Posts mit dem Label Pharisäer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Pharisäer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 7. Februar 2026

Predigt von Norbert Wohlrab (06.02.2026)

Werbeclip - The Guardian: Point Of View (1986)

Audio

 

Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig oder den richtigen Blickwinkel haben


1. Einleitung

Dieser prämierte Werbeclip von 1986 zeigt in nur weniger als 30 Sekunden, wie wichtig es ist, den richtigen Blickwinkel bzw. den richtigen Standpunkt (Point of View) zu haben, um ein Geschehen objektiv beurteilen zu können. 
Ist es ein Skinhead, der einen Geschäftsmann attackiert oder ein Skinhead, der das Leben eines Geschäftsmannes rettet?

Den richtigen Blickwinkel zu haben, ist heute genauso aktuell wie damals und wird es wohl immer auch bleiben. In der Gesellschaft, in der Politik, im Arbeitsalltag und auch in der Gemeinde. Nur allzu leicht kommen wir in Situationen, wo wir ein Geschehen oder das Verhalten anderer Menschen beurteilen, sogar verurteilen, ohne ausreichend Informationen haben, ohne ausreichend Zusammenhänge zu kennen oder ohne uns ausreichend in die anderen hineinversetzt zu haben. 

Aber auch im Umgang mit der Bibel ist es wichtig, den richtigen Blickwinkel oder die richtige Haltung einzunehmen. Ich kann mit der Bibel Menschen erschlagen oder ich kann mit ihr Menschen erhöhen, ihnen Gutes tun, sie segnen. 

Im Laufe der Jahrhunderte wurden immer wieder Menschen im Namen der Heiligen Schrift oder im Namen Gottes getötet, verbrannt, gesteinigt, gefoltert, eingekerkert und auch heute werden Menschen noch ausgegrenzt, abgelehnt oder stigmatisiert. Auch Jesus wurde im Namen der Schrift getötet.

Ich möchte heute mit Euch drei Stellen aus dem NT anschauen, in denen ein Perspektivenwechsel weitreichende Folgen gehabt hat. 


2. Der Buchstabe tötet

Zunächst jedoch ein paar Verse aus dem 2. Korintherbrief, die auch von einen Perspektivenwechsel sprechen.

„6 Nur durch ihn können wir die rettende Botschaft verkünden, den neuen Bund, den Gott mit uns Menschen geschlossen hat. Dieser Bund ist nicht mehr vom geschriebenen Gesetz bestimmt, sondern von Gottes Geist. Denn der Buchstabe des Gesetzes tötet, Gottes Geist aber schenkt Leben.
7 Schon der Dienst im alten Bund, der auf dem in Stein gemeißelten Gesetz beruhte und den Menschen den Tod brachte, ließ etwas von Gottes Herrlichkeit erkennen. Nachdem Gott Mose das Gesetz gegeben hatte, lag da nicht ein Glanz auf Moses Gesicht – so stark, dass die Israeliten es nicht ertragen konnten? Dabei war es doch ein Glanz, der wieder verblasste!
8 Wie viel herrlicher muss es dann sein, Gott im neuen Bund zu dienen und die rettende Botschaft von Christus zu verkünden! Denn dieser Dienst führt Menschen durch Gottes Geist zum Leben.
9 Wenn schon der Auftrag, der den Menschen die Verurteilung brachte, so sichtbar Gottes Herrlichkeit ausstrahlte, wie viel herrlicher ist dann der Auftrag, durch den die Menschen von ihrer Schuld vor Gott freigesprochen werden!
10 Ja, was damals herrlich erschien, verblasst völlig vor der überwältigenden Herrlichkeit unseres Auftrags.
11 Wenn schon die alte Ordnung, die doch nur für eine bestimmte Zeit galt, Gottes Herrlichkeit erstrahlen ließ, um wie viel mehr wird sich Gottes Herrlichkeit durch die neue Ordnung offenbaren, die ewig gilt!“ (2. Kor. 3, 6-11 HfA)


Hier wird vom Wechsel vom Alten zum Neuen Bund gesprochen, von einer alten zu einer neuen Ordnung, von Vergänglichkeit zu Herrlichkeit, von Tod zum Leben.

„Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.“ (2. Kor. 3,6b ELB)

Oder in einer dritten Übersetzung:

„Denn das Gesetz bringt den Tod, aber der Geist ´Gottes` macht lebendig.“ (NGÜ)

Das Gesetz des alten Bundes bringt nichts anderes als den Tod, aber der neue Bund, der auf Gnade basiert, bringt Leben durch den Geist Gottes. Das ist ein gewaltiger Perspektivenwechsel. Vom Tod zum Leben. 

Jesus sagt: „Ich aber bin gekommen, um ihnen Leben zu bringen – Leben in ganzer Fülle.“ (Joh. 10,10b NGÜ)


3. Beispiel 1: Jesus und die Ehebrecherin

Meine erste Stelle für einen Perspektivenwechsel. Eine ganz bekannte Geschichte.

„3 Da schleppten die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau heran, die beim Ehebruch überrascht worden war. Sie stellten sie in die Mitte, wo sie von allen gesehen werden konnte,
4 und sagten zu Jesus: »Lehrer, diese Frau wurde auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt.
5 Im Gesetz hat Mose uns befohlen, eine solche Frau zu steinigen. Was meinst du dazu?«
6 Sie fragten dies, um Jesus auf die Probe zu stellen und ihn dann anklagen zu können. Aber Jesus bückte sich nur und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7 Als sie nicht lockerließen, richtete er sich auf und sagte: »Wer von euch noch nie gesündigt hat, soll den ersten Stein auf sie werfen!«
8 Dann bückte er sich wieder und schrieb weiter auf die Erde.
9 Als die Ankläger das hörten, gingen sie einer nach dem anderen davon – die älteren zuerst. Schließlich war Jesus mit der Frau allein. Sie stand immer noch an der gleichen Stelle.
10 Da richtete er sich erneut auf und fragte sie: »Wo sind jetzt deine Ankläger? Hat dich denn keiner verurteilt?«
11 »Nein, Herr«, antwortete sie. »Ich verurteile dich auch nicht«, entgegnete ihr Jesus. »Du kannst gehen, aber sündige nun nicht mehr!« (Joh. 8, 3-9 HfA)


Ich finde diese Begebenheit unheimlich spannend. 

Was ist geschehen? Eine Frau begeht Ehebruch und wird erwischt. Vermutlich war auch ein Mann dabei, aber der ist wohl entkommen. Männer sind meistens etwas schneller beim Weglaufen.

Die Schriftgelehrten und Pharisäer, die die sich also ganz genau mit dem Gesetz auskennen, die es ganz genau nehmen, schleppen die Frau heran und wollen Jesus in Versuchung bringen. Wie wird er handeln? Wird er sich gegen das Gesetz stellen? 

Zunächst einmal ist festzustellen. Die Schriftgelehrten sind im Recht. Das Gesetz sagt:

„Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, hat den Tod verdient, der Ehebrecher und die Ehebrecherin.“ (3. Mose 20,10 EÜ)

Es muss sich hier also um eine verheiratete Frau gehandelt haben. Nur so konnte sie ja ihre Ehe brechen. Die Frau hatte also den Tod verdient. 

Ich vermute mal, dass es ihnen hier gar nicht darum ging den Auftrag des Gesetzes zu befolgen. Die Historiker sagen, dass derartige Steinigungen wohl nicht so häufig praktiziert wurden. Außerdem waren Steinigungen wegen Ehebruchs nach römischen Recht gar nicht zulässig. Ich denke, es ging ihnen vor allem darum Jesus aufs Glatteis zu führen. Sie wollten erreichen, dass er sich gegen das Gesetz stellt. Dazu war dies eine wunderbare Gelegenheit. Da war ihnen das schwache Geschlecht gerade recht. 

Jesus war nun in einem Dilemma. Das ist eine spannende Situation. Denn die Gesetzesgelehrten hatten ja recht: Das Gesetz forderte den Tod. Und Jesus musste sich an das Gesetz halten. Er durfte es nicht einfach übergehen. 

Im Galaterbrief lesen wir:

„als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, geboren unter dem Gesetz, damit er die loskaufte, die unter dem Gesetz waren, damit wir die Sohnschaft empfingen.“ (Gal. 4, 4.5 Rev. Elb.)

Jesus Christus kam, lebte und wirkte unter den Vorgaben des Gesetzes Mose um die zu befreien, die unter dem Gesetz lebten, also das Volk Israel. Das war sein Auftrag. Das waren seine Rahmenbedingungen. 
Er befolgte vollständig das Gesetz - und sogar mehr als das - um vollkommen ohne Sünde, ohne jegliche Verfehlung ans Kreuz gehen zu können. Und d.h., dass auch seine Reden mit dem Gesetz übereinstimmen mussten. 

Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass in unserer Bibel der Neue Bund nicht mit dem Beginn des Neuen Testaments, also nicht mit Matthäus 1, sondern mit Matthäus 27, nicht mit Bethlehem, sondern mit Golgatha beginnt. 
Alles was Jesus lehrte, musste immer konform zum Gesetz sein. Er konnte auf die wahre Bedeutung hinweisen, aber er durfte ihm nicht widersprechen. Gegen was er sich aber oft wehrte, war die Auslegungspraxis der Pharisäer. 

Ursprünglich hatten diese nach der babylonischen Gefangenschaft die Zielsetzung, dass das Wort Gottes bewahrt und nicht vergessen wird, damit das Volk Israel nicht erneut heimgesucht und verschleppt wird. So sind die Synaxogengottesdienste und das Rabbinertum entstanden. Aber in ihrem Streben das Wort Gottes zu bewahren, sind sie immer mehr entartet. In ihrem Bestreben Sünde zu vermeiden, haben sie den Menschen mehr und mehr Lasten aufgelegt, die diese nicht mehr tragen konnten. 

Sie haben Netze um das Gesetz gestrickt. Netzte voller zusätzlicher Regeln, die dazu dienen sollten, das Gesetz nicht zu brechen und diese Netze wurden nach und nach so engmaschig, bis sie keine Netze mehr waren.

„Er aber sprach: Wehe auch euch Gesetzesgelehrten! Denn ihr ladet den Menschen unerträgliche Bürden auf, und ihr selbst rührt die Bürden nicht mit einem Finger an.“ (Lk. 11,46 SLT)

Oder an anderer Stelle sagt er zu Ihnen:

„Ihr blinden Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt!“ (Mt. 23,24 LUT)

Ihr Streben nach Gerechtigkeit ist entartet. Sie sind zu hartherzigen Paragraphenreitern geworden. Das Netz ist wichtiger geworden, als das Gebot selbst.

Zurück zum Geschehen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Jesus hier in einem Dialog mit seinem Vater im Himmel war, um übernatürliche Weisheit zu empfangen, wie er in dieser Situation das richtige tun konnte.

Und dann kommt diese geniale Antwort: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ So hält er sich an die Norm des Gesetzes, aber wechselt gleichzeitig die Perspektive.

Und nichts passiert. Kein Stein fliegt. Alle gehen. Denn sie wissen, dass auch sie schon schuldig geworden sind. Niemand ist ohne Schuld. 
Die ältesten gehen zuerst. Je mehr Leben, desto mehr Schuld. Ganz einfache Rechnung. Keiner bleibt zurück. Jesus überführt sie mit nur einem Satz. Er spricht mit einem Satz mitten in ihr Herz. Und das ganz ohne ein Bibelwort. Aber es ist ein geistgehauchtes Wort. 

Die Vertreter des Gesetzes verzichten auf die Vollstreckung ihres Urteils, so kann auch Jesus sie frei sprechen.

Diese Begebenheit verdeutlicht eine darüber stehende Wahrheit: alle sind schuldig, alle haben gesündigt. Der Blickwinkel wechselt von dem Blick der Schuld der einen Person, auf den Blick der Schuld aller.

Das Gesetz sagt: Töten. Aber es gibt einen Ausweg: Barmherzigkeit. Das ist eine neue Perspektive. Die Perspektive Gottes. 



4. Beispiel 2: Der barmherzige Samariter

Eine weitere Stelle, in der Jesus gesetzeskonformes Verhalten einem barmherzigen Handeln gegenüberstellt, ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Was ist das Rahmengeschehen?

„ Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben! Der Gesetzeslehrer wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?“ (Lk. 10, 25-29 EÜ)

Wir haben also wieder eine ähnliche Situation. Wieder will man Jesus dazu bringen, dass er sich irgendwie gegen das Gesetz positioniert. Aber Jesus lässt sich nicht reinlegen. Er antwortet in der Art und Weise, wie jüdische Schriftgelehrte diskutieren, auf eine Frage kommt eine Gegenfrage. Und der Schriftgelehrte fasst das Gesetz zusammen. Er gibt die formal richtige Antwort. Jesus sagt an anderer Stelle selbst, dass an diesen beiden Geboten, das Gesetz und die Propheten hängen (Mt. 22,40): 
Gott lieben mit ganzer Kraft, ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzen Denken. Und den Nächsten. 
Ganz, ganz, ganz, ganz. 
Leisten, leisten, leisten, leisten.
Gesetz, Gesetz, Gesetz, Gesetz.
Und Jesus sagt: Genau, tu das. Tu dies beständig, tu dies ununterbrochen, tu dies immer während und du wirst leben.

Wir Christen müssen uns hier wieder bewusst machen, es geht ums Gesetz. Das ist keine Aufgabenstellung für das Leben eines Christen. Niemand kann das. Der Kerkermeister von Philippi bekommt auf die Frage: „Was muss ich tun um gerettet zu werden?“, die Antwort des neuen Bundes: „Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst gerettet werden“ (Apg. 16,30.31). Nicht ganz, ganz, ganz, ganz, leisten, leisten, leisten, leisten, sondern einfach glauben!
 
