Das Gleichnis von den zwei Söhnen (Mt. 21, 28 - 32)
1. Einleitung
Ich habe vor einiger Zeit bereits einmal über eines von den Weinberg-Gleichnissen gepredigt. Dies möchte ich heute wieder tun. Es gibt da ja davon einige in der Bibel. Zunächst einmal der Text:
„Was meint ihr aber hierzu? Ein Mensch hatte zwei Söhne, und er trat hin zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh heute hin, arbeite im Weinberg! Der aber antwortete und sprach: Ich will nicht. Danach aber gereute es ihn, und er ging hin. Und er trat hin zu dem zweiten und sprach ebenso. Der aber antwortete und sprach: Ich gehe, Herr; und er ging nicht.
Wer von den beiden hat den Willen des Vaters getan? Sie sagen: Der erste. Jesus spricht zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch, dass die Zöllner und die Huren euch vorangehen in das Reich Gottes. Denn Johannes kam zu euch im Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; die Zöllner aber und die Huren glaubten ihm; euch aber, als ihr es saht, gereute es auch danach nicht, so dass ihr ihm geglaubt hättet.“ (Rev. Elb.)
Das ist jetzt eine Situation, die wir alle gut kennen. Wir haben ja aller Kinder und erleben es öfters wie unterschiedlich unsere Kinder sind. Oft liegen Welten dazwischen. Gleiches Elternhaus, gleiche Erziehung, gleiche Sozialisation, gleiche christliche Prägung, aber ganz andere Charaktere.
Und auch diese hier beschriebene Situation kommt uns ganz vertraut vor: Wir geben einen Auftrag wie bspw. Zimmer aufräumen, Kleidung wegräumen, Getränke aus dem Keller holen o.ä. und es wird nicht gemacht oder unendlich weit hinausgeschoben oder aber nach anfänglichem Gemaule dann doch erledigt. Also eine uns durchaus vertraute Situation. Und sie scheint wohl auch den Zuhörern damals vertraut gewesen zu sein, sonst hätte Jesus sie wohl nicht als Gleichnis verwendet.
Man meint ja immer ungezogenes, rüpelhaftes Verhalten ist ein Phänomen der Moderne (nachzulesen in der Ausgabe der NN vom Freitag 26.10.17), aber bereits Sokrates (469 - 399 v. Chr.) hat folgendes über die Jugend gesagt:
„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“
Wobei nach meiner Wahrnehmung die heutigen Jugendlichen auf mich relativ höflich wirken.
Es gibt eine nette Geschichte von Tolstoi, in der es auch um Eltern (hier: Mütter) und ihre Söhne geht:
Drei Frauen wollten Wasser holen am Brunnen. Nicht weit davon saß ein alter Mann und hörte zu, wie die Frauen ihre Söhne lobten.
„Mein Sohn“, sagte die erste, „ist so geschickt, dass er alle hinter sich lässt...“
„Mein Sohn“, sagte die zweite, „singt so schön wie die Nachtigall! Es gibt keinen, der eine so schöne Stimme hat wie er ...“
„Und warum lobst du deinen Sohn nicht?“ fragten sie die dritte, als sie schwieg. „Er hat nichts, was ich loben könnte“, entgegnete sie. „Mein Sohn ist nur ein gewöhnlicher Knabe, er hat nichts Besonderes an sich und in sich ...“
Die Frauen füllten ihre Eimer und gingen heim. Der alte Mann ging langsam hinter ihnen her. Die Eimer waren schwer und die abgearbeiteten Hände schwach. Deshalb machten die Frauen eine Ruhepause, denn der Rücken tat ihnen weh.
Da kamen ihnen drei Jungen entgegen. Der erste stellte sich auf die Hände und schlug Rad um Rad. Die Frauen riefen: „Welch ein geschickter Junge!“
Der zweite sang so herrlich wie die Nachtigall, und die Frauen lauschten andachtsvoll und mit Tränen in den Augen. Der dritte Junge lief zu seiner Mutter, hob die Eimer auf und trug sie heim. Da fragten die Frauen den alten Mann: „Was sagst du zu unseren Söhnen?“
„Wo sind eure Söhne?“ fragte der alte Mann verwundert, „ich sehe nur einen einzigen Sohn!“
Soweit erst mal die Geschichte von Tolstoi.
2. Die Bedeutung damals
Aber jetzt zurück zum Gleichnis. Bevor wir uns anschauen, was es für uns heute bedeuten kann, müssen wir uns erst einmal anschauen, was Jesus damit in der konkreten Situation sagen wollte.
Was war die Situation? Am Tag zuvor ist Jesus auf einem Esel in Jerusalem eingezogen und wurde von der Menge bejubelt Unser Palmsonntag geht darauf zurück.
Die Menge hat ihn gepriesen, als von Gott gesandten Propheten, als Sohn Davids. Jesus ging dann in den Tempel und hat dort erst mal für Ordnung gesorgt, in dem er die Händler aus dem Tempelvorhof vertrieben hat. Hier konnten von den Händlern zertifizierte Opfertiere erworben werden, die nur mit einer bestimmten Währung bezahlt werden konnte.
Da anlässlich des bevorstehenden Passahfestes viele Juden aus der Diaspora in Jerusalem waren, gab es viele verschiedene Währungen, die bei den Wechslern eingetauscht werden mussten. Beide, Händler und Wechsler, haben natürlich gewinnorientiert gearbeitet. Das war aber nicht im Sinne Gottes.
Das ist ungefähr so, wie wenn ich zu einer Geburtstagsparty einlade - zu der man mir üblicherweise ein Geschenk mitbringt - und dann kommen zwei völlig Unbekannte, setzen sich an den Gartenzaun und verkaufen Eintrittskarten für meine Feier und geben mir nicht mal etwas davon ab. So haben die Händler und Wechsler den Zugang zu Gott erschwert.
Nach der Tempelreinigung heilte Jesus noch Blinde und Lahme im Tempel und übernachtete dann bei Freunden in Bethanien.
Am nächsten Morgen kommt er wieder und fängt an zu lehren. Daraufhin fragen ihn dann die religiösen Führer, in welcher Autorität er dies tut. Gemeint ist jetzt vermutlich nicht nur das Lehren, sondern auch die Aktionen des Vortages: die Tempelreinigung und das Heilen. Jesus antwortet mit einer Gegenfrage:
„Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Auch ich will euch ein Wort fragen, und wenn ihr es mir sagt, so werde auch ich euch sagen, in welcher Vollmacht ich diese Dinge tue. Woher war die Taufe des Johannes? Vom Himmel oder von Menschen?
Sie aber überlegten bei sich selbst und sprachen: Wenn wir sagen: vom Himmel, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm denn nicht geglaubt? Wenn wir aber sagen: von Menschen, so haben wir die Volksmenge zu fürchten, denn alle halten Johannes für einen Propheten.
Und sie antworteten Jesus und sprachen: Wir wissen es nicht. Da sagte auch er zu ihnen: So sage auch ich euch nicht, in welcher Vollmacht ich diese Dinge tue.“
(V. 24 - 27)
Dieser Hinweis auf Johannes ist wichtig für das Gesamtverständnis. Johannes war von Gott gesandt. Sein Auftrag war es den Weg für Jesus vorzubereiten. Seine Botschaft lautete:
„Tut Buße! Denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen…..und sie wurden von ihm im Jordanfluss getauft, indem sie ihre Sünden bekannten. Als er aber viele der Pharisäer und Sadduzäer zu seiner Taufe kommen sah, sprach er zu ihnen: Otternbrut! Wer hat euch gewiesen, dem kommenden Zorn zu entfliehen? Bringt nun der Buße würdige Frucht; und meint nicht, bei euch selbst zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater! Denn ich sage euch, dass Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken vermag.“(Mt. 3, 2.6-9 Rev. Elb.)
Tut Buße! Besinnt Euch! Kehrt um! Das war die Botschaft des Johannes. Und mit denselben Worten begann übrigens auch Jesus später sein Wirken (Mt. 4,17)
Viele Menschen hörten auf Johannes. Hätten die Schriftgelehrten seine Autorität jetzt anerkannt, hätten sie erklären müssen, warum sie dann seinen Aufruf nicht gefolgt sind. Johannes hat sie zur Buße aufgefordert. Seine Botschaft war: alle sind Sünder und müssen umkehren. Sie haben sich aber als gerecht gesehen und waren der Meinung sie bräuchten keine Buße, weil sie Kinder Abrahams sind.
So haben sie jetzt eben lieber gar nicht geantwortet.
Jetzt kommt der Punkt, an der Jesus das Gleichnis erzählt. Weil es jetzt schon so lange her ist und soviel Texte dazwischen waren, lesen wir es nochmal. Mal nach einer geringfügig moderneren Übersetzung:
„Jesus sprach weiter: „Mal ’ne andere Geschichte, bin gespannt, was ihr dazu sagt: Da war mal so ein Typ, der zwei Söhne hatte. Zum ersten sagte er: ‚Geh mal bitte in unsere Werkstatt und reparier das Auto, das dort steht!‘ ‚Ich hab aber keine Lust!‘, sagte der. Aber später tat es ihm leid, und er ging doch hin und reparierte die Kiste. Dann ging der Mann zu dem zweiten Sohn und wollte dasselbe von ihm. ‚Klar, mach ich‘, sagte er. Aber dann hatte er doch keinen Bock und ging einfach nicht hin. Preisfrage: Wer von den beiden hat das getan, was der Vater wollte?“ – „Der erste natürlich!“ Jetzt erklärte Jesus, was er mit der Geschichte sagen wollte: „Auf eins könnt ihr wetten: Dealer und Huren werden eher an diesem Ort landen, wo Gott das Sagen hat, als ihr. Johannes, der die Leute getauft hat, hatte voll den Plan: Er sagte, ihr müsst euer Leben ändern, sonst fahrt ihr gegen die Wand. Aber ihr wolltet nichts von ihm wissen. Die Dealer und die Nutten aber haben getan, was er gesagt hat. Und obwohl ihr das sehr wohl mitbekommen habt, vertraut ihr mir nicht und ändert euch nicht.“ (Volx-Bibel)
In dem Gleichnis ist Gott der Vater. Die Söhne repräsentieren zwei verschiedene Gruppen in Israel wieder.
Die erste Gruppe sind die Sünder: die Zöllner und Prostituierten. Die, die sich entschieden haben, fernab von der Gerechtigkeit und den Geboten Gottes zu leben. Ihr ganzer Lebenswandel war ein einziges, klares und offensichtliches Nein zu Gott.
Aber dann trat Johannes auf und manche dieser verachteten Sünder hörten seine Botschaft, bereuten ihre Schuld und kehrten um. Aus ihrem Nein wurde ein Ja.
Die zweite Gruppe ist die fromme Elite. Es sind die Hohenpriester und die Ältesten, die Schriftgelehrten und die Pharisäer. Diejenigen, die sich für fromm halten und dies öffentlich zur Schau stellen, die stolz darauf sind Kinder Abrahams zu sein, das Gesetz zu kennen und danach zu leben, die sich selbst rechtfertigten, die aber weder ihre Sündhaftigkeit, noch ihre Erlösungsbedürftigkeit erkennen wollten. Die weder Johannes noch Jesus als von Gott gesandt anerkennen wollten.
Die also äußerlich Ja sagen zu Gott, aber faktisch Nein sagen.
„Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird in das Reich der Himmel hineinkommen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist.“ (Mt. 7,21 Rev. Elb.)
Gleiches wird übrigens auch im Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner ausgedrückt (Lk. 18, 9-14). Dort erkennt der Zöllner seine Erlösungsbedürftigkeit, der Pharisäer dagegen vertraut auf sich selbst und verachtet gleichzeitig die anderen. Danke, dass ich nicht wie dieser Zöllner bin, betet er. (V. 11)
„Ich sage euch: Dieser (der Zöllner) ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, im Gegensatz zu jenem; denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer aber sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Lk. 18,14 Rev. Elb.)
Allein das Jesus sie, die angesehensten Personen der Gesellschaft, hier in einem Atemzug mit den verachtetsten und sündhaftesten Menschen der Gesellschaft nennt, ist schon eine gewaltige Provokation. Ein Pharisäer würde mit solchen Menschen nie etwas zu tun haben (vgl. die Salbung durch die Sünderin).
Jesus drückt also hier aus: es bedarf keiner religiösen Qualifikation oder Sozialisation um gerettet zu werden, nur dem Erkennen der eigenen Sünde und dem Bereuen, d.h. dem Umkehren zu Gott, so wie es in unserem Gleichnis dem zweiten Sohn reute und er dann doch in den Weinberg ging.
3. Die Bedeutung heute
Was bedeutet dieses Gleichnis für uns heute?
Bereits einige Jahrzehnte nach Jesus Himmelfahrt, wurde es auf die Situation der Juden und Christen bezogen. Die Juden haben ihn abgelehnt (sind nicht in den Weinberg gegangen), die Christen haben ihn angenommen (sind in den Weinberg gegangen).
Auch wenn dies historisch betrachtet so zutrifft, ist es doch etwas eine Vergewaltigung des Textes. Im Gleichnis sind ja alle Juden. Und es geht hier ja um ein persönliches Umkehren und nicht um kollektives Verhalten.
