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Sonntag, 1. Dezember 2019

Predigt von Norbert Wohlrab (01.12.19)

 Freude am Herrn.mp3

Neh. 8,10 Die Freude am Herrn


Ich möchte heute über einen Vers aus dem Buch Nehemia sprechen.

(Es ist schon seltsam, dass ich bei Euch meistens über einen alt. Text predige, was ich sonst eigentlich eher selten mache. Hängt das irgendwie mit dem Namen zusammen? Als so eine Art Antikörperreaktion. Oder liegt es doch an Eurem Alter?
Man muss da ja vorsichtig sein, was man so sagt. Neulich im Büro, bei unserer morgendlichen Kaffeerunde - Sozialarbeiter - ist mir mein Schlüssel runter gefallen, und als ich ihn dann wieder aufgehoben habe, meinte eine junge Kollegin: „Na, das schaut ja nicht mehr so besonders geschmeidig aus.“ Zu mir kann man sowas ja sagen. Wir haben dann über Dehnübungen, Physiotherapie, Yoga usw. gesprochen und dann meinte eine ältere Kollegin, das sie da so ein bestimmtes Yoga macht, das sehr gut für ihren Rücken ist, ihr fällt bloß gerade der Name nicht ein. Ich meinte dann: „Yoga für Ältere.“ Daraufhin bekam ich nur ein Wort als Kommentar: „A…loch.“ Insofern, ich habe gelernt: man darf nicht immer alles sagen. Besonders nicht zu Frauen. Jetzt aber zu unserem Bibelvers.)

Ich mache es jetzt mal so wie den Herrenhuter. Ich reiße den Vers mal aus seinem Zusammenhang. Normal mache ich das ja nicht. Aber tun wir mal so, als hätten wir einen Losungsvers vor uns.

„darum seid nicht bekümmert, denn die Freude am HERRN ist eure Stärke!“ (Neh. 8,10 Schlachter)

Bevor wir uns dann später den Zusammenhang dieses Verses anschauen, lassen wir ihn erst mal ganz isoliert in verschiedenen Übersetzungen auf uns wirken.

„Und seid nicht bekümmert, denn die Freude am HERRN, sie ist eure Zuflucht!“
(Zürcher)

„Macht euch keine Sorgen, denn die Freude am Herrn umgibt euch wie eine schützende Mauer.“ (GN)

„Lasst den Mut nicht sinken, denn die Freude am HERRN gibt euch Kraft!“ (HfA)

„Seid nicht traurig, denn die Freude am Herrn ist eure Zuflucht!“ (NLB)

„Und seid nicht bekümmert, denn die Freude am HERRN, sie ist euer Schutz!“ (Rev. Elb.)

Und zu guter letzt:

„Macht euch keine Sorgen! Sich an Gott zu freuen ist wie eine Impfung gegen Frust!“  (Volxbibel)

Mach Dir keine Sorgen! Sei nicht bekümmert! Oder einfach gut fränkisch: Dou di ned oh!

Wir haben den Vers vor kurzem im Hauskreis gelesen und dann festgestellt, so als Ermutigung, als Zuspruch von Gott, tut das jetzt erst mal richtig gut: Sei nicht bekümmert! Mach Dir keine Sorgen! Erst mal durchatmen.

Aber trotzdem, das ist ja jetzt erstmal einfach gesagt. Sich nicht zu bekümmern, sich keine Sorgen zu machen, was ist, wenn es aber nun doch tatsächlichen Grund zur Sorge gibt?

Wenn man nicht weiß, wie die ganzen Rechnungen bezahlt werden können.
Wenn man nicht weiß, wie es gesundheitlich weiter gehen wird.
Wenn man nicht weiß, wie lange man seine Stelle noch behalten wird.
Wenn man nicht weiß, wie man mit der mageren Rente zurecht kommen soll.
Wenn die Ehe vor dem Aus steht oder die Beziehungen zu den Kindern zerrüttet sind.
Wenn ein Kind schwer erkrankt ist, wenn man einsam ist….und und und.
Es gibt viele Anlässe, die tatsächlich berechtigten Grund zur Sorge geben.