Zurück zum Schriftgelehrten. Und eben nicht nur Gott, sondern auch den Nächsten lieben. Wer könnte das denn sein? Das Familienmitglied, der Freund, vielleicht noch maximal der Nachbar, aber dann ist Schluss. Sonst wird es nichts mit dem ewigen Leben. 

Und dann kommt das uns bekannte Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Dort lesen wir, dass ein Priester und ein Levit an dem Überfallenen vorbeigehen, ohne ihn zu helfen. Sie gingen sogar an der gegenüberliegenden Seite vorüber. Das ist interessant. 

Nun muss man wissen, dass der Kontakt mit Toten sie verunreinigt hätte. Der Levit wäre mindestens vorübergehend, der Priester - soweit ich das verstanden habe - wohl dauerhaft nicht mehr zum Tempeldienst befähigt gewesen (3. Mose 21, 1-4; 4. Mose 19,11). Nach damaligen Verständnis hätte es schon gereicht, wenn nur der eigene Schatten auf den Toten gefallen wäre. Daher das Wechseln der Straßenseite. Sie können gar nicht überprüfen, ob er noch lebt. Schnell den Schatten einziehen und weiter. Sie haben also alles richtig gemacht um auf keinen Fall eine Gesetzesübertretung zu begehen. Aber war es auch das richtige? Hatten sie die richtigen Perspektive?

Nun kommt ein Samariter daher. Also ein Bewohner Samariens. Die Zuhörer haben wohl erwartet, dass Jesus nun als drittes - nach dem Priester und dem Leviten - einen frommen Israeliten aufmarschieren lässt. Aber einen Samariter? Die Samariter wurden von den Juden abgelehnt. Nicht mal das Wort haben sie in den Mund genommen. „Der barmherzig gehandelt hat“, sagt der Schriftgelehrte. Das waren Mischgläubige. Ein bisschen jüdisch, ein bisschen okkult, auf jeden Fall Götzenanbeter. Das Produkt von der Vermischung der Bevölkerung während der babylonischen Gefangenschaft, Völlig inakzeptabel. So einen nimmt Jesus hier als Beispiel für Barmherzigkeit. Ein Affront. 

Wer wäre es heute? Der Clubberer oder noch schlimmer der Bayern-Fan? Der Muslim? Der Palästinenser? Der Homosexuelle? Der Diverse?

Jesus verdeutlicht hier der Ausgestoßene, der Abgelehnte, handelt nicht um ein Gesetz zu erfüllen. Sondern er handelt aus Liebe. Aus Erbarmen. 
Jesus lässt hier mehrmals die Blickwinkel wechseln. Von der Frage: Wer ist mein Nächster zu: Wem bin ich der Nächste? Vom Blickwinkel des Gesetzes zum Blickwinkel der Barmherzigkeit und der Liebe.

„So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“ (Röm. 13,10b LUT) 

schreibt Paulus.


5. Beispiel 3: Der erste Apostelkonzil

Ein letztes Beispiel. Ihr habt neulich eine Predigt gehört von Thomas Zuhr über die Begebenheiten in Apostelgeschichte 10. Dort wird beschrieben, wie Petrus Visionen bekommt, lauter vom Gesetz verbotene Speisen zu essen, weil Gott sie rein gemacht hat. Und er darauf verbotenerweise ins Haus von Heiden eingekehrt ist, mit ihnen Gemeinschaft hatte, ihnen das Evangelium verkündete und so das Evangelium zu den Heiden gekommen ist. Dies war der Beginn der Heidenmission, zu der dann auch Paulus und Barnabas ausgesandt waren. Einige Zeit später kam es dann zum ersten Apostolischen Konzil in Jerusalem. 

Und da gab es einige gläubig gewordene Pharisäer, die wollten, dass die gläubiggewordenen Heiden auch beschnitten werden sollten und das Gesetz halten sollten. Und dann haben die Apostel diskutiert und ihre Entscheidung getroffen. Nein, spricht Jakobus:

„Darum halte ich es für richtig, den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufzubürden“ (Apg. 15,19 EÜ)

Keine Lasten, kein Gesetz. Nur ein paar ethische Regeln für die Praxis:

„Allerdings sollten wir sie in einem Brief dazu auffordern, folgende Dinge zu unterlassen: jede Verunreinigung durch Speisen, die den Götzen geopfert wurden, jede Form von Blutschande, sowie den Genuss von Blut und von nicht ausgeblutetem Fleisch.“ (Apg. 15, 20 NGÜ mit Erläuterungstext)

Diese Regelungen waren vor allen für die Tischgemeinschaft von Juden und Heiden relevant und wurden so in dieser Form von Paulus nicht in den Briefen weitergegeben. Im Gegenteil: dort schreibt er, der eine kann alles essen und macht sich keinen Kopf, egal ob Götzenopferfleich oder nicht, der andere wird Vegetarier und isst nur noch Gemüse. (Röm. 14; 1. Kor. 8).

Dies war die offizielle Festlegung für die Christenheit: das Gesetz gilt nicht für uns Heidenchristen. Punkt. 
Auch dies war ein Wechsel des Blickwinkels. Wir schauen nun auf Gott, auf sein Wort, vom Standpunkt des Geschenks der Gnade aus und nicht vom Standpunkt der Forderungen des Gesetzes. 


6. Schlussgedanke

Trotzdem unterliegen wir alle, manche mehr und manche weniger, der Versuchung uns einzelne Verse aus dem Gesetz heraus zu greifen um uns, oder noch besser anderen Lasten und Bürden aufzulegen, um sie zu richten, auszugrenzen, zu verurteilen. 

Oft sind es dann Verse, die irgendwelche sexuellen Sünden regeln. 
Warum eigentlich nicht solche, in denen es um Mischgewebe geht? Wird im Gesetz genauso verboten:

„tragt keine Kleidung aus Mischgewebe!“ (3. Mose 19,19 HfA)

Da hätten wir wohl alle Probleme. Ich müsste dann ohne Socken hier stehen.

Ich weiß heute: meine Erkenntnis ist Stückwerk. Alles was ich heute sage, beruht auf Erkenntnisstückwerk. Vielleicht stimmt auch nicht alles. 
Die Bedeutung von manchen Aussagen der Bibel, die für mich früher ganz klar waren, gerade hinsichtlich Homosexualität, sind für mich heute nicht mehr so einfach zu erkennen. 

Stellen aus dem NT, in denen Paulus bspw. Homosexualität ablehnt, stehen auch im Kontext von Aussagen, in denen dargestellt wird, dass wir eben alle Sünder sind. 

„Wer kann merken, wie oft er fehlet?“ (Ps. 19,13a LUT)

schreibt der Psalmist. 

Ich habe genügend offenkundige und verdeckte Schwächen und Mängel, sündhaftes Handeln. Wer bin ich, dass ich die sexuelle Identität oder das Empfinden anderer Personen beurteilen kann?

Die Vollkommenheit der Schöpfung hat durch und mit Adam und Eva gestoppt. Seitdem leben wir in einer gefallenen Schöpfung mit Naturkatastrophen, Krankheiten, Behinderungen uvm., die alle nicht Gottes ursprünglichem Plan entsprechen. Die Schöpfung hat ein massives downgrad erhalten.
Trotzdem ist jeder und jede einzelne wertvoll und in den Augen Gottes geliebt. Egal ob männlich, weiblich oder uneindeutig definiert. Egal ob gesund oder beeinträchtigt, Spielvereinigung- oder Bayernfan. Und alle wollen überraschenderweise leben. Und alle innerhalb der Möglichkeiten, die wir haben. 

Versteht mich nicht falsch, ich möchte nicht alles bagatellisieren, was es an Auswüchsen und Perversionen in unserer Gesellschaft so gibt. Gerade junge Menschen in der Entwicklung brauchen besonderen Schutz, wenn sie dabei sind ihre Identität zu entwickeln.

Ich will nur keine Menschen verurteilen oder beurteilen, die ernsthaft, tiefgründig, existenziell, um ihre sexuelle und biologische Identität gerungen haben, weil ich denke, dass steht mir nicht zu. 
Meine Aufgabe ist es nicht irgendwelche Verse aus der Bibel hervorzukramen und zu richten, sondern meine Aufgabe ist es, die Liebe Gottes weiterzugeben. Im privaten Umgang heißt es sie annehmen und lieben. Was es im gemeindlichen Kontext heißen kann, sind noch offene Fragen. Auf jeden Fall gilt: 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.“ (Luk. 6, 36.37 LUT)

Amen.



 

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Predigt von Norbert Wohlrab (29.09.19)

Gleichnis von den Ehrenplätzen beim Festmahl (Lk. 14, 1 - 14)


1. Warnung vor Ehrsucht

Für den heutigen Sonntag habe ich ein Gleichnis herausgesucht, das man meistens nur wenig beachtet und über das auch eher selten gepredigt wird. Vermutlich einfach deshalb, weil die zentralen Aussagen so einfach und klar sind. Es handelt sich um das Gleichnis von den Plätzen bei einem Festmahl.

„1 Und es begab sich, als er am Sabbat in das Haus eines Obersten der Pharisäer ging, um zu speisen, da beobachteten sie ihn.
2 Und siehe, da war ein wassersüchtiger Mensch vor ihm.
3 Und Jesus ergriff das Wort und redete zu den Gesetzesgelehrten und Pharisäern, indem er sprach: Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen?
4 Sie aber schwiegen. Da rührte er ihn an, machte ihn gesund und entließ ihn.
5 Und er begann und sprach zu ihnen: Wer von euch, wenn ihm sein Esel oder Ochse in den Brunnen fällt, wird ihn nicht sogleich herausziehen am Tag des Sabbats?
6 Und sie konnten ihm nichts dagegen antworten.
7 Er sagte aber zu den Gästen ein Gleichnis, da er bemerkte, wie sie sich die ersten Plätze aussuchten, und sprach zu ihnen:
8 Wenn du von jemand zur Hochzeit eingeladen bist, so setze dich nicht auf den obersten Platz, damit nicht etwa ein Vornehmerer als du von ihm eingeladen ist,
9 und nun der, der dich und ihn eingeladen hat, kommt und zu dir sagt: Mache diesem Platz! — und du dann beschämt den letzten Platz einnehmen musst.
10 Sondern wenn du eingeladen bist, so geh hin und setze dich auf den letzten Platz, damit der, welcher dich eingeladen hat, wenn er kommt, zu dir spricht: Freund, rücke hinauf! Dann wirst du Ehre haben vor denen, die mit dir zu Tisch sitzen.
11 Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
12 Er sagte aber auch zu dem, der ihn eingeladen hatte: Wenn du ein Mittags- oder Abendmahl machst, so lade nicht deine Freunde, noch deine Brüder, noch deine Verwandten, noch reiche Nachbarn ein, damit nicht etwa auch sie dich wieder einladen und dir vergolten wird;
13 sondern wenn du ein Gastmahl machst, so lade Arme, Krüppel, Lahme, Blinde ein,
14 so wirst du glückselig sein; denn weil sie es dir nicht vergelten können, wird es dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.“
(Lk. 14, 1-14 Schlachter 2000)


Wir finden verschiedene Hochzeitsgleichnisse in der Bibel, die meist einen Bezug auf Jesus als Bräutigam haben. Dies hier ist etwas anders ausgerichtet, hat einen etwas anderen Schwerpunkt. Zunächst die Frage nach dem Kontext.

Jesus war mit seinen Anhängern auf Wanderschaft. Er hat gelehrt und geheilt. Der Konflikt mit den Pharisäern war noch nicht auf seinem Höhepunkt angekommen. Er wurde von den Pharisäern jedoch kritisch gemustert und beobachtet. Würde er etwas tun, dass dem Gesetz oder ihren Gebräuchen widerspricht?

Dann wurde er an einem Sabbat von einem Obersten der Pharisäer, vermutlich einem Hohenpriester oder Synagogenvorsteher,  zu einem Festmahl eingeladen. Er nahm die Einladung an und wurde genau beobachtet (V. 1) und - schwups - auf einmal stand ein Wassersüchtiger vor ihm (V. 2).  Ein schwerkranker Mensch mit Ödemen, möglicherweise wegen einer Herz- oder Niereninsuffizienz.
Was würde Jesus tun? Am Sabbat heilen, also medizinische Arbeit leisten?

Es ging nicht darum, dass ein Wunder notwendig war um diesen Mann gesund zu machen, da es mit den damaligen medizinischen Möglichkeiten keine Heilung gegeben hat, sondern es ging darum, dass in ihren Augen Heilen Arbeit ist und damit am Sabbat verboten sein muss. Jesus fragt sie: Ist es erlaubt? Bekommt keine Antwort und heilt ihm und schraubt damit den Konflikt mit den Pharisäern eine Stufe höher, weil er dadurch ihr religiöses System, ihre religiösen Überzeugungen in Frage stellt.

Weiter fragt er sie, ob sie nicht auch am Sabbat ihren Sohn (in anderen Texten heißt es Esel) oder Ochsen retten würden, wenn er am Sabbat in einem Brunnen fällt (5. Mose 22,4)? Auch hierauf erhält er keine Antwort. Wieder eine Stufe höher. Das ist der Zusammenhang. Nun beginnt das Mahl. Das war bestimmt eine interessante Atmosphäre, wenn man vom Anfang an mit dem Gastgeber in einem Konflikt war. Das ist der Punkt, wo ich mir wahrscheinlich gedacht hätte, okay, ich geh dann mal wieder, gibt es halt kein Festessen. Aber nicht so Jesus.

