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Mittwoch, 16. November 2022

Predigt von Norbert Wohlrab (13.11.2022)

Das Gleichnis vom Richter und der Witwe

Für die heutige Predigt greife ich wieder auf den offiziellen Predigttextes des Kirchenjahres zurück. Und zwar steht er diesmal in Lukas 18, 1-8: das Gleichnis vom Richter und der Witwe.

Es ist ein uns relativ bekanntes Gleichnis. Ein kurzes Gleichnis. Ein Gleichnis mit eigentlich klaren Aussagen und doch ein paar unklaren Elementen. Ein Gleichnis, dass manche Nuancen enthält, die man auf den ersten Blick überliest und ich muss zugeben, manches davon habe ist mir jetzt auch erst beim Vorbereiten dieser Predigt aufgefallen.

Lesen wir es erst einmal zusammen:

„1 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis dafür, dass sie allezeit beten und nicht ermatten sollten,
2 und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der Gott nicht fürchtete und vor keinem Menschen sich scheute.
3 Es war aber eine Witwe in jener Stadt; und sie kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegenüber meinem Widersacher!
4 Und eine Zeit lang wollte er nicht; danach aber sprach er bei sich selbst: Wenn ich auch Gott nicht fürchte und vor keinem Menschen mich scheue,
5 so will ich doch, weil diese Witwe mir Mühe macht, ihr Recht verschaffen, damit sie nicht am Ende kommt und handgreiflich wird.
6 Der Herr aber sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt!
7 Gott aber, sollte er das Recht seiner Auserwählten nicht ausführen, die Tag und Nacht zu ihm schreien, und sollte er es bei ihnen lange hinziehen?
8 Ich sage euch, dass er ihr Recht ohne Verzug ausführen wird. Doch wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde?“
(Lk. 18, 1 - 8 ELB)


Der Anfang ist ja schon einmal ganz klar. Die Zielsetzung dieses Gleichnisses ist es, die Jünger zum anhaltenden Beten zu ermutigen. Sie sollen - also wir sollen - „allezeit beten und darin nicht nachlassen“ (EÜ), „beständig…beten und nicht auf(zu)geben“ (NLB) oder „unablässig beten…ohne sich entmutigen zu lassen“ (NGÜ). So heißt es in den verschiedenen Bibelübersetzungen. Dieser Vers ist quasi wie eine Überschrift und gleichzeitig auch die Hauptaussage dieser Verse.

Dann lesen wir zunächst von einem Richter. Wie war das damals in Israel mit den Richtern? Im 5. Buch Mose 16, 18-20 lesen wir:

„Richter und Aufseher sollst du dir einsetzen in allen deinen Toren, die der HERR, dein Gott, dir nach deinen Stämmen gibt, damit sie das Volk richten mit gerechtem Gericht. Du sollst das Recht nicht beugen, du sollst die Person nicht ansehen und kein Bestechungsgeschenk nehmen. Denn das Bestechungsgeschenk macht die Augen der Weisen blind und verdreht die Sache der Gerechten. Der Gerechtigkeit ⟨und nur⟩ der Gerechtigkeit sollst du nachjagen, damit du lebst und das Land in Besitz nimmst, das der HERR, dein Gott, dir gibt. (ELB)“

Es waren also in allen Städten (Toren) Richter eingesetzt um Rechtsstreitigkeiten zu regeln und zwar sollten sie dies tun
  • ohne das Recht zu beugen,
  • ohne Ansehen der Person und
  • ohne Bestechungsgeschenke zu nehmen.
Sie sollten vielmehr der Gerechtigkeit nachjagen.

Anders jedoch unser Richter hier in dem Gleichnis. Ihm waren die Maßstäbe der Bibel egal, ihm war Gott egal und die Menschen waren ihm auch egal. Er fragte nicht nach Gott und nahm auf keinen Menschen Rücksicht. Ihm war es egal, was andere über ihn sagten. Er kümmerte sich nicht um Recht und Unrecht. Seine Empathie ging gegen Null. Er dachte nur an seine eigenen Interessen.

Das war wohl nicht der Normalzustand des Rechtswesens zur damaligen Zeit, sondern vermutlich eher eine Ausnahme. Aber Jesus bedient sich in diesem Gleichnis dieser Ausnahme.

Dann haben wir in dieser Stadt auch eine Witwe, der scheinbar Unrecht geschehen ist. Sie kommt zu dem Richter und will ihr Recht: „Verhilf mir in der Auseinandersetzung mit meinem Gegner zu meinem Recht!“ (V. 3 NGÜ)

Dazu müssen wir uns vor Augen halten, dass eine Witwe zu dieser Zeit eine schutz- und wehrlose Frau war, die keinen natürlichen Beschützer mehr hatte. Ohne Mann, ohne Haupt hatte sie niemanden mehr, der sie versorgte und sie verteidigte. V.a. wenn sie noch keine erwachsenen Söhne hatte.

Deshalb gebührt den Witwen und zwei anderen Gruppen, die ähnlich benachteiligt waren, nämlich den Waisen und den Fremdlingen, ganz besonders der Schutz Gottes.

„Den Fremden sollst du weder unterdrücken noch bedrängen, denn Fremde seid ihr im Land Ägypten gewesen. Keine Witwe oder Waise dürft ihr bedrücken. Falls du sie in irgendeiner Weise bedrückst, dann werde ich, wenn sie wirklich zu mir schreien ⟨muss⟩, ihr Geschrei gewiss erhören, und mein Zorn wird entbrennen, und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, sodass eure Frauen Witwen und eure Kinder Waisen werden.“ (5. Mose 22, 20 - 23 ELB)

Gott stellt sich hier als Rächer der Unterdrückten dar. „Wenn Du die Witwe bedrückst dann mach ich Deine Frau zur Witwe und Deine Kinder zu Waisen!“ Das ist schon mal eine starke Drohung.

Eine Witwe war also in einer prekären Lebenssituation und hatte nur wenige rechtliche Möglichkeiten, dem abzuhelfen. Es gab ein paar Schutzvorschriften:
  • wenn sie noch kinderlos war, hatte sie das Recht der Schwagerehe (5. Mose 25, 5-10) (so war sie wieder versorgt und die Schmach der Kinderlosigkeit konnte getilgt werden)
  • man durfte sie nicht übervorteilen und es gab eine Art Pfändungsfreigrenze (5. Mose 24,17) (man durfte ihr bspw. das Kleid nicht pfänden)
  • sie hatte bei bestimmten religiösen Festen Anspruch auf den Zehnten oder Teilnahme an den Mahlzeiten (5. Mose 14,28; 16, 11.14) (bspw. Beim Wochen- und beim Laubhüttenfest; Ereignisse in größeren Abständen, Zehnten alle drei Jahre) und
  • sie hatte das Recht der Nachlese bei der Ernte (5. Mose, 24, 19 - 22).

Als dies war im Gesetz geregelt. Aber ich denke mir, dass dies vermutlich trotzdem nicht besonders viel war.
Wie oft im Jahr wurde geerntet?
Wie oft im Jahr konnte sie sich am Tisch beim Laubhüttenfest oder Wochenfest satt essen?
Viele Witwen waren vermutlich auf weitere Almosen angewiesen. Deshalb haben sich auch die jungen christlichen Gemeinden ganz besonders der Witwen angenommen.

Aus so einer Situation heraus kommt jetzt unsere Witwe und ihr wurde Unrecht angetan. 

Vielleicht verweigerte ihr der Schwager die Ehe?
Vielleicht hinderte ein Bauer sie an der Nachlese?
Vielleicht wollte ein Gläubiger ihr ihre Kleidung pfänden?
Vielleicht wurde sie auch nur bei einem Handel übervorteilt?
Wir wissen es nicht. Es war ein Unrecht und nur der Richter kann ihr zu ihrem Recht verhelfen. Aber er tut nichts.

Aber unsere Witwe ist penetrant. Sie hat Ausdauer. Sie kommt immer und immer und immer wieder und irgendwann hat der Richter die Schnauze voll und hat Angst vor ihr geschlagen zu werden - sie war wohl besonders energisch im Auftreten - und gibt endlich nach und verhilft ihr zu ihrem Recht. Nicht weil er auf einmal der Gerechtigkeit nachjagt, sondern weil er einfach kein blaues Auge will.

Und dann sagt Jesus: Hört was der ungerechte Richter sagt! Schaut auf den ungerechten Richter! Der ungerechte Richter verschafft Recht!

Aber Jesus sagt jetzt nicht: so ist Gott! Niemals hat dieses Gleichnis die Intention Gott mit einem ungerechten Richter zu vergleichen, der genötigt werden muss um Recht zu sprechen. Der Richter ist vielmehr das Gegenteil von Gott, die Antipode sozusagen. Schaut auf den Richter, denn so ist Gott eben nicht. „Gott aber“ sagt Jesus, „wie viel mehr wird Gott“ im Gegensatz zu diesem Richter….

Was eigentlich? Was wird Gott? Geht es um Gebetserhörungen? Da erleben wir manchmal etwas anderes. Und jetzt muss man dieses Gleichnis genau lesen.

„Ich sage euch, dass er ihr Recht ohne Verzug ausführen wird. “ (V. 8 ELB)

Es heißt „ihr Recht“! Es geht hier wieder ums Recht! Die Witwe hat ihr Recht gefordert. Was ist denn unser Recht? Haben wir ein Recht auf die Erhörung all unserer Gebete, die Erfüllung all unserer Wünsche, ein schönes Leben in Kraft und Gesundheit, die Verwirklichung unseres Glückes? (Das gilt nur für Amerikaner.) Um all das dürfen wir beten, aber in diesem Gleichnis geht es um unser Recht. Die Zusage der schnellen Umsetzung bezieht sich auf unser Recht! Was ist denn unser Recht?

„Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“ (Röm. 5,1 ELB)

und weiter

„die er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.“ (Röm. 8,30 ELB)

Das ist unser Recht: unsere Erlösung! Durch das vollkommen Opfer Jesu haben wir jetzt ein Recht auf unser Heil! Die Gnade Gottes wurde am Kreuz zu einem mit Blut geschriebenen Bund, der unauflösbar ist. Das ist unser Recht!

„Rechtmäßig um Jesu willen - steht uns die Gnade Gottes zu und der Trost, der mit dieser Gnade verbunden ist.
Rechtmäßig um Jesu willen - steht uns Gottes Vergebung zu und der Frieden, der mit dieser Vergebung verbunden ist.
Rechtmäßig um Jesu willen - steht uns das ewige Leben zu und die Hoffnung, die damit verbunden ist.“ (Pfr. Rainer Trischmann)


Es geht also um unser Recht auf Herrlichkeit, auf Ewigkeit, auf Erlösung, auf Heil durch das Wirken Jesu.

Aber es wird noch konkreter. Es gibt nämlich noch einen ganz bestimmten Vorgang auf den hier Bezug genommen wird. Bei genauer Analyse dieses Textes entfremdet er sich mehr und mehr von dem, was man darin oberflächlich betrachtet vermutet. Es geht hier nämlich um das Geschehen bei der Wiederkunft Christi:

„Doch wenn der Menschensohn wiederkommt“ (V. 8 NLB)

heißt es am Ende dieses Abschnitts. Das allein ist noch nicht so aussagekräftig, aber wenn wir uns den Kontext anschauen, stellen wir fest, dass Jesus direkt davor den Jüngern das Geschehen bei der Wiederkunft schildert. Er erklärt ihnen auf was sie vorbereitet sein müssen. Und er spricht davon, dass dieses Geschehen blitzartig sein wird.

„Denn wie der Blitz aufleuchtet und den Himmel von einem Ende zum anderen erhellt, so wird es an dem Tag sein, an dem der Menschensohn kommt“ (Lk. 24,17 NGÜ)

Dieses Gleichnis ist also thematisch eingebettet in Reden über die Wiederkunft Christi.

Und wenn man das jetzt weiß, dass es

  • um das Recht auf Heil und Erlösung und
  • um die Wiederkunft Christi geht,

dann bekommen die Verse 7 und 8 eine etwas andere Richtung.

