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Samstag, 25. März 2023

Predigt von Norbert Wohlrab (12.03.2023)

Die Gefangennahme Jesu

Wir bewegen uns jetzt ja zügig auf Ostern zu und so passt es ganz gut, dass der heutige offizielle Predigttext des evangelischen Kirchenjahres die Gefangennahme Jesu aus Lukas 22 ist.

Erst habe ich ja gedacht: was will man denn da groß drüber predigen, es ist eine Sequenz aus der Passion, die wir alle gut kennen. Aber es ist wie immer, umso mehr man sich mit Texten auseinandersetzt, umso mehr kann man darin entdecken.

Ich mache heute mal ein kleines Experiment und zwar habe ich die Beschreibungen des Ablaufs der Gefangennahme aus den vier verschiedenen Evangelien zu einem einzigen Text zusammengefügt. Also nicht ich, die Arbeit hatten sich vorher schon andere gemacht. Die Reihenfolge der Verse war also schon bekannt und ich musste sie nur noch zusammenfügen. Ich möchte mit Euch das Ergebnis abschnittsweise durchgehen. 

Jesus war also im Garten Gethsemane, einem Olivenhain, um sich im Gebet auf das was ihn jetzt bevorstand, vorzubereiten und zu beten. Die Jünger waren bei ihm und schliefen. Am Ende dieser Zeit des Betens (und für die Jünger Schlafens) sagt er zu ihnen:

Mt. 26,46 Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, der mich verrät, ist nahe. 

In diesem kurzen Vers am Beginn unseres Abschnitts wird schon mal eines deutlich: Jesus ist der Herr des Geschehens. Er weiß, was ihm erwartet und er agiert. Er wird nicht im Schlaf überrascht, er wird nicht aus dem Bett gezerrt, er wird nicht einfach überrumpelt, sondern er begibt sich aktiv in seine Gefangennahme.

Joh. 18,2.3 Aber auch Judas, der ihn verriet, kannte den Ort; denn Jesus versam- melte sich oft dort mit seinen Jüngern. Nachdem nun Judas die Truppe und von den obersten Priestern und Pharisäern Diener bekommen hatte, kam er dorthin mit Fackeln und Lampen und mit Waffen. 

Hier steht: Judas hatte die Truppe bekommen. Dieses Wort „Truppe“ oder „Schar“ bedeutet eigentlich „Kohorte“, und so steht in manchen Übersetzungen auch gleich römische Soldaten. Man kann daher davon ausgehen, dass eine Gruppe römischer Soldaten an der Gefangennahme beteiligt gewesen ist.

Eine Kohorte umfasst ca. 600 Soldaten. Soviel standen sicher in der Nacht gar nicht zur Verfügung und hätten dort vermutlich auch gar nicht alle hinein gepasst. Es war also vermutlich nur ein Teil dieser römischen Militäreinheit. Es waren aber auf jeden Fall eine ganze Menge an Menschen: römische Soldaten und Diener der Priester (also die Tempelpolizei, die keine Schwerter tragen durften, sondern nur Knüppel) und noch einige andere Personen. Vermutlich schon über 100 Leute. Um wieviele gefangen zu nehmen? Um einen einzigen gefangen zu nehmen. 

Warum dieser Aufwand? Sie wollten absolut kein Risiko eingehen. Es gab vor kurzem ja erst den Aufstand von Barabbas. So etwas konnten sie nicht noch einmal gebrauchen. Das hätte römische Repressalien zur Folge. Und Jesus war ja außerdem vor ein paar Tagen erst fulminant in Jerusalem eingezogen und als neuer König gefeiert worden. Es wäre nicht auszudenken gewesen, was passiert wäre, wenn die Menschenmengen die Gefangennahme mitbekommen hätten. Daher kamen sie nachts und daher kamen sie mit vielen Soldaten um einen möglichen Aufstand sofort im Keim zu ersticken.

Ich habe in einem Buch gelesen, dass der Hohe Rat beim Gerichtsverfahren Christi 22 seiner eigenen Regeln gebrochen hat, also so etwas wie die Strafprozessordnung. Dort steht bspw. dass keine Verhaftung erfolgen darf, wenn Bestechung im Spiel ist oder das kein Verfahren nach Sonnenuntergang beginnen darf. Allein diese beiden Regeln wurden schon bei der Gefangennahme gebrochen. 

4-6  Jesus nun, der alles wusste, was über ihn kommen sollte, ging hinaus und sprach zu ihnen: Wen sucht ihr? Sie antworteten ihm: Jesus, den Nazarener! Jesus spricht zu ihnen: Ich bin’s! Es stand aber auch Judas bei ihnen, der ihn verriet. Als er nun zu ihnen sprach: Ich bin’s!, wichen sie alle zurück und fielen zu Boden.

Was Jesus hier sagt: „Ich bin’s“ ist die alttestamentliche Gottesformel, mit der Gott sich dem Mose zu erkennen gab: »Ich bin, der ich bin!« Es handelt sich hier in dieser Situation um eine Theophanie, um eine Gotteserscheinung, vielleicht vergleichbar mit dem Einzug der Schechina in dem Tempel. 

Gott zeigt sich hier. Seine Macht blitzt kurz auf. Und wieder wird deutlich: Jesus. Hat. Alles. Unter. Kontrolle.

(Manch einer kennt vielleicht die drei „Herr der Ringe“-Filme. Im ersten Film: „Die Gefährten“ gibt es eine Szene, in der Frodo Galadriel, der Elbenkönigin, den Ring anbietet. Und da lässt sie für einen Moment ihre ganze Macht sichtbar werden und Frodo erschrickt und fällt zu Boden. So ähnlich stell ich mir diese Szene vor.) 

7-9  Nun fragte er sie wiederum: Wen sucht ihr? Sie aber sprachen: Jesus, den Nazarener! Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Wenn ihr nun mich sucht, so lasst diese gehen! — damit das Wort erfüllt würde, das er gesagt hatte: Ich habe keinen verloren von denen, die du mir gegeben hast.

Und wieder gibt sich Jesus zu erkennen, diesmal wohl ohne seine Göttlichkeit sichtbar werden zu lassen. Interessant ist hier die Aussage, dass sich das Wort erfüllen soll, dass keiner von denen, die der Vater ihm gegeben hat, verloren geht. Wo steht das eigentlich? Nun das ist keine alttestamentliche Prophetie, sondern das sagt Jesus selbst kurz vorher in Joh. 17,12: 

„Während meiner Zeit hier auf Erden habe ich sie bewahrt. Ich habe über sie ge- wacht, sodass nicht einer verloren ging außer dem, der den Weg des Verderbens beschritt, so wie es die Schrift vorausgesagt hat.“

Also auch Jesu eigene prophetischen Worte müssen genauso erfüllt werden, wie die alttestamentlichen Prophetien.

Jetzt wird’s heftig.

Mt. 26,48.49 Der ihn aber verriet, hatte ihnen ein Zeichen gegeben und gesagt: Der, den ich küssen werde, der ist’s, den ergreift! Und sogleich trat er zu Jesus und sprach: Sei gegrüßt, Rabbi!, und küsste ihn.

Lk. 22,48 Jesus aber sprach zu ihm: Judas, verrätst du den Sohn des Menschen mit einem Kuss?

Auch wenn Jesus ja schon wusste, dass der Teufel von Judas Besitz ergriffen hatte, auch wenn er schon wusste, was da auf ihn zukommt, muss es doch ganz schön heftig weh getan haben, von einem seiner Jünger, seiner Gefährten verraten zu werden und dann auch noch auf diese Art und Weise.

Judas. Er war doch einer von den Zwölfen. Er hatte drei Jahre lang mit Jesus zusammengelebt. Sie haben gemeinsam gegessen und gefeiert. Sie haben Gemeinschaft miteinander gehabt. Haben zusammen Wunder erlebt. Er war einer von denen, die ausgesandt wurden, die Vollmacht zum Heilen und über die Dämonen hatten. Jesus hat ihm sogar die Kasse anvertraut. Sie waren einander vertraut. Dieser Judas verrät ihn - mit einem Kuss. 

Das war nicht der Kuss eines Sklaven, der seinem Herrn die Füße küsst. Das war nicht der Kuss eines Untergebenen, der einem Oberhaupt, bspw. einem König die Hand küsst. Das war der Kuss eines Vertrauten, eines Freundes. Auf die Backe oder den Mund. „Grüß Dich, Rabbi, Schmatz.“ Und Jesus: „Echt jetzt Judas, mit einem Kuss verrätst Du mich, mit einem Kuss?“

Der Teufel fährt alle Geschütze auf, die er haben kann. Sein Bestreben ist es Jesus davon abzuhalten seinen Weg weiter zu gehen. Hier versucht er es mit einem emotionalen Tiefschlag. Er will Jesus weh tun, ihn verletzen. So kommt es mir zumindest vor. 

Von einem Freund verraten zu werden. Das tut richtig weh. Soll er sich wirklich für solche Menschen opfern?Es gibt ja die sogenannten messianischen Psalmen in der Bibel. Das sind Psalmen, die mehr oder weniger deutlich Bezüge auf Jesus haben. Da lesen wir bspw. 

„Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, hat die Ferse gegen mich erhoben.“ (Ps. 41,10 SLT)

Mein Freund, der mit mir Gemeinschaft hatte, der Frieden mit mir halten wollte (Brot gemeinsam essen bedeutet Frieden halten), hebt den Fuß hoch um auf mich zu treten. So mag es in Jesus ausgeschaut haben. 

In einer anderen Stelle heißt es:

„Es ist ja nicht mein Feind, der mich verhöhnt – das könnte ich noch ertragen! Nicht jemand, der mich schon immer gehasst hat, spielt sich gegen mich auf – vor einem solchen könnte ich mich noch verbergen. Aber nein, du bist es, ein Mann, der mir nahestand, mein Freund und Vertrauter! Wie schön war es, als wir noch zusammenwaren und unsere Gedanken austauschen konnten! Gemeinsam gingen wir den Weg hinauf zum Haus Gottes, inmitten einer fröhlichen Menge.“ (Ps. 55, 13-15 NGÜ)

Wenn uns Nicht-Christen angehen, das können wir verkraften, dann fühlen wir uns vielleicht sogar geehrt, das schütteln wir ab, das macht uns nichts aus. Aber Angriffe aus den eigenen Reihen. Verletzungen, die uns der Bruder und die Schwester zuführen. Daran haben wir zu Knabbern.

Mk. 14,46a Sie aber legten ihre Hände an ihn.

Joh. 18,10 Da nun Simon Petrus ein Schwert hatte, zog er es und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab; der Name des Knechtes aber war Malchus. 

Und jetzt. Die Soldaten ergreifen Jesus. Nehmen ihn gefangen und während alle noch überlegen, was sie machen sollen: „Sollen wir uns wehren? Sollen wir Jesus beschützen? Macht ja alles eigentlich keinen Sinn bei dieser Übermacht.“ Während also alle noch überlegen, schlägt Petrus zu. Aber zum Glück war Petrus Fischer und kein Soldat. Er war ausgebildet im Ausnehmen von Fischen, nicht im Menschen die Kehle durchschneiden.

Wahrscheinlich war es so: er greift als Rechtshänder nach seinem Dolch, der links im Gürtel steckt, holt aus, um dem anderen an der Kehle zu treffen und schon ist das Ohr ab. Knapp vorbei.
Es war nicht so, dass er sich gedacht hat: „Na warte, Ihr ergreift meinen Rabbi, Töten darf ich nicht, Moment, aber ein Ohr, ein Ohr, das geht, das kostet einem von Euch ein Ohr.“
 

Ich denke Petrus war ganz besonders motiviert, übermotiviert. Kurz vorher hat Jesus ihm noch gesagt, dass er ihn verleugnen wird. Dass er sich nicht zu ihm Bekennen wird. Jetzt muss er doch zeigen, dass Jesus sich auf ihn verlassen kann. Dass er nicht feige ist, sondern zu ihm hält.

Lk. 22,51 Da antwortete Jesus und sprach: Lasst ab davon! Und er rührte sein Ohr an und heilte ihn. 

Lukas - der Arzt - ist übrigens der einzige, der davon berichtet, dass Jesus den Knecht heilt. Für die anderen Evangelisten war es wohl nicht so wichtig.

Mt. 26,52 Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Platz! Denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen! 

Jesus muss nicht mit Waffengewalt verteidigt werden. Der Glaube muss nicht mit Waffengewalt verteidigt werden. Gott muss nicht mit Waffengewalt verteidigt werden. Und doch ist es so oft geschehen in der Geschichte des Christentums. Wieviele Kriege wurden wegen des richtigen Glaubens geführt, wieviele Morde begangen, wieviele Menschen getötet. Jesus lehnt dies ab. „Steck das Schwert ein!“

Ich frage mich, wenn schon der christliche Glaube kein Gut ist, das verteidigt werden soll, sind dann Freiheit und Demokratie Werte die man verteidigen muss? Das ist sicher nicht so einfach zu beantworten. 

