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Freitag, 11. Mai 2018

Predigt von Norbert Wohlrab (06.05.2018)

Jahreslosung 2018


1. Einleitung

Was fällt Euch ein zum Begriff Fernweh?

(Ein Begriff mit dem wohl jeder spätestens dann etwas anfangen kann, wenn Kinder da sind, weil dann mit einem durchschnittlichen Einkommen nicht mehr so viel für Reisen übrig bleibt. Nicht nur kleine Kinder, gerade auch große kosten Geld.)

Und wie ist es mit Sehnsucht? Was fällt Euch dazu ein?

(Ich war überrascht, dass der Begriff ursprünglich eher pathologisch verwendet wurde. Als Krankheit des menschlichen Verlangens. Als ein Verzehren nach Personen, Objekten oder Zuständen mit dem schmerzhaften Bewusstsein, sie nicht erreichen zu können.

Sehnen und Sucht in einem Wort. Das drückt schon viel aus. Das Sehnen wird zur Sucht. Sich sehnen ist noch keine Sehnsucht im eigentlichen Wortsinn.

Sehnsucht ist auch ein Gemanismus. Ein typisch deutscher Begriff, den es so in anderen Sprachen nicht 1zu1 gibt und daher als deutsches Fremdwort übernommen wird.)

Und wie ist es mit Durst? Was fällt Euch dazu ein?

(Die Karawane zieht weiter…..)

Alle drei Begriffe haben etwas mit Sehnen, Begehren usw. zu tun. Und darum geht es mir heute.



2. Jahreslosung 2018: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst (Offb. 21,6)

In meiner Predigt heute geht es um Durst. Mir ist nämlich aufgefallen, dass wir noch keine Predigt zur diesjährigen Jahreslosung hatten.

Die Jahreslosung stammt aus dem Buch der Offenbarung und zwar aus einem Abschnitt, in dem der neue Himmel und die neue Erde beschrieben werden. Ich lese sie mal im Zusammenhang:

„1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;
4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!
6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offb. 21, 1-6 Luth 2017)


Andere Übersetzungen:

„Ich will dem Dürstenden aus der Quelle des Wassers des Lebens geben umsonst.“ (Rev. Elb.)
„Wer Durst hat, dem werde ich umsonst von dem Wasser zu trinken geben, das aus der Quelle des Lebens fließt.“ (NGÜ)
„Wer durstig ist, den werde ich unentgeltlich aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt.“ (EÜ 2016)


Hier spricht Gott! Worte in der Bibel, in denen Gott direkt spricht, haben eine ganz besondere Bedeutung!

Wasser ist wichtig! Ohne Wasser verdursten wir.
Wasser hat auch in der Bibel eine besondere Bedeutung. Nicht nur regional, weil in den Gegenden des Orients Wasser knapp war, sondern auch rituell und symbolisch.
Es gab im AT rituelle Bäder und Waschungen um sich von der Schuld und Unreinheit zu säubern.
Und im NT die Taufe als Bild für das Abwaschen der Schuld und das Sterben des alten Menschen.
Und in beiden Testamenten die Bilder vom Wasser als Lebensstrom, als Strom des Heiligen Geistes.

Also, Wasser als Bild für etwas das neues Leben spendet, war den Hörern bereits vertraut.  Und dieser Vers ist jetzt auch nicht neu, sondern wir finden ihn bereits in anderen Zusammenhängen. Z.B. bei Jesus im Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen.

„Jesus antwortete und sprach zu ihr: Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm geben werde, den wird nicht dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt.“ (Joh. 4, 13.14 Rev. Elb.)

Eigentlich die gleiche Aussage mit etwas anderen Worten und geringen anderen Aspekten.

Wenn wir noch einmal zurück zur Offenbarung gehen, dann fällt auf, Jesus sagt am Anfang: Es ist geschehen. Es ist fest gemacht! Es ist zementiert!