„Gott aber, wird er nicht seinen Auserwählten Recht schaffen, die Tag und Nacht zu ihm rufen, wenn er auch lange zuwartet mit ihnen? Ich sage euch: Er wird ihnen schnell Recht schaffen!“ (V.7.8a SLT)

Gott wartet bis er das Recht der Auserwählten offenbar werden lässt. Er wartet immer noch. Schon 2000 Jahre. Aber wenn dieser Tag anbricht, dann wird es schnell gehen, unverzüglich, in Eile, wie der Blitz.
Diese Aussage über das sehr schnelle Handeln und Recht schaffen bezieht sich nicht auf die Gesamtdauer (2000), sondern auf den Vorgang des Handelns am Tag des Herrn (Blitz).
Und dann kommt die Abschlussfrage dieses Abschnitts:

„Doch wenn der Sohn des Menschen kommt, wird er auch den Glauben finden auf Erden?“ (V. 8b SLT)

Hier steht nicht einfach Glauben finden, sondern wird er „den Glauben finden“ oder „solch einen Glauben finden.“

Es geht um eine ganz besondere Art von Glauben. Hier müssen wir uns den Anfang und das Ende dieser Rede als Klammer vorstellen. Es geht um einen Glauben, der unermüdlich betet, beständig betet, ein Schreien zu Gott Tag und Nacht!

Und um was soll gebetet werden? Die Auserwählten haben auf die Wiederkunft Jesu gewartet, sie haben darauf gewartet erlöst zu werden von dem Bösen in dieser Welt, von der Verfolgung und Bedrückung, sie haben darauf gewartet in das Reich des Herrn versetzt zu werden. Das Gebet um das es hier geht, heißt kurz ausgedrückt „Dein Reich komme“.

Wird Jesus, wenn er wiederkommt diese Art von Glauben vorfinden in Deutschland, in Fürth, in der CGF, bei den Wohlrabs? Findet er hier Gläubige, die beten: „Herr, wann kommst Du? Wann kommst Du endlich? Lass Deine Herrschaft und Herrlichkeit sichtbar werden in dieser Welt. Herr, komme  bald!“

Ich glaube ehrlich gesagt, er wird nicht viele finden. Weil es uns einfach viel zu gut geht, weil wir in vielen Bereichen gesegnet sind, weil wir uns des Lebens und unserer Lieben freuen und ja auch danach streben das Reich Gottes in unserem Leben umzusetzen.

Wir halten keine Ausschau nach seiner Wiederkunft und beten nicht darum. Wir wünschen uns eines Tages alt und lebenssatt zu sterben und dann irgendwann in den Himmel oder die neue Erde kommen. Oder? Ist es nicht so?

Ist das falsch? Nun ich glaube nicht. Unser Leben ist ein Geschenk Gottes und das Ziel eines jeden Lebens ist es ja mit Gott zu leben, seine Werke zu tun, nach seinem Willen zu leben.

Wenn ich bete „Dein Reich komme“ denke ich daran, dass sich sein Reich mehr und mehr in mir und durch mich und um mich verwirklicht, dass ich dazu beitrage es Gestalt werden zu lassen. So spricht ja auch Jesus - gerade im Kapitel vorher - dass das Reich Gottes mitten unter uns ist (Lk. 17,21).

Ich will jetzt aber diese Spannung nicht auflösen und den Text seine Dramaturgie nehmen.

Trotzdem ist es wichtig, dass wir nicht nur das gegenwärtige Reich Gottes, sondern auch das kommende Reich Gottes im Blick haben, erstreben, erbeten, nicht nur den Christus in uns Gestalt werden lassen, sondern auch den wiederkommenden Christus erwarten. Ich denke, nur so können wir gleichzeitig „in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt“ leben. Es ist manchmal eine Korrektur nötig, wenn man im Sattel zu sehr auf einer Seite runter rutscht.

Ich komme zum Schluss. Zusammenfassend lehrt uns dieses Gleichnis drei Dinge:

  1. die allgemein gültige Aussage ist: anhaltend zu beten und nicht nachzulassen. Das ist immer richtig und gilt für alle Belange.
  2. speziell für das kommende Reich Gottes zu beten, das Ewige nicht aus dem Fokus zu verlieren oder wieder in den Fokus zu bekommen (Advent ist hier vielleicht eine thematische Hilfe) und
  3. hat es auch eine sozialkritische Dimension. Vielleicht hat Jesus bewusst eine Frau in prekären Verhältnissen ausgesucht. Wir können uns daher fragen: Wo sind Benachteiligte in unserer Gesellschaft oder praktischer in meinem privaten Lebensumfeld, für die ich eintreten kann?


AMEN.

Sonntag, 28. April 2019

Predigt von Norbert Wohlrab (28.04.19)

Die Hoffnung des Evangeliums  (1. Petr. 1, 3 - 9)

1. Einleitung

Wir haben eine Woche nach Ostern. Der heutige Sonntag im Kirchenjahr heißt „Quasimodogeneti“ - Wie die Neugeborenen (nach 1. Petr. 2,2). Und dazu passt auch der offizielle Predigttext des heutigen Sonntags aus dem ersten Petrusbrief.

„ 3 Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der nach seiner großen Barmherzigkeit uns wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi aus den Toten
4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbteil, das in den Himmeln aufbewahrt ist für euch,
5 die ihr in der Kraft Gottes durch Glauben bewahrt werdet zur Rettung, die bereitsteht, in der letzten Zeit offenbart zu werden.
6 Darin jubelt ihr, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es nötig ist, in mancherlei Versuchungen betrübt worden seid,
7 damit die Bewährung eures Glaubens viel kostbarer befunden wird als die des vergänglichen Goldes, das durch Feuer erprobt wird, zu Lob und Herrlichkeit und Ehre in der Offenbarung Jesu Christi;
8 den ihr liebt, obgleich ihr ihn nicht gesehen habt; an den ihr glaubt, obwohl ihr ihn jetzt nicht seht, über den ihr mit unaussprechlicher und verherrlichter Freude jubelt;
9 und so erlangt ihr das Ziel eures Glaubens: die Rettung der Seelen.“ (1. Petr. 1, 3-9 Rev. Elb.)


Petrus hat diesen Brief aus Rom geschrieben, wohl zwischen 60 und 65 n. Chr. Also etwa 30 Jahre nach dem Ostergeschehen. Die Adressaten sind verschiedene - eher judenchristlich geprägte - Gemeinden im Nordwesten Kleinasiens, also in der heutigen Türkei. Die Christen dort wurden wegen ihres Glaubens bedrängt und teilweise auch verfolgt und Petrus als Apostel und Hirte wollte sie stärken und ermutigen.

Auf den ersten Blick enthält dieser Text keine besonderen Aussagen. Es sind eher allgemein bekannte Grundlagen des christlichen Glaubens.
Aber sind es nicht gerade die grundlegenden Wahrheiten, die uns für unser Leben ein tragfähiges Fundament liefern, v.a. in den Zeiten, in denen es gerade mal nicht so rund läuft.

Petrus beginnt zunächst mit einem Lobpreis Gottes. Und dann prasseln schon die ersten vier Basics auf uns ein:

  • durch Gottes Barmherzigkeit
  • sind wir wiedergeboren
  • zu einer lebendigen Hoffnung
  • ermöglicht durch die Auferstehung Jesu Christi aus den Toten.


2. Barmherzigkeit

Gottes Barmherzigkeit thront über allem. Gottes Mitleid, Gottes Mitgefühl mit der verlorenen Menschheit, war der Antrieb einen Heilsweg zu schaffen, war der Antrieb für seine Gnade.
Die Gnade ist im Vergleich dazu sein Entschluss aus freien Stücken, aber die Barmherzigkeit ist der Motor, der Antrieb. Barmherzigkeit ist das Wesen Gottes.

Jesus beschreibt dem Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn folgendermaßen:

„Als er (der Sohn) aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn“ (Lk. 15,20 Luth.)

Es jammerte ihn. Ein anderer Ausdruck für innerlich bewegt sein, voller Mitleid sein, voller Erbarmen sein, barmherzig sein. So ist Gott.

Paulus schreibt über Gott:

„So liegt es nun nicht an dem Wollenden, auch nicht an dem Laufenden, sondern an dem sich erbarmenden Gott.“ (Röm. 9,16 Rev. Elb.)

Gottes Erbarmen, Gottes Barmherzigkeit ist der Ursprung von unserer Errettung.

Interessant ist aus noch, dass das deutsche Wort „Barmherzigkeit“ sich bildet aus „Arm“ und „Herz“. Man könnte also sagen: Barmherzigkeit, ist der Arm (im Sinne von Handlung) der vom Herzen bewegt wird oder auch das Herz, dass sich dem Armen (dem Bedürftigen) zuwendet.


3. Wiedergeburt

Unsere Rettung drückt sich nun dadurch aus, dass wir wiedergeboren wurden.

Das Wort „wiedergeboren“ ist jetzt kein einfacher Begriff und er findet sich so auch nur zweimal in der Bibel, nämlich in diesem Brief des Petrus. (Und dann noch einmal ähnlich als Substantiv in Tit. 3,5).
Es ist auf den ersten Blick schon etwas ungewöhnlich, dass die evangelikale Christenheit soviel Wert auf den Terminus „wiedergeboren“ bzw. „wiedergeborener Christ“ gelegt hat, wo doch der Begriff im NT gar nicht so verbreitet ist. Aber er war ja in erster Linie gedacht, als Gegenpart zur kirchlichen Lehre des Christwerdens durch Kirchenmitgliedschaft.
Das was Petrus hier mit „wiedergeboren“ gemeint hat, findet sich nämlich schon noch in der Bibel und zwar sehr ausführlich von Jesus selbst erklärt im Gespräch mit Nikodemus. Dort steht:

„Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem (oder von oben) geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er etwa zum zweiten Mal in den Leib seiner Mutter hineingehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes hineingehen.“  (Joh. 3, 3-5 Rev. Elb)

Jesus verdeutlicht hier was gemeint ist. Es geht nicht um eine Wiedergeburt im Sinne fernöstlicher Religionen, sondern um eine Neugeburt. Aber was heißt das?

Nikodemus war ein Pharisäer, ein Mitglied des Hohen Rates und Lehrer Israels. Nach traditioneller jüdischer Überlieferung gab es sechs verschiedene Möglichkeiten wiedergeboren zu werden. Damit war Nikodemus wohl vertraut:

  • ein Heide wird Jude (geht nicht für ihn, Nikodemus war ja schon Jude)
  • man wird zum König gesalbt (geht auch nicht)
  • bei der Bar Mizwah, der religiösen Reife (hat er hinter sich)
  • bei der Hochzeit (hat er auch hinter sich; Voraussetzung Oberster der Juden = Mitglied im Hohen Rat)
  • bei der Berufung zum Rabbi (hat er auch schon hinter sich, Mitglied im Hohen Rat)
  • und bei der Berufung zum Leiter einer Rabbinerschule (auch dies hat er schon hinter sich als Lehrer Israels).

Es gab also keine weiteren Möglichkeiten für ihn. Sollte er daher in den Leib der Mutter zurück kriechen um wiedergeboren zu werden? So macht seine Frage Sinn.
Nikodemus stellt sich also vermutlich nicht dumm, wie man auf den ersten Blick denken mag, sondern er hat wohl alle ihn bekannten Möglichkeiten ausgeschlossen.

Aber Jesus sagt: Nein! Du musst aus Wasser (= wahrscheinlich ist damit die natürliche Geburt gemeint; könnte sich aber auch auf die den Israeliten vertraute kultische Reinigung von Schuld beziehen) und Geist geboren werden! Du hast die völlig falsche Denke! Es geht nicht um irdisch-religiöse Wege, sondern um ein geistliches Neugeborenwerden vom Himmel herab. Und wie geht dies? Er erläutert es im Anschluss:

„Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, ewiges Leben habe. Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ (Joh. 3, 14-16 Rev. Elb.)

Wir kennen diese Geschichte vielleicht. Das Volk Israel war in der Wüste. Es hat wieder mal gegen Gott gemurrt. Gott hat giftige Schlangen geschickt. Viele sind gestorben. Das Volk hat sich gedemütigt und seine Schuld bekannt. Daraufhin hat Gott Mose eine bronzene Schlange machen machen lassen, die auf einen Stab gesteckt worden ist. Und jeder, der gebissen wurde, jeder der bereits dem Tode geweiht war und auf diesen Stab geschaut hat, wurde gerettet.

Dies war ein Bild für das spätere Opfer Jesu am Kreuz. Jeder, der dem Tod geweiht ist und auf Jesus schaut wird gerettet.