Nun beginnt ein munteres Treiben. Zur damaligen Zeit und in der damaligen Kultur hatte Gastfreundschaft einen besonders hohen Stellenwert. Aber der ursprüngliche Auftrag für Reisende und Bedürftige zu sorgen, wurde pervertiert.

Wenn man ein Gastmahl gegeben hat, ging es jetzt zum einen darum das Ansehen des Gastgebers zu vergrößern, dadurch dass er durch das Auftragen erlesener und reichhaltiger Speisen, seinen Reichtum zur Schau stellen konnte und zum anderen ging es auch den Eingeladenen darum, ihr Ansehen zu vergrößern, indem sie die Ehrenplätze beim Festmahl beanspruchten. Und diese waren rechts und links des Gastgebers.
Jetzt versuchten die Geladenen - ähnlich wie bei der Reise nach Jerusalem - durch geschicktes Manövrieren, Ablenken („Schau mal diese wunderbaren Oliven!“ „Hast Du schon diesen herrlichen Braten gesehen?“ „Schau mal dieser wunderbare Wandteppich“), Taktieren, Drehen und Wenden, jedoch ohne dies zu offensiv, offensichtlich oder gar aggressiv anzugehen, das wäre verpönt gewesen - die Ehrenplätze zu ergattern. Dies alle beobachtete Jesus.

Nun konnte es aber passieren, dass der Gastgeber, der in der Regel als letztes erschien, ganz andere Personen für die Ehrenplätze vorgesehen hatte und dann wurden die beiden, die es nach oben geschafft hatten, auf die hintersten Plätze geschickt und statt vor allen anderen geehrt zu werden, wurden sie nun vor allen anderen gedemütigt.

„Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (V. 11) 


Jesus kritisiert dieses Treiben, dieses Streben nach Ehre und Anerkennung, sowohl der Geladenen als auch des Gastgebers, denn auch der Gastgeber strebt ja danach. Daher der Hinweis, dass er die einladen soll, die ihm die Einladung nicht vergelten können, die sich nicht bei ihm revanchieren können.

Es gibt ein eindeutiges christliches Verhalten, wie Jesus es an dieser Stelle einfordert und wie wir es in vielen anderen Stellen des Neuen Testaments nachlesen können: Strebt nicht nach Ehre und Anerkennung. Seid bescheiden. Seid demütig!

Vielleicht ist uns ja so ein Streben nach den besten Plätzen wie in dem Gleichnis geschildert ohnehin fremd. Ich bin ja eher so der „peinliche“ Typ, also ich meine mir ist es eher unangenehm irgendwo hervorgehoben zu werden. Ich fühle mich in den hintersten Reihen mit etwas Distanz, Ruhe und Überblick ohnehin viel wohler. Ich wäre nicht gefährdet nach den Ehrenplätzen zu streben. Vielleicht geht es dem einen oder anderen ja genauso, aber es gibt vermutlich noch mehr Lebensbereiche wo uns unsere Ehre wichtig ist wird und wir nicht so leicht damit klarkommen zurückgesetzt zu werden.

Aber wie ist es, wenn wir zu einer Feier einladen? Laden wir dann nicht automatisch unsere Freunde, Familie und Nachbarn ein?

Sicher es ist nicht ganz dasselbe, wir feiern nicht um zu protzen und anzugeben, sondern wegen der Geselligkeit, weil wir Zeit mit den Menschen verbringen wollen, die wir lieben. Aber ein bisschen ähnlich ist es schon, wir laden nicht die ein, mit denen wir keine Zeit verbringen wollen, mit denen wir gar nichts zu tun haben wollen. Und ehrlich, wenn ich mir vorstellen würde, ich sollte bspw. die Bewohner der Heilsarmee einladen, dann würde ich lieber gar nicht mehr feiern.
Aber dennoch, muss es auch für mich, für uns praktikable Möglichkeiten geben dieser Anregung zumindest annähernd zu folgen. Sagen wir mal hier bleibt noch Luft nach oben.


2. Demut -  die Gesinung eines Dienenden

Der offizielle Predigtext des heutigen Sonntags steht im 1. Petr. 5, 5b - 11. Dort heißt es ähnlich:

„Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.“ (1. Petr. 5, 5b.6 Luther)

Da haben wir das gleiche Thema: Demut. Demut heißt auf Lateinisch „Humilitas“, das hat wohl etwas mit Humus zu tun: Erde, Erdboden. Demut hat also etwas mit Bodenständigkeit, Erdverbundenheit zu tun, nicht abgehoben zu sein, sich seiner Begrenztheit und seiner Vergänglichkeit bewusst zu sein.

Petrus schreibt hier davon, dass sich alle mit Demut bekleiden sollen, gürten sollen, sie anziehen sollen, so wie ein Sklave seinen Schurz angelegt hat, der ihn für seinen Dienst vorbereitet hat und ihn von einem freien Mann unterscheidet. Nicht nur die Jüngeren sollen gegenüber den Älteren demütig sein, sondern alle einander. Petrus verwendet dieses Wort nur hier.

Demütig sein, heißt für Petrus, sich selbst zum Sklaven zu machen, zum Diener zu machen. Das ist auch genau das, was das althochdeutsche Wort „Diomuot“ (zusammengesetzt aus Dienen und Mut bzw. Gesinnung) beschreibt: die Gesinnung eines Dienenden einzunehmen, aber nicht erzwungen sondern freiwillig, so wie es Jesus getan hat.

„Habt diese Gesinnung in euch, die auch in Christus Jesus war, der in Gestalt Gottes war und es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein. Aber er machte sich selbst zu nichts und nahm Knechtsgestalt an, indem er den Menschen gleich geworden ist, und der Gestalt nach wie ein Mensch befunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz.“ (Phil. 2, 5-8 Rev. Elb.)

Jesus hat es vorgemacht und wir sollen seine Nachahmer sein. Wir müssen nicht wie er ans Kreuz. Aber unser Leben soll gekennzeichnet sein, von der Gesinnung eines Dienenden.

Der Spiegel hat vor ein paar Jahren mal verschiedene Prominente befragt, was sie unter Demut verstehen. Matthias Sammer hat darauf geantwortet:

„Demut bedeutet für mich: Respektvoll zu sein. Gegenüber allen Menschen, egal welchen Alters, welcher Herkunft, Bildung und sozialer Stellung. Vor allem aber auch vor der eigenen Bedeutung. Wir sind alle nur Bestandteil einer großen Geschichte, das sollte jedem bewusst sein, egal wer er ist.“

Eine ganz gute Antwort, wie ich finde. Wir sind alle nur Humus. Aus Erde gemacht und wir gehen zur Erde zurück. Wir sind alle Gottes Geschöpfe, die einen tragen während ihrer Zeit auf Erden etwas mehr, die anderen etwas weniger Lametta.

Helen Nielsen (amerikaniche TV-Autorin) hat mal gesagt:

„Demut ist wie Unterwäsche - unerlässlich, aber unziehmlich, wenn sie durchscheint.“
(Stimmt heutzutage nicht mehr so ganz.)

Und noch ein bisschen Luther:

„Die wahren Demütigen sehen nicht auf den Lohn und die Folgen der Demut ... und haben keine Ahnung, dass sie demütig sind... Daher kommt's dann, dass ihnen die Ehre allezeit unerwartet widerfährt und ihre Erhöhung unvermutet kommt; denn sie haben sich einfältig an ihrem geringen Wesen begnügt und nie nach Höhe gestrebt. Die falschen Demütigen aber wundern sich, dass ihre Ehre und Erhöhung so lange ausbleibt, und ihr heimlicher falscher Hochmut fühlt sich gar nicht wohl in seinem geringen Stand, sondern denkt nur immer höher und höher.“


3. Demut contra Selbstbewusstsein?

Wir wissen alle, das Gegenteil von Demut ist Hochmut.

Hochmütig zu sein heißt bspw.:

  • stolz zu seineine große Hybris zu haben, ein großes Ego zu haben
    sich etwas darauf einzubilden, auf das was man ist, hat oder kann
  • sich für besser, höher stehender, wertvoller, wichtiger als andere zu halten
  • keine Korrektur mehr nötig zu haben
  • es sowieso besser zu wissen usw.
  • auf andere herabzusehen, sie zu richten
…

Aber wie ist es mit Selbstbewusstsein? Heißt demütig zu sein auch jegliches Selbstbewusstsein abzulegen?

Ich überspitze jetzt mal etwas:

Mut haben kann eigentlich nur der Ängstliche. Jemand der keine Angst vor einer Situation hat, kann auch nicht mutig sein. Er braucht sich ja nicht zu überwinden.

Ein Diener, ein Sklave oder Knecht kann sich selbst nicht demütigen. Jemand der gezwungen ist zu dienen, kann nicht so einfach aus sich selbst heraus demütig sein, weil er sich nicht frei dafür entscheiden kann, die Haltung eines Dienenden einzunehmen.

Ich darf mir daher meinem Selbst bewusst sein, meinen Stärken, meinen Fähigkeiten usw. durchaus bewusst sein und entscheide mich gerade aus dieser Stärke heraus, den anderen höher als mich selbst zu achten.

„Tut nichts aus Selbstsucht oder nichtigem Ehrgeiz, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst.“ (Phil. 2,3 Schlachter 2000)  


Es geht nicht darum als Wurm durchs Leben zu gehen. Auch nicht als erlöster Wurm. Ich bin ein Kind Gottes. Gerechtfertigt und erlöst, begnadigt und begabt, auserwählt und berufen usw. Und außerdem vielleicht auch noch eine gute Ärztin, ein guter Ingenieur, eine gute Erzieherin, ein guter Techniker usw. Dessen allen darf ich mir bewusst sein, aber trotzdem oder gerade deshalb entscheide ich mich die Gesinnung eines Dienenden einzunehmen. Ist das ein Widerspruch? Nein, ich denke nicht.

Es gibt in der Philosophie das Konzept der Schwestertugenden. Erstmals formuliert von Aristoteles und später für die Psychologie weiter entwickelt und bekannt geworden unter dem Wertequadrat.(Paul Hellwig, Friedemann Schulz v. Thun). Es geht dabei darum, das jede Tugend zur Übertreibung werden kann und daher ein Gegengewicht (eine Schwestertugend) als Korrektiv benötigt. Aus Sparsamkeit kann bspw. Geiz werden. Daher benötigt die Sparsamkeit die Freigiebigkeit (die Übertreibung der Freigiebigkeit wäre Verschwendungssucht). In dieser Balance kann sich die Tugend dann entfalten, so Aristoteles.

Die Schwestertugend von Demut ist Selbstbewusstsein. Ohne Selbstbewusstsein, kann die Demut zur Unterwürfigkeit werden; ohne Demut, kann aus dem Selbstbewusstsein Hochmut oder Arroganz werden.

Finden wir das in der Bibel? Nein, nicht unter diesen Namen. Aber am Beispiel vieler Personen: im AT David und im NT v.a. Paulus. Gerade bei ihm wechseln immer wieder Stellen, wo er sich seiner Begrenztheit, seines Mangels, seiner Schwäche bewusst ist und sich dann wieder seiner Autorität, seiner Stellung, seiner Position bewusst ist und diese auch betont und in Anspruch nimmt. Demut und Selbstbewusstsein sind kein Widerspruch, sondern eine notwendige Ergänzung.

Mangelt es mir an Selbstbewusstsein, dann sollte ich mehr erkennen, aus welchen Grenzen heraus mich Gott bestimmt hat.
Mangelt es mir an Demut, dann sollte ich mehr erkennen, in welche Grenzen hinein mich Gott bestimmt hat.


4. Schluss

Petrus schreibt den Empfängern, dass sie sich unter die gewaltige Hand Gottes demütigen sollen. Manchmal heißt demütig sein, einfach auch nur Gott gegenüber den richtigen Platz - Gott ist Gott, ich bin Mensch - einzunehmen.


AMEN.




Dienstag, 27. Mai 2014

Predigt von Norbert Wohlrab (25.05.14)

Götzendienst


1. Einleitung

Ich möchte mit einem der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Gemeinde beginnen: mit dem 1. Konzil in Jerusalem. Dort wurde festgelegt, dass den Heiden, die sich zu Jesus Christus bekehrt haben, keine weiteren Lasten, also kein Gesetz und auch keine Beschneidung aufzuerlegen sind.

„Deshalb urteile ich, man solle die, welche sich von den Nationen zu Gott bekehren, nicht beunruhigen, sondern ihnen schreiben, dass sie sich enthalten von den Verunreinigungen der Götzen und von der Unzucht und vom Erstickten und vom Blut.“ (Apg. 15,19 Rev. Elb.)

Keine Beschneidung und kein Gesetz gilt für die Heidenchristen. Der Glaube ist ausreichend. Wegen der Tisch-Gemeinschaft von Heiden- mit Judenchristen wurden ihnen aber spezielle Regeln auferlegt (vgl. Kritik an Petrus in Galaterbrief): Ersticktes und Blut war den Juden ein Gräuel, genauso wie bestimmte im Gesetz verbotene Verwandtenehen (sind hier wahrscheinlich mit Unzucht gemeint). All dies hat Paulus nie in den Briefen explizit erwähnt, auch beim Götzenopfer (Verunreinigungen der Götzen) galt die christliche Freiheit (Verantwortung vor Gewissen). Aber es gibt durchaus Warnungen vor Götzendienst in den Briefen des NT.

„Darum, meine Geliebten, flieht den Götzendienst!“ (1. Kor. 10,14 Rev. Elb.)

Was hat es mit dem Götzendienst auf sich? Wo lauert die Gefahr? Wie sieht Götzendienst in der Bibel aus? Wie schaut moderner Götzendienst aus? Was sind eigentlich Götzen?