Das erinnert an die Worte Jesu am Kreuz: „Es ist vollbracht“ (Joh. 19,30) und es erinnert an das rückblickende Schauen Gottes auf seine Schöpfung: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1. Mose 1,31)

Es ist geschehen! Das Werk Jesu ist geschehen und das Angebot an alle Dürstenden gilt!
Und es gilt umsonst!
Umsonst, nicht vergeblich, aber unentgeltlich.
Umsonst, nicht käuflich, aber erhältlich.
Umsonst, nicht ohne Kosten für Jesus, aber kostenlos für uns.


3. Durst und menschliche Stillversuche

Das Angebot gilt für alle die Durst haben, für alle Dürstenden.
Das Problem bei Durst ist systemimmanent. Egal wie viel Du trinkst, Du wirst später immer wieder Durst haben.

„Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten“ (Joh. 4,13a) sagt Jesus zu der Samaritanerin. Das war keine neue Erkenntnis, das war und ist allen Menschen zu allen Zeiten klar: genau wie ich immer wieder essen muss, muss ich auch immer wieder trinken. Hilft nichts. Selbst wenn ich mal „über den Durst getrunken habe“ gilt das.

Das gilt für den biologischen Durst und genauso für den Durst nach materiellen und immateriellen Dingen.

Vielleicht könnt Ihr Euch noch an die Freizeit auf dem Hesselberg vor etwa 15 Jahren mit M. Kettner erinnern. Er hat damals u.a. über die Seele gesprochen. Er hat erklärt dass das hebr. Wort für Seele Schlund oder Kehle bedeutet. Unsere Seele ist ein Schlund, sie sucht danach gestillt zu werden. Jeder Mensch sucht nach Erfüllung, nach Füllung dieses Schlundes, dieses Lochs, dieses Vakuums, dieser Leere.

Je nach dem wie wenig Liebe man in seinem „Schlundsystem“, in seiner Seele speichern konnte, und wie wenig Wert man dann in sich selbst empfindet, wie wenig man emotional in sich selbst ruhen kann, desto stärker ist der Drang diesen Durst durch verschiedenste Dinge von außen zu stopfen.

Es dürstet die Seele nach Leben, nach erfüllten vollen Leben. Und sie sucht es zu finden in mich-erfüllenden Partnerschaften, in mich-befriedigender Sexualität, in erfolgreicher beruflicher Karriere, in sportlichen Leistungskicks und Erfolgen, Körperkult, Ernährungs-kult, materiellen Reichtum und Luxus uvm.

Egal was man anstrebt und auch erreichen mag, es ist niemals genug. „Never enough“ heißt es in einem Rocksong. Selbst wenn man in einem Bereich 100% erreicht, wird es keine dauerhafte Befriedigung schenken und man braucht ein neues Betätigungsfeld.

Nichts davon ist geeignet dieses Vakuum dauerhaft zu stillen. Nichts Immaterielles und nichts Materielles.

Bei der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen war es vielleicht ähnlich. Sie hat ja nicht nur regelmäßig Wasser geschöpft. Sie hatte auch einen gewissen Männerverschleiß. „fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann“ (Joh. 4,18 Rev. Elb.). Es lässt sich nur spekulieren, aber vielleicht hatte ja auch sie ein starkes emotionales Defizit, dass sie versucht hat irgendwie zu füllen.
Übrigens Jesus verurteilt sie nicht, sondern er bietet ihr lebendiges Wasser an.

Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie hat einmal gesagt: „Sobald die Leute genug haben, wovon sie leben können, stellt sich heraus, dass sie nicht wissen, wofür sie leben können.“ Dies gilt in jeder Hinsicht. Egal nach welchem System man Löcher stopfen will, es funktioniert nicht.

„Denn zweifach Böses hat mein Volk begangen: Mich, die Quelle lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich Zisternen auszuhauen, rissige Zisternen, die das Wasser nicht halten.“ (Jer. 2,13 Rev.Elb.)

Die Zisternen sind löchrig. Das „Schlundsystem" unseres Seins, kann nur durch lebendiges Wasser gestillt werden.

„Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt“ (Pred. 3,11a Rev. Elb.)

Der Mensch hat in sich ein systemimmanentes Vakuum. Dieses Vakuum dürstet nach Ewigkeit, dürstet nach Gott.

„Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott“ (Ps. 42,3a Rev. Elb.)

