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Mittwoch, 1. Juli 2020

Predigt von Norbert Wohlrab (26.06.2020)

Die Liebe in Zeiten von Corona

„Wo ist Gott in der Corona-Pandemie?“ Diese Frage wurde mir vor einigen Wochen gestellt. „Wo ist Gott?“

Ich habe auf diese Frage damals mit Sicherheit keine befriedigende Antwort geben können. Aber sie hat mir gezeigt, dass es doch ganz unterschiedliche Modelle gibt, wie wir als Christen uns die Welt erklären.

Da gibt es die einen, die hinter allem was in der Welt geschieht ein steuerndes Handeln Gottes sehen, ein richtendes, segnendes oder führendes Handeln.
Und es gibt die anderen, die eher die Auffassung haben, dass Gott Rahmenbedingungen festgelegt hat, Parameter innerhalb derer das Zeitgeschehen seinen Gang geht.
Und dann gibt es natürlich noch viele Zwischenstufen, die z.B. in einem gewissem Umfang an ein Eingreifen Gottes in globale, nationale oder auch regionale Gegebenheiten glauben. So wie Gott bspw. im AT immer wieder in die Geschichte mit seinem Volk Israel punktuell eingegriffen hat.

Wo ist Gott - in einer solchen Katastrophe, in einer Pandemie (und wir müssen uns vergegenwärtigen, das wir es
wirklich mit einer Pandemie mit einem global stetig wachsenden Infektionsgeschehen mit täglichen neuen Rekorden bei den Neuinfektionen zu tun haben und somit wirklich erst am Anfang sind, auch wenn wir die Ausbreitung in Deutschland in den Griff bekommen haben)?

Es ist die uralte Theodizee-Frage - wie ein gerechter Gott Leid zulassen kann oder es zumindest nicht gerechter verteilen kann - die Theologen und Philosophen beschäftigt, seitdem es eben Theologie und Philosophie gibt.

Ich habe im Internet einen Artikel gefunden über eine vergangene Katastrophe:

Im Jahr 1755 wurde die portugiesische Hauptstadt Lissabon von einer der schrecklichsten Naturkatastrophen der Geschichte heimgesucht. Wahrscheinlich bedingt durch Bewegungen an der Bruchstelle zwischen eurasischer und afrikanischer Platte kam es zu einem gewaltigen Beben, in dessen Folge ein Tsunami und ein Großbrand fast die ganze Stadt zerstörte. 60.000, vielleicht sogar bis zu 100.000 Menschen sollen Opfer dieser Katastrophe geworden sein. Noch Jahrzehnte und Jahrhunderte später beschäftigte diese Naturkatastrophe die Menschen, nicht nur weil dabei so viele Einwohner starben und Kulturgüter ersten Ranges vernichtet wurden, sondern auch weil mit diesem Ereignis eine ganze Glaubensvorstellung zu Bruch ging. Das Beben ereignete sich nämlich am 1. November 1755, also dem Allerheiligentag, einem der höchsten Feiertage in der katholischen Kirche, den gerade auch viele fromme Portugiesen sehr in Ehren hielten. Das Unerklärliche war nun der Umstand, dass diejenigen, welche sich an die Kirchengebote hielten, die Gottesdienste besuchten und die Feiertagsruhe wahrten, Opfer des Unglücks wurden. Die aber, die offensichtlich gegen den Willen Gottes handelten, auf dem Feld arbeiteten oder ihr Vergnügen suchten, kamen zum Großteil unbeschadet davon. Während die Kathedralen und Kirchen in Schutt und Asche versanken, passierte dem Vergnügungsviertel von Lissabon fast nichts. Bis zum heutigen Tag arbeiten sich Theologen und Philosophen nach dem Erdbeben von Lissabon an der sog. Theodizee-Frage ab, also jener Frage, die zu den schwersten Angriffen auf Gottes Existenz führt, nämlich „Wie Gott solches Leid zulassen konnte.“ War bis dahin trotz mancher Zweifler es eine kaum bestrittene Überzeugung, dass Leid, Krankheit, Unglück, Katastrophen die Strafe Gottes für die Sünden eines einzelnen Menschen oder sogar der ganzen Menschheit war, so gerieten die Vertreter des christlichen Glaubens plötzlich in die Erklärungsnot, warum Gott die Sünder verschont und die Frommen ins Unglück geraten lässt. 100.000 Menschen, mehr oder weniger fromm und vorbildlich, wurden zu einer der lautesten Anklagen gegen die Vorstellung von einem gerechten Gott, der die Sünder straft und die Gerechten schützt.

(Quelle: https://www.pg-12-apostel.de/aktuelles/nachrichten/ist-corona-eine-strafe-gottes-predigt-4-fastensonntag)


Wo ist Gott? An die 100.000 Tote damals in Lissabon. Heute gibt es bisher aktuell rund 490.000 COVID-19-Tote weltweit.

Mit der Frage nach der Ursache von Leid musste sich auch Jesus schon auseinandersetzen.

„Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. (Joh. 9, 1 - 3 Luth)

Hinter dieser Frage steckt der Gedanke, dass der Gerechte belohnt und der Sünder bestraft wird. Jesus lehnt diesen Zusammenhang ab. Es gibt keine zwingende Verbindung von Sünde und Leid. Leid ist nicht automatisch eine Strafe.
Gewiss wir finden dies in der Bibel, v.a. im AT. Aber dies sind Spezialfälle der Geschichte Gottes mit seinem Volk oder einzelnen Vertretern, bspw. als Gott das Kind von David und Bathseba sterben lässt.

Wie absurd hier bei dem blinden Menschen die Frage ist, zeigt sich wenn man etwas darüber nachdenkt. Als Strafe für die Sünde der Eltern ließe sich kausal ja noch nachvollziehen, aber wie soll er denn gesündigt haben, wenn er blind geboren ist? Hat er etwa im Mutterleib bereits gesündigt? Oder hat Gott eine Sünde vorausschauend bestraft, bevor er sie überhaupt getan hat?

Auch bei einer anderen Gelegenheit lehnt Jesus den Zusammenhang von Schuld und Leid ab.

„Es waren aber zu der Zeit einige da, die berichteten Jesus von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte. Und er antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen. Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm von Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen seien als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen? (Lk. 13, 1 - 4 Luth)

Weder bei dem Unglück mit dem Einsturz des Turmes, noch bei dem Massaker an den Galiläern, existiert ein direkter Zusammenhang zwischen deren individueller Schuld und dem Leid, das ihnen widerfahren ist.

Es gibt ja so unfassbar viele Katastrophen und Krankheiten in der Menschheitsgeschichte - natürliche und von Menschen gemachte. Gott ließ und lässt sie zu. Aber straft er deshalb damit?

Was wäre das für ein Gott, der jetzt gerade vor allem Alte, Schwache und Arme sterben lässt? Das klingt schon eher nach Sozialdarwinismus oder nach einer Frühform von Kapitalismus als nach christlichen Gott.