Wichtig ist: Gottes Angebot gilt allen. Damals galt es den Zöllnern und den Prostituierten genauso wie den Schriftgelehrten und den Pharisäern. Jeder konnte umkehren.
Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1. Tim. 2,4 Rev. Elb.)
Auch heute gibt es bei ihm keinerlei Numerus Clausus.
Wenn wir Jesus einmal angenommen haben, dann haben wir diesen Schritt bereits in der Vergangenheit getan. Dann haben wir Buße getan. Dann haben wir unsere Erlösungsbedürftigkeit erkannt und unsere Rettung angenommen, haben Jesus Christus angenommen.
Bei mir ist das jetzt über 34 Jahre her. Es war ein radikaler Wechsel von einer Drogenherrschaft zu einer Jesusherrschaft.
Aber dann? Könnte es nicht sein, dass uns manchmal die Puste ausgeht im Weinberg? Oder sehen wir manchmal den Weinstock vor lauter Trauben nicht mehr?
Unser Ja zu Jesus ist ja kein jahrzehntelang durchgehender Ton in einem Atemzug, ohne dazwischen zum Atmen Luft zu holen.
Es bedarf neue, wiederholte Ja´s. Ein Leben das mit einem Ja begonnen hat, aber sich immer wieder mit vielen kleinen Ja´s ausdrückt.
Ein Lebensstil in der Nachfolge, im Hören auf Gott, ein Leben gestaltet nach der Ethik und den Werten des Reiches Gottes. Ein Lebensstil der Heiligung.
Heiligung: das war früher in unserer Jugend die zentrale Botschaft. Damals leider mit dem erhobenen Zeigefinger und in einer sehr gesetzlichen und destruktiven Art und Weise, die oft vieles kaputt gemacht hat und irgendwie - so hatte man den Eindruck - alles verboten hat, was irgendwie Spaß gemacht hat.
Der Text soll uns davor bewahren eine ähnliche Denke zu entwickeln, wie die Pharisäer, die sich darauf berufen haben Kinder Abrahams zu sein.
Gewiss, wir haben Ja gesagt, sind Kind unseres Vaters geworden und sind damit gerettet. Amen?!.
Wir sind einerseits Kinder Gottes. Das ist absolut wahr! Aber nicht um uns darauf etwas einzubilden (so wie die Pharisäer sich etwas darauf eingebildet haben Kinder Abrahams zu sein) und nicht um uns darauf auszuruhen.
Auch wenn bereits alles getan ist - durch Jesus Christus -, heißt es nicht, dass unsererseits nichts mehr getan werden darf.
Denn wir wollen ja unser Leben nach seinem Willen gestalten., aber in der Praxis des Alltags, leben wir dann doch wieder, das eine oder andere Nein, wenn es darum geht, unser Leben an seinen Maßstäben auszurichten und wir sind dann manchmal eher dem zweiten Sohn ähnlich, der ein Ja vortäuscht und dann doch einen Rückzieher macht..
Aber: auch nach Jahrzehnten der Nachfolge, basiert unsere Rechtfertigung immer noch und weiterhin und in Ewigkeit einzig auf dem Erlösungswerk am Kreuz durch Jesus Christus.
Und andererseits (und das klingt jetzt fast wie ein Widerspruch, aber das Leben als Christ findet nun einfach in verschiedenen Spannungszuständen statt), andererseits sollen wir auch nie aufhören das Kind-Gottes-Sein zu genießen.
Es gibt ja noch das andere, das bekanntere Gleichnis von den zwei anderen Brüdern. Vom verlorenen Sohn und dem älteren Bruder (Lk. 15, 11-32). Der ältere Bruder hat in diesem Gleichnis immer beim Vater gelebt und geschuftet, hat aber nie das was sein war auch in Anspruch genommen, hat nie gefeiert und es sich gut gehen lassen.
„Er aber sprach zu ihm: Kind, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, ist dein. (Lk. 15,31 Rev. Elb)“
Wir dürfen das! Wir dürfen einfach auch mal Sohn oder Tochter sein vor Gott. Einfach da sein. In-ihm-ruhen. Seine Gegenwart genießen. Seine Liebe empfangen. Auftanken.
Vor lauter Dienst, vor lauter Alltagsanforderungen und Alltagsstress kommt dies schnell mal zu kurz. Gott freut sich auf Euch, auf Dich, auf mich. Alles hat seine Zeit!
Wir dürfen im Bewusstsein seiner Gnade leben und dienen, arbeiten und ruhen, nehmen und geben.
AMEN.
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Sonntag, 29. Oktober 2017
Dienstag, 31. Januar 2017
Predigt von Norbert Wohlrab zur Jahreslosung 2017 (22.01.2017)
Jahreslosung 2017
Traditionsgemäß werde ich zum Jahresanfang über die Jahreslosung predigen. Sie lautet:
„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hes. 36,26)
Betrachten wir den Vers zunächst einmal in seinem Zusammenhang.
24 „Und ich werde euch aus den Nationen holen und euch aus allen Ländern sammeln und euch in euer Land bringen.
25 Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von all euren Unreinheiten und von all euren Götzen werde ich euch reinigen.
26 Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.
27 Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde machen, dass ihr in meinen Ordnungen lebt und meine Rechtsbestimmungen bewahrt und tut.
28 Und ihr werdet in dem Land wohnen, dass ich euren Vätern gegeben habe, und ihr werdet mir zum Volk, und ich, ich werde euch zum Gott sein.
29 Und ich werde euch befreien von all euren Unreinheiten.“ (Hes.36, 24-29a Rev. Elb.)
Wir haben es hier mit prophetischen Aussagen des Hesekiel zu tun. Und wie so oft im AT, sind die Prophetien mehrschichtig, d.h. sie sind auf mehrere Zeitebenen in der Zukunft bezogen.
Was war die Situation? Israel hat - wie so oft in seiner Geschichte - die Wege des Herrn verlassen. Es hat nicht mehr nach seinen Geboten gelebt, hat fremde Götter angebetet, hat Menschenopfer gebracht, den Tempel entweiht und andere Verbrechen getan, wie soziale Unterdrückung, Raub, Inzest usw. Es hat nicht auf die Warnungen und Aufrufe zur Umkehr durch die Propheten gehört. Daher wurde Israel 597 v. Chr. von den Babyloniern erobert. Zunächst wurde König Jojachin und die führende Elite nach Babylon verschleppt - unter ihnen auch der Prophet Hefekiel - und eine Marionettenregierung in Jerusalem eingesetzt. Als diese dann zehn Jahre später gegen Babylon aufbegehrte, wurde Jerusalem zerstört und das Volk Israel 586 v. Chr. in die Gefangenschaft nach Babylon deportiert.
Hesekiel war der Prophet im Exil. Dort im Exil verkündete er dem Volk die Hoffnungsbotschaft, dass sie in die Heimat zurückkehren werden. Und tatsächlich als im Jahre 539 v. Chr. Babylon von den Persern unter Kyros II. erobert wird, können sie in die Heimat zurückkehren und unter Nehemia und Serubbabel wird Jerusalem neu aufgebaut. Nachzulesen in den Büchern Esra und Nehemia.
Dort erfüllt sich der erste Teil der Verheißung. Das Volk Israel kehrt zurück in sein Land. Später wiederholt sich die Geschichte. Jerusalem wird unter den Römern erneut zerstört und das Volk wieder zerstreut um dann im Jahr 1948 wieder in seine Heimat zurückzukehren. Und die Verheißung aus Hesekiel erfüllt sich ein zweites Mal.
Soweit die geographische Wiederherstellung.
Es gibt eine Geschichte von Friedrich dem Großen, der einmal seinen Leibarzt sarkastisch gefragt haben soll: „Nenn´ er mir einen Gottesbeweis, wenn er kann!“ Der soll eine kurze Antwort gegeben haben: „Die Juden - Majestät.“
Wie viele Völker gibt es, die komplett vernichtet wurden? Denken wir nur an die Indianer und Indios in Amerika oder an die Armenier, von denen nur noch wenige übrig sind oder an zahlreiche Stämme in Afrika, die ausradiert wurden.
Wie viele gibt es, die seit Jahrhunderten kein eigens Land haben, wie bspw. die Kurden, eines der ältesten Völker der Welt?
Das Volk Israel dagegen hat nach mehreren Exilen, nach Jahrhunderten der Zerstreuung in alle Welt, nach der Massenvernichtung im Holocaust, nach zahlreichen Angriffen von seinen arabischen Nachbarn usw. immer noch bzw. wieder seinen Platz auf der Landkarte und es wächst und gedeiht.
Aber das Volk Israel soll ja auch innerlich erneuert werden.
Zunächst spricht Hesekiel von der Reinigung mit Wasser. Dies ist ein Bild, dass den kultischen Vorgaben des AT entspricht. Die Hohepriester, die ja als einziges Zugang zum Allerheiligsten im Tempel hatten, mussten sich zunächst rituell reinigen um Gott begegnen zu können.
„Wenn sie in das Zelt der Begegnung hineingehen, sollen sie sich mit Wasser waschen, damit sie nicht sterben. Oder wenn sie an den Altar herantreten zum Dienst, um für den Herrn ein Feueropfer als Rauch aufsteigen zu lassen, dann sollen sie ihre Hände und ihre Füße waschen, damit sie nicht sterben. Und das soll für sie eine ewige Ordnung sein.“ (2. Mose 30, 20.21a Rev. Elb.)
Der Mensch ist unrein und kann Gott ohne (diese wohl symbolische) Reinigung von seiner Unreinheit nicht begegnen. Aber hier ist es Gott, der die Reinigung vollzieht und nicht der Mensch. Das ist jetzt das völlig Neue. Keine Rituale, keine Gesetze, keine Selbsterlösung. Gott allein reinigt und rettet. Christus allein. Solos Christus. Allein aus Gnade. Sola Gratia. Das passt zum Reformationsjubiläum.
„so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in voller Gewissheit des Glaubens, die Herzen besprengt und damit gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser.“ (Hebr. 10,22 Rev. Elb.)
Aber es geht noch weiter. Gott schenkt nicht nur die Reinigung. Das wäre ja zum Zwecke der Erlösung schon völlig ausreichend. Er setzt noch einen drauf und schenkt noch eine Herztransplantation.
„Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“ (V. 26)
Das Herz des Menschen, im biblischen Sinne der Sitz des Lebens, des Wesens, des Charakters, das Zentrum des Denkens, Wollens und Fühlens ist schlecht.
„Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken: Mord, Ehebruch, Unzucht, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerungen“ (Mt. 15,19 Rev. Elb.)
So schaut´s aus. Das ist die göttliche Einschätzung des menschlichen Wesens.
Hier hilft keine Maniküre, keine äußerliche Reinigung, kein Hände und Füße waschen, keine neue Frisur, kein neuer Anzug. Hier hilft kein neuer Job und kein neues Auto. Und auch keine neue Frau und kein neuer Mann. Auch keine neue Religion und kein neuer Meditationsweg. Auch kein Jakobsweg und keine andere Ernährung. Keine noch so guten Vorsätze. Nicht einmal ein Präsidentenamt. Nichts, was der Mensch irgendwie tun könnte, würde an seinem Grundwesen etwas ändern.
„denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an“ (1. Mose 8,21b Rev. Elb.)
Es langt also nicht aus die Herzenshaltung zu ändern. Zuerst bedarf es eines neuen Herzens. Die Prophetie des Hesekiel verbindet dies mit einem neuen Geist. Ein neues Herz und ein neuer Geist.
Die Erfüllung dieser Verheißung begann für Israel und für alle Menschen am ersten Pfingsten. Durch die Hinwendung zu Christus und den Empfang des Heiligen Geistes vollzog sich diese Herztransplantation.
„Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern und allen, die in der Ferne sind, so viele der Herr, unser Gott, berufen wird.“ (Apg. 2, 38.39 Rev. Elb.)
Tut Buße. Also stimmt mit Gott überein, dass Ihr Sünder seid und Euch nicht selbst erlösen könnt. Lasst Euch taufen auf den Namen Jesu. Drückt dadurch aus, dass Ihr Euer Vertrauen auf Erlösung einzig und allein auf Jesus Christus setzt. Solus Christus. Und dann empfangt den Heiligen Geist. Und dies ist die Verheißung, die an verschiedenen Stellen im AT angekündigt wurde. Hesekiel, Joel, Jeremia etc.
Und dieser Geist ist es, der in uns die Umgestaltung unseres Wesens bewirkt. Der - bildlich gesprochen - das steinerne Herz entfernt und ein fleischernes einsetzt. Der uns den Wunsch und den Willen gibt jesusgemäß zu leben. Diese Veränderung ist so gewaltig, dass die Bibel von einer neuen Schöpfung, einer neuen Kreatur, einem neuen Menschen spricht. (2. Kor. 5,17)
„Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der Herr: ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben. Und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Dann wird nicht mehr einer seinen Nächsten oder seinen Bruder lehren und sagen: Erkennt den Herrn! Denn sie alle werden mich erkennen von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten, spricht der Herr. Denn ich werde ihre Schuld vergeben und an ihre Sünde nicht mehr denken.“ (Jer. 31, 33.34 Rev. Elb.)
Für das Volk Israel ist diese Verheißung erst punktuell erfüllt, da sie Jesus als Messias ja abgelehnt haben. Nur die an Christus glaubenden Juden erleben sie schon. Aber wir sind schon mittendrin.
„denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der gegeben worden ist.“ (Röm. 5,5b Rev. Elb.)
Wir sind nun in der komfortablen Situation, dass wir durch den in uns wohnenden Geist eine Verbindung zum Vater haben, dass wir Gott erkennen, mehr und mehr erkennen und dadurch seinen Willen teilen.
Nicht wie Marionetten, sondern wie Prinzen und Prinzessinnen. Wir tragen seine DNA in uns. Und jetzt geschieht das Erstaunliche: wir brauchen seine Gebote eigentlich gar nicht mehr.
„indem er dies weiß, dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist, sondern für Gesetzlose und Widerspenstige, für Gottlose und Sünder, für Heillose und Unheilige, Vatermörder und Muttermörder, Mörder, Unzüchtige, Knabenschänder, Menschenräuber, Lügner, Meineidige…“ (1. Tim. 1, 8b-10 Rev. Elb.)
Diejenigen, die Gott nicht kennen, brauchen das Gesetz, damit sie eine moralisch-ethisch-soziale Orientierung haben, diejenigen, die den Heiligen Geist in ihrem Herzen haben, leben gemäß der DNA Gottes. Wenn Du ein Elektroauto hast, dann brauchst Du kein Benzin mehr.
Natürlich sind das alles Wachstumsprozesse. Die Früchte des Geistes, die Früchte der Liebe wachsen in uns. Und wenn jmd. frisch dabei ist sein Leben mit Jesus zu leben, ist es hilfreich eine ethisch-moralische Instanz außerhalb von sich selbst zu haben, an der man sich orientieren kann. Das sagt Paulus auch vorher:
„Das Gesetz ist, wie wir alles wissen, gut und nützlich – vorausgesetzt, man wendet es in der ihm angemessenen Weise an.“ (1. Tim. 1,8 NGÜ)
Also nicht als Heilsweg, sondern als Hilfestellung, als Orientierungshilfe auf dem Weg der Liebe. Denn wir wissen, wie es Luther so schön ausdrückte (wenn auch theologisch nicht korrekt, weil es eigentlich um das schwache Fleisch geht und nicht um den alten Adam, da dieser ja mit Jesus gekreuzigt wurde):
„Der alte Adam in uns soll ersäuft werden. Nimm dich aber in acht, das Aas kann schwimmen!“ (Luther)
Wir haben ein neues Herz. Ein Herz der Liebe. Einen neuen Geist. Den Heiligen Geist. Ohne dies alles wäre es für uns sehr schwierig einander zu lieben, den Nächsten zu lieben, Gott zu lieben. So ist es uns möglich.
Das befreit uns nicht davor auf unser Herz zu achten. Manchmal ziehen dunkle Wolken darüber. Manchmal wird uns Gift injiziert. Manchmal injizieren wir es sogar selbst.
Daher benötigen wir manchmal Seelsorge und Gebet, manchmal innere Heilung und Befreiung, manchmal Ermutigung, manchmal brauchen wir einfach nur einander. Wäre dies nicht so, wäre das NT nicht voll von Ratschlägen und Hilfestellungen:
Ermahnt einander, ermutigt einander, tröstet einander, tragt einander die Lasten, lacht miteinander, weint miteinander.
„Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden-„ (2. Kor. 5,17 Rev. Elb.)
Wenn wir zu Christus gehören, sind wir neue Menschen, haben ein neues Herz, haben seinen Geist. Dies sind Gottes Zusagen. Dies gilt auch, wenn es im Alltag einmal anders aussieht. Dann gilt:
„dass, wenn das Herz uns verurteilt, Gott größer ist als unser Herz und alles kennt.“ (1. Joh. 3,20 Rev. Elb.)
AMEN.
Traditionsgemäß werde ich zum Jahresanfang über die Jahreslosung predigen. Sie lautet:
„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hes. 36,26)
Betrachten wir den Vers zunächst einmal in seinem Zusammenhang.
24 „Und ich werde euch aus den Nationen holen und euch aus allen Ländern sammeln und euch in euer Land bringen.
25 Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von all euren Unreinheiten und von all euren Götzen werde ich euch reinigen.
26 Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.
27 Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde machen, dass ihr in meinen Ordnungen lebt und meine Rechtsbestimmungen bewahrt und tut.
28 Und ihr werdet in dem Land wohnen, dass ich euren Vätern gegeben habe, und ihr werdet mir zum Volk, und ich, ich werde euch zum Gott sein.
29 Und ich werde euch befreien von all euren Unreinheiten.“ (Hes.36, 24-29a Rev. Elb.)
Wir haben es hier mit prophetischen Aussagen des Hesekiel zu tun. Und wie so oft im AT, sind die Prophetien mehrschichtig, d.h. sie sind auf mehrere Zeitebenen in der Zukunft bezogen.
Was war die Situation? Israel hat - wie so oft in seiner Geschichte - die Wege des Herrn verlassen. Es hat nicht mehr nach seinen Geboten gelebt, hat fremde Götter angebetet, hat Menschenopfer gebracht, den Tempel entweiht und andere Verbrechen getan, wie soziale Unterdrückung, Raub, Inzest usw. Es hat nicht auf die Warnungen und Aufrufe zur Umkehr durch die Propheten gehört. Daher wurde Israel 597 v. Chr. von den Babyloniern erobert. Zunächst wurde König Jojachin und die führende Elite nach Babylon verschleppt - unter ihnen auch der Prophet Hefekiel - und eine Marionettenregierung in Jerusalem eingesetzt. Als diese dann zehn Jahre später gegen Babylon aufbegehrte, wurde Jerusalem zerstört und das Volk Israel 586 v. Chr. in die Gefangenschaft nach Babylon deportiert.
Hesekiel war der Prophet im Exil. Dort im Exil verkündete er dem Volk die Hoffnungsbotschaft, dass sie in die Heimat zurückkehren werden. Und tatsächlich als im Jahre 539 v. Chr. Babylon von den Persern unter Kyros II. erobert wird, können sie in die Heimat zurückkehren und unter Nehemia und Serubbabel wird Jerusalem neu aufgebaut. Nachzulesen in den Büchern Esra und Nehemia.
Dort erfüllt sich der erste Teil der Verheißung. Das Volk Israel kehrt zurück in sein Land. Später wiederholt sich die Geschichte. Jerusalem wird unter den Römern erneut zerstört und das Volk wieder zerstreut um dann im Jahr 1948 wieder in seine Heimat zurückzukehren. Und die Verheißung aus Hesekiel erfüllt sich ein zweites Mal.
Soweit die geographische Wiederherstellung.
Es gibt eine Geschichte von Friedrich dem Großen, der einmal seinen Leibarzt sarkastisch gefragt haben soll: „Nenn´ er mir einen Gottesbeweis, wenn er kann!“ Der soll eine kurze Antwort gegeben haben: „Die Juden - Majestät.“
Wie viele Völker gibt es, die komplett vernichtet wurden? Denken wir nur an die Indianer und Indios in Amerika oder an die Armenier, von denen nur noch wenige übrig sind oder an zahlreiche Stämme in Afrika, die ausradiert wurden.
Wie viele gibt es, die seit Jahrhunderten kein eigens Land haben, wie bspw. die Kurden, eines der ältesten Völker der Welt?
Das Volk Israel dagegen hat nach mehreren Exilen, nach Jahrhunderten der Zerstreuung in alle Welt, nach der Massenvernichtung im Holocaust, nach zahlreichen Angriffen von seinen arabischen Nachbarn usw. immer noch bzw. wieder seinen Platz auf der Landkarte und es wächst und gedeiht.
Aber das Volk Israel soll ja auch innerlich erneuert werden.
Zunächst spricht Hesekiel von der Reinigung mit Wasser. Dies ist ein Bild, dass den kultischen Vorgaben des AT entspricht. Die Hohepriester, die ja als einziges Zugang zum Allerheiligsten im Tempel hatten, mussten sich zunächst rituell reinigen um Gott begegnen zu können.
„Wenn sie in das Zelt der Begegnung hineingehen, sollen sie sich mit Wasser waschen, damit sie nicht sterben. Oder wenn sie an den Altar herantreten zum Dienst, um für den Herrn ein Feueropfer als Rauch aufsteigen zu lassen, dann sollen sie ihre Hände und ihre Füße waschen, damit sie nicht sterben. Und das soll für sie eine ewige Ordnung sein.“ (2. Mose 30, 20.21a Rev. Elb.)
Der Mensch ist unrein und kann Gott ohne (diese wohl symbolische) Reinigung von seiner Unreinheit nicht begegnen. Aber hier ist es Gott, der die Reinigung vollzieht und nicht der Mensch. Das ist jetzt das völlig Neue. Keine Rituale, keine Gesetze, keine Selbsterlösung. Gott allein reinigt und rettet. Christus allein. Solos Christus. Allein aus Gnade. Sola Gratia. Das passt zum Reformationsjubiläum.
„so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in voller Gewissheit des Glaubens, die Herzen besprengt und damit gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser.“ (Hebr. 10,22 Rev. Elb.)
Aber es geht noch weiter. Gott schenkt nicht nur die Reinigung. Das wäre ja zum Zwecke der Erlösung schon völlig ausreichend. Er setzt noch einen drauf und schenkt noch eine Herztransplantation.
„Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“ (V. 26)
Das Herz des Menschen, im biblischen Sinne der Sitz des Lebens, des Wesens, des Charakters, das Zentrum des Denkens, Wollens und Fühlens ist schlecht.
„Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken: Mord, Ehebruch, Unzucht, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerungen“ (Mt. 15,19 Rev. Elb.)
So schaut´s aus. Das ist die göttliche Einschätzung des menschlichen Wesens.
Hier hilft keine Maniküre, keine äußerliche Reinigung, kein Hände und Füße waschen, keine neue Frisur, kein neuer Anzug. Hier hilft kein neuer Job und kein neues Auto. Und auch keine neue Frau und kein neuer Mann. Auch keine neue Religion und kein neuer Meditationsweg. Auch kein Jakobsweg und keine andere Ernährung. Keine noch so guten Vorsätze. Nicht einmal ein Präsidentenamt. Nichts, was der Mensch irgendwie tun könnte, würde an seinem Grundwesen etwas ändern.
„denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an“ (1. Mose 8,21b Rev. Elb.)
Es langt also nicht aus die Herzenshaltung zu ändern. Zuerst bedarf es eines neuen Herzens. Die Prophetie des Hesekiel verbindet dies mit einem neuen Geist. Ein neues Herz und ein neuer Geist.
Die Erfüllung dieser Verheißung begann für Israel und für alle Menschen am ersten Pfingsten. Durch die Hinwendung zu Christus und den Empfang des Heiligen Geistes vollzog sich diese Herztransplantation.
„Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern und allen, die in der Ferne sind, so viele der Herr, unser Gott, berufen wird.“ (Apg. 2, 38.39 Rev. Elb.)
Tut Buße. Also stimmt mit Gott überein, dass Ihr Sünder seid und Euch nicht selbst erlösen könnt. Lasst Euch taufen auf den Namen Jesu. Drückt dadurch aus, dass Ihr Euer Vertrauen auf Erlösung einzig und allein auf Jesus Christus setzt. Solus Christus. Und dann empfangt den Heiligen Geist. Und dies ist die Verheißung, die an verschiedenen Stellen im AT angekündigt wurde. Hesekiel, Joel, Jeremia etc.
Und dieser Geist ist es, der in uns die Umgestaltung unseres Wesens bewirkt. Der - bildlich gesprochen - das steinerne Herz entfernt und ein fleischernes einsetzt. Der uns den Wunsch und den Willen gibt jesusgemäß zu leben. Diese Veränderung ist so gewaltig, dass die Bibel von einer neuen Schöpfung, einer neuen Kreatur, einem neuen Menschen spricht. (2. Kor. 5,17)
„Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der Herr: ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben. Und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Dann wird nicht mehr einer seinen Nächsten oder seinen Bruder lehren und sagen: Erkennt den Herrn! Denn sie alle werden mich erkennen von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten, spricht der Herr. Denn ich werde ihre Schuld vergeben und an ihre Sünde nicht mehr denken.“ (Jer. 31, 33.34 Rev. Elb.)
Für das Volk Israel ist diese Verheißung erst punktuell erfüllt, da sie Jesus als Messias ja abgelehnt haben. Nur die an Christus glaubenden Juden erleben sie schon. Aber wir sind schon mittendrin.
„denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der gegeben worden ist.“ (Röm. 5,5b Rev. Elb.)
Wir sind nun in der komfortablen Situation, dass wir durch den in uns wohnenden Geist eine Verbindung zum Vater haben, dass wir Gott erkennen, mehr und mehr erkennen und dadurch seinen Willen teilen.
Nicht wie Marionetten, sondern wie Prinzen und Prinzessinnen. Wir tragen seine DNA in uns. Und jetzt geschieht das Erstaunliche: wir brauchen seine Gebote eigentlich gar nicht mehr.
„indem er dies weiß, dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist, sondern für Gesetzlose und Widerspenstige, für Gottlose und Sünder, für Heillose und Unheilige, Vatermörder und Muttermörder, Mörder, Unzüchtige, Knabenschänder, Menschenräuber, Lügner, Meineidige…“ (1. Tim. 1, 8b-10 Rev. Elb.)