Es ist dieser Durst nach Ewigkeit, nach inneren Frieden und Versöhnung, nach Gnade und Annahme, nach Heil und Geborgenheit, den ich nur in Jesus löschen kann, der nur von ihm gestillt werden kann.
Aber wenn er gestillt ist, dann ist er es auch. Auch wenn die letztendliche Vollendung erst in der Ewigkeit geschieht, wird doch das Vakuum in der Seele schon jetzt gestopft.

„den wird nicht dürsten in Ewigkeit.“ Wenn ich sein Lebenswasser getrunken habe, dann will ich es gar nicht mehr anderweitig stillen. Dann weiß ich auch, dass all die schönen Dinge des Lebens gar nicht dazu geeignet sind, gar nicht dazu gemacht sind, meinen Durst zu stillen. Ich glaube, man kann dann wahrscheinlich erst so richtig genießen.


4. Überfließendes Wasser

Aber Jesus geht ja auch noch weiter. Sein Lebenswasser stopft nicht nur unseren Schlund. Es läuft auch noch über.

„Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus seinem Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Joh. 7,38 Rev. Elb.)

Jesus spricht hier vom Heiligen Geist (V. 39). Wir sind überfließbar angelegt. Gottes Geist wirkt und fließt durch uns, wenn wir uns von ihm leiten lassen. Und hier geht es nicht nur um spektakuläre Heilungsgebete, sondern auch um das ganz normale Leben im Alltag. Der größte Teil unseres Lebens ist Alltagsleben (wenn wir nicht gerade schlafen). Dort will seine Freundlichkeit, seine Güte, seine Liebe, seine Gerechtigkeit weiter aus uns heraus in die Welt hinein fließen.

Und ich glaube, das geschieht oft sogar, ohne dass wir uns dessen groß bewusst sind.

Es passiert, dass sich Leute bei uns bekehren und wir wissen nichts davon.
Ich habe angeblich mal durch eine einzige Frage eine ganze Ehe gerettet.
Neulich habe ich einen ehemaligen Klienten getroffen, der sich bei mir bedankt hat, weil ich ihm immer so motiviert und gedrängt habe und er damals dann schon Schulabschluss und Ausbildung nachholen konnte und er jetzt mittlerweile seit einigen Jahren Vorarbeiter in einer Firma ist und nun sogar so gut verdient, dass er sich in Fürth eine kleine Altbauwohnung kaufen konnte.

Und ich denke, solche Dinge, wo wir etwas von Gottes Herrlichkeit weitergeben konnten, kennen wir alle. Wir vergessen die Sachen nur oft wieder allzu schnell.


5. Schluss

Viele die versuchen ihren Lebensdurst mit irgendwelchen Quellen zu stillen, sind auch auf der Suche nach einem Sinn im Leben oder den Sinn des Lebens.

Paradoxerweise sagt die Bibel zu dieser eher philosophischen Frage gar nichts. Der Begriff Sinn des Lebens oder eine ähnliche Fragestellung finden wir in der Bibel nicht. Es wird nur erwähnt wie unsinnig und nichtig vieles menschliche Streben ist. Sinn ist irgendwie überhaupt kein Thema. Vielleicht auch weil das von Gott gegebene Leben schon automatisch Sinn in sich trägt.

Wir Christen sind ja ganz schnell mit Aussagen wie „Jesus ist der Sinn des Lebens“ oder „Jesus gibt deinen Leben Sinn“ oder so ähnlich. Aber was heißt das denn eigentlich praktisch, ganz konkret und nicht abstrakt? Im konkreten Alltag? Haben wir überall, in jedem Lebensbereich Sinn gefunden oder überhaupt gesucht? Brauchen wir überall Sinn?

Ich denke, wenn ich Jesus gefunden habe, wenn er den Lebensdurst in mir gestillt hat, dann ruhe ich in dermaßen in ihm, der ja das Leben ist, dass sich die Frage gar nicht mehr stellt, weil ich dann weiß wohin ich gehe, weil ich mit ihm verbunden bin, weil ich mich angenommen und geliebt weiß. Dann habe ich eine unheimliche feste Basis für mein Leben. Dann bin ich über diese Daseinsstufe, über diese Fragestufe schon hinaus. Dann dürstet mich nicht mehr.