Wo ist Gott? Bei unserer aktuellen Corona-Pandemie müssen wir uns vor Augen halten, dass es noch gar nicht so lange zurück liegt, als die Menschheit Viren und Bakterien schutzlos ausgeliefert war. Erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat die Menschheit angefangen hier erste Erfolge zu erzielen. Bevor Louis Pasteur, Robert Koch und andere ihre Entdeckungen machten, war man dem Infektionsgeschehen meist hilflos ausgeliefert. Viele Krankheiten, die wir heute selbstverständlich mit Antibiotika usw. bekämpfen oder gegen die wir geimpft sind, waren vor rund 150 Jahren noch ein Todesurteil. Wir sind heute verwöhnt und wurden kalt erwischt.

Trotzdem: warum lässt Gott solche Naturkatastrophen zu? Wir vergessen oft, dass die Natur in der wir leben, in all ihrer Schönheit, die wir bspw. in dem alten Kirchenlied von Paul Gerhardt „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ besingen, nicht identisch ist mit der vollkommenen Schöpfung aus dem Buch Genesis.
Unsere Natur ist das Ergebnis einer Katastrophe, sie ist eine gefallene Schöpfung, sie ist unvollkommen, sie ist gleichzeitig schön und grausam.

„Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt. (Röm. 8, 19 - 22 Luth)

Die Schöpfung seufzt und ächzt und liegt in Wehen bis sie schlußendlich zu ihrer Vollkommenheit entfaltet wird. Und mit Wehen kennen wir Männer uns ja aus, die sind ganz schön heftig (fast so schlimm wie Männerschnupfen).

Und diese deformierte, in Wehen liegende Natur erzeugt Vulkanausbrüche, Tsunamis, Erdbeben und eben auch Pandemien. Sie ist mit uns in diesem erbärmlichen Zustand und wartet mit uns auf die zukünftige Herrlichkeit.

In diesen Parametern geschieht Natur. Wo ist Gott? Man könnte einfach sagen im Himmel. Man könnte aber auch sagen: am Kreuz!

Vom Glauben an Jesus Christus aus ist nicht nach dem Ursprung des Bösen zu fragen, sondern nach dessen Überwindung am Kreuz, nach der Vergebung der Sünden und der Versöhnung der gefallenen Welt. In der Begegnung mit Jesus Christus lernen wir, die der Wirklichkeit gemäßen Fragen zu stellen.

(Quelle: Christoph Riedel, Corona-ist-nicht-König-ideaSpektrum-12-2020)

Es geht darum, dass Jesus für die Versöhnung der gefallenen Welt ans Kreuz ging und da gehört dann wohl auch indirekt die Schöpfung dazu, die eines Tages in eine neue Erde umgestaltet wird.

Vielleicht sollten wir aber lieber fragen: Wo ist der Mensch in der Pandemie? Oder noch konkreter: Wo sind die Christen? Wo sind wir? Nicht weil wir es hätten verhindern können, sondern wie gehen wir damit um?

Es gibt ein Buch des kolumbianischen Autors Gabriel García Márquez „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“. Ich hab Euch noch gar nicht verraten, wie meine Predigt heißt. Ich nenne sie jetzt mal: Die Liebe in Zeiten von Corona.

Man kann heute ja durchaus mit einer gewissen Berechtigung fragen: Was haben Fleischfabriken, Flüchlingsunterkünfte und Gottesdienste gemeinsam? Alle haben sich zu Corona-Hotspots entwickelt. Es mag bei den Fleischfabriken wohl auch mit der Kühlung zusammenhängen, aber insgesamt haben diese Hotspots gemeinsam, dass dort viel Nähe geschieht.

Bei einer kürzlich durchgeführten "repräsentativen" Umfrage unter fünf Christen was sie denn während des Lockdowns am meisten vermisst haben, wurde überwiegend geantwortet: die Beziehungen: die Kontakte zu den auswärts wohnenden Kindern, zu den Freunden aus dem Hauskreis, zu den Eltern und auch die körperliche Nähe und nicht etwa die Gottesdienste. Diese lassen sich ja anderweitig kompensieren. Körperliche Nähe - Umarmungen - zu kompensieren dagegen ist nicht so einfach.

Und Nähe gehört zur Liebe dazu. Nicht umsonst hat Jesus gesagt:

„Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ (Joh. 13,35 Luth)


An dieser Liebe, die wir zueinander haben, erkennt man uns. Es zieht uns zueinander hin. Und das ist gut so. Das soll so sein. Sonst fehlt uns was. Wir sind ja keine Ziereremiten, die wie Gartenzwerge im Garten platziert wurden.

Trotzdem gehört zur Liebe auch die Verantwortung. Die Verantwortung für einander und auch für die Gesellschaft. Bei den genannten Corona-Ausbrüchen in den Gottesdiensten handelt es sich - nach meinem Informationsstand - ausschließlich um russlanddeutsche und rumänische Gemeinden. Dort hat vielleicht - auch aus Mentalitätsgründen - die Balance zwischen Nähe und Verantwortung nicht so ganz gestimmt.

Aber es gibt auch ein anderes interessantes Phänomen. Ein kritischer Mensch hat einmal gesagt, dass er bei Esoterikern und bei charismatischen Christen eine Einstellung beobachtet, als würden sie über all den Dingen stehen und als würde sie dies alles nichts angehen. Eine interessante Wahrnehmung, bei der sicherlich ein paar Körnchen Wahrheit dabei sind.

Wie oft hört man tatsächlich das Christen behaupten, sie würden keine Corona-Infektion bekommen. Man muss es nur glauben. Und wenn es dann doch jmd. kriegt, hat er halt nicht genug geglaubt. Ganz einfach. Tausend fallen zur Linken, tausend zur Rechten, aber meiner einer nicht. Blöd wenn man mal einen Schritt zur Seite geht. Manche Christen gehen mit der Bibel so um, als würde man versuchen mit der Anleitung für einen Toaster eine Fritz-Box einzurichten.

Wie oft hört man, dass das vorübergehende Verbot von Gottesdiensten mit Christenverfolgung gleichzusetzen ist. Alle Welt übt sich im Abstand halten, aber wir brauchen das nicht. Wir beten ja Gott an.

Wie oft hört man Gemosere und Gemotze über den verordneten Mundschutz, den man eine kurze Zeit am Tag zum Schutz anderer tragen muss, weil dadurch die persönliche Freiheit eingeschränkt wird.

Es gibt leider einige Geschwister, die ihren Unmut in die Welt hinaus posaunen und für die ich mich zumindest nur schämen kann.

Paulus schreibt:

„Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“ (Röm. 12,1 Luth)

Viel wichtiger als der sonntägliche Gottesdienstbesuch ist der wahre Gottesdienst durch unsere Lebensgestaltung. Unser Leben soll ein Gottesdienst der Liebe.

Für mich ist die Frage nicht: wo ist Gott, sondern wo sind wir? Leben wir in der Liebe? Nehmen wir unsere Verantwortung wahr um andere zu schützen.

