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Freitag, 2. Februar 2024

Predigt von Norbert Wohlrab (27.01.2024)

Jahreslosung 2024 „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ (1. Kor. 16,14 EÜ)


Traditionell zum Jahresanfang gibt es von mir eine Predigt zur Jahreslosung. Die Jahreslosung lautet:

„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ (1. Kor. 16,14 EÜ)

In anderen Übersetzungen heißt es:

„Lasst euch in allem, was ihr tut, von der Liebe bestimmen.“  (NGÜ)

„Bei allem, was ihr tut, lasst euch von der Liebe leiten.“ (HfA)

Jmd. hat zu mir vor kurzem gesagt: „Ich bin schon gespannt, was du aus diesem Text noch rausholen willst.“ Zu dem Zeitpunkt hatte ich mir noch überhaupt keine Gedanken über die Jahreslosung gemacht. Da wusste ich noch gar nicht, was auf mich zukommt. Aber ja, es ist nicht einfach, da viel raus zu holen.

Es macht mir schon Spaß, wenn man Bibeltexten noch irgendwelche Geheimnisse entlocken kann, die sich erst durch den Kontext o.ä. ergeben. Aber hier?! Der Vers ist so knapp, so klar, so eindeutig. Da gibt es nicht viel zum Herausholen. Da geht es wirklich nur darum, ihn zu verstehen und - viel schwieriger- ihn auch anzuwenden.

Daher wird es von meiner Seite heute etwas weniger geben und dafür, dürft ihr dann später auch etwas dazu beitragen.

Aber ein paar Besonderheiten gibt es schon.

Zum einen der Ort an dem dieser Vers im 1. Korintherbrief zu finden ist. Wir finden ihn im letzten Kapitel. Das ist ungewöhnlich. Dort wo Paulus üblicherweise Grüße und Reisepläne schreibt. Und so auch hier:

Er schreibt über eine Sammlung für Jerusalem +++ Paulus will über Mazedonien nach Korinth +++ er will dort überwintern +++ ist gerade in Ephesus +++ sie sollen Timotheus unterstützen +++  Apollos wird jetzt nicht kommen +++ dann kommen zwei Hammerverse, darunter die Jahreslosung, dazu später +++ dann geht es weiter: sie sollen auf Stephanas hören und ihn sich als Vorbild nehmen +++ Grüße aus der Provinz Asien +++ ein eigener handschriftlicher Gruß +++ Segen +++ Ende.

Also inmitten dieser Grüße und Reisepläne sehen zwei Verse, die da irgendwie fast fehl am Platz erscheinen:

„Seid wachsam, steht fest im Glauben, seid mutig, seid stark!“ (V. 13 EÜ)

und dann eben unsere Jahreslosung

„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ (V. 14 EÜ)

 
Wir haben hier quasi einen doppelten Briefschluss. Den üblichen mit Plänen und Grüßen und unsere zwei gehaltvollen Anweisungen.

Der Vers 13 - ein Imperativ, ein Befehl - erinnert an bisschen an eine militärische Motivationsrede. Und wir finden Teile davon tatsächlich im AT im militärischen Kontext (2. Sam. 10,12).

Mancher hat vielleicht mal den Film „Braveheart“ gesehen. Da gibt es eine Szene, wo Mel Gibson alias William Wallace in Kriegsbemalung vor den Reihen seines schottischen Heeres entlang reitet und sie mit kurzen Motivationssprüchen auf die bevorstehende Schlacht gegen die Engländer einpeitscht. „Seid stark! Seid mutig! Seid mannhaft! Steht fest! Für Schottland! Schickt die Engländer nach Hause!“ Und natürlich „Freiheit!“.

Es ist ja gerade Handball-WM. Und in den Timeouts pushen sich die Spieler auch immer gegenseitig mit so kurzen, klaren Ansagen.

Oder ein anderes Beispiel. Wenn ein Feuerwehreinsatz ist, dann fragt der Kommandant nicht: „Wäre vielleicht unter Umständen jmd. bereit den Schlauch an den Hydranten anzuschließen, aber nur wenn es keine allzu große Mühe macht?“, sondern dann kommen klare, knappe Kommandos: zack, zack, zack!. So ähnlich ist dieser Vers.

Und dann der Break. Push, push, push….alles aber soll in Liebe geschehen. Man könnte jetzt meinen, das ist doch jetzt irgendwie schon was ganz anderes. Aber eigentlich ist es es doch nicht. Eigentlich gehört das ganz genauso zu dieser Reihe der kurzen Aufforderungen. Der Vers erklärt vielmehr, wie diese umgesetzt werden sollen: Seid stark, aber in Liebe!

Ich kann Euch jetzt keine genaue Erklärung liefern warum diese beiden Verse am Schluss stehen, aber es war Paulus vermutlich wichtig zum Abschluss nochmal darauf hinzuweisen. Denn eigentlich sind diese beiden Verse die Zusammenfassung der ganzen Anweisungen des Korintherbriefs, das Resümee sozusagen.

Paulus geht im ganzen Brief auf die "Kacke" ein, die in Korinth am Dampfen ist:

  • sie sind parteisüchtig und streiten,
  • sie sind fleischlich,
  • sind sind sexuell ausschweifend und voller Unmoral,
  • sie ziehen einander vor Gericht,
  • sie nehmen keine Rücksicht auf einander,
  • sie leben in falsch verstandener Freiheit,
  • beim Abendmahl nehmen die Wohlhabenden keine Rücksicht auf die Armen,
  • sie sind eingebildet im Umgang mit den Geistesgaben,
  • in den Zusammenkünften herrscht Chaos usw.   


Und am Schluss sagt er ihnen, dann quasi nochmal, dass sie sich zusammenreißen sollen, dass sie aufpassen sollen gegenüber den Verführungen der Welt und vielmehr stark im Glauben sein sollen und eben alles in Liebe geschehen lassen sollen. Und das ist jetzt hier keine Option, keine optionale Handlung, kein Add-in sozusagen, sondern Teil seiner apostolischen Anweisung.