Definition: die Bibel versteht darunter a) andere Götter oder b) deren Abbilder.

Im Hebr. gibt es viele verschiedene Worte, oft wird in diesen die Nichtigkeit der Götzen deutlich. Sie werden als Nichtse, Hauch oder Mistdinger (von Kot abgeleitet, also Scheißdinger) bezeichnet. Das gr. Wort ist „eidolon“ = Schattenbild, davon ist unser Begriff Idol abgeleitet.

Die Bibel sagt diese Götter sind Nichts, so sehen wir heute auch nur noch Steinhaufen ihrer Tempel in den antiken Städten Italiens und Griechenlands. Auch von Odin/Wodan ist nichts mehr übrig.

Trotzdem sind Götzen eine Gefahr, denn hinter den Götzen stecken Dämonen, sagt Paulus. Götzendienst nährt die Mächte der Finsternis.

„Was sage ich nun? Dass ein Götze etwas sei, oder dass ein Götzenopfer etwas sei? Nein, sondern dass die Heiden das, was sie opfern, den Dämonen opfern und nicht Gott! Ich will aber nicht, dass ihr in Gemeinschaft mit den Dämonen seid.“
(1. Kor. 10, 19.20 Schlachter 2000)


Betrachten wir mal ein paar Stellen zum Thema Götzendienst in der Bibel.



2. Götzendienst im AT

Zunächst wird deutlich: im AT zeigt sich ein kompromissloser Umgang mit Götzen, denn
unser Gott ist ein eifersüchtiger Gott.

„Du sollst keine andern Götter haben neben mir. - Du sollst dir kein Götterbild machen, auch keinerlei Abbild dessen, was oben im Himmel oder was unten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist. Du sollst dich vor ihnen nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen. Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott…“ (2. Mose 20, 3-5a Rev. Elb.)


Im Bereich fremde Götter/Götzen gilt bei Gott die Null-Promille-Grenze. In anderen Religionen konnte man mehrere Götter haben, nebeneinander, dort gab es Arbeitsteilung unter ihnen. Bei JHWH geht das nicht.

Welche Bsp. aus dem AT fallen Euch ein?

- der Wettkampf Elias mit den Baalspriestern auf dem Karmel, Gott hat gewonnen, am Ende heißt es:

„Und Elia sagte zu ihnen: Packt die Propheten des Baal, keiner von ihnen soll entkommen! Und sie packten sie. Und Elia führte sie hinab an den Bach Kischon und schlachtete sie dort.“ (1. Kön. 18,40 Rev. Elb.)

Es gab keine Gnade für die Baalspriester, keine Gefangenen, keine Kompromisse.

- die Berufung des Gideon

„Und es geschah in jener Nacht, da sprach der HERR zu ihm: Nimm einen Stier von den Rindern, die deinem Vater gehören, und zwar den zweiten Stier, den siebenjährigen! Und reiße den Altar des Baal, der deinem Vater gehört, nieder und die Aschera, die dabeisteht, haue um! Und baue dem HERRN, deinem Gott, einen Altar auf dem Gipfel dieser Bergfeste in der rechten Weise! Und nimm den zweiten Stier und opfere ihn als Brandopfer mit dem Holz der Aschera, die du umhauen sollst! Da nahm Gideon zehn Männer von seinen Knechten und tat, wie der HERR zu ihm geredet hatte. Und es geschah, da er sich vor dem Haus seines Vaters und vor den Männern der Stadt fürchtete, es bei Tag zu tun, tat er es bei Nacht.“ (Ri. 6, 25 - 27 Rev. Elb.)

Bevor Gideon berufen werden konnte, musste er erst für Klarheit im eigenem Haus sorgen. Wieder gilt: keine Kompromisse.

- das goldene Kalb (2. Mose 32)

Die wohl bekannteste Stelle, während Mose auf dem Berg bei Gott ist, will das Volk sich ein Götterbild machen. Sie wollen etwas Sichtbares zum Anbeten. Der Jungstier (abwertend Kalb) soll ein Bild für JHWH sein, kein fremder Gott. Dennoch ist es Götzendienst, denn ein Bildnis von Gott machen, um es anzubeten, ist genauso ein Götze. Israel hinkt in seiner Geschichte immer wieder auf beiden Seiten, sie wollen JHWH dienen aber trotzdem die fassbaren Götterbilder der umliegenden Völker, Bildnisse zum Anfassen und Ansehen, haben. Aber auch hier bei dem Tanz um das goldene Kalb gilt wieder die Null-Toleranz-Grenze.

„da trat Mose in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer für den HERRN ist! Daraufhin versammelten sich bei ihm alle Söhne Levis. Und er sagte zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Ein jeder lege sein Schwert an die Hüfte! Geht im Lager hin und zurück, von Tor zu Tor, und erschlagt jeder seinen Bruder und seinen Freund und seinen Verwandten! Die Söhne Levis nun handelten nach dem Wort des Mose; und es fielen vom Volk an jenem Tage etwa dreitausend Mann.“ (2. Mose 32, 26 - 28 Rev. Elb.)

Gnadenlos, erschreckend. Es zeigt die Heiligkeit Gottes, die Unvereinbarkeit von Gott und Götze.

Gott ist immer noch der gleiche gestern und heute, und auch morgen. Am Ende der Bibel heißt es immer noch: kein Eintritt für Götzendiener! (Offb. 21,8)

Der Unterschied ist, dass wir in Jesus vor Gott stehen, und damit gerechtfertigt und unantastbar vor Gott sind, aber Gott ist immer noch der heilige Gott.


3. Götzendienst im NT

Wie hat Götzendienst in den Erdenjahren Jesu in Israel ausgeschaut?

Interessanterweise kommt das Wort in den Evangelien nicht einmal vor. Israel war wohl endlich mal nicht gefährdet mit fremden Göttern zu huren, aber es gab trotzdem Formen von Götzendienst.

- Mammon

Mammon bedeutet in etwa Vermögen. Jesus warnt vor dessen Macht. Er ist kein religiöser sondern ein materieller Götze, er hat die Macht gefangen zu nehmen, uns von Gott zu entfernen. Genauso wie bei den Götzen des AT gilt: man kann nicht auf zwei Seiten hinken (Mt. 6,24). Hier haben wir schon eine Relevanz zur Gegenwart. Diese Warnung gilt auch uns. Der beste Umgang mit dem Mammon ist freigiebig und großzügig zu sein.

- Religiosität/Selbstgerechtigkeit

Dass Pharisäertum war eine Form von Götzendienst. Ihre Religiosität, die Einhaltung ihrer Regeln war ihnen wichtiger als Gott. Sie haben sich selbst gerechtfertigt, sie haben sich damit mit Gott auf eine Ebene gesetzt.

Und in den neutestamentlichen Gemeinden?

- fremde Götter

Hier war Götzendienst wieder eine große Gefahr, denn in der damaligen Welt war alles voller Götter. Durch die soziale und kulturelle Nähe und Verquickung konnte man sich nicht einfach dem Einfluss entziehen. Der Umgang mit Götzenopferfleisch war nur eine Gewissensherausforderung, aber darüber hinaus sind einige wieder in die Tempel gegangen, sei es um dort soziale Kontakte zu pflegen (Einladungen fanden bspw. im Tempel statt), aus Unbedarftheit oder weil sie auch wieder sichtbare Götter haben wollten. Hier ist Paulus kompromisslos.


„Darum, meine Geliebten, flieht den Götzendienst! Ich rede als zu Verständigen. Beurteilt ihr, was ich sage! Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes des Christus? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht die Gemeinschaft des Leibes des Christus? Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die vielen, denn wir alle nehmen teil an dem einen Brot. Seht auf das Israel nach dem Fleisch! Sind nicht die, welche die Schlachtopfer essen, in Gemeinschaft mit dem Altar? Was sage ich nun? Dass das einem Götzen Geopferte etwas sei? Oder dass ein Götzenbild etwas sei? Nein, sondern dass das, was sie opfern, sie den Dämonen opfern und nicht Gott. Ich will aber nicht, dass ihr Gemeinschaft habt mit den Dämonen. Ihr könnt nicht des Herrn Kelch trinken und der Dämonen Kelch; ihr könnt nicht am Tisch des Herrn teilnehmen und am Tisch der Dämonen. Oder wollen wir den Herrn zur Eifersucht reizen? Sind wir etwa stärker als er?“ (1. Kor. 10, 14-21) 


Manche Korinther dachten sich, wenn sie Christus gehören, können sie ja zur Prostituierten oder in den Tempel gehen, es macht ja nichts, denn Christus ist ja stärker. Paulus sagt hier nein, es muss genau umgekehrt sein: gerade weil man zu Christus gehört, darf man keine Gemeinschaft mit anderen Göttern (oder der Prostituierten) eingehen.


4. Götzendienst in der Gegenwart

Nun die interessante Frage zum Schluss: wie schaut Götzendienst heute aus?

- Materialismus (s.o.)
fremde Götter (wirken auch heute noch, keine Artemis, Jupiter und Wodan, aber z.B. im Bereich der Esoterik, auch hier gilt: Null-Toleranz, gerade für Menschen die sich aus diesem Bereich heraus bekehrt haben ist dies wichtig, es geht nicht um den Verzehr von Produkten)
- politische Ideologien und Parteien (lebe ich nur noch für die Partei?)
- Idole (Sport, Musik, Kultur…)
- Arbeit (kann Götze werden, mache ich meinen Job und fühle ich mich dabei wohl oder sagen mir die Leute, dass ich besessen von meiner Arbeit bin? beschäftigt sie mich immer und überall? habe ich ihr meine Familie, meine Gesundheit untergeordnet?, heute werden die Opfer um Schlechtes fern zuhalten nicht Steinfiguren gebracht, sondern in Bürogebäuden)
- Familie (selbst die Familie kann mein Götze sein, denke ich immer nur an ihren Vorteil? ordne ich alles immer ihr unter? ist sie mir wichtiger als Gott?)
- Körper/Schönheit (es gibt gerade unter den jungen Leuten einen absoluten Körperkult, klar ist es schön wenn das Sixpack nicht nur im Kühlschrank steht, aber die Intensität die heute auf körperliche Fitness und Aussehen gelegt wird, ist absoluter Götzendienst)
- Ernährung (hier gibt es jetzt schon das entsprechende Krankheitsbild, Orthorexia nervosa, wenn man sich zwanghaft gesund ernähren muss)
- Gemeinde (wird in manchen Gemeinden zum Götzen, der Leib wird zum Haupt, alles muss der Gemeinde dienen, alles wird ihr untergeordnet, sie ist über alle Kritik erhaben und sowieso die beste, sie bestimmt mein Leben rund um die Uhr)
- Pastoren oder Theologien (Starkult um Pastoren, die theologische Überzeugung wichtiger als Gott, eine Gemeinde hat sich gespalten weil im Foyer ein Bild von Adam und Eva aufgehängt wurde, das Problem war nicht ihre Nacktheit, sondern ihre Bauchnabel….)
- ICH (Ich kann selbst zum Götzen werden….)

Im Oktober 1995 soll sich Folgendes zugetragen haben. Ort Neufundland. Ob dieses Ereignis tatsächlich stattgefunden hat, ist nicht bewiesen, die Geschichte lehrt uns aber etwas Grundlegendes. Hier ein angeblicher Auszug eines Protokolls des Funkverkehrs zwischen einem amerikanischen Kriegsschiff und der kanadischen Küstenwache. Es beginnt die U. S. Navy:„Würden Sie bitte den Kurs um 15 Grad nach Norden ändern, um eine Kollision zu vermeiden. Over.“ „Würden vielmehr Sie bitte Ihren Kurs um 15 Grad nach Süden ändern, um eine Kollision zu vermeiden. Over.“ „Hier spricht der Kapitän eines Kriegsschiffes der amerikanischen Navy. Ich wiederhole: Ändern Sie Ihren Kurs. Over.“ „Nein, ändern Sie bitte Ihren Kurs. Ich ersuche Sie darum. Over.“ „Hier spricht der Flugzeugträger ‘USS Abraham Lincoln‘ der Flotte der Vereinigten Staaten von Amerika, Wir werden von drei Zerstörern, drei Kreuzern und weiteren Begleitschiffen eskortiert. Ich ersuche Sie, Ihren Kurs um 15 Grad nach Norden zu ändern, oder wir müssen Zwangsmaßnahmen zur Sicherung unseres Verbandes ergreifen. Over.“ „Hier ist ein Leuchtturm. Over.“ (Schweigen)
aus „Leuchttürme der Welt“ von Marie-Haude Arzur, Edition Maritim

Das Problem v.a. der westlichen Christenheit ist ein narzisstisches Christsein. Vor der Bekehrung geht es meistens zuerst um mich, wir leben selbstbestimmt, bei der Bekehrung sagen wir: nun gehört alles Dir, Du bist Herr, Du sollst bestimmen, alles wird Jesus untergeordnet. Aber dann im Laufe unseres Christseins fängt Jesus ganz unmerklich an sich um mich zu drehen. Vieles was wir im Laufe unseres Christenlebens in Gemeinden und Seminaren gelernt haben (Entdeckung der Gaben, DIENST, Erziehung, Seelsorge, Beratung, Innere Heilung heil, heiler, am heilesten, diverse Programme, Lobpreis der mir guttut, die Gemeinde die mir gefällt usw.), all dies hat mich zum Mittelpunkt, dass es mir besser geht, dass ich mich geistlich optimal verwirkliche. Es geht zunehmend um mich und nicht um Jesus Christus.

All diese Dinge sind gut und wichtig, aber sie können uns auch verderben und zum Götzen werden bzw. uns sogar zum Götzen machen. „Ich komm zurück zum Herz der Anbetung“ singt Matt Redman in „When the music fades“, es soll wieder um Jesus gehen, nicht um mich.