53.54 Oder meinst du, ich könnte nicht jetzt meinen Vater bitten, und er würde mir mehr als zwölf Legionen Engel schicken? Wie würden dann aber die Schriften erfüllt, dass es so kommen muss?

Zwölf Legionen Engel. Jesus redet hier von 12.000 streitbaren Engel. Es wäre überhaupt kein Problem für sie mit dieser kleinen Truppe - ob es nun 100 oder 600 sind - klar zu kommen, fertig zu werden. Aber er ruft sie nicht.

Und wieder sehen wir: Jesus hat die Kontrolle. Er hat die Macht. Aber er übt sie nicht aus. 

Überhaupt ist mir aufgefallen, dass wir oft eine Vorstellung, von der Herrschaft Gottes haben, bzw. sie in charismatischen Liedern besingen, die weder mit der Realität übereinstimmt, noch biblisch begründet werden kann. Wir singen „Gott herrscht vom Himmel herab“ und ähnliches, aber stimmt das denn überhaupt?

In der Bibel finden wir nämlich nur ganz wenige Aussagen, dass Gott herrscht oder Jesus herrscht. Die meisten sind auf das Zukünftige bezogen, aber nicht darauf, dass Gott jetzt hier auf Erden herrscht. Um uns herum sind Mord und Totschlag, Kriege, Christenverfolgung etc. Ist das Herrschaft Gottes? 

Jesus sagt vielmehr: „Wenn ich durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist die Königsherrschaft Gottes zu Euch gekommen.“ (Lk. 11,20) Da wo der Finger Gottes auftrifft, wird punktuell Herrschaft Gottes ausgeübt. Punktuell.

Und wir beten darum, dass seine Herrschaft nicht nur im Himmel geschieht, sondern auch auf der Erde. Darum bitten wir im Vaterunser, weil sie hier eben nicht geschieht. Hier auf Erden ist sie nicht der Normalfall. Vielmehr wird sie von uns erstrebt, erhofft, erfleht, darum gebeten. Das wäre ein eigenes Predigtthema, mit dem ich mich vorher jedoch noch etwas auseinandersetzen muss. Aber hier in dieser Situation, heißt es für Jesus, seine Macht, seine Herrschaft eben nicht auszuüben. 

55 In jener Stunde sprach Jesus zu der Volksmenge: Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen mit Schwertern und Stöcken, um mich zu fangen! Täglich bin ich bei euch im Tempel gesessen und habe gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen.

Hier kommt der nächste Schlag. Jesus wird wie ein Räuber behandelt. Völlig ungerechtfertigt. Jesus ist das absolute Gegenteil von einem Räuber. Er ist der Freund der Menschen und tut ihnen Gutes. Er ist kein Aufwiegler und kein Verbrecher. 

Sie hätten jederzeit die Auseinandersetzung mit ihm suchen können und haben es nicht getan. Jetzt in der Nacht kommen sie, heimlich, mit Waffengewalt. Das ist sowas von ungerechtfertigt und ungerecht.

Ich hasse es ungerecht behandelt zu werden. Ihr doch auch? Manchmal kann man ruhig bleiben - und ich muss feststellen, umso älter ich werde, umso gelassener kann ich mit erlittener Ungerechtigkeit umgehen - aber manchmal fuchst es einem doch und dann will man Recht und Gerechtigkeit. Soll er für diese ungerechten Menschen wirklich ans Kreuz gehen? 

56 Das alles aber ist geschehen, damit die Schriften der Propheten erfüllt würden. — Da verließen ihn alle Jünger und flohen.

Und jetzt der nächste Schlag: alle hauen ab. Alle. Niemand bleibt da. Auch Petrus ist weg. Auch Johannes. Jesus ist jetzt ganz allein. Verraten von einem der Jünger. Ungerecht behandelt vom Hohen Rat. Und jetzt auch noch allein gelassen. Niemand ist mehr da, der diese Last, diese Bürde mit ihm tragen kann, der ihn beisteht, der ihn ermutigt, der sich solidarisiert. Soll er für diese feigen Menschen wirklich ans Kreuz gehen? 

Mk. 14,51.52 Und ein gewisser junger Mann folgte ihm, der ein Leinengewand auf dem bloßen Leib trug; und die jungen Männer ergriffen ihn, er aber ließ das Leinengewand zurück, und entblößt floh er von ihnen. (SLT) 

Das ist jetzt eigentlich eine kleine Anekdote zum Schluss. Dieser Vers steht nur bei Markus.

Jesus wird abgeführt und ein junger Mann im Nachthemd folgte ihnen. Er gehörte nicht zu den Jüngern. War wohl noch zu jung. Aber er glaubte an Jesus. Ihm ist das Geschehen nicht verborgen geblieben. Wenn da so eine Kohorte oder zumindest ein Teil davon am Schlafzimmerfenster vorbeizieht, das kriegt man dann schon mit. Und er wollte sehen was da los ist. Und dann merken die Soldaten: „Eh, da ist ja doch nicht einer übrig, den schnappen wir uns.“ Greifen nach seinem Hemd und er hat jetzt nur die Wahl: Bekleidet gefangen genommen zu werden oder nackt davon laufen. Er hat sich für die zweite Vari- ante entschieden. Für die peinlichere. Entblößt, voller Scham muss er nach Hause fliehen. 

Man nimmt übrigens an, dass es sich bei diesem jungen Mann um Markus selbst handelt. Es war damals nicht üblich, dass die Autoren sich selbst genannt hatten. So wie auch Johannes, sich als, den Jüngern den Jesus liebte, bezeichnet hat.

Scham ist in der Bibel ja oft auch ein Bild für die Sünde. So wie Markus jetzt voller Scham fliehen muss, muss wenig später die Sünde vor Jesus fliehen, wenn er sein Werk am Kreuz „vollbracht“ hat. 

AMEN.

Fragen zum Austausch: 

Wo kann das Verhalten Jesu in dieser Situation für uns Vorbild sein? Kann es überhaupt Vorbild sein oder ist diese Situation zu speziell?

Sonntag, 29. Januar 2023

Predigt von Norbert Wohlrab (29.01.2023)

Jahreslosung 2023 „Du bist ein Gott, der mich sieht“ (1. Mose 16,13)

Ein kleiner Junge einer katholischen Schule geht mittags in die Kantine zum Mittagessen. Am Beginn der Essensausgabe sieht er eine große Schüssel mit Äpfel stehen, daneben ein Schild: "Nimm dir einen Apfel, Gott sieht dir zu."
Als er dann am anderen Ende der Essensausgabe eine Schüssel mit Keksen sieht, schreibt er auf ein Schild: "Nimm dir soviele Kekse wie du willst, Gott beobachtet die Äpfel.“


„Du bist ein Gott, der mich sieht“. So lautet die Jahreslosung für dieses Jahr. Heute geht es also ums Sehen. Darum dass Gott - uns - sieht.

Dieser Vers aus dem ersten Buch Mose ist etwas ganz Besonderes - in vielerlei Hinsicht. Es ist nämlich das erste Mal, dass ein Vers für die Jahreslosung ausgewählt worden ist, der von einer Frau gesprochen wurde. Es handelt sich ja um den Ausspruch Hagars.
Zu den weiteren Besonderheiten komme ich später. Denn zuerst wollen wir uns den Vers mal - wie üblich - in seinem Kontext anschauen. Dazu lesen wir das Kapitel 16 einmal Vers für Vers. Ich habe dazu die Übersetzung aus „Neues Leben. Die Bibel“ (NLB)  ausgewählt.

V. 1 Doch Sarai, die Frau Abrams, bekam keine Kinder. Sarai hatte jedoch eine ägyptische Sklavin namens Hagar.

Im Kapitel vorher können wir lesen, wie Gott Abraham einen leiblichen Sohn und zahlreiche Nachkommen, so viele wie Sterne am Himmel verheißt. Nur wird da seine Frau Sarai noch nicht explizit erwähnt. Es ist jedoch der logische Schluss, dass diese Verheißung sie mit einschließt, da er eben mit ihr verheiratet war. Aber bisher ist noch nichts passiert. Sie wurde nicht schwanger.

Aber Sarai hat eine Magd. Oder sogar Sklavin. Aus Ägypten. Ihr Name ist Hagar. Hagar bedeutet im hebräischen „fremd bzw. die Fremde“. Es ist also anzunehmen, dass dies nicht ihr eigentlicher Name war, sondern sie nur so tituliert wurde. Vielleicht lautete ihr ägyptischer Name ähnlich und wurde umgewandelt. Vielleicht hat sich aber auch nie jemand für ihren Namen interessiert. Vielleicht war er schlichtweg egal. Sie war eine Fremde, eine Sklavin aus Ägypten. Vielleicht ein Geschenk des Pharaos aus ihrem letzten Aufenthalt in Ägypten (Kap. 12).

Nun hat Sarai eine Idee.

V. 2 Da sagte Sarai zu Abram: »Der HERR hat mir keine Kinder geschenkt. Schlaf du mit meiner Sklavin. Vielleicht kann ich durch sie Kinder haben.« Abram war einverstanden.

Dass was Sarai hier vorschlägt ist ein damals absolut rechtskonformes Verhalten. Eine orientalische Form der Leihmutterschaft. Die Sklavin war Eigentum von Sarai. Sie konnte sie also Abram geben. Und wenn Hagar dann ihr Kind in den Schoß von Sarai hinein gebiert, gilt es als Sarais leibliches Kind.
Und Abram willigt ein. Kurz vorher hieß es noch, dass er an Gottes Verheißung glaubt und Gott hat mit ihm sogar extra einen Bund gemacht, mit Feuer und Opfertieren (Kap. 15) und jetzt willigt er so einfach in diesen Handel ein?

Es ist zum einen schon irgendwie ein Ausdruck von mangelnden Glauben und auch von mangelnder Willensstärke, zum anderen denkt Abram vielleicht aber auch, dass Gott möglicherweise auf diesem Weg wirken möchte, denn es gab ja noch keine spezifische Verheißung für Sarai. Die kommt erst im nächsten Kapitel. Und außerdem war Gott ja für Abram noch ein recht unbekannter Gott.

Außerdem sagt man ja, ein kluger Mann hört auf die Ratschläge seiner Frau. Vielleicht ist Hagar auch jung und schön und Abram denkt sich: „Okay, wenn Sarai das unbedingt will, mir soll es recht sein.“
Wie auch immer. Es war auf jeden Fall ein ähnliches Prozedere wie im Garten Eden. Dort war es Eva, jetzt ist es Sarai die ihren Mann fehlleitet. Dort war es Adam und hier ist es Abram, der nicht dagegenhält.

V. 3 Sarai gab ihrem Mann ihre ägyptische Sklavin Hagar als Nebenfrau. Sie lebten damals schon zehn Jahre im Land Kanaan.

Abram heiratet jetzt ganz offiziell Hagar. Sie ist also nicht nur eine Konkubine, sondern seine offizielle Nebenfrau.

V. 4 Abram schlief mit Hagar und sie wurde schwanger. Als Hagar bemerkte, dass sie schwanger war, verachtete sie ihre Herrin Sarai.

Der Plan geht auf: Hagar wird schwanger, aber damit gehen die Probleme erst so richtig los in dieser etwas komplizierten Familienkonstruktion. In dieser 3er-Konstellation. Hier wäre wohl mal dringend eine Familienaufstellung nötig gewesen. „Drei sind einer zuviel“, es gab da mal eine Fernsehserie in den 70er-Jahren.

Hagar ist nun Abrams Frau und gleichzeitig Sarais Sklavin. Sarai ist also weiter ihre Herrin, aber sie darf jetzt nicht mehr mit ihr schalten und walten wie sie will, denn sie ist ja gleichzeitig Abrams Frau. Eine komplizierte Situation. Wer ist jetzt der Chef?

Und Hagar ist jetzt von Abram schwanger, vom Sippenoberhaupt und trägt jetzt sein Kind, vielleicht sogar den Sohn der Verheißung in sich. Immer wenn sie ihren Bauch stolz durch das Lager trägt, bedeutet das: „Seht her! Ich bin schwanger von Abram!“ Und jetzt blickt sie auf Sarai hinab, denn Sarai ist unfruchtbar. Und damit war sie damals die geringste, die verfluchte, die am meisten verachtete aller Frauen. Hagar überhebt sich jetzt.

V. 5 Da machte Sarai Abram einen Vorwurf: »Das ist alles deine Schuld! Jetzt, wo meine Sklavin schwanger ist, werde ich von ihr verachtet. Dabei habe ich sie dir doch zur Frau gegeben. Der HERR soll Richter sein zwischen dir und mir!«

So ganz logisch ist jetzt ihre Reaktion für mich nicht. Denn es war ja alles Sarais Idee. Aber sie beschwert sich bei Abram mit Recht über Hagars Verhalten. Hagar trägt offiziell ja nur Sarais Kind aus. Sie ist ihr Eigentum. Das Kind ist Sarais Kind. Sie hat keinerlei Recht sich über sie zu erheben oder sich gar jetzt als die wahre Ehefrau Abrams zu verstehen.