Und warum kann er sowas schreiben? Weil Jesus es auch gesagt hat: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Liebt sogar eure Feinde. Tut wohl denen, die euch hassen usw. (Lk. 10, 27.28; Mt. 5,44). 

Wir müssen uns das mal vorstellen. Die Korinther lesen den Brief ja nicht in Kapitel und Versen, sondern die kriegen ihn am Stück vorgelesen. Da rennen die Boten tagsüber rum: „Ein Brief  von Paulus ist da. Heute Abend nach Sonnenuntergang Zusammenkunft bei Bruder Alphäus. Da wird er dann Vorgelesen.“
Und dann sitzen sie auf engem Raum oder vielleicht auch unter freiem Himmel und lauschen den Worten des Briefes. Und dann am Schluss, sie waren vielleicht schon am Abschalten, packen ihre Sachen zusammen, es ist schon spät, sie müssen ja am nächsten Tag wieder früh raus, sie strecken sich und dann wird auf einmal unsere Jahreslosung gelesen und sie zucken zusammen, weil vor 10 Minuten haben sie doch schon was gehört über die Liebe:

„1 Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.
2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.
3 Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.
4 Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf.
5 Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach.
6 Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit.
7 Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.“ (1. Kor. 13, 1-7 EÜ)

So ist die Liebe schreibt Paulus. Und so schreibt Paulus hier am Ende des Briefs, so sollen sie es auch halten.

Paulus schreibt hier von alles bzw. allem. Ist alles wirklich alles? Eine Einschränkung gibt es dann doch: Alles, was ihr tut, alles was bei euch geschieht! Es geht um die Taten um das Tun der Liebe. Es geht nicht um Gefühle, sondern um gelebte Liebe, um umgesetzte Liebe, um praktisch gewordene Liebe, um „entschiedene“ Liebe, d.h. ich habe mich entschieden jmd. etwas Gutes zu tun, ich habe mich entschieden jmd. in Freundlichkeit, in Güte zu begegnen.
 
Unsere Gesellschaft ist mittlerweile viel zu „gefühlsorientiert“ geworden, alles muss sich gut anfühlen. Letztlich ist das nur eine moderne Form von Hedonismus: alles ist gut, was sich für mich gut anfühlt.

Letztes Jahr habe ich mich bei jmd. erkundigt, wie es ihr in ihrer Partnerschaft geht, da ich wusste, dass sie kürzlich noch total verliebt war und bald heiraten wollte und dann meinte sie, dass sie sich von ihrem Partner getrennt hat, weil: „Es hat sich nicht mehr gut angefühlt.“ Ohne jetzt Details zu wissen und ohne dies irgendwie bewerten zu wollen - es mag ja alles seinen Grund gehabt haben -, dachte ich mir trotzdem, dass hört sich irgendwie merkwürdig an. Ich glaube, es gibt in jeder Beziehung Zeiten, wo es sich nicht mehr gut anfühlt.

Diese Woche war ich im beruflichen Austausch und dann haben wir festgestellt, dass früher natürlich alles besser war. Nein im Ernst, dass früher die Einstellung zur Arbeit anders war. Gerade in einer christlichen Einrichtung, waren die Mitarbeiter intrinsisch motiviert. Man hat von Gott her und durch biblische Werte seinen Auftrag definiert, wollte für Gott sein Bestes geben und den Menschen dienen. Die Arbeit war Auftrag, war Dienst.
Heute denken die Leute eher, wo kann mir die Arbeit dienen, wo geht es mir am Besten, was habe ich davon. Mir, meiner, mich und dann komm erstmal ich. Das ist jetzt vielleicht etwas überspitzt, aber es ist schon was wahres dran, die Haltung hat sich schon geändert. Heute wird schon im Vorstellungsgespräch nach Homeoffice; Sabbatical und Arbeitszeitverkürzung gefragt. Die Haltung eines Dieners, handelnde Liebe sind auch in christlichen Einrichtungen nicht mehr so angesagt.

Wir stehen noch am Anfang eines neuen Jahres. Es ist noch Januar. Man kann sich noch was vornehmen.

Wenn wir gedanklich unser Leben bzw. unsere Beziehungen in verschiedene Bereiche aufteilen, bspw.

  • Arbeit und Kollegen
  • Nachbarschaft und Wohnumfeld
  • Familie und Freunde
  • Gemeinde
  • Ehrenamt und Freizeit
  • ….

Dann könnten wir uns mal überlegen, wo wir vielleicht in diesem Jahr noch mehr Liebe üben könnten, noch mehr in Liebe geschehen lassen könnten, als wir es bisher getan haben. Vielleicht gibt es ja Bereiche, die uns schon länger unter den Nägel brennen. Wo wir schon länger wissen, dass wir uns da suboptimal verhalten und eigentlich etwas ändern möchten, wo wir vielleicht ein Segen sein könnten.

(Austausch)

Zum Abschluss habe ich noch etwas aus dem Internet für Euch. Einen Slam zur Jahreslosung:

https://jahreslosung.net/predigt-slam-zur-jahreslosung-2024/#more-18225

 

AMEN.

Sonntag, 29. Januar 2023

Predigt von Norbert Wohlrab (29.01.2023)

Jahreslosung 2023 „Du bist ein Gott, der mich sieht“ (1. Mose 16,13)

Ein kleiner Junge einer katholischen Schule geht mittags in die Kantine zum Mittagessen. Am Beginn der Essensausgabe sieht er eine große Schüssel mit Äpfel stehen, daneben ein Schild: "Nimm dir einen Apfel, Gott sieht dir zu."
Als er dann am anderen Ende der Essensausgabe eine Schüssel mit Keksen sieht, schreibt er auf ein Schild: "Nimm dir soviele Kekse wie du willst, Gott beobachtet die Äpfel.“


„Du bist ein Gott, der mich sieht“. So lautet die Jahreslosung für dieses Jahr. Heute geht es also ums Sehen. Darum dass Gott - uns - sieht.