Diejenigen, die Gott nicht kennen, brauchen das Gesetz, damit sie eine moralisch-ethisch-soziale Orientierung haben, diejenigen, die den Heiligen Geist in ihrem Herzen haben, leben gemäß der DNA Gottes. Wenn Du ein Elektroauto hast, dann brauchst Du kein Benzin mehr.
Natürlich sind das alles Wachstumsprozesse. Die Früchte des Geistes, die Früchte der Liebe wachsen in uns. Und wenn jmd. frisch dabei ist sein Leben mit Jesus zu leben, ist es hilfreich eine ethisch-moralische Instanz außerhalb von sich selbst zu haben, an der man sich orientieren kann. Das sagt Paulus auch vorher:
„Das Gesetz ist, wie wir alles wissen, gut und nützlich – vorausgesetzt, man wendet es in der ihm angemessenen Weise an.“ (1. Tim. 1,8 NGÜ)
Also nicht als Heilsweg, sondern als Hilfestellung, als Orientierungshilfe auf dem Weg der Liebe. Denn wir wissen, wie es Luther so schön ausdrückte (wenn auch theologisch nicht korrekt, weil es eigentlich um das schwache Fleisch geht und nicht um den alten Adam, da dieser ja mit Jesus gekreuzigt wurde):
„Der alte Adam in uns soll ersäuft werden. Nimm dich aber in acht, das Aas kann schwimmen!“ (Luther)
Wir haben ein neues Herz. Ein Herz der Liebe. Einen neuen Geist. Den Heiligen Geist. Ohne dies alles wäre es für uns sehr schwierig einander zu lieben, den Nächsten zu lieben, Gott zu lieben. So ist es uns möglich.
Das befreit uns nicht davor auf unser Herz zu achten. Manchmal ziehen dunkle Wolken darüber. Manchmal wird uns Gift injiziert. Manchmal injizieren wir es sogar selbst.
Daher benötigen wir manchmal Seelsorge und Gebet, manchmal innere Heilung und Befreiung, manchmal Ermutigung, manchmal brauchen wir einfach nur einander. Wäre dies nicht so, wäre das NT nicht voll von Ratschlägen und Hilfestellungen:
Ermahnt einander, ermutigt einander, tröstet einander, tragt einander die Lasten, lacht miteinander, weint miteinander.
„Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden-„ (2. Kor. 5,17 Rev. Elb.)
Wenn wir zu Christus gehören, sind wir neue Menschen, haben ein neues Herz, haben seinen Geist. Dies sind Gottes Zusagen. Dies gilt auch, wenn es im Alltag einmal anders aussieht. Dann gilt:
„dass, wenn das Herz uns verurteilt, Gott größer ist als unser Herz und alles kennt.“ (1. Joh. 3,20 Rev. Elb.)
AMEN.
Sonntag, 18. November 2012
Predigt von Norbert Wohlrab (18.11.12)
Die erste Tempelreinigung (Joh. 2)
1. Einleitung
Ich möchte heute ein bisschen da weiter machen, wo ich letzte Woche aufgehört habe.
Letzte Woche haben wir gemeinsam das Gleichnis von den drei Türen und dem guten Hirten betrachtet. Aufgehört habe ich mit der Feststellung, dass wir oft im Laufe des Nachfolge-Prozesses etwas Patina oder Rost ansetzten, d.h. wir haben etwas verloren von der Freude über die Erlösung, von der Begeisterung über Jesus, von dem Eifer für unseren Herrn usw.
Heute möchte ich mit Euch wieder einen Text aus dem Johannes-Evangelium lesen und auch vielleicht schon einen ersten Hinweis liefern, wie sich unser Zustand wieder verändern kann.
„Kurz bevor die Juden ihr Passafest feierten, ging Jesus nach Jerusalem hinauf. Im Vorhof des Tempels stieß er auf die Händler, die ihre Rinder, Schafe und Tauben zum Verkauf anboten, und auf die Geldwechsler, die ´an ihren Tischen` saßen. Da machte er sich aus Stricken eine Peitsche und trieb sie alle mit ihren Schafen und Rindern aus dem Tempelbezirk hinaus. Er schüttete das Geld der Wechsler auf den Boden und stieß ihre Tische um, und den Taubenverkäufern befahl er: »Schafft das alles weg! Macht aus dem Haus meines Vaters kein Kaufhaus!« Seine Jünger erinnerten sich dabei an die Schriftstelle: »Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren.«Die führenden Männer des jüdischen Volkes stellten Jesus zur Rede: »Kannst du uns mit einem Wunder beweisen, dass du das Recht hast, so zu handeln?« Jesus gab ihnen zur Antwort: »Reißt diesen Tempel ab, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen.« – »Wie?«, entgegneten sie. »Sechsundvierzig Jahre lang wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufbauen?« Doch Jesus hatte mit dem Tempel seinen eigenen Körper gemeint. Später, als Jesus von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger an diesen Ausspruch, und sie glaubten ´den Voraussagen` der Schrift und dem, was Jesus selbst gesagt hatte.“ (Joh. 2, 13-22 NGÜ)
2. Abgrenzung zu den Bußpredigten
Diese Stelle wird gerne als Allegorie verstanden und verwendet, wenn man der Gemeinde bzw. einzelnen Gliedern so richtig nahe bringen will, dass es unbedingt notwendig ist, dass sie sich reinigen von allerlei Sünde, dass sie wieder umkehren auf dem richtigen Weg, dass sie Buße tun über ihren schlimmen Zustand, dass es nötig ist sich vom Heiligen Geist neu reinigen, neu läutern zu lassen, weil wir ja dieser Tempel sind, den Jesus hier reinigen muss.
„Wir sind der Tempel des lebendigen Gottes“ (2.Kor. 6,16b Rev. Elb.)
schreibt der Paulus. Jesus könnte ja auch was anderes machen, aber er muss uns reinigen, weil wir so verlottert sind. Also trennt Euch bitte doch von aller Sünde!
Es gibt solche Bußpredigten und ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich als junger Christ, so mit 19-20 so eine Predigt gehört habe - ich glaube es war ein Baptistenprediger - und ich hatte danach so ein schlechtes Gewissen, das mich dann umgetrieben hat, ich hab es fast nicht mehr ausgehalten, mein Herz schien mir regelrecht zu zerspringen.
Das Problem war nur, ich wusste überhaupt nicht von was ich umkehren sollte, worüber ich Buße tun sollte. Ich lebte ja kein Larifari-Christsein, ich hatte mich ja bereits bemüht mein Leben mit meiner ganzen Kraft nach den Willen Gottes auszurichten, ich hatte meinen Glauben sehr ernst genommen, ich hatte ja bereits ein bußfertiges Herz und war immer bereit auch Dinge in meinem Leben zu ändern, wenn der Heilige Geist mir etwas gezeigt hatte. Aber diese Predigt hatte in mir - wohl durch rhetorisches Geschick - ein schlechtes Gewissen erzeugt, einfach um des schlechten Gewissens willen. Denn zur Umkehr treibt uns nicht der Zorn Gottes, und auch keine Predigt über den Zorn Gottes, vermutlich auch keine Predigt über die Hölle, sondern die Güte Gottes.
„Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?“ (Röm. 2,5 Luther)
Damit will ich jetzt nicht sagen, dass es unnötig ist sich zu prüfen und zu reinigen. Ganz im Gegenteil! Es gibt Zeiten, in denen uns der Heilige Geist ganz besonders Dinge über uns offenbart, die wir ändern oder angehen müssen. Nicht immer sind dies Sünden, manchmal sind dies auch nur Schwächen, wo Veränderung nötig und möglich ist. Wir haben uns jetzt bspw. auch im Hauskreis entschieden demnächst eine Art Beichtabend zu machen, wo wir einander unsere Schuld bekennen. Auch um unserer Gemeinschaft noch eine neue Tiefe zu geben.
Hier bei dieser Tempelreinigung geht es aber um etwas anderes. Schauen wir uns das noch mal genau an.
3. Die Tempelreinigung bei Johannes
Johannes hat ja in seinem Evangelium v.a. die Begebenheiten im Leben Jesu aufgeschrieben, die die Synoptiker nicht geschrieben haben. Die Tempelreinigung findet man jedoch auch bei den anderen Evangelisten, jedoch an einer ganz anderen Stelle. Während sie bei ihnen am Ende des Wirkens Jesu vorkommt, steht sie bei Johannes ganz am Anfang. Man geht daher davon aus, dass es sich um zwei verschiedene Begebenheiten handelt.
Das erste Wunder, von dem Johannes berichtet, ist die Hochzeit zu Kana, bei der Jesus Wasser in Wein verwandelt. Dieses Wunder bewirkte nicht nur vor Ort große Freude, weil der Hochzeitsgesellschaft zuvor der Wein ausgegangen war, sondern es ist auch ein Bild für die Freude, die Gott schenkt. Hier in der sich anschließenden Begebenheit, zeigt Jesus auf, was die Freude in der Gottesbeziehung trüben kann.
Die Händler im Tempel waren nicht zufällig dort, sondern sie waren dort um Opfertiere (Rinder, Schafe, Ziegen, Tauben) zu verkaufen und um Geld zu tauschen. Wir wissen aus den Opfergesetzen des Alten Bundes, dass nur besonders reine Tiere geopfert werden durften. Da es die Zeit des Passah-Festes war, wurde besonders viel geopfert. Zusätzlich zu all den Brand-, Speis- Heils-, Sünd- und Schuldopfern brauchte jede Familie (oder Nachbarsgemeinschaft) noch ein Lamm als Opfertier für das Passahfest.
Nun konnte man diese Opfertiere entweder über eine sehr lange Wegstrecke nach Jerusalem treiben um sie dort zu opfern (oder um festzustellen, dass sie der Prüfung nicht stand hielten, weil sie doch einen Makel hatten) oder sich vor Ort geprüfte Opfertier kaufen.
Diese Geschäfte fanden mit Genehmigung (und natürlich unter Gewinnbeteiligung) der Hohenpriesterschaft im Tempelvorhof statt. Dort wurde auch Geld getauscht, da die Tempelsteuer nur in bestimmten jüdischen Geldstücken gezahlt werden durften (vermutlich weil nur bestimmte Münzen einen ausreichend hohen Silberanteil hatten).
Bei der Menge an Tieren, die gehandelt wurden, können wir uns vorstellen, dass im Tempelvorhof ein ganz schönes „Gwerch“ war. Nicht nur die Tiere haben wahrscheinlich nicht in aller Stille auf ihr baldiges Ende gewartet, sondern auch die Menschen haben gelärmt beim Handeln und Feilschen. Bei der zweiten Tempelreinigung spricht Jesus sogar von einer „Räuberhöhle“, daher ist anzunehmen, dass die Händler und die dahinter stehende Hohepriesterschaft ihre Machtposition und ihr Monopol ausgenutzt hat und extreme Wucherpreise verlangt hat.
Eigentlich sollte dieser Raum, aber ein Raum der Stille und Anbetung sein, ein Raum der Sammlung, ein Raum des Verharrens in der Gegenwart Gottes.
„Der Herr aber wohnt in seinem heiligen Tempel. Alle Welt schweige in seiner Gegenwart.“ (Hab. 2,20 EÜ)
Stattdessen war da Schachern um Gewinn und Blöken von Schafen. Es stand nirgendwo in den Opfergesetzen, dass der Verkauf der Opfertiere im Tempel stattzufinden hat. Dies war eine Entscheidung der Verantwortlichen. Hier haben sich Glaube und Geschäft gemischt. Hier wurde ein religiöses System genährt. Und hier „rastet“ Jesus aus.
Eigentlich passt dieses Vorgehen Jesu nicht ganz in unsere Vorstellung von christlichen Leben oder in unsere Vorstellung von Jesus. Das würde doch eher zu einem Che Guevara passen, aber zu Jesus?! Heißt Christsein nicht eher Kuschen und Ja-Sagen und dem Anderen Recht geben, die linke Backe hinhalten, die zweite Meile gehen, tolerant sein?
Religiöse Toleranz (eine Errungenschaft des 30jährigen Krieges) bedeutet ja nicht mit dem Anderen übereinzustimmen, sondern ihn nicht zu erschlagen, wenn er eine andere Meinung hat, als die eigene.
Jesus war hier auch tolerant, weil er hat niemanden erschlagen. Weder Mensch noch Tier. Er war nur ordentlich. Er hat aufgeräumt. Aus Eifer für seinen Vater. Aus Liebe zu seinem Vater. Er hat es nicht ertragen können, nicht dulden wollen, dass der Tempel des lebendigen Gottes auf so eine Art missbraucht wird.
Nun kann man dieses Verhalten nicht als Legitimation verstehen, um künftig selbst draufzuschlagen, wenn Gott irgendwo gelästert wird. So wie die Inquisition im Mittelalter.
Bei Jesus war die Situation anders. Er hatte das Hausrecht. Er war der Messias. Er war in seines Vaters Haus. Und noch mehr: er selbst war der Tempel. Er konnte sich identifizieren mit dem Wohnsitz Gottes auf Erden. Weil Gott im Tempel in Jerusalem genauso gegenwärtig sein sollte, wie er ihn ihm selbst gegenwärtig war.
