen unsere Sorgen und Nöte ihn hinzubringen, auf ihn zu werfen und loszulassen. Und ich weiß gar nicht, wie ich ohne dies leben könnte. Das Leben wäre zumindest viel schwerer, düsterer, belasteter. Aber hier bei diesem Heilandsruf geht es Jesus um eine ganz andere, um eine ganz spezielle Art von Last.

Vergegenwärtigen wir uns zunächst einmal das Umfeld an in dem Jesus hier diese Aussage trifft. Jesus ist gerade mit seinen Jüngern in Galiläa unterwegs um das Reich Gottes zu verkünden. Da kommt eine Gruppe von Johannesjüngern zu ihm. Sie wollen wissen, ob Jesus der Messias ist. Er spricht dann zu einer nicht genauer definierten Menge, die sich also aus seinen Jüngern, den Johannesjüngern und den übrigen Menschen zusammen setzt, die gekommen sind um ihn zu hören.

Diese Menschen haben alle (oder zumindest zum größten Teil) etwas gemeinsam: es sind fromme, religiöse Menschen.
Die Zeit Jesu war allgemein eine Zeit hoher Frömmigkeit im Judentum. Es gab keine Hurerei mit fremden Göttern. Es gab viele radikale religiöse Gruppen und Sekten, die Pharisäer und Sadduzäer, die Essener uvm. Außerdem gab es eine hohe Messias-Erwartung. Erst hat man gedacht, Johannes könnte der Gesalbte sein, nun fragt man sich, ob Jesus es sein könnte.

Seine Zuhörer sind also größtenteils Menschen, die versuchen „richtig“ zu leben, die versuchen nach dem Willen Gottes zu leben. Menschen die das Gesetz und die religiösen Vorschriften der damaligen Zeit kennen und danach streben, sie zu befolgen. Menschen die versuchen, die 613 Gebote des AT plus die zahlreichen weiteren Vorschriften der Pharisäer usw. einzuhalten. Es sind Menschen, die nach dem Frieden mit Gott, nach Erlösung, nach Ruhe in Gott suchen und sie durch das Befolgen der Gesetze und Vorschriften zu erlangen hoffen.

Und mit diesen Vorschriften und Gesetzen plagen und quälen sie sich ab. Von ihnen werden sie erdrückt. Die Gebote und das Gesetz sind schon schlimm genug und unhaltbar. So schlimm, dass Paulus sie als Dienst des Todes bezeichnet (2. Kor. 3,7). Aber nun kommen auch noch die Pharisäer mit ihren zusätzlichen Vorschriften, von denen Jesus sagt:

„Sie binden aber schwere und schwer zu tragende Lasten zusammen und legen sie auf die Schultern der Menschen. (Mt. 24,4 Rev. Elb.)

Hiermit haben sich die Menschen geplagt. Damit haben sie gekämpft und gerungen. Sie waren mühselig. Hatten also Mühe für ihre Seele, in der deutschen Übersetzung des Wortes kommt das ganz gut rüber.
Die Frage, die sie gequält hat, war auch die uns bekannte Frage eines Martin Luthers: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“
„Wie bekomme ich Frieden mit Gott?“
„Wie kann ich in die Ruhe Gottes eingehen?“

Und Ruhe meint hier ja nicht nur: cool down, chillen und immer schön locker bleiben. Es meint die Ruhe durch den Frieden mit Gott.

„So spricht der HERR: Tretet auf die Wege, seht und fragt nach den Pfaden der Vorzeit, wo denn der Weg zum Guten sei, und geht ihn! So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ (Jer. 6,16 Rev. Elb.)

Es geht hier also nicht um die Mühsal des Alltags:

  • um die Lasten die ein Bauer bei der kargen Erntearbeit zu tragen hat oder
  • um die kinderlose Witwe deren Mann zu früh verstorben ist und die nun von Almosen leben muss oder
  • um den Sklaven, der unter den Gewaltausbrüchen seines Herrn zu leiden hat oder
  • um den Viehhirten, der einen Arm beim Kampf gegen einen Berglöwen verloren hat usw.

Diesen Alltagsnöte von Tausenden hätte Jesus als einzelner Mensch ja auch gar nicht abhelfen können. Allerhöchstens punktuell. Hier hätte er viele enttäuschen müssen. Nein, ihm geht es hier um das Seelenheil.

„Kommt zu mir“ ist der weitgehend identische Ruf mit dem uns bekannten „Folget mir nach“. Es geht um die Einladung sein Heil, seine göttliche Ruhe in Jesus zu finden. Ruhe für die Seele, nicht durch das ängstliches Befolgen von Vorschriften und durch Abmühen, sondern durch das Annehmen des Geschenkes der Gnade, des Heils aus seiner Hand.

Es gibt einen Text beim Propheten Jesaja, an dem ich in diesem Zusammenhang wieder denken musste:

„Auf, ihr Durstigen, alle, kommt zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt, kauft und esst! Ja, kommt, kauft ohne Geld und ohne Kaufpreis Wein und Milch! Warum wiegt ihr Geld ab für das, was kein Brot ist, und euren Verdienst für das, was nicht sättigt? Hört doch auf mich, und esst das Gute, und eure Seele labe sich am Fetten! Neigt euer Ohr und kommt zu mir! Hört, und eure Seele wird leben! Und ich will einen ewigen Bund mit euch schließen, getreu den unverbrüchlichen Gnadenerweisen an David.“ (Jes. 55,2 Rev. Elb.)

Es gibt kein Geld, keine Mühe, kein Werk, dass es ermöglicht selbst in die Ruhe Gottes zu kommen. Es ist alles umsonst, weil alles umsonst ist. Alles Bemühen ist nutzlos, weil alles gratis ist.


3. Aufruf

„…alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist.“ (Röm. 3, 23.24 Rev. Elb.)

Alle umsonst? Alle, die danach suchen. Die nach der Ruhe, nach dem Heil trachten, die sich Rechtfertigung wünschen. Wenn ich nicht danach suche, kann ich den Heilandsruf ja auch nicht hören. Wenn ich kein Interesse am Heil, keine Sehnsucht nach meiner Erlösung habe, kann ich auch nicht hören, wie Jesus mich einlädt zu ihm kommen und zu glauben, dass er der Heiland ist, dass er für mein Heil vorgesorgt hat.