Ich denke Sarai hält ihm vor allem vor, dass er nicht genügend auf Hagar eingewirkt hat und sie zu respektvollem und demütigen Umgang mit ihrer Herrin aufgefordert hatte. Und das kann schon gut sein, denn man kann schon den Eindruck gewinnen, dass er sich gern raushält aus so zwischenmenschlichen Konflikten.

V. 6 Abram entgegnete ihr: »Sie ist deine Sklavin. Mach mit ihr, was du für angebracht hältst.« Doch als Sarai hart mit ihr umsprang, lief Hagar fort.
 

Hier hat man wieder den Eindruck Abram zieht sich aus der Verantwortung. Er will sich nicht einmischen. Denkt sich vielleicht auch: „Boah! Zickenterror! Sollen die doch machen was sie wollen.“ Auf jeden Fall wird hier jetzt irgendwie das ursprüngliche Rangverhältnis wieder hergestellt. Jetzt gilt wieder zuerst Hagars Stand als Sklavin.

Interessant ist, dass im Kodex Hammurabi, einer Gesetzessammlung aus dem 2. Jahrtausend vor Christus, ein ähnlicher Fall erwähnt wird. Dort steht nämlich:

„Gab sie ihren Eheherrn eine Sklavin, welche dann Kinder gebar; und beanspruchte dann diese Sklavin gleiches Recht wie ihre Herrin, weil sie Kinder geboren hatte, so durfte ihre Herrin sie nicht verkaufen; sie sollte sie zu den Sklaven rechnen.“

Und jetzt wo Sarai wieder das vollumfängliche Sagen hat, springt sie hart mit ihr um und Hagar läuft davon.

V. 7 Der Engel des HERRN fand Hagar in der Wüste neben der Quelle am Weg nach Schur.

Hagar flieht auf der Hauptstraße in Richtung Ägypten. Der Weg nach Schur ist eine bekannte Verbindung und wird öfters in der Bibel erwähnt. Dort lässt sie sich an einer Quelle nieder. Dort findet sie der Engel des Herrn, der hier das erste Mal in Erscheinung tritt. Und wenn im AT der „Engel des Herrn“ erwähnt wird, sind die meisten Ausleger der Meinung, dass damit der noch-nicht-Mensch-gewordene Messias in Erscheinung tritt. Jesus, als zweite Person der Dreieinigkeit, vor der Fleischwerdung.

V. 8 Er sprach zu ihr: »Hagar, Sklavin von Sarai, woher kommst du und wohin gehst du?« »Ich bin auf der Flucht vor meiner Herrin Sarai«, antwortete sie.

Gott weiß natürlich wo Hagar herkommt. Aber er fragt sie dennoch - irgendwie mitfühlend, fast seelsorgerlich. „Hagar. Wo kommst Du her? Wo willst Du hin?“ Er kennt sogar ihren Namen.
Und Hagar beantwortet nur eine der Fragen. Sie weiß, wo sie herkommt, aber weiß sie auch wo sie hin will? Schwanger, allein, ohne Mittel. Und was wäre, wenn sie es wirklich nach Ägypten schaffen würde? Sie wurde ja verkauft oder verschenkt? Wo soll sie denn hin? Würde es ihr dort besser gehen? Auf diese Frage hat sie vermutlich keine Antwort. Sie ist übrigens hier die erste Frau nach Eva in der Bibel, die mit Gott spricht. Und auch noch eine Ägypterin.

V. 9 Da sprach der Engel des HERRN: »Kehr zu deiner Herrin zurück und ordne dich ihr unter.

Das ist jetzt vielleicht erstmal nicht das, was sie hören möchte. Sie soll zurück zu Sarai, die sie so fertig gemacht hat? Fliehen und irgendwo neu beginnen wäre doch die deutlich schönere Lösung.
Das ist ja auch genau das, was viele oft probieren, wenn beispielsweise die Ehe schwierig wird: davon laufen und mit jmd. anderes neu starten. Wir erleben es gerade wieder im Freundeskreis. Oder bei Schwierigkeiten am Arbeitsplatz. Man kann es nicht ganz vergleichen, aber ein bisschen ähnlich ist es schon.

Aber Gott sagt hier: Geh zurück und beuge dich, demütige dich, ertrage ihre Härte. Nimm dein Kreuz auf Dich! Aber dann kommt doch noch etwas Positives:

V. 10 Ich werde dir mehr Nachkommen geben, als du zählen kannst.
V. 11 Du wirst einen Sohn bekommen. Nenne ihn Ismael, denn der HERR hat deine Hilferufe gehört.
V. 12 Dein Sohn wird ungezähmt sein wie ein wilder Esel! Er wird sich gegen alle stellen und alle werden gegen ihn sein. Ja, er wird mit allen seinen Brüdern im Streit leben.«


Jetzt bekommt auch Hagar eine Verheißung. Die Frau, die eigentlich überhaupt keine Rolle spielen sollte in der Geschichte. Diese Frau bekommt eine Verheißung für ihren Sohn, den es überhaupt nicht geben sollte.
Genau wie Abram bekommt sie eine Verheißung bezüglich einer unzählbaren Nachkommenschaft. Sie wird einen Sohn bekommen. Gott hat auch schon seinen Namen ausgewählt: Ismael, das heißt „Gott hört“, weil Gott ihre Hilferufe gehört hat, von denen steht gar nichts in der Bibel, aber es hat sie wohl gegeben.
Sie ist eine der wenigen Frauen in der Bibel, die den Namen ihres Sohnes von Gott ausgesucht bekommen (Elisabeth, Maria….).

Und dieser Sohn, dieses Volk das aus ihm hervorgeht, wird ganz anders sein als es ihr jetzt ergeht. Sie ist die Unfreie, die Sklavin. Aber Ismael wird frei und wild sein, wie die Wildesel in der Steppe. Er wird stark sein und sich niemanden unterordnen. Man vermutet, dass die arabischen Nomaden die Nachfahren der Ismaeliter sind.
Das was für uns vielleicht erstmal gar nicht so toll klingt (wilder Esel?), muss in Hagars Ohren ganz anders geklungen haben: mein Sohn der Freie, der Kämpfer, der Streiter, der Wilde.

V. 13 Da nannte Hagar den HERRN, der zu ihr gesprochen hatte, El-Roï („Gott des Sehens“). Denn sie sagte: »Ich habe den gesehen, der mich sieht!«

Oder in anderen Übersetzungen:

„Du bist ein Gott, der mich sieht“ (LU17)
„Du bist El-Roï - Gott schaut auf mich“ (EÜ)

Jetzt sind wir also endlich bei der Jahreslosung.

  • Der erste von einer Frau gesprochene Vers in einer Jahreslosung.
  • Die erste Frau, die außerhalb des Paradieses mit Gott spricht.
  • Der erste Mensch in der Bibel, der eine Begegnung mit dem Engel des Herrn hat.
  • Die erste Frau, der eine göttliche Verheißung für ihr Kind zugesprochen wird.
  • Und die erste Theologin. Denn was Hagar hier formuliert ist Theologie! Sie beschreibt Gott aus ihrer eigenen Erfahrung. „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Gott ist ein sehender Gott. Sicher, es ist nur Erfahrungstheologie, aber eine wahre Beschreibung Gottes.


Gott hat mich wahrgenommen. Er hat mich angesprochen. Er interessiert sich für mich. Er hat mein Schreien gehört. Gott sieht mich von Angesicht zu Angesicht. Das ist mehr als alle Likes auf instagram.

Sie beschreibt Gott so, wie sie ihn gerade erlebt hat. Und das ist etwas, das können wir auch:

  • Du bist der Gott, der mich von meiner Drogensucht befreit hat!
  • Du bist der Gott, der mich geheilt hat!
  • Du bist der Gott, der meine Wege geführt hat!
  • Du bist der Gott, der mir eine Familie geschenkt hat!
  • So wie wir ihn eben - jeder persönlich -  in unserem Leben erfahren und erlebt haben.


Zurück zu Hagar. Trotz der Begegnung mit Gott und der Verheißung wird nicht einfach alles gut. Hagar wird gesehen, wertgeschätzt, geliebt und muss trotzdem zurück in die schwierigen Lebensumstände. Muss sie ertragen. Aber sie macht es. Ob sie von dieser Begegnung erzählt hat? Auf jeden Fall lesen wir später, dass Abram den Sohn Ismael nennt (V. 15), also muss irgendein Austausch stattgefunden haben.
Ich kann mir gut vorstellen, dass sie Abram von dieser Begegnung erzählt hat und Abram ihr geglaubt hat. Er hatte ja selbst schon seine übernatürlichen Begegnungen mit Gott gehabt.

Es erinnert mich ein bisschen an den Psalm 23. Dort heißt es ja im Vers 1: „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ und dann im Vers 4 „auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens“ (ELB).

Auch hier bewahrt der Segen, der Zuspruch,  die Versorgung, die Gegenwart Gottes nicht vor dem Gang durchs finstere Tal, durchs Tal der Todesschatten. Und David wusste wovon er schrieb.

Oder wie wir es letzte Woche im Hausgottesdienst gelesen haben:

„Seid um nichts besorgt, sondern in allem sollen durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden; und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Jesus.“ (Phil. 4, 6.7 ELB)

Nicht die Lösung aller Probleme wird zugesagt, sondern Gottes Frieden! Hagar hat zu Gott geschrien und gefleht und er stärkt sie durch diese Begegnung, gibt ihr Frieden, aber ändert nicht die Umstände.

Ist das jetzt nur eine Einzelbegegnung, ein Einzelfall in der Bibel? Ja und Nein.

Ja, es ist wirklich eine ganz besondere Begegnung zwischen Gott und Hagar. Gott offenbart sich nicht immer so, er begegnet nicht immer den Menschen auf diese persönliche Art und Weise. Hier geschieht schon etwas ganz Besonderes, etwas sehr Berührendes wie ich finde. Und auch der Gottesname „El Roi“ wird nur an dieser Stelle erwähnt.

Aber auch nein, denn wir lesen:

„ Der HERR schaut vom Himmel herab und sieht alle Menschen, von seinem Thron aus sieht er jeden einzelnen.“ (Ps. 33, 13.14 NLB)

Gott sieht alle Menschen. Gott sieht uns. Er kennt sogar die Anzahl unserer Haare (Mt. 10,30). Ich denke, das ist ein Bild dafür, dass er uns und unser Leben in allen Details kennt.
Und wenn wir uns bspw. das Leben Jesu anschauen, dann sehen wir da sehr viele Begegnungen von der Art und der Tiefe, wie die von der wir heute gehört haben. Denken wir bspw. an die Begegnung mit Zachäus. Jesus sieht den, den sonst keiner sehen will, den keiner wahrnimmt, den niemand zum Freund haben will und kehrt bei ihm ein.

Und so wie Hagar durch die Begegnung mit Gott umgekehrt ist, ist auch Zachäus umgekehrt und hat sein Leben geändert.

Nochmal zurück zu unserem Text in Mose 16. Da geht es weiter.

V. 14 Die Quelle erhielt später den Namen Beer-Lachai-Roï („Brunnen des Lebendigen, der mich sieht.“). Sie liegt zwischen Kadesch und Bered.

Der Brunnen wurde also später nach dieser Begegnung genannt. Und es wird der Brunnen sein, an dem Isaak sich viele Jahre später ansiedelt.

Ein neues Jahr hat begonnen. Ich würde mir für uns alle wünschen, dass wir viele Begegnungen mit Gott in diesem Jahr haben, wo wir ihn erleben, als der, der uns ansieht, der uns hört, der zu uns spricht, uns hilft oder uns auch zur Umkehr leitet.

Hagar hat zu Gott geschrieen. Vielleicht haben wir nicht alle Nöte, die uns schreien lassen. Aber wir können ihn alle suchen, seine Gegenwart suchen.

Noch einen Vers des Kapitels noch zum Abschluss. Damit auch alles rund ist.

V. 15 Hagar aber gebar Abram einen Sohn und Abram nannte ihn Ismael.

AMEN.

Mittwoch, 16. November 2022

Predigt von Norbert Wohlrab (13.11.2022)

Das Gleichnis vom Richter und der Witwe

Für die heutige Predigt greife ich wieder auf den offiziellen Predigttextes des Kirchenjahres zurück. Und zwar steht er diesmal in Lukas 18, 1-8: das Gleichnis vom Richter und der Witwe.

Es ist ein uns relativ bekanntes Gleichnis. Ein kurzes Gleichnis. Ein Gleichnis mit eigentlich klaren Aussagen und doch ein paar unklaren Elementen. Ein Gleichnis, dass manche Nuancen enthält, die man auf den ersten Blick überliest und ich muss zugeben, manches davon habe ist mir jetzt auch erst beim Vorbereiten dieser Predigt aufgefallen.