Und wenn er dann in mir lebt, dann kann ich durch ihn meinem Alltag Sinn geben.
Vielleicht ist es das gleiche, wie „Jesus gibt deinem Leben Sinn“, aber ich habe das Gefühl, er nimmt mich nicht ganz aus der Verantwortung….

Ich habe neulich einen kurzen Clip von Will Smith gesehen und da hat er erzählt, dass er jetzt aufhört seine Frau glücklich machen zu wollen, weil er erkannt hat, dass das nicht geht. Er kann sie lieben, freundlich zu ihr sein, sie zum Lachen bringen usw., aber sie nicht glücklich machen, denn glücklich zu sein, ist ihre eigene Entscheidung. (Und die Amerikaner sind ja sogar durch die Verfassung verpflichtet nach Glück zu streben.)

Glücklichsein liegt sozusagen im Auge des Betrachters.

Vor ein paar Wochen wurde bundesweit eine Umfrage unter Wohnungslosen durchgeführt mit Fragen zu unterschiedlichen Lebensfeldern. Unter anderem ging es auch um ihre materiellen Möglichkeiten. Und eine Frage war: „Können Sie sich alles kaufen, was ihnen wichtig ist?“ (Freizeit, Kultur, Genussmittel, Fahrkarten etc.). Die Antwortmöglichkeiten gingen von 1 (alles) bis 5 (gar nichts). Die Umfrage wurde auch in unserer Einrichtung durchgeführt und man erwartet bei Menschen, die 115,- Euro im Monat dafür zur Verfügung haben, dass sie überwiegend 4 oder 5 ankreuzen. Aber das war überraschenderweise gar nicht der Fall. Es gab eine komplette gleichmäßig verteilte Streubreite von 1 bis 5. Und ich vermute, dass man hier zu den selben Ergebnissen kommt, egal ob die Leute 200, 2000 oder 20.000 Euro im Monat zur Verfügung haben.
Warum? Weil es ist die eigene Entscheidung, ob man zufrieden ist, ob man glücklich ist oder nicht.

Um das ganze Abzurunden: wenn ich Jesus gefunden habe, wenn er meinen Lebensdurst gestillt hat, wenn mein Leben Sinn macht, kann es trotzdem sein, dass ich in einzelnen Lebensbereichen (z.B. im Beruf) keinen Sinn sehe. Deshalb ist aber nicht das Fundament falsch, sondern ich kann Jesus bitten mir zu helfen die Sache mit anderen Augen zu sehen, neu zu bewerten, vielleicht auch zu lassen oder einfach hinzunehmen, zu tragen. .

Ich habe vorhin von dem jungen Ex-Klienten erzählt. Wie oft kommt das vor? Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass ist vielleicht einer von 40, der so eine vollständige und nachhaltige Integration in die Gesellschaft erzielt. Das sind 2,5 %. Lohnt das denn? Ich sage Ja. Das sind 2,5% die meiner Arbeit Sinn geben. 2,5% für die es Sinn macht. Für mich ist das heute ok. Früher war das anders. Es ist ja auch nicht so, dass alle anderen scheitern. Es gibt da viele Graduierungen. Erfolg liegt im Auge des Betrachters.

Als Johannes die Offenbarung empfangen hat, lag die Welt für die Christen in Scherben. Verfolgung überall. Da bekommen die Aussagen, dass Gott alle Tränen abwischen wird und das es in der Zukunft bei ihm kein Leid und kein Geschrei mehr geben wird, eine ganz neue Bedeutung.

Wie haben sie ihr Leben wohl gerade bewertet? Verfolgung, Unterdrückung, Misshandlung, Benachteiligung, Tod, Leid und Schmerz. Ob sie sich über den Sinn des Lebens Gedanken gemacht haben? Oder haben sie einfach nur nach Erlösung und Gerechtigkeit gedürstet (Mt. 5,6)?