Als Mitarbeitervertreter (Betriebsrat) habe ich viel mit Belastungen am Arbeitsplatz zu tun und da habe ich neulich einen Artikel aus der ZEIT gelesen über Erkrankungen am Arbeitsplatz. Und da erzählte eine Betriebsärztin von einer jungen Auszubildenden, die gesagt hat: „Wenn ich mit dem Gespräch hier fertig bin, fahre ich mit dem Aufzug nach oben und spring runter.“ (Sie hat es dann glücklicherweise nicht getan, sondern konnte überzeugt werden, freiwillig in die Psychiatrie zu gehen.)

Es gibt sie, die Belastungen durch die Arbeit, die Belastungen des Lebens, die die Existenz bis ins Mark erschüttern.

Seid nicht bekümmert? Seid nicht traurig? Lasst den Mut nicht sinken? - Drei - Zwei - Eins - Schnipp! - Weg?

Aber unser Vers geht ja weiter. Es braucht die Freude am Herrn! Sie ist Kraft, Schutz, Zuflucht, Burg!

Aber was ist das eigentlich? Freude am Herrn?

Freude kann man ja nicht so einfach verordnen. Freude kann man auch nicht so einfach machen. Freude ist ja in unserem Verständnis zunächst einfach mal eine Emotion. Ein Gefühl, das in mir entsteht als Reaktion auf irgendwas. Und da hakt es schon. Bei mir zumindest.

Ich bin ja eher so der ausgeglichene Typ. Mich regt selten was auf. „Passt scho“ gilt irgendwie immer.
Meine Gefühle laufen so fast wie eine Nullkurve gleichmäßig vor sich hin, mit minimalen Ausschlägen nach oben und unten -  bei Hunger und Durst bspw. oder bei Toren und Gegentoren.
Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt kenne ich eher selten und übermäßige Gefühlsäußerungen sind mir auf jeden Fall suspekt, wenn sie nicht ohnehin unter Hysterie einzuordnen sind. Okay, ich habe jetzt geringfügig übertrieben.

Wikipedia schreibt: „Freude ist der Gemütszustand oder die primäre Emotion die als Reaktion auf eine angenehme Situation oder die Erinnerung an eine solche entsteht. Je nach Intensität äußert sie sich als Lächeln, Lachen, Freudenschrei oder in einem Handeln"

Freude ist als Emotion auf jeden Fall etwas Vorübergehendes, etwas das für eine bestimmte Zeitspanne in uns entsteht. Kann so etwas Kurzfristiges zur Stärke werden?

Ich denke, dass hier in unserem Vers mehr gemeint ist, als nur eine vorübergehende Emotion, mehr als ein kurzes sich-über-Gott-freuen, sondern eher eine tiefgehendere Haltung oder Einstellung. Etwas Umfassenderes, etwas Ganzheitlicheres. Etwas das dem Leben Struktur und Rahmen gibt.

Ich hätte hier wahrscheinlich eher geschrieben: der Glaube ist Eure Stärke, das Verwurzeltsein in Gott ist Eure Stärke, das Vertrauen auf Gott ist Eure Stärke, das Getragensein usw. ist Euer Schutz. Gott nahe zu sein ist Eure Stärke, Euer Schutz..

Aber vielleicht hängt das ja alles auch irgendwie zusammen?

„Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte / und meine Zuversicht setze auf Gott den HERRN“ (Ps. 73, 28 Luther)

„Ich aber: Gott zu nahen ist mir gut. Ich habe meine Zuversicht auf den Herrn, HERRN, gesetzt, zu erzählen alle deine Taten.“ (Rev. Elb.)


Hier haben wir es zusammen. Gott nahe zu sein ist meine Freude, mein Glück, wie es in anderen Übersetzungen heißt. Das war übrigens die Jahreslosung 2014. Es gibt hier auch ein schönes Lied dazu von Arne Kopfermann. Und auf unserer Gemeindefreizeit wurde dazu sogar Walzer getanzt.

Der Asaf hatte hier genau unser Problem. Er war zutiefst bekümmert über die Umstände in seinem Leben und hat erkannt, durch die Nähe Gottes, durch das In-Gott-Sein konnte er über die Umstände hinwegblicken. Er konnte sie nicht ändern, aber dadurch konnte er seine Einstellung ändern und Glück und Freude empfinden.