Lesen wir es erst einmal zusammen:

„1 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis dafür, dass sie allezeit beten und nicht ermatten sollten,
2 und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der Gott nicht fürchtete und vor keinem Menschen sich scheute.
3 Es war aber eine Witwe in jener Stadt; und sie kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegenüber meinem Widersacher!
4 Und eine Zeit lang wollte er nicht; danach aber sprach er bei sich selbst: Wenn ich auch Gott nicht fürchte und vor keinem Menschen mich scheue,
5 so will ich doch, weil diese Witwe mir Mühe macht, ihr Recht verschaffen, damit sie nicht am Ende kommt und handgreiflich wird.
6 Der Herr aber sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt!
7 Gott aber, sollte er das Recht seiner Auserwählten nicht ausführen, die Tag und Nacht zu ihm schreien, und sollte er es bei ihnen lange hinziehen?
8 Ich sage euch, dass er ihr Recht ohne Verzug ausführen wird. Doch wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde?“
(Lk. 18, 1 - 8 ELB)


Der Anfang ist ja schon einmal ganz klar. Die Zielsetzung dieses Gleichnisses ist es, die Jünger zum anhaltenden Beten zu ermutigen. Sie sollen - also wir sollen - „allezeit beten und darin nicht nachlassen“ (EÜ), „beständig…beten und nicht auf(zu)geben“ (NLB) oder „unablässig beten…ohne sich entmutigen zu lassen“ (NGÜ). So heißt es in den verschiedenen Bibelübersetzungen. Dieser Vers ist quasi wie eine Überschrift und gleichzeitig auch die Hauptaussage dieser Verse.

Dann lesen wir zunächst von einem Richter. Wie war das damals in Israel mit den Richtern? Im 5. Buch Mose 16, 18-20 lesen wir:

„Richter und Aufseher sollst du dir einsetzen in allen deinen Toren, die der HERR, dein Gott, dir nach deinen Stämmen gibt, damit sie das Volk richten mit gerechtem Gericht. Du sollst das Recht nicht beugen, du sollst die Person nicht ansehen und kein Bestechungsgeschenk nehmen. Denn das Bestechungsgeschenk macht die Augen der Weisen blind und verdreht die Sache der Gerechten. Der Gerechtigkeit ⟨und nur⟩ der Gerechtigkeit sollst du nachjagen, damit du lebst und das Land in Besitz nimmst, das der HERR, dein Gott, dir gibt. (ELB)“

Es waren also in allen Städten (Toren) Richter eingesetzt um Rechtsstreitigkeiten zu regeln und zwar sollten sie dies tun
  • ohne das Recht zu beugen,
  • ohne Ansehen der Person und
  • ohne Bestechungsgeschenke zu nehmen.
Sie sollten vielmehr der Gerechtigkeit nachjagen.

Anders jedoch unser Richter hier in dem Gleichnis. Ihm waren die Maßstäbe der Bibel egal, ihm war Gott egal und die Menschen waren ihm auch egal. Er fragte nicht nach Gott und nahm auf keinen Menschen Rücksicht. Ihm war es egal, was andere über ihn sagten. Er kümmerte sich nicht um Recht und Unrecht. Seine Empathie ging gegen Null. Er dachte nur an seine eigenen Interessen.

Das war wohl nicht der Normalzustand des Rechtswesens zur damaligen Zeit, sondern vermutlich eher eine Ausnahme. Aber Jesus bedient sich in diesem Gleichnis dieser Ausnahme.

Dann haben wir in dieser Stadt auch eine Witwe, der scheinbar Unrecht geschehen ist. Sie kommt zu dem Richter und will ihr Recht: „Verhilf mir in der Auseinandersetzung mit meinem Gegner zu meinem Recht!“ (V. 3 NGÜ)

Dazu müssen wir uns vor Augen halten, dass eine Witwe zu dieser Zeit eine schutz- und wehrlose Frau war, die keinen natürlichen Beschützer mehr hatte. Ohne Mann, ohne Haupt hatte sie niemanden mehr, der sie versorgte und sie verteidigte. V.a. wenn sie noch keine erwachsenen Söhne hatte.

Deshalb gebührt den Witwen und zwei anderen Gruppen, die ähnlich benachteiligt waren, nämlich den Waisen und den Fremdlingen, ganz besonders der Schutz Gottes.

„Den Fremden sollst du weder unterdrücken noch bedrängen, denn Fremde seid ihr im Land Ägypten gewesen. Keine Witwe oder Waise dürft ihr bedrücken. Falls du sie in irgendeiner Weise bedrückst, dann werde ich, wenn sie wirklich zu mir schreien ⟨muss⟩, ihr Geschrei gewiss erhören, und mein Zorn wird entbrennen, und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, sodass eure Frauen Witwen und eure Kinder Waisen werden.“ (5. Mose 22, 20 - 23 ELB)

Gott stellt sich hier als Rächer der Unterdrückten dar. „Wenn Du die Witwe bedrückst dann mach ich Deine Frau zur Witwe und Deine Kinder zu Waisen!“ Das ist schon mal eine starke Drohung.

Eine Witwe war also in einer prekären Lebenssituation und hatte nur wenige rechtliche Möglichkeiten, dem abzuhelfen. Es gab ein paar Schutzvorschriften:
  • wenn sie noch kinderlos war, hatte sie das Recht der Schwagerehe (5. Mose 25, 5-10) (so war sie wieder versorgt und die Schmach der Kinderlosigkeit konnte getilgt werden)
  • man durfte sie nicht übervorteilen und es gab eine Art Pfändungsfreigrenze (5. Mose 24,17) (man durfte ihr bspw. das Kleid nicht pfänden)
  • sie hatte bei bestimmten religiösen Festen Anspruch auf den Zehnten oder Teilnahme an den Mahlzeiten (5. Mose 14,28; 16, 11.14) (bspw. Beim Wochen- und beim Laubhüttenfest; Ereignisse in größeren Abständen, Zehnten alle drei Jahre) und
  • sie hatte das Recht der Nachlese bei der Ernte (5. Mose, 24, 19 - 22).

Als dies war im Gesetz geregelt. Aber ich denke mir, dass dies vermutlich trotzdem nicht besonders viel war.
Wie oft im Jahr wurde geerntet?
Wie oft im Jahr konnte sie sich am Tisch beim Laubhüttenfest oder Wochenfest satt essen?
Viele Witwen waren vermutlich auf weitere Almosen angewiesen. Deshalb haben sich auch die jungen christlichen Gemeinden ganz besonders der Witwen angenommen.

Aus so einer Situation heraus kommt jetzt unsere Witwe und ihr wurde Unrecht angetan. 

Vielleicht verweigerte ihr der Schwager die Ehe?
Vielleicht hinderte ein Bauer sie an der Nachlese?
Vielleicht wollte ein Gläubiger ihr ihre Kleidung pfänden?
Vielleicht wurde sie auch nur bei einem Handel übervorteilt?
Wir wissen es nicht. Es war ein Unrecht und nur der Richter kann ihr zu ihrem Recht verhelfen. Aber er tut nichts.

Aber unsere Witwe ist penetrant. Sie hat Ausdauer. Sie kommt immer und immer und immer wieder und irgendwann hat der Richter die Schnauze voll und hat Angst vor ihr geschlagen zu werden - sie war wohl besonders energisch im Auftreten - und gibt endlich nach und verhilft ihr zu ihrem Recht. Nicht weil er auf einmal der Gerechtigkeit nachjagt, sondern weil er einfach kein blaues Auge will.

Und dann sagt Jesus: Hört was der ungerechte Richter sagt! Schaut auf den ungerechten Richter! Der ungerechte Richter verschafft Recht!

Aber Jesus sagt jetzt nicht: so ist Gott! Niemals hat dieses Gleichnis die Intention Gott mit einem ungerechten Richter zu vergleichen, der genötigt werden muss um Recht zu sprechen. Der Richter ist vielmehr das Gegenteil von Gott, die Antipode sozusagen. Schaut auf den Richter, denn so ist Gott eben nicht. „Gott aber“ sagt Jesus, „wie viel mehr wird Gott“ im Gegensatz zu diesem Richter….

Was eigentlich? Was wird Gott? Geht es um Gebetserhörungen? Da erleben wir manchmal etwas anderes. Und jetzt muss man dieses Gleichnis genau lesen.

„Ich sage euch, dass er ihr Recht ohne Verzug ausführen wird. “ (V. 8 ELB)

Es heißt „ihr Recht“! Es geht hier wieder ums Recht! Die Witwe hat ihr Recht gefordert. Was ist denn unser Recht? Haben wir ein Recht auf die Erhörung all unserer Gebete, die Erfüllung all unserer Wünsche, ein schönes Leben in Kraft und Gesundheit, die Verwirklichung unseres Glückes? (Das gilt nur für Amerikaner.) Um all das dürfen wir beten, aber in diesem Gleichnis geht es um unser Recht. Die Zusage der schnellen Umsetzung bezieht sich auf unser Recht! Was ist denn unser Recht?

„Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“ (Röm. 5,1 ELB)

und weiter

„die er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.“ (Röm. 8,30 ELB)

Das ist unser Recht: unsere Erlösung! Durch das vollkommen Opfer Jesu haben wir jetzt ein Recht auf unser Heil! Die Gnade Gottes wurde am Kreuz zu einem mit Blut geschriebenen Bund, der unauflösbar ist. Das ist unser Recht!

„Rechtmäßig um Jesu willen - steht uns die Gnade Gottes zu und der Trost, der mit dieser Gnade verbunden ist.
Rechtmäßig um Jesu willen - steht uns Gottes Vergebung zu und der Frieden, der mit dieser Vergebung verbunden ist.
Rechtmäßig um Jesu willen - steht uns das ewige Leben zu und die Hoffnung, die damit verbunden ist.“ (Pfr. Rainer Trischmann)


Es geht also um unser Recht auf Herrlichkeit, auf Ewigkeit, auf Erlösung, auf Heil durch das Wirken Jesu.

Aber es wird noch konkreter. Es gibt nämlich noch einen ganz bestimmten Vorgang auf den hier Bezug genommen wird. Bei genauer Analyse dieses Textes entfremdet er sich mehr und mehr von dem, was man darin oberflächlich betrachtet vermutet. Es geht hier nämlich um das Geschehen bei der Wiederkunft Christi:

„Doch wenn der Menschensohn wiederkommt“ (V. 8 NLB)

heißt es am Ende dieses Abschnitts. Das allein ist noch nicht so aussagekräftig, aber wenn wir uns den Kontext anschauen, stellen wir fest, dass Jesus direkt davor den Jüngern das Geschehen bei der Wiederkunft schildert. Er erklärt ihnen auf was sie vorbereitet sein müssen. Und er spricht davon, dass dieses Geschehen blitzartig sein wird.

„Denn wie der Blitz aufleuchtet und den Himmel von einem Ende zum anderen erhellt, so wird es an dem Tag sein, an dem der Menschensohn kommt“ (Lk. 24,17 NGÜ)

Dieses Gleichnis ist also thematisch eingebettet in Reden über die Wiederkunft Christi.

Und wenn man das jetzt weiß, dass es

  • um das Recht auf Heil und Erlösung und
  • um die Wiederkunft Christi geht,

dann bekommen die Verse 7 und 8 eine etwas andere Richtung.

„Gott aber, wird er nicht seinen Auserwählten Recht schaffen, die Tag und Nacht zu ihm rufen, wenn er auch lange zuwartet mit ihnen? Ich sage euch: Er wird ihnen schnell Recht schaffen!“ (V.7.8a SLT)

Gott wartet bis er das Recht der Auserwählten offenbar werden lässt. Er wartet immer noch. Schon 2000 Jahre. Aber wenn dieser Tag anbricht, dann wird es schnell gehen, unverzüglich, in Eile, wie der Blitz.
Diese Aussage über das sehr schnelle Handeln und Recht schaffen bezieht sich nicht auf die Gesamtdauer (2000), sondern auf den Vorgang des Handelns am Tag des Herrn (Blitz).
Und dann kommt die Abschlussfrage dieses Abschnitts:

„Doch wenn der Sohn des Menschen kommt, wird er auch den Glauben finden auf Erden?“ (V. 8b SLT)

Hier steht nicht einfach Glauben finden, sondern wird er „den Glauben finden“ oder „solch einen Glauben finden.“

Es geht um eine ganz besondere Art von Glauben. Hier müssen wir uns den Anfang und das Ende dieser Rede als Klammer vorstellen. Es geht um einen Glauben, der unermüdlich betet, beständig betet, ein Schreien zu Gott Tag und Nacht!