Auch wenn sich ihre Lebensumstände nicht von jetzt auf gleich geändert haben, so galt auch für sie, dass das lebendige Wasser eine Quelle ist, die durch alle Lebenslagen durch trägt und ein Fundament bildet, das allen Widernissen widerstehen kann. Das gilt auch für uns.

AMEN.

Sonntag, 26. Januar 2014

Predigt von Norbert Wohlrab (26.01.14)

Jahreslosung „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ (Ps. 73,28a EÜ)


1. Einleitung

Ich möchte heute - passend zum Jahresbeginn - zu Euch über die Jahreslosung sprechen. Ein sehr schöner Vers, der sowohl ermutigend, als auch herausfordernd ist: „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ (Ps. 73,28a EÜ). Gott nahe zu sein ist mein Glück! So jedenfalls steht es in der Einheitsübersetzung, die für die diesjährige Jahreslosung gewählt wurde. In anderen Übersetzungen steht es etwas anders, aber dazu später.

Bei der diesjährigen Jahreslosung ist etwas passiert, dass es in der ganzen Geschichte der Jahreslosungen noch nie gegeben hat. Die Jahreslosung entsteht ja nicht von selbst, sondern sie wird gewählt und zwar von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB). Da gibt es einen komplizierten Modus, in dem diskutiert, ausgewählt, gebetet und abgestimmt wird und an dessen Ende dann die neue Jahreslosung steht. So weit so gut. Nur diesmal war es so, dass die ausgewählte Losung in einem zweiten Treffen noch einmal nachträglich modifiziert werden musste, weil nämlich die Verlage protestiert hatten, die die Losung auf Tasse, Kugelschreiber und Kalender drucken wollten.

Was war der Anlass? Eigentlich lautet der Vers nämlich: „Ich aber - Gott nahe zu sein ist mein Glück“. Aber das war ihnen zu sperrig und so musste nachträglich die Losung um dieses „Ich aber -„ gekürzt werden.

Nun kann man sagen: was soll´s? Es ist immer noch Wort Gottes…und außerdem steht sowieso oft nur ein Teil eines Verses in den Losungen…und die Jahreslosung ist ja ohnehin kein Orakel, aus dem ich meine Zukunft, mein Leben im Jahre 2014 ablesen kann. Also egal, alles nicht so schlimm.

Schlimm ist es sicherlich nicht, aber zumindest schade, denn dieses „Ich aber“ ist ein Bekenntnis, dass im Gesamtzusammenhang des Psalms eine sehr wichtige Bedeutung hat.
Lesen wir ihn mal zusammen.


2. Psalm 73 (EÜ)

Der Psalm ist von Asaf. Asaf war ein Levit und der führende Lobpreismusiker Davids. Er wird auch als Seher bezeichnet, also ein Mann, der von Gott Visionen empfangen hat und sein Reden vernommen hat (2. Chr. 29,30).