Wenn also Esra hier von der „Freude am Herrn“ spricht, dann hängt das zusammen mit dem sich zu Gott halten, ihn suchen, ihn nahe sein, dann ist das nichts, was man als guter Israelit am Gürtel ständig mit sich trägt, sondern etwas was durch das sich-Gott-nähern - in welcher Form auch immer - entsteht.

Freude erwächst beispielsweise aus der Dankbarkeit. Aus dem Erinnern an das was Gott Gutes in der Vergangenheit bereits getan hat. Beim Volk Israel war es das regelmäßige Erinnern an den Auszug an Ägypten, die Versorgung in der Wüste und der Einnahme des gelobten Landes. Oder aus der Dankbarkeit für die eingebrachte Ernte usw.

Als Martin Luther einmal eine depressive Phase durchlitt, hatte seine Frau einen interessanten Einfall. Sie trat ihm in Trauerkleidern entgegen. Er erschrak: "Wer ist gestorben?"
"Unser Herrgott!", sagte sie.
Da musste er lächeln: "Ei, du Närrlein, … Solche Scherze stehen dir übel!"
Aber sie antwortete: "Doch - unser Herrgott muss gestorben sein. Sonst könnte mein Martinus nicht so traurig sein!" - Jetzt ging ihm ein Licht auf.
Er umfasste sie mit beiden Armen: "Ja, du hast Recht, ich darf nicht traurig sein, da mein Herrgott im Himmel lebt, und seine Wege Güte und Weisheit sind.“
(Quelle: https://www.erf.de/erf-plus/audiothek/wort-zum-tag/nehemia-8-10/73-4262)


Freude an Gott hat auch was zu tun mit Feiern, Singen, Gemeinschaft. Freude ist ganzheitlich. Freude will ganzheitlich erfahren werden, will ausgedrückt, ausgelebt werden. Das jüdische Glaubensverständnis ist ohnehin ein Ganzheitlicheres. Zum Leben gehört Freude. Und die Freude an Gott wird im Leben gelebt, gefeiert, ausgedrückt. Das wusste auch Esra. Deshalb heißt es nämlich unmittelbar vor und nach unserem Vers:

„Und Esra sprach zu ihnen: Geht hin und esst fette Speisen und trinkt süße Getränke…Und alles Volk ging hin, um zu essen, zu trinken und davon auszuteilen und ein großes Freudenfest zu feiern“ (Neh. 8, 10.12 Luther)

Fette Speisen, süße Getränke, vermutlich ist hier süßer Wein gemeint, gemeinsam feiern, das alles ist Ausdruck der Freude an Gott. Die Juden sind nicht prüde und lebensverneinend, sondern das gemeinsame Feiern als Teil des Lebens entspringt aus der Freude über Gott, aus der Dankbarkeit an ihn als Geber aller guten Gaben.

Jetzt sind wir schon ein bisschen angelangt beim eigentlichen Kontext unseres Verses. Was war die Situation?

In den Büchern Esra und Nehemia lesen wir vom Wiederaufbau Jerusalems nach dem babylonischen Exil. Und am Ende versammelte sich das ganze Volk, damit ihnen das Gesetz vorgelesen und erklärt werden konnte. Und am Ende dieses Vorgangs heißt es:

„alles Volk weinte, als sie die Worte des Gesetzes hörten“ (V. 9 Luther)

Das ganze Volk weinte. Es steht nicht dabei warum. Haben sie geweint, weil sie erkannt haben, wie fern sie Gott waren? Ein Erschrecken, eine Bestürzung über die eigene Schuld sozusagen? Haben sie angefangen zu erahnen, wie Gott sie sich als Volk und als Individuen eigentlich vorgestellt hat? War ihnen deshalb zum Heulen zumute?

Oder haben sie geweint, weil sie verstanden haben, welch ungeheure Aufgaben Gott ihnen mit diesen über 600 Geboten zumutet und welcher Strafenkatalog sie in Zukunft erwarten wird? Vielleicht ja auch beides gleichzeitig?
Sie haben gleichzeitig erkannt wie fern sie Gott waren und welch immensen Anstrengungen es sie kosten wird in Zukunft immer alles richtig zu machen. Und es wird ihnen doch nicht gelingen. Eigentlich eine unglückliche Situation. Und in diese Situation hinein sagt Nehemia:

„seid nicht traurig und weint nicht! Denn alles Volk weinte, als sie die Worte des Gesetzes hörten. Und Esra sprach zu ihnen: Geht hin und esst fette Speisen und trinkt süße Getränke und sendet davon auch denen, die nichts für sich bereitet haben; denn dieser Tag ist heilig unserm Herrn. Und seid nicht bekümmert; denn die Freude am HERRN ist eure Stärke.“ (V. 9b.10 Luther)
Eigentlich heißt diese Stelle: Verzweifelt nicht an Eurer Schuld und Eurer Unzulänglichkeit, sondern schaut auf dem Herrn und freut Euch an ihm. 