Aber wenn ich es höre, dann kann ich sagen: „Ja, Herr. Ich glaube! Ich erkenne, dass ich ein Sünder bin und ich brauche Deine Vergebung und nehme sie für mich persönlich an. Danke, dass Du für meine Schuld gestorben bist.“ 


So wird man Christ. Nicht durch ein bisschen Wasser auf den Kopf in einer Lebensphase, wo der Kopf noch gar nicht richtig ausgebildet ist, sondern durch das persönliche Annehmen der Vergebung Gottes ermöglicht durch den Tod von Jesus Christus am Kreuz. Denn auch wenn es für mich umsonst ist, hat es Jesus doch einiges gekostet.

Und dann passiert es: kaum mal nicht aufgepasst, schon hab ich ein Joch um den Hals. Es heißt ja, dass wir sein Joch aufnehmen sollen.

Bob Dylan singt in einem Lied :

„You're gonna have to serve somebody,
It may be the devil or it may be the Lord
But you're gonna have to serve somebody.“.


(„Gotta Serve Somebody“, 1979 auf „Slow Train Coming“)

Irgendjemanden musst Du dienen. Irgendein Joch wirst du immer tragen, ob Du willst oder nicht.

Mache ich mich zum Sklaven des Materialismus oder des Konsums?
Trage ich das Joch des beruflichen Erfolges?
Versuche ich mein Heil in der Esoterik zu finden?
Werde ich zum Sklaven meines Freizeitgenusses?
Oder versuche ich einfach nur in aller Selbstbestimmtheit mir mein eigenes Ich als Joch zu zimmern und aufzuerlegen?

Irgendein Joch wirst Du tragen. Der Unterschied ist der, das Joch, das Jesus mir auflegen möchte, ist nicht schwer. Es ist ein leichtes Joch. Es drückt nicht, es schneidet nicht ein. Sein Joch ist sanft, weil er sanftmütig ist. Er fordert uns auf von ihm zu lernen. Er zwingt uns nichts auf.

Sein Joch heißt einfach: „Glaube an mich. Nimm meine Vergebung an. Lebe in meiner Liebe….und gib meine Liebe weiter.“ Und sogar dabei hilft er uns. In einem Joch sind ja zumeist zwei Tiere eingespannt, die gemeinsam daran ziehen. Jesus spannt sich selbst mit ein. Er zieht mit uns. Wir können nicht nur an seinem Vorbild lernen, er gibt uns auch noch den Heiligen Geist, der uns vieles erst ermöglicht.

In den Apokryphen gibt es bei Jesus Sirach einen interessanten Text, der sowohl Elemente des Heilandsrufs, als auch der vorhin gelesenen Stelle aus Jesaja beinhaltet. Dort ist es die Weisheit, die beschrieben wird. Die Weisheit ist ja vielfach auch ein Bild für Jesus.

„Kehrt bei mir ein, ihr Unwissenden, verweilt in meinem Lehrhaus! Wie lange noch wollt ihr das alles entbehren und eure Seele dürsten lassen? Ich öffne meinen Mund und sage von ihr: Erwerbt euch Weisheit, es kostet nichts. Beugt euren Nacken unter ihr Joch und nehmt ihre Last auf euch! Denen, die sie suchen, ist sie nahe, und wer sich ihr ganz hingibt, findet sie. Seht mit eigenen Augen, dass ich mich nur wenig bemühte, aber viel Ruhe gefunden habe. Hört auf meine knapp bemessene Lehre! Durch sie werdet ihr viel Silber und Gold erwerben. Eure Seele freue sich an meinem Lehrstuhl, meines Liedes sollt ihr euch nicht schämen.“ (Jesus Sirach 51, 23 - 28 EÜ)



4. Fromme Lasten der Christen

Und wie ist es bei uns Christen, wenn wir schon länger im Prozess der Nachfolge stehen? Sicher, auch wir laufen hin und wieder Gefahr es machen zu wollen, wie das Volk Israel in der Wüste: die Schnauze voll vom Manna zu haben und zurück zu wollen zu den Fleischtöpfen Ägyptens. In einer Art Verklärung der Vergangenheit.

Aber die größte Gefahr liegt eher darin, dass wir hergehen und auf das leichte Joch Jesu noch viele zusätzliche Lasten drauf legen. Auch bei den frommen Juden waren es nicht immer die anderen, die ihnen die Lasten aufgelegt haben, nein, mit vielen Gewichten haben sie sich selbst belastet. Und was ich meine ist, dass wir die Freiheit des Evangeliums mit zahlreichen frommen Lasten verschütten:



  • den Zehnten zu geben
  • keinen Alkohol zu trinken
  • mehrere Stunden am Tag zu beten (Ich war mal auf einem Seminar, da hat der Prediger, der seinen Aussagen zufolge schon mehrere Tote auferweckt hat, gesagt, dass geht nur mit 8 Stunden Gebet täglich. Mir war dann klar, wer wohl nicht dazu berufen ist, Tote aufzuerwecken.)
  • mehrmals täglich in der Bibel zu lesen
  • auf keinen Fall einen Gottesdienst zu versäumen
  • bestimmte Kleidung zu tragen oder nicht zu tragen
  • immer zu lächeln
  • ….

Wie schnell wird aus der Freiheit etwas zu tun oder zu lassen, ein Zwang, eine Pflicht, ein Gesetz, eine Last.
Aus der Freiheit Geld zu geben, wird ein Zwang („einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“ 2. Kor. 9,7 Luther).
Aus der Freiheit in den Gottesdienst zu gehen, wird ein Zwang.
Aus dem Geschenk der Gemeinschaft mit Gott und den Geschwistern, wird ein Zwang.
Aus dem Geschenk des Gebets und der Bibel, wird ein Zwang.
Zwang, Zwang, Zwang.
„Wem der Teufel nicht bremsen kann, den treibt er!“, heißt es.

Versteht mich nicht falsch. Es ist alles richtig. Es ist richtig zu spenden, zu beten, die Bibel zu studieren, in den Gottesdienst zu gehen usw. Aber nicht aus Zwang, aus Leistung, als Gesetz. Denn dann wird es genau wieder zu der Last, die uns Jesus doch abnehmen möchte, sondern aus Freiheit.