Und um was soll gebetet werden? Die Auserwählten haben auf die Wiederkunft Jesu gewartet, sie haben darauf gewartet erlöst zu werden von dem Bösen in dieser Welt, von der Verfolgung und Bedrückung, sie haben darauf gewartet in das Reich des Herrn versetzt zu werden. Das Gebet um das es hier geht, heißt kurz ausgedrückt „Dein Reich komme“.

Wird Jesus, wenn er wiederkommt diese Art von Glauben vorfinden in Deutschland, in Fürth, in der CGF, bei den Wohlrabs? Findet er hier Gläubige, die beten: „Herr, wann kommst Du? Wann kommst Du endlich? Lass Deine Herrschaft und Herrlichkeit sichtbar werden in dieser Welt. Herr, komme  bald!“

Ich glaube ehrlich gesagt, er wird nicht viele finden. Weil es uns einfach viel zu gut geht, weil wir in vielen Bereichen gesegnet sind, weil wir uns des Lebens und unserer Lieben freuen und ja auch danach streben das Reich Gottes in unserem Leben umzusetzen.

Wir halten keine Ausschau nach seiner Wiederkunft und beten nicht darum. Wir wünschen uns eines Tages alt und lebenssatt zu sterben und dann irgendwann in den Himmel oder die neue Erde kommen. Oder? Ist es nicht so?

Ist das falsch? Nun ich glaube nicht. Unser Leben ist ein Geschenk Gottes und das Ziel eines jeden Lebens ist es ja mit Gott zu leben, seine Werke zu tun, nach seinem Willen zu leben.

Wenn ich bete „Dein Reich komme“ denke ich daran, dass sich sein Reich mehr und mehr in mir und durch mich und um mich verwirklicht, dass ich dazu beitrage es Gestalt werden zu lassen. So spricht ja auch Jesus - gerade im Kapitel vorher - dass das Reich Gottes mitten unter uns ist (Lk. 17,21).

Ich will jetzt aber diese Spannung nicht auflösen und den Text seine Dramaturgie nehmen.

Trotzdem ist es wichtig, dass wir nicht nur das gegenwärtige Reich Gottes, sondern auch das kommende Reich Gottes im Blick haben, erstreben, erbeten, nicht nur den Christus in uns Gestalt werden lassen, sondern auch den wiederkommenden Christus erwarten. Ich denke, nur so können wir gleichzeitig „in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt“ leben. Es ist manchmal eine Korrektur nötig, wenn man im Sattel zu sehr auf einer Seite runter rutscht.

Ich komme zum Schluss. Zusammenfassend lehrt uns dieses Gleichnis drei Dinge:

  1. die allgemein gültige Aussage ist: anhaltend zu beten und nicht nachzulassen. Das ist immer richtig und gilt für alle Belange.
  2. speziell für das kommende Reich Gottes zu beten, das Ewige nicht aus dem Fokus zu verlieren oder wieder in den Fokus zu bekommen (Advent ist hier vielleicht eine thematische Hilfe) und
  3. hat es auch eine sozialkritische Dimension. Vielleicht hat Jesus bewusst eine Frau in prekären Verhältnissen ausgesucht. Wir können uns daher fragen: Wo sind Benachteiligte in unserer Gesellschaft oder praktischer in meinem privaten Lebensumfeld, für die ich eintreten kann?


AMEN.

Montag, 1. November 2021

Predigt von Norbert Wohlrab (30.09.2021)

Gleichnisse von den beiden Knechten und von dem anvertrauten Vermögen
 

Letzte Woche haben wir im gemeinsamen Gottesdienst mit der JG St. Paul eine Predigt über die Ölbergrede gehört. Eine wirklich hervorragende Predigt. Man kann sie sich über YouTube noch anschauen. Das Thema hat mich sehr interessiert, v.a. weil ich nur ein paar Tage vorher eine längere Abhandlung von Arnold Fruchtenbaum darüber gelesen habe.

In dieser Rede  beantwortet Jesus drei Fragen der Jünger. Sie fragen ihm

„»Sag uns doch: Wann wird das (gemeint ist die Zerstörung des Tempels) geschehen, und welches Zeichen wird deine Wiederkunft und das Ende der Welt ankündigen?«“ (Mt. 24, 3b NGÜ)

Jesus beschreibt ihnen dann was die Vorzeichen der Zerstörung des Tempels sein werden, was die Zeichen seiner Wiederkunft sein werden und was am Ende der Welt geschehen wird.

Bezüglich der bevorstehenden Zerstörung Jerusalems und des Tempels waren seine Aussagen noch sehr konkret und die daraus resultierende Handlungsaufforderung ebenfalls. Er sagt nämlich bspw.:

„Wenn ihr aber Jerusalem von Heerscharen umzingelt seht, dann erkennt, dass seine Verwüstung nahe gekommen ist!“ (Lk. 21,20 Rev. Elb.)

Und die daraus resultierende Handlungsanweisung:

„Dann sollen die in Judäa auf die Berge fliehen, und die, die in seiner Mitte sind, daraus fortgehen, und die, die auf dem Land sind, nicht dort hineingehen.“ (Lk. 21.21 Rev. Elb.)

Also kurz gesagt: Flieht!

Was übrigens genau das war, was die christliche Gemeinde getan hat. Ich hab mich bei dieser Stelle immer gefragt: Wie geht das denn? Kann man fliehen, wenn man bereits umzingelt ist? Dann ist es doch eigentlich schon zu spät. Aber das war genau das, was passiert ist.

Im Jahre 66 brach der erste jüdische Aufstand gegen die Römer aus. Der römische General Cestus Gallus umzingelte darauf Jerusalem. Die Umzingelung der Stadt war das von Jesus angekündigte Zeichen. Die christusgläubigen Juden wussten jetzt, dass Jerusalem bald zerstört werden würde. Aber wie fliehen, wenn man eingeschlossen war? Cestus Gallus merkte dann das seine Nachschublinien nicht gesichert waren und hob die Belagerung auf. Dadurch war die Flucht möglich und die jüdischen Christen verließen Jerusalem und gründeten in Pella in Jordanien eine neue Gemeinschaft.
Im Jahr 68 wurde dann Jerusalem durch Vespasian und Titus erneut belagert und im Jahre 70 wurde dann sowohl die Stadt als auch der Tempel zerstört. Über 1 Million Juden verloren dabei ihr Leben. Kein einziger christusgläubiger Jude ist dabei zu Tode gekommen - so die Überlieferung.

Aber bezüglich der Frage nach seiner Wiederkunft war Jesus weniger konkret, denn er sagt:

„Doch wann jener Tag und jene Stunde sein werden, weiß niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn; nur der Vater weiß es.“ (Mt. 24,36 NGÜ)

Jesus beschreibt zwar verschiedene Zeichen, die geschehen werden, aber den genauen Zeitpunkt beschreibt er nicht, denn

„Darum haltet auch ihr euch ständig bereit; denn der Menschensohn kommt zu einem Zeitpunkt, an dem ihr nicht damit rechnet.«“ (Mt. 24,44 NGÜ)

Den Höhepunkt seiner Ölbergrede bilden dann nicht die vagen Angaben bezüglich den Vorzeichen seiner Wiederkunft und dem Ende der Welt (also dem Gericht über die Völker), sondern verschiedene Gleichnisse, in denen eigentlich immer wieder die gleiche Botschaft drin steckt, nämlich:
Seid bereit! Seid wachsam!

Ich möchte heute morgen mit Euch zusammen zwei dieser Gleichnisse anschauen. Es sind diesmal eher ernste Texte, die uns mahnen sollen. Und zwar das Gleichnis von dem treuen und dem untreuen Verwalter und das Gleichnis von dem anvertrauten Vermögen. Beide aus der Ölbergrede.

„45»Wie verhält sich denn ein kluger und zuverlässiger Verwalter?«, fragte Jesus die Jünger. »Angenommen, sein Herr hat ihm die Verantwortung für die übrige Dienerschaft übertragen und ihn beauftragt, jedem rechtzeitig sein Essen auszuteilen.
46 Dieser Verwalter darf sich glücklich schätzen, wenn sein Herr dann zurückkehrt und ihn gewissenhaft bei der Arbeit findet!
47 Ich versichere euch: Einem so zuverlässigen Mann wird er die Verantwortung für seinen ganzen Besitz übertragen.
48 Wenn jener Verwalter aber unzuverlässig ist und im Stillen denkt: ›Ach was, es dauert bestimmt noch lange, bis mein Herr kommt‹,
49 und er fängt an, die anderen Diener zu prügeln, sich den Bauch vollzuschlagen und Trinkgelage zu veranstalten,
50 dann wird die Rückkehr seines Herrn ihn völlig überraschen. Denn sein Herr kommt, wenn er nicht damit rechnet.
51 Er wird den Verwalter hart bestrafen und ihm den Lohn geben, den die Heuchler verdienen. Er wird ihn hinausstoßen, dorthin, wo es nur noch Heulen und ohnmächtiges Jammern gibt.«“ (Mt. 24, 45 - 51 HfA)

Und das zweite Gleichnis:

 14»Es wird dann so sein wie bei einem Mann, der vorhatte, ins Ausland zu reisen. Er rief alle seine Verwalter zusammen und vertraute ihnen sein Vermögen an. Sie sollten während seiner Abwesenheit gut damit wirtschaften.
15 Dem einen gab er fünf Zentner Silberstücke, einem anderen zwei und dem dritten einen Zentner, jedem nach seinen Fähigkeiten. Danach reiste er ab.
16 Der Mann mit den fünf Zentnern Silberstücke machte sich sofort daran, mit dem Geld Geschäfte zu treiben, und konnte so die Summe verdoppeln.
17 Auch der die zwei Zentner bekommen hatte, verdiente zwei hinzu.
18 Der dritte aber vergrub den Zentner, den sein Herr ihm anvertraut hatte, an einem sicheren Ort.
19 Nach langer Zeit kehrte der Herr von seiner Reise zurück und forderte seine Diener auf, mit ihm abzurechnen.
20 Der Mann, der fünf Zentner Silberstücke erhalten hatte, trat vor und übergab ihm zehn Zentner. Er sagte: ›Herr, fünf Zentner hast du mir gegeben. Hier, ich habe fünf dazuverdient.‹
21 Da lobte ihn sein Herr: ›Gut so, du bist ein tüchtiger und zuverlässiger Verwalter. In kleinen Dingen bist du treu gewesen, darum werde ich dir Großes anvertrauen. Komm zu meinem Fest und freu dich mit mir!‹
22 Danach kam der Mann mit den zwei Zentnern. Er berichtete: ›Herr, ich habe den Betrag, den du mir gegeben hast, verdoppeln können.‹
23 Da lobte ihn der Herr: ›Gut gemacht, du bist ein tüchtiger und zuverlässiger Verwalter. In kleinen Dingen bist du treu gewesen, darum werde ich dir Großes anvertrauen. Komm zu meinem Fest und freu dich mit mir!‹
24 Schließlich kam der Diener, dem der Herr einen Zentner Silberstücke gegeben hatte, und erklärte: ›Ich kenne dich als strengen Herrn und dachte: Du erntest, was andere gesät haben; du nimmst dir, wofür du nichts getan hast.
25 Aus Angst habe ich dein Geld sicher aufbewahrt. Hier hast du es wieder zurück!‹
26 Zornig antwortete ihm darauf sein Herr: ›Was bist du nur für ein böser und fauler Verwalter! Wenn du schon der Meinung bist, dass ich ernte, was andere gesät haben, und mir nehme, wofür ich nichts getan habe,
27 hättest du mein Geld wenigstens bei einer Bank anlegen können! Dann hätte ich immerhin noch Zinsen dafür bekommen!
28 Nehmt ihm das Geld weg und gebt es dem, der die zehn Zentner hat!
29 Denn wer viel hat, der bekommt noch mehr dazu, ja, er wird mehr als genug haben! Wer aber nichts hat, dem wird selbst noch das Wenige, das er hat, genommen.
30 Und jetzt werft diesen Nichtsnutz hinaus in die tiefste Finsternis, wo es nur noch Heulen und ohnmächtiges Jammern gibt!‹«“ (Mt. 25, 14 - 30 HfA)


Zwei Gleichnisse mit sehr ähnlichen Situationen. Der Hausherr geht weg und beauftragt seine Diener mit verschiedenen Aufgaben.

Im ersten Gleichnis muss der Diener nur für die andere Dienerschaft sorgen, er muss schauen das sie ihr Essen, ihren Lohn bekommen. Der eine macht es zuverlässig und wird belohnt, der andere missbraucht seine Stellung und bedient sich eigenmächtig. „Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch.“

Von einem Knecht wird einfach erwartet, dass er treu die ihm zugewiesene Aufgabe erfüllt. Tut er dies, wird er belohnt werden. Tut er dies nicht, wird er bestraft werden.

Interessant finde ich hier die Überlegung des untreuen Knechts, die ihm zu diesen zügellosen Verhalten geführt hat. Er denkt sich: „Mein Herr kommt noch lange nicht. Mein Herr lässt auf sich warten.“ Genau das ist ja die Situation der Christenheit seit fast 2000 Jahren: Jesus lässt auf sich warten! Die Frage ist, wie gehen wir damit um? Sind wir treu oder unzuverlässig?