Dieser Vers aus dem ersten Buch Mose ist etwas ganz Besonderes - in vielerlei Hinsicht. Es ist nämlich das erste Mal, dass ein Vers für die Jahreslosung ausgewählt worden ist, der von einer Frau gesprochen wurde. Es handelt sich ja um den Ausspruch Hagars.
Zu den weiteren Besonderheiten komme ich später. Denn zuerst wollen wir uns den Vers mal - wie üblich - in seinem Kontext anschauen. Dazu lesen wir das Kapitel 16 einmal Vers für Vers. Ich habe dazu die Übersetzung aus „Neues Leben. Die Bibel“ (NLB)  ausgewählt.

V. 1 Doch Sarai, die Frau Abrams, bekam keine Kinder. Sarai hatte jedoch eine ägyptische Sklavin namens Hagar.

Im Kapitel vorher können wir lesen, wie Gott Abraham einen leiblichen Sohn und zahlreiche Nachkommen, so viele wie Sterne am Himmel verheißt. Nur wird da seine Frau Sarai noch nicht explizit erwähnt. Es ist jedoch der logische Schluss, dass diese Verheißung sie mit einschließt, da er eben mit ihr verheiratet war. Aber bisher ist noch nichts passiert. Sie wurde nicht schwanger.

Aber Sarai hat eine Magd. Oder sogar Sklavin. Aus Ägypten. Ihr Name ist Hagar. Hagar bedeutet im hebräischen „fremd bzw. die Fremde“. Es ist also anzunehmen, dass dies nicht ihr eigentlicher Name war, sondern sie nur so tituliert wurde. Vielleicht lautete ihr ägyptischer Name ähnlich und wurde umgewandelt. Vielleicht hat sich aber auch nie jemand für ihren Namen interessiert. Vielleicht war er schlichtweg egal. Sie war eine Fremde, eine Sklavin aus Ägypten. Vielleicht ein Geschenk des Pharaos aus ihrem letzten Aufenthalt in Ägypten (Kap. 12).

Nun hat Sarai eine Idee.

V. 2 Da sagte Sarai zu Abram: »Der HERR hat mir keine Kinder geschenkt. Schlaf du mit meiner Sklavin. Vielleicht kann ich durch sie Kinder haben.« Abram war einverstanden.

Dass was Sarai hier vorschlägt ist ein damals absolut rechtskonformes Verhalten. Eine orientalische Form der Leihmutterschaft. Die Sklavin war Eigentum von Sarai. Sie konnte sie also Abram geben. Und wenn Hagar dann ihr Kind in den Schoß von Sarai hinein gebiert, gilt es als Sarais leibliches Kind.
Und Abram willigt ein. Kurz vorher hieß es noch, dass er an Gottes Verheißung glaubt und Gott hat mit ihm sogar extra einen Bund gemacht, mit Feuer und Opfertieren (Kap. 15) und jetzt willigt er so einfach in diesen Handel ein?

Es ist zum einen schon irgendwie ein Ausdruck von mangelnden Glauben und auch von mangelnder Willensstärke, zum anderen denkt Abram vielleicht aber auch, dass Gott möglicherweise auf diesem Weg wirken möchte, denn es gab ja noch keine spezifische Verheißung für Sarai. Die kommt erst im nächsten Kapitel. Und außerdem war Gott ja für Abram noch ein recht unbekannter Gott.

Außerdem sagt man ja, ein kluger Mann hört auf die Ratschläge seiner Frau. Vielleicht ist Hagar auch jung und schön und Abram denkt sich: „Okay, wenn Sarai das unbedingt will, mir soll es recht sein.“
Wie auch immer. Es war auf jeden Fall ein ähnliches Prozedere wie im Garten Eden. Dort war es Eva, jetzt ist es Sarai die ihren Mann fehlleitet. Dort war es Adam und hier ist es Abram, der nicht dagegenhält.

V. 3 Sarai gab ihrem Mann ihre ägyptische Sklavin Hagar als Nebenfrau. Sie lebten damals schon zehn Jahre im Land Kanaan.

Abram heiratet jetzt ganz offiziell Hagar. Sie ist also nicht nur eine Konkubine, sondern seine offizielle Nebenfrau.

V. 4 Abram schlief mit Hagar und sie wurde schwanger. Als Hagar bemerkte, dass sie schwanger war, verachtete sie ihre Herrin Sarai.

Der Plan geht auf: Hagar wird schwanger, aber damit gehen die Probleme erst so richtig los in dieser etwas komplizierten Familienkonstruktion. In dieser 3er-Konstellation. Hier wäre wohl mal dringend eine Familienaufstellung nötig gewesen. „Drei sind einer zuviel“, es gab da mal eine Fernsehserie in den 70er-Jahren.

Hagar ist nun Abrams Frau und gleichzeitig Sarais Sklavin. Sarai ist also weiter ihre Herrin, aber sie darf jetzt nicht mehr mit ihr schalten und walten wie sie will, denn sie ist ja gleichzeitig Abrams Frau. Eine komplizierte Situation. Wer ist jetzt der Chef?

Und Hagar ist jetzt von Abram schwanger, vom Sippenoberhaupt und trägt jetzt sein Kind, vielleicht sogar den Sohn der Verheißung in sich. Immer wenn sie ihren Bauch stolz durch das Lager trägt, bedeutet das: „Seht her! Ich bin schwanger von Abram!“ Und jetzt blickt sie auf Sarai hinab, denn Sarai ist unfruchtbar. Und damit war sie damals die geringste, die verfluchte, die am meisten verachtete aller Frauen. Hagar überhebt sich jetzt.