„Für die Freiheit hat Christus uns frei gemacht. Steht nun fest und lasst euch nicht wieder durch ein Joch der Sklaverei belasten!“ (Gal. 5,1 Rev. Elb.)


AMEN.

Dienstag, 27. Januar 2015

Predigt von Norbert Wohlrab zur Jahreslosung 2015 (25.01.2015)

Jahreslosung 2015


Heute wollen wir uns gemeinsam mal ein paar Gedanken zur Jahreslosung 2015 machen.

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“ (Röm 15,7, Luther)

Eigentlich eine klare und verständliche Aussage: „Einander annehmen!“ Das ist schnell verstanden, leicht gesagt und doch oft schwer getan. Aber bevor wir anfangen unser Leben im Licht dieses Verses zu bespiegeln, wollen wir erst mal verstehen um was es Paulus hier eigentlich geht.

Der Vers stammt aus dem Brief an die Christen in Rom. Rom war eine Millionenstadt. Ein Schmelztiegel an Kulturen und religiösen Kulten. Menschen von ganz unterschiedlicher Herkunft lebten dort zusammen. Freie und Sklaven. Die gleiche ethnisch-kulturelle Vielfalt fand man auch in der christlichen Gemeinde. Nach dem für einige Jahre die Juden aus Rom vertrieben waren, waren sie mittlerweile wieder ansässig und so bestand die Gemeinde aus Heidenchristen und Judenchristen, die wahrscheinlich die Minderheit bildeten. Paulus kannte die Gemeinde noch nicht persönlich, aber er kannte einige ihrer Mitglieder, die er auf seinen Missionsreisen kennengelernt hat und teilweise sogar selbst nach Rom geschickt hatte.

Paulus legt in diesem Brief das Evangelium der Gnade dar, er spricht über die Befreiung von Sünde und Gesetz, erklärt die Bedeutung Israels im Heilsplan Gottes und geht zum Abschluss auf die Probleme im Miteinander zwischen den jüdischen und heidnischen Gläubigen und die drohende Spaltung ein.

Welches sind die Probleme?

Zunächst erinnert er sie noch einmal an verschiedene Grundprinzipien des christlichen Lebens und Zusammenlebens:

Stellt euer Leben Gott zur Verfügung! Das ist der wahre Gottesdienst! (Röm, 12,1)
Ihr seid ein Leib in Christus! (12,5)
Seid herzlich in der Bruderliebe! (12,10) Seid gleich gesinnt! (12,16)
Seid einander nur schuldig Euch zu lieben, so lebt Ihr nach dem Wesen des Gesetzes! (12,8)
Denkt daran, dass Jesus bald wieder kommt! Lebt entsprechend dem Wesen Jesu! (13,11-14)

Das waren so ein paar der allgemeinen Aussagen. Und dann kommt er auf ihren Konflikt zu sprechen. Letztlich geht es auch hier um den in vielen Gemeinden immer wieder auftretenden Konflikt zwischen Judenchristen und Heidenchristen über den richtigen heiligen Lebensstil in den Fragen des Essens und der Feiertage.

„Den Schwachen im Glauben aber nehmt auf, doch nicht zur Entscheidung zweifelhafter Fragen! Einer glaubt, er dürfe alles essen; der Schwache aber isst Gemüse. (Kraut, Luther 1545) Wer isst, verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, richte den nicht, der isst! Denn Gott hat ihn aufgenommen. Wer bist du, der du den Hausknecht eines anderen richtest? Er steht oder fällt dem eigenen Herrn. Er wird aber aufrecht gehalten werden, denn der Herr vermag ihn aufrecht zu halten. Der eine hält einen Tag vor dem anderen, der andere aber hält jeden Tag gleich. Jeder aber sei in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt! Wer den Tag beachtet, beachtet ihn dem Herrn. Und wer isst, isst dem Herrn, denn er sagt Gott Dank; und wer nicht isst, isst dem Herrn nicht und sagt Gott Dank. Denn keiner von uns lebt sich selbst, und keiner stirbt sich selbst. Denn sei es auch, dass wir leben, wir leben dem Herrn; und sei es, dass wir sterben, wir sterben dem Herrn. Und sei es nun, dass wir leben, sei es auch, dass wir sterben, wir sind des Herrn.“ (Röm. 14, 1- 8 Rev. Elb.)

Es ging um doch so scheinbar banale Fragen nach dem, was man essen und trinken darf und welcher Feiertag zu halten sei.  Die jüdisch geprägten Christen hatten da ganz andere Vorstellungen, als die aus dem heidnischen Lager. Für die einen musste das Essen koscher sein gemäß den jüdischen Speisevorschriften und Schweinefleisch ging natürlich gar nicht, die anderen hatten dagegen Probleme mit dem Götzenopferfleisch vom Wochenmarkt. Wiederum andere - die Starken - wussten, dass sie frei waren von jeglichen Gesetz und Götzen, und hatten überhaupt kein schlechtes Gewissen. Die konnten fröhlich sowohl Schweinefleisch, als auch Götzenopferfleisch essen.

Genauso beim Sabbat, die einen glaubten unbedingt den Sabbat halten zu müssen, die anderen gar keinen Feiertag.

Für die Konfliktparteien waren es keine banalen Fragen, für sie ging es um ihre innerste Überzeugung, um ihre theologische Erkenntnis, exklusiv mit ihrer Ansicht und dem diesbezüglichenLebensstil Gott zu ehren. Die anderen dagegen waren falsch gewickelt. Und deshalb hat jeder den anderen abgelehnt und gerichtet, das Gewissen des anderen gerichtet, die Freiheit des anderen gerichtet.

Und Paulus sagt ihnen dann: Leute, hört auf einander zu richten! Verachtet einander nicht! Das ist nicht Eure Aufgabe und dazu habt Ihr ohnehin kein Recht, weil Ihr nicht der Chef, der Herr des anderen seid! Jeder soll in diesen Fragen die Freiheit haben nach seinem Gewissen zu handeln. Schaut vielmehr darauf, dass Ihr einander keinen Anstoss gebt.

„Lasst uns nun nicht mehr einander richten, sondern haltet vielmehr das für recht, dem Bruder keinen Anstoß oder kein Ärgernis zu geben! Ich weiß und bin überzeugt in dem Herrn Jesus, dass nichts an sich unrein ist; nur dem, der etwas als gemein ansieht, dem ist es unrein. Denn wenn dein Bruder wegen einer Speise betrübt wird, so wandelst du nicht mehr nach der Liebe. “ (Röm. 14, 13 - 15a Rev. Elb.)