Es geht hier eigentlich gar nicht um einen Zuspruch für alle Widrigkeiten des Lebens, sondern es geht um Trost für all diejenigen, die zerbrochen und gedemütigt sind durch das Erkennen der eigenen Sündhaftigkeit, der eigenen Gottesferne.

Ich habe überlegt, welche Stelle im NT etwas Ähnliches aussagt. Und da ist mir diese eingefallen. Jesus spricht hier:

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Mt. 11, 28 - 30 Luther)
Auch hier spricht Jesus wohl zu denen, die beladen sind mit ihrer Schuld, die gedrückt werden vom Gesetz und auch noch von manch zusätzlichen Lasten, die die Pharisäer der Bevölkerung auferlegt haben. Er verheißt ihnen diese Lasten abzunehmen.

Jesus kann das. Das ist der Unterschied. Er hat das Gesetz dauerhaft hinweggetan. Die Lasten gibt es nicht mehr.
Bei Nehemia im alten Bund, sind die Feiern nur so eine Art vorübergehendes Luftholen und Eintauchen in die Liebe Gottes. Die Forderungen des Gesetzes jedoch blieben bestehen.

Wenn wir heute aus der Perspektive des neuen Bundes auf die „Freude am Herrn“ schauen, dann können wir dies auf Grundlage dessen tun, was am Kreuz geschehen ist, was Jesus dort bewirkt hat, aus dem Wissen heraus, das wir in ihm eine Grundlage für vollkommene und ewige Freude haben.

Und da passt es ja auch, dass es auf Weihnachten zu geht. Nicht umsonst heißt es:

„Siehe, ich verkündige euch große Freude“ (Lk. 2,10 Luther)

Die Adventszeit ist ja jetzt eigentlich eine Zeit der Vorbereitung, der Besinnung, des Einkehrens und Innehaltens. Eine Zeit wo wir uns vielleicht neu vornehmen können, Gott in besonderer Weise nahe zu sein.

Faktisch ist sie meist eine Zeit vermehrten Stresses. Das ist ja nicht nur der Mehraufwand durch die Vorbereitung der Feierlichkeiten, sondern es geht ja auch aufs Jahresende zu und im Betrieb müssen viele Prozesse zum Abschluss gebracht werden, Auswertungen gemacht, Rechnungen geschrieben, Statistiken erstellt. Alles ballt sich in den letzten beiden Monaten des Jahres. Und dann auch noch Weihnachten.

Vorhin habe ich ja gesagt, die Freude an Gott und die Nähe zu Gott sind eng miteinander verknüpft. Könnte nicht jetzt die Zeit sein neu in die Nähe Gottes einzutauchen. Und da gibt es viele verschiedene Wege und Möglichkeiten:

  • wenn ich ihm im Gebet mein Herz ausschütte, meine Sorgen mitteile, mein Leid klage, ihm meinen Blues hinbringe sozusagen
  • wenn ich anbete oder Lobpreislieder singe
  • wenn ich ihm danke für all das Gute in meinem Leben
  • wenn ich mich hinsetzte und einfach Lobpreismusik höre
  • wenn ich einfach mal still bin vor ihm und sage „Ich bin jetzt einfach hier.“
  • wenn ich Bibel lese oder Bibelverse ausspreche
  • wenn ich Gemeinschaft mit Geschwistern habe
  • wenn ich seinen Segen empfange oder weiter gebe
  • wenn mich neu sein Heiliger Geist erfüllt
  • wenn ich das Abendmahl empfange
  • wenn ich andern Gutes tue oder mir Gutes tuen lasse
  • wenn ich über seine Schöpfung staune
  • uvm. ……

All das sind Wege in die Nähe Gottes und damit in die Freude am Herrn.