V. 5 Da machte Sarai Abram einen Vorwurf: »Das ist alles deine Schuld! Jetzt, wo meine Sklavin schwanger ist, werde ich von ihr verachtet. Dabei habe ich sie dir doch zur Frau gegeben. Der HERR soll Richter sein zwischen dir und mir!«

So ganz logisch ist jetzt ihre Reaktion für mich nicht. Denn es war ja alles Sarais Idee. Aber sie beschwert sich bei Abram mit Recht über Hagars Verhalten. Hagar trägt offiziell ja nur Sarais Kind aus. Sie ist ihr Eigentum. Das Kind ist Sarais Kind. Sie hat keinerlei Recht sich über sie zu erheben oder sich gar jetzt als die wahre Ehefrau Abrams zu verstehen.

Ich denke Sarai hält ihm vor allem vor, dass er nicht genügend auf Hagar eingewirkt hat und sie zu respektvollem und demütigen Umgang mit ihrer Herrin aufgefordert hatte. Und das kann schon gut sein, denn man kann schon den Eindruck gewinnen, dass er sich gern raushält aus so zwischenmenschlichen Konflikten.

V. 6 Abram entgegnete ihr: »Sie ist deine Sklavin. Mach mit ihr, was du für angebracht hältst.« Doch als Sarai hart mit ihr umsprang, lief Hagar fort.
 

Hier hat man wieder den Eindruck Abram zieht sich aus der Verantwortung. Er will sich nicht einmischen. Denkt sich vielleicht auch: „Boah! Zickenterror! Sollen die doch machen was sie wollen.“ Auf jeden Fall wird hier jetzt irgendwie das ursprüngliche Rangverhältnis wieder hergestellt. Jetzt gilt wieder zuerst Hagars Stand als Sklavin.

Interessant ist, dass im Kodex Hammurabi, einer Gesetzessammlung aus dem 2. Jahrtausend vor Christus, ein ähnlicher Fall erwähnt wird. Dort steht nämlich:

„Gab sie ihren Eheherrn eine Sklavin, welche dann Kinder gebar; und beanspruchte dann diese Sklavin gleiches Recht wie ihre Herrin, weil sie Kinder geboren hatte, so durfte ihre Herrin sie nicht verkaufen; sie sollte sie zu den Sklaven rechnen.“

Und jetzt wo Sarai wieder das vollumfängliche Sagen hat, springt sie hart mit ihr um und Hagar läuft davon.

V. 7 Der Engel des HERRN fand Hagar in der Wüste neben der Quelle am Weg nach Schur.

Hagar flieht auf der Hauptstraße in Richtung Ägypten. Der Weg nach Schur ist eine bekannte Verbindung und wird öfters in der Bibel erwähnt. Dort lässt sie sich an einer Quelle nieder. Dort findet sie der Engel des Herrn, der hier das erste Mal in Erscheinung tritt. Und wenn im AT der „Engel des Herrn“ erwähnt wird, sind die meisten Ausleger der Meinung, dass damit der noch-nicht-Mensch-gewordene Messias in Erscheinung tritt. Jesus, als zweite Person der Dreieinigkeit, vor der Fleischwerdung.

V. 8 Er sprach zu ihr: »Hagar, Sklavin von Sarai, woher kommst du und wohin gehst du?« »Ich bin auf der Flucht vor meiner Herrin Sarai«, antwortete sie.

Gott weiß natürlich wo Hagar herkommt. Aber er fragt sie dennoch - irgendwie mitfühlend, fast seelsorgerlich. „Hagar. Wo kommst Du her? Wo willst Du hin?“ Er kennt sogar ihren Namen.
Und Hagar beantwortet nur eine der Fragen. Sie weiß, wo sie herkommt, aber weiß sie auch wo sie hin will? Schwanger, allein, ohne Mittel. Und was wäre, wenn sie es wirklich nach Ägypten schaffen würde? Sie wurde ja verkauft oder verschenkt? Wo soll sie denn hin? Würde es ihr dort besser gehen? Auf diese Frage hat sie vermutlich keine Antwort. Sie ist übrigens hier die erste Frau nach Eva in der Bibel, die mit Gott spricht. Und auch noch eine Ägypterin.

V. 9 Da sprach der Engel des HERRN: »Kehr zu deiner Herrin zurück und ordne dich ihr unter.

Das ist jetzt vielleicht erstmal nicht das, was sie hören möchte. Sie soll zurück zu Sarai, die sie so fertig gemacht hat? Fliehen und irgendwo neu beginnen wäre doch die deutlich schönere Lösung.
Das ist ja auch genau das, was viele oft probieren, wenn beispielsweise die Ehe schwierig wird: davon laufen und mit jmd. anderes neu starten. Wir erleben es gerade wieder im Freundeskreis. Oder bei Schwierigkeiten am Arbeitsplatz. Man kann es nicht ganz vergleichen, aber ein bisschen ähnlich ist es schon.

Aber Gott sagt hier: Geh zurück und beuge dich, demütige dich, ertrage ihre Härte. Nimm dein Kreuz auf Dich! Aber dann kommt doch noch etwas Positives:

V. 10 Ich werde dir mehr Nachkommen geben, als du zählen kannst.
V. 11 Du wirst einen Sohn bekommen. Nenne ihn Ismael, denn der HERR hat deine Hilferufe gehört.
V. 12 Dein Sohn wird ungezähmt sein wie ein wilder Esel! Er wird sich gegen alle stellen und alle werden gegen ihn sein. Ja, er wird mit allen seinen Brüdern im Streit leben.«


Jetzt bekommt auch Hagar eine Verheißung. Die Frau, die eigentlich überhaupt keine Rolle spielen sollte in der Geschichte. Diese Frau bekommt eine Verheißung für ihren Sohn, den es überhaupt nicht geben sollte.
Genau wie Abram bekommt sie eine Verheißung bezüglich einer unzählbaren Nachkommenschaft. Sie wird einen Sohn bekommen. Gott hat auch schon seinen Namen ausgewählt: Ismael, das heißt „Gott hört“, weil Gott ihre Hilferufe gehört hat, von denen steht gar nichts in der Bibel, aber es hat sie wohl gegeben.
Sie ist eine der wenigen Frauen in der Bibel, die den Namen ihres Sohnes von Gott ausgesucht bekommen (Elisabeth, Maria….).