Ich weiß von einen Ehepaar, das auch nach der Aufhebung der Kontaktbeschränkungen für sich beschlossen hat, sich allen sozialen Kontakten noch weiterhin zu enthalten, da sie in der Altenhilfe arbeitet und dort keinen Virus hineintragen möchte.
Dies ist sicherlich eine sehr extreme Sichtweise, die ich nicht teile. Ich würde lieber kündigen. Aber sie nehmen die Verantwortung so wahr, wie sie sie für sich sehen und für richtig halten.
Und ich weiß gleichzeitig von Erziehern und Erzieherinnen eines Kindergartens in Nürnberg, die sich von Anfang an - sowohl privat, als auch in der Arbeit - in keinster Weise um irgendwelche Einschränkungen und Hygienemaßnahmen geschert haben, weil sie alles für Nonsens gehalten haben. So geht Verantwortung nicht.

Der Lockdown war für viele von uns ja auch ein Innehalten um unsere Lebensgestaltung zu hinterfragen. Und um Festzustellen was uns, was mir wirklich wichtig ist. Und auf was man vielleicht in Zukunft verzichten kann. Brauche ich diesen und jenen Termin wirklich? Ist das alles wirklich wichtig? Ist es mir wirklich wichtig? Gibt es nicht anderes, das mir jetzt wichtiger geworden ist? Familie, Freunde….

Und wir wurden uns vielleicht auch unserer Vergänglichkeit neu bewusst. Ab einem bestimmten Alter braucht man da eigentlich gar nicht mehr daran erinnert werden, aber bei jungen Menschen ist das vielleicht noch nicht so präsent.

„Wohlan nun, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen –, und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Dunst seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“ (Jak. 4, 13 - 15 Luth)


Dunst sind wir. Und verletzlich. Vielleicht ist uns das wieder bewusst geworden.

Hoffentlich aber, dass es um Liebe geht. Jetzt in den Zeiten der Corona und auch darüberhinaus.

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Kor. 13,13 Luth)

Wenn uns die Corona-Pandemie neu gezeigt hat:
  • wie lieb wir einander haben und
  • uns neu motiviert unsere Mitmenschen zu lieben und
  • uns neu gezeigt hat, was uns wirklich wirklich wichtig ist, dann haben wir aus dieser Zeit einen Gewinn gezogen, gemäß der Verheißung:
„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“ (Röm. 8, 28 Luth)

Und dann sind wir - vermutlich - da, wo Gott uns haben will.

AMEN.

Donnerstag, 25. Juni 2015

Predigt von Michael Koch (14.06.15)

Zahlen in der Schrift

Vor etwa einem Jahr habe ich in der Arche über Libellenlarven und ihre Entwicklung hin zu einer Königslibelle gesprochen. Das war anschaulich und greifbar, zumal ich eine verlassene Libellenlarvenhülle dabei hatte. Es ging um das Verlassen des Teichsumpfes und der gleichzeitigen Verwandlung in etwas Neues.


Ähnliches erleben wir, wenn wir uns zum lebendigen Glauben bekennen und Jesus in unser Herz und damit in unser Leben aufnehmen.
Und dann beginnt ja eigentlich erst die spannende Zeit der Veränderung.


Ich möchte an diese Predigt anknüpfen, aber auf eine völlig andere Weise, ich möchte mich heute einem für viele eher etwas nüchternen Thema zuwenden, ich will über Zahlen reden.


In der Bibel wird viel von Zahlen gesprochen. Und ich meine hier nicht die Zahlen, wie sie momentan Griechenland beschäftigen oder denke dabei an Spenden, sondern ich meine Zahlen, die in unserem Verhältnis zu Gott, zu Jesus oder dem Hl. Geist auftreten. Oder auch Zahlen, die im Verhältnis der Gemeinde zueinander eine Rolle spielen. Anhand dieser Zahlen möchte ich einige wesentliche Punkte für unseren Glauben aufgreifen.


Bereits im aktuellen Wochenspruch haben wir eine Zahl „ALLE“, die ist ziemlich groß.


"Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken." (Mt. 11:28)


Das ist eine Einladung an wirklich jeden, unabhängig davon, ob er oder sie etwas mit Jesus anfangen kann oder es sich um einen Erstkontakt handelt.
„ALLE“ schließt niemanden aus, auch wenn an dieser Stelle ein Filter daraufgelegt ist, indem nur die angesprochen werden, die ein wie auch immer geartetes Problem haben, die mühselig und beladen sind. Wir dürfen kommen wie wir sind, ohne uns oder etwas beschönigen zu müssen. Es gibt nichts, was der HERR nicht schon wüsste.


Und wir dürfen unsere Erwartungen, Nöte, Schmerzen, aber auch Zorn und Wut mitbringen und vor den Herrn bringen.


Vor langer Zeit gab es das Lied „Gott nahm mir meine Last ab und rollte sie ins Meer,...“
Man kann sich auch vorstellen, wie sich die Schultern anfühlen, wenn man nach 4 Stunden Aufstieg endlich den Rucksack abnehmen darf.


Eine sehr bekannte kleine Zahl ist an anderer Stelle zu finden.


"Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen." (Mt. 18:19-20)


Im ersten Moment fällt mir da die CGF ein. Aber wenn ich das neue Aufatmen-Heft aufschlage, merke ich schnell, dass es sich nicht um ein CGFspezifisches Thema handelt, sondern in vielen Gemeinden ein Thema ist.


In einem Artikel geht es konkret um das Thema Gemeinde und den Ursachen, warum so viele mit schwindenden Zahlen zu tun haben, sich immer weniger engagieren wollen oder können und wie man damit umgehen kann. Gemeinde wird als ADD-On zum Leben verstanden.


Als eine wesentliche Ursache wird dargestellt, dass erwachsene Christen, die schon viele Jahre ihren Weg mit Jesus gegangen sind, zwar den Wunsch haben, im Glauben zu wachsen, dieses Bedürfnis aber nicht mehr im Gottesdienst bedient bekommen. Und das liegt nicht an der Qualität der Gottesdienste, sondern daran, dass beim erwachsenen Christen das reine Konsumieren von Wahrheiten für weiteres Wachstum nicht ausreicht. Es kommt auf das Leben und Erleben im Alltag an, auf die Begegnungen im normalen Leben, die das theoretische Wissen vertiefen und real werden lassen. Es bedeutet, dass wir die Impulse für unser geistiges Wachstum nicht alleine aus dem Gottesdienst ziehen können, sondern anderes wie Stille und Einsamkeit vor Gott, Fasten oder auch Feiern, eine alltäglich eingeübte unspektakuläre Beziehungspflege mindestens genauso fruchtbringend ist wie der Gottesdienst.


Es geht hier um Erfahrungen, die meistens im kleinen Rahmen mit ZWEI oder DREI stattfinden, die EINS geworden sind im Namen Jesu. Das ist wie Schwarzbrot essen im übertragenen Sinn, also feste Nahrung. Aber es wird mir nicht einfach gereicht, ich muss es mir selbst holen. Ich muss mich freiwillig Gottes Gegenwart aussetzen, er zwingt mich nicht. Das ist die Eigenverantwortung, die wir als mündige Christen tragen.
(vergl. Aufatmen, 2/2015, S43ff. Gottesdienst-müde und JESUS-WACH von Jörg Ahlbrecht)


Aber diese zwei oder drei, die sich in Jesus Namen versammeln, sind gleichzeitig auch eine Zahl, die sich immer erreichen lässt, wenn wir wollen. Das kann z.B. im Hauskreis sein, denn auch hier gibt es das Phänomen der unregelmäßigen Teilnahme, sodass manchmal nur die zwei oder drei übrig sind.
Verstehen wir es als Chance, uns auf diese Verheißung zu stellen: Jesus ist da, der Hl. Geist ist da, sie sind mitten unter uns.