Hier wird auch deutlich: es geht nicht nur um ein rein formales Anerkennen. Sondern ich weiß, der ewige Tod hat mich erwischt. Ich bin Sünder. Und nur Jesus kann mich retten. Nur in ihm ist das Heil. Das glaube ich.

Und dann wird man von oben herab wiedergeboren - nicht der Mensch wirkt es, sondern Gott wirkt es - hin zu einer lebendigen Hoffnung. Dies ist der nächste Begriff.


4. Hoffnung

Es ist die Hoffnung auf eine Herrlichkeit bei Gott. Die Hoffnung auf etwas, das noch in der Zukunft liegt, das noch nicht verwirklicht ist.

Und diese Hoffnung ist eine lebendige Hoffnung, weil Jesus ein lebender Gott ist. Er ist auferstanden. Er war nicht einfach nur bewußtlos oder lag im Koma. Er ist gestorben und hat den Tod besiegt. Alle Schuld ist getilgt.

Ohne Auferstehung wäre rein gar nichts geschehen.

„Wenn aber Christus nicht auferweckt ist, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden.“ (1. Kor. 15,17 Rev. Elb.)
Ohne Auferstehung macht das Christsein keinen Sinn. Ohne Auferstehung wären wir nur Humanisten oder Philanthropen (oder vielleicht lieber Misanthropen).

Unsere Hoffnung dagegen ist ein Anker für unsere Seele gerade in schweren Zeiten (Hebr. 6,19).

Ich habe eine Geschichte im Internet gelesen:

Ein Mensch verirrte sich in der Wüste. Die unbarmherzige Sonnenglut hatte ihn ausgedörrt. Da sah er in der Entfernung eine Oase. Aha, eine Fata Morgana, dachte er, eine Luftspiegelung, die mich zum Narren hält, die gar nicht da ist. Er näherte sich der Oase, aber sie verschwand nicht. Er sah immer deutlicher, die Dattelpalmen, das Gras und vor allem die Quelle. Natürlich eine Hunger-Phantasie, die mir mein halb wahnsinniges Gehirn vorgaukelt, dachte er. Jetzt hörte er sogar das Wasser sprudeln. Eine Täuschung meiner Ohren, dachte er. Kurze Zeit später fanden zwei Beduinen ihn tot da liegen. „Kannst du so etwas verstehen“, fragte der eine den anderen. „Die Datteln wachsen ihm beinahe in den Mund, und dicht daneben verhungert er. Er fällt beinahe in die Quelle hinein. Und dicht daneben verdurstet er. Wie ist das möglich?“ Da antwortete der andere: „Er war ein Mensch ohne Hoffnung.“

Unsere Hoffnung ist der Anker, der uns Halt gibt.

„In ihr haben wir einen sicheren und festen Anker der Seele, der hineinreicht in das Innere hinter dem Vorhang“ (Hebr. 6,19 EÜ)

5. Unser Erbteil
Weiter schreibt Petrus, dass unser Erbe auf uns wartet. Es wird im Himmel verwahrt, ist unvergänglich, unbefleckt und unverwelklich ist.

  • unvergänglich: es kann nicht zerrinnen, kann nicht verwesen, weder Motte noch Rost können es zerstören (Mt. 6,20)
  • unbefleckt: es hat keinen Makel, keinen Defekt, keinen Schönheitsfehler, keine Verunreinigung durch irgendwelche Sünden oder Makel, (es ist nicht wie wir sozusagen)
  • unverwelklich: nicht wie Blumen welken, sondern es bleibt immer schön und frisch
  • aufbewahrt: es befindet sich im Himmel, in einem sicheren Tresor, außer Reichweite von allen zerstörerischen Kräften.


6. Bewahrung und Prüfung

Und jetzt kommen die Verse, in denen es um die Verfolgung geht, der sie gerade ausgesetzt sind.
Stellen wir uns doch mal kurz vor, wir leben nicht in Fürth, sondern in Colombo (Sri Lanka) und haben vielleicht gerade Angehörige oder Freunde verloren.

„5 (Er) wird euch, die ihr glaubt, durch seine Macht bewahren, bis das Ende der Zeit gekommen ist und der Tag der Rettung anbricht. Dann wird das Heil in seinem ganzen Umfang sichtbar werden. 
6 Ihr habt also allen Grund, euch zu freuen und zu jubeln, auch wenn ihr jetzt ´nach Gottes Plan` für eine kurze Zeit Prüfungen verschiedenster Art durchmachen müsst und manches Schwere erleidet. 
7 Denn diese Prüfungen geben euch Gelegenheit, euch in eurem Glauben zu bewähren. Genauso, wie das vergängliche Gold im Feuer des Schmelzofens gereinigt wird, muss auch euer Glaube, der ja unvergleichlich viel wertvoller ist, auf seine Echtheit geprüft werden. Und wenn dann Jesus Christus ´in seiner Herrlichkeit` erscheint, wird ´eure Standhaftigkeit` euch Lob, Ruhm und Ehre einbringen.“ (1. Petr. 1, 5-7 NGÜ)


Gott gibt die Kraft um durchzuhalten, am Glauben festzuhalten. Mehr noch, er bewahrt im Sinne von Bewachen bis zum Tag des Heils. So weit so gut. Aber freuen und jubeln? Ist das nicht etwas übertrieben? Könnten wir uns freuen und jubeln? In Sri Lanka, Ägypten, Nigeria, Pakistan oder wo auch immer Christen um ihres Glaubens Willen ermordet werden?

Ich denke niemand von uns möchte mit ihnen tauschen. Aber Petrus verdeutlicht: Wenn Gläubige Kummer erleiden müssen, geschieht das für eine kleine Zeit und ist immer vorübergehend.

Um so denken zu können wie Petrus, braucht es die richtige Perspektive. Den richtigen Blick auf die Ewigkeit, die uns erwartet. Den richtigen Blick auf das Heil, das uns erwartet. Und dazu muss man voll dabei sein im Geschäft.

Petrus war von Anfang an dabei. Er hat die Wirkungsjahre Jesu miterlebt, die Wunder und Heilungen, er hat ihn erlebt. Er hat den Tod und die Auferstehung erlebt. Er hat Verleugnung und Wiederherstellung erlebt. Er war einer der letzten lebenden Zeitzeugen. Er hatte die Kraft und die Autorität den Verfolgten Mut zu machen, weil er wusste von was und von wem er redet und schreibt.

Die Christen in Kleinasien glaubten, obwohl sie ihn nicht gesehen hatten (V. 8). Ihnen geht es wie uns. Mit dem Unterschied, dass sie inmitten von Bedrückung steckten und das eine große Zeit der Verfolgung auf sie zu kam.

Wenn man den Petrusbrief „spiegelliest“, d.h. annimmt, dass er sich in seinem Brief auf bestimmte Gegebenheiten bezieht (wie wenn bspw. Paulus über das richtigen Umgang der Eheleute miteinander, oder Eltern mit Kindern und umgekehrt schreibt, man davon ausgehen kann, dass dort zumindest bei einigen Ehe- oder Erziehungsprobleme vorlagen) dann wird man hier davon ausgehen, dass dort in Kleinasien auch nicht alle mit der schwierigen Situation so einfach jubilierend und frohlockend umgehen konnten und eben gerade deshalb diese apostolische Ermutigung gebraucht hat.

Und auch wir brauchen immer wieder neu Ermutigung und Neuausrichtung. Neufokusierung für den Alltag. Neu die richtige Perspektive bekommen, die richtige Balance zwischen Gegenwart und Ewigkeit einstellen, damit wir und auch andere das Ziel unseres Glaubens, das Heil, die Rettung erreichen (V. 9).

Dazu möge Gott uns helfen.

AMEN

Sonntag, 9. Dezember 2018

Predigt von Norbert Wohlrab (09.12.18)

Die kanaanäische Frau

Ich möchte heute mit Euch einen Text betrachten, über den ich neulich gestolpert bin. Und zwar die Begegnung von Jesus mit der kanaanäischen Frau, von der uns bei Matthäus und bei Markus berichtet wird.

„21 Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon.
22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt….
28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.“ (Mt. 15, 21-28 Luther)
 


So kennen wir Jesus. Er heilt und befreit und begegnet den Nöten der Menschen. Aber den Bibelkennern unter uns ist vielleicht etwas aufgefallen?
Genau, hier fehlt der Mittelteil des Abschnittes. Da passiert nämlich noch etwas dazwischen. Der Mittelteil lautet nämlich. (Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt….)

„23 Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach.
24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir!
26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.
27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“
 


Äh, Moment, so kennen wir Jesus eigentlich nicht. Jesus sagt doch: „wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“ (Joh. 6,37). Und jetzt hier, dieses schroffe Ignorieren und Abweisen dieser leidenden Frau?!

Den Jüngern ging es hier wohl so ähnlich, wie wenn man auf einer Party jmd. vorstellt, den man meint sehr gut zu kennen und dann verhält sich der auf einmal völlig anders.

Aber schauen wir uns die Begebenheit mal der Reihe nach an.
Jesus war in Galiläa unterwegs. Er speiste die Fünftausend, rettete Petrus aus Seenot, heilte viele Menschen in Genezareth und setzte sich mit Pharisäern und Schriftgelehrten auseinander. Und dann wollte er ihnen entkommen und „entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon“.
Im Paralleltext bei Markus steht: „Und er ging in ein Haus und wollte es niemanden wissen lassen“ (Mk. 7,24).

Die Beweggründe sind nicht ganz klar. Aber auf jeden Fall hat sich Jesus zurückgezogen. Von Galiläa rund 60 - 90 km nach Tyrus und Sidon. 2-3 Tagesmärsche. Nur er mit seinen Jüngern. Es scheint, als wollte Jesus einfach seine Ruhe. Vielleicht dem Massenandrang entkommen. Vielleicht sich der Verfolgung entziehen. Vielleicht einfach auftanken. Einfach Ruhe. Das versteh ich. Ich will im Urlaub auch keinen Trubel um mich rum.

Keine Juden, keine Pharisäer, keine Schriftgelehrten. Keine Menschen die was von ihm wollten und auch keine Menschen die ihn etwas Böses tun wollten. Niemand, der sich für ihn interessiert hat, denn Tyrus und Sidon sind zwei Städte in Syro-Phönizien, dem heutigen Libanon, weit außerhalb des jüdischen Staatsgebietes, tief im Heidenland.
Kurz vorher hatte er den Pharisäern noch klar gemacht, dass nicht das Äußerliche den Menschen verunreinigt. Er hatte keine Berührungsängste mit den Heiden.

Jesus hatte sich also eine Art von Urlaub, eine Art Auszeit genommen. Aber das mit der Ruhe hat nicht ganz geklappt, denn er „konnte doch nicht verborgen bleiben“ (Mk. 7,24) heißt es. Auch im Ausland hatte man schon von seinen Wundertaten gehört.

Dann kommt eben diese kanaanäische Frau zu ihm. Markus beschreibt sie als „Griechin aus Syrophönizien“ (Mk. 7,26), deren Tochter dämonisiert ist.
Kanaan ist die alte Bezeichnung für die Region, Syro-Phönizien die gegenwärtige, also kein Widerspruch. Aber Griechin? Das bedeutet wohl die Zugehörigkeit zur hellenistischen Kultur der Oberschicht in dieser Region. Tyrus und Sidon waren reiche Handelsstädte, hellenistisch und multireligiöse geprägte Städte.

Die Frau spricht Jesus an als Sohn Davids. Und Jesus reagiert erstmal gar nicht. Er sagt nichts. Kein Wort. Das schmerzt richtig beim Lesen.
Die Jünger sind schon genervt von ihrem Geschrei und bitten ihn, dass er etwas macht. Und dann erklärt Jesus - eigentlich den Jüngern - seine Haltung. „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“

Jesus hatte eine klare Mission von seinem Vater bekommen. Er war der Messias Israels. Ja, er war der Sohn Davids. Aber diese Frau war keine Tochter Davids. Sie war eine Heidin.
Er war zu den verlorenen Schafen Israels gesandt. Zum Volk Israel. Er sollte die loskaufen, die unter dem Gesetz waren (Gal. 4,4). Gott ist zunächst „nur“ der Gott Israels, nicht der Gott anderer Völker.