Für Gott ist zwar alles rein, aber wenn der jüdische Bruder keine Schweinefleisch essen kann, dann verzichtet man in seiner Gegenwart darauf und wenn der heidnische Bruder, kein Götzenopferfleisch essen kann, dann verzichtet man in seiner Gegenwart darauf, denn

„…das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.“ (Röm. 14,17 Rev. Elb.)

Nach diesem Maßstab sollen sie leben. Und die Starken sollen dabei die Schwachen tragen.

„Wir aber, die Starken, sind verpflichtet, die Schwachheiten der Kraftlosen zu tragen und nicht uns selbst zu gefallen.“ (Röm. 15,1 Rev. Elb.)
Die Starken waren die, die die christliche Freiheit im vollen Umfang erkannt haben. Die Schwachen diejenigen, deren Gewissen ihnen nicht alle Freiheiten ließ. Und wer stark ist, der ist dann auch in der Lage aus seiner Freiheit heraus freiwillig verzichten.

„Es ist gut, kein Fleisch zu essen noch Wein zu trinken noch etwas zu tun, woran dein Bruder sich stößt…Jeder von uns gefalle dem Nächsten zum Guten, zur Erbauung!“ (Röm. 14,21+15,2 Rev. Elb.)

Und am Ende dieser Erklärungen steht dann jetzt endlich der Vers der Jahreslosung als eine Art Fazit:

„Deshalb nehmt einander auf, wie auch der Christus euch aufgenommen hat, zu Gottes Herrlichkeit!“ (Röm. 15,7 Rev. Elb.)

Und Ihr habt gemerkt, der Vers klingt jetzt in der Elberfelderübersetzung ein bisschen anders. Hier heißt es nämlich aufnehmen. Wie aufnehmen? Wie jetzt? Geht es nicht um gegenseitige Annahme?

Das gr. Verb „proslambánō“ lässt sich zwar mit beidem übersetzen, aber ich bevorzuge das praktische „aufnehmen“ der Elberfelder-Übersetzung, weil damit deutlich wird, worum es eigentlich geht.
Es geht eben nicht nur um tolerieren, den anderen zu ertragen ohne ihn gleich zu erschlagen, sondern es geht um die ganzheitliche Aufnahme in die Gemeinschaft, in die Tischgemeinschaft, in den Kreis der verschiedenen Hausgemeinden und Gruppen, in die Abendmahlsgemeinschaft, in das gemeinschaftliche Essen und Feiern. Annehmen ist nur ein kleiner Teil davon. Aufnehmen ist ein viel intensiverer und intimerer Ausdruck von geschwisterlicher Liebe.

Genauso wie Christus Euch, wie er uns in seine Gemeinschaft aufgenommen hat. Christus akzeptiert uns nicht einfach als Sünder, sondern er nimmt uns auf in seine heilende, gerechtmachende und befreiende Gemeinschaft.

In der English Standard Version heißt dieser Vers so schön:

„welcome one another as Christ has welcomed you, for the glory of God.“

Und Christus hat uns nicht ins Nichts aufgenommen, sondern in „Gottes Herrlichkeit!“

Es geht hier meiner Meinung nach nämlich nicht darum, dass der richtige Umgang mit dem Bruder, das An- und Aufnehmen des Andersartigen zum Lob Gottes dient, obwohl das sicherlich nicht falsch ist, im Gegenteil das ist Ausdruck eines gottgefälligen Lebensstil, aber ich denke nicht das, was Paulus hier ausdrücken will.
Sondern es geht darum, dass Christus uns bereits zur Herrlichkeit Gottes oder zur Ehre Gottes oder zum Glanz Gottes (gr. „doxa“) aufgenommen hat.

Dieser Vers steht im Gegensatz zur Aussage vom Beginn des Briefes, wo Paulus darstellt:

„denn alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes“, (Röm. 3,23 Rev. Elb.)
Kein Mensch ist zur Herrlichkeit Gottes gelangt hat, aber jetzt durch Christus sind wir aufgenommen zur Herrlichkeit Gottes, d.h. durch das perfekte Opfer Christi treten wir ein in seine Herrlichkeit und sein Glanz kommt auf uns.

Es ist noch nicht so physisch wahrnehmbar, wie bei der Verklärung Jesu (Mt. 17), als sein Angesicht glänzte oder bei Mose in der Stifthütte, als sein Gesicht die Herrlichkeit Gottes widerspiegelte (2. Mo. 34,35), aber trotzdem schon durch unser Leben spürbar, wenn Jesus Christus in uns lebt und sein Wesen in uns Gestalt annimmt.

Nach diesen jetzt eher theologischen Abhandlungen, stellt sich wieder mal die Frage, was hat dieser Vers mit uns im Jahre 2015 zu tun?

Wer sind heute die Schwachen? Wer sind heute die Konfliktparteien im Leib Christi? Was gibt es heute noch für Überzeugungen, für die Christen über Leichen gehen?

Wir leben hier in der CGF ja auf einer Insel der Glückseligen. Wir sind stark im Glauben und genießen viele Freiheiten, Wir haben vieles schon hinter uns. Wir sind so homogen, dass es vielleicht schon kontraproduktiv ist. Aber wenn ich im Internet mal so in verschiedenen Foren schaue, dann erschreck ich immer wieder wie viele unreife, engstirnige, besserwisserische und gesetzliche Christen da unterwegs sind, deren Hauptanliegen es zu sein scheint, andere zu belehren. Viele Kämpfe, die ich schon für ausgestorben hielt, werden da kultiviert.

Charismatiker gegen Evangelikale, Evangelikale gegen Liberale, Lutherische gegen Katholiken, Glaubenstäufer gegen Kindertäufer, militante Vegetarier/Veganer gegen Fleischesser, Konsumverweigerer gegen Konsumierer, TV-Verweigerer gegen TV-Glotzer, Gepiercte gegen Nicht-Gepiercte, Tätowierte gegen Nicht-Tätowierte, Radikalpazifisten gegen Berufssoldaten, Gesangbuchsänger gegen Lobpreisrocker, Weihnachtsverweigerer gegen Weihnachtszelebrierer, Abstinenzler gegen Alkoholtrinker, Gemeindebauer gegen Schäfchenklauer, Folie gegen Beamer…..oder Deutsch-Nationalisten gegen Ausländerfreundliche.