Und dieser Sohn, dieses Volk das aus ihm hervorgeht, wird ganz anders sein als es ihr jetzt ergeht. Sie ist die Unfreie, die Sklavin. Aber Ismael wird frei und wild sein, wie die Wildesel in der Steppe. Er wird stark sein und sich niemanden unterordnen. Man vermutet, dass die arabischen Nomaden die Nachfahren der Ismaeliter sind.
Das was für uns vielleicht erstmal gar nicht so toll klingt (wilder Esel?), muss in Hagars Ohren ganz anders geklungen haben: mein Sohn der Freie, der Kämpfer, der Streiter, der Wilde.

V. 13 Da nannte Hagar den HERRN, der zu ihr gesprochen hatte, El-Roï („Gott des Sehens“). Denn sie sagte: »Ich habe den gesehen, der mich sieht!«

Oder in anderen Übersetzungen:

„Du bist ein Gott, der mich sieht“ (LU17)
„Du bist El-Roï - Gott schaut auf mich“ (EÜ)

Jetzt sind wir also endlich bei der Jahreslosung.

  • Der erste von einer Frau gesprochene Vers in einer Jahreslosung.
  • Die erste Frau, die außerhalb des Paradieses mit Gott spricht.
  • Der erste Mensch in der Bibel, der eine Begegnung mit dem Engel des Herrn hat.
  • Die erste Frau, der eine göttliche Verheißung für ihr Kind zugesprochen wird.
  • Und die erste Theologin. Denn was Hagar hier formuliert ist Theologie! Sie beschreibt Gott aus ihrer eigenen Erfahrung. „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Gott ist ein sehender Gott. Sicher, es ist nur Erfahrungstheologie, aber eine wahre Beschreibung Gottes.


Gott hat mich wahrgenommen. Er hat mich angesprochen. Er interessiert sich für mich. Er hat mein Schreien gehört. Gott sieht mich von Angesicht zu Angesicht. Das ist mehr als alle Likes auf instagram.

Sie beschreibt Gott so, wie sie ihn gerade erlebt hat. Und das ist etwas, das können wir auch:

  • Du bist der Gott, der mich von meiner Drogensucht befreit hat!
  • Du bist der Gott, der mich geheilt hat!
  • Du bist der Gott, der meine Wege geführt hat!
  • Du bist der Gott, der mir eine Familie geschenkt hat!
  • So wie wir ihn eben - jeder persönlich -  in unserem Leben erfahren und erlebt haben.


Zurück zu Hagar. Trotz der Begegnung mit Gott und der Verheißung wird nicht einfach alles gut. Hagar wird gesehen, wertgeschätzt, geliebt und muss trotzdem zurück in die schwierigen Lebensumstände. Muss sie ertragen. Aber sie macht es. Ob sie von dieser Begegnung erzählt hat? Auf jeden Fall lesen wir später, dass Abram den Sohn Ismael nennt (V. 15), also muss irgendein Austausch stattgefunden haben.
Ich kann mir gut vorstellen, dass sie Abram von dieser Begegnung erzählt hat und Abram ihr geglaubt hat. Er hatte ja selbst schon seine übernatürlichen Begegnungen mit Gott gehabt.

Es erinnert mich ein bisschen an den Psalm 23. Dort heißt es ja im Vers 1: „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ und dann im Vers 4 „auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens“ (ELB).

Auch hier bewahrt der Segen, der Zuspruch,  die Versorgung, die Gegenwart Gottes nicht vor dem Gang durchs finstere Tal, durchs Tal der Todesschatten. Und David wusste wovon er schrieb.

Oder wie wir es letzte Woche im Hausgottesdienst gelesen haben:

„Seid um nichts besorgt, sondern in allem sollen durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden; und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Jesus.“ (Phil. 4, 6.7 ELB)

Nicht die Lösung aller Probleme wird zugesagt, sondern Gottes Frieden! Hagar hat zu Gott geschrien und gefleht und er stärkt sie durch diese Begegnung, gibt ihr Frieden, aber ändert nicht die Umstände.

Ist das jetzt nur eine Einzelbegegnung, ein Einzelfall in der Bibel? Ja und Nein.

Ja, es ist wirklich eine ganz besondere Begegnung zwischen Gott und Hagar. Gott offenbart sich nicht immer so, er begegnet nicht immer den Menschen auf diese persönliche Art und Weise. Hier geschieht schon etwas ganz Besonderes, etwas sehr Berührendes wie ich finde. Und auch der Gottesname „El Roi“ wird nur an dieser Stelle erwähnt.

Aber auch nein, denn wir lesen:

„ Der HERR schaut vom Himmel herab und sieht alle Menschen, von seinem Thron aus sieht er jeden einzelnen.“ (Ps. 33, 13.14 NLB)

Gott sieht alle Menschen. Gott sieht uns. Er kennt sogar die Anzahl unserer Haare (Mt. 10,30). Ich denke, das ist ein Bild dafür, dass er uns und unser Leben in allen Details kennt.
Und wenn wir uns bspw. das Leben Jesu anschauen, dann sehen wir da sehr viele Begegnungen von der Art und der Tiefe, wie die von der wir heute gehört haben. Denken wir bspw. an die Begegnung mit Zachäus. Jesus sieht den, den sonst keiner sehen will, den keiner wahrnimmt, den niemand zum Freund haben will und kehrt bei ihm ein.

Und so wie Hagar durch die Begegnung mit Gott umgekehrt ist, ist auch Zachäus umgekehrt und hat sein Leben geändert.