Es gab natürlich von Anfang an den Plan, dass dies nicht das Endziel ist. Zu Abraham sagte Gott: „und in dir und in deiner Nachkommenschaft sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde“ (1. Mose 28,14 Rev. Elb.) und es gab Verheißungen im AT, dass die Schranke zu den Heiden einmal weggerissen werden wird. Aber das war zu dieser Zeit noch Zukunftsmusik.

„Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter“ (Mt. 10,5 Luther), sagte Jesus, als er die Zwölf vorher ausgesandt hatte. Die Schranke zu den Heiden war noch nicht niedergerissen. Das geschah ja erst am Kreuz.
Jesus war also nicht auf Missionsreise in Syro-Phönizien unterwegs, wie später die Apostel. Die Frau kam zur falschen Zeit aus einer falschen Nation. Sie kam einfach heilgeschichtlich betrachtet zu früh. Sie hätte sozusagen auf Paulus warten müssen.

Aber sie lässt nicht locker. Jesus hat ja auch nicht gesagt, dass er nichts tun wird. Er hat nur den Jüngern sein Verhalten erklärt.

„Herr, hilf mir!“ sagt sie. Und dann kommt diese barsche Antwort:
„Doch er erwiderte: »Es ist nicht recht, den Kindern das Brot zu nehmen und es den Hündlein hinzuwerfen.«“ (Mt. 15, 26 Menge)

Uff! Harter Tobak.

Bei Markus heißt es noch etwas anders:

„Lass zuvor die Kinder satt werden; denn es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot nehme und werfe es vor die Hunde“ (Mk. 7,27)

Markus fügt hier noch da Wort „zuvor“ ein. Damit werden die anderen nicht gänzlich ausgeschlossen, sondern nur hinten angestellt. Markus schrieb sein Evangelium ja auch für die Heiden und Matthäus dagegen für die Juden.

Dieser Satz ist jetzt eigentlich mehrdeutig:
Zunächst Hunde ist die hebräische Bezeichnung für die Heiden, auch wenn Jesus hier abgemildert Hündchen sagt. Und Jesus ist das Brot des Lebens (Joh. 6,48) und ist zuerst zu den Kindern Israels gesandt. Zunächst sollen die Kinder Israels satt werden. Ihr geistlicher Hunger und Durst soll gestillt werden, ihre Erlösung soll bewirkt werden. Dies ist eigentlich eine Wiederholung der Erklärung, die Jesus den Jüngern gegeben hat, nur mit anderen Worten.

Aber dieser Satz hat auch noch eine andere Dimension. Eine sozialkritische Dimension. Tyrus und Sidon waren -  wie bereist erwähnt - reiche Handelsstädte. Die tyrische Währung war eine der härtesten Währungen des Altertums, so wie die DM bspw.
Wegen des gebirgigen Hinterlands konnte dort aber nur wenig Landwirtschaft betrieben werden - im Gegensatz zu Galiläa. Und so importierte Tyrus schon zu Zeiten Salomons Getreide und weitere Lebensmittel aus Israel (1. Kön. 5, 22-25; Hes. 27,17; Apg. 12,20) und eben auch damals in neutestamentlicher Zeit. Was zur Folge hatte, dass die arme Bevölkerung Galiläas Hunger leiden musste.

Und so könnte Brot in diesem Vers auch ganz wörtlich als Brot zu verstehen sein.

„Lass zuerst die armen Leute im jüdischen Hinterland satt werden. Denn es ist nicht gut, das Brot der armen Leute zu nehmen und es den reichen Heiden in den Städten hinzuwerfen.“ (Gerd Theißen)

Damit wäre dies ein Gerichtswort gegen die Ausbeutung der Armen in guter prophetischer Tradition, wie wir es von den Propheten des AT kennen.

Welche der beiden Interpretationen auch die richtige sein mag oder ob beide gleichzeitig richtig sind. Die Frau hat verstanden. Sie rechtfertigt sich nicht, wie man es so gerne tut: „Oh Herr, die Umstände….und ich kann doch nichts dafür….und die anderen….und du weißt doch….man muss doch sehen, wo man bleibt….es sind schwierige Zeiten….und die Steuern“, sondern sie sagt einfach: „Ja, Herr“. Sie stimmt zu. Sie stimmt mit Jesus überein:

Ja, ich bin keine Israelitin.
Ja, ich habe keinen Anspruch an Dich.
Ja, Du bist nur zum Volk Israel gesandt.
Und vielleicht auch: Ja, wegen uns müssen die Galiläer hungern.

Sie stimmt mit Jesus überein. Die Bibel nennt das Bekennen. Mit Gott einer Meinung sein.
Und demütig sagt sie dann: Ja, aber für die Hunde fällt doch auch ein bisschen was ab bei Tisch. Ein paar Krümel. Und die gewährt man ihnen.

Ein bisschen Segen, ein bisschen Gnade, ein bisschen vom Brot des Lebens muss doch auch für mich Heiden-Hündchen übrig bleiben.

Und Jesus gewährt ihr daraufhin ihre Bitte, heilt ihre Tochter und lobt ihren großen Glauben.
Interessant ist, dass er dies nur bei zwei Menschen tut. Bei ihr und bei dem Hauptmann von Kapernaum, der für seinen kranken Diener bittet (Mt. 8, 5-13). Ebenfalls ein Heide.

Was hat sich geändert? Oder hat sich überhaupt etwas geändert?

Die Bibel erklärt ja bspw., dass Jesus bis zu seinen letzten Stunden durch sein Leiden Gehorsam lernen musste (Hebr. 5,8). Hat Jesus hier umgelernt? Nein, ich denke nicht. Oder hat die Frau ihn überredet? Das wäre so die feministische Interpretation dieser Stelle. Nein, das denke ich auch nicht.

Jesus hat ja nie gesagt, dass er ihr nicht helfen wird, Er hat nur erklärt, dass er zuerst zum Volk Israel geschickt ist. Ich denke, dass es von Anfang an in Gottes Willen war, dass er hier eingreift. Vielleicht ist Jesus auch durch die Leitung seines Vaters extra dorthin gegangen um dieser Frau zu begegnen. Wir wissen es nicht.

Aber es wird trotzdem etwas deutlich, nämlich dass das Einreißen der Mauer zu den Heiden bevorsteht. Insofern hat diese Begegnung mit der syro-phönizischen Frau eine symbolische und auch prophetische Bedeutung. Es dauert ja auch nicht mehr lange dann werden die Jünger ausgesandt nach Samaria und an die Enden der Erde zu allen Völkern.

Die Begegnung mit der syro-phönizischen Frau ist eingebettet in die zwei Wunder der Brotvermehrung. Beim ersten mal blieben 12 Körbe übrig. Das ist jetzt ein bisschen was für die Numerologen. 12 Körbe für die 12 Stämme Israels. Überfließende Gnade für Israel.
Beim zweiten blieben 7 Körbe übrig. 7 ist die Zahl für das umfassende Wirken an der ganzen Schöpfung. Überfließende Gnade für die Welt. Ich weiß nicht ob das wirklich so ist, aber es ist zumindest mal ganz interessant.

Gut, aber was kann uns dieser Text heute sagen? Was können wir von dieser Frau lernen? Wir haben den Bibeltext jetzt verstanden, aber was sagt er uns heute?

Martin Luther hat die Frau als Mutter des Glaubens bezeichnet. Eine Frau die nichts hat, außer ihren Glauben an Jesus. Sie weiß, dass sie keinen Anspruch hat und nichts zu bieten hat. Sie weiß, dass sie sündig ist.
Wenn wir heute Jesus bitten, dann tun wir das zwar als Gerechtfertigte, aber trotzdem als schwache, unvollkommene, sündige Menschen, die nichts zu bieten haben. In Demut können wir sagen: „Ja Herr, ich bin schwach, ich habe nichts, ich brauche Dein Eingreifen.“

Die Frau bleibt bei Jesus. Sie lässt sich weder von seinem Schweigen irritieren, noch von seiner Belehrung. Sie bleibt da. Sie harrt aus. Sie bleibt in seiner Gegenwart. Wenn wir beten und keine Antwort erhalten, ist das nicht automatisch ein Nein.

Das NT ist voll von Beispielen und Aufforderungen, in denen das nachhaltige Bitten belohnt wird und auch erwartet wird. Z. B. bei der bittenden Witwe beim ungerechten Richter oder bei dem Freund, der um Mitternacht klopft. Beiden wird wegen ihrer Hartnäckigkeit und Unverschämtheit gegeben. Gott will aus Güte geben.

Könnte es sein, dass wir oft zu schnell aufgeben? Dass wir denken, Gott will unser Bitten nicht erhören, nur weil es noch nicht geschehen ist?

Von der Frau können wir lernen im Glauben an der Sache dranzubleiben, weiter zu bitten, nicht aufzugeben, nicht nachzulassen, beharrlich zu sein.

Betet allezeit, betet ohne Unterlass, mit aller Beharrlichkeit etc. So können wir es oft lesen im NT.

Weder die Frau, noch der Hauptmann von Kapernaum baten für sich selbst, sondern für ihnen nahestehende Menschen.
Wer sind unsere nahestehenden Menschen, die unsere Fürbitte nötig haben? Familie, Freunde, Nachbarn. Oft haben sie gar keinen anderen Beter, außer uns (wenn man nicht gerade in so Ballungszentren mit lauter Christen wohnt). Wenn wir dann nicht beten, betet vielleicht gar keiner. Und wie schnell wird man müde und zermürbt und bequem, wenn es sich über Jahre und Jahrzehnte hinzieht und nichts geschieht.

Im AT können wir an vielen Beispielen lernen weiter zu beten oder mit Gott weiter zu reden, wenn er schweigt.

„Steh auf, HERR! Gott, erhebe deine Hand! Vergiss die Elenden nicht!“ (Ps. 10,12 Luther)

Die Psalmen sind dabei wunderbare Beispiele dafür anhaltend im Gebet zu bleiben.

Eine Frage, die sich stellt, ist: Ist Beten Gott überreden? Ist Beten eine Art von Gott weichklopfen?
Man könnte jetzt ganz einfach sagen: Du bekommst nicht, was nicht Gottes Wille ist. Aber die Geschichte Israels zeigt, dass Gott seinem Volk öfters Dinge gegeben hat, die sie wollten, auch wenn sie nicht in seinem Willen waren. Z.B. Fleisch in der Wüste zusätzlich zum Manna (4. Mo. 11),  das östliche Gebiet am Jordan für zweieinhalb Stämme, die nicht über den Jordan ziehen wollten (4. Mo. 32), einen König (1. Sam. 8). Mit meistens negativem Ausgang. Also es gibt Beispiele wo Gott überredet werden konnte. Trotzdem denke ich, dass dies nicht das ntl. Regelprinzip von Gebet und Fürbitte ist.

Gebet und Fürbitte bewegt sich in den Parametern zwischen:
Ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet (Jak. 4,2) und Euer Vater weiß was ihr braucht bevor ihr ihn bittet (Mt. 6,8);
zwischen den Willen Gottes vom Himmel auf die Erde bringen (charismatisch-pfingstkirchliches Verständnis) und „Abhängen“ mit Gott. Aus irgendwelchen Gründen hat sich Gott von unserem Beten abhängig gemacht. Und wir tun es viel zu wenig.

AMEN.

Donnerstag, 25. Juni 2015

Predigt von Michael Koch (14.06.15)

Zahlen in der Schrift

Vor etwa einem Jahr habe ich in der Arche über Libellenlarven und ihre Entwicklung hin zu einer Königslibelle gesprochen. Das war anschaulich und greifbar, zumal ich eine verlassene Libellenlarvenhülle dabei hatte. Es ging um das Verlassen des Teichsumpfes und der gleichzeitigen Verwandlung in etwas Neues.


Ähnliches erleben wir, wenn wir uns zum lebendigen Glauben bekennen und Jesus in unser Herz und damit in unser Leben aufnehmen.
Und dann beginnt ja eigentlich erst die spannende Zeit der Veränderung.


Ich möchte an diese Predigt anknüpfen, aber auf eine völlig andere Weise, ich möchte mich heute einem für viele eher etwas nüchternen Thema zuwenden, ich will über Zahlen reden.