Während im ersten Gleichnis die Abgrenzung des richtigen Verhaltens gegenüber dem negativen Verhalten hervorgehoben wird, treu versus zügellos, liegt das Blickfeld im zweiten Gleichnis woanders. Hier stehen sich Aktivität und Passivität gegenüber.

Wieder verreist der Hausherr. Diesmal vertraut er den Verwaltern sein Vermögen an. Fünf, zwei und ein Zentner Silber. Eigentlich Talente. Die damals größte mögliche Währungseinheit. Ein Talent war bereits das x-fache eines Jahreseinkommen. Eine damals unvorstellbar große Summe.

Hier ist es wieder ähnlich wie im anderen Gleichnis. Die ersten beiden machen sich an die Arbeit, sind treu und vermehren das Vermögen und werden belohnt. Der dritte macht nichts, vergräbt es, angeblich aus Angst, aber eigentlich ist er einfach faul und treulos, ja er nimmt es sich heraus seinen Herrn sogar noch im schlechten Licht darzustellen und wird daher bestraft.

In beiden Gleichnissen geht es um das Treubleiben. Das Erfüllen seiner Aufgabe, seines Auftrags in Treue gegenüber seinem Herrn. In Erwartung seiner Rückkehr.

In zweiten Gleichnis geht es ums Geld, um Vermögen. Aber es ist ja nur ein Vergleich.
Das Silber, die Talente, sind ein Bild für all das, was Gott uns anvertraut hat. Ich denke es  geht nicht nur um unser Geld, es geht um unsere Zeit, um unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten, um unsere Stellung, unsere Geistesgaben und natürliche Gaben, unser Leben, unsere Liebe, um all unsere Möglichkeiten und unserem Glauben. Um diesen spezifischen Talente-Cocktail, den Gott einen jeden von uns mitgegeben hat. Und hier ist jeder anders beschenkt, jeder ist anders begabt, wie in diesem Gleichnis. Und jeder hat eine andere Verantwortung.

Man hat mich mal gefragt, wen ich so als Vorbilder habe. Ich hab glaub ich geantwortet Laurel & Hardy oder Donald Duck. Aber im Ernst, ich hab mir nie andere zum Vorbild genommen, weil ich immer dachte, ich kann niemanden nachstreben, der von Gott mit ganz anderen Gaben und Fähigkeiten beschenkt wurde, als ich es bin. Es nützt nichts. Ich muss aus meinem eigenen Gaben-Mix etwas machen. Und der kommt von Gott.

„Ist nicht alles, was du hast, ein Geschenk Gottes?“ (1. Kor. 4,7 NGÜ)

sagt Paulus.

Alles ist ein Geschenk Gottes. Gott erwartet von uns nichts Unmögliches. Er erwartet nicht, das ich Lobpreislieder komponiere, wenn ich keine Noten lesen kann und nicht, dass ich jeden Tag Menschen zum Glauben führe, wenn ich kein Evangelist bin. Er erwartet nicht, dass ich aus einem Zentner 10 mache. Er erwartet nur, dass ich das, was er mir mitgegeben hat, was er in mich hineingelegt hat, gewinnbringend für sein Reich einsetze und nicht im Garten vergrabe.

Ich möchte heute gar nicht mehr zu diesen beiden Texten sagen. Und ich möchte jetzt auch nichts sagen, was diese Texte relativiert, sondern einfach mal diese Mahnungen stehen lassen.

Sicher, man könnte diese Texte jetzt im Hinblick auf das Gesamt-NT ausbalancieren. Es gibt Kommentatoren, die sagen, damit ist Israel gemeint, andere sagen, damit werden Gläubige und Ungläubige gemeint.

Ich weiß nicht so recht. Dies sind Warnungen Jesu an seine Jünger. Er sagt ihnen, seinen Nachfolgern: Seid bereit! Seid wachsam!

Und er sagt ihnen:

„Bei der Wiederkunft des Menschensohnes wird es wie in den Tagen Noahs sein. Damals vor der großen Flut aßen und tranken die Menschen, sie heirateten und wurden verheiratet– bis zu dem Tag, an dem Noah in die Arche ging.“ (Mt. 24, 37.38 NGÜ)

Es ist heute eine eher ernste Predigt.

Vielleicht kann sich ja jeder einmal selbst fragen: Setzte ich meine Talente, meine Möglichkeiten für Gott, für sein Reich ein oder nutze ich sie nur für mich oder habe ich welche im Garten vergraben? 

Nehmen wir das doch einfach mal mit in unsere Gebetszeit und schauen, ob Gott uns etwas für uns persönlich aufs Herz legt.

AMEN.

Sonntag, 6. Juni 2021

Predigt von Norbert Wohlrab (09.05.2021)

Hosea 

 

Jesus sagte einmal:

„»Jeder Schriftgelehrte, der zu Gottes himmlischem Reich gehört und das, was er darüber gelernt hat, weitergibt, ist wie ein Hausherr, der aus seiner Vorratskammer Neues und Altes hervorholt.«“ (Mt. 13,52 HfA)

Ich bin jetzt zwar nur ein Hobby-Theologe, aber über das Reich Gottes hab ich mittlerweile schon das ein oder andere gelernt und deshalb versuche ich gerade mehr von dem zu verstehen, was Jesus hier mit „Altes“ gemeint haben könnte. Und eine Spur die ich gerade so verfolge, ist es die vielen versteckten Bedeutungen und Hinweise auf Jesus im AT zu entdecken.

Im Gespräch mit den Emmauus-Jüngern nach seiner Auferstehung sagt Jesus:

„»Nun ist in Erfüllung gegangen, wovon ich sprach, als ich noch bei euch war; ich sagte: ›Alles, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben ist, muss sich erfüllen.‹« Und er öffnete ihnen das Verständnis für die Schrift, sodass sie sie verstehen konnten“ (Lk. 24, 44.45 NGÜ)

Auch hier weist Jesus auf die versteckten Inhalte über ihn im AT hin. Und es wird hier deutlich: es bedarf der Unterweisung um sie verstehen zu können.

Eigentlich wollte ich heute über die Hinweise auf Jesus in den verschiedenen jüdischen Feste predigen. Aber ich hab dann festgestellt, das das ziemlich komplex ist. Ich bin da noch nicht durch. Das dauert noch etwas. Kommt vielleicht mal irgendwann.

Dann bin ich über eine Figur im AT gestolpert, deren Geschichte auch sehr viele Bezüge zu Jesus hat. Ich hab ja schon angedeutet, dass der Name mit H beginnt. Wer könnte es sein?

Ich möchte heute über Hosea sprechen. Kurz möchte ich noch erwähnen, wie ich über Hosea gestolpert bin. Und zwar war das letzten Sonntag, als ein Freund bei mir anrief, weil er gemahlene Haselnüsse gebraucht hat. Und als er kam um sie abzuholen, hat er voller Begeisterung von einem Film über Hosea erzählt, den er kürzlich gesehen hatte. Und so wurde ich dazu animiert mich mal wieder näher mit Hosea zu beschäftigen.

Zunächst mal ein bisschen was zur Person Hoseas und zum historischen Hintergrund.

Interessant ist schon mal der Name. Hosea ist eine Variante des Namens Josua und bedeutet „Heil“ oder „Errettung“. Hosea trägt also denselben Namen wie Jesus (Mt. 1,21).
Dies könnte natürlich Zufall sein, weil es gab sicherlich mehrere Männer mit dem Namen Hosea. Aber es gab nur einen Hosea, der von Gott zum Propheten berufen wurde.

„Dies ist das Wort des HERRN, das an Hosea, den Sohn Beeris, erging in den Tagen Ussijas, Jotams, Ahas’ und Hiskias, der Könige von Juda, und in den Tagen Jerobeams, des Sohnes von Joas, des Königs von Israel.“ (Hos. 1,1 Schlachter)

Wir wissen wenig über Hosea. Wir wissen den Namen des Vaters und Zeit und Ort seines Wirkens. Er wirkte im Nordreich - Israel war ja damals zweigeteilt in das Nord- und das Südreich, Israel und Juda. Und er wirkte etwa 40 Jahre im 8. Jahrhundert vor Christus. Er wurde während der Regierungszeit Jerobeams II. berufen und wirkte bis zum Zerfall des Nordreichs durch die Assyrer.

Unter Jerobeam II erlebte Israel eine letzte Blütezeit. Es war eine Zeit des Friedens und des Wohlstands.
Gleichzeitig aber gab es zwei große negative Entwicklungen: zum einen hat sich Israel mehr und mehr den Baalskult hingegeben. (Die Baale waren kanaanitische Fruchtbar-keitsgötter, denen Opfer - durch Sexualriten im Tempel oder teilweise auch Menschenopfer - gebracht wurden.) Und zum anderen kam es zu einen dramatischen Werteverfall:

„Hört das Wort des HERRN, ihr Israeliten! Der HERR hat einen Rechtsstreit mit den Bewohnern des Landes, denn es gibt keine Wahrhaftigkeit und keine Treue und keine Gotteserkenntnis im Land! Ihr flucht und lügt, mordet, stehlt und brecht die Ehe. Eine Bluttat reiht sich an die andere….Alkohol und Prostitution haben mein Volk um den Verstand gebracht. Die Menschen fragen ein Stück Holz, was sie tun sollen! Sie glauben, dass ein Stock ihnen die Zukunft vorhersagen könnte! Der Geist der Hurerei hält sie zum Narren. Sie huren herum und wenden sich von Gott ab. Überall auf den Bergen opfern sie irgendwelchen Götzen. Sie steigen in die Hügel hinauf, um dort, im kühlen Schatten von Eichen, Pappeln und anderen Bäumen ihre Rauchopfer zu verbrennen. Deshalb werden eure Töchter zu Prostituierten, deshalb brechen eure Schwiegertöchter die Ehe.“ (Hosea 4,1.2.11-13 NL)

Das war also die Situation Im Land. Und nun beruft Gott das letzte mal einen Propheten um Israel (also das Nordreich, teilweise auch Ephraim oder Samaria benannt) zu erreichen. Und er versucht es auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise. Er möchte nämlich das Hosea dem Volk durch sein Leben etwas vorlebt.

„Als der Herr zum ersten Mal zu Hosea sprach, sagte er ihm: »Geh und heirate eine Hure. Mit ihr sollst du Hurenkinder zeugen. Das ist ein Sinnbild dafür, dass das Land zur Prostituierten geworden ist: Es hat den Bund mit mir gebrochen und ist vom Herrn abgefallen.«“ (Hos. 1,2 NL)

Wow. Das ist ja jetzt mal eine krasse Ansage. Gott spricht zum ersten (!) Mal mit Hosea und die erste Ansage ist: Such Dir eine Prostituierte und heirate sie! „Wie krass ist das denn!?“

Stellen wir uns das doch mal vor. Da kommt Dein Sohn zu Dir und sagt:
„Papa, ich habe heute das erste mal Gottes Stimme gehört.“
„Wow, super. Und was hat er gesagt?“
„Ich soll zu einer Prostituierten gehen.“
„Äh, das kommt jetzt nicht von Gott, das kommt von unten, also unter der Gürtellinie….“
„Nein, nein, nicht wie Du denkst, ich soll sie heiraten.“
„Äh, das klingt jetzt auch noch nicht viel besser.“


So ähnlich könnte das Gespräch wohl abgelaufen sein, wenn Hoseas Vater Beeris noch gelebt hat.

Wir hatten ja auch alles unsere Pläne für den richtigen Ehepartner und wollten von Gott geführt werden. Aber doch nicht so. Das hätten wir uns nicht unter Gottes Führung vorgestellt.

Aber Hosea war wirklich ein Mann Gottes. Gott spricht und er tut es. Zack bumm, keine Widerrede.

„Da heiratete Hosea Gomer, die Tochter Diblajims. Sie wurde schwanger und schenkte Hosea einen Sohn.“ (Hos. 1,3 NL)

Hosea sucht sich eine Prostituierte und heiratet sie. Keine Ahnung wie das ablief, darüber steht nichts geschrieben. Er heiratet sie. Ihr Name ist Gomer. Und eigentlich könnte die Geschichte ja jetzt so weitergehen, Gomer wird erfolgreich resozialisiert und sie leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Aber nein. So. Läuft. Es. Nicht.

Kleine Nebenbemerkung. Der Name „Gomer“ bedeutet übrigens „vollendet“. Hosea und Gomer heißen also „Er rettet vollendet!“. Ich finde das total beeindruckend. Hier finden wir also wieder einen Hinweis auf Jesus. Gott rettet und es ist vollbracht.

Diese dramatische Geschichte mit unserer jungen Ehe geht noch weiter. Denn Gott nimmt auch Einfluss auf die Namensgebung.