Einen letzten Punkt habe ich noch. Etwas das auch stark mit Freude verbunden ist, ist Tanz. Das Tanzen vor Freude hatte und hat in der jüdischen Kultur einen großen Stellenwert.

H. ist ja gerade in Asien auf einem globalen Nehemia-Kongress (schon wieder Nehemia). Und H. hatte dort Geburtstag. Und er hat Videos geschickt, wie ihm zum Geburtstag gratuliert wurde. Und ich weiß jetzt nicht, ob das eine besondere Challenge war, aber die haben ihm tanzend gratuliert. Die kamen mit den vielen Geburtstagstorten angetanzt und haben gesungen. Habt Ihr schon mal jmd. tanzend zum Geburtstag gratuliert? Nein, ich auch nicht. Das ist in unserer Kultur unbekannt. Aber es ist ein legitimer Ausdruck von Freude.

Manchmal möchten wir uns freuen, aber sind innerlich blockiert. Kein Wunder, wenn wir den ganzen Tag nur im Bürostuhl sitzen. Und dann braucht unsere Seele Befreiung. Devil, come out! Bewegung tut uns nicht nur körperlich gut, sondern auch unserer Seele, unserer Psyche, unserem Gemüt. Und vielleicht probiert Ihr es ja bei der nächsten Gebetszeit zu Hause mal aus und fangt an beim Lobpreis zu tanzen.

AMEN.



Sonntag, 13. März 2016

Predigt von Norbert Wohlrab (13.03.2016)

Mühselig und beladen. mp3


Mühselig und beladen


1. Einleitung

Für den heutigen Sonntag ist mir ein Bibeltext aus dem Matthäus-Evangelium wichtig geworden, den wir alle nur zu gut gehen:

„Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben. Nehmt auf euch mein Joch, und lernt von mir! Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und "ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen“; denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Mt. 11, 28-30 Rev. Elb.)

 
Jesus spricht also: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ Dieser Vers ist uns allen bekannt, egal ob wir nun Anfänger im Bibellesen sind oder sie noch gar nicht gelesen haben oder schon Fortgeschrittene sind. Diese Einladung, den sogenannten Heilandsruf haben wir irgendwo schon mal gehört Er ist uns allen vertraut.

Ich habe im Internet ein Beispiel gelesen, dass wenn ich jetzt in einer afroamerikanischen Gemeinde irgendwo in New York, in Harlem oder Brooklyn fragen würde: „Wer von Euch ist denn beladen?“, dann würde sofort ein großer Teil der Anwesenden die Hände heben und nach vorne stürmen, weil genau sie sich mühselig und beladen fühlen und Gebet brauchen. Der Rest der Gemeinde würde das Ganze mit lauten Singen und Beten und „Halleluja“- und „Amen“-Rufen begleiten. Aber auch sie würden sich selbst selbstverständlich als mühselig und beladen definieren.

Und hier bei uns?
Haben nicht auch wir vielfach schwer zu tragen in unserem Leben?
Sind nicht auch wir häufig schwer belastet und beladen?
In unserem Alltag: in der Arbeit, in der Familie? Oder durch Krankheit und Leid ?

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Mt. 11,28 Luther)

Brauchen nicht auch wir diese Erquickung, wie es Luther übersetzt?

Wünschen wir uns nicht, dass irgendwie alles gut wird, alle Probleme werden gelöst, endlich auftanken, rund-um-versorgt sein wie ein Säugling an der Brust der Mutter, all-inclusive wie auf dem Kreuzfahrtschiff, Sonne und Strand, Karibik und Cocktails, Wellness bis zum Abwinken, Auszeit und Massage, ganzheitliche Erquickung aus dem Gebetsautomaten Gottes, alles wird gut. Eine Art christliches Schlaraffenland.

Liebe Gemeinde, ich habe jetzt bewusst überzeichnet, aber solche oder zumindest so ähnliche Gedanken haben wir schon beim Lesen dieses Verses:

„Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen.“ (Mt. 11,28 NGÜ)

aber ich befürchte, Jesus meint hier etwas ganz anderes.