Dass jmd. auf so drastische Weise Gottes Willen durchsetzte, wie Jesus es hier getan hat, war dem Volk Israel nicht gänzlich unbekannt. Auch die Propheten hatten manchmal ähnliches getan (z.B. Jeremia). Aber sie waren legitimiert dazu. Daher die Frage an Jesus: „Aus welchem Recht heraus tust Du das?“ Sie wollten einen Beleg für sein Tun, ein Wunder. Jesus antwortete mit einem prophetischen Wort. Er sagte voraus, dass er sterben wird und nach drei Tagen selbständig wieder ins Leben zurück kehren wird. Niemand hat dies verstanden, auch die Jünger haben erst hinterher kapiert, was Jesus meinte.
4. Religiosität hindert die Glaubensbeziehung
Bei der zweiten Tempelreinigung, von der in den anderen Evangelien berichtet wird, sagt Jesus:
„Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker“ (Mk. 11,17a Luther)
Ich denke Jesus geht es um mehr, als nur darum, dass das Haus seines Vaters nicht entweiht wird. Sein Eifer, sein Zorn richtet sich hier gegen die religiösen Strukturen, die entstanden sind und letztlich die Beziehung zu Gott verhindern oder erschweren.
Gewiss, die Opfergesetze stammten von Gott selbst und waren ein Hauptbestandteil des Alten Bundes. Aber es ist etwas anderes, ob ich sage: „Mein bestes Rind für Gott“ oder wenn ich arm bin „Meine beste Taube für Gott“ und sie dann im Glauben opfere und mein Anliegen (sei es das Bekennen von Schuld oder der Dank für eine Heilung usw.) vor Gott bringe oder ob mir durch ein kompliziertes religiöses und kommerzielles System dieser Zugang erschwert wird und eigentlich nicht nur persifliert wird, sondern sinnentleert wird.
Die Gemeinschaft mit Gott im Tempel geht dabei unter oder spielt nur noch eine Nebenrolle. Wogegen sich Jesus hier wehrt, ist - wie er es oft kritisiert hat - wieder das Auflegen von Lasten auf die Gläubigen und Suchenden.
„Wehe auch euch Gesetzesgelehrten! Denn ihr ladet den Menschen unerträgliche Bürden auf“ (Lk. 11,46a Schlachter)
Auch wir laden uns manchmal selbst solche Lasten auf oder bekommen sie aufgeladen. Und diese Lasten rauben uns die Freude an Gott. Gott ist der Quell unerschöpflicher Freude. Er ist voller Liebe. Er hat uns schon geliebt, als er uns noch sowas von scheißegal war (1. Joh. 4,19; Röm. 5,8), als wir noch Sünder waren und uns nicht um seinen Willen geschert haben.
Heute lassen wir uns - von wem auch immer - unter Druck setzen, z.B. wenn wir zuwenig gebetet haben, zu wenig in der Bibel gelesen, zu wenig von der sog. „Stillen Zeit“ gemacht haben, zu wenig evangelisiert, zu wenig „Zehnten“ gegeben, zu wenig „Salbung“ haben, zu wenig Kranke geheilt usw.
Versteht mich nicht falsch, das sind alles wichtige Dinge für unser Glaubensleben, die es wert sind kultiviert und gepflegt zu werden. Aber wie perfekt oder unperfekt wir darin sind, hat überhaupt nichts mit der Liebe zu tun, die Gott für uns empfindet. Wenn wir das denken, dann ist das Religiosität. Und so ein religiöser Druck raubt meinem Christsein jede Freude.
Sei entspannt! Gott hat schon alles getan! Schmeiß die religiösen Erwartungen anderer an Dich über Bord! Und lebe in der Freiheit, die Dir Gott schenkt. (Dann verschwindet auch die Patina.) Gottes Gnade reicht für Mörder, dann reicht sie auch für unsere „Möchtegern-Sünden.“
Eine andere Form der Religiosität kann sein, wenn wir uns mehr um die Gemeinde drehen, als um Gott. Das kann man sich zwar bei uns kaum vorstellen, aber man kann auch um seinen Mangel kreisen.
Ich hab vor kurzem eine Online-Predigt von Stefan Driess gehört und da fand ich etwas ganz interessant. Und zwar hat er erzählt, dass einige ehemalige Esoteriker, die durch ihn zum Glauben gekommen sind und mittlerweile in Gemeinden integriert sind, zu ihm gesagt haben: „Stefan, Du hast zu uns immer über Jesus gesprochen. Jetzt wird nur noch über die Gemeinde gesprochen.“
Wie viel reden wir über Jesus und wie viel über Gemeinden und Theologie? Da kann sich jeder selber mal beobachten. Mir hat es auf jeden Fall zu Denken gegeben.
Gebete und Lobpreis sind Ausdruck einer Beziehung und nicht leere Rituale. Gott liebt uns so sehr, dass er sich gesagt hat, es reicht nicht aus, wenn sie mein Wort haben und darin immer wieder lesen können: „Gott hat mich zuerst geliebt“, nein, sie brauchen auch noch den Heiligen Geist, der es ihnen lebendig bezeugt, dass sie meine Kinder sind.
„Denn der Geist Gottes, den ihr empfangen habt, führt euch nicht in eine neue Sklaverei, in der ihr wieder Angst haben müsstet. Er macht euch vielmehr zu Gottes Kindern. Jetzt können wir zu Gott kommen und zu ihm sagen: "Vater, lieber Vater!" Gottes Geist selbst gibt uns die innere Gewissheit, dass wir Gottes Kinder sind.“ (Röm. 8, 15.16 HfA)
Nur manchmal tut er sich schwer unsere religiöse Hülle zu durchbrechen, weil wir auf stur schalten. Da will der Heilige Geist mir mitteilen: „Ach Norbert, Du bist mein liebes Kind“ und ich denk mir „Ich hab heut aber noch nicht gebetet!“ oder „Ich hab jetzt aber drei Tage nicht in der Bibel gelesen“ o.ä. Versteht Ihr?
Wir sind zur Freiheit berufen!
„Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht.“ (Gal. 5,1a Rev. Elb.)
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (Gal. 5,1a Luther)
„Durch Christus sind wir frei geworden, damit wir als Befreite leben. Jetzt kommt es darauf an, dass ihr euch nicht wieder vom Gesetz versklaven lasst.“ (Gal. 5,1 HfA)
„Ihr braucht nicht mehr unter der Fuchtel von Gesetzen zu stehen.“ (Gal. 5,1b Volx)
Und Paulus meint hier nicht die Freiheit von Bindungen! Dann könnte man sich wieder neu Druck machen: „Ja, aber, hier und dort, da ist noch nicht alles in Ordnung in meinem Leben. Da muss ich noch dran arbeiten. Da brauch ich noch Befreiung.“ Paulus meint hier Freiheit vom Gesetz und davon sich nicht wieder unter irgendein neues religiöses Gesetz zu stellen.
Wenn wir immer wieder neu verstehen, wie frei wir wirklich sind, wie geliebt wir wirklich sind, werden wir auch ganz neue Freude für unser Leben mit Gott bekommen.
AMEN.
1. Einleitung
Ich möchte heute ein bisschen da weiter machen, wo ich letzte Woche aufgehört habe.
Letzte Woche haben wir gemeinsam das Gleichnis von den drei Türen und dem guten Hirten betrachtet. Aufgehört habe ich mit der Feststellung, dass wir oft im Laufe des Nachfolge-Prozesses etwas Patina oder Rost ansetzten, d.h. wir haben etwas verloren von der Freude über die Erlösung, von der Begeisterung über Jesus, von dem Eifer für unseren Herrn usw.
Heute möchte ich mit Euch wieder einen Text aus dem Johannes-Evangelium lesen und auch vielleicht schon einen ersten Hinweis liefern, wie sich unser Zustand wieder verändern kann.
„Kurz bevor die Juden ihr Passafest feierten, ging Jesus nach Jerusalem hinauf. Im Vorhof des Tempels stieß er auf die Händler, die ihre Rinder, Schafe und Tauben zum Verkauf anboten, und auf die Geldwechsler, die ´an ihren Tischen` saßen. Da machte er sich aus Stricken eine Peitsche und trieb sie alle mit ihren Schafen und Rindern aus dem Tempelbezirk hinaus. Er schüttete das Geld der Wechsler auf den Boden und stieß ihre Tische um, und den Taubenverkäufern befahl er: »Schafft das alles weg! Macht aus dem Haus meines Vaters kein Kaufhaus!« Seine Jünger erinnerten sich dabei an die Schriftstelle: »Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren.«Die führenden Männer des jüdischen Volkes stellten Jesus zur Rede: »Kannst du uns mit einem Wunder beweisen, dass du das Recht hast, so zu handeln?« Jesus gab ihnen zur Antwort: »Reißt diesen Tempel ab, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen.« – »Wie?«, entgegneten sie. »Sechsundvierzig Jahre lang wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufbauen?« Doch Jesus hatte mit dem Tempel seinen eigenen Körper gemeint. Später, als Jesus von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger an diesen Ausspruch, und sie glaubten ´den Voraussagen` der Schrift und dem, was Jesus selbst gesagt hatte.“ (Joh. 2, 13-22 NGÜ)
2. Abgrenzung zu den Bußpredigten
Diese Stelle wird gerne als Allegorie verstanden und verwendet, wenn man der Gemeinde bzw. einzelnen Gliedern so richtig nahe bringen will, dass es unbedingt notwendig ist, dass sie sich reinigen von allerlei Sünde, dass sie wieder umkehren auf dem richtigen Weg, dass sie Buße tun über ihren schlimmen Zustand, dass es nötig ist sich vom Heiligen Geist neu reinigen, neu läutern zu lassen, weil wir ja dieser Tempel sind, den Jesus hier reinigen muss.
„Wir sind der Tempel des lebendigen Gottes“ (2.Kor. 6,16b Rev. Elb.)
schreibt der Paulus. Jesus könnte ja auch was anderes machen, aber er muss uns reinigen, weil wir so verlottert sind. Also trennt Euch bitte doch von aller Sünde!
Es gibt solche Bußpredigten und ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich als junger Christ, so mit 19-20 so eine Predigt gehört habe - ich glaube es war ein Baptistenprediger - und ich hatte danach so ein schlechtes Gewissen, das mich dann umgetrieben hat, ich hab es fast nicht mehr ausgehalten, mein Herz schien mir regelrecht zu zerspringen.
Das Problem war nur, ich wusste überhaupt nicht von was ich umkehren sollte, worüber ich Buße tun sollte. Ich lebte ja kein Larifari-Christsein, ich hatte mich ja bereits bemüht mein Leben mit meiner ganzen Kraft nach den Willen Gottes auszurichten, ich hatte meinen Glauben sehr ernst genommen, ich hatte ja bereits ein bußfertiges Herz und war immer bereit auch Dinge in meinem Leben zu ändern, wenn der Heilige Geist mir etwas gezeigt hatte. Aber diese Predigt hatte in mir - wohl durch rhetorisches Geschick - ein schlechtes Gewissen erzeugt, einfach um des schlechten Gewissens willen. Denn zur Umkehr treibt uns nicht der Zorn Gottes, und auch keine Predigt über den Zorn Gottes, vermutlich auch keine Predigt über die Hölle, sondern die Güte Gottes.
„Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?“ (Röm. 2,5 Luther)
Damit will ich jetzt nicht sagen, dass es unnötig ist sich zu prüfen und zu reinigen. Ganz im Gegenteil! Es gibt Zeiten, in denen uns der Heilige Geist ganz besonders Dinge über uns offenbart, die wir ändern oder angehen müssen. Nicht immer sind dies Sünden, manchmal sind dies auch nur Schwächen, wo Veränderung nötig und möglich ist. Wir haben uns jetzt bspw. auch im Hauskreis entschieden demnächst eine Art Beichtabend zu machen, wo wir einander unsere Schuld bekennen. Auch um unserer Gemeinschaft noch eine neue Tiefe zu geben.
Hier bei dieser Tempelreinigung geht es aber um etwas anderes. Schauen wir uns das noch mal genau an.
3. Die Tempelreinigung bei Johannes
Johannes hat ja in seinem Evangelium v.a. die Begebenheiten im Leben Jesu aufgeschrieben, die die Synoptiker nicht geschrieben haben. Die Tempelreinigung findet man jedoch auch bei den anderen Evangelisten, jedoch an einer ganz anderen Stelle. Während sie bei ihnen am Ende des Wirkens Jesu vorkommt, steht sie bei Johannes ganz am Anfang. Man geht daher davon aus, dass es sich um zwei verschiedene Begebenheiten handelt.
Das erste Wunder, von dem Johannes berichtet, ist die Hochzeit zu Kana, bei der Jesus Wasser in Wein verwandelt. Dieses Wunder bewirkte nicht nur vor Ort große Freude, weil der Hochzeitsgesellschaft zuvor der Wein ausgegangen war, sondern es ist auch ein Bild für die Freude, die Gott schenkt. Hier in der sich anschließenden Begebenheit, zeigt Jesus auf, was die Freude in der Gottesbeziehung trüben kann.
Die Händler im Tempel waren nicht zufällig dort, sondern sie waren dort um Opfertiere (Rinder, Schafe, Ziegen, Tauben) zu verkaufen und um Geld zu tauschen. Wir wissen aus den Opfergesetzen des Alten Bundes, dass nur besonders reine Tiere geopfert werden durften. Da es die Zeit des Passah-Festes war, wurde besonders viel geopfert. Zusätzlich zu all den Brand-, Speis- Heils-, Sünd- und Schuldopfern brauchte jede Familie (oder Nachbarsgemeinschaft) noch ein Lamm als Opfertier für das Passahfest.