„Und der Herr sprach zu ihm: »Nenn das Kind Jesreel, denn schon bald werde ich die Nachkommen Jehus bestrafen wegen der Blutschuld, die Jehu in Jesreel begangen hat. Dann werde ich auch dem Königtum des Hauses Israel ein Ende machen. An diesem Tag will ich im Tal von Jesreel die militärische Macht Israels brechen.«“ (Hos. 1, 4.5 NL)

Jesreel ist auch der Name einer Stadt und einer Ebene in Israel. Dort hat Jehu 42 Nach-fahren Davids erschlagen und damit Blutschuld auf sich geladen (2. Kön. 10, 12-14). Der Name sollte das Volk an diese Schuld erinnern. Und im Tal von Jesreel findet dann später auch die letzte Schlacht Israels gegen die Assyrer statt.

Aber dann geht es wieder.

„Zum zweiten Mal wurde Gomer schwanger. Dieses Mal schenkte sie einer Tochter das Leben. Der Herr sprach zu Hosea: »Nenn deine Tochter Lo-Ruhama. Denn ich will mich meines Volkes Israel nicht mehr erbarmen und will ihm seine Schuld nicht mehr vergeben.“ (Hos. 1,6 NL)

„Lo-Ruhama“ bedeutet „Nicht-Erbarmen“. „Keine Barmherzigkeit“. „No Mercy“. Eigentlich kein schöner Name für ein Mädchen.

„Nicht-Erbarmen, komm Hände waschen!“
„Nicht-Erbarmen, Essen ist fertig!“
„Nicht-Erbarmen, ärgere deinen Bruder nicht die ganze Zeit!“
„Nicht-Erbarmen, tu nicht in die Nase bohren.“


Jedes Mal wenn er sie gerufen hat und andere Menschen das gehört haben, sollte der Name eine Anklage sein.
Ob die Menschen das wohl kapiert haben? Aber es geht ja noch weiter.

„Nachdem Gomer ihre Tochter Lo-Ruhama entwöhnt hatte, wurde sie wieder schwanger und brachte einen Sohn zur Welt. Und der Herr sprach: »Nenn ihn Lo-Ammi . Denn ihr seid nicht mein Volk und ich will nicht mehr für euch da sein.«“ (Hos. 1, 8.9 NL)

Nichts haben sie kapiert. Weder die deftigen Namen, noch Hoseas deftige Predigten (die in den weiteren Kapiteln des Buches zu lesen sind) haben etwas bewirkt. Deshalb gibt er auf. „Lo-Ammi“ heißt „Nicht-mein-Volk“.

„Ihr seid nicht mehr mein Volk, macht doch was Ihr wollt mit Euren Baalen. Ihr werdet schon sehen wo das hinführt. Ich habe ja immer noch das kleine Juda. Die hören wenigstens ab und zu noch auf mich.“

Gott hat mit Israel einen Bund geschlossen am Berg Sinai. Sie sollten ihm gehorchen und sein Volk des Eigentums sein (2. Mo. 19,5), aber es hat diesen Bund immer und immer wieder gebrochen und irgendwann war Schluss.

Aber war wirklich Schluss? Und wie geht es mit unserer jungen Familie weiter? Ein Prophet, eine ehemalige Prostituierte und drei Kinder mit schrägen Namen. Wird das gutgehen?

Im zweiten Kapitel wird es etwas schwierig. Hier verwischen die Perspektiven. Hier wirft Gott Israel seine Hurerei vor und gleichzeitig auch Hosea seiner Frau Gomer.
Wenn ihre Ehe beispielhaft für die Beziehung zwischen Gott und Israel sein soll, dann musste das ja passieren. Gomer kehrt zu ihrem alten Lebensstil zurück.

„Jetzt aber sollt ihr eure Mutter zur Rechenschaft ziehen - denn sie ist nicht mehr meine Frau und ich bin nicht mehr ihr Mann. Sagt ihr, sie soll sich die Zeichen der Prostitution entfernen, die sie im Gesicht und an ihren Brüsten trägt….Ihre Mutter hat Ehebruch begangen. Die Frau, die sie zur Welt gebracht hat, hat Schande über sich gebracht. Sie sagte: `Ich halte mich zu meinen Liebhabern, denn diese geben mir Brot und Wasser, Wolle, Leinen, Öl und genug zu trinken.´“ (Hos. 2, 4.7)

Israel hurt mit den Baalsgöttern und Gomer mit ihren Liebhabern. Hosea ist bedient und Gott will auch nicht mehr. So scheint es zunächst. Aber das ist noch nicht das Ende der Geschichte. Noch nicht das Ende der Geschichte Gottes mit Israel und nicht das Ende von Hosea mit Gomer.

„Ich will dich für immer zu meiner Frau machen. Ich will dich rechtskräftig zu meiner Ehefrau machen und will dir meine unwandelbare Liebe und mein Erbarmen beweisen.
Ich werde dir für immer treu sein und du wirst lernen, mich vollkommen als deinen Herrn anzuerkennen.
An jenem Tag«, spricht der Herr, »will ich die Bitten erhören. Der Himmel wird Regen auf die Erde fallen lassen; der Regen wird die Erde vorbereiten, damit sie fruchtbar wird.
Dann können Korn, Trauben und Olivenbäume auf der Erde gedeihen. Und alle werden jubeln: `Jesreel´ - `Gott pflanzt!´
Dann will ich sie in ihrem Land aussäen, und sie soll fest gepflanzt sein. Ich werde die, die ich einst `Nicht-Geliebte´ nannte, lieben. Und zu denen, die ich `Nicht-Mein-Volk´ nannte, werde ich sagen `Ihr seid mein Volk´. Und sie werden antworten: `Und du bist unser Gott.´«“ (Hos. 2, 21-25 NL)

Es kommt zu einer völlig unerwarteten Wendung. Das Volk Israel ändert sich nicht, aber Gott sagt: Ich liebe dich trotzdem!

Und ausgedrückt wird das durch ein spektakuläres Verhalten Hoseas.

(Video-Clip)

„Dann sprach der Herr zu mir: »Geh und liebe nochmals eine Frau, auch wenn sie sich nebenbei von anderen Männern lieben lässt und ständig die Ehe bricht. Denn der Herr liebt die Kinder Israels noch immer, obwohl sie andere Götter verehren und Rosinenkuchen lieben.« So kaufte ich mir eine Frau für 15 Silberstücke und ein Homer Gerste und ein Letech Gerste.“ (Hos. 3, 1.2)

Hosea kauft seine Frau - die doch bereits seine Frau ist - für 15 Silberstücke und 1 1/2 Sack Gerste zurück. Kauft er sie den Zuhälter ab oder war sie bereits auf dem Sklavenmarkt gelandet. Wir wissen es nicht. Aber er zahlt das Lösegeld.

Dieses Zurückkaufen der eigenen Frau, der untreuen Frau ist ein Bild für das was Jesus mit uns getan hat. Auch er hat das Lösegeld bezahlt.

„Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“ (Mk. 10, 45 Rev. Elb.)

„Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Joh. 1,11 Rev. Elb.)

Jesus hat mit seinem Leben das bezahlt, was ihm eigentlich ohnehin schon gehört hat. Er hat sein Eigentum frei gekauft.

Dem Volk Israel verheißt Hosea eine gemeinsame Zukunft mit Juda in Freiheit. (Hos. 2, 1-3). Dies beginnt Wirklichkeit zu werden, durch die Neubesiedelung durch Serubbabel nach dem babylonischen Exil. Aber manche dieser Verheißungen (Hos. 3,5) wird erst vollständig umgesetzt, wenn Jesus sein Reich aufbaut.

Was soll uns diese Geschichte - neben der ursprünglichen Bedeutung für Israel - sagen?
Ich denke es sind v.a. drei Dinge:

Paulus schreibt im Römerbrief:

„So hat er auch uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. Wie er denn auch durch Hosea spricht (Hosea 2,25; 2,1): »Ich will das mein Volk nennen, das nicht mein Volk war, und meine Geliebte, die nicht meine Geliebte war.« »Und es soll geschehen: An dem Ort, da zu ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden.«“ (Röm. 9, 24 - 26)
 

Die gleiche Liebeszusage Gottes, bezieht Paulus hier auf uns Christen. Auch wir sind sein Volk. Auch wir sind berufen. Er hat die gleiche unendliche große Liebe für uns, die hier durch Hosea dargelegt wird.

Und zweitens: Sind wir nicht alle etwas Gomer bzw. Etwas Israel? Ich hab letzte Woche im Tatort ein neues Wort kennengelernt: polyamor. Kommt von Polyamorie, bedeutet das man Liebesbeziehungen zu mehreren Partnern hat und alle akzeptieren das. Im Tatort hat man dann auch gleich gemerkt, dass das doch nicht alle akzeptieren.

Das Volk Israel hat auch gedacht dass das geht: ein bisschen Jahwe und ein paar Baals. Wie in dem Lied „Mambo No 5“: a little bit of Jessica on my sight, a little bit of Monica usw. Aber es geht halt doch nicht.

Wir beten keine Naturgötter an, aber ich denke auch wir sollten uns immer wieder überprüfen, was in unserem Leben schon einen Gottähnlichen Status erreicht hat.

Aber das Dritte was uns diese Geschichte zeigen kann, ist einfach folgendes: wir haben noch soviel von der Liebe Gottes zu erkennen. So wie Hosea hier die bedingungslose Liebe demonstriert, muss ich schon sagen, es gibt noch so viel mehr von der Liebe Gottes zu erkennen.

„Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt…“ (Joh. 3,16a Schlachter)

So sehr! Gott rettet vollendet.

AMEN.

Mittwoch, 1. Juli 2020

Predigt von Norbert Wohlrab (26.06.2020)

Die Liebe in Zeiten von Corona

„Wo ist Gott in der Corona-Pandemie?“ Diese Frage wurde mir vor einigen Wochen gestellt. „Wo ist Gott?“

Ich habe auf diese Frage damals mit Sicherheit keine befriedigende Antwort geben können. Aber sie hat mir gezeigt, dass es doch ganz unterschiedliche Modelle gibt, wie wir als Christen uns die Welt erklären.

Da gibt es die einen, die hinter allem was in der Welt geschieht ein steuerndes Handeln Gottes sehen, ein richtendes, segnendes oder führendes Handeln.
Und es gibt die anderen, die eher die Auffassung haben, dass Gott Rahmenbedingungen festgelegt hat, Parameter innerhalb derer das Zeitgeschehen seinen Gang geht.
Und dann gibt es natürlich noch viele Zwischenstufen, die z.B. in einem gewissem Umfang an ein Eingreifen Gottes in globale, nationale oder auch regionale Gegebenheiten glauben. So wie Gott bspw. im AT immer wieder in die Geschichte mit seinem Volk Israel punktuell eingegriffen hat.

Wo ist Gott - in einer solchen Katastrophe, in einer Pandemie (und wir müssen uns vergegenwärtigen, das wir es
wirklich mit einer Pandemie mit einem global stetig wachsenden Infektionsgeschehen mit täglichen neuen Rekorden bei den Neuinfektionen zu tun haben und somit wirklich erst am Anfang sind, auch wenn wir die Ausbreitung in Deutschland in den Griff bekommen haben)?

Es ist die uralte Theodizee-Frage - wie ein gerechter Gott Leid zulassen kann oder es zumindest nicht gerechter verteilen kann - die Theologen und Philosophen beschäftigt, seitdem es eben Theologie und Philosophie gibt.

Ich habe im Internet einen Artikel gefunden über eine vergangene Katastrophe:

Im Jahr 1755 wurde die portugiesische Hauptstadt Lissabon von einer der schrecklichsten Naturkatastrophen der Geschichte heimgesucht. Wahrscheinlich bedingt durch Bewegungen an der Bruchstelle zwischen eurasischer und afrikanischer Platte kam es zu einem gewaltigen Beben, in dessen Folge ein Tsunami und ein Großbrand fast die ganze Stadt zerstörte. 60.000, vielleicht sogar bis zu 100.000 Menschen sollen Opfer dieser Katastrophe geworden sein. Noch Jahrzehnte und Jahrhunderte später beschäftigte diese Naturkatastrophe die Menschen, nicht nur weil dabei so viele Einwohner starben und Kulturgüter ersten Ranges vernichtet wurden, sondern auch weil mit diesem Ereignis eine ganze Glaubensvorstellung zu Bruch ging. Das Beben ereignete sich nämlich am 1. November 1755, also dem Allerheiligentag, einem der höchsten Feiertage in der katholischen Kirche, den gerade auch viele fromme Portugiesen sehr in Ehren hielten. Das Unerklärliche war nun der Umstand, dass diejenigen, welche sich an die Kirchengebote hielten, die Gottesdienste besuchten und die Feiertagsruhe wahrten, Opfer des Unglücks wurden. Die aber, die offensichtlich gegen den Willen Gottes handelten, auf dem Feld arbeiteten oder ihr Vergnügen suchten, kamen zum Großteil unbeschadet davon. Während die Kathedralen und Kirchen in Schutt und Asche versanken, passierte dem Vergnügungsviertel von Lissabon fast nichts. Bis zum heutigen Tag arbeiten sich Theologen und Philosophen nach dem Erdbeben von Lissabon an der sog. Theodizee-Frage ab, also jener Frage, die zu den schwersten Angriffen auf Gottes Existenz führt, nämlich „Wie Gott solches Leid zulassen konnte.“ War bis dahin trotz mancher Zweifler es eine kaum bestrittene Überzeugung, dass Leid, Krankheit, Unglück, Katastrophen die Strafe Gottes für die Sünden eines einzelnen Menschen oder sogar der ganzen Menschheit war, so gerieten die Vertreter des christlichen Glaubens plötzlich in die Erklärungsnot, warum Gott die Sünder verschont und die Frommen ins Unglück geraten lässt. 100.000 Menschen, mehr oder weniger fromm und vorbildlich, wurden zu einer der lautesten Anklagen gegen die Vorstellung von einem gerechten Gott, der die Sünder straft und die Gerechten schützt.