2. Befreiung von religiösen Lasten

Gewiss werden wir im NT - Gott sei Dank - eingeladen unsere Sorgen und Nöte ihn hinzubringen, auf ihn zu werfen und loszulassen. Und ich weiß gar nicht, wie ich ohne dies leben könnte. Das Leben wäre zumindest viel schwerer, düsterer, belasteter. Aber hier bei diesem Heilandsruf geht es Jesus um eine ganz andere, um eine ganz spezielle Art von Last.

Vergegenwärtigen wir uns zunächst einmal das Umfeld an in dem Jesus hier diese Aussage trifft. Jesus ist gerade mit seinen Jüngern in Galiläa unterwegs um das Reich Gottes zu verkünden. Da kommt eine Gruppe von Johannesjüngern zu ihm. Sie wollen wissen, ob Jesus der Messias ist. Er spricht dann zu einer nicht genauer definierten Menge, die sich also aus seinen Jüngern, den Johannesjüngern und den übrigen Menschen zusammen setzt, die gekommen sind um ihn zu hören.

Diese Menschen haben alle (oder zumindest zum größten Teil) etwas gemeinsam: es sind fromme, religiöse Menschen.
Die Zeit Jesu war allgemein eine Zeit hoher Frömmigkeit im Judentum. Es gab keine Hurerei mit fremden Göttern. Es gab viele radikale religiöse Gruppen und Sekten, die Pharisäer und Sadduzäer, die Essener uvm. Außerdem gab es eine hohe Messias-Erwartung. Erst hat man gedacht, Johannes könnte der Gesalbte sein, nun fragt man sich, ob Jesus es sein könnte.

Seine Zuhörer sind also größtenteils Menschen, die versuchen „richtig“ zu leben, die versuchen nach dem Willen Gottes zu leben. Menschen die das Gesetz und die religiösen Vorschriften der damaligen Zeit kennen und danach streben, sie zu befolgen. Menschen die versuchen, die 613 Gebote des AT plus die zahlreichen weiteren Vorschriften der Pharisäer usw. einzuhalten. Es sind Menschen, die nach dem Frieden mit Gott, nach Erlösung, nach Ruhe in Gott suchen und sie durch das Befolgen der Gesetze und Vorschriften zu erlangen hoffen.

Und mit diesen Vorschriften und Gesetzen plagen und quälen sie sich ab. Von ihnen werden sie erdrückt. Die Gebote und das Gesetz sind schon schlimm genug und unhaltbar. So schlimm, dass Paulus sie als Dienst des Todes bezeichnet (2. Kor. 3,7). Aber nun kommen auch noch die Pharisäer mit ihren zusätzlichen Vorschriften, von denen Jesus sagt:

„Sie binden aber schwere und schwer zu tragende Lasten zusammen und legen sie auf die Schultern der Menschen. (Mt. 24,4 Rev. Elb.)

Hiermit haben sich die Menschen geplagt. Damit haben sie gekämpft und gerungen. Sie waren mühselig. Hatten also Mühe für ihre Seele, in der deutschen Übersetzung des Wortes kommt das ganz gut rüber.
Die Frage, die sie gequält hat, war auch die uns bekannte Frage eines Martin Luthers: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“
„Wie bekomme ich Frieden mit Gott?“
„Wie kann ich in die Ruhe Gottes eingehen?“

Und Ruhe meint hier ja nicht nur: cool down, chillen und immer schön locker bleiben. Es meint die Ruhe durch den Frieden mit Gott.

„So spricht der HERR: Tretet auf die Wege, seht und fragt nach den Pfaden der Vorzeit, wo denn der Weg zum Guten sei, und geht ihn! So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ (Jer. 6,16 Rev. Elb.)

Es geht hier also nicht um die Mühsal des Alltags:

  • um die Lasten die ein Bauer bei der kargen Erntearbeit zu tragen hat oder
  • um die kinderlose Witwe deren Mann zu früh verstorben ist und die nun von Almosen leben muss oder
  • um den Sklaven, der unter den Gewaltausbrüchen seines Herrn zu leiden hat oder
  • um den Viehhirten, der einen Arm beim Kampf gegen einen Berglöwen verloren hat usw.

Diesen Alltagsnöte von Tausenden hätte Jesus als einzelner Mensch ja auch gar nicht abhelfen können. Allerhöchstens punktuell. Hier hätte er viele enttäuschen müssen. Nein, ihm geht es hier um das Seelenheil.