Kommen wir zu einer anderen Zahl: SIEBEN, nein 70 mal SIEBENmal, die in einem wichtigen Thembereich genannt wird:


"Da trat Petrus zu ihm und sprach: HERR, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist genug siebenmal? Jesus sprach zu
ihm: Ich sage dir: Nicht siebenmal, sondern 70 mal siebenmal." (Mt. 18:21-22)


Das ist schon zugegebenermaßen eine Aussage, die nicht so ganz einfach ist in der Umsetzung. Wenn man genau liest, dann steht da: meinem Bruder, der an mir sündigt. Also der Bruder, der sündigt immer noch an mir und hat noch nicht aufgehört damit. Das ist schon dreist und Jesus verlangt dann so einfach, dass wir ihm das vergeben sollen und zwar immerzu. Kann man das überhaupt?
Ich denke, es geht hier um die Annahme des anderen, so wie er ist. Es muss einen Raum geben, wo ein anderer eine andere Meinung haben darf als ich.


Andere zu verletzen und von ihnen verletzt zu werden, gehört zum Leben dazu, selbst unter Freunden. Wichtig ist aber, dass wir die Wunde nicht offen halten, sondern uns immer wieder in Vergebung üben. Das ist es, was Jesus dem Petrus gesagt hat. Eine nicht vergebende Haltung schadet v.a. meiner eigenen Seele. Es hilft, loszulassen. So wie der Staat Übeltaten verjähren lässt, darf es auch hier statt lebenslänglich ein zeitliches Ende geben. Und es macht frei, sich anderen Dingen zuzuwenden.


Je besser wir das können, je schneller wir Verletzungen an Jesus abgeben, unabhängig davon, ob der Schuldige seinen Teil zur Sühne beiträgt oder nicht, umso schneller geht es uns wieder gut. Ich bin überzeugt, dass man das üben kann und es so zu einer Art Lebenshaltung werden kann.


Wenden wir uns einem anderen Zahlenraum zu, die zueinander in engem Zusammenhang stehen {5000, 2, 5, 12} in Lk. 9:1-17:


Die Jünger waren von Jesus mit Vollmacht und Kraft ausgestattet worden. Er sandte sie aus ohne irgendetwas einzupacken oder vorzubereiten, und sie haben die gute Botschaft verkündet und heilten die Kranken. Sie zogen von Dorf zu Dorf und erfüllten ihren Auftrag. Wo sie nicht freundlich aufgenommen wurden, blieben sie nicht unnötig, sondern sind, wie von Jesus aufgefordert, ohne Aktionen weiter gezogen. Als sie wieder zurück zu Jesus kamen, zog
sich Jesus mit ihnen in die Wüste in der Nähe von Betsaida zurück. Das Volk ging mit und Jesus redete zu ihnen über das Reich Gottes und heilte die Kranken. Abends dann kommen die Jünger zu ihm und wollen, dass er die Leute wegschickt. Das macht Jesus aber nicht, sondern er fordert sie auf, dass sie den Menschen zu essen geben sollen... und dann kommen diese Zahlen ins Spiel: Speisung von 5.000 Menschen mit fünf Broten und zwei Fischen, die restlichen Brocken füllen 12 Körbe.


Wir kennen alle diese Geschichte und ich möchte einfach nur daran erinnern, wie der Ablauf war:
• Jesus war eine Weile mit den Jüngern zusammen, sie vertrauten ihm
• Jesus gibt seinen Jüngern Vollmacht, in seinem Namen Wunder zu
wirken
• er schickt sie los, genau das zu tun und sie folgen seinem Auftrag
• als sie wieder zu ihm kommen, sind sie voller guter Erfahrungen und
erzählen ihm von ihren Erlebnissen
• sie zweifeln trotzdem daran, dass man mit 5 Broten und 2 Fischen 5000
Menschen satt bekommt, selbst wenn Jesus dazu auffordert
• aber Jesus belehrt sie eines Besseren, indem er die Speise segnet,
und am Schluss die 12 Körbe mit Brotbrocken übrig bleiben.


Auch wir sind immer wieder mit Aufgaben konfrontiert, bei denen wir uns nicht vorstellen können, dass sie zu schaffen sind. Wir erleben leider nur selten so eine Phase wie die Jünger sie hier gerade hinter sich hatten. Aber trotzdem dürfen wir wissen, dass Jesus uns den Hl. Geist geschickt hat, damit wir gestärkt werden. Wir dürfen unser Vertrauen auf ihn richten und ihn in jeden Bereich unseren Alltags hineinnehmen. Dabei ist nicht garantiert, dass immer
alles so abläuft, wie wir uns das vorher ausgedacht haben. Das war auch bei den Jüngern nicht so. Das soll uns aber nicht entmutigen und daran hindern, unseren Alltag mit Jesus zu gestalten.


Es gibt noch viele weitere Stellen in der Bibel, wo Zahlen von Bedeutung sind, aber ich will es dabei bewenden lassen. Es sind eigentlich auch nicht die Zahlen selbst, die wichtig sind, sondern der Kontext, in dem sie genannt werden.


Das ist es, was ich euch heute mitgeben möchte:

Schaut nicht so sehr darauf, wie groß unsere Schar hier ist, das ist nicht wirklich ausschlaggebend.

Wichtig ist,
• dass du Jesus in deinen Alltag hineinnimmst und ihm dort Raum gibst,
• auch für ganz persönliche Zeiten zwischen dir und ihm.
• dass du ihm vertraust
• und darum bittest, dass er dich mit einer vergebenden Haltung
gegenüber deiner Familie, deinen Mitmenschen oder Kollegen
ausstattet.
• und dass du damit rechnest, dass Jesus in dir und durch dich wirken
möchte, so wie er es durch seine Jünger getan hat.
• und nicht vergessen: perfekt waren die auch nicht (3-facher Gockel).


AMEN.

Montag, 11. Juni 2012

Predigt von Norbert Wohlrab (10.06.2012)

Die Heiligung des Sabbats und seine Bedeutung für Christen


1. Einleitung

„Schabbat schalom, schabbat schalom. schabbat, schabbat, schabbat schalom.“ So lautet ein jüdisches Lied mit dem der Schabbat eingeleitet wird.

Wir leben heute in einer Zeit, in der sich die Christenheit wieder mehr ihrer jüdischen Wurzeln bewusst wird und ganz neu oder manchmal sogar erstmals die Bedeutung verschiedener Passagen der Bibel erkennt. Gleichzeitig besteht aber auch die Gefahr bei allem positiven Interesse am Judentum die Unterschiede zwischen dem Alten Bund und dem Neuen Bund zu verwässern und den Blick abzuwenden von der Einmaligkeit des Erlösungswerks Jesu Christi. Daher war es uns bspw. wichtig bei dem Passah-Abend, den wir vor kurzem gefeiert haben, nicht nur die jüdischen Traditionen kennenzulernen, sondern auch die christozentrische Bedeutung des Passah-Festes zu erfassen.