[Ein Psalm Asafs.] Lauter Güte ist Gott für Israel, für alle Menschen mit reinem Herzen.
2 Ich aber - fast wären meine Füße gestrauchelt, beinahe wäre ich gefallen.
3 Denn ich habe mich über die Prahler ereifert, als ich sah, dass es diesen Frevlern so gut ging.
4 Sie leiden ja keine Qualen, ihr Leib ist gesund und wohlgenährt.
5 Sie kennen nicht die Mühsal der Sterblichen, sind nicht geplagt wie andere Menschen.
6 Darum ist Hochmut ihr Halsschmuck, wie ein Gewand umhüllt sie Gewalttat.
7 Sie sehen kaum aus den Augen vor Fett, ihr Herz läuft über von bösen Plänen.
8 Sie höhnen, und was sie sagen, ist schlecht; sie sind falsch und reden von oben herab.
9 Sie reißen ihr Maul bis zum Himmel auf und lassen auf Erden ihrer Zunge freien Lauf.
10 Darum wendet sich das Volk ihnen zu und schlürft ihre Worte in vollen Zügen.
11 Sie sagen: «Wie sollte Gott das merken? Wie kann der Höchste das wissen?»
12 Wahrhaftig, so sind die Frevler: Immer im Glück, häufen sie Reichtum auf Reichtum.
13 Also hielt ich umsonst mein Herz rein und wusch meine Hände in Unschuld.
14 Und doch war ich alle Tage geplagt und wurde jeden Morgen gezüchtigt.
15 Hätte ich gesagt: «Ich will reden wie sie», dann hätte ich an deinen Kindern Verrat geübt.
16 Da sann ich nach, um das zu begreifen; es war eine Qual für mich,
17 bis ich dann eintrat ins Heiligtum Gottes und begriff, wie sie enden.
18 Ja, du stellst sie auf schlüpfrigen Grund, du stürzt sie in Täuschung und Trug.
19 Sie werden plötzlich zunichte, werden dahingerafft und nehmen ein schreckliches Ende,
20 wie ein Traum, der beim Erwachen verblasst, dessen Bild man vergisst, wenn man aufsteht.
21 Mein Herz war verbittert, mir bohrte der Schmerz in den Nieren;
22 ich war töricht und ohne Verstand, war wie ein Stück Vieh vor dir.
23 Ich aber bleibe immer bei dir, du hältst mich an meiner Rechten.
24 Du leitest mich nach deinem Ratschluss und nimmst mich am Ende auf in Herr-lichkeit.
25 Was habe ich im Himmel außer dir? Neben dir erfreut mich nichts auf der Erde.
26 Auch wenn mein Leib und mein Herz verschmachten, Gott ist der Fels meines Herzens und mein Anteil auf ewig.
27 Ja, wer dir fern ist, geht zugrunde; du vernichtest alle, die dich treulos verlassen.
28 Ich aber - Gott nahe zu sein ist mein Glück. Ich setze auf Gott, den Herrn, mein Vertrauen. Ich will all deine Taten verkünden.


Wie Ihr den Versen entnehmen konntet, hat Asaf ein Problem. Von klein auf hat er gelernt, derjenige, der nach den Gesetzen Gottes lebt, ist gesegnet, dem geht es gut. Nun muss er feststellen, dass es in seinem Umfeld genau andersrum ist: die Gottlosen scheinen gesegnet zu sein, sie sind es, die in Überfluss leben und Gott scheint es gleichgültig zu sein, sie scheinen keinerlei Strafe befürchten zu müssen. Sie sind fern von jeder Moral, kümmern sich nicht um das Gesetz, lügen und betrügen, lästern Gott, sind hochmütig und eingebildet…und leben trotzdem im Reichtum, sind gesund und wohlernährt und kennen weder Schmerz noch Qual.

„Oh Gott, was ist hier los? Das ist ungerecht! Ich lebe nach deinen Geboten und mir geht es beschissen!“ Und Asaf ist neidisch und bitter geworden, er war in einem Zustand durchdringender Verzweiflung und er hat angefangen an Gott und seiner Gerechtigkeit zu zweifeln. Seine ganze Theologie, seine Weltsicht hat nicht mehr gestimmt.

Wir wissen nicht, welche Qualen Asaf erleiden musste, wenn er schreibt, dass er alle Tage geplagt war und jeden Morgen gezüchtigt worden ist (V. 14). War er krank, litt er Mangel, wurde er depressiv oder schreibt er hier vielleicht auch nur stellvertretend für all die Gottesfürchtigen, die die verschiedensten Entbehrungen zu tragen haben?
Und schreibt er damit nicht auch für uns: hier tut´s weh und da bin ich krank, auf meiner Arbeitsstelle läuft´s bescheiden oder vielleicht hab ich ja gar keine mehr, in meiner Familie gibt es die und die Probleme oder vielleicht ist ja gar keine Familie (mehr) da. Aber dem Kollegen oder dem Nachbarn usw, der kann alles, dem gelingt alles, der verdient massig Kohle, ist topgesund, hat eine super Familie und interessiert sich nicht die Bohne für Gott. Im Gegenteil, der ist bekennender Atheist, betrügt und lügt den ganzen Tag und schert sich überhaupt nicht um die Weisungen Gottes. Wie kann das sein?

Ich weiß nicht, ob jmd. unter uns ab und zu so denkt, aber es sind zumindest gesellschaftliche Realitäten. Denen, denen es augenscheinlich gut geht, das sind nicht immer die gottesfürchtigen Menschen.