Nun konnte man diese Opfertiere entweder über eine sehr lange Wegstrecke nach Jerusalem treiben um sie dort zu opfern (oder um festzustellen, dass sie der Prüfung nicht stand hielten, weil sie doch einen Makel hatten) oder sich vor Ort geprüfte Opfertier kaufen.
Diese Geschäfte fanden mit Genehmigung (und natürlich unter Gewinnbeteiligung) der Hohenpriesterschaft im Tempelvorhof statt. Dort wurde auch Geld getauscht, da die Tempelsteuer nur in bestimmten jüdischen Geldstücken gezahlt werden durften (vermutlich weil nur bestimmte Münzen einen ausreichend hohen Silberanteil hatten).
Bei der Menge an Tieren, die gehandelt wurden, können wir uns vorstellen, dass im Tempelvorhof ein ganz schönes „Gwerch“ war. Nicht nur die Tiere haben wahrscheinlich nicht in aller Stille auf ihr baldiges Ende gewartet, sondern auch die Menschen haben gelärmt beim Handeln und Feilschen. Bei der zweiten Tempelreinigung spricht Jesus sogar von einer „Räuberhöhle“, daher ist anzunehmen, dass die Händler und die dahinter stehende Hohepriesterschaft ihre Machtposition und ihr Monopol ausgenutzt hat und extreme Wucherpreise verlangt hat.
Eigentlich sollte dieser Raum, aber ein Raum der Stille und Anbetung sein, ein Raum der Sammlung, ein Raum des Verharrens in der Gegenwart Gottes.
„Der Herr aber wohnt in seinem heiligen Tempel. Alle Welt schweige in seiner Gegenwart.“ (Hab. 2,20 EÜ)
Stattdessen war da Schachern um Gewinn und Blöken von Schafen. Es stand nirgendwo in den Opfergesetzen, dass der Verkauf der Opfertiere im Tempel stattzufinden hat. Dies war eine Entscheidung der Verantwortlichen. Hier haben sich Glaube und Geschäft gemischt. Hier wurde ein religiöses System genährt. Und hier „rastet“ Jesus aus.
Eigentlich passt dieses Vorgehen Jesu nicht ganz in unsere Vorstellung von christlichen Leben oder in unsere Vorstellung von Jesus. Das würde doch eher zu einem Che Guevara passen, aber zu Jesus?! Heißt Christsein nicht eher Kuschen und Ja-Sagen und dem Anderen Recht geben, die linke Backe hinhalten, die zweite Meile gehen, tolerant sein?
Religiöse Toleranz (eine Errungenschaft des 30jährigen Krieges) bedeutet ja nicht mit dem Anderen übereinzustimmen, sondern ihn nicht zu erschlagen, wenn er eine andere Meinung hat, als die eigene.
Jesus war hier auch tolerant, weil er hat niemanden erschlagen. Weder Mensch noch Tier. Er war nur ordentlich. Er hat aufgeräumt. Aus Eifer für seinen Vater. Aus Liebe zu seinem Vater. Er hat es nicht ertragen können, nicht dulden wollen, dass der Tempel des lebendigen Gottes auf so eine Art missbraucht wird.
Nun kann man dieses Verhalten nicht als Legitimation verstehen, um künftig selbst draufzuschlagen, wenn Gott irgendwo gelästert wird. So wie die Inquisition im Mittelalter.
Bei Jesus war die Situation anders. Er hatte das Hausrecht. Er war der Messias. Er war in seines Vaters Haus. Und noch mehr: er selbst war der Tempel. Er konnte sich identifizieren mit dem Wohnsitz Gottes auf Erden. Weil Gott im Tempel in Jerusalem genauso gegenwärtig sein sollte, wie er ihn ihm selbst gegenwärtig war.
Dass jmd. auf so drastische Weise Gottes Willen durchsetzte, wie Jesus es hier getan hat, war dem Volk Israel nicht gänzlich unbekannt. Auch die Propheten hatten manchmal ähnliches getan (z.B. Jeremia). Aber sie waren legitimiert dazu. Daher die Frage an Jesus: „Aus welchem Recht heraus tust Du das?“ Sie wollten einen Beleg für sein Tun, ein Wunder. Jesus antwortete mit einem prophetischen Wort. Er sagte voraus, dass er sterben wird und nach drei Tagen selbständig wieder ins Leben zurück kehren wird. Niemand hat dies verstanden, auch die Jünger haben erst hinterher kapiert, was Jesus meinte.
4. Religiosität hindert die Glaubensbeziehung
Bei der zweiten Tempelreinigung, von der in den anderen Evangelien berichtet wird, sagt Jesus:
„Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker“ (Mk. 11,17a Luther)
Ich denke Jesus geht es um mehr, als nur darum, dass das Haus seines Vaters nicht entweiht wird. Sein Eifer, sein Zorn richtet sich hier gegen die religiösen Strukturen, die entstanden sind und letztlich die Beziehung zu Gott verhindern oder erschweren.
Gewiss, die Opfergesetze stammten von Gott selbst und waren ein Hauptbestandteil des Alten Bundes. Aber es ist etwas anderes, ob ich sage: „Mein bestes Rind für Gott“ oder wenn ich arm bin „Meine beste Taube für Gott“ und sie dann im Glauben opfere und mein Anliegen (sei es das Bekennen von Schuld oder der Dank für eine Heilung usw.) vor Gott bringe oder ob mir durch ein kompliziertes religiöses und kommerzielles System dieser Zugang erschwert wird und eigentlich nicht nur persifliert wird, sondern sinnentleert wird.
Die Gemeinschaft mit Gott im Tempel geht dabei unter oder spielt nur noch eine Nebenrolle. Wogegen sich Jesus hier wehrt, ist - wie er es oft kritisiert hat - wieder das Auflegen von Lasten auf die Gläubigen und Suchenden.
„Wehe auch euch Gesetzesgelehrten! Denn ihr ladet den Menschen unerträgliche Bürden auf“ (Lk. 11,46a Schlachter)
Auch wir laden uns manchmal selbst solche Lasten auf oder bekommen sie aufgeladen. Und diese Lasten rauben uns die Freude an Gott. Gott ist der Quell unerschöpflicher Freude. Er ist voller Liebe. Er hat uns schon geliebt, als er uns noch sowas von scheißegal war (1. Joh. 4,19; Röm. 5,8), als wir noch Sünder waren und uns nicht um seinen Willen geschert haben.
Heute lassen wir uns - von wem auch immer - unter Druck setzen, z.B. wenn wir zuwenig gebetet haben, zu wenig in der Bibel gelesen, zu wenig von der sog. „Stillen Zeit“ gemacht haben, zu wenig evangelisiert, zu wenig „Zehnten“ gegeben, zu wenig „Salbung“ haben, zu wenig Kranke geheilt usw.
Versteht mich nicht falsch, das sind alles wichtige Dinge für unser Glaubensleben, die es wert sind kultiviert und gepflegt zu werden. Aber wie perfekt oder unperfekt wir darin sind, hat überhaupt nichts mit der Liebe zu tun, die Gott für uns empfindet. Wenn wir das denken, dann ist das Religiosität. Und so ein religiöser Druck raubt meinem Christsein jede Freude.
Sei entspannt! Gott hat schon alles getan! Schmeiß die religiösen Erwartungen anderer an Dich über Bord! Und lebe in der Freiheit, die Dir Gott schenkt. (Dann verschwindet auch die Patina.) Gottes Gnade reicht für Mörder, dann reicht sie auch für unsere „Möchtegern-Sünden.“
Eine andere Form der Religiosität kann sein, wenn wir uns mehr um die Gemeinde drehen, als um Gott. Das kann man sich zwar bei uns kaum vorstellen, aber man kann auch um seinen Mangel kreisen.
Ich hab vor kurzem eine Online-Predigt von Stefan Driess gehört und da fand ich etwas ganz interessant. Und zwar hat er erzählt, dass einige ehemalige Esoteriker, die durch ihn zum Glauben gekommen sind und mittlerweile in Gemeinden integriert sind, zu ihm gesagt haben: „Stefan, Du hast zu uns immer über Jesus gesprochen. Jetzt wird nur noch über die Gemeinde gesprochen.“
Wie viel reden wir über Jesus und wie viel über Gemeinden und Theologie? Da kann sich jeder selber mal beobachten. Mir hat es auf jeden Fall zu Denken gegeben.
Gebete und Lobpreis sind Ausdruck einer Beziehung und nicht leere Rituale. Gott liebt uns so sehr, dass er sich gesagt hat, es reicht nicht aus, wenn sie mein Wort haben und darin immer wieder lesen können: „Gott hat mich zuerst geliebt“, nein, sie brauchen auch noch den Heiligen Geist, der es ihnen lebendig bezeugt, dass sie meine Kinder sind.
„Denn der Geist Gottes, den ihr empfangen habt, führt euch nicht in eine neue Sklaverei, in der ihr wieder Angst haben müsstet. Er macht euch vielmehr zu Gottes Kindern. Jetzt können wir zu Gott kommen und zu ihm sagen: "Vater, lieber Vater!" Gottes Geist selbst gibt uns die innere Gewissheit, dass wir Gottes Kinder sind.“ (Röm. 8, 15.16 HfA)
Nur manchmal tut er sich schwer unsere religiöse Hülle zu durchbrechen, weil wir auf stur schalten. Da will der Heilige Geist mir mitteilen: „Ach Norbert, Du bist mein liebes Kind“ und ich denk mir „Ich hab heut aber noch nicht gebetet!“ oder „Ich hab jetzt aber drei Tage nicht in der Bibel gelesen“ o.ä. Versteht Ihr?
Wir sind zur Freiheit berufen!
„Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht.“ (Gal. 5,1a Rev. Elb.)
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (Gal. 5,1a Luther)
„Durch Christus sind wir frei geworden, damit wir als Befreite leben. Jetzt kommt es darauf an, dass ihr euch nicht wieder vom Gesetz versklaven lasst.“ (Gal. 5,1 HfA)
„Ihr braucht nicht mehr unter der Fuchtel von Gesetzen zu stehen.“ (Gal. 5,1b Volx)
Und Paulus meint hier nicht die Freiheit von Bindungen! Dann könnte man sich wieder neu Druck machen: „Ja, aber, hier und dort, da ist noch nicht alles in Ordnung in meinem Leben. Da muss ich noch dran arbeiten. Da brauch ich noch Befreiung.“ Paulus meint hier Freiheit vom Gesetz und davon sich nicht wieder unter irgendein neues religiöses Gesetz zu stellen.
Wenn wir immer wieder neu verstehen, wie frei wir wirklich sind, wie geliebt wir wirklich sind, werden wir auch ganz neue Freude für unser Leben mit Gott bekommen.
AMEN.
Samstag, 5. Mai 2012
Predigt von Norbert Wohlrab (20.04.12)
Die
Taufe - ein Mysterium?!
1.
Einleitung
Wie
Ihr sicherlich schon mitbekommen habt, findet im Mai ein
Taufgottesdienst statt. Wir haben vier Täuflinge, die sich zu Jesus
Christus bekennen und sich dazu entschlossen haben, sich taufen zu
lassen.
Im
Vorfeld haben wir zwei Taufgespräche durchgeführt und zum Abschluss
des Gesprächs habe ich sie dann immer gefragt, ob sie alles
verstanden haben. Worauf sie immer mit „Ja“ geantwortet haben.
Das fand ich dann immer sehr erstaunlich, weil ich für mich zugeben
muss, dass ich noch nicht alles verstanden habe. Intellektuell
nachvollzogen gewiss, aber nicht in seiner Gänze, in seiner Tiefe
„erkannt“. Warum? Weil die Taufe irgendwie doch ein Mysterium
ist.
Nicht
im Sinne der Mysterienreligionen, sondern im Sinne eines Sakraments.
Eine menschliche Handlung, ein Ritus, der eine geistliche
Wirklichkeit bewirkt. (Die alte Kirche kannte übrigens nur zwei
Sakramente: die Taufe und das Abendmahl.) Und diese geistliche
Dimension zu erkennen - nicht nur in der Taufe, sondern in allen
Inhalten des christlichen Glaubens - ist ein lebenslanger
Wachstumsprozess.
Heute
geht es also um die Taufe. Ich habe schon das ein oder andere Mal
über die Taufe gepredigt, daher weiß ich jetzt nicht, ob ich allzu
viel neues oder anderes heute sagen werde. Also wenn Ihr das Gefühl
habt, das habt Ihr schon mal von mir gehört, dann bitte ich schon
mal um Entschuldigung (im Sinne einer vorlaufenden Gnade).
In
der weltweiten Christenheit besteht ja zumindest in einem Punkt
Einigkeit: nämlich dass wir taufen sollen (mit Ausnahme der
Heilsarmee, die meines Wissens überhaupt nicht taufen). Der
Missionsbefehl ist hier eindeutig:
„Geht
nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, indem ihr diese tauft
auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und
sie lehrt alles zu bewahren, was ich euch geboten habe! Und siehe,
ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.“
(Mt. 28, 19.20 Rev. Elb.)
Schwieriger
wird es hier schon in der Frage, wie und wer getauft werden soll.