Heute möchte ich über das Gebot der Sabbat-Heiligung sprechen und darüber, was es für uns für eine Bedeutung haben kann.


2. Das Sabbat-Gebot im AT

Lesen wir zunächst die relevanten Schriftstellen aus dem AT. Bei der Gesetzgebung am Sinai sprach Gott zum Volk Israel zunächst:

„Und Gott redete alle diese Worte und sprach: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt habe“ (2. Mose 20, 1 Rev. Elb.)

Dann gibt er die einzelnen Ausführungen. Und im - nach jüdischer Zählweise vierten Gebot - heißt es dann:

„Denke an den Sabbattag, um ihn heilig zu halten. Sechs Tage sollst du arbeiten und all deine Arbeit tun, aber der siebte Tag ist Sabbat für den HERRN, deinen Gott. Du sollst an ihm keinerlei Arbeit tun, du und dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd und dein Vieh und der Fremde bei dir, der innerhalb deiner Tore wohnt. Denn in sechs Tagen hat der HERR den Himmel und die Erde gemacht, das Meer und alles, was in ihnen ist, und er ruhte am siebten Tag; darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.“ (2. Mose 20, 8-11 Rev. Elb.)

An anderer Stelle heißt es:

„Sechs Tage soll man seine Arbeit verrichten, aber den siebten Tag sollt ihr heilig halten, er sei euch ein ganz feierlicher Sabbat für den HERRN. Jeder, der an ihm eine Arbeit verrichtet, muss getötet werden. Ihr dürft am Sabbattag in all euren Wohnsitzen kein Feuer anzünden. (2. Mose 35, 2.3 Rev. Elb.)

Ganz schön harte Worte: jeder, der arbeitet muss getötet werden. Da wäre der Saal heute leer bzw. Fürth wäre ziemlich entvölkert. Und eine weitere Stelle:

„Rede zu den Söhnen Israel und sage zu ihnen: Die Feste des HERRN, die ihr als heilige Versammlungen ausrufen sollt, meine Feste sind diese: Sechs Tage soll man Arbeit tun; aber am siebten Tag ist ein ganz feierlicher Sabbat, eine heilige Versammlung. Keinerlei Arbeit dürft ihr tun; es ist ein Sabbat für den HERRN in all euren Wohnsitzen.“ (3. Mose 23, 2.3 Rev. Elb.)
Eine heilige Versammlung soll stattfinden! Und eine letzte Stelle:

„Beachte den Sabbattag, um ihn heilig zu halten, so wie der HERR, dein Gott, es dir geboten hat! Sechs Tage sollst du arbeiten und all deine Arbeit tun; aber der siebte Tag ist Sabbat für den HERRN, deinen Gott. Du sollst an ihm keinerlei Arbeit tun, du und dein Sohn und deine Tochter und dein Sklave und deine Sklavin und dein Rind und dein Esel und all dein Vieh und der Fremde bei dir, der innerhalb deiner Tore wohnt, damit dein Sklave und deine Sklavin ruhen wie du. Und denke daran, dass du Sklave warst im Land Ägypten und dass der HERR, dein Gott, dich mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arm von dort herausgeführt hat! Darum hat der HERR, dein Gott, dir geboten, den Sabbattag zu feiern.“ (5. Mose 5, 12-15 Rev. Elb.“

Also nicht einmal das Vieh durfte arbeiten am Sabbat, so ernst war es Gott mit diesem Gebot.
Was wird daraus deutlich? Warum sollte das Volk Israel den Sabbat heiligen?
Es sind drei Gründe, die hier deutlich werden:

1. Gott ruhte am siebten Tag, deshalb ist der Sabbat ein heiliger Tag
2. Der Sabbat ist ein Gedenktag für die Befreiung Israels aus Ägypten und
3. Der Sabbat ist ein Zeichen des Bundes zwischen Gott und Israel.

„Haltet nur ja meine Sabbate! Denn sie sind ein Zeichen zwischen mir und euch für all eure Generationen, damit man erkenne, dass ich, der HERR, es bin, der euch heiligt.“ (2. Mose 31, 13 Rev. Elb.)

Der Sabbat soll verdeutlichen, dass Israel das auserwählte Volk Gottes ist. Das Volk, welches Gott sich geheiligt hat. Deshalb legt er auch ganz strenge Vorschriften fest, damit Israel diesen Tag ernst nimmt und einhält.

Es darf bspw. kein Feuer angezündet werden. Damit kann auch die Hausfrau den Sabbat einhalten kann. Jegliches Essen muss entweder vor Beginn des Sabbats fertig sein oder es wird bis zum Ende des Sabbats auf kleiner Flamme warm gehalten. Denn die schlauen Juden hatten natürlich einen Dreh gefunden, wie sie damit am Sabbat doch noch zu einem warmen Essen kommen konnten (es heißt ja nur, dass man kein Feuer anzünden darf!).

Heute gibt es entsprechende Regelungen für den Umgang mit Elektrizität: man darf sie nicht einschalten, aber sie darf durchlaufen. In Hotels gibt es dann bspw. Aufzüge, die vor Beginn des Sabbats auf Dauerbetrieb gestellt werden und während des Sabbats in jedem Stockwerk halten. Schwierig ist es mit Verbrennungsmotoren. Hier gibt es noch keinen Trick. Deutsche Automobilhersteller sollen daher ein Auto entwickeln, dass von den Hirnströmen gesteuert wird, denn das Hirn ist ja auch ständig „unter Strom“.

Ich weiß jetzt nicht, ob das alles so im Sinne Gottes war oder ist. Gott war es auf jeden Fall ernst mit dem Sabbat. Sogar die Knechte, die Sklaven und das Vieh sollten ihn halten. Ihn heiligen! Im ganzen Land sollte deutlich werden, wer der Gott Israels ist. Er soll geehrt werden! Gott der Erlöser, Gott der Befreier soll geehrt werden.

Aber auch Gott als Schöpfer soll geehrt werden! Sabbat heißt auf deutsch Ruhetag. Gott ruhte am siebten Tag und deshalb soll am Sabbat alle Arbeit ruhen. Der Mensch soll ruhen, innehalten, zur Ruhe in Gott kommen.

All die jüdischen und pharisäischen Vorschriften (z.B. Spazierengehen (bis 900 Meter) aber nicht Wandern, nichts Tragen, sich die Schnürsenkel binden aber keine zwei Schleifen machen usw.), die im Lauf der Zeit entstanden sind und regelten, was am Sabbat getan werden darf und was nicht und letztlich zum Selbstzweck mutiert sind und damit zur Last geworden sind, hätten doch eigentlich Hilfe sein sollen, dass der Mensch zur Ruhe kommen kann, frei werden von den werktäglichen Lasten und Mühen.

Jesus sagt: „Denn das Joch, das ich auferlege, drückt nicht, und die Last, die ich zu tragen gebe, ist leicht.“ (Mt. 11,30 NGÜ)

Er wollte den Menschen keine unnötigen Lasten auflegen, wie die Pharisäer es getan haben.