Aber so ein Denken offenbart auch noch etwas anderes: es offenbart Religion. Wenn ich dieses und jenes für Gott tue, dann hat er mich (gefälligst) hier und dort zu segnen. Aber so ist Gott nicht. So einen Handel geht er mit uns nicht ein. Mal davon abgesehen, dass wir unseren Part nie erfüllen könnten.

Wenn wir versprechen könnten: „Wenn Du an Jesus Christus glaubst, dann bist du nur noch glücklich und alles gelingt Dir, von früh bis spät!“, hätten wir wahrscheinlich immer volle Gottesdienste, aber so läuft der Hase nicht.

Asaf hat dann ein Aha-Erlebnis. Er kam in die Gegenwart Gottes, er betrat das Heiligtum (V. 17) und hat erkannt, dass sein bisheriges Denken dumm wahr, dass er nicht richtig nachgedacht hatte, dass er nur natürlich gedacht hatte, dass seine Wahrnehmung die, eines Tieres war (V. 22).

Er hat dann zwei Dinge erkannt: zum einen war seine Wahrnehmung wohl etwas einseitig, denn auch die Gottlosen ernten oft in ihrem Leben, das was sie säen und zum anderen, das Entscheidende kommt am Schluss: es geht nicht darum, ob man hier immer und überall erfolgreich ist, sondern es geht darum, ob man am Schluss erfolgreich bei Gott in seiner Herrlichkeit ist (V. 24) und dann hat das Diesseits auf einmal nicht mehr so viel Gewicht.

Und dann kommt Asaf zu dieser starken Aussage: „Soll es den anderen, den Gottlosen doch gut ergehen, egal, ich mache es ihnen nicht nach, ich folge ihnen nicht in ihrem Treiben, ich aber entscheide mich Gott nahe zu sein, denn das allein ist mein Glück.“


3. Glück

Glück?! Glück ist jetzt ja kein Begriff, der oft in der Bibel vorkommt.

Ist jetzt hier Glück im Sinne von einem positiven Ausgang bei einem zufälligen Geschehen gemeint? Würfelglück, Glück beim Pokern oder Glück in der Liebe? Oder hat jetzt etwa der neuzeitliche Glückswahn Einzug in die Bibelübersetzungen gehalten. Alle müssen immer glücklich sein, alles wird dem persönlichen Glück untergeordnet, egal ob es den anderen vielleicht schadet, ich muss glücklich sein, ich habe ein Recht auf mein Glück, auch wenn es die Ehe kostet oder sonst etwas. Das Recht nach seinem Glück zu streben, ist ja sogar Teil der amerikanischen Verfassung.

Das ist alles nicht damit gemeint. Und es ist tatsächlich so, dass man diese Stelle auch ganz anders übersetzen kann. Aber was ist hier gemeint?
Interessant finde ich, dass Glück vom mittelhochdeutschen „gelücken“ abgeleitet eigentlich bedeutet, dass eine Sache gut ausgeht bzw. gut ausgegangen ist. Also auch ein Betrachten vom Ende her, das passt schon zu der Sichtweise des Asafs. Wenn ich am Schluss bei Gott in der Herrlichkeit bin, dann ist es „gelücket“, dann ist es geglückt, dann ist es gut ausgegangen.

Wir Christen dürfen heute immer in dieser Gewissheit leben, dass es - durch Jesus - nicht nur glücken wird, also gut ausgehen wird, sondern vielmehr schon geglückt ist, schon gut ausgegangen ist, weil er schon alles getan hat. Wer den Sohn hat, der hat das Leben! (1. Joh. 5,12a)

Aber wie gesagt, man kann den Vers auch anders übersetzen. Im Hebräischen steht hier nämlich kein Substantiv, sondern ein Adjektiv. Dort steht nämlich einfach das Wörtchen „gut“. Und so heißt es bspw. in der Elberfelder Bibel, die hier wie immer sehr nahe am Urtext ist:

„Ich aber: Gott zu nahen ist mir gut.“ (Rev. Elb.)