In der Bibel wird viel von Zahlen gesprochen. Und ich meine hier nicht die Zahlen, wie sie momentan Griechenland beschäftigen oder denke dabei an Spenden, sondern ich meine Zahlen, die in unserem Verhältnis zu Gott, zu Jesus oder dem Hl. Geist auftreten. Oder auch Zahlen, die im Verhältnis der Gemeinde zueinander eine Rolle spielen. Anhand dieser Zahlen möchte ich einige wesentliche Punkte für unseren Glauben aufgreifen.


Bereits im aktuellen Wochenspruch haben wir eine Zahl „ALLE“, die ist ziemlich groß.


"Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken." (Mt. 11:28)


Das ist eine Einladung an wirklich jeden, unabhängig davon, ob er oder sie etwas mit Jesus anfangen kann oder es sich um einen Erstkontakt handelt.
„ALLE“ schließt niemanden aus, auch wenn an dieser Stelle ein Filter daraufgelegt ist, indem nur die angesprochen werden, die ein wie auch immer geartetes Problem haben, die mühselig und beladen sind. Wir dürfen kommen wie wir sind, ohne uns oder etwas beschönigen zu müssen. Es gibt nichts, was der HERR nicht schon wüsste.


Und wir dürfen unsere Erwartungen, Nöte, Schmerzen, aber auch Zorn und Wut mitbringen und vor den Herrn bringen.


Vor langer Zeit gab es das Lied „Gott nahm mir meine Last ab und rollte sie ins Meer,...“
Man kann sich auch vorstellen, wie sich die Schultern anfühlen, wenn man nach 4 Stunden Aufstieg endlich den Rucksack abnehmen darf.


Eine sehr bekannte kleine Zahl ist an anderer Stelle zu finden.


"Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen." (Mt. 18:19-20)


Im ersten Moment fällt mir da die CGF ein. Aber wenn ich das neue Aufatmen-Heft aufschlage, merke ich schnell, dass es sich nicht um ein CGFspezifisches Thema handelt, sondern in vielen Gemeinden ein Thema ist.


In einem Artikel geht es konkret um das Thema Gemeinde und den Ursachen, warum so viele mit schwindenden Zahlen zu tun haben, sich immer weniger engagieren wollen oder können und wie man damit umgehen kann. Gemeinde wird als ADD-On zum Leben verstanden.


Als eine wesentliche Ursache wird dargestellt, dass erwachsene Christen, die schon viele Jahre ihren Weg mit Jesus gegangen sind, zwar den Wunsch haben, im Glauben zu wachsen, dieses Bedürfnis aber nicht mehr im Gottesdienst bedient bekommen. Und das liegt nicht an der Qualität der Gottesdienste, sondern daran, dass beim erwachsenen Christen das reine Konsumieren von Wahrheiten für weiteres Wachstum nicht ausreicht. Es kommt auf das Leben und Erleben im Alltag an, auf die Begegnungen im normalen Leben, die das theoretische Wissen vertiefen und real werden lassen. Es bedeutet, dass wir die Impulse für unser geistiges Wachstum nicht alleine aus dem Gottesdienst ziehen können, sondern anderes wie Stille und Einsamkeit vor Gott, Fasten oder auch Feiern, eine alltäglich eingeübte unspektakuläre Beziehungspflege mindestens genauso fruchtbringend ist wie der Gottesdienst.


Es geht hier um Erfahrungen, die meistens im kleinen Rahmen mit ZWEI oder DREI stattfinden, die EINS geworden sind im Namen Jesu. Das ist wie Schwarzbrot essen im übertragenen Sinn, also feste Nahrung. Aber es wird mir nicht einfach gereicht, ich muss es mir selbst holen. Ich muss mich freiwillig Gottes Gegenwart aussetzen, er zwingt mich nicht. Das ist die Eigenverantwortung, die wir als mündige Christen tragen.
(vergl. Aufatmen, 2/2015, S43ff. Gottesdienst-müde und JESUS-WACH von Jörg Ahlbrecht)


Aber diese zwei oder drei, die sich in Jesus Namen versammeln, sind gleichzeitig auch eine Zahl, die sich immer erreichen lässt, wenn wir wollen. Das kann z.B. im Hauskreis sein, denn auch hier gibt es das Phänomen der unregelmäßigen Teilnahme, sodass manchmal nur die zwei oder drei übrig sind.
Verstehen wir es als Chance, uns auf diese Verheißung zu stellen: Jesus ist da, der Hl. Geist ist da, sie sind mitten unter uns.


Kommen wir zu einer anderen Zahl: SIEBEN, nein 70 mal SIEBENmal, die in einem wichtigen Thembereich genannt wird:


"Da trat Petrus zu ihm und sprach: HERR, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist genug siebenmal? Jesus sprach zu
ihm: Ich sage dir: Nicht siebenmal, sondern 70 mal siebenmal." (Mt. 18:21-22)


Das ist schon zugegebenermaßen eine Aussage, die nicht so ganz einfach ist in der Umsetzung. Wenn man genau liest, dann steht da: meinem Bruder, der an mir sündigt. Also der Bruder, der sündigt immer noch an mir und hat noch nicht aufgehört damit. Das ist schon dreist und Jesus verlangt dann so einfach, dass wir ihm das vergeben sollen und zwar immerzu. Kann man das überhaupt?
Ich denke, es geht hier um die Annahme des anderen, so wie er ist. Es muss einen Raum geben, wo ein anderer eine andere Meinung haben darf als ich.


Andere zu verletzen und von ihnen verletzt zu werden, gehört zum Leben dazu, selbst unter Freunden. Wichtig ist aber, dass wir die Wunde nicht offen halten, sondern uns immer wieder in Vergebung üben. Das ist es, was Jesus dem Petrus gesagt hat. Eine nicht vergebende Haltung schadet v.a. meiner eigenen Seele. Es hilft, loszulassen. So wie der Staat Übeltaten verjähren lässt, darf es auch hier statt lebenslänglich ein zeitliches Ende geben. Und es macht frei, sich anderen Dingen zuzuwenden.


Je besser wir das können, je schneller wir Verletzungen an Jesus abgeben, unabhängig davon, ob der Schuldige seinen Teil zur Sühne beiträgt oder nicht, umso schneller geht es uns wieder gut. Ich bin überzeugt, dass man das üben kann und es so zu einer Art Lebenshaltung werden kann.


Wenden wir uns einem anderen Zahlenraum zu, die zueinander in engem Zusammenhang stehen {5000, 2, 5, 12} in Lk. 9:1-17:


Die Jünger waren von Jesus mit Vollmacht und Kraft ausgestattet worden. Er sandte sie aus ohne irgendetwas einzupacken oder vorzubereiten, und sie haben die gute Botschaft verkündet und heilten die Kranken. Sie zogen von Dorf zu Dorf und erfüllten ihren Auftrag. Wo sie nicht freundlich aufgenommen wurden, blieben sie nicht unnötig, sondern sind, wie von Jesus aufgefordert, ohne Aktionen weiter gezogen. Als sie wieder zurück zu Jesus kamen, zog
sich Jesus mit ihnen in die Wüste in der Nähe von Betsaida zurück. Das Volk ging mit und Jesus redete zu ihnen über das Reich Gottes und heilte die Kranken. Abends dann kommen die Jünger zu ihm und wollen, dass er die Leute wegschickt. Das macht Jesus aber nicht, sondern er fordert sie auf, dass sie den Menschen zu essen geben sollen... und dann kommen diese Zahlen ins Spiel: Speisung von 5.000 Menschen mit fünf Broten und zwei Fischen, die restlichen Brocken füllen 12 Körbe.


Wir kennen alle diese Geschichte und ich möchte einfach nur daran erinnern, wie der Ablauf war:
• Jesus war eine Weile mit den Jüngern zusammen, sie vertrauten ihm
• Jesus gibt seinen Jüngern Vollmacht, in seinem Namen Wunder zu
wirken
• er schickt sie los, genau das zu tun und sie folgen seinem Auftrag
• als sie wieder zu ihm kommen, sind sie voller guter Erfahrungen und
erzählen ihm von ihren Erlebnissen
• sie zweifeln trotzdem daran, dass man mit 5 Broten und 2 Fischen 5000
Menschen satt bekommt, selbst wenn Jesus dazu auffordert
• aber Jesus belehrt sie eines Besseren, indem er die Speise segnet,
und am Schluss die 12 Körbe mit Brotbrocken übrig bleiben.


Auch wir sind immer wieder mit Aufgaben konfrontiert, bei denen wir uns nicht vorstellen können, dass sie zu schaffen sind. Wir erleben leider nur selten so eine Phase wie die Jünger sie hier gerade hinter sich hatten. Aber trotzdem dürfen wir wissen, dass Jesus uns den Hl. Geist geschickt hat, damit wir gestärkt werden. Wir dürfen unser Vertrauen auf ihn richten und ihn in jeden Bereich unseren Alltags hineinnehmen. Dabei ist nicht garantiert, dass immer
alles so abläuft, wie wir uns das vorher ausgedacht haben. Das war auch bei den Jüngern nicht so. Das soll uns aber nicht entmutigen und daran hindern, unseren Alltag mit Jesus zu gestalten.


Es gibt noch viele weitere Stellen in der Bibel, wo Zahlen von Bedeutung sind, aber ich will es dabei bewenden lassen. Es sind eigentlich auch nicht die Zahlen selbst, die wichtig sind, sondern der Kontext, in dem sie genannt werden.


Das ist es, was ich euch heute mitgeben möchte:

Schaut nicht so sehr darauf, wie groß unsere Schar hier ist, das ist nicht wirklich ausschlaggebend.

Wichtig ist,
• dass du Jesus in deinen Alltag hineinnimmst und ihm dort Raum gibst,
• auch für ganz persönliche Zeiten zwischen dir und ihm.
• dass du ihm vertraust
• und darum bittest, dass er dich mit einer vergebenden Haltung
gegenüber deiner Familie, deinen Mitmenschen oder Kollegen
ausstattet.
• und dass du damit rechnest, dass Jesus in dir und durch dich wirken
möchte, so wie er es durch seine Jünger getan hat.
• und nicht vergessen: perfekt waren die auch nicht (3-facher Gockel).


AMEN.

Samstag, 4. April 2015

Predigt von Norbert Wohlrab (22.03.15)

Hoffnung


1. Begriffsklärung „Hoffnung“

Ein Ehepaar begibt sich auf Hochzeitsreise. Sie waren mit Maultieren zu den Niagara-Wasserfällen unterwegs, als das Tier der Frau stolperte. In letzter Sekunde schaffte die Frau es noch sich auf dem Tier zu halten ohne in den Abgrund zu stürzen und murmelte nur „Eins". Einige Kilometer später strauchelte das Tier ein zweites Mal, wieder konnte die Frau den Sturz in die Tiefe auch dieses mal in letzter Sekunde verhindern und murmelte nur „Zwei". Es kam wie es kommen musste, das Tier strauchelte ein drittes Mal. Wieder konnte sie nur mit größter Mühe den Sturz in die Tiefe verhindern. Dieses Mal sagte sie jedoch laut "Drei", stieg von ihrem Maultier zog eine 45er Magnum (wahrscheinlich war sie Amerikanerin) aus dem Rucksack und erschoss das arme Tier. Der Mann hat natürlich sofort seinen Unmut über das Verhalten seiner Frau dem Tier gegenüber kundgetan. Da schaute sie ihn nur an und sagte "Eins...".

Eins - zwei - drei. Glaube - Hoffnung - Liebe. Das sind die drei Grundwerte, die Eckpfeiler des christlichen Lebens, die alles andere überdauern.

„Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei“ (1. Kor. 13,13a Rev. Elb)

Diesmal hat es Gott mir bei der Predigtvorbereitung nicht leicht gemacht. Als ich Anfang der Woche im Gebet gefragt habe über was ich predigen soll, bekam ich ein einziges Schlagwort: „Hoffnung“. Da sich dies leider nicht präzisieren ließ, war ich in der unangenehmen Situation eine Predigtvorbereitung zu beginnen, ohne zu wissen, worauf ich eigentlich hin will. Bei manchen ist das vielleicht auch noch auf der Kanzel so, aber ich habe i.d.R. eine Gliederung bereits im Kopf, wenn ich mich zum Schreiben hinsetze. Aber diesmal war es eben ganz anders.