Das „Erschreckende“: Jesus hat alle an seinen Tisch geladen! Unglaublich. Er hat sie nicht nur angenommen, er hat sie aufgenommen in seine Gemeinschaft. Leute, mit denen wir normalerweise nichts zu tun hätten. Wir würden einfach getrennte Wege gehen. Solche Leute sind Teil seiner Gemeinschaft. Haben Teil an der Herrlichkeit Gottes. Solche Leute sollen auch wir aufnehmen, annehmen.

Gemeinde Jesu ist bunt. Sie ist vielfältig. Und war es schon immer: Arme und Reiche, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Juden und Araber, Europäer und Afrikaner, Deutsche und Türken, Frauen und Männer, Popfans und Chorsänger, nüchterne und emotionale, zurückhaltende und extrovertierte, spontane und besonnene Menschen…..

Gemeinde Jesu fordert uns heraus. Diese Vielfalt fordert uns heraus. Wie sonst sollten wir lieben lernen, Demut einüben, sich selbst verleugnen? In einer Interessengruppe, wo jeder auf der gleichen Welle liegt, braucht man sich nicht bemühen.

Die Jahreslosung soll für uns ein Ansporn, eine Erinnerung sein, die unangenehmen Geschwister in unsere Gemeinschaft, an unseren Tisch, an meinen Tisch zu holen. Sie willkommen zu heißen, so wie Jesus uns willkommen geheißen hat.

„Vater mach uns eins, dass die Welt erkennt, er hat den Sohn gesandt!“ (Liedtext)
AMEN.

Sonntag, 23. November 2014

Predigt von Norbert Wohlrab (23.11.14)

Die Bindung Isaaks
 
Die Bindung Isaaks.mp3

1. Die Person Isaaks

Vor kurzem habe ich den Rundbrief von „Juden für Jesus“ erhalten und darin war u.a. nur in einem Nebensatz von der Akidat Yizhak (dem Binden Isaaks, der Bindung Isaaks) die Rede. Irgendetwas hat mich an diesem Bild angesprochen und so dachte ich, es wäre interessant dies etwas tiefer zu erkunden.

Doch zunächst erstmal zur Person Isaaks.

Aber erst mal ein Witz: Ein schöner Sommermorgen. Isaak spaziert im Stadtpark, ein Hündchen läuft hinter ihm her. Da kommt ein Polizist und sagt streng: „Nehmen Sie den Hund an die Leine! Sonst zahlen Sie Strafe!“ Isaak geht wortlos weiter. Der Polizist wird böse: "Wenn Sie nicht sofort den Hund an den´ Riemen nehmen, zahlen Sie eine Geldbuße!“ Isaak geht weiter. Da zieht der Polizist sein Notizbuch hervor, schreibt etwas hinein und reicht das Blatt Isaak mit dem Befehl: „Zehn Euro!“ Isaak bleibt stehen: "Warum soll ich zahlen? Das ist doch nicht mein Hund!“ "So? Und warum läuft er Ihnen nach?“ "Nun - Sie laufen mir doch auch nach und sind nicht mein Hund..."

Isaak erhält seinen Namen direkt von Gott (1. Mose 17,19). Evt. ist es die Kurzform von „Gott lächelt dem Kind zu“, „Gott hat gelacht“, „Gott hat gescherzt“, „Gott hat jmd. zum Lachen gebracht“. Er bedeutet soviel wie Gelächter, Lacher, man lacht o.ä.
Die Namenswahl geht wohl darauf zurück, dass sowohl Abraham als auch Sarah mehrfach bei der Ankündigung durch Gott, dass sie im hohen Alter noch ein Kind bekommen werden, gelacht habn, man kann fast sagen, Gott ausgelacht haben.

Von seinem Leben wird uns nur wenig berichtet:
- als Kind wurde er von seinem Halbbruder Ismael gehänselt und schikaniert (1. Mose 21,8) (etwa nach dem Motto „Du bist echt so ein Lacher!“)
- er ließ sich von seiner Mutter beschützen, er hatte wohl überhaupt eine intensive Mutterbeziehung (Spätgebärende)
- machte eine traumatische Erfahrung mit seinem Vater (dazu später)
- er war mit 40 noch nicht verheiratet, benötigte Hilfe bei der Suche nach einer Ehefrau
- er hatte die erste Liebesheirat der Bibel mit Rebekka, er lebte monogam, sie tröstete ihn über Verlust der Mutter
- es sind nur wenige Taten von ihm berichtet: er grub z.B. die von den Philistern verschütteten Brunnen seines Vaters Abraham wieder aus, er flehte erfolgreich zu Gott bzgl. der Unfruchtbarkeit von Rebekka
- er war wohlhabend und gesegnet
- er ließ sich im hohen Alter von seiner Frau und seinem Sohn Jakob täuschen, aber so konnte die Verheißung Gottes umgesetzt werden, dass der Ältere (Esau) dem Jüngeren (Jakob) dienen soll (1. Mose 25,23)

Isaak ist für mich persönlich eine eher sympathische Figur des AT. Einfach deshalb, weil er kein geistlicher Überflieger war. Er war nicht von dem Kaliber wie Abraham, Mose oder David. Er war eher Normal. Es gibt nicht viel zu berichten von ihm, damit ist er uns irgendwie ähnlich. Bei ihm gilt vielleicht auch, dass Gott gerne das Schwache erwählt (1. Kor. 1,27).

Aber: Isaak war der „Sohn der Verheißung“. Er ist der Erste in der langen Verheißungslinie der großen Nachkommenschaft Abrahams.

Und dann gab es dann noch dieses eine besondere, dramatische und traumatische Ereignis im Leben Isaaks. Die Fast-Opferung auf dem Altar durch seinen Vater Abraham.