Gott zu nahen ist mir gut. So redet bloß keiner. Man könnte dann etwas moderner formulieren: Gott zu nahen tut mir gut. (Bsp. vom Zivi „Knut tut gut!“) Gott tut gut! Gott nahe zu sein, tut mir wohl. Gottes Nähe macht mich froh. Gott zu nahen beglückt mich. Gott nahe zu sein, macht mich heil. Und noch viele andere Übersetzungsvarianten gibt es, die allesamt gültig wären und doch jeweils andere Aspekte verdeutlichen.

Und es wird deutlich, dass es hier nicht nur um Glück vom Ende her betrachtet geht - das ist der eine Aspekt, sondern auch um Auswirkungen auf das Hier und Jetzt. Denn leben tue ich ja immer im Jetzt, -  es sei denn ich habe die Gabe der Zeitreise - und so brauche ich ja auch gerade im Jetzt die Erfahrungen der Gegenwart Gottes.

Gott zu nahen tut mir gut. Gottes Nähe ist mein Glück.

Und ich denke uns ist allen klar, dass wenn hier von Glück die Rede ist, dann ist damit nicht eine unbegrenzte Ausschüttung von Endorphinen gemeint, die einen dann nur noch dümmlich grinsend durch die Gegend laufen lässt, wie es vielleicht bei manchen Sektenmitgliedern von „Wort und Geist“ oder von Scientology der Fall ist.


4. Gottes Nähe

Asaf wurde verändert durch die Nähe Gottes, dadurch dass er Gott nahe war. Und ich denke es ist jetzt irrelevant, ob man übersetzt „Gott zu nahen“, also als ein aktiver Prozess, der von mir ausgeht oder „Gottes Nähe“ als Ergebnis, denn entscheidend ist das Ergebnis, die Nähe Gottes. Und hier sind wir endlich an dem Punkt, an dem dieser Vers für uns neutestamentliche und neuzeitliche Gläubige im Hier und Jetzt seinen stärksten Bezug bekommt.

„Ich aber - entscheide mich in diesem Jahr 2014 ganz besonders, mich (immer wieder neu) in die Nähe Gottes zu begeben!“

Und das ist bei den vielfältigen Zerstreuungen und Verpflichtungen des Alltags gar nicht immer so einfach. Albert Frey hat letzten Sonntag bei seinem Konzert in der Früher Stadthalle ganz offen erzählt, dass er - obwohl er ja jmd. ist, der unheimlich tief gehende Lobpreislieder schreibt und komponiert - kein Mensch ist, der sich mit Nähe im Allgemeinen und mit der Nähe Gottes im Speziellen, leicht tut.

Es gibt viele verschiedene Wege, wie ich Gott nahe sein kann:

- wenn ich ihm im Gebet mein Herz ausschütte
- wenn ich anbete oder Lobpreislieder singe
- wenn ich ihm danke
- wenn ich Lobpreismusik höre oder soake
- in der Stille
- beim Bibellesen
- beim Aussprechen von biblischen Wahrheiten
- in der Gemeinschaft mit Geschwistern
- wenn mich sein Heiliger Geist im Alltag leitet
- wenn ich seinen Segen empfange oder weiter gebe
- wenn ich mich neu mit Heiligen Geist erfüllen lasse
- im Abendmahl
- wenn ich anderen Gutes tue oder mir Gutes tuen lasse
- beim Staunen über die Schönheit der Natur
uvm. ……

Der Weg zur Nähe Gottes steht uns offen durch Jesus. Trotzdem ist sie kein willkürlich verfügbares Gut. Vor 100 und vor 75 Jahren wurden von Deutschland aus Soldaten in zwei Weltkriege geschickt und jedes mal begleitet von der vermessenen Zusage „Gott mit uns“.
Falsche Wege lassen sich nicht heiligen. Man kann Gottes Nähe nicht manipulieren um eigene Interessen durchzusetzen.

Mein Wunsch für uns alle ist, dass wir dieses Jahr immer wieder neu und beständig die Nähe und Gegenwart Gottes suchen und finden.

AMEN.
Hier das Lied zur Jahreslosung von Arne Kopfermann:

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