5. Lösungsvorschlag
 

„Alles, was uns wichtiger ist als Gott, was unsere Gedanken und Gefühle mehr gefangen nimmt als er, und von dem wir uns das versprechen, was nur Gott geben kann, ist ein Götze.“ (Timothy Keller/Es ist nicht alles Gott, was glänzt)

Unsere Seele ist ein Schlund (Kegle), sie sucht danach gestillt zu werden. Der Mensch sucht nach Sinnfindung und Erfüllung, denn jeder braucht etwas Besonderes in seinem Leben. Das liegt auch an der Sehnsucht nach Ewigkeit, die Gott in uns hineingelegt hat.

„Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt“ (Pred. 3,11a Rev. Elb.)

Der Mensch wird immer nach Götzen suchen, wenn Jesus nicht den Schlund stillt. Es ist leicht für unsere Seele nach Götzen zu suchen, da wir in einer absoluten Götzenfabrik leben. Ständig produziert unsere Gesellschaft neue Götzen.

Als wir zum Glauben gefunden haben, war der Schlund gestopft, wir waren begeistert von Jesus, er war genug für uns, aber er ist heute immer noch genug.
Es ist notwendig neu zu erkennen, was Jesus getan hat, uns neu daran zu erinnern, wer er ist, wir haben uns an vieles gewöhnt. Das Vakuum in unserem Herzen, den Schlund der Seele kann nur Jesus stillen, er muss wieder groß werden für uns, sein Werk ist das absolut größte was im ganzen Universum jemals geschehen ist, wir dürfen daran teilhaben, wir brauchen keine komplizierte Theologie, er ist genug, lasst uns ihn mehr anschauen und immer wieder neu groß werden lassen.

„Jesus, heilig und gesalbt bist Du.“ (Lied)

AMEN.

Sonntag, 11. November 2012

Predigt von Norbert Wohlrab (11.11.12)

Das Gleichnis von der dreifachen Tür und vom guten Hirten (Joh. 10, 1-18)

1. Einleitung

Ich möchte zu Euch heute über ein Gleichnis sprechen, dass wir alle kennen: ich nenne es mal das Gleichnis von der dreifachen Tür. Ihr kennt es ganz bestimmt, nur vielleicht nicht unter diesem Namen. Bevor wir es aber zusammen lesen, möchte ich kurz auf den Kontext eingehen, in dem Jesus dieses Gleichnis erzählt.

Es ist die Zeit des Laubhüttenfests. Jesus ist in Jerusalem und lehrt. Hierbei kommt es zu einer Reihe von Konflikten und Auseinandersetzungen mit den Pharisäern und Schriftgelehrten (z.B. bei der Ehebrecherin, die gesteinigt werden sollte und der Heilung des Blindgeborenen). Dabei überführt Jesus seine Kritiker ihrer falschen Frömmigkeit. Er deckt auf, wo sie das Gesetz in ihrem eigenen Interesse beugen und zeigt, wo die Traditionen der Mischna (Auslegungen zum Gesetz des Mose und weiterführende Gesetze) sich von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes entfernt hatten. Als Folge dieser Konflikte wird Jesus von ihnen abgelehnt. Sie treffen Aussagen, wie: „Du hast einen Dämon.“ (V. 49) und versuchen ihn zu töten (V. 59).

Jesus trifft dann Aussagen über sie wie: „Ihr kennt weder mich noch meinen Vater; wenn ihr mich gekannt hättet, so würdet ihr auch meinen Vater gekannt haben“ (Joh. 8,19 Rev. Elb.), „Ihr sucht mich zu töten, weil mein Wort nicht Raum in euch findet“ (V. 37b) oder „Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun.“ (V. 44a)

Gleichzeitig stellt Jesus ganz klar heraus, dass er der gesandte Messias ist: „ich bin nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat“ (V. 16b), „der Vater, der mich gesandt hat, zeugt von mir“ (V. 18b), „ich bin von dem, was oben ist“ (V. 23a), „Wenn ihr nicht glauben werdet, dass ich es bin, so werdet ihr in euren Sünden sterben“ (V. 24b), „mein Vater ist es...von dem ihr sagt: Er ist unser Gott.“ (V. 54) „Abraham, euer Vater, frohlockte, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich...Ehe Abraham war, bin ich.“ (V. 56.58b)

Zusätzlich zu seine Worten, tat er noch ein Wunder, dass nach der jüdischen Überlieferung nur der Messias tun konnte und noch nie geschehen ist in Israel (Joh. 9,32): er heilte einen Blindgeborenen (und dann auch noch am Sabbat und mit Brei, was nach der Mischna strengstens verboten war.)

Obwohl Jesus also klare Worte sprach und entsprechende Werke tat, wurde er von ihnen abgelehnt. In diesen Zusammenhang spricht er nun das Gleichnis von den drei Türen, uns eher bekannt als Gleichnis vom guten Hirten, wobei der Hirte eigentlich in diesem Gleichnis nur ein Teilaspekt ist. Ich möchte es jetzt Vers für Vers mit Euch lesen (Joh. 10 Rev. Elb.).


2. Das Gleichnis von den drei Türen

Jesus beginnt mit:

„1 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:“

Wenn Jesus so beginnt, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Es ist wie ein Schwur, wie eine Tatsachenbekundung, die von Ewigkeit zu Ewigkeit gilt.

„Wer nicht durch die Tür in den Hof der Schafe hineingeht, sondern anderswo hinübersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.“

Hier müssen wir wissen, dass die Schafe nachts in eine Art Hof geführt wurden. In eine sog. Schafhürde. Dies war ein ummauerter Weideplatz, in dem sie nachts geschützt sein sollten. Zu diesen Weideplatz gab es einen Eingang, der mit einem Gatter oder einer Tür versehen war.
Wenn jmd. unlautere Absichten hatte, z.B. Schafe stehlen wollte, der musste über die Mauer in diese Hürde einsteigen. Der Hirte dagegen kommt durch die Tür.

„2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist Hirte der Schafe.“ 


Hier haben wir jetzt die erste Tür. Durch diese Tür kommt Jesus zu seinen Schafen.
Sie wird als die Tür der Schriften bezeichnet. Viele Schriftstellen des Alten Testaments weisen auf Jesus hin: er ist der Nachkomme Davids, die verheißene Jungfrauengeburt, Bethlehem als Geburtsort usw.
Das ganze Volk Israel wartete auf den Messias. Es war fokussiert durch die verschiedenen Prophetien. Es richtete seinen Blick auf die Türöffnung und wartete auf den angekündigten Hirten über den es heißt:

„Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte, die Lämmer wird er in seinen Arm nehmen und in seinem Gewandbausch tragen, die säugenden Muttertiere wird er fürsorglich leiten.“ (Jes. 40, 11 Rev. Elb.)

Weil Jesus, der angekündigte Hirte ist, öffnet ihm der Türhüter.

„3 Diesem öffnet der Türhüter, und die Schafe hören seine Stimme, und er ruft die eigenen Schafe mit Namen und führt sie heraus.“

Wer ist nun der Türhüter? Ich denke Gott selbst ist der Türhüter. Er öffnet den Zugang zu seinen Schafen, zum Volk Israel nur für den von ihm gesandten Sohn und Retter.
Wie öffnet er die Tür? Ich denke, in dem er die alttestamentlichen Prophetien bestätigt und Jesus als den versprochenen Retter ankündigen lässt. Durch die Engel bei Maria und bei den Hirten, durch die Magier aus dem Osten, durch Simon im Tempel, durch Johannes dem Täufer, durch die Zusage bei der Taufe Jesus: „Du bist mein geliebter Sohn!“ So wird er angekündigt, so wird die Tür zum Volk Gottes geöffnet.

Nun tritt er ein und ruft seine Schafe mit Namen. „Simon und Andreas, kommt mir nach!“, „Matthäus, folge mir nach!“, „Zachäus, steig herab!“

In so einer Schafhürde waren nachts die Schafe von mehreren Herden untergebracht. Die Schafe haben sich natürlich dann im Laufe der Nacht munter gemischt. Absolutes Chaos. Aber die Schafe kennen die Stimme ihres Hirten und so können die Hirten jeden Morgen ihre Schafe wieder separieren und aus der Hürde hinaus führen, so dass wieder Ordnung in das Durcheinander kommt und jedes Schaf wieder beim richtigen Hirten landet.

Die Pharisäer und Schriftgelehrten waren zwar auch Schafe, weil sie zum Volk Israel gehörten, aber sie ließen sich nicht von ihm herausrufen. (Sie gehörten bildlich gesprochen zu denn 99 Schafen in der Wüste, die nicht Buße taten, wie wir in einem anderen Gleichnis lesen können. Man kann das Gleichnis von dem verlorenen Schaf nämlich auch so interpretieren.)

Von Spurgeon wird berichtet, dass er alle 6000 Mitglieder seiner Gemeinde mit Namen kannte. Nur wenn neue Ehen geschlossen wurden, ist er manchmal durcheinander gekommen.
Jesus kennt jedes seiner Millionen Schafe mit Namen. Er rief Zachäus schon mit Namen, bevor dieser ihn persönlich kennen gelernt hat. Ja, Zachäus wusste selbst noch nicht mal, dass er in Kürze zur Gemeinde Gottes gehören wird.

D.h. er weiß nicht nur, wie wir heißen, er kennt uns durch und durch. Er kennt unsere Persönlichkeit, unsere Stärken und Schwächen, unser Wünsche und Träume, unsere Schrullen, unseren ganzen Charakter und unser bußfertiges Herz.
Das soll uns keine Angst machen, das ist keine Ermahnung, sondern wir können dadurch wissen, dass wir ihn grenzenlos vertrauen können.

„4 Wenn er die eigenen Schafe alle herausgebracht hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen.“

Das beschreibt hier zuerst mal den Prozess der Nachfolge, aber noch viel mehr.
Woraus führt er die Schafe eigentlich? Er führt sie heraus aus der Ummauerung des Gesetzes. Das Gesetz zeigt die Sünde auf. Es tötet (2. Kor. 3,6). Es bringt keine Freiheit. Hinzu kommen noch die Lasten der Mischna. Jesus wirft den Schriftgelehrten an anderer Stelle vor, dass sie dem Volk harte Lasten aufladen (Lk. 11,46). Seine Last dagegen ist leicht (Mt. 11,30). Er führt in die Freiheit:

„Die Wahrheit wird euch frei machen...Wenn nun der Sohn euch frei machen wird, so werdet ihr wirklich frei sein.“ (Joh. 8,32.36 Rev. Elb.)

Diese Freiheit konnte nur der Sohn Gottes erwirken. Kein Israelit konnte sie selbst erwirken. Kein Schaf konnte in Eigenregie durch das Tor die Hürde verlassen.

Gleichzeitig wendet er sich durch diesen Auszug von denen ab, die ihm nicht folgen wollen. Nicht nur von denen, die ihn angegriffen haben, sondern von der ganzen Umzäunung des Gesetzes. Der Weg der Gnade und der Weg des Gesetzes sind nicht kompatibel.

Hier wird die zweite Tür (oder die zweite Funktion der Tür) deutlich. Durch die erste Tür kam Jesus hinein, durch die zweite Tür führt er die heraus, die ihm nachfolgen wollen und auf seinen Ruf antworten. Es ist die Tür der Schafe (V. 7).

Dann geht der Hirte vor ihnen her. Schafe hüten im Orient erfolgt nach anderen Vorgehensweisen, als in Europa. Bei uns werden die Schafe meist durch den Hirtenhund getrieben, im Nahen Osten werden sie durch die Stimme des Hirten gelockt.
Hier zeigt sich, dass der Weg des Schafes ein Weg in der vertrauten Beziehung mit seinem Herrn ist. Es ist kein eigenmächtiger Weg, sondern ein Weg ihm nach.

John Stott erzählt, wie er einmal eine Reise in den Nahen Osten unternahm. Er saß mit einer Gruppe im Bus. Der arabische Touristenführer berichtete von den unterschiedlichen Führungsmethoden der Hirten im Westen und im Osten. Während er den Touristen wissen ließ, dass in seiner Gegend die Hirten ihrer Herde vorangehen und die Schafe seiner Stimme folgen, schaute ein Teilnehmer aus dem Busfenster und sah genau das Gegenteil. Er sah, wie ein Mann mit einem Stock in der Hand eine Schafherde vor sich hertrieb. Der Tourist meldete sich und wies auf die Situation auf der anderen Straßenseite hin. Der Touristenführer ließ den Bus anhalten und lief über die Straße, um den Mann mit dem Stock in der Hand zu befragen. Dann kam er mit einem Strahlen auf dem Gesicht zurück und sagte: „Das war nicht der Hirte. Das war der Schlachter!“ (aus Quelle: Gemeinde- und Missionswerk Arche e.V., Christian Wegert, „Ich bin der gute Hirte“, 04.12.11)

„5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen...

7 Jesus sprach nun wieder zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür der Schafe. 8 Alle, die vor mir gekommen sind, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe hörten nicht auf sie.“

In Großbritannien gibt es sportliche Wettbewerbe, bei denen man fremde Schafherden weiden muss. Die größte Herausforderung dabei ist es die fremden Schafe ohne Hilfsmittel erst einmal aus dem Pferch herauszubekommen.

Vor Jesus gab es mehrere falsche Propheten, die sich als Messias ausgegeben hatten. Aber sie hatten keinen Bestand. Auch die Pharisäer sind solche Diebe und Räuber. Ihr Interesse war es sich selbst zu weiden.