2. Das Beinahe-Opfer Isaaks

„Und es geschah nach diesen Dingen, da prüfte Gott den Abraham. Und er sprach zu ihm: Abraham! Und er sagte: Hier bin ich! Und er sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, den Isaak, und ziehe hin in das Land Morija, und opfere ihn dort als Brandopfer auf einem der Berge, den ich dir nennen werde! Da machte sich Abraham früh am Morgen auf, sattelte seinen Esel und nahm seine beiden Knechte mit sich und seinen Sohn Isaak. Er spaltete Holz zum Brandopfer und machte sich auf und ging an den Ort, den Gott ihm genannt hatte. Am dritten Tag erhob Abraham seine Augen und sah den Ort von fern. Da sagte Abraham zu seinen Knechten: Bleibt ihr mit dem Esel hier! Ich aber und der Junge wollen dorthin gehen und anbeten und zu euch zurückkehren. Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak, und in seine Hand nahm er das Feuer und das Messer. Und sie gingen beide miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham und sagte: Mein Vater! Und er sprach: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sagte: Siehe, das Feuer und das Holz! Wo aber ist das Schaf zum Brandopfer? Da sagte Abraham: Gott wird sich das Schaf zum Brandopfer ersehen, mein Sohn. Und sie gingen beide miteinander. Und sie kamen an den Ort, den Gott ihm genannt hatte. Und Abraham baute dort den Altar und schichtete das Holz auf. Dann band er seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar oben auf das Holz. Und Abraham streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel des HERRN vom Himmel her zu und sprach: Abraham, Abraham! Und er sagte: Hier bin ich! Und er sprach: Strecke deine Hand nicht aus nach dem Jungen, und tu ihm nichts! Denn nun habe ich erkannt, dass du Gott fürchtest, da du deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast. Und Abraham erhob seine Augen und sah; und siehe, da war ein Widder hinten im Gestrüpp an seinen Hörnern festgehalten. Da ging Abraham hin, nahm den Widder und opferte ihn anstelle seines Sohnes als Brandopfer. Und Abraham gab diesem Ort den Namen "Der HERR wird ersehen (Jahwe Jireh)“, von dem man heute noch sagt: Auf dem Berg des HERRN wird ersehen. Und der Engel des HERRN rief Abraham ein zweites Mal vom Himmel her zu und sprach: Ich schwöre bei mir selbst, spricht der HERR, deshalb, weil du das getan und deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast, darum werde ich dich reichlich segnen und deine Nachkommen überaus zahlreich machen wie die Sterne des Himmels und wie der Sand, der am Ufer des Meeres ist; und deine Nachkommenschaft wird das Tor ihrer Feinde in Besitz nehmen. Und in deinem Samen werden sich segnen alle Nationen der Erde dafür, dass du meiner Stimme gehorcht hast. Dann kehrte Abraham zu seinen Knechten zurück, und sie machten sich auf und zogen miteinander nach Beerscheba; und Abraham ließ sich in Beerscheba nieder.“ (1. Mose 22, 1-19 Rev. Elb.)

Das ist jetzt die sog. Bindung Isaaks, wohl eine der schwierigsten Stellen des AT.

Wie kann Gott sowas nur verlangen? Eigentlich unglaublich und unvorstellbar .

Hättest Du diese Prüfung bestanden? Ich hätte meine Familie gepackt und wäre wie Jona ans äußerte Ende der Welt geflohen. Ab mit Walexpress. Niemals hätte ich mein Kind geopfert. Ich wäre glatt durchgefallen. Aber Abraham war da ganz anders.

Aber schauen wir mal nicht auf Abraham, diesen großen Glaubenshelden, schauen wir mal auf Isaak. Was macht der eigentlich?

Isaak macht nichts, er ist sowas von passiv, er ergibt sich in seine Opferrolle. Okay, wir wissen nicht wie alt er war, war er ein Kind, ein Jugendlicher oder gar schon älter (in manchen jüd. Überlieferungen wird sein Alter gar mit über 30 angegeben). Aber egal wie alt er tatsächlich war, es kommt überhaupt kein Widerstand. Er lässt alles mit sich geschehen. Er reißt sich nicht vom Vater los, er schlägt nicht um sich (müsste mit Sicherheit stärker gewesen sein als ein über 100jähriger), er schreit nicht. Nichts.
Es steht auch nichts dort, dass er irgendwie betäubt wurde. Völlig fatalistisch ergibt er sich in sein Schicksal. Vielleicht hat er resigniert, vielleicht hat sich gedacht, jetzt ist sowieso alles wurscht, vielleicht war er so schockiert, dass er wie betäubt war, völlig katatonisch ….vielleicht war er aber auch voller Glauben oder voll Heiligen Geistes, dass er auf einen positiven Ausgang gehofft hat. Wir wissen es nicht. Es scheint auf jeden Fall kein gutes Vater-Sohn-Ding gewesen zu sein, es hat vielleicht seine Beziehung zu seiner Mutter nur verstärkt. Wir lesen später nur von seiner Liebe zur Mutter in der Bibel. Aber wir wollen hier nicht psychologisieren und nichts hinein interpretieren.

Was mir aufgefallen ist: wenn man sich so vorstellt, wie Isaak gebunden auf dem Opferaltar liegt, dann kann er überhaupt nichts mehr tun. Als „Opfertier“ verschnürt, hat er keine Chance mehr, kann er gar nichts tun, er hat überhaupt keine Möglichkeit mehr sich selbst zu befreien, sich selbst aus der Misere zu erlösen. Ab dem Zeitpunkt wo er zur Opferung bereitet ist, geht nichts mehr. Ab diesem Zeitpunkt ist er abhängig von der Gnade anderer, von der Gnade des Vaters und der Gnade Gottes.

Wir deuten ja dieses alt. Geschehen als ein Bild für das später tatsächlich vollzogene Opfer Jesu am Kreuz (z.B. trägt Isaak sein Holz für die Opferung genauso wie Jesus das Holz, an dem er gekreuzigt wurde). Ich möchte es ein bisschen anders deuten, einen geringfügig anderen Akzent setzen: ich sehe Isaak hier als ein Bild für uns, für den erlösungsbedürftigen Menschen.