Die Frage ist: Was hat das Gebot den Sabbat zu heiligen mit uns zu tun? Hat es überhaupt etwas mit uns zu tun? Sind wir Juden? Nein!
Wurden wir oder unsere Vorfahren aus Ägypten befreit? Nein!
Leben wir in Israel? Nein!
Sind wir israelitische Knechte, Sklaven oder Ochsen? Nein!
Warum sollte das Gebot der Heiligung des Sabbats dann für uns irgendeine Bedeutung haben? Können wir es auf den Sonntag anwenden?


3. Die Bedeutung des Gesetzes

3.1. Frei vom Gesetz des Alten Bundes

Ich möchte darauf verschiedene Antworten geben. Zunächst die heilsgeschichtliche Antwort. Das Sabbat-Gebot hat für uns als Christen überhaupt keine Bedeutung und es hat auch niemals eine Bedeutung gehabt.

Das Sabbat-Gebot ist wie alle anderen Gebote auch Teil des Gesetzes. Und das Gesetz - es umfasst 613 Gebote inkl. der zehn Hauptgebote wurde nur dem Volk Israel gegeben. Darauf waren sie auch besonders stolz.

„Und wo gibt es eine große Nation, die so gerechte Ordnungen und Rechtsbestimmungen hätte wie dieses ganze Gesetz, das ich euch heute vorlege?“ (5. Mo. 4,8 Rev. Elb.)

„Nun gut, du kannst von dir sagen, dass du ein Jude bist. Du fühlst dich sicher, weil du das Gesetz hast, und bist stolz darauf, den wahren Gott zu kennen.“ (Röm. 2,17 NGÜ)

Das Gesetz war also - in der Form, wie es uns im AT vorliegt - nie für die nicht-jüdische Welt gedacht. Es war ein Vertag mit Israel.

Aber selbst wenn es für uns gegolten hätte, hätte es doch seinen Endpunkt, seine Erfüllung in Christus gefunden.

„Denn Christus ist des Gesetzes Ende, jedem Glaubenden zur Gerechtigkeit.“ (Röm. 10,4 Rev. Elb.)

„Nun aber sind wir vom Gesetz frei geworden“ (Röm. 7,6a Luther)

Also die erste Antwort lautet: Das Sabbat-Gebot ist Teil des Gesetzes und hat daher keinerlei Bedeutung für uns Christen. Wir können also ganz entspannt oder ganz gestresst zwischen Freitagabend und Samstagabend (ich rede ja immer noch vom Sabbat!) arbeiten, wandern, einkaufen, Strom an- und ausschalten oder was auch immer wir sonst tun wollen.

3.2 Frei zum Gesetz des Neuen Bundes

Ja aber, Moment: Hat Jesus nicht auch was zum Sabbat gesagt? Und Luther? Warum denn dann überhaupt die Auslegung der Zehn Gebote?

Es gibt hier wirklich viel Verwirrung durch manchmal falschen Gebrauch von Bibelstellen.
Zunächst zu Jesus. Er hat tatsächlich etwas zum Sabbat gesagt.

„Der Sabbat ist um des Menschen willen geschaffen worden und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.“ (Mk. 2, 27.28 Rev. Elb.)

Dies sagte Jesus in einer Auseinandersetzung mit den Pharisäern. Die Pharisäer hatten nämlich rund 1500 Gebote aufgestellt, was man am Sabbat tun darf und was nicht.
Die Jünger hatten, weil sie Hunger hatten ein paar Ähren gepflückt und die Körner gegessen. Dadurch hatten sie nach pharisäischen Verständnis geerntet (Ausraufen der Ähren = Ernten), gedroschen (Trennen der Spreu vom Korn = Dreschen), geworfelt (in die Hände pusten = Worfeln) und vermutlich auch eingelagert (Schlucken der Körner = Einlagern).

Jesus verdeutlichte den Pharisäern, dass es nicht der Sinn des Sabbats ist, menschliche Vorschriften einzuhalten, sondern eine Zeit der Ruhe und Besinnung in Gott zu haben. Er hat damit das Sabbat-Gebot nicht aufgelöst, sondern den originalen Zweck herausgestellt. Gleichzeitig hat er verdeutlicht, dass er ebenfalls ein Definitionsrecht beansprucht.
Es ist keinesfalls eine Aufforderung am Sabbat zu tun und zu lassen, was man will.

Aber auch diese Auseinandersetzung war vom Juden Jesus mit anderen Juden (Pharisäern). Sie hat also ihren Platz innerhalb des Bundes mit Israel. Was aber können wir Heidenchristen aus dem NT über den Sabbat lernen?

Noch mal zur Wiederholung: alle 613 Gebotes des AT waren ausschließlich für Israel und sind in Jesus erfüllt und beendet worden. Dies wurde in der Kirchengeschichte oft übersehen und wird oft noch übersehen.

Luther hat u.a. deshalb das Gesetz gepredigt, damit Sündenerkenntnis entsteht und der Mensch sich seiner Erlösungsbedürftigkeit bewusst wird:

„dass es die Erbsünde mit den Früchten und allem offenbare und dem Menschen zeige, wie gar tief seine Natur gefallen und grundlos verderbt ist …“

Er befand sich ja in einer volkskirchlichen Situation mit nomineller Kirchenzugehörigkeit von Geburt an. In einer verrohten Gesellschaft mussten die Menschen erstmal erkennen, dass sie vor Gott schuldig geworden sind.

Wir leben in einem neuen Bund. Wir sind erlöst aus Gnade. Durch Glauben. Aber auch dieser neue Bund hat seine Gesetze. Nur bewirken sie keine Erlösung, sie sind aber trotzdem vorhanden.

Wie heißt es im Missionsbefehl?

„Lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ (Mt. 28,20b NGÜ)

und

„Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ (Joh. 14,15 NGÜ)

Jesus Christus hat uns eine Vielzahl an Geboten gegeben, nach denen wir unser Leben gestalten sollen! Ich hab sie jetzt nicht systematisch erfasst - meines Wissens gibt es überhaupt noch keine systematische Erfassung - , aber es sind über 100 Anweisungen, die uns gegeben sind.

Und Johannes schreibt dazu: „seine Gebote sind nicht schwer.“ (1. Joh. 5,3b Luther)

Paulus bezeichnet sie als das „Gesetz des Christus“ (Gal. 6,2 Rev. Elb.).

„Helft einander, eure Lasten zu tragen! Auf diese Weise werdet hr das Gesetz erfüllen, das Christus uns gegeben hat.“ (Gal. 6,2 NGÜ)

Das klingt wirklich nicht schwer.
Verwirrung entsteht, weil manche der Gebote, die Jesus uns gegeben hat, auch schon im Alten Bund vorhanden waren. Jesus hat ja bspw. das Verbot des Ehebruchs genommen und weiter ausgeführt und dargestellt, dass der Ehebruch bereits im Kopf stattfindet oder dargestellt, dass derjenige, der seinem Bruder zürnt eigentlich schon gemordet hat usw.

Der messianische Jude und Theologe Dr. Arnold Fruchtenbaum erklärt dazu in seinem Buch „Gesetz und Gesetzlichkeit“, das wir in der Bibel verschiedene heilsgeschichtliche Epochen (Bündnisse) finden (z.B. den abrahamitischen Bund, den Bund der Landverheißung usw.) und in diesen Epochen gibt es auch unterschiedliche Kodexe (Verhaltensrichtlinien, -kataloge, Vertragsrichtlinien, Gesetzessammlung), so z.B. den Eden-Kodex, den adamitischen, den nohaitischen, den mosaischen und den christlichen Kodex.