„Und das Wort des HERRN geschah zu mir so: Menschensohn, weissage über die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen, den Hirten: So spricht der Herr, HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Die Milch genießt ihr, und mit der Wolle kleidet ihr euch, das fette Vieh schlachtet ihr - die Herde weidet ihr nicht. Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt und das Kranke nicht geheilt und das Gebrochene nicht verbunden und das Versprengte nicht zurückgebracht und das Verlorene nicht gesucht, sondern mit Härte habt ihr über sie geherrscht und mit Gewalt.“ (Hes. 34, 1-4 Rev. Elb.)

Wir kommen jetzt zur dritten Tür: der Tür der Errettung!

„9 Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, so wird er gerettet werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.“
Jesus selbst ist diese Tür. Er ist die Tür der Errettung! Hier weitet sich das Bild nochmals. Waren es bei der Tür der Schafe, diejenigen, die er berufen hat und durch die Tür gingen, gilt dieses Angebot jetzt allen. Einem jeden der durch ihn eingeht! Jesus spricht hier von einem einmaligen Eingehen, einer einmaligen Handlung, dem einmaligen Eintreten in die Gemeinschaft der Schafe (Konjunktiv Aorist!).
Er ist der Weg! Er ist die Tür! Und nur er! Kein spirituelles Erlebnis hat irgendeine errettende Bedeutung, wenn es nicht Jesus-zentriert ist, wenn es nicht auf Jesus weist, man kann sagen, wenn man dabei nicht durch Jesus geht!

Vielleicht wird man die gegenwärtigen Jahrzehnte mal rückwirkend als die spirituell-esoterische Epoche bezeichnen. Und tatsächlich sind auch manche Menschen offen für Gott. Aber das Erleben von geistlichen Erfahrungen lässt sie noch keine Christus-Nachfolger werden. Sie müssen erst Jesus erkennen und durch ihn eingehen! Nur in ihm ist das Heil (Apg. 4,12).

Etwas schwer zu verstehen, ist hier „ein- und ausgehen und Weide finden.“ Ich vermute hier ein Bild für die christliche Freiheit und nicht für ein wechselhaftes zu-Gott-hinwenden und von-Gott-abwenden.
Die Juden waren eingesperrt, sie waren verwahrt im Gesetz. Sie hatten zwar Sicherheit, aber die eines Gefängnisses. Sie hatten keinen Zugang zu Gott, der Weg ins Allerheiligste war verwehrt.

„Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt, eingeschlossen auf den Glauben hin, der offenbart werden sollte.“ (Gal. 3,23 Rev. Elb.) 


Nun war es möglich sich frei zu bewegen. Der Weg zum Vater wird möglich. Auch der Weg zu den Heiden wird später möglich.

Während im Alten Bund unter geistlicher Nahrung v.a. das Meditieren über dem Gesetz zu verstehen ist, ist nun Jesus selbst diese Nahrung. Er ist das Brot. Er gibt die Weide. In ihm wird das Wort Gottes lebendig, durch seine Gegenwart wird Kraft gespendet. Er versorgt auch mit Weideland in Ewigkeit, mit Wohnraum in Ewigkeit, mit ewigem Leben.

„10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu schlachten und zu verderben. Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Überfluss haben.“

Das Interesse der falschen Hirten habe ich vorhin bereits erwähnt. Jesus stellt jetzt hierzu im Gegensatz noch einmal dar, was er bringt: Leben! Erfülltes Leben, Leben im Überfluss, volle Genüge (Luther), in ganzer Fülle (NGÜ), alles reichlich dazu (Neue evangelistische Übersetzung).

Dies ist ein Vers, der gerne falsch verstanden und fehl interpretiert wird. Jesus redet hier nicht davon, dass uns ein Leben verheißen wird, in dem man alles bekommt, was man sich so wünscht. Nicht von einem Leben im Schlaraffenland, von einem Leben in Hülle und Fülle und auch nicht in Saus und Braus (so wie Gun´s´Roses es in einem moralisch eher zweifelhaften Rocksong postulieren „Take me down to the paradise city, where the grass is green and the girls are pretty“). Jesus redet hier nämlich nicht vom bios (vom körperlichen Leben) und nicht vom psychos (vom seelischen Leben), sondern von zoe (vom geistlichen Leben).

Dieses geistliche Leben, das er schenkt ist ein überfließendes Leben, denn es gibt Gnade ohne Ende, ohne Abwinken, all you can eat!

„Denn aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade.“ (Joh. 1,16 Rev. Elb.)

Die Fülle die darin steckt ist überfließende Gnade. Sie fließt vom Thron Gottes und fließt und fließt und fließt....und wenn wir schon gestorben sind, dann fließt sie immer noch weiter. Diese Gnade kannten sie nicht im Alten Bund, dieses Leben kannten sie nicht, dies wurde erst möglich durch den Tod Jesu.

Vielleicht kann man den Begriff auch noch weiter fassen. Jeder von uns, der den persönlichen Ruf Jesu in seinem Leben gehört hat, brauchte sich nie wieder Gedanken darüber machen, wo er her kommt und wo er hin geht. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist für alle Zeiten gestillt. Es gibt keine Suche mehr, die mich antreibt. Ich hab´s gefunden! Das Vakuum ist ausgefüllt, das Loch in meiner Seele gestopft. Zumindest in dieser existenziellen Fragestellung. Manch andere kleine Löcher haben wir schon noch, so wie in Socken manchmal unverständlicherweise Löcher auftreten.

Auch der Heilige Geist, der uns gegeben ist, würde in dieses Bild passen. Die Früchte des Geistes, die Früchte der Liebe, die aus uns heraus wachsen. Aber das würde heute den Rahmen dieser Predigt sprengen.


3. Das Bild vom guten Hirten

Jetzt endlich kommt der Vers, den wir doch alle so lieben, bei dem es uns wohl ums Herz wird.

„11 Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“

Der Beruf des Hirten war jetzt nicht wirklich ein Job, dem man großen Respekt zollte. Man wollte vielleicht auch nicht unbedingt mit Schafen vergleichen werden. Aber Gott wählte diese Bilder bereits im Alten Bund. Vielleicht weil sie so klar und unmissverständlich sind.

Jesus hat kein Problem sich mit diesem Berufsstand zu identifizieren. Er hatte nie ein Problem damit bei den Entrechteten und den am Rande stehenden Glieder der Gesellschaft zu sein.

Er lässt sein Leben, nicht aus Zwang, sondern aus freien Stücken. Nicht einfach so allgemein und universell, sondern für die Schafe. Für die Schafe, die er mit Namen kennt, ganz persönlich.

„12 Wer Lohnarbeiter und nicht Hirte ist, wer die Schafe nicht zu eigen hat, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht - und der Wolf raubt und zerstreut sie -, 

13 weil er ein Lohnarbeiter ist und sich um die Schafe nicht kümmert.“

Hier wird das Problem aller Arbeitgeber beschrieben: der Lohnarbeiter hat nur eine begrenzte Motivation. Wenn es ans Leben geht, dann steckt er lieber zurück. Der Eigentümer der Herde dagegen kämpft für seine Schafe. Hier ist kein moralischer Unterton, sondern es wird einfach ein gegebener Sachverhalt beschrieben.

Der Wolf ist ein Bild für den Teufel. Er raubt einzelne Schafe und zerstreut die Herde.
Wie viel Zerstreuung in der heutigen Gemeindelandschaft ist doch durch das „Durcheinanderwirbeln“ des Wolfes entstanden? Nicht das ich meine es dürfte nur eine Gemeinde am Ort geben. Zur Zeit der Urchristen gab es z. T. auch mehrere Versammlungen am Ort, anders war es logistisch gar nicht möglich. Und nicht jeder wird sich in der Anonymität einer großen Gemeinde wohl fühlen. Aber manche Separation, die wir heute erleben, ist auf diese Weise entstanden.

„14 Ich bin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich,
15 wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne; und ich lasse mein Leben für die Schafe.“
 


Hier wird noch mal bestätigt, was ich bereits vermutet habe. Er kennt nicht nur unsere Namen, er kennt uns selbst. Nicht weil er uns bespitzelt, sondern weil er uns liebt, so wie eine Mutter ihr Kind liebt. Der Hirte kennt die Schafe von Anfang an und er begleitet sie bis zum Tod.

„16 Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hof sind; auch diese muss ich bringen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde, ein Hirte sein.“

Hier ist jetzt von den Heidenchristen die Rede. Auch sie, also auch wir, die wir nicht aus diesem Hof sind, die nicht zum Volk Israel gehören, dürfen zum Vater kommen. Und nun sind wir eine große Herde: Heidenchristen und Judenchristen. 


„17 Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, um es wiederzunehmen. 
18 Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen.“ 

Jesus hat sein Leben gegeben. Er ist nicht an den Folgen der Kreuzigung gestorben, sondern er hat es aus freien Stücken Gott hingegeben. Und er hat es selbst wieder genommen, da er über den Tod gesiegt hat.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis. Das erfüllte Leben, das Jesus uns verheißt ist nur möglich durch das Leben, das er gibt. Er gibt ewiges Leben und niemand geht verloren in Ewigkeit (V. 28).


4. Abschluss

Diese Worte Jesu, diese Auseinandersetzung mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, dieses Gleichnis, sein Tod am Kreuz sind ja jetzt schon an die 2000 Jahre her. Und auch wenn wir nicht so alt sind, haben wir doch etliche Jahrzehnte des Lebens im Glauben an Jesus hinter uns. Und so ist manches einfach selbstverständlich geworden: die Gnade Gottes, das Leben das er gibt. Und mit den Jahren hat sich dann so manche Patina oder mancher Rost angesetzt. Bei Dekorationsartikeln hat dies ja oft einen besonderen Charme, aber im Prozess der Nachfolge ist es nicht unbedingt zweckmäßig, wenn der Eifer, die Freude, die Hingabe auf der langen Wegstrecke verloren geht.

Mein Gebet für mich persönlich und für uns als Gemeinschaft ist es, dass wir immer wieder neu überwältigt werden von einer Begeisterung für unseren Hirten.

AMEN.

Montag, 24. März 2008

Predigt von Norbert Wohlrab (23.03.08)

Der Weg Jesu ans Kreuz im messianisch-jüdischen Kontext

1. Einleitung

Wir hatten vor kurzem ja diesen interessanten Abend mit Leonid Dolganowski, an dem wir in die Geheimnisse und die christozentrische Symbolik des Passah-Festes eingeweiht wurden. Und von einigen weiß ich, dass es sie interessieren würde noch mehr über die jüdischen Hintergründe zu erfahren. Ich möchte heute morgen einmal versuchen den Weg von Jesus ans Kreuz, die Hintergründe dieses Weges (dieser Ablehnung Jesu) im Zusammenhang mit der Messias-Erwartung, aus einer jüdischen Perspektive zu betrachten.

Wenn wir die Evangelien lesen haben wir ein großes Problem: wir lesen sie durch unsere deutsche, unsere westeuropäische Brille, wir betrachten das Geschehen durch den Spiegel unserer Zeit, unserer Kultur. Wären wir jetzt Griechen, würden wir vielleicht manches schon ganz anders verstehen, allein schon deshalb weil uns die NT und die Entstehung der Christenheit sprachlich, regional und historisch näher wäre. Wäre wir jedoch Juden und würden wir vor 2000 Jahren leben, wären viele Stellen in den Evangelien für uns ganz klar verständlich, über deren Bedeutung wir uns hier den Kopf zerbrechen müssen.


Wir müssen uns vergegenwärtigen Jesus lebte unter Juden und er sprach zu Juden in der Sprache der Juden, Jesus lebte unter dem Gesetz des Mose und er kannte alle jüdischen Traditionen und religiösen Lehren seiner Zeit. Wir kennen das eine ein bisschen und das andere oft gar nicht. Aber ich kann Euch versichern, es ist eine sehr spannende und lohnenswerte Angelegenheit sich damit zu beschäftigen.

2. Jesus der Messias aus jüdischer Perspektive

2.1 Das Memra

Das früheste was wir über Jesus in den Evangelien lesen ist nicht etwa die Geburt, sondern es sind die ersten Verse aus dem Johannes-Evangelium. Johannes hatte ja die Absicht das aufzuschreiben, was seine Evaneglisten-Kollegen noch nicht erwähnt hatten und so beginnt er sein Evangelium mit einer ganz besonderen Einleitung. Einige Verse aus dem ersten Kapitel.

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eines, das geworden ist....so viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen die an seinen Namen glauben...Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit...Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Christus geworden. Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht.“ (Joh. 1, 1-3.12.14.18)

Wenn wir Erklärungen zu dieser Stelle lesen, dann zielen sie meist auf den Begriff des „logos“ ab. Jesus als das höchste Ideal Gottes erfüllte die Inhalte griechischer Philosophie, des Verstandes, der Vernunft etc. Und es ist richtig: Johannes hat das Wort „logos“ gebraucht, er hat das Evangelium ja in Griechisch geschrieben. Aber Johannes war Jude, was er im Sinn hatte war nicht griechische Philosophie, sondern jüdische Theologie.
Es gab im Judentum ein religiöses Konzept, namens „Memra“ (dt. „Wort“, gr. „logos“). Und in dieser Theologie gab es über das „Memra“ sechs Aussagen:
1. das Memra ist manchmal dasselbe wie Gott und manchmal von Gott getrennt (Wort war bei Gott und das Wort war Gott)
2. das Memra ist das Wirkende in der Schöpfung (alles wurde durch dasselbe gemacht)
3. das Memra ist das Wirkende bei der Errettung (gab er Macht Kinder Gottes zu werden)
4. durch das Memra wurde Gott sichtbar, Juden sprechen hier von der Shechinah (wurde Fleisch und wohnte unter uns; eigentlich zeltete unter uns; gr. "skeinei“ Ableitung von Shechinah weil kein sch-Laut im Gr.; manche sagen auch, dass Jesus vermutlich am Laubhüttenfest geboren wurde; am Laubhüttenfest wurden bereits im AT Opfer für die Sünden der Welt dargebracht)
5. das Memra ist der Ursprung der Offenbarung (niemand hat Gott je gesehen, der Sohn hat ihn kundgemacht) und
6. durch das Memra beschloss Gott seine Bündnisse (die Gnade ist durch Christus geworden).