Genauso wenig wie der gefesselte Isaak, haben wir irgendeine Möglichkeit irgendetwas zu unserer Rettung beizutragen. Gebunden am Opferaltar gibt es keine Möglichkeit irgendwelche gottgefälligen Werke zu vollbringen. Lesen wir dazu einmal ein Gleichnis Jesu:

„Jesus wandte sich nun an einige, die in ´falschem` Selbstvertrauen meinten, ´in Gottes Augen` gerecht zu sein, und die deshalb für die anderen nur Verachtung übrig hatten. Er erzählte ihnen folgendes Beispiel: »Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer und der andere ein Zolleinnehmer. Der Pharisäer stellte sich selbstbewusst hin und betete: ›Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie die übrigen Menschen – ich bin kein Räuber, kein Betrüger und kein Ehebrecher, und ich bin auch nicht wie jener Zolleinnehmer dort. Ich faste zwei Tage in der Woche und gebe den Zehnten von allen meinen Einkünften.‹ Der Zolleinnehmer dagegen blieb in weitem Abstand stehen und wagte nicht einmal, aufzublicken. Er schlug sich an die Brust und sagte: ›Gott, vergib mir sündigem Menschen meine Schuld!‹ Ich sage euch: Der Zolleinnehmer war ´in Gottes Augen` gerechtfertigt, als er nach Hause ging, der Pharisäer jedoch nicht. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; aber wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.«“ (Lk. 18, 9-14 NGÜ)

Genauso wie bei diesem Zöllner. Er wusste, er ist schuldig, gebunden in seiner Sünde, er kann nichts tun um Gottes Rechtfertigung zu erwirken. Er kann nur auf Gott vertrauen.

Isaak hätte auch keine Möglichkeit gehabt sich seine Freiheit zu erkaufen. Was hätte er denn seinen Vater Abraham anbieten können? Alles was er hatte, hat er ja sowieso nur von ihm gehabt. Genauso wenig wie ein Reicher sich den Zugang zum Himmel hätte erkaufen können, so wie es Jesus in einem anderen Gleichnis darstellt. (Mk. 10, 17-27)

Die einzige Wahl ist sich zu demütigen und das eigene Unvermögen, die eigene Schuld, die Unfähigkeit zur Selbsterlösung annehmen wie ein kleines Kind.

„(Jesus)… sagte: »Ich versichere euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht ins Himmelreich kommen. Darum: Wer sich selbst erniedrigt und wie dieses Kind wird, der ist der Größte im Himmelreich.“ (Mt. 18, 3.4 NGÜ)

Ein kleines Kind kann nichts Großes für Gott vollbringen. Es ist schwach, verletzlich, hilfebedürftig, abhängig. Schwach, verletzlich, hilfebedürftig und abhängig beschreibt die Situation Isaaks. Er weiß, er kann nichts mehr tun.

Vielleicht war er voll kindlichen Vertrauen. Nur eine Frage von ihm ist berichtet auf dem gemeinsamen Weg nach Morija: Vater, Feuer und Holz ist da, aber wo ist das Opfertier?
Und Abraham antwortet: „Mein Sohn, Gott wird für ein Lamm zum Brandopfer sorgen!“  (1. Mose 22,8 Schlachter 2000)

Und Gott hat für ein Lamm als Brandopfer gesorgt. Statt Isaaks wurde ein Widder geopfert und für uns wurde Christus, das Lamm Gottes geopfert.

Der Widder verfängt sich mit seinem Horn. Nach jüdischer Überlieferung wurde die Welt durch den Ruf Gottes durch das Schofar, das Widderhorn erschaffen. Der Lebensatem Gottes strömt durch das Horn und erzeugt dabei einen bestimmten Klang („Kol“). Und nur durch diesen Klang kann etwas erschaffen werden. Das ist jetzt rabbinische Mystik, aber man kann es durchaus auf Jesus deuten: das Horn war hier bei Isaak die Voraussetzung für die Erlösung, so konnte das Opfertier gefangen werden. Und Jesus Christus ist das von Gott ausgegangene Wort, das Fleisch wurde zu unserer Erlösung.

Es wird auch angenommen, dass dieser Berg im Land Morija der Ort ist, auf dem später der Tempel in Jerusalem erbaut wurde (2. Chr. 3,1).


3. Nachfahren Isaaks - Kinder der Verheißung

„Ihr aber, Brüder, seid wie Isaak, Kinder der Verheißung.“ (Gal. 4, 28 Rev. Elb.)
Wir sind Kinder der Verheißung wie Isaak. So schreibt es Paulus. Es gibt also auch einen neutestamentlichen Bezug zu Isaak. Interessant ist, wir finden diese Stelle im Galaterbrief. Dort also wo Paulus sich auf´s Schärfste gegen jegliche Verbindung mit dem Gesetz zur Wehr setzt.

Er stellt dort dar, dass wir Kinder der Freien (Sarah) sind, durch die Verheißung geboren und nicht Kinder von der Magd (Hagar) sind, die durch das Fleisch geboren wurden. Die Magd ist die Leibeigene, das ist ein Bild für das Gesetz, für den Bund des Fleisches, der in die Abhängigkeit führte.

Isaak war frei, nachdem der Widder für ihn geopfert wurde und seinen Platz am Altar eingenommen hat. Isaak wurde als Kind der Verheißung geboren, aber nur durch das Opfer konnte er (weiter) darin leben. Das Leben eines Freien und Gesegneten.

Sein Platz wurde vom Widder eingenommen.

Ähnlich war es bei Barrabas und Jesus. Barrabas hätte gekreuzigt werden sollen, er hätte den Tod verdient. Aber die Menge wählte Jesus. So wurde Jesus für ihn gekreuzigt. Er hat seinen Platz eingenommen. Er hat den Platz für ihn besetzt. So wie in der U-Bahn oder auf der Toilette der Platz manchmal besetzt ist. Und so hat Jesus Christus unseren Platz eingenommen und ihn dauerhaft für uns besetzt.

Und so leben wir als Kinder der Freien, freigesprochen und gerechtfertigt durch das stell-vertretende Opfer Christi. Wir können nichts leisten und es gibt auch nichts mehr zu leisten, denn Jesus hat alles geleistet. Das ist - könnte man sagen - das Evangelium nach Isaak.

Nur müssen wir aufpassen, dass wir auch tatsächlich als Kinder der Freien leben. Juan Carlos Ortiz (ein argentinischer Pastor) hat einmal gesagt: „Das Gesetz ist ein Witwer, der eine Freundin sucht, und sie ohne Probleme in der Gemeinde findet.“ (1961)

Und so hielt in die Gemeinden vom Beginn der Kirchengeschichte bis heute immer wieder der morbide Gestank des todbringenden Gesetzes Einzug. Der Fluch des Gesetzes. Der „Dienst des Todes mit Buchstaben in Steine eingegraben“ (2. Kor. 3, 7), sagt Paulus. Damit meinte er die zehn Gebote.