Hoffnung. Es gibt über Hoffnung ja die verschiedensten Ansichten in dieser Welt: z.B.
„Hoffnung ist die Mutter der Dummen.“ (aus Polen)
„Hoffen und Harren macht manchen zum Narren.“ (Ovid)
„Vielleicht ist die Hoffnung die letzte Weisheit der Narren.“ (Siegfried Lenz)
„Wir hoffen immer, und in allen Dingen ist besser hoffen als verzweifeln.“ (Goethe)

Eine ganz pragmatische Weisheit von Goethe. Es ist immer besser zu hoffen, als zu verzweifeln.

Oder wir kennen auch solch Aussprüche wie „guter Hoffnung sein“ oder „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Je nach Weltsicht und Gemütsverfassung äußern sich die Menschen recht unterschiedlich über die Hoffnung. Eher positiv oder eher negativ. Einen besonders tiefgebenden und philosophischen Ausspruch hab ich noch gefunden:

„Ich glaube, Gott ist einfach Hoffnung. Vielleicht ist Gott auch ein bisschen man selber.“ (Dieter Bohlen)

Allgemein gesprochen ist Hoffnung eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung und Erwartungshaltung, dass etwas Wünschenswertes in der Zukunft eintritt, ohne dass wirkliche Gewissheit darüber besteht. (z.B. Aufstieg der Fürther)


2. Die christliche Hoffnung

Wenn wir in der Bibel, v.a. im NT von Hoffnung lesen, dann ist damit aber etwas anderes gemeint als unser menschliches Hoffen auf Verbesserung einer Situation.

Hoffnung meint hier in erster Linie die Hoffnung auf unsere zukünftige Herrlichkeit bei Gott. Sicher auch hier bezieht sich Hoffnung auf etwas Zukünftiges. Auf etwas, dass noch nicht geschehen ist. Paulus schreibt ja bspw.:

„Unsere Errettung schließt ja diese Hoffnung mit ein. Nun ist aber eine Hoffnung, die sich bereits erfüllt hat, keine Hoffnung mehr. Denn warum sollte man auf etwas hoffen, was man schon `verwirklicht` sieht?“ (Röm. 8,24 NGÜ)

Also, auch unsere Hoffnung ist in die Zukunft gerichtet. Aber die Grundlage unserer Hoffnung, unserer Hoffnung auf Herrlichkeit ist nicht irgendein vager gegenwärtiger Zustand. Die Grundlage unserer Hoffnung ist Jesus Christus selbst.

„Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.“ (Kol. 1,27 Rev. Elb.)

D.h. die Basis unserer Hoffnung liegt in der Vergangenheit. Hier unterscheiden wir uns grundlegend von den Juden: sie haben immer noch die Hoffnung auf das Kommen des verheißenen Messias. Wir blicken hier bereits zurück. Unsere Hoffnung hatte sozusagen schon Hand und Fuß.

Und jetzt denke ich an einen Aspekt besonders, an einen Beleg für unsere Hoffnung, nämlich an seine Auferstehung. Es geht ja stark auf Ostern zu, da passt das heute ganz gut.
Denn ohne Auferstehung gäbe es keine Hoffnung. Ohne Auferstehung wäre das Werk am Kreuz kraftlos, wäre sein Tod nicht anders als der Tod anderer Menschen gewesen, wären wir noch in unseren Sünden gefangen. Die Auferstehung ist die zentrale Grundlage unseres Glaubens, unserer Hoffnung. Ohne Auferstehung wäre unser Glaube jeglicher Basis beraubt. Paulus schreibt:

„Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden…Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.“ (1, Kor. 15, 17.19.20 Luther)

Ohne die Auferstehung wäre der christliche Glaube also sinnlos. Ohne die Auferstehung wäre der christliche Glaube genauso sinnlos wie jede andere x-beliebige Religion. Es wäre nur Opium fürs Volk! Ohne Auferstehung wäre das Christsein auch nur ein hilfloser menschlicher Versuch Gott zu finden. Unser Glaube wäre ein Herumstochern im Nebel, ein Suchen nach der Wahrheit ohne sie jemals zu finden. Wir wären nicht nur Idioten, weil wir nur Lug und Trug nachjagen, wir wären auch verloren, unsere Schuld wäre nicht vergeben, sie würde noch immer auf uns lasten.

Diese Auferstehungshoffnung ist die Basis des Glaubens. Die Hoffnung ist ein Fixum, dass noch in der Zukunft liegt, aber gewiss ist. Im Glauben ergreifen wir diese Hoffnung.


„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ (Hebr. 11,1 Luther)

„Der Glaube aber ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, ein Überführtsein von Dingen, die man nicht sieht.“ (Rev. Elb.)


Im Glauben ergreife ich diese „Hoffnung des ewigen Lebens“ (Tit. 1,2) und lasse sie in meinem Leben Gestalt annehmen. So werden wir selbst zu einer lebendigen Hoffnung für andere.

„Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der nach seiner großen Barmherzigkeit uns wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi aus den Toten zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbteil, das in den Himmeln aufbewahrt ist für euch, die ihr in der Kraft Gottes durch Glauben bewahrt werdet zur Rettung, die bereitsteht, in der letzten Zeit offenbart zu werden.“ (1. Petr. 1, 3-5 Rev. Elb.)

Unsere Hoffnung (Hebr. 6,18) wird auch beschrieben als eine wichtige Unterstützung für uns, als ein Anker für die Seele:

„Diese (Hoffnung) haben wir als einen sicheren und festen Anker der Seele, der in das Innere des Vorhangs hineinreicht“ (Hebr. 6,19 Rev. Elb.)

Ein Anker für die Seele! Unsere Seele braucht den Trost, wenn wir versagt haben, wenn es uns schlecht geht oder wenn z.B. jmd. stirbt. Dann brauchen wir die Hoffnung, dass er auferstehen wird und wir gemeinsam mit ihm in der Ewigkeit sein werden.

Ohne Anker wird ein Schiff bei einem Sturm auf das Meer hinausgetrieben und ist den Gewalten ohne Schutz ausgeliefert. Dieser Anker der Hoffnung reicht hinter den Vorhang ins Allerheiligste hinein, „wohin Jesus als Vorläufer für uns hineingegangen ist“ (V. 20a).

Hinter dem Vorhang im Allerheiligsten steht der Gnadenthron, der Sühnedeckel (3. Mose 16,15), auf den am Versöhnungstag der Hohepriester das Blut sprengen musste, damit die Sünde bedeckt wurde. Jesus hat sein Blut ein für allemal vergossen um unsere Schuld zu tilgen. Daran hängt unser Anker. Durch diesen Anker sind wir nicht geerdet, sondern „gehimmelt“. Dadurch wissen wir, dass der Tod keinen Stachel mehr hat (1. Kor. 15,55).

Die Welt sagt wie eingangs erwähnt „Hoffen und Harren hält manchen zum Narren.“ Die Bibel sagt:

„Die Hoffnung lässt nicht zuschanden werden.“ (Röm. 5,5 Rev. Elb.)

Vielleicht kann man sagen, weil Jesus die Verkörperung unserer Hoffnung ist, bleibt die Hoffnung auch in Ewigkeit bestehen - neben Glaube und Liebe.
Aber dort wird sie dann umgesetzt. Dort ist die Hoffnung für uns aufbewahrt (Kol. 1,5) und dort wird sie dann vollendet, dort wird unser Heil vollendet.

 

3. Hoffnung im Alltag

Im Leben muss sich unsere Hoffnung jedoch oft bewähren. Hier brauchen wir die Verankerung, aber hier brauchen wir auch die Ergänzung, die Unterstützung der Geschwister.

Ein Vers ist mir für heute doch noch besonders wichtig geworden:

„Freut euch über die Hoffnung, die ihr habt. Wenn Nöte kommen, haltet durch. Lasst euch durch nichts vom Gebet abbringen.“ (Röm. 12,12 NGÜ)

Dieser Vers steht in einem Abschnitt, in dem Paulus einige gute Anweisungen und Ratschläge für das praktische Leben der Geschwister gibt: einander lieben, gastfreundlich sein, nicht Böses mit Bösem vergelten, teilhaben an Freude und Leid des anderen usw. Und dann schreibt er über unsere Hoffnung, die doch irgendwie so anders ist.

Unsere Hoffnung ist nicht von dieser Welt. Unsere Freude ist nicht von dieser Welt. „Freude, die von innen kommt“ heißt es in dem bekannten Lied von Albert Frey.

Wie super einfach ist es sich zu freuen, wenn alles passt in unserem Leben. Wenn es in der Ehe stimmt, in der Familie passt, die Sonne scheint und der Geldbeutel überfließt, wenn man bei guten Freunde mit einem guten Wein auf dem Sofa lümmeln kann, wenn man gesund ist..…oder im geistlichen Bereich: wenn man gewaltige Gebetserhörungen mit Gott macht, wenn man sich mächtig gesegnet fühlt, wenn man sich im Flow des Heiligen Geistes bewegt…..

Ich weiß ja nicht wie das bei Euch aussieht, aber irgendwas fehlt bei mir immer. Okay, es gibt Tage, da kommt schon mal alles zusammen, aber meistens fehlt doch irgendwas, manchmal gleich mehreres. Aber das soll ja auch nicht die Basis unserer Freude sein.

Im Hauskreis kam die Frage auf, nach dem Zusammenhang von Glaube und Gefühl. Okay, die Art und Weise, wie ich meinen Glauben auslebe, ihn ausdrücke, das hat natürlich auch was mit meinen Gefühls(er)leben zu tun, aber die Grundlage meines Glaubens ist doch völlig frei von meinen Gefühlen. Die Grundlage meines Glaubens ist Jesus Christus, dass er für meine Schuld gestorben und auferstanden ist, dass Gott in ihm zu mir Ja gesagt hat und meine Schuld einmal für alle Zeiten vergeben worden ist und da ist es völlig egal wie ich mich fühle. Das ist die Grundlage meiner Hoffnung. Daraus soll meine Freude entspringen. Egal wie ich mich im auf und ab meines Lebens und Glaubenslebens gerade fühle. Meine Ehe besteht ja auch nicht nur dann, wenn ich mich grad mal gut fühle.

Und diese Hoffnung soll auch durch Nöte, Trübsal, Bedrängnis, Verfolgung tragen. Paulus denkt hier wohl in erster Linie an Bedrängnisse durch Verfolgung. Hochaktuell in vielen Ländern. Wie viele Geschwister lassen wohl täglich ihr Leben für ihren Glauben. Aber es gibt auch Nöte des Lebens, die uns bedrängen, bedrücken. Krankheit, Unfälle, Naturkatastrophen, Tod, Arbeitslosigkeit, Gewalt, Scheitern von Beziehungen uvm. setzen uns zu und bedrücken unseren Glauben.

Und oft kommt dann die Frage nach dem Warum. Warum lässt Gott das zu? Warum geschieht dies? Und sicher, ja, manchmal gibt es geistliche Zusammenhänge, Kausalitäten, deren Erkennen hilfreich für Verhaltensänderung, Befreiung, Heilung usw. ist, aber oft ist die Antwort einfach, weil wir nicht im Paradies leben.

Atheisten würden vielleicht einfach sagen: „Shit happens“, aber wenn man an einen allmächtigen Gott glaubt, kommt automatisch die Frage hoch, warum sich seine Allmacht nicht manifestiert.

Seit Adam und Eva leben wir in einer gefallenen Schöpfung. Die unerlöste Schöpfung seufzt und stöhnt (Röm. 8,22). Wir erkennen zwar vielfach in der Natur noch die Schönheit der ursprünglichen Schöpfung Gottes, aber genauso erkennen wir ihre Grausamkeit, ihre Gefallenheit. Erdbeben, Vulkanausbrüche, Tsunamis mit Tausenden Toten, Kinder die mit fehlenden Gliedmaßen geboren werden oder mit zu vielen (mit zwei Köpfen oder drei Beinen) oder mit uneindeutigem Geschlecht oder sonst irgendwelchen Behinderungen, Krankheiten usw. sind alles Ausdrucksformen einer gefallenen Schöpfung.

Hierin finden wir - wie ich meine - nicht den Willen Gottes, hierin finden wir höchstens eine Sehnsucht nach Herrlichkeit, die wir alle gemeinsam haben: Gott, wir und auch die Schöpfung, sehnen uns nach Vollendung, nach Erlösung, nach Heil, nach einer Existenz ohne Tränen, Tod, Trauer, Schmerz und Geschrei (Offb. 21,4).