(Quelle: https://www.pg-12-apostel.de/aktuelles/nachrichten/ist-corona-eine-strafe-gottes-predigt-4-fastensonntag)


Wo ist Gott? An die 100.000 Tote damals in Lissabon. Heute gibt es bisher aktuell rund 490.000 COVID-19-Tote weltweit.

Mit der Frage nach der Ursache von Leid musste sich auch Jesus schon auseinandersetzen.

„Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. (Joh. 9, 1 - 3 Luth)

Hinter dieser Frage steckt der Gedanke, dass der Gerechte belohnt und der Sünder bestraft wird. Jesus lehnt diesen Zusammenhang ab. Es gibt keine zwingende Verbindung von Sünde und Leid. Leid ist nicht automatisch eine Strafe.
Gewiss wir finden dies in der Bibel, v.a. im AT. Aber dies sind Spezialfälle der Geschichte Gottes mit seinem Volk oder einzelnen Vertretern, bspw. als Gott das Kind von David und Bathseba sterben lässt.

Wie absurd hier bei dem blinden Menschen die Frage ist, zeigt sich wenn man etwas darüber nachdenkt. Als Strafe für die Sünde der Eltern ließe sich kausal ja noch nachvollziehen, aber wie soll er denn gesündigt haben, wenn er blind geboren ist? Hat er etwa im Mutterleib bereits gesündigt? Oder hat Gott eine Sünde vorausschauend bestraft, bevor er sie überhaupt getan hat?

Auch bei einer anderen Gelegenheit lehnt Jesus den Zusammenhang von Schuld und Leid ab.

„Es waren aber zu der Zeit einige da, die berichteten Jesus von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte. Und er antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen. Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm von Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen seien als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen? (Lk. 13, 1 - 4 Luth)

Weder bei dem Unglück mit dem Einsturz des Turmes, noch bei dem Massaker an den Galiläern, existiert ein direkter Zusammenhang zwischen deren individueller Schuld und dem Leid, das ihnen widerfahren ist.

Es gibt ja so unfassbar viele Katastrophen und Krankheiten in der Menschheitsgeschichte - natürliche und von Menschen gemachte. Gott ließ und lässt sie zu. Aber straft er deshalb damit?

Was wäre das für ein Gott, der jetzt gerade vor allem Alte, Schwache und Arme sterben lässt? Das klingt schon eher nach Sozialdarwinismus oder nach einer Frühform von Kapitalismus als nach christlichen Gott.

Wo ist Gott? Bei unserer aktuellen Corona-Pandemie müssen wir uns vor Augen halten, dass es noch gar nicht so lange zurück liegt, als die Menschheit Viren und Bakterien schutzlos ausgeliefert war. Erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat die Menschheit angefangen hier erste Erfolge zu erzielen. Bevor Louis Pasteur, Robert Koch und andere ihre Entdeckungen machten, war man dem Infektionsgeschehen meist hilflos ausgeliefert. Viele Krankheiten, die wir heute selbstverständlich mit Antibiotika usw. bekämpfen oder gegen die wir geimpft sind, waren vor rund 150 Jahren noch ein Todesurteil. Wir sind heute verwöhnt und wurden kalt erwischt.

Trotzdem: warum lässt Gott solche Naturkatastrophen zu? Wir vergessen oft, dass die Natur in der wir leben, in all ihrer Schönheit, die wir bspw. in dem alten Kirchenlied von Paul Gerhardt „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ besingen, nicht identisch ist mit der vollkommenen Schöpfung aus dem Buch Genesis.
Unsere Natur ist das Ergebnis einer Katastrophe, sie ist eine gefallene Schöpfung, sie ist unvollkommen, sie ist gleichzeitig schön und grausam.

„Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt. (Röm. 8, 19 - 22 Luth)

Die Schöpfung seufzt und ächzt und liegt in Wehen bis sie schlußendlich zu ihrer Vollkommenheit entfaltet wird. Und mit Wehen kennen wir Männer uns ja aus, die sind ganz schön heftig (fast so schlimm wie Männerschnupfen).

Und diese deformierte, in Wehen liegende Natur erzeugt Vulkanausbrüche, Tsunamis, Erdbeben und eben auch Pandemien. Sie ist mit uns in diesem erbärmlichen Zustand und wartet mit uns auf die zukünftige Herrlichkeit.

In diesen Parametern geschieht Natur. Wo ist Gott? Man könnte einfach sagen im Himmel. Man könnte aber auch sagen: am Kreuz!

Vom Glauben an Jesus Christus aus ist nicht nach dem Ursprung des Bösen zu fragen, sondern nach dessen Überwindung am Kreuz, nach der Vergebung der Sünden und der Versöhnung der gefallenen Welt. In der Begegnung mit Jesus Christus lernen wir, die der Wirklichkeit gemäßen Fragen zu stellen.

(Quelle: Christoph Riedel, Corona-ist-nicht-König-ideaSpektrum-12-2020)

Es geht darum, dass Jesus für die Versöhnung der gefallenen Welt ans Kreuz ging und da gehört dann wohl auch indirekt die Schöpfung dazu, die eines Tages in eine neue Erde umgestaltet wird.

Vielleicht sollten wir aber lieber fragen: Wo ist der Mensch in der Pandemie? Oder noch konkreter: Wo sind die Christen? Wo sind wir? Nicht weil wir es hätten verhindern können, sondern wie gehen wir damit um?

Es gibt ein Buch des kolumbianischen Autors Gabriel García Márquez „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“. Ich hab Euch noch gar nicht verraten, wie meine Predigt heißt. Ich nenne sie jetzt mal: Die Liebe in Zeiten von Corona.

Man kann heute ja durchaus mit einer gewissen Berechtigung fragen: Was haben Fleischfabriken, Flüchlingsunterkünfte und Gottesdienste gemeinsam? Alle haben sich zu Corona-Hotspots entwickelt. Es mag bei den Fleischfabriken wohl auch mit der Kühlung zusammenhängen, aber insgesamt haben diese Hotspots gemeinsam, dass dort viel Nähe geschieht.

Bei einer kürzlich durchgeführten "repräsentativen" Umfrage unter fünf Christen was sie denn während des Lockdowns am meisten vermisst haben, wurde überwiegend geantwortet: die Beziehungen: die Kontakte zu den auswärts wohnenden Kindern, zu den Freunden aus dem Hauskreis, zu den Eltern und auch die körperliche Nähe und nicht etwa die Gottesdienste. Diese lassen sich ja anderweitig kompensieren. Körperliche Nähe - Umarmungen - zu kompensieren dagegen ist nicht so einfach.

Und Nähe gehört zur Liebe dazu. Nicht umsonst hat Jesus gesagt:

„Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ (Joh. 13,35 Luth)


An dieser Liebe, die wir zueinander haben, erkennt man uns. Es zieht uns zueinander hin. Und das ist gut so. Das soll so sein. Sonst fehlt uns was. Wir sind ja keine Ziereremiten, die wie Gartenzwerge im Garten platziert wurden.

Trotzdem gehört zur Liebe auch die Verantwortung. Die Verantwortung für einander und auch für die Gesellschaft. Bei den genannten Corona-Ausbrüchen in den Gottesdiensten handelt es sich - nach meinem Informationsstand - ausschließlich um russlanddeutsche und rumänische Gemeinden. Dort hat vielleicht - auch aus Mentalitätsgründen - die Balance zwischen Nähe und Verantwortung nicht so ganz gestimmt.

Aber es gibt auch ein anderes interessantes Phänomen. Ein kritischer Mensch hat einmal gesagt, dass er bei Esoterikern und bei charismatischen Christen eine Einstellung beobachtet, als würden sie über all den Dingen stehen und als würde sie dies alles nichts angehen. Eine interessante Wahrnehmung, bei der sicherlich ein paar Körnchen Wahrheit dabei sind.

Wie oft hört man tatsächlich das Christen behaupten, sie würden keine Corona-Infektion bekommen. Man muss es nur glauben. Und wenn es dann doch jmd. kriegt, hat er halt nicht genug geglaubt. Ganz einfach. Tausend fallen zur Linken, tausend zur Rechten, aber meiner einer nicht. Blöd wenn man mal einen Schritt zur Seite geht. Manche Christen gehen mit der Bibel so um, als würde man versuchen mit der Anleitung für einen Toaster eine Fritz-Box einzurichten.

Wie oft hört man, dass das vorübergehende Verbot von Gottesdiensten mit Christenverfolgung gleichzusetzen ist. Alle Welt übt sich im Abstand halten, aber wir brauchen das nicht. Wir beten ja Gott an.

Wie oft hört man Gemosere und Gemotze über den verordneten Mundschutz, den man eine kurze Zeit am Tag zum Schutz anderer tragen muss, weil dadurch die persönliche Freiheit eingeschränkt wird.

Es gibt leider einige Geschwister, die ihren Unmut in die Welt hinaus posaunen und für die ich mich zumindest nur schämen kann.

Paulus schreibt:

„Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“ (Röm. 12,1 Luth)

Viel wichtiger als der sonntägliche Gottesdienstbesuch ist der wahre Gottesdienst durch unsere Lebensgestaltung. Unser Leben soll ein Gottesdienst der Liebe.

Für mich ist die Frage nicht: wo ist Gott, sondern wo sind wir? Leben wir in der Liebe? Nehmen wir unsere Verantwortung wahr um andere zu schützen.

Ich weiß von einen Ehepaar, das auch nach der Aufhebung der Kontaktbeschränkungen für sich beschlossen hat, sich allen sozialen Kontakten noch weiterhin zu enthalten, da sie in der Altenhilfe arbeitet und dort keinen Virus hineintragen möchte.
Dies ist sicherlich eine sehr extreme Sichtweise, die ich nicht teile. Ich würde lieber kündigen. Aber sie nehmen die Verantwortung so wahr, wie sie sie für sich sehen und für richtig halten.
Und ich weiß gleichzeitig von Erziehern und Erzieherinnen eines Kindergartens in Nürnberg, die sich von Anfang an - sowohl privat, als auch in der Arbeit - in keinster Weise um irgendwelche Einschränkungen und Hygienemaßnahmen geschert haben, weil sie alles für Nonsens gehalten haben. So geht Verantwortung nicht.

Der Lockdown war für viele von uns ja auch ein Innehalten um unsere Lebensgestaltung zu hinterfragen. Und um Festzustellen was uns, was mir wirklich wichtig ist. Und auf was man vielleicht in Zukunft verzichten kann. Brauche ich diesen und jenen Termin wirklich? Ist das alles wirklich wichtig? Ist es mir wirklich wichtig? Gibt es nicht anderes, das mir jetzt wichtiger geworden ist? Familie, Freunde….

Und wir wurden uns vielleicht auch unserer Vergänglichkeit neu bewusst. Ab einem bestimmten Alter braucht man da eigentlich gar nicht mehr daran erinnert werden, aber bei jungen Menschen ist das vielleicht noch nicht so präsent.

„Wohlan nun, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen –, und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Dunst seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“ (Jak. 4, 13 - 15 Luth)


Dunst sind wir. Und verletzlich. Vielleicht ist uns das wieder bewusst geworden.

Hoffentlich aber, dass es um Liebe geht. Jetzt in den Zeiten der Corona und auch darüberhinaus.

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Kor. 13,13 Luth)

Wenn uns die Corona-Pandemie neu gezeigt hat:
  • wie lieb wir einander haben und
  • uns neu motiviert unsere Mitmenschen zu lieben und
  • uns neu gezeigt hat, was uns wirklich wirklich wichtig ist, dann haben wir aus dieser Zeit einen Gewinn gezogen, gemäß der Verheißung:
„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“ (Röm. 8, 28 Luth)

Und dann sind wir - vermutlich - da, wo Gott uns haben will.

AMEN.