Immer wieder, 2000 Jahre Kirchengeschichte hindurch, lebten die Gemeinden eine Mischform aus Neuem und Alten Bund, angefangen beim Judaismus zur Zeit der Apostel bis zur Gegenwart. Die Freiheit durch Glauben vermengt mit einer mehr oder weniger großen Prise Gesetz. Manchmal ist es sogar eher umgekehrt: Gesetz gewürzt mit einer Prise Gnade. Gerechtfertigt aus Glauben, durch das Opfer Jesu? Ja, aber für den Alltag bitte das Leben nach dem Gesetz (bspw. Zehnten, Sonntag nicht arbeiten, nicht ins Kino, in den Gottesdienst..…, Kleiderordnungen, kein Alkohol usw.).

Und Paulus sagt: Nein, Stopp! Ihr seid Kinder Isaaks! Kinder der Freien! Kehrt nicht zurück zur Sklaverei des Gesetzes! Das Gesetz erfüllte seinen Zweck bis der verheißene Nachkomme kam, bis Jesus kam (Gal. 3,19). Von da an gilt:

„In Wirklichkeit jedoch ´habe ich mit dem Gesetz nichts mehr zu tun;` ich bin durch das Urteil des Gesetzes dem Gesetz gegenüber gestorben, um ´von jetzt an` für Gott zu leben; ich bin mit Christus gekreuzigt.“ (Gal. 2,19 NGÜ)

Der Platz am Kreuz wurde durch Jesus nicht nur besetzt, sondern ich wurde mit hineingenommen. Ich war in Christus immanent. Und so bin ich allen Forderungen abgestorben.

Wir müssen uns das folgendermaßen vorstellen: Heutzutage spielt Ernährungsberatung, gesunde Ernährung, Fitness, Gesundheitsvorsorge eine große Rolle. Und es ist ja auch wichtig auf seinen Körper und seine Gesundheit zu achten. Setzen wir diese Gesundheitsvorsorge mal mit dem Gesetz gleich. Aber wenn Du jetzt als Gesundheitscoach im Einsatz bist und findest einen frisch Verstorbenen und dann anfängst seinen BMI zu bestimmen und ihm Vorträge über gesunde Ernährung zu halten, dann macht das überhaupt keinen Sinn. Er ist völlig unerreichbar für jeglichen Diät- oder Fitnessplan; er ist absolut unansprechbar in Bezug auf jedes der 613 Gebote des Alten Bundes. So abgestorben sind wir den Forderungen des Gesetzes (Röm. 7, 4.6).

Und nun dürfen wir als Kinder der Verheißung, als Söhne und Töchter der Freien, unsere Freiheit dazu verwenden um unsere Mitmenschen zu lieben (1. Tim. 1,5.9; Röm. 13, 9.10):

„Denn das ganze Gesetz ist in einem einzigen Wort zusammengefasst, in dem Gebot: „Du sollst deine Mitmenschen lieben wie dich selbst.““ (Gal. 5,14 NGÜ)
Darum geht es in unserem Leben als Christ, als Sohn und Tochter der Verheißung, als Erbe der Verheißung.

Umso länger ich Christ bin, umso mehr konzentriert sich alles auf so einfache Aussagen: liebe! …und glaube an Jesus Christus, das ist der einfache Wille Gottes, so schreibt es Johannes. (1. Joh. 3,23).


4. Schluss - Die Isaak-Gemeinden

Ich habe vor ein paar Jahren mal eine Predigt von Mathias Hühnerbein gehört über die Isaak-Generation. Da ging es noch um einen ganz anderen Aspekt im Leben Isaaks. Er war mittendrin zwischen den großen Männern des Glaubens, zwischen Abraham und Jakob und Josef und er selber spielte keine große Rolle, wie anfangs erwähnt.

Uns geht es in unseren Gemeinden vielleicht ähnlich. Wir blicken zurück auf die großen Männer des Glaubens, die viel aufgebaut haben in der JG St. Paul und in der CGF, auf die ruhmreichen Zeiten und fetten Jahre, sehen dann den Mangel der Gegenwart und sehen - wenn wir uns vergegenwärtigen, dass unsere Jugendlichen und jungen Erwachsenen ihr Zuhause größtenteils südlich von uns gefunden haben (ihr habt sie mittels eurem DISCO-Konzept mit der FCGF outgesourct, wir haben sie als Kuckuckskinder verteilt) - dass es eigentlich keine Zukunft gibt, nach menschlichem Ermessen. Wenn alles normal weiter läuft, wird es irgendwann keine JG St. Paul und keine CGF mehr geben. Und die Jüngeren werden ihren Glauben fulminant in anderen Gemeinden leben.

Haben wir unseren Zweck verfehlt? Nein, Isaak hatte seine Bedeutung. Ohne Isaak, kein Jakob, Josef…..Jesus. Er hat seinen Glauben eingesetzt, dass es überhaupt Jakob und Esau geben konnte. Und er hat die Brunnen Abrahams ausgegraben, aus denen frisches Wasser geschöpft werden konnte.

Auch wir haben geistliche Quellen entdeckt und davon weiter gegeben, untereinander, an unsere Kinder, an Außenstehende und Suchende und geben noch davon weiter.
Irgendwann ist vielleicht unsere Zeit als Organisation, als Gemeinde oder Gemeinschaft abgelaufen, aber wir haben zwischenzeitlich viel weiter gegeben, viel gesät und geerntet. Und dieser Dienst, diese Aufgabe, hört erst auf mit unserem letzten Atemzug. Bis dahin dürfen wir Wasser schöpfen und weiter geben. Kombiniert mit unserer Lebenserfahrung und geistlicher Weisheit haben wir unermesslich (unerträglich) viel davon weiter zu geben. Gerade auch an jüngere Menschen und junge Christen. (Die es am meisten nötig haben, wollen es leider oft nicht hören. Aber das war auch schon zu unserer Zeit so.) Keinesfalls aber ist unsere Zeit abgelaufen. Unser Verfallsdatum liegt noch in der Zukunft.

Dazu helfe Gott uns allen, dass wir weiterhin von unseren Quellen weitergeben und Oasen sind.

AMEN.