Gläubige Erwachsene oder nicht glaubende Säuglinge, mit
Untertauchen oder mit Besprengen. Kaum eine Frage hat die
Christenheit so gespalten wie diese Frage. In der katholischen Kirche
werden Säuglinge mit Wasser besprengt, in der orthodoxen Kirche
werden sie ganz untergetaucht und in den protestantischen Kirchen
dominiert die Glaubenstaufe (ca. 70%).
Könnte
es sein, dass viele Streitigkeiten um die Taufe und viele
Missverständnisse darauf zurückzuführen sind, dass wir sie - wie
so vieles andere - vom jüdischen Hintergrund getrennt haben und
daher missverstanden haben? Oder liegt es einfach daran, dass man
sich so manche Theologie nach Gutdünken zurechtgezimmert hat?
2.
Die Vorläuferhandlungen in Judentum
Auch
wenn das Judentum an sich gar keine Taufe kennt, so gibt es doch
verschiedene Vorläuferhandlungen.
„Weil
uns nun aber daran liegt, dass ihr im Glauben erwachsen werdet,
wollen wir
nicht
bei den Anfangslektionen der Botschaft von Christus stehen bleiben,
sondern uns dem zuwenden, was zur Reife im Glauben gehört. Wir
wollen nicht von neuem über die Dinge reden, die das Fundament
bilden: über die Abkehr von Taten, die letztlich zum Tod führen,
und über den Glauben an Gott, über die Bedeutung der Taufe im
Unterschied zu anderen Waschungen
und
über die Handauflegung, über die Auferstehung der Toten und über
das letzte Gericht mit seinem ewig gültigen Urteil. Nein, wenn Gott
es zulässt, wollen wir jetzt weitergehen.“ (Hebr. 6, 1-3 NGÜ)
Hier
wird darauf hingewiesen, dass es im Judentum des Alten Bundes
verschiedene Waschungen, verschiedene Reinigungsrituale gab.
Wir
wissen alle zur Genüge, egal wie gut man das Auto putzt und reinigt,
es wird immer wieder dreckig. Schlamm und Dreck spritzen hoch,
Insekten hinterlassen ihr Testament bevor sie ihr Dasein aufgeben,
Vögel kacken drauf, die lästigen Fußgänger, die bei Rot über die
Ampel gehen hinterlassen Schleifspuren (joke) usw.
Ähnlich
war es bei den Juden: sie wussten, dass sie unrein waren (z.B. durch
den Kontakt mit bestimmten Tieren, mit Aas, mit Toten, mit Blut,
Eiter, Samen, Aussatz, der Geburt usw.) und dass sie Gott (z.B. im
Tempel) nur begegnen konnten, wenn sie rein waren. Daher gab es
verschiedene Reinigungsvorschriften und Ritualbäder im Außenbereich
des Tempels um sich rituell zu reinigen.
Aber
wir wissen auch, dass es eigentlich nicht die äußeren Dinge sind,
die uns verunreinigen, sondern die Sünden, die aus uns herauskommen.
Jesus
sagt: „Was
aber aus dem Mund herausgeht, kommt aus dem Herzen hervor, und das
verunreinigt den Menschen. Denn aus dem Herzen kommen hervor böse
Gedanken: Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugnisse,
Lästerungen; diese Dinge sind es, die den Menschen verunreinigen,
aber mit ungewaschenen Händen zu essen, verunreinigt den Menschen
nicht.“ (Mt. 15, 18-20 Rev. Elb.)
Das
schönste polierte und blitzende Auto ist doch nichts, wenn der
Innenraum völlig verdreckt ist. Deshalb führte Johannes, eine Tauf
der Buße ein. Er wies daraufhin, dass ein Veränderung des Lebens
notwendig sei. Seine Taufe der Buße stellte im Leben des einzelnen
den Beginn eines auf Gottes Gebote hin ausgerichteten Lebens dar.
Auf
diesem historischen Hintergrund basierte das Taufverständnis s der
ersten Christen. Die Waschungen des Alten Bundes waren nicht
gleichzusetzen mit der Taufe auf den Namen Jesus Christus. Aber sie
verstanden, dass die Taufe eine - wie auch immer geartete -
reinigende Bedeutung hatte und dass sie einen Neuanfang markiert.
3.
Der Beginn des Christseins
Es
gibt vier Eckpfeiler, die den Beginn des Christseins markieren. Dazu
eine Bibelstelle aus der Pfingstpredigt des Petrus:
„Das
ganze Haus Israel wisse nun zuverlässig, dass Gott ihn sowohl zum
Herrn als auch zum Christus gemacht hat, diesen Jesus, den ihr
gekreuzigt habt. Als sie aber das hörten, drang es ihnen durchs
Herz, und sie sprachen zu Petrus und den anderen Aposteln: Was sollen
wir tun, ihr Brüder? Petrus aber sprach zu ihnen: Tut Buße, und
jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur
Vergebung eurer Sünden! Und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes
empfangen.“ (Apg. 2, 36 – 38 Rev. Elb.)
Hier
werden vier Eckpfeiler deutlich: Buße, Glaube (auch wenn das Wort
hier nicht vorkommt, so ist es doch aus der Reaktion der Hörer auf
die Botschaft ersichtlich), Taufe und Geistestaufe bzw. Geistempfang.
Diese vier Eckpfeiler stehen idealerweise in einem engen zeitlichen
Zusammenhang und idealerweise in dieser Reihenfolge. Aber bereits in
der Apostelgeschichte wird gelegentlich vom Idealfall abgewichen,
z.B. bei der Taufe der ersten Heiden im Haus des Cornelius, als Gott
den Heiligen Geist souverän auf die Heiden fallen ließ, damit
Petrus ihnen die Wassertaufe nicht verwehren konnte (Apg. 10, 47.48)
oder als Paulus auf die Jünger in Ephesus traf, die weder die Taufe
auf den Namen Jesus hatten, noch etwas vom Heiligen Geist wussten und
beides schleunigst nachgeholt werden musste (Apg. 19, 1-7).
Auffällig
ist: es wurde nachgeholt! Sowohl für Petrus, als auch für Paulus
war es wichtig, dass die Initiation (Christwerdung) vollständig
vollzogen wurde: die Taufe im Heiligen Geist war vorhanden, aber die
Wassertaufe wurde nachgeholt, die Jünger in Ephesus folgten Jesus
bereits nach und hatten schon die Taufe des Johannes, aber die Taufe
auf den Namen Jesus und die Geistestaufe wurden sofort nachgeholt.
Die Christwerdung musste vollständig sein. So praktizierten es die
Apostel, die von Jesus zur Belehrung und Gründung der Gemeinden
bevollmächtigt wurden. Beide Elemente sind wohl in Gottes Gnade
nicht heilsnotwendig, denn Jesus sagt ja nur, dass der, der nicht
glaubt, nicht errettet wird und nicht der nicht wasser-/geistgetauft
ist (Mk. 16,16), aber sein Wille soll ja auch hier auf der Erde
geschehen und nicht nur im Himmel.
Eine
Anmerkung noch, auch wenn die Reihenfolge von Taufe und Geistestaufe
unterschiedlich war, so gibt es doch kein Beispiel im NT wo die
Reihenfolge von glauben und taufen umgedreht wird.
Der
Kämmerer aus Äthiopien in Apg. 8 hat keine Minute gezögert und
sich gleich taufen lassen. Ich selbst war echt ein Weichei und hab 4
Jahre gebraucht, von der Bekehrung bis zur Taufe. Ich konnt´s gar
nicht glauben, habe extra am Freitag meine Taufurkunde noch mal raus
gesucht. Vier Jahre bis ich bereit war diesen Schritt gegen alle
kulturellen und religiösen Widerstände zu gehen. Mit der
Geistestaufe ging´s dann glücklicherweise schneller.
4.
Das Geschehen in der Taufe
4.1
Die Taufe ist keine Magie
Was
geschieht eigentlich in der Taufe?
Zunächst
einmal was nicht geschieht. Die Taufe ist keine magische Handlung.
Dazu ein passender Witz:
Ein
Jude zog in eine sehr katholische Gegend. Jeden Freitag wurden die
Katholiken sehr nervös, denn während sie ihren Fisch aßen, saß
der Jude im Garten und grillte Steaks. Also machten sie sich daran,
ihn zu konvertieren. Schließlich, mit Bitten und Drohungen,
schafften sie es. Sie brachten ihn zu einem Priester, der
besprenkelte ihn mit gesegnetem Wasser und sprach: "....geboren
als Jude....aufgewachsen als Jude....jetzt ein Katholik."
Die
Katholiken waren begeistert. Keine verführerischen Gerüche mehr am
Freitag.
Aber
am nächsten Freitag zog der Grillgeruch wieder durch die
Nachbarschaft. Die Katholiken rannten alle zum Haus des Juden um ihn
an seine neue Diät zu erinnern. Sie fanden ihn am Grill stehend, wo
er Wasser über das Fleisch sprenkelte und sagte:"....geboren
als Kuh....aufgewachsen als Kuh....jetzt ein Fisch."
Was
der Witz verdeutlicht: ohne Glaube macht die Taufe keinen Sinn. Taufe
ohne Glaube ist Tauche! Man kann niemand durch eine Zwangstaufe - wie
es in der Geschichte allzu oft passiert ist - zum Christen machen.
Bei
der Christianisierung der Sachsen durch Karl dem Großen hatten die
unterworfenen Sachsen die Wahl sich taufen zu lassen und zu leben
oder ihre alte Religion zu behalten und zu sterben.
Auf
dem Missionsfeld gab es Auswüchse, dass Missionare heimlich
Säuglinge getauft haben um sie dadurch zu Christen zu machen. Dies
alles impliziert ein magisches Verständnis der Taufe, d.h. die Taufe
selbst könne etwas vollbringen, ohne die Zustimmung des Täuflings.
Die Taufe allein kann aber keine Sünden vergeben!
Aber
auch wenn sie keine magische Handlung ist, ist sie doch mehr als ein
Symbol. Der Tod Jesu am Kreuz war nicht nur symbolisch. Die Gabe des
Geistes ist nicht nur symbolisch. Die persönliche Umkehr ist nicht
nur symbolisch. Und auch die Taufe ist nicht nur symbolisch. Wir
dürfen das Geistliche nicht einfach vom Physischen trennen. Es
gehört zusammen.
4.2
Die Taufe ist ein Gehorsamsakt und ein Bekenntnis
In
den Versen aus der Apostelgeschichte, die ich eingangs gelesen haben,
wird deutlich: die Taufe ist ein Gehorsamsschritt. Die Menschen waren
zutiefst bewegt und betroffen als ihnen Jesus als der Sohn Gottes,
der für ihre Sünden gestorben und wieder auferstanden ist, vor
Augen gemalt wurde. Sie fragen: „Was müssen wir tun?“. Petrus
sagt: „Kehrt um und lasst euch taufen in dem Namen Jesus Christus
zur Vergebung der Sünden.“ Mit anderen Worten: Zeigt eure
Bereitschaft unter der Herrschaft Jesu in Gottes Reich zu leben,
indem ihr euch von der Sünde und eurem alten Leben abwendet und
jetzt unter der Herrschaft Jesu in eine Beziehung mit dem Vater
tretet. Dies drückt dann durch eure Taufe aus. Es war eine Art
Befehl oder Appell. Die Leute gehorchen und gehen im Glauben diesen
Schritt der Taufe.
Die
Taufe ist ein Ausdruck des radikalen Herrschaftswechsels vom alten
Leben ohne Gott zu einem neuen Leben mit Gott.
Das
was heute vielfach durch das Übergabegebet (eine relativ moderne
Erfindung!) ausgedrückt wird, wurde früher mit der Taufe
ausgedrückt. Die Taufe auf den Namen Jesus war der Ausdruck für die
Lebensübergabe.
Ich
muss nicht alle Offenbarungen über die Taufe haben, um mich taufen
zu lassen, aber ich muss Glauben haben, dass Jesus mich von der
Herrschaft der Sünde erlöst hat und mir ein neues Leben aus Gott
schenkt. Viele der ntl. Stellen über die Taufe aus den Briefen (z.B.
Römerbrief) wurden an bereits Getaufte geschrieben, damit sie im
Nachhinein das Taufgeschehen besser begreifen. Deshalb taufen wir im
Mai auch Jugendliche, die sicherlich im Laufe ihres Lebens noch mehr
und mehr über die Taufe erkennen werden, aber jetzt erkennen, dass
sie Jesus brauchen und zu ihm gehören wollen.
So
ist die Taufe gleichermaßen ein Gehorsamsakt, als auch ein
öffentliches Bekenntnis vor der sichtbaren und der unsichtbaren Welt
(vor Zeugen, mit Rechtsgrundlage): ich gehöre zu Jesus, ich trete
aus der Herrschaft des Teufels und der Sünde in das Reich Gottes
hinein. Und die anwesenden Christen bezeugen dies, und die anwesenden
Engel bezeugen dies....und die anwesenden Dämonen zittern und beben,
weil hier wieder neue Krieger Gottes berufen werden.
4.3
Die Taufe ist ein Begräbnis
Der
Beginn der Taufe ist das Begräbnis des alten Menschen.