Jeder Kodex enthält z.T. die gleichen Gebote wie im vorherigen Kodex und z.T. auch neue Gebote. Im Garten Eden bspw. durften die Menschen nicht vom Baum der Erkenntnis essen, das spielte für die Menschen danach keine Rolle mehr, da sie ja nicht mehr im Paradies lebten und keinen Zugang mehr zu den Bäumen im Garten Eden hatten.

Oder ein weiteres Beispiel: Adam und Eva durften nur samentragendes Kraut und Obst essen, die Menschen nach der Sintflut durften alles essen was sich regt, jedoch ohne Blut. Im mosaischen Gesetz wurde das Ganze dann noch viel weiter in ausführliche Speisevorschriften ausdifferenziert.

Ich habe meinen Führerschein in Deutschland erworben und hier in Deutschland fahre ich nach der deutschen Straßenverkehrsordnung. Wenn ich jetzt nach England ziehe, kann ich zwar noch meine Fahrerlaubnis verwenden, ich muss auch immer noch an roten Ampeln halten und darf bei grünen Ampeln fahren, aber ich muss auf der linken Straßenseite fahren. Die englische Straßenverkehrsordnung ist in manchen Punkten gleich und in manchen Punkten unterschiedlich. Aber für mich gilt in England nicht mehr die deutsche, auch nicht die deutsche und die englische, sondern ausschließlich die englische Straßenverkehrsordnung.

Daher gelten für mich also heute nicht ein paar Gebote aus dem Alten Bund (z.B. die zehn Gebote, Zehnten geben, sexuelle Reinheit vor der Ehe, Sabbatgebot) und andere nicht (z.B. kein Schweinefleisch essen, keine Muscheln essen, seinen Bart nicht schneiden, keine unterschiedlichen Stoffe anziehen), sondern es gelten nur die Gebote des Neuen Bundes.

Paulus sagt denen, die sich beschneiden lassen wollten, um so das Gesetz zu erfüllen:

„Ich weise jeden, der sich beschneiden lassen will, noch einmal mit allem Nachdruck darauf hin: Mit seiner Beschneidung verpflichtet er sich, das ganze Gesetz zu befolgen.“ (Gal. 5,3 NGÜ)

Wie absurd dies wäre, wird z.B. in dem folgenden sehr spöttischen und bibelkritischen Brief an eine US-Radiomoderatorin deutlich. Ich lese nur ein paar Auszüge:

Ich würde gerne meine Tochter in die Sklaverei verkaufen, wie es in Exodus 21:7 erlaubt wird. Was wäre Ihrer Meinung nach heutzutage ein angemessener Preis für sie?

Ich weiß, dass ich mit keiner Frau in Kontakt treten darf, wenn sie sich im Zustand ihrer menstrualen Unreinheit befindet (Lev. 15:19-24). Das Problem ist, wie kann ich das wissen? Ich hab versucht zu fragen, aber die meisten Frauen reagieren darauf pikiert.

Lev. 25:44 stellt fest, dass ich Sklaven besitzen darf, sowohl männliche als auch weibliche, wenn ich sie von benachbarten Nationen erwerbe. Einer meiner Freun- de meint, das würde auf Mexikaner zutreffen, aber nicht auf Kanadier. Können sie das klären? Warum darf ich keine Kanadier besitzen?

Ich habe einen Nachbarn, der stets am Samstag arbeitet. Exodus 35:2 stellt deut- lich fest, dass er getötet werden muss. Allerdings: Bin ich moralisch verpflichtet ihn eigenhändig zu töten?

Ich weiß aus Lev. 11:16-8, dass das Berühren der Haut eines toten Schweines mich unrein macht. Darf ich aber dennoch Fußball spielen, wenn ich dabei Hand- schuhe trage?

Wir sind heute frei vom Gesetz des Alten Bundes und frei dazu nach den Geboten Jesu, den Geboten des Neuen Bundes zu leben. Nicht um eine formal-juristische Pflichten zu erfüllen, sondern aus Liebe zu Jesus und zu den Menschen. Dabei ist der Heilige Geist in uns unser Motor, denn im Neuen Bund ist uns das Gesetz in unser Herz geschrieben (Jer. 31,33).


4. Die Bedeutung des Sabbats für uns als Christen

Da Jesus aber trotzdem in einem jüdischen Kontext gelebt und gelehrt hat, lassen sich manche seiner Anweisungen nicht in einem heidnischen Kontext anwenden oder zumindest nicht so einfach übertragen (z.B. Wie oft werden wir gezwungen jmd. eine Meile zu begleiten?) oder es haben sich neue Sachverhalte ergeben, zu denen Jesus sich nie direkt geäußert hatte (z.B. der Umgang mit Götzen-opferfleisch).
Deshalb hat er die Apostel mit etwas Besonderem ausgestattet. Mit dem Recht zu „Binden“ und zu „Lösen“ (Mt. 16,19). Das hat jetzt nichts mit dem Lösen irgendwelcher dämonischen Bindungen zu tun, sondern sie durften für die Gemeinde festlegen, was verboten ist und was erlaubt ist. Dies wurde im heidenchristlichen Kontext dann auch des öfteren benötigt.

Zurück zur Ausgangsfrage. Was sagt Jesus zum Sabbat? Außer der bereits erwähnten Bibelstelle in der Kontroverse mit den Pharisäern sagt Jesus nichts. Jesus wiederholt alle der zehn Gebote des Alten Bundes, aber nicht das Sabbat-Gebot. Müssen wir jetzt Sonntags wieder arbeiten?

Unsere Hoffnung ist nun Paulus. Er ist der Apostel der Heiden. Er war von Jesus beauftragt uns das Evangelium zu bringen und zu erklären. Paulus, was sagst Du?

„Niemand soll euch also Vorhaltungen machen wegen dem, was ihr esst oder trinkt oder was ihr an den Festen, am Neumondstag oder am Sabbat tut.“ (Kol. 2,16 NGÜ)

Wie jetzt? - Und weiter:

„Der eine hält einen Tag vor dem anderen, der andere aber hält jeden Tag gleich. Jeder aber sei in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt!“ (Röm. 14,5 Rev. Elb.)

Mit anderen Worten: Gott gibt uns durch Paulus die absolute Freiheit, ob wir den Sabbat oder einen anderen Tag (also Sonntag) als Ruhetag feiern - oder nicht. Auch der Apostel-konzil (Apg. 15) hat dazu keine Vorgaben gemacht. Da ging´s um Unzucht und um Götzendienst und um Blutwurst, aber kein Wort zum Sabbat.