„Kommt zu mir“ ist der weitgehend identische Ruf mit dem uns bekannten „Folget mir nach“. Es geht um die Einladung sein Heil, seine göttliche Ruhe in Jesus zu finden. Ruhe für die Seele, nicht durch das ängstliches Befolgen von Vorschriften und durch Abmühen, sondern durch das Annehmen des Geschenkes der Gnade, des Heils aus seiner Hand.

Es gibt einen Text beim Propheten Jesaja, an dem ich in diesem Zusammenhang wieder denken musste:

„Auf, ihr Durstigen, alle, kommt zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt, kauft und esst! Ja, kommt, kauft ohne Geld und ohne Kaufpreis Wein und Milch! Warum wiegt ihr Geld ab für das, was kein Brot ist, und euren Verdienst für das, was nicht sättigt? Hört doch auf mich, und esst das Gute, und eure Seele labe sich am Fetten! Neigt euer Ohr und kommt zu mir! Hört, und eure Seele wird leben! Und ich will einen ewigen Bund mit euch schließen, getreu den unverbrüchlichen Gnadenerweisen an David.“ (Jes. 55,2 Rev. Elb.)

Es gibt kein Geld, keine Mühe, kein Werk, dass es ermöglicht selbst in die Ruhe Gottes zu kommen. Es ist alles umsonst, weil alles umsonst ist. Alles Bemühen ist nutzlos, weil alles gratis ist.


3. Aufruf

„…alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist.“ (Röm. 3, 23.24 Rev. Elb.)

Alle umsonst? Alle, die danach suchen. Die nach der Ruhe, nach dem Heil trachten, die sich Rechtfertigung wünschen. Wenn ich nicht danach suche, kann ich den Heilandsruf ja auch nicht hören. Wenn ich kein Interesse am Heil, keine Sehnsucht nach meiner Erlösung habe, kann ich auch nicht hören, wie Jesus mich einlädt zu ihm kommen und zu glauben, dass er der Heiland ist, dass er für mein Heil vorgesorgt hat.

Aber wenn ich es höre, dann kann ich sagen: „Ja, Herr. Ich glaube! Ich erkenne, dass ich ein Sünder bin und ich brauche Deine Vergebung und nehme sie für mich persönlich an. Danke, dass Du für meine Schuld gestorben bist.“ 


So wird man Christ. Nicht durch ein bisschen Wasser auf den Kopf in einer Lebensphase, wo der Kopf noch gar nicht richtig ausgebildet ist, sondern durch das persönliche Annehmen der Vergebung Gottes ermöglicht durch den Tod von Jesus Christus am Kreuz. Denn auch wenn es für mich umsonst ist, hat es Jesus doch einiges gekostet.

Und dann passiert es: kaum mal nicht aufgepasst, schon hab ich ein Joch um den Hals. Es heißt ja, dass wir sein Joch aufnehmen sollen.

Bob Dylan singt in einem Lied :

„You're gonna have to serve somebody,
It may be the devil or it may be the Lord
But you're gonna have to serve somebody.“.


(„Gotta Serve Somebody“, 1979 auf „Slow Train Coming“)

Irgendjemanden musst Du dienen. Irgendein Joch wirst du immer tragen, ob Du willst oder nicht.

Mache ich mich zum Sklaven des Materialismus oder des Konsums?
Trage ich das Joch des beruflichen Erfolges?
Versuche ich mein Heil in der Esoterik zu finden?
Werde ich zum Sklaven meines Freizeitgenusses?
Oder versuche ich einfach nur in aller Selbstbestimmtheit mir mein eigenes Ich als Joch zu zimmern und aufzuerlegen?

Irgendein Joch wirst Du tragen. Der Unterschied ist der, das Joch, das Jesus mir auflegen möchte, ist nicht schwer. Es ist ein leichtes Joch. Es drückt nicht, es schneidet nicht ein. Sein Joch ist sanft, weil er sanftmütig ist. Er fordert uns auf von ihm zu lernen. Er zwingt uns nichts auf.