Was Johannes hier aussagen wollte, ist dass sich alle diese sechs Aussagen über das Memra in Jesus erfüllt haben. Es ist mehr als nur ein Wort oder eine Philosophie. Er gibt einen klaren Hinweis auf die Messianität und Göttlichkeit Jesu.
Und genauso wie die Shechinah-Herrlichkeit Gottes die Einsetzung des mosaischen Bundes durch ihre Gegenwart bestätigt hatte (2. Mose 24, 15.17), so hat Jesus den neuen Bund am Kreuz mit seinem Blut unterschrieben.

2.2 Die Geburt

Diese Shechinah-Gegenwart Gottes finden wir übrigens auch bei der Geburt Jesu.

„Und es waren Hirten in derselben Gegend, die auf freiem Feld blieben und des Nachts Wache hielten über ihre Herde. Und ein Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Herrlichkeit des Herrn umleuchtete sie, und sie fürchteten sich mit großer Furcht.“ (Lk. 2, 8.9)

Hier ist nicht die Rede von einer großen Menge Engel die leuchten, sog. Leucht-Engel. Nein, die kommen erst später und da steht auch nichts von leuchten. Ein Engel - und die Herrlichkeit Gottes. Die Herrlichkeit Gottes in einer der at. Erscheinungsformen (Licht, Wolke, Feuer). Es ist so als ob Gott in seiner unermesslichen Vaterfreude auf die Erde kommt und sagt: „Nun geht doch schon hin, mein Sohn wurde geboren, euer Retter, nun seht ihn doch endlich an, geht doch endlich los und betet an.“
Und damit sie ihn auch finden, bekommen sie eine klare Wegbeschreibung:

„Und dies sei euch das Zeichen: Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.“ (Lk. 2,12)

Klare Wegbeschreibung: Bethlehem war klar, Krippe, muss also in einem Stall sein, okay, aber in Windeln gewickelt, was soll ein Baby denn sonst an haben außer Windeln? Ich meine, auch wenn Jesus Gottes Sohn war, hat er trotzdem Windeln gebraucht, was ist da so besonders dran?

Es kann jetzt natürlich ein Bild für die Ärmlichkeit sein, in die Gott hinein geboren wurde, aber ich denke das noch eine andere Symbolik darin steckt. Dazu müssen wir wissen, dass Ställe in Israel meist kleine Höhlen waren, die als Unterstand benutzt wurden in der Regenzeit. Die Hirten wussten daher natürlich wo sich solche Höhlen befinden. Diese Höhlen wurden oft auch für Begräbnisse verwendet. Der Leichnam wurde darin vorbereitet. Das Wort, d.h. hier mit „Windeln“ übersetzt wurde, wird auch für Stoffstreifen verwendet, in die man Leichen einzuwickeln pflegte. Diese Stoffstreifen wurden in Nischen in solchen Höhlen aufbewahrt. In solche Stoffstreifen war Jesus wahrscheinlich gewickelt, da bei seiner Geburt nichts anderes zur Hand war. Dies war ein eindeutiges Zeichen für die Hirten und für uns steckt ein tiefer Symbolismus darin: Am ersten Tag seines Lebens wurde Jesus in dieselbe Art Tücher gewickelt, in die er an seinem letzten Tag gewickelt wurde. Wir werden geboren um zu leben, Jesus wurde geboren, um zu sterben.

2.3 Die Messias-Erwartung und der Konflikt mit den Pharisäern

2.3.1 Das erste messianische Wunder


Das Volk Israel lebte (und lebt immer noch) in der Erwartung des Messias. Zur Zeit Jesu gab es viele Personen die aufgetreten sind und behauptet haben, dass sie der Messias sind. Jede messianische Bewegung musste damals vom Sanhedrin zuerst beobachtet, dann verhört und schließlich beurteilt werden.

In der rabb. Theologie gab es damals drei Wunder, die nur der Messias tun konnte, eines davon war die Heilung eines Aussätzigen.

Dies war auch das erste dieser drei messianischen Wundern, die Jesus getan hatte (Lk. 5, 12-16). Seit Fertigstellung der fünf Bücher Mose gab es keinen Israeliten mehr, der von Aussatz geheilt wurde (Miriam war vorher, Naeman war Syrer) - obwohl im Gesetz Mose umfangreiche Vorschriften stehen wie im Fall der Heilung vorzugehen ist - , so dass die Schlussfolgerung der jüdischen Theologie die war: erst der Messias wird solche Wunder tun.
Nun hatte der Sanhedrin ein Problem: da ist einer der nicht nur behauptet der Messias zu sein, sondern auch ein messianisches Wunder getan hat. Also wurde offiziell die Phase der Beobachtung eingeleitet. Und direkt nach der Heilung des Aussätzigen lesen wir:

„er lehrte, und es saßen da Pharisäer und Gesetzeslehrer, die aus jedem Dorf von Galiläa und Judäa und aus Jerusalem gekommen waren“ (Lk. 5,17)

Hier war kein theologischer Kongress, sondern eine Delegation des Sanhedrin überprüfte Jesus.
Es war nicht so, dass man Jesus von vornherein nicht anerkennen wollte. Es war nur so, dass es ein großes Problem gab, er passte nicht in das religiöse Konzept der Pharisäer. Jesus hielt sich in allen Punkten an das Gesetz Mose, aber er interessierte sich nicht für die Lehren und Traditionen der Pharisäer, für das was später Mischna genannt wurde.

2.3.2 Die Lehren der Pharisäer

Wir müssen uns Folgendes vergegenwärtigen: das Gesetz des Mose umfasst keine zehn - wie es in der Christenheit manchmal dargestellt wird-, sondern 613 Gesetze. Als die Juden aus dem babylonischen Exil zurückgekommen sind, erkannten sie ihren Ungehorsam dem Gesetz gegenüber als den Grund für ihre Vertreibung. Esra gründete daraufhin die Schule der Schriftgelehrten um das Volk Gottes im Gesetz zu unterweisen. Die darauf folgende Generation an Schriftgelehrten nahm ihre Aufgabe noch ernster und errichtete einen Zaum um die 613 Gebote. Sie sagten sich, man kann vielleicht ein Gesetz des Zaunes brechen, aber das eigentliche Gebot wird nicht gebrochen werden. Dieser Vorgang dauerte 400 Jahre.

Ein Beispiel: Das Gesetz des Mose verbietet ein Ziegenjunges im Milch der Mutter zu kochen. Ursprünglich ein heidnisches Opfer im Baalskult der Kanaaniter. Da man 1000 Jahre später nichts mehr wusste vom Baalskult, ging die ursprüngliche Bedeutung verloren. Die Aufgabe der „Zaunbauer“ war es sicher zustellen, dass niemals zufällig ein Ziegenjunges in der Milch der Mutter gekocht wird. Dadurch entstand das Verbot Milch und Fleisch in einer Mahlzeit zu essen, es mussten mindestens 4 Stunden Pause dazwischen sein, damit die Zutaten nicht doch noch im Magen aufeinander treffen konnten, des weiteren benötigt am zwei separate Sätze an Kochtöpfen und Geschirr für Fleisch- und Milchmahlzeiten.
Die nächsten Generationen stopften noch Löcher in den Zäunen und stellten weitere Gesetze auf. Diese bildeten zusammen die Mischna, die 1500 kleingedruckte Seiten umfasst und 220 n.Chr. fertiggestellt wurde und zur Zeit Jesu nur durch mündliche Überlieferungen vorlag. Später gab es noch weitere Schulen, die Zäune um die Zäune bauten.

Die Pharisäer erwarteten nun, dass der Messias sich an die Mischna hielt und weitere Gesetze aufstellte. Jesus hielt sich aber überhaupt nicht daran:
Die Pharisäer verboten den Umgang mit Zöllnern, Jesus feierte mit ihnen sogar Feste.
Die Pharisäer hatten 1500 Sabbatgebote (Z.B. durften sie am Sabbat nicht über 1 Km von zu Hause weg gehen, da sie aber nach Jerusalem wollten, positionierten sie jeden Kilometer einen Sklaven, da ein anderes Gesetz festlegte, dass dort wo der Sklave ist, das Zu Hause ist).
Die Jünger Jesu brachen gleich mehrere ihrer Gebote (Mk. 2, 23-28). Als sie die Ähren mit ihren Händen ausrauften, haben sie geerntet, als sie die Körner getrennt haben, haben sie gedroschen, als sie in die Hände pusteten, haben sie geworfelt und als sie die Körner geschluckt haben, haben sie sie eingelagert (nach pharisäischen Verständnis).
Jesus ignorierte die Mischna-Gebote nicht nur, er griff die Pharisäer auch direkt an. Die Bergpredigt ist nicht in erster Linie eine christliche Verhaltensethik, sondern eine Auslegung des Gesetzes durch den Messias im Gegensatz zur pharisäischen Auslegung des Gesetzes. Dort kommt er zu dem Schluss:

„Denn ich sage euch: Wenn nicht eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer weit übertrifft, so werdet ihr keinesfalls in das Reich der Himmel hineinkommen.“ (Mt. 5,20)

Und an anderer Stelle:

„Er aber sprach zu ihnen: Treffend hat Jesaja über euch Heuchler geweissagt, wie geschrieben steht: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit entfernt von mir. Vergeblich aber verehren sie mich, indem sie als Lehren Menschengebote lehren.“ Ihr gebt das Gebot Gottes preis und haltet die Überlieferung der Menschen fest. Und er sprach zu ihnen: Trefflich hebt ihr das Gebot Gottes auf, damit ihr eure Überlieferung haltet. Denn Mose hat gesagt: „Ehre deinen Vater und deine Mutter!“ und „Wer Vater oder Mutter flucht, soll des Todes sterben.“ Ihr aber sagt: Wenn ein Mensch zum Vater oder zur Mutter spricht: Korban – das ist eine Opfergabe – sei das, was dir von mir zugute gekommen wäre“ (Joh. 7, 6-11).

Dies drückt die Heuchelei der Pharisäer besonders gut aus, wie ich finde. Sie sprechen „Korban“ über eine Sache und brauchen es nicht zu geben. Dies bedeutet übrigens nicht zwingend, das man das Geld dem Tempel spenden musste, man konnte es auch für sich selbst verwenden.
Jesu zeigt in seinen Lehren auf, was der Kern der Gesetze ist, dass es um Liebe und Barmherzigkeit geht. Seine Lehre passt nicht in den Rahmen der Pharisäer, genauso wenig wie man einen neuen Flecken auf ein altes Kleid stopft oder neuen Wein in alte Schläuche füllt.

2.3.3 Das zweite messianische Wunder und die Ablehnung des Messias

Zurück zu den messianischen Wundern. Das nächste messianische Wunder, dass Jesus tat war das Austreiben eines stummen Dämons.
Dämonenaustreibung an sich war nichts Ungewöhnliches. Dies praktizierten auch viele Rabbis. Es gab dabei folgendes Ritual: 1. Kontaktaufnahme, 2. den Namen des Dämons herausfinden und 3. ihn austreiben. Dies funktionierte ganz gut. Problematisch war es nur bei stummen Dämonen, da man die nicht nach den Namen fragen konnte, konnte man sie auch nicht austreiben. Daher wurde dies dem kommenden Messias zugeschrieben. Er würde auch Macht über stumme Dämonen haben. Als Jesus nun einen stummen Dämon austrieb (Mt. 12, 22-27) konkretisierte sich sein Anspruch der erwartete Messias zu sein.

„Und es erstaunten die ganzen Volksmengen und sagten: Dieser ist doch nicht etwa der Sohn Davids?“ (Mt. 12,23)

Und jetzt ist der Wendepunkt in der Geschichte Israels. Die Volksmengen sehen die Wunder, die nur der Messias tun kann und fragen: Ist er der Messias? Sie fragen die religiösen Führer ihres Landes. Doch die Antwort ist folgende:

„Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus als durch den Beelzebul, den Obersten der Dämonen.“ (Mt. 12,24)

Sie lehnen Jesus als Messias ab und sagen, dass er seine Macht durch dämonische Mächte hat. Diese Einschätzung finden wir übrigens auch in den außerbiblischen jüdischen Schriften (Talmund).
Gleich im Anschluss spricht Jesus hier von der Sünde gegen den Heiligen Geist, die nicht vergeben werden kann. Ausleger sehen dies als die nationale Sünde Israels, Jesus als den Messias abzulehnen und ihn mit Zauberei und dämonischen Mächten in Verbindung zu bringen. Die Folge dieser Ablehnung, auf die Jesus später immer wieder hinweist, ist das Gericht Gottes, das 40 Jahre später an dieser Generation in der Zerstörung Jerusalems ausgeübt wird (Mt. 12, 38-40; 23, 1-39; Lk. 21, 20-24)

Von diesem Zeitpunkt änderte Jesus sein Verhalten, da er von seinem Volk abgelehnt wurde. Er lehrte bspw. nur noch in Gleichnissen, er durfte nicht mehr als Messias bezeichnet werden u.ä.
Es gab jetzt kein Angebot Gottes mehr für diese Generation. Das Messias-Angebot Gottes für Israel als ganze Nation in dieser Generation bestand nicht mehr. Diese Sünde war nicht vergebbar. Sie würden nur noch das Zeichen Jonas erhalten.