Aber solange uns Nöte in unserem Leben treffen, heißt es durchzuhalten.

Als mein Vater mit Anfang 50 starb, hat sich meine Mutter das allseits bekannte Gelassenheitsgebet in ihrer Küche aufgehängt:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Wenn jmd. gestorben ist, ist dies in den meisten Fällen unumkehrbar. Aber es gibt viele Nöte, in unserem Leben, denen wir aktiv begegnen können. Nicht alles was uns im Leben geschieht, ist der Wille Gottes, vermutlich sogar das wenigste, aber alles ist eine Herausforderung das der Wille Gottes geschehen kann.

Nicht umsonst werden wir gleich im zweiten Vers des Vaterunsers von Jesus aufgefordert zu beten:

„dein Reich (= Königsherrschaft) komme; dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden!“ (Mt. 6,1 0 Rev. Elb.)

Wenn Gottes Wille automatisch geschehen würden, bräuchten wir ihn dann herbeibeten? Nein. Gottes Wille ist es, dass alle Menschen gerettet werden (2. Petr. 3,9). Geschieht er deshalb? Nein.

Zur Erinnerung: wir leben in einer gefallen Schöpfung unter sündigen Menschen, mit einem eigenen Willen, die auch noch vielfach vom Gott dieser Welt (2. Kor. 4,4) beherrscht wird. Absolut schlechte Ausgangsbedingungen für das Umsetzen des Willen Gottes (und bedenken wir: nicht einmal im Paradies wurde der Wille Gottes respektiert).

Unser Gebet und unser Auftrag beidermaßen ist es daher, dass die Königsherrschaft Gottes sich darin ausbreitet, dass der Wille Gottes sich ausbreitet - in uns (durch unsere Heiligung, 1. Thes. 4,3) und durch uns. Deshalb sollen wir uns auch nicht vom Gebet abhalten lassen.

Manchmal geht es dabei im Gebet gar nicht darum Gott zu bewegen etwas zu tun, sondern darum seinem Eingreifen Bahn zu bereiten („Bahnt einen Weg unseren Gott“), den Weg durch unsere Gebete „freizuschießen“ in der unsichtbaren Welt.
Wir kennen ja die Geschichte vom Engelsfürsten im Buch Daniel, der erst nach 21 Tagen kommen konnte, weil er erst noch Gefechte in der unsichtbaren Welt zu bestreiten hatte, obwohl die Gebete Daniels doch bereits am ersten (!) Tag erhört wurden (Dan. 10, 10-13). Ich glaube wir tendieren manchmal dazu, solch geistliche Realitäten in der unsichtbaren Welt zu übersehen.

Aber selbst, wenn wir nicht in irgendwelche Gebetskämpfe verstrickt sind, ist es wichtig am Gebet in welcher Form auch immer (Stille, Anbetung, Liturgie, Lobpreis) festzuhalten, da wir uns sonst einfach der spürbaren Gegenwart und der Kraft des lebendigen Gottes in unserem Leben berauben.

Und wir kennen doch alle solche Zeiten, in denn wir weniger in der Gegenwart Gottes verbracht haben, wo wir uns im Alltag haben ablenken lassen. Hat es uns jemals gut getan? Natürlich nicht.

In diesem Sinne noch einmal den Vers aus Röm. 12 in einer etwas anderen Übersetzung:

„Freut euch auf Gottes Sache, auf die Dinge, die er noch für euch hat. Entspannt euch, wenn es mal derbe zugeht. Und vor allem gilt: Nie aufhören, mit Gott zu labern, ja?!“ (Röm. 12,12, Volxbibel)

AMEN.

Sonntag, 7. November 2010

Predigt von Norbert Wohlrab (07.11.10)

Wir sind bevollmächtigt!

1. Hunger


Paulus sagt:


„Nicht, dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet sei; ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möge, weil ich auch von Jesus Christus ergriffen bin.“ (Phil. 3,12 Rev. Elb.)


Ich möchte heute über etwas sprechen, von dem ich bekennen darf: ich hab´s noch nicht ergriffen, aber ich bin auf dem Weg und jage ihm nach.


Das christliche Leben, das Leben als Christ wird in der Bibel oft mit einem Lauf verglichen. Bevor wir Christen wurden, laufen wir von Jesus weg. Irgendwann laufen wir auf Jesus zu und dann fangen wir an mit ihm zu laufen. Manchmal laufen wir kleine Umwege, manchmal fallen wir auf die Nase, manchmal stehen wir und wissen überhaupt nicht mehr wo wir eigentlich weiter laufen sollen, aber meistens sind wir am Laufen - oder sollten es zumindest sein.


Unser Christsein, unsere Nachfolge ist ein Prozess. Unsere Erkenntnis von Gott ist ein Prozess. Pauls sagt
„wir erkennen stückweise“ (1. Kor. 13, 9a Rev. Elb.). Deshalb betet er auch immer wieder für die Gemeinden, dass sie wachsen in der Erkenntnis, dass sie immer mehr verstehen vom Wesen und vom Willen Gottes. (z.B. Phil. 1,9). Aber um in der Erkenntnis Gottes zu wachsen, ist u.a. eine Sache wichtig: Hunger. Ich muss hungrig sein, ich muss in der Erkenntnis wachsen wollen, ich brauche eine heilige Unzufriedenheit mit meinem geistlichen Erkenntnisstand der Gegenwart.

Als Jesus in der Bergpredigt über das Reich Gottes spricht, sagt er:


„Glückselig, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.“ (Mt. 5,6 Rev. Elb.)


Und an anderer Stelle, als er über das Beten lehrt, betont er:


„Bittet, und es wird euch gegeben werden; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch aufgetan werden.“ (Lk. 11,9 Rev. Elb.)


Auch hier wird deutlich: wir brauchen einen Hunger, eine Sehnsucht, ein sehnsuchtsvolles Suche nach mehr - mehr von Gott, mehr vom Reich Gottes, mehr Erkenntnis in unserem Leben.


Sind wir noch hungrig?


Manche wissen, vielleicht, dass ich vor zwei Wochen wieder mal in Speyer war, auf einem Seminar, dass die Vineyard Speyer veranstaltet hat. Und immer, wenn ich in Speyer war, komme ich - zumindest ansatzweise - verändert zurück. Weil ich dort etwas mehr erkannt habe, erlebt habe, aufgenommen habe vom Reich Gottes. Ich möchte heute versuchen Euch ein bisschen davon weiter zugeben.


Diesmal war Kevin Dedmon dort. Kevin ist der Erfinder der prophetischen Schatzsuche. Man trifft sich in kleinen Gruppen, lässt sich Eindrücke für Personen schenken, trägt diese in verschiedenen Kategorien zusammen und begibt sich dann mit seiner Schatzkarte auf die Suche nach diesen Leuten. Wenn man sie gefunden hat, spricht man sie an und sagt etwa folgendes: „Entschuldigung, dass klingt jetzt etwas komisch. Wir sind auf einer Schatzsuche und wir glauben, Sie sind unser Schatz!“ Dann zeigt man den Leuten die Schatzkarte mit seinen Notizen und in der Regel ist dann die Reaktion: „Wow, das bin ja ich.“ Dann kommt man mit den Leuten ins Gespräch, kann für sie beten, wenn sie krank sind und sie zu Jesus Christus einladen. Das funktioniert tatsächlich - nicht nur in USA, auch in Deutschland. Aber das nur nebenbei, das war diesmal nicht das Thema der Konferenz. (Wenn jmd. mutig ist, wir können das gerne mal zusammen ausprobieren.)


Kevin Dedmon kommt aus der Bethel Church in Redding/USA, genauso wie Bill Johnson. Und diese Gemeinde kann man als das Kompetenzzentrum für einen übernatürlichen Lebensstil mit Zeichen und Wundern in der westlichen Welt bezeichnen. Sie erleben seit vielen Jahren Heilungen und Wunder in einer Dimension, die wir uns hier gar nicht vorstellen können. Sie betreiben eine „School of Supernatural Ministry“ und transportieren ihre Kompetenz in die ganze Welt. Nächste Jahr startet auch eine solche Schule in Speyer.


Und mit was haben sie angefangen?

Mit nichts anderem als mit Hunger. Mit dem Hunger nach dem Erleben der Zusagen und Verheißungen des NT. Mit einer Unzufriedenheit mit dem status quo. Und Bill Johnson hat damals angefangen über das Reich Gottes zu lehren und zu lehren und zu lehren und zu lehren und zu tun und zu lehren und zu tun und zu tun..... und nach ein paar Jahren ist der Frucht aufgegangen und sie haben gemerkt, wie sich ihr Denken ändert, ihr Glauben ändert und wie sie die Zeichen und Wunder der Bibel auch in ihrem Alltag erleben. Und es geht hier nicht um euphorische pseudo-christliche-Wohlfühlheilungen („jede Zelle ist glücklich“). In einer Statistik von 2008 wurde bspw. belegt, dass die Krebsrate in Redding um 40% reduziert werden konnte.


2. Die Wandlung im Denken


Paulus sagt:


„So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.“ (Röm. 10,17 Luther)


Unser Denken ist stark vom naturwissenschaftlichen Denken geprägt und das hindert uns geistliche Wahrheiten aufzunehmen. Es ist wie wenn man mit einer völlig verdreckten Windschutzscheibe Auto fährt und nichts mehr sehen kann, weil der Scheibenwischwasserbehälter leer ist. Die Naturwissenschaft ist in diesem Fall wie die Scheiße auf der Scheibe. Sie verhindert unseren Blick auf das Übernatürliche.

Aber die Bibel ist voll mit Zeichen und Wundern, die der Naturwissenschaft widersprechen. Und das Gemeine ist, sie ist nicht nur voll mit Beschreibungen, die wir als Vergangenheit abhandeln können, sie ist auch noch voll mit Verheißungen, die unmissverständlich sind:


„Diese Zeichen aber werden denen folgen, die glauben: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden, werden Schlangen aufheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden; Schwachen werden sie Hände auflegen, und sie werden sich wohl befinden.“ (Mk. 16, 17.18. Rev. Elb.)

und

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird auch die Werke tun, die ich tue, und wird größere als diese tun, weil ich zum Vater gehe.“ (Joh. 14,12 Rev. Elb.)


Es gibt mehr! Wollen wir mehr?

Sehen wir es doch mal so: Wenn man in einer pietistischen Gemeinde aufwächst, in der man gelehrt bekommt, dass die Zeichen und Wunder mit der Zeit der Apostel aufgehört haben und es im Christsein heute nur noch darum geht dem Wort Gottes zu gehorchen, aber ansonsten nichts mit Gott zu erleben, wird man auch nicht erleben, dass Gott durch uns heute noch Wunder tut.


Wenn man gelehrt bekommt, dass es immer mal wieder einzelne Menschen gab, die besonders von Gott begabt waren, aber man selber nicht dazu gehört, sondern einen treuen Dienst in der Fürbitte zu tun hat, wird man nichts erleben.


Selbst wenn man wie wir seit Mitte der 80er Jahre durch John Wimber u.a. gehört hat, dass alle für diesen Dienst beauftragt sind, ist es in unserem Alltag noch nicht zur Realität geworden.


Erst wenn wir hören und hören und hören und unser Denken nach und nach verändert wird und wir glauben und tun und glauben und tun und glauben und tun und tun und tun und tun usw., werden wir Fortschritte machen.


V.a. dürfen wir es Misserfolgen nicht erlauben uns zu stoppen. Was hat Jesus getan, als er einen Misserfolg hatte? Jesus, der Sohn Gottes, hatte einen Misserfolg?


„Sie kamen nach Betsaida. Dort brachte man einen Blinden zu Jesus und bat ihn, den Mann anzurühren. Jesus nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn aus dem Ort hinaus. Er benetzte ihm die Augen mit Speichel, legte ihm die Hände auf und fragte ihn: »Siehst du etwas?« Der Mann blickte auf und erwiderte: »Ich sehe Menschen; sie gehen umher, aber sie sehen aus wie Bäume.« Da legte Jesus ihm noch einmal die Hände auf die Augen; nun konnte er deutlich sehen. Er war geheilt und konnte alles klar erkennen.“ (Mark. 8, 22-25 NGÜ)


Jesus hat nicht gesagt: „So das war´s. Jetzt treib ich nur noch Dämonen aus. Das ist einfacher.“ Nein, er hat weiter gemacht und die Heilung vollendet. Wenn selbst es für Jesus geboten war weiter zu machen, wie viel mehr wird es für uns geboten zu sein weiter zu machen und sich nicht entmutigen zu lassen.