Nochmal zurück zu unserem Text in Mose 16. Da geht es weiter.

V. 14 Die Quelle erhielt später den Namen Beer-Lachai-Roï („Brunnen des Lebendigen, der mich sieht.“). Sie liegt zwischen Kadesch und Bered.

Der Brunnen wurde also später nach dieser Begegnung genannt. Und es wird der Brunnen sein, an dem Isaak sich viele Jahre später ansiedelt.

Ein neues Jahr hat begonnen. Ich würde mir für uns alle wünschen, dass wir viele Begegnungen mit Gott in diesem Jahr haben, wo wir ihn erleben, als der, der uns ansieht, der uns hört, der zu uns spricht, uns hilft oder uns auch zur Umkehr leitet.

Hagar hat zu Gott geschrieen. Vielleicht haben wir nicht alle Nöte, die uns schreien lassen. Aber wir können ihn alle suchen, seine Gegenwart suchen.

Noch einen Vers des Kapitels noch zum Abschluss. Damit auch alles rund ist.

V. 15 Hagar aber gebar Abram einen Sohn und Abram nannte ihn Ismael.

AMEN.

Freitag, 11. Mai 2018

Predigt von Norbert Wohlrab (06.05.2018)

Jahreslosung 2018


1. Einleitung

Was fällt Euch ein zum Begriff Fernweh?

(Ein Begriff mit dem wohl jeder spätestens dann etwas anfangen kann, wenn Kinder da sind, weil dann mit einem durchschnittlichen Einkommen nicht mehr so viel für Reisen übrig bleibt. Nicht nur kleine Kinder, gerade auch große kosten Geld.)

Und wie ist es mit Sehnsucht? Was fällt Euch dazu ein?

(Ich war überrascht, dass der Begriff ursprünglich eher pathologisch verwendet wurde. Als Krankheit des menschlichen Verlangens. Als ein Verzehren nach Personen, Objekten oder Zuständen mit dem schmerzhaften Bewusstsein, sie nicht erreichen zu können.

Sehnen und Sucht in einem Wort. Das drückt schon viel aus. Das Sehnen wird zur Sucht. Sich sehnen ist noch keine Sehnsucht im eigentlichen Wortsinn.

Sehnsucht ist auch ein Gemanismus. Ein typisch deutscher Begriff, den es so in anderen Sprachen nicht 1zu1 gibt und daher als deutsches Fremdwort übernommen wird.)

Und wie ist es mit Durst? Was fällt Euch dazu ein?

(Die Karawane zieht weiter…..)

Alle drei Begriffe haben etwas mit Sehnen, Begehren usw. zu tun. Und darum geht es mir heute.



2. Jahreslosung 2018: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst (Offb. 21,6)

In meiner Predigt heute geht es um Durst. Mir ist nämlich aufgefallen, dass wir noch keine Predigt zur diesjährigen Jahreslosung hatten.

Die Jahreslosung stammt aus dem Buch der Offenbarung und zwar aus einem Abschnitt, in dem der neue Himmel und die neue Erde beschrieben werden. Ich lese sie mal im Zusammenhang:

„1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;
4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!
6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offb. 21, 1-6 Luth 2017)


Andere Übersetzungen:

„Ich will dem Dürstenden aus der Quelle des Wassers des Lebens geben umsonst.“ (Rev. Elb.)
„Wer Durst hat, dem werde ich umsonst von dem Wasser zu trinken geben, das aus der Quelle des Lebens fließt.“ (NGÜ)
„Wer durstig ist, den werde ich unentgeltlich aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt.“ (EÜ 2016)


Hier spricht Gott! Worte in der Bibel, in denen Gott direkt spricht, haben eine ganz besondere Bedeutung!

Wasser ist wichtig! Ohne Wasser verdursten wir.
Wasser hat auch in der Bibel eine besondere Bedeutung. Nicht nur regional, weil in den Gegenden des Orients Wasser knapp war, sondern auch rituell und symbolisch.
Es gab im AT rituelle Bäder und Waschungen um sich von der Schuld und Unreinheit zu säubern.
Und im NT die Taufe als Bild für das Abwaschen der Schuld und das Sterben des alten Menschen.
Und in beiden Testamenten die Bilder vom Wasser als Lebensstrom, als Strom des Heiligen Geistes.

Also, Wasser als Bild für etwas das neues Leben spendet, war den Hörern bereits vertraut.  Und dieser Vers ist jetzt auch nicht neu, sondern wir finden ihn bereits in anderen Zusammenhängen. Z.B. bei Jesus im Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen.

„Jesus antwortete und sprach zu ihr: Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm geben werde, den wird nicht dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt.“ (Joh. 4, 13.14 Rev. Elb.)

Eigentlich die gleiche Aussage mit etwas anderen Worten und geringen anderen Aspekten.

Wenn wir noch einmal zurück zur Offenbarung gehen, dann fällt auf, Jesus sagt am Anfang: Es ist geschehen. Es ist fest gemacht! Es ist zementiert!

Das erinnert an die Worte Jesu am Kreuz: „Es ist vollbracht“ (Joh. 19,30) und es erinnert an das rückblickende Schauen Gottes auf seine Schöpfung: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1. Mose 1,31)

Es ist geschehen! Das Werk Jesu ist geschehen und das Angebot an alle Dürstenden gilt!
Und es gilt umsonst!
Umsonst, nicht vergeblich, aber unentgeltlich.
Umsonst, nicht käuflich, aber erhältlich.
Umsonst, nicht ohne Kosten für Jesus, aber kostenlos für uns.


3. Durst und menschliche Stillversuche

Das Angebot gilt für alle die Durst haben, für alle Dürstenden.
Das Problem bei Durst ist systemimmanent. Egal wie viel Du trinkst, Du wirst später immer wieder Durst haben.

„Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten“ (Joh. 4,13a) sagt Jesus zu der Samaritanerin. Das war keine neue Erkenntnis, das war und ist allen Menschen zu allen Zeiten klar: genau wie ich immer wieder essen muss, muss ich auch immer wieder trinken. Hilft nichts. Selbst wenn ich mal „über den Durst getrunken habe“ gilt das.

Das gilt für den biologischen Durst und genauso für den Durst nach materiellen und immateriellen Dingen.

Vielleicht könnt Ihr Euch noch an die Freizeit auf dem Hesselberg vor etwa 15 Jahren mit M. Kettner erinnern. Er hat damals u.a. über die Seele gesprochen. Er hat erklärt dass das hebr. Wort für Seele Schlund oder Kehle bedeutet. Unsere Seele ist ein Schlund, sie sucht danach gestillt zu werden. Jeder Mensch sucht nach Erfüllung, nach Füllung dieses Schlundes, dieses Lochs, dieses Vakuums, dieser Leere.

Je nach dem wie wenig Liebe man in seinem „Schlundsystem“, in seiner Seele speichern konnte, und wie wenig Wert man dann in sich selbst empfindet, wie wenig man emotional in sich selbst ruhen kann, desto stärker ist der Drang diesen Durst durch verschiedenste Dinge von außen zu stopfen.

Es dürstet die Seele nach Leben, nach erfüllten vollen Leben. Und sie sucht es zu finden in mich-erfüllenden Partnerschaften, in mich-befriedigender Sexualität, in erfolgreicher beruflicher Karriere, in sportlichen Leistungskicks und Erfolgen, Körperkult, Ernährungs-kult, materiellen Reichtum und Luxus uvm.

Egal was man anstrebt und auch erreichen mag, es ist niemals genug. „Never enough“ heißt es in einem Rocksong. Selbst wenn man in einem Bereich 100% erreicht, wird es keine dauerhafte Befriedigung schenken und man braucht ein neues Betätigungsfeld.

Nichts davon ist geeignet dieses Vakuum dauerhaft zu stillen. Nichts Immaterielles und nichts Materielles.

Bei der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen war es vielleicht ähnlich. Sie hat ja nicht nur regelmäßig Wasser geschöpft. Sie hatte auch einen gewissen Männerverschleiß. „fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann“ (Joh. 4,18 Rev. Elb.). Es lässt sich nur spekulieren, aber vielleicht hatte ja auch sie ein starkes emotionales Defizit, dass sie versucht hat irgendwie zu füllen.
Übrigens Jesus verurteilt sie nicht, sondern er bietet ihr lebendiges Wasser an.

Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie hat einmal gesagt: „Sobald die Leute genug haben, wovon sie leben können, stellt sich heraus, dass sie nicht wissen, wofür sie leben können.“ Dies gilt in jeder Hinsicht. Egal nach welchem System man Löcher stopfen will, es funktioniert nicht.

„Denn zweifach Böses hat mein Volk begangen: Mich, die Quelle lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich Zisternen auszuhauen, rissige Zisternen, die das Wasser nicht halten.“ (Jer. 2,13 Rev.Elb.)

Die Zisternen sind löchrig. Das „Schlundsystem" unseres Seins, kann nur durch lebendiges Wasser gestillt werden.

„Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt“ (Pred. 3,11a Rev. Elb.)

Der Mensch hat in sich ein systemimmanentes Vakuum. Dieses Vakuum dürstet nach Ewigkeit, dürstet nach Gott.

„Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott“ (Ps. 42,3a Rev. Elb.)

Es ist dieser Durst nach Ewigkeit, nach inneren Frieden und Versöhnung, nach Gnade und Annahme, nach Heil und Geborgenheit, den ich nur in Jesus löschen kann, der nur von ihm gestillt werden kann.
Aber wenn er gestillt ist, dann ist er es auch. Auch wenn die letztendliche Vollendung erst in der Ewigkeit geschieht, wird doch das Vakuum in der Seele schon jetzt gestopft.

„den wird nicht dürsten in Ewigkeit.“ Wenn ich sein Lebenswasser getrunken habe, dann will ich es gar nicht mehr anderweitig stillen. Dann weiß ich auch, dass all die schönen Dinge des Lebens gar nicht dazu geeignet sind, gar nicht dazu gemacht sind, meinen Durst zu stillen. Ich glaube, man kann dann wahrscheinlich erst so richtig genießen.


4. Überfließendes Wasser

Aber Jesus geht ja auch noch weiter. Sein Lebenswasser stopft nicht nur unseren Schlund. Es läuft auch noch über.

„Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus seinem Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Joh. 7,38 Rev. Elb.)

Jesus spricht hier vom Heiligen Geist (V. 39). Wir sind überfließbar angelegt. Gottes Geist wirkt und fließt durch uns, wenn wir uns von ihm leiten lassen. Und hier geht es nicht nur um spektakuläre Heilungsgebete, sondern auch um das ganz normale Leben im Alltag. Der größte Teil unseres Lebens ist Alltagsleben (wenn wir nicht gerade schlafen). Dort will seine Freundlichkeit, seine Güte, seine Liebe, seine Gerechtigkeit weiter aus uns heraus in die Welt hinein fließen.

Und ich glaube, das geschieht oft sogar, ohne dass wir uns dessen groß bewusst sind.

Es passiert, dass sich Leute bei uns bekehren und wir wissen nichts davon.
Ich habe angeblich mal durch eine einzige Frage eine ganze Ehe gerettet.
Neulich habe ich einen ehemaligen Klienten getroffen, der sich bei mir bedankt hat, weil ich ihm immer so motiviert und gedrängt habe und er damals dann schon Schulabschluss und Ausbildung nachholen konnte und er jetzt mittlerweile seit einigen Jahren Vorarbeiter in einer Firma ist und nun sogar so gut verdient, dass er sich in Fürth eine kleine Altbauwohnung kaufen konnte.

Und ich denke, solche Dinge, wo wir etwas von Gottes Herrlichkeit weitergeben konnten, kennen wir alle. Wir vergessen die Sachen nur oft wieder allzu schnell.