„In
ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die
nicht mit Händen geschehen ist, sondern im Ausziehen des
fleischlichen Leibes, in der Beschneidung des Christus, mit ihm
begraben in der Taufe, in ihm auch mit auferweckt durch den Glauben
an die wirksame Kraft Gottes, der ihn aus den Toten auferweckt hat.“
(Kol. 2, 11.12 Rev. Elb.)
Das
Begräbnis im Wasser ist das entscheidende Bindeglied zwischen dem
Gestorbensein des Gläubigen - gegenüber seinem alten Leben - mit
Christus am Kreuz und seiner Auferstehung zu neuem Leben.
„Oder
wisst ihr nicht, dass wir, so viele auf Christus Jesus getauft
wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? So sind wir nun mit ihm
begraben worden durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus aus
den Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, so
auch wir in Neuheit des Lebens wandeln. Denn wenn wir verwachsen sind
mit der Gleichheit seines Todes, so werden wir es auch mit der seiner
Auferstehung sein, da wir dies erkennen, dass unser alter Mensch
mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde abgetan sein,
dass wir der Sünde nicht mehr dienen. Denn wer gestorben ist, ist
freigesprochen von der Sünde.“ (Röm. 6, 3 – 7 Rev. Elb.)
Die
Taufe ist ein Begräbnis. Wir anerkennen, nehmen in Anspruch, dass
unser alter, von der Sünde beherrschter Mensch mit Christus
gestorben ist. Jesus hat dort am Kreuz nicht nur unsere Sünden,
sondern auch unseren alten, von der Sünde zerstörten Menschen
weggenommen, neutralisiert. In der Taufe wird nun unser altes,
sündiges Leben mit Christus begraben. Es hat nun keine Macht mehr
über uns. Dieses alte Leben kann uns nicht mehr beherrschen und
bestimmen. Dies beinhaltet auch eine juristische Dimension, d.h. wir
sind der Herrschaft der Sünde und der Herrschaft des Teufels
abgestorben. Das Gesetz hat kein Recht mehr an uns; die Anklage kann
nicht mehr greifen. Einem Toten kann man nichts mehr anhaben. Ich bin
frei!
In
den meisten Bibelstellen über die Taufe hat die Sprache nicht
symbolische, sondern instrumentale Funktion, d.h. sie ist nicht wie
ein Begräbnis, sie ist ein Begräbnis. Das Zeichen vollbringt das,
was es bedeutet. Die Taufe ist zwar Symbolik, aber sie ist mehr als
das.
4.4
Die Taufe ist eine Einpflanzung in Christus
„Denn
wenn wir verwachsen sind mit der Gleichheit seines Todes, so werden
wir es auch mit der seiner Auferstehung sein“ (Röm. 6,5 Rev. Elb.)
Denn
die Taufe ist auch Auferstehung: Nachdem die Herrschaft der Sünde
über unser Leben gebrochen ist, sind wir frei durch Gottes Kraft in
ein neues Leben zu gehen.
Dieser
Bedeutung wird durch den Akt des Untertauchens und Auftauchens -
begraben und auferstanden - entsprochen (es wäre andererseits auch
ungünstig den Täufling längerfristig unter Wasser zu lassen).
Wir
vollziehen den Wechsel vom Sünder zum Gerechten!
„Denn
ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, ihr habt Christus
angezogen.“ (Gal. 3,27 Rev. Elb.)
Wir
werden in Christus hineingepflanzt. Wir sind eins mit ihm. Völlig
verwoben mit Christus. Ich in Christus; Christus in mir. Deswegen
macht es auch Sinn, wenn es in der Apg. heißt: Lasst euch in den
Namen Jesus Christus taufen. Lasst euch in Christus hineintaufen. So
wie ein Samenkorn in den Boden gepflanzt wird und erstirbt und eine
neue Pflanze entsteht, eine neue Identität entsteht, so gibt uns die
Taufe eine neue Identität in Christus.
Im
Altertum war es üblich, dass alle, die zu einem königlichen Mahl
geladen worden sind, zunächst ein Bad nehmen und sich dann in ein
neues, geschenktes Gewand kleiden. Wer sich geweigert hätte, hätte
den König beleidigt und hätte nicht in die Gemeinschaft kommen
dürfen (vgl. Mt. 22, 1-14). So hat der Christ in der Taufe
grundsätzlich sein altes Leben abgelegt und Christus angezogen. Er
trägt nun das Kleid der Gerechtigkeit. Wenn Gott auf uns blickt,
sieht er jetzt zuerst Christus, vollkommen und rein.
Manche
erleben bei ihrer Taufe überwältigende Veränderungen, andere
nicht. Ähnlich wie die Lebensübergabe bei manchen spektakulär ist
und bei anderen nicht. Gerade in Afrika scheint es der Fall zu sein,
dass bei Taufen viele Dämonenaustreibungen geschehen, weil hier oft
eine dramatische Abkehr vom okkulten Leben geschieht.
So
wie man bei der Taufe in Christus eingepflanzt wird, wird man such in
seinen irdischen Leib hineingeplfanzt.
„Denn
in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden, es seien
Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie, und sind alle mit
einem Geist getränkt worden.“ (1. Kor. 12,13 Rev. Elb.)
Durch
die Taufe werde ich zu einem Teil am Leib Christi. Was auch die
Zugehörigkeit zu einer Ortsgemeinde beinhaltet (Merkt Euch das für
die Zukunft. Wenn es such bei uns nicht mehr gefällt oder Euch Euer
Lebensweg woanders hinführt!)
4.5
Die Taufe ist eine Inanspruchnahme der Reinigung
„Und
nun, was zögerst du? Steh auf, lass dich taufen und deine Sünden
abwaschen, indem du seinen Namen anrufst!“ (Apg. 22,16 Rev. Elb.)
So
berichtet es Paulus über seine Bekehrung. Bewirkt die Taufe die
Reinigung von den Sünden? Ich glaube, dass hier Paulus den Vorgang
einfach knapp zusammenfasst hat, denn es heißt:
„das
Blut Jesu...reinigt uns von jeder Sünde.“ (1. Joh. 1,7b Rev. Elb.)
Vielmehr
ist es so, dass ich diese Reinigung in der Taufe in Anspruch nehme,
genauso wie ich für mich persönlich in Anspruch nehme, dass mein
alter Mensch gestorben und begraben ist und ich in Christus
hineingepflanzt bin, auferstanden zu neuem Leben.
Diese
Identifizierung mit dem Wirken Jesu und mit ihm selbst nehme ich in
der Taufe in Anspruch und bezeuge sie. Die Taufe ist das irdische
Zeichen, der im Himmel vollzogenen Reinigung.
5.
Säuglingstaufe - ein praktikabler Weg?
Wenn
man sich nun die ganzen Aspekte der verschiedenen geistlichen
Bedeutungen der Taufe vergegenwärtigt, wenn man sich die Praxis im
NT anschaut, findet man dann noch irgendwelche Aspekte, die man -
ohne die Bibel zu verdrehen oder neue Theologien zu entwerfen - auf
die Taufe von Säuglingen anwenden kann?
Man
kann vielleicht diese Meinung haben, aber man kann sie nicht biblisch
begründen. Diese Meinung vertraten auch die Reformatoren (Luther,
Calvin, Zwingli).
Luther
hat gesagt: „Die
Taufe hilft niemand, ist auch niemand zu geben, er glaube denn für
sich selbst, und ohne eigenen Glauben niemand zu taufen ist. Der
Glaube muss vor oder je in der Taufe sein...wo wir nun nicht können
beweisen, dass die jungen Kinder selbst glauben und eigenen Glauben
haben, da ist es mein treuer Rat und Urteil, dass man stracks
abstehe, je eher, desto besser, und taufe nimmermehr kein Kind, damit
wir nicht die Hochgelobte Majestät Gottes mit solchen Alfanzen und
Gaukelwerk, dahinter nicht ist, spotten und lästern.“
(Kirchenpostille von 1521)
Calvin
hat gesagt: „Da
Christus es ihnen auferlegt zu lehren, bevor sie taufen, und will,
dass niemand als nur Gläubige zur Taufe zugelassen werden, scheint
es, dass die Taufe nicht recht dargereicht ist, wenn nicht vorher der
Glaube kommt.“ (Commentaires sur l´harmonie des évangiles Bd. 3)
Warum
haben sie ihre Meinung dann wieder geändert? Ganz einfach: Politik.
Der
Erfolg der Reformation beruhte auf einer Allianz zwischen Kirche und
Staat und war daher nur möglich, wenn Staatsbürgerschaft gleich
Kirchenmitgliedschaft war. Es war „unmöglich
eine “nationale“ Kirche erhalten, ohne all diejenigen darin
willkommen zu heißen, die in eine Nation hineingeboren werden. Die
Taufe wird zu einem vertragsmäßigen Siegel der bürgerlich-religösen
Zugehörigkeit zu einer Nation, die als ein „neues Israel“ unter
Gott betrachtet wird.“ (David Pawson, Wiedergeburt)
Wie
wurde dies theologisch begründet? Mit ähnlichen Verdrehungen der
Bibel, mit denen schon im Altertum die Säuglingstaufe begründet
wurde und die Luther selbst noch als Gaukelei bezeichnet hatte.
Ende
des zweiten Jahrhunderts hat eine Irrlehre Einzug in die Christenheit
gehalten. Zuerst hat sie nur punktuelle Veränderungen nach sich
gezogen, aber im 4. Jahrhundert war das ganze Christentum damit
infiziert und dadurch die Säuglingstaufe überall verbreitet.
Die
falsche Lehre war die Lehre von der Taufwiedergeburt und ein falsches
Verständnis von Erbsünde (ein Begriff der übrigens in der Bibel
nicht zu finden ist).
Das
Verständnis der Erbsünde war folgendes: seit Adam steht jeder
Mensch - egal ob er selbst schon gesündigt hat oder nicht - unter
der Erbsünde. Diese wird bei der Zeugung durch den Samen des Mannes
vererbt. Diese Erbsünde wird in der Taufe abgewaschen. (Also nicht
am Kreuz!) Damit nun auch die Kinder von der Erbsünde befreit werden
können, sind sie wegen der hohen Säuglingssterblichkeit kurz nach
der Geburt zu taufen. Denn sonst kommen sie in den limbus infantum -
in die Vorhölle.
Weder
Jesus, noch die Apostel haben sich um diese Erbsünde geschert und
deshalb schnell - husch husch - Säuglinge getauft um sie vor dem
limbus zu retten.
Diese
Theologie und gleichzeitig die Einführung des Staatschristentums
unter Konstantin, in dem Kirchenmitgliedschaft und damit auch die
Säuglingstaufe (Luther: „Ungläubigentaufe“) zur Pflicht wurden,
waren für deren Einführung verantwortlich.
Die
Reformatoren hatte den selben Staatszwang und eine ähnliche
Theologie - nur positiv formuliert: die vorlaufende Gnade. Kein
Retten vor der Vorhölle wie bei den Katholiken, sondern ein
Zusprechen der Gnade Gottes.
Mal
davon abgesehen, dass Gnade immer „vorläuft“ besteht hier das
Problem, dass die Taufe im ntl. Sinne der Vollzug der Inanspruchnahme
der Gnade ist. Sie ist der Punkt wo die Gnade zusammentrifft mit der
Antwort des Gläubigen.
Bei
allen theologischen Entscheidungen gibt es nur eine Autorität und
das ist die Bibel. Man kann in manchen Punkten anderer Meinung sein -
solange man auf dem Boden der Schrift bleibt. Dieser Boden wurde im
Laufe der Kirchengeschichte immer wieder - beabsichtigt und
unbeabsichtigt - verlassen. Das Prüfen aller Theologien jedoch ist
eine Aufgabe, die mit einem allgemeinen Priestertum verbunden ist.
Wir machen es uns zu einfach, wenn wir etwas übernehmen nur weil es
kirchliche Lehre ist. Und wir machen es uns zu einfach, wenn wir an
etwas festhalten, nur weil wir vielleicht schon 40, 50 oder 60 Jahre
daran festhalten.
Wir
haben hier seit jeher ein tolerantes Miteinander, rund ein Drittel
wird glaubensgetauft sein, ein weiteres Drittel hat bei seinen
Kindern zumindest auf die Säuglingstaufe verzichtet, ein anderes
Drittel hält für sich aus Überzeugung an den kirchlichen
Überlieferungen fest.
Die
Eltern unserer Täuflinge haben sich dafür entschieden ihren Kindern
den Weg selbst gehen zu lassen, sie selbst entscheiden zu lassen und
sie haben nun diese Entscheidung getroffen ein Leben mit Jesus zu
leben. Standen die Kinder dann in der Gefahr im Falle ihres Todes im
limbus zu landen? Nein, denn sie waren geheiligt durch die Eltern (1.
Kor. 7,14), so führt es Paulus aus.
Von
der Britischen Bibelgesellschaft gibt es Berichte, dass dort wo
Menschen die Bibel bekamen und ohne Auslegung durch einen Missionar
gelesen haben und wo in der Folge christliche Gemeinschaften
entstanden sind, sie alle ausnahmslos die Gläubigentaufe praktiziert
haben. Die Schrift ist einfach zu verstehen, wenn man ihr nicht
Gewalt antut.
In
diesem Sinne: vielleicht möchte ja jmd. am 19.5. seine an ihm
vollzogene Säuglingstaufe durch eine Glaubenstaufe vervollständigen.
Im Wasser ist Platz genug.
AMEN.
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