2.3.4 Das dritte messianische Wunder

Jesus tat noch ein weiteres messianisches Wunder: die Heilung eines Blindgeborenen (Joh. 9, 1-41). Blind geboren zu werden, galt als Bestrafung Gottes für Sünden im Mutterleib. Eine solche Heilung konnte nur der Messias vollbringen. Bei dieser Heilung brach Jesus jedoch gleich mehrere Gesetze der Mischna: er heilte am Sabbat und er heilte mit Hilfe eines Breis. Nach dieser Heilung lehnten die Pharisäer nicht nur Jesus, sondern auch seine Nachfolger ab. Dies gilt bis auf dem heutigen Tag. Durch das Bekenntnis zu Jesus Christus, wird man exkommuniziert.

2.3.4 Das Zeichen Jonas

Obwohl die Pharisäer schon viele Hinweise auf die Göttlichkeit Jesu erhalten hatten, verlangten sie immer neue Zeichen. Trotz zahlreicher Belege für die Messianität Jesu, haben sie nicht auf ihn reagiert. Daher wird die Königin des Südens im Gericht aufstehen gegen diese generation, da sie wenig „Licht“ hatte, aber auf das Werben Gottes reagiert hat (Mt. 12, 41.42).

Jesus entgegnete den Pharisäern:

„Wenn es Abend geworden ist, so sagt ihr: Heiteres Wetter, denn der Himmel ist feuerrot; und frühmorgens: Heute stürmisches Wetter, denn der Himmel ist feuerrot und trübe; das Aussehen des Himmels wisst ihr zwar zu beurteilen, aber die Zeichen der Zeiten könnt ihr nicht beurteilen. Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht verlangt nach einem Zeichen, und kein Zeichen wird ihm gegeben werden als nur das Zeichen Jonas.“ (Mt. 16, 2-4)

Kurz nach der Heilung des Blindgeborenen erhielten die Pharisäer das erste Zeichen Jonas (Auferstehung nach drei Tagen) am Leib des Lazarus (Joh. 11, 1-44). Als Jesus von Krankheit und Tod seines Freundes erfuhr, ließ er sich extra viel Zeit. Vier Tage brauchte er für eine kurze Strecke. Nach der rabb. Auffassung schwebt der Geist des Menschen drei Tage über dem Toten, bevor die Seele in den Hades oder in den Scheol kommt. Eine Auferweckung nach dieser Zeit kann es erst bei der allgemeinen Totenauferweckung bei der Ankunft des Messias geben. Nun, Jesus war der Messias und konnte ihn daher auferwecken. Dies war endgültig das Todesurteil Jesu.

„Von jenem Tag an ratschlagten sie nun, um ihn zu töten.“ (Joh. 11,53)


3. Kreuzigung und Tod

Bei der Verhaftung Jesu in Gethsemane ereignete sich noch etwas Merkwürdiges, das mir nie aufgefallen ist.

„Jesus nun, der alles wusste, was über ihn kommen würde, ging hinaus und sprach zu ihnen: Wen sucht ihr? Sie antworteten ihm: Jesus, den Nazoräer. Er spricht zu ihnen: Ich bin´s. Aber auch Judas, der ihn überlieferte, stand bei ihnen. Als er nun zu ihnen sagte: ich bin´s, wichen sie zurück und fielen zu Boden.“ (Joh. 18, 4-6)

Warum fallen die hier auf einmal um? Eine Menge Soldaten und die Delegierten des Sanhedrin. Haben die auf einmal Angst vor der eigenen Courage?
Die Antwort Jesu hier ist nicht einfach: „Ich bin der, den ihr sucht,“ das sagt Jesus später auch noch (V.9). Seine Antwort ist das göttliche: „ICH BIN“ (sowohl im gr. als auch im hebr. gibt es das dt. „´s“ nicht). Hier wird noch einmal die Göttlichkeit Jesu sichtbar, Gott selbst wird hier verhaftet, seine Gegenwart lässt die Menschen zu Boden fallen.

Wir wissen, dass Judas Jesus für 30 Silberlinge verraten hat. Hier steckt eine besondere Symbolik drin.
30 Silberlinge war der Preis für einen toten Sklaven (2. Mo 21,32). Im Laufe der Geschichte wurde daraus ein symbolischer Preis für Verachtung. Wenn man jemand seine Missachtung zeigen wollte, konnte man ihm 30 Silberstücke geben und damit aussagen: Du bist mir soviel wert, wie ein toter Sklave. Wenn man einen Kaufpreis aushandelte, nahm man dann entweder 29 oder 31 Silberlinge um dieses Stigma zu vermeiden. In Sach. 11, 4-14 lesen wir eine Prophetie über diesen Betrag. Dort spricht der Hirte Israels:

„Und sie wogen meinen Lohn ab: dreißig Silberschekel.“ (Sach. 11,12)

Gott sagt damit: „Sie verkaufen mich für den Preis eines toten Sklaven.“ Als Judas die 30 Silberlinge erhalten hat, hat sich diese Prophetie erfüllt. Jesus wurde für den Preis eines toten Sklaven verkauft und das Geld stammte aus dem Tempelschatz, der dazu da war das Opfer zu kaufen. Sie kauften hier das Opfer, das die Sünder der Welt wegtragen würde.

Dass die Pharisäer es mit ihren eigenen Gesetzen nicht so genau nahmen, wurde auch im Gerichtsprozess gegen Jesus deutlich. Hier wurden gleich 22 ihrer Gesetze gebrochen.
Ich kann hier jetzt auf die Verhandlung nicht eingehen. Nur soviel: Pilatus versuchte mehrmals Jesus freizulassen, er fand keine Schuld an ihm, er wollte ihn nur geißeln lassen, er wollte ihn freilassen, am Schluss musste er doch nachgeben.

„Und das ganze Volk antwortete und sprach: Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder.“ (Mt. 27,25)

40 Jahre später wurde dies durch die Zerstörung Jerusalems Realität.

Als Jesus gekreuzigt wurde, befestigte man eine Schuldschrift über seinen Kopf. Dort stand in drei Sprachen (Joh. 19,1 9-22): Jesus von Nazareth, König der Juden (lat. Iesus Nazarenum Rex Iudäa). Die hebr. Inschrift (Jeschua HaNozri WuMelech HaJehudim) lautet abgekürzt JHWH, Gottes heiliger Name (ein Affront für die jüd. Seele). Es ist so, als ob Gott damit sagen will: „Seht her, hier hänge ich selbst, für eure Schuld sterbe ich hier am Kreuz.“

Jesus wurde früh um 9 Uhr gekreuzigt, zu der Zeit als am Tempelberg die Passahlämmer geschlachtet wurden.

Um die Mittagszeit kam eine große Finsternis über das Land. Diese war so groß, dass sie auch in den benachbarten Ländern (Griechenland, Türkei, Ägypten) erlebt wurde. Der Grieche Diogenes beschreibt sie wie folgt:

„Es war eine so starke Sonnenfinsternis, dass entweder die Gottheit zu jenem Zeitpunkt gelitten hat oder mit jemanden sympathisierte, der litt.“

Dieser heidnische Mann erkannte eine große Wahrheit.

Von den letzten Worten Jesu am Kreuz sind zwei besonders erwähnenswert:

- Jesus spricht seinen Vater das einzige Mal mit Gott und nicht mit Vater an:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt. 27,46)

Jesus ist nun drei Stunden in der Finsternis, drei Stunden in der Gottesferne, drei Stunden durchlebt er den geistlichen Tod, den auch wir durchleben, solange wir getrennt von Gott sind. Nun trägt er wirklich die Sünde der Welt, nun ist er wirklich im Feuer des Zorn Gottes. Kurz vor seinem Tod, kann er wieder Vater sagen. Denn zwischenzeitlich geschieht etwas anderes.

- „Es ist vollbracht!“ (Joh. 19,30)

Gr. „tetelestai“. Heute weiß man, dass dieses Wort über Rechnungen geschrieben wurde, wenn sie bezahlt waren. Es ist vollständig bezahlt.

Wir wissen von den Zeichen, die zum Zeitpunkt des Todes Jesu geschehen sind: Finsternis, Tote kamen aus ihren Gräbern, Erdbeben, der Vorhang im Tempel, der das Allerheiligste vom Heiligtum abtrennte, zerriss von oben nach unten (20 Meter lang, 10 Meter breit, 10 cm dick), der Zugang zu Gott war möglich, es war ja vollbracht.

Interessant ist, dass es auch außerbiblische Quellen über seltsame Vorgänge im Tempel zu bzw. ab dieser Zeit gab (z.B. bei Josephus oder im Talmund). Und immer wieder heißt es dort. „Dieses oder jenes geschah 40 Jahre bevor der Tempel zerstört wurde.“

Die schönste Legende ist die von Asasel. Am Versöhnungstag werden zwei Böcke geopfert (3. Mo 16). Einer wird geschlachtet für die Sünden des Volkes zur Sühne, auf den anderen werden die Sünden dann symbolisch gelegt und er wird dann in die Wüste geschickt. Dabei wurde um eines der Hörner ein rotes Tuch gebunden. Der Bock kam dann jedes Jahr mit einem weißen Tuch zurück (Jes. 1,18). Ab dem Jahre 30 hörte das rote Tuch auf weiß zu werden.

„Wo aber dafür eine Vergebung ist, gibt es kein Opfer für die Sünde mehr.“ (Hebr. 10,18)

Es war vollbracht, kein weiteres Opfer war nötig.

4. Die Auferstehung

Aber die Zeit Jesu endete nicht mit der Kreuzigung. Jesus ist nach drei Tagen (am dritten Tage) auferstanden. Früher hatte ich Probleme, dass von Freitagabend bis Sonntagmorgen hinzukriegen, heute weiß ich dass dies nach jüdischer Zählweise kein Problem darstellt, da ein Teil des Tages für den ganzen Tag zählt (analog Herrschaftszeiten bei König ein Monat für ein Regentschaftsjahr).

Die ersten denen Jesus begegnet ist waren Frauen. Dies ist aus jüd. Gesichtspunkt betrachtet ein Beleg dafür, dass es nicht erfunden ist, denn das Zeugnis von Frauen zählte eh nicht. Hätte man etwas konstruieren wollen, hätte man keine Frauen genommen. Im Gegenteil konstruiert haben die römischen Soldaten und der Hohe Rat, da sie behauptet haben, dass die Jünger den Leichnam geholt hatten, während sie geschlafen habe. Hallo? Schlafen die mit offenen Augen?

Jesus „der unserer Übertretungen wegen dahin gegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist.“ (Röm. 4,25)

Seine Auferweckung erlaubt uns ein Leben in der Auferstehungskraft.

AMEN.

Anhang:

Die Gesetze des Hohen Rates (Sanhedrin) bezüglich Gerichtsverfahren

Die Pharisäer brachen mind. 22 ihrer eigenen Gesetze um den Prozess gegen Jesus zu beschleunigen.

1. Es durfte keine Verhaftung von Seiten der religiösen Behörden stattfinden, wenn
Bestechung eine Rolle spielte (2. Mo 23).
2. Es durften keine Gerichtsverfahren nach dem Sonnenuntergang abgehalten werden.
3. Richtern oder Mitgliedern des Hohen Rates war es nicht erlaubt, an der Verhaftung teilzunehmen.
4. Es durften keine Verhandlungen vor dem morgendlichen Opfer stattfinden.
5. Geheime Verhandlungen waren nicht erlaubt – nur öffentliche.
6. Verhandlungen des Hohen Rates durften nur in der Halle des Gerichts auf dem Tempelgelände stattfinden.
7. Zuerst kam die Verteidigung, dann die Anklage.
8. Alle durften für Freispruch plädieren, aber nicht alle durften sich für die Verurteilung einsetzen.
9. Zwei oder drei Zeugen mussten in ihrem Zeugnis in allen Einzelheiten übereinstimmend aussagen (5. Mo 19,15).
10. Für den Angeklagten durfte es keine Möglichkeit geben, gegen sich selbst auszusagen.
11. Dem Hohepriester war verboten, seine Kleider zu zerreißen (3 Mo 21,10).
12. Die Anklagen durften nicht von den Richtern kommen, diese durften lediglich die zu ihnen gebrachten Anklagen untersuchen.
13. Die Anklage auf Gotteslästerung war nur gültig, wenn der Angeklagte den Namen Gottes buchstäblich ausgesprochen hatte.
14. Eine Person durfte nicht allein auf Grund ihrer eigenen Aussage verurteilt werden.
15. Die Urteilsprechung durfte nicht in der Nacht, sondern nur am Tag stattfinden.
16. In Fällen, in denen die Todesstrafe verhängt wurde, mussten zwischen der Verhandlung und der Schuldigsprechung mindestens 24 Stunden liegen.
17. Das Urteil durfte erst 24 Stunden nach Abschluss der Verhandlung verkündigt werden.
18. Die Abstimmung für das Todesurteil musste individuell stattfinden; sie begannen bei dem Jüngsten, so das die Jüngeren nicht von den Älteren beeinflusst wurden.
19. Die Verurteilung durfte erst drei Tage nach der Schuldigsprechung verkündigt werden.
20. Richter mussten human und freundlich sein.
21. Eine zum Tode verurteilte Person sollte vor der Vollstreckung nicht gegeißelt oder ausgepeitscht werden.
22. Keine Verhandlung durfte am Abend des Passahs stattfinden oder an einem Feiertag.

(Quelle: Arnold G. Fruchtenbaum, Das Leben des Messias - Zentrale Ereignisse aus jüdischer Perspektive, Hünfeld, 2007, Christlicher Mediensdienst, S. 91 ff.)