Sein Joch heißt einfach: „Glaube an mich. Nimm meine Vergebung an. Lebe in meiner Liebe….und gib meine Liebe weiter.“ Und sogar dabei hilft er uns. In einem Joch sind ja zumeist zwei Tiere eingespannt, die gemeinsam daran ziehen. Jesus spannt sich selbst mit ein. Er zieht mit uns. Wir können nicht nur an seinem Vorbild lernen, er gibt uns auch noch den Heiligen Geist, der uns vieles erst ermöglicht.

In den Apokryphen gibt es bei Jesus Sirach einen interessanten Text, der sowohl Elemente des Heilandsrufs, als auch der vorhin gelesenen Stelle aus Jesaja beinhaltet. Dort ist es die Weisheit, die beschrieben wird. Die Weisheit ist ja vielfach auch ein Bild für Jesus.

„Kehrt bei mir ein, ihr Unwissenden, verweilt in meinem Lehrhaus! Wie lange noch wollt ihr das alles entbehren und eure Seele dürsten lassen? Ich öffne meinen Mund und sage von ihr: Erwerbt euch Weisheit, es kostet nichts. Beugt euren Nacken unter ihr Joch und nehmt ihre Last auf euch! Denen, die sie suchen, ist sie nahe, und wer sich ihr ganz hingibt, findet sie. Seht mit eigenen Augen, dass ich mich nur wenig bemühte, aber viel Ruhe gefunden habe. Hört auf meine knapp bemessene Lehre! Durch sie werdet ihr viel Silber und Gold erwerben. Eure Seele freue sich an meinem Lehrstuhl, meines Liedes sollt ihr euch nicht schämen.“ (Jesus Sirach 51, 23 - 28 EÜ)



4. Fromme Lasten der Christen

Und wie ist es bei uns Christen, wenn wir schon länger im Prozess der Nachfolge stehen? Sicher, auch wir laufen hin und wieder Gefahr es machen zu wollen, wie das Volk Israel in der Wüste: die Schnauze voll vom Manna zu haben und zurück zu wollen zu den Fleischtöpfen Ägyptens. In einer Art Verklärung der Vergangenheit.

Aber die größte Gefahr liegt eher darin, dass wir hergehen und auf das leichte Joch Jesu noch viele zusätzliche Lasten drauf legen. Auch bei den frommen Juden waren es nicht immer die anderen, die ihnen die Lasten aufgelegt haben, nein, mit vielen Gewichten haben sie sich selbst belastet. Und was ich meine ist, dass wir die Freiheit des Evangeliums mit zahlreichen frommen Lasten verschütten:



  • den Zehnten zu geben
  • keinen Alkohol zu trinken
  • mehrere Stunden am Tag zu beten (Ich war mal auf einem Seminar, da hat der Prediger, der seinen Aussagen zufolge schon mehrere Tote auferweckt hat, gesagt, dass geht nur mit 8 Stunden Gebet täglich. Mir war dann klar, wer wohl nicht dazu berufen ist, Tote aufzuerwecken.)
  • mehrmals täglich in der Bibel zu lesen
  • auf keinen Fall einen Gottesdienst zu versäumen
  • bestimmte Kleidung zu tragen oder nicht zu tragen
  • immer zu lächeln
  • ….

Wie schnell wird aus der Freiheit etwas zu tun oder zu lassen, ein Zwang, eine Pflicht, ein Gesetz, eine Last.
Aus der Freiheit Geld zu geben, wird ein Zwang („einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“ 2. Kor. 9,7 Luther).
Aus der Freiheit in den Gottesdienst zu gehen, wird ein Zwang.
Aus dem Geschenk der Gemeinschaft mit Gott und den Geschwistern, wird ein Zwang.
Aus dem Geschenk des Gebets und der Bibel, wird ein Zwang.
Zwang, Zwang, Zwang.
„Wem der Teufel nicht bremsen kann, den treibt er!“, heißt es.

Versteht mich nicht falsch. Es ist alles richtig. Es ist richtig zu spenden, zu beten, die Bibel zu studieren, in den Gottesdienst zu gehen usw. Aber nicht aus Zwang, aus Leistung, als Gesetz. Denn dann wird es genau wieder zu der Last, die uns Jesus doch abnehmen möchte, sondern aus Freiheit.

„Für die Freiheit hat Christus uns frei gemacht. Steht nun fest und lasst euch nicht wieder durch ein Joch der Sklaverei belasten!“ (Gal. 5,1 Rev. Elb.)


AMEN.