3. Söhne und Töchter


Kevin hat von sich erzählt, dass es für ihn ein wichtiger Schlüssel war „um den Himmel aufzusperren“ (so bezeichnet er es), dass er erkannt hat, wer er in Jesus Christus ist. Um Kranke zu heilen, ist es notwendig ein christozentrisches Selbstbewusstsein zu haben, zu wissen wer wir in Christus sind.


Es ist ein riesiger Unterschied ob man als Knecht und Diener den allmächtigen Gott um etwas bittet oder ob man im Bewusstsein eines Sohnes und einer Tochter aus der Fülle Gottes lebt.


Wie sagt der Vater zum älteren Bruder im Gleichnis vom verlorenen Sohn?


„Kind, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, ist dein!“ (Lk. 15,31 Rev. Elb.)


Wenn Du einen Handwerker bestellt hast, und der verschafft sich eigenmächtig Eintritt in Dein Haus und bedient sich an Deinem Kühlschrank, dann wirst Du ihn mindestens fragen, was er sich eigentlich einbildet oder ihn gleich ganz rausschmeißen. Wenn Dein Sohn oder Deine Tochter jedoch, die zum Studieren ausgezogen ist, nach Hause kommt und sich während Deiner Abwesenheit zu Hause niederlässt und ihren Hunger mit Deinen Lebensmittelvorräten stillt, dann ist das in Ordnung und Du wirst Dich sogar darüber freuen, dass er/sie wieder da ist.

Das ist der Unterschied zwischen Kind und Knecht.

Jesus sagt zu seinen Jüngern in der Bergpredigt:


„Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die von den Nationen; denn sie meinen, dass sie um ihres vielen Redens willen erhört werden.“ (Mt. 6,7 Rev. Elb.)

Damals herrschte die Ansicht, dass man Gott durch vieles Reden überreden musste. Und selbst die frommen Juden pflegten diese Ansicht: dreimal täglich musste das Achtzehnbittengebet gebetet werden (je 970 Worte), zweimal das tägliche Glaubensbekenntnis, die Wiederholungen der Tischgebete und bei jedem Anlass die Lobpreisung Gottes.

Jesus lehrte sie:


„Betet ihr nun so: Unser Vater, der du bist in den Himmeln....“ (Mt. 6,9a Rev. Elb.)


Und hier ist im Laufe der Kirchengeschichte etwas Schreckliches passiert: aus dem innigen „unser Vater“ wurde das „Vaterunser.“ Aus dem Gebet des Herzens an dem himmlischen Vater, wurde ein Gebet, das genauso gedankenlos geplappert wird, wie die heidnischen Gebete früherer Zeiten und v.a. die Beziehung zum Vater wird zu einem formalen „Vaterunser“.

Die ursprüngliche Radikalität und Intention dieses Gebets ging verloren.


Was war so besonders? Die Juden sahen Adam als den Vater der Menschheit und Abraham als den Vater der Juden. Wer aber nun betet, dass Gott im Himmel sein Vater ist, sagt damit aus: „Ich bin kein natürlicher Mensch. Ich komme aus dem Himmel!“ Nun kann das Jesus ja mit Fug und Recht von sich behaupten, aber er sagt, dass dies unser Gebet sein soll. Wir kommen aus dem Himmel! Unser Zuhause ist der Himmel bei Gott!


Wir sind Kinder Gottes,
„die an seinen Namen glauben; die nicht aus Geblüt, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.“ (Joh. 1, 13 Rev. Elb.)

Unsere geistliche Geburt (Bekehrung) war ein übernatürliches Geschehen durch den Heiligen Geist. Nun sind wir Kinder Gottes und haben ihn als Vater. Wir leben nun im Übernatürlichen!


Deshalb sind wir
„gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in der Himmelswelt“ (Eph. 1,3 Rev. Elb). Deshalb steht uns in Christus alles an geistlichem Segen zur Verfügung.

Als der Vorhang im Tempel zum Allerheiligsten zerrissen ist, wurde der Zugang ein für allemal frei. Nicht nur für den Augenblick unserer Bekehrung. Der Strom vom Thron Gottes kann beständig fließen. Es ist wie ein Computer der permanent mit dem Internet verbunden ist. Der Datenfluss kann beständig fließen.


4. Das Reich Gottes


Ein Theologe hat mal gesagt, dass Jesus der erste Außenposten des Reiches Gottes auf feindlichem Territorium war. Das ist richtig: er war der erste. Und wir sind die vielen anderen Außenposten.


Jesus sagt, dass Petrus die Schlüssel zum Reich Gottes hat. Ich bin mir darüber im Unklaren, was diese Aussage für uns genau zu bedeuten hat. Vielleicht kann man sagen, dass auch wir die Schlüssel zum Reich Gottes haben (Mt. 16,19), auf jeden Fall kann man aber sagen, dass wir beauftragt sind es zu verkündigen.


„Und er sandte sie, das Reich Gottes zu predigen und die Kranken gesund zu machen“ (Lk. 9,2 Rev. Elb.)
(vgl. Lk. 16,16)

Ich hatte vor kurzem ein interessantes Gespräch über das Reich Gottes und dabei ist deutlich geworden, dass wir hier unterschiedliche theologische Ansichten über das Reich Gottes haben. Nach meinem Verständnis etabliert sich das Reich Gottes in unserer Zeitspanne in wesentlichem in drei Aspekten (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):


1. dem Aspekt der Kraft, d.h. der übernatürlichen Zeichen und Wunder

(
„Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist also das Reich Gottes zu euch gekommen.“ Lk. 11,20 Rev. Elb.)
2. dem Aspekt der geistlichen Neugeburt (siehe Gespräch mit Nikodemus, Joh. 3,5), d.h. Menschen finden durch die Liebe Gottes hinein in das Reich Gottes und

3. durch das charakterveränderte übernatürliche Wirken des Heiligen Geistes in und durch und zwischen uns (Röm. 14,17b).


Warum nicht mehr?

Weil das Reich Gottes ausschließlich eine übernatürliche Dimension hat; es ist nicht Essen und Trinken (Röm. 14,17a), es ist nicht irdisch (Joh. 18,36), es ist kein Lebensstil, es besteht nicht aus Worten (1. Kor. 4,20), es ist nicht fassbar (Lk. 17,20), sondern es ist geistlich bzw. inwendig (Lk. 17,21). D.h. egal was ich auch aus meiner Kraft heraus auch tue, ich kann gar nicht Reich Gottes bauen.


Ob ich Maschinen konstruiere, Kinder erziehe, Kranke behandle, einen Haushalt führe oder Gemeinde leite, all das ist nicht die Dimension des Reiches Gottes. Das sind alles wichtige und gottgegebene bzw. -gefällige Tätigkeiten, die vielleicht auch was mit einer persönlichen Berufung zu tun haben (vielleicht deshalb, weil wir Deutsche hier m. M. nach eine besonders enge und statische Auffassung von Berufung haben), aber das Reich Gottes befindet sich auf einer geistlichen Ebene. Es hat nur diese Dimension. (Wenn Jesus Christus wiederkommt und die Welt in einem 1000jährigen Reich regieren wird, dann wird es auch eine irdische Dimension haben!)


Trotzdem kann sich aber an jedem Platz, an dem ich mich bewege das Reich Gottes ausbreiten - es ist ja in mir! - wenn ich mich zur Verfügung stelle für die Dimensionen der Kraft und der Liebe.


Es ist wie in einem luftleeren Raum, ich kann keine Luft produzieren, aber ich kann die Fenster öffnen und schließen. Ob ich dort dann einen Menschen oder einer Maschine die Hände auflege, spielt dabei erstmal keine Rolle.


Aber dazu will Gott unser Mitwirken. Er öffnet die Fenster nicht für uns. Jesus ist im Besitz aller Autorität („Mir ist alle Macht gegeben“) und er lässt uns daran partizipieren („Ich gebe euch Vollmacht“).


5. Unser Sprechen wird Realität


Eine besonders wichtige Bedeutung hat dabei unser Sprechen. Wenn Jesus uns lehrt, wie wir beten sollen und es heißt


„Dein Reich komme, dein Wille geschehe auf der Erde, wie er im Himmel geschieht.“ (Mt. 6,10 NGÜ)
,

dann ist dies eigentlich keine Bitte, sondern es ist eine Proklamation. Es bedeutet nicht: „Dein Wille geschieht sowieso. Inshallah. Und ich nehme ihn in Demut zur Kenntnis!“ Nein, es ist ein Hineinrufen in den Himmel. Eine Herabrufen des Willen Gottes vom Himmel auf die Erde. Es ist genauso ein “Komm“ wie in der Situation, als Jesus zu Petrus ruft „Komm“ und er dann anfängt auf dem Wasser zu gehen. Es ist ein Hineinrufen ins Unsichtbare, sowie Paulus über den Glauben des Abraham schreibt:


„dem Gott, dem er glaubte, der die Toten lebendig macht und in das Nichtseiende ruft, wie wenn es da wäre.“ (Röm. 4,17 Rev. Elb.)


Genauso wie er uns nie aufgetragen hat für Kranke zu beten, sondern sie zu heilen. Dies kann ja nur geschehen, wenn die Gegenwart des Himmels auf die Erde kommt.

Und dazu kann es wichtig sein, dass wir uns der „Gegenwart des Himmels“ in uns, unserer Himmelsbürgerschaft bewusst sind. Ich bin bei Euch!


Die meisten von uns kennen wohl Begebenheiten in unseren Leben, in denen wir die Gegenwart des Himmels, die Gegenwart des Reiches Gottes in uns deutlich wahrgenommen haben. Wo wir wussten: jetzt ist nichts unmöglich.


Ich kann mich an einige wenige Situationen im Heilungsdienst erinnern, in denen ich 1000%ig absolut sicher war, dass jetzt Heilung geschieht und ich dies ganz selbstverständlich ausgesprochen habe und es dann auch geschehen ist. Oder manch andere Begebenheiten, wo wir Gottes verändernde Kraft erlebt haben. Wenn wir jetzt zusammentragen würden, kämen bestimmt viele verschiedene Begebenheiten zusammen. Allen gemeinsam ist wohl, dass dort das Reich Gottes, das Himmelreich in die Welt eingebrochen ist.


Wir können noch mehr Raum für solche Begebenheiten schaffen.


In der Vision von den Totengebeinen aus Hesekiel 37 fordert Gott den Propheten auf über die Totengebeine zu weissagen und neues Leben auszusprechen und er tut es und während des Aussprechens vollzieht sich die Weissagung. Gott könnte es auch ohne Hesekiel machen, er könnte alles ohne eines Menschen Hilfe machen, aber Gott hat sich uns als Partner ausgesucht, er hat uns ausgesucht, damit wir die Kraft seines Reiches freisetzen.


Wenn Menschen ein prophetisches Wort bekommen, ein Wort der Ermutigung bekommen hat, wie bspw. bei der Frau am Brunnen oder bei Menschen, die man bei einer Schatzsuche findet, dann entsteht in ihnen ein Wunsch nach mehr. Alle Menschen haben in sich eine Sehnsucht nach dem Himmel. Sie dürsten nach den Geschmack des Himmels. Das prophetische Wort ist oft der Einstieg in ein Begegnen mit der Güte Gottes. Die Güte Gottes ist es dann, die die Menschen zur Umkehr leitet (Röm. 2,4).


Und wir können und sollen alle prophezeien (1. Kor. 14,1). Wir denken zu gering von uns oder nehmen es nicht war.

Die richtige Einstellung muss sein, wenn wir zu jmd. hingehen: „Ok, ich habe kein Wort für die Person, aber ich werde eines bekommen.“


6. Schluss


Zusammenfassend zum Schluss noch mal:

es gibt mehr als wir schon erlebt haben,

wichtig ist unser Hunger,

unsere Aufgabe ist es das Reich Gottes auf die Erde zu holen,

das können wir, weil uns als Himmelsbürger alles zur Verfügung steht,

in diesem Bewusstsein müssen wir wachsen,

das prophetische Wort setzt oft eine Sehnsucht nach dem Himmel frei,

wir sind dazu berufen und befähigt es auch weiterzugeben.


AMEN.