5. Schluss

Viele die versuchen ihren Lebensdurst mit irgendwelchen Quellen zu stillen, sind auch auf der Suche nach einem Sinn im Leben oder den Sinn des Lebens.

Paradoxerweise sagt die Bibel zu dieser eher philosophischen Frage gar nichts. Der Begriff Sinn des Lebens oder eine ähnliche Fragestellung finden wir in der Bibel nicht. Es wird nur erwähnt wie unsinnig und nichtig vieles menschliche Streben ist. Sinn ist irgendwie überhaupt kein Thema. Vielleicht auch weil das von Gott gegebene Leben schon automatisch Sinn in sich trägt.

Wir Christen sind ja ganz schnell mit Aussagen wie „Jesus ist der Sinn des Lebens“ oder „Jesus gibt deinen Leben Sinn“ oder so ähnlich. Aber was heißt das denn eigentlich praktisch, ganz konkret und nicht abstrakt? Im konkreten Alltag? Haben wir überall, in jedem Lebensbereich Sinn gefunden oder überhaupt gesucht? Brauchen wir überall Sinn?

Ich denke, wenn ich Jesus gefunden habe, wenn er den Lebensdurst in mir gestillt hat, dann ruhe ich in dermaßen in ihm, der ja das Leben ist, dass sich die Frage gar nicht mehr stellt, weil ich dann weiß wohin ich gehe, weil ich mit ihm verbunden bin, weil ich mich angenommen und geliebt weiß. Dann habe ich eine unheimliche feste Basis für mein Leben. Dann bin ich über diese Daseinsstufe, über diese Fragestufe schon hinaus. Dann dürstet mich nicht mehr.

Und wenn er dann in mir lebt, dann kann ich durch ihn meinem Alltag Sinn geben.
Vielleicht ist es das gleiche, wie „Jesus gibt deinem Leben Sinn“, aber ich habe das Gefühl, er nimmt mich nicht ganz aus der Verantwortung….

Ich habe neulich einen kurzen Clip von Will Smith gesehen und da hat er erzählt, dass er jetzt aufhört seine Frau glücklich machen zu wollen, weil er erkannt hat, dass das nicht geht. Er kann sie lieben, freundlich zu ihr sein, sie zum Lachen bringen usw., aber sie nicht glücklich machen, denn glücklich zu sein, ist ihre eigene Entscheidung. (Und die Amerikaner sind ja sogar durch die Verfassung verpflichtet nach Glück zu streben.)

Glücklichsein liegt sozusagen im Auge des Betrachters.

Vor ein paar Wochen wurde bundesweit eine Umfrage unter Wohnungslosen durchgeführt mit Fragen zu unterschiedlichen Lebensfeldern. Unter anderem ging es auch um ihre materiellen Möglichkeiten. Und eine Frage war: „Können Sie sich alles kaufen, was ihnen wichtig ist?“ (Freizeit, Kultur, Genussmittel, Fahrkarten etc.). Die Antwortmöglichkeiten gingen von 1 (alles) bis 5 (gar nichts). Die Umfrage wurde auch in unserer Einrichtung durchgeführt und man erwartet bei Menschen, die 115,- Euro im Monat dafür zur Verfügung haben, dass sie überwiegend 4 oder 5 ankreuzen. Aber das war überraschenderweise gar nicht der Fall. Es gab eine komplette gleichmäßig verteilte Streubreite von 1 bis 5. Und ich vermute, dass man hier zu den selben Ergebnissen kommt, egal ob die Leute 200, 2000 oder 20.000 Euro im Monat zur Verfügung haben.
Warum? Weil es ist die eigene Entscheidung, ob man zufrieden ist, ob man glücklich ist oder nicht.

Um das ganze Abzurunden: wenn ich Jesus gefunden habe, wenn er meinen Lebensdurst gestillt hat, wenn mein Leben Sinn macht, kann es trotzdem sein, dass ich in einzelnen Lebensbereichen (z.B. im Beruf) keinen Sinn sehe. Deshalb ist aber nicht das Fundament falsch, sondern ich kann Jesus bitten mir zu helfen die Sache mit anderen Augen zu sehen, neu zu bewerten, vielleicht auch zu lassen oder einfach hinzunehmen, zu tragen. .

Ich habe vorhin von dem jungen Ex-Klienten erzählt. Wie oft kommt das vor? Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass ist vielleicht einer von 40, der so eine vollständige und nachhaltige Integration in die Gesellschaft erzielt. Das sind 2,5 %. Lohnt das denn? Ich sage Ja. Das sind 2,5% die meiner Arbeit Sinn geben. 2,5% für die es Sinn macht. Für mich ist das heute ok. Früher war das anders. Es ist ja auch nicht so, dass alle anderen scheitern. Es gibt da viele Graduierungen. Erfolg liegt im Auge des Betrachters.

Als Johannes die Offenbarung empfangen hat, lag die Welt für die Christen in Scherben. Verfolgung überall. Da bekommen die Aussagen, dass Gott alle Tränen abwischen wird und das es in der Zukunft bei ihm kein Leid und kein Geschrei mehr geben wird, eine ganz neue Bedeutung.

Wie haben sie ihr Leben wohl gerade bewertet? Verfolgung, Unterdrückung, Misshandlung, Benachteiligung, Tod, Leid und Schmerz. Ob sie sich über den Sinn des Lebens Gedanken gemacht haben? Oder haben sie einfach nur nach Erlösung und Gerechtigkeit gedürstet (Mt. 5,6)?

Auch wenn sich ihre Lebensumstände nicht von jetzt auf gleich geändert haben, so galt auch für sie, dass das lebendige Wasser eine Quelle ist, die durch alle Lebenslagen durch trägt und ein Fundament bildet, das allen Widernissen widerstehen kann. Das gilt auch für uns.

AMEN.