Warum war das so? Ich denke, es könnte vier Gründe haben:

1. Die Christen in Israel hatten keine Probleme den Sabbat zu feiern - und haben dies auch getan - da der Sabbat ja bereits ein Feiertag war. Außerhalb Israels war dies nicht der Fall. Der Sabbat war Werktag. Sie hätten gar nicht die Möglichkeit einen Ruhetag einzulegen. Kein Herr hätte es geduldet, wenn seine Knechte und Mägde, seine Sklaven regelmäßig für einen Tag der Woche die Arbeit eingestellt hätten. (Der Sonntag als Tag der Arbeitsruhe für alle hat sich übrigens erst im 6. Jahrhundert durchgesetzt. Für die Stadtbevölkerung gab es ihn im römischen Reich ab dem 4. Jahrhundert. Zuvor gab es verschiedene religiöse Feiertage.)

2. Während im alten Bund zumindest ein Tag der Woche ganz Gott gehören sollte, also für Gott geheiligt war, gehört ja jetzt alles Gott. Das ganze Leben soll für Gott geheiligt sein (Röm. 12,1), nicht nur ein spezieller Tag.

3. Viele der Gebote die aus dem Alten Bund von Jesus und den Aposteln übernommen wurden, sind ethisch-moralische Richtlinien. Die kultisch-zeremoniellen Gebote wurden nicht
übernommen. In diese Kategorie könnte man auch das Sabbat-Gebot einordnen.

4. Der Sabbat hatte heilsgeschichtlich für die Heidenchristen nicht dieselbe Bedeutung wir für die Juden bzgl. der Befreiung aus Ägypten. Es gab also zumindest in dieser Hinsicht keinerlei Veranlassung ihn überhaupt einzuführen. Zum Gedenken an das Erlösungswerk Christi gab es das Abendmahl als regelmäßige Feier.


5. Die christliche Versammlung am Sonntag

Und dies wurde auch regelmäßig getan:

„Am ersten Tag der Woche aber, als wir versammelt waren, um Brot zu brechen“ (Apg. 20,7 Rev. Elb.)

Bereits nach kurzer Zeit haben die Christen angefangen sich regelmäßig am ersten Tag der Woche (also am Sonntag) zu treffen um Abendmahl zu feiern, Gemeinschaft zu haben, Gottesdienst zu feiern. Sie wurden von keinem der Apostel dazu aufgefordert. Nirgends findet sich eine Bibelstelle, die dies anordnet, aber es war auch nie strittig, es wurde auch nirgends widerrufen. Es scheint, als ob der Heilige Geist dies eigenständig initiiert hat und es sich sehr schnell überall durchgesetzt hat.

Wie wurde es begründet? Ich habe eingangs erwähnt, dass die Sabbatfeier bei den Juden mit der Schöpfung und mit der Errettung begründet wird. Auch hier finden wir wieder diese beiden Elemente: Christus ist am Sonntag auferstanden. Er ist die erste neue Schöpfung. Und sein Erlösungswerk wird im Abendmahl gefeiert. Also wieder Schöpfung und Erlösung. Ja, in Christus fällt sogar beides zusammen.

Justin der Märtyrer schreibt im Jahr 165 n. Chr in seiner ersten Apologie (Verteidigungsschrift):

„An dem Tage, den man Sonntag nennt, findet eine Versammlung aller statt, die in Städten oder auf dem Lande wohnen; dabei werden die Denkwürdigkeiten der Apostel oder die Schriften der Propheten vorgelesen, solange es angeht....Am Sonntage aber halten wir alle gemeinsam die Zusammenkunft, weil er der erste Tag ist, an welchem Gott durch Umwandlung der Finsternis und des Urstoffes die Welt schuf und weil Jesus Christus, unser Erlöser, an diesem Tage von den Toten auferstanden ist.“

Die ersten Christen blieben beständig in dieser Gemeinschaft, sie hielten hartnäckig daran fest, sie ließen nicht nach (Apg. 2,42). Es zog sie zueinander und zur gemeinsamen Feier des Gottesdienstes. Sie hatten keinen Sabbat, keinen freien Sonntag, sie hatten keinen wöchentlichen Ruhetag, aber sie hatten die gemeinsame Gottesdienst-Feier, die sie nicht missen wollten.

Es findet sich nur eine einzige Bibelstelle im NT, in der die Christen ermahnt werden zum Gottesdienst zu kommen.

„Lasst uns aufeinander achthaben, um uns zur Liebe und zu guten Werken anzureizen, indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei einigen Sitte ist, sondern einander ermuntern, und das umso mehr, je mehr ihr den Tag herannahen seht!“ (Hebr. 10, 24.25 NGÜ)

Dies wird m. M. deshalb nur einmal im NT erwähnt, weil es damals noch kein Problem dargestellt hat. Die Christen wollten sich versammeln! Sich nicht „um Christus“ und „zu einander“ zu versammeln, wäre für sie so gewesen, als wenn sie den Glauben verleugnet hätten.

Es spielt dabei keine Rolle, ob sich die Gemeinde am Freitag, Samstag oder Sonntag versammelt. Wichtig ist, dass sie sich versammelt und man dieser Versammlung nicht fern bleibt!


6. Schluss

Wir haben heute den Vorzug - ähnlich wie Israel den Sabbat - den Sonntag als arbeitsfreien Tag zu genießen. Für die religiösen Juden ist der Sabbat nicht einfach ein arbeitsfreier Tag, sondern ein Tag des Besinnens auf Gott, des Nachsinnens über seinem Wort, des Studierens und des Eintretens in seine Gegenwart. Sie haben bestimmte Rituale und Zusammenkünfte, mit denen sie ihn am Freitagabend einleiten (begrüßen), am Samstagvormittag feiern und abends wieder verabschieden. Dies waren Hilfsmittel um ihn ganz Gott zu widmen - die aber auch schnell erstarren konnten.

Solche Rituale kennen wir nicht. Wir sind absolut frei den Sonntag zu feiern, wie wir wollen. Dabei ist es sicherlich gut und richtig aus der Schöpfungsgeschichte einen Ruhetag für uns und alle Menschen abzuleiten.

Aber, wir sind frei! Du bist frei am Sonntag zu kochen - zu lernen - zu arbeiten - zu lesen - zu entspannen - zu schlafen - zu reden - Zeit mit der Familie, mit Freunden zu verbringen - Sport zu machen usw...Ganz so, wie Du es vor Gott in Dankbarkeit machen möchtest. Niemand darf Dich richten.

Aber wovor wir gewarnt werden, ist den Gottesdienst zu versäumen. Ihn brauchen wir als gemeinschaftliches Erleben. Gesellige Zeit mit Freunden oder der Familie kann hier kein Ersatz sein. Gemeinschaft fängt da an, wo wir uns um Jesus versammeln.
Gottesdienst ist Teilhabe aneinander, Teilhabe am Leib. Ihn besuche ich nicht wie eine Kino- oder Theatervorstellung. Wenn uns der Sonntag als arbeitsfreier Tag daran hindert gemeinsam Gottesdienst zu feiern und stattdessen anderes zu pflegen, dann hat das „Arbeitsfreie“ seinen Sinn verfehlt.

Die Märtyrer Saturnius, Dativus und ihre Gefährten haben sich im Jahr 304 nicht hinrichten lassen, weil sie am Sonntag nicht arbeiten wollten, sondern weil sie von den Gottesdienstfeiern nicht absehen wollten.

Wir müssen nicht unser Leben riskieren, sondern dürfen gefahrlos daran festhalten.



AMEN.