Samstag, 7. Februar 2026

Predigt von Norbert Wohlrab (06.02.2026)

Werbeclip - The Guardian: Point Of View (1986)

Audio

 

Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig oder den richtigen Blickwinkel haben


1. Einleitung

Dieser prämierte Werbeclip von 1986 zeigt in nur weniger als 30 Sekunden, wie wichtig es ist, den richtigen Blickwinkel bzw. den richtigen Standpunkt (Point of View) zu haben, um ein Geschehen objektiv beurteilen zu können. 
Ist es ein Skinhead, der einen Geschäftsmann attackiert oder ein Skinhead, der das Leben eines Geschäftsmannes rettet?

Den richtigen Blickwinkel zu haben, ist heute genauso aktuell wie damals und wird es wohl immer auch bleiben. In der Gesellschaft, in der Politik, im Arbeitsalltag und auch in der Gemeinde. Nur allzu leicht kommen wir in Situationen, wo wir ein Geschehen oder das Verhalten anderer Menschen beurteilen, sogar verurteilen, ohne ausreichend Informationen haben, ohne ausreichend Zusammenhänge zu kennen oder ohne uns ausreichend in die anderen hineinversetzt zu haben. 

Aber auch im Umgang mit der Bibel ist es wichtig, den richtigen Blickwinkel oder die richtige Haltung einzunehmen. Ich kann mit der Bibel Menschen erschlagen oder ich kann mit ihr Menschen erhöhen, ihnen Gutes tun, sie segnen. 

Im Laufe der Jahrhunderte wurden immer wieder Menschen im Namen der Heiligen Schrift oder im Namen Gottes getötet, verbrannt, gesteinigt, gefoltert, eingekerkert und auch heute werden Menschen noch ausgegrenzt, abgelehnt oder stigmatisiert. Auch Jesus wurde im Namen der Schrift getötet.

Ich möchte heute mit Euch drei Stellen aus dem NT anschauen, in denen ein Perspektivenwechsel weitreichende Folgen gehabt hat. 


2. Der Buchstabe tötet

Zunächst jedoch ein paar Verse aus dem 2. Korintherbrief, die auch von einen Perspektivenwechsel sprechen.

„6 Nur durch ihn können wir die rettende Botschaft verkünden, den neuen Bund, den Gott mit uns Menschen geschlossen hat. Dieser Bund ist nicht mehr vom geschriebenen Gesetz bestimmt, sondern von Gottes Geist. Denn der Buchstabe des Gesetzes tötet, Gottes Geist aber schenkt Leben.
7 Schon der Dienst im alten Bund, der auf dem in Stein gemeißelten Gesetz beruhte und den Menschen den Tod brachte, ließ etwas von Gottes Herrlichkeit erkennen. Nachdem Gott Mose das Gesetz gegeben hatte, lag da nicht ein Glanz auf Moses Gesicht – so stark, dass die Israeliten es nicht ertragen konnten? Dabei war es doch ein Glanz, der wieder verblasste!
8 Wie viel herrlicher muss es dann sein, Gott im neuen Bund zu dienen und die rettende Botschaft von Christus zu verkünden! Denn dieser Dienst führt Menschen durch Gottes Geist zum Leben.
9 Wenn schon der Auftrag, der den Menschen die Verurteilung brachte, so sichtbar Gottes Herrlichkeit ausstrahlte, wie viel herrlicher ist dann der Auftrag, durch den die Menschen von ihrer Schuld vor Gott freigesprochen werden!
10 Ja, was damals herrlich erschien, verblasst völlig vor der überwältigenden Herrlichkeit unseres Auftrags.
11 Wenn schon die alte Ordnung, die doch nur für eine bestimmte Zeit galt, Gottes Herrlichkeit erstrahlen ließ, um wie viel mehr wird sich Gottes Herrlichkeit durch die neue Ordnung offenbaren, die ewig gilt!“ (2. Kor. 3, 6-11 HfA)


Hier wird vom Wechsel vom Alten zum Neuen Bund gesprochen, von einer alten zu einer neuen Ordnung, von Vergänglichkeit zu Herrlichkeit, von Tod zum Leben.

„Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.“ (2. Kor. 3,6b ELB)

Oder in einer dritten Übersetzung:

„Denn das Gesetz bringt den Tod, aber der Geist ´Gottes` macht lebendig.“ (NGÜ)

Das Gesetz des alten Bundes bringt nichts anderes als den Tod, aber der neue Bund, der auf Gnade basiert, bringt Leben durch den Geist Gottes. Das ist ein gewaltiger Perspektivenwechsel. Vom Tod zum Leben. 

Jesus sagt: „Ich aber bin gekommen, um ihnen Leben zu bringen – Leben in ganzer Fülle.“ (Joh. 10,10b NGÜ)


3. Beispiel 1: Jesus und die Ehebrecherin

Meine erste Stelle für einen Perspektivenwechsel. Eine ganz bekannte Geschichte.

„3 Da schleppten die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau heran, die beim Ehebruch überrascht worden war. Sie stellten sie in die Mitte, wo sie von allen gesehen werden konnte,
4 und sagten zu Jesus: »Lehrer, diese Frau wurde auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt.
5 Im Gesetz hat Mose uns befohlen, eine solche Frau zu steinigen. Was meinst du dazu?«
6 Sie fragten dies, um Jesus auf die Probe zu stellen und ihn dann anklagen zu können. Aber Jesus bückte sich nur und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7 Als sie nicht lockerließen, richtete er sich auf und sagte: »Wer von euch noch nie gesündigt hat, soll den ersten Stein auf sie werfen!«
8 Dann bückte er sich wieder und schrieb weiter auf die Erde.
9 Als die Ankläger das hörten, gingen sie einer nach dem anderen davon – die älteren zuerst. Schließlich war Jesus mit der Frau allein. Sie stand immer noch an der gleichen Stelle.
10 Da richtete er sich erneut auf und fragte sie: »Wo sind jetzt deine Ankläger? Hat dich denn keiner verurteilt?«
11 »Nein, Herr«, antwortete sie. »Ich verurteile dich auch nicht«, entgegnete ihr Jesus. »Du kannst gehen, aber sündige nun nicht mehr!« (Joh. 8, 3-9 HfA)


Ich finde diese Begebenheit unheimlich spannend. 

Was ist geschehen? Eine Frau begeht Ehebruch und wird erwischt. Vermutlich war auch ein Mann dabei, aber der ist wohl entkommen. Männer sind meistens etwas schneller beim Weglaufen.

Die Schriftgelehrten und Pharisäer, die die sich also ganz genau mit dem Gesetz auskennen, die es ganz genau nehmen, schleppen die Frau heran und wollen Jesus in Versuchung bringen. Wie wird er handeln? Wird er sich gegen das Gesetz stellen? 

Zunächst einmal ist festzustellen. Die Schriftgelehrten sind im Recht. Das Gesetz sagt:

„Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, hat den Tod verdient, der Ehebrecher und die Ehebrecherin.“ (3. Mose 20,10 EÜ)

Es muss sich hier also um eine verheiratete Frau gehandelt haben. Nur so konnte sie ja ihre Ehe brechen. Die Frau hatte also den Tod verdient. 

Ich vermute mal, dass es ihnen hier gar nicht darum ging den Auftrag des Gesetzes zu befolgen. Die Historiker sagen, dass derartige Steinigungen wohl nicht so häufig praktiziert wurden. Außerdem waren Steinigungen wegen Ehebruchs nach römischen Recht gar nicht zulässig. Ich denke, es ging ihnen vor allem darum Jesus aufs Glatteis zu führen. Sie wollten erreichen, dass er sich gegen das Gesetz stellt. Dazu war dies eine wunderbare Gelegenheit. Da war ihnen das schwache Geschlecht gerade recht. 

Jesus war nun in einem Dilemma. Das ist eine spannende Situation. Denn die Gesetzesgelehrten hatten ja recht: Das Gesetz forderte den Tod. Und Jesus musste sich an das Gesetz halten. Er durfte es nicht einfach übergehen. 

Im Galaterbrief lesen wir:

„als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, geboren unter dem Gesetz, damit er die loskaufte, die unter dem Gesetz waren, damit wir die Sohnschaft empfingen.“ (Gal. 4, 4.5 Rev. Elb.)

Jesus Christus kam, lebte und wirkte unter den Vorgaben des Gesetzes Mose um die zu befreien, die unter dem Gesetz lebten, also das Volk Israel. Das war sein Auftrag. Das waren seine Rahmenbedingungen. 
Er befolgte vollständig das Gesetz - und sogar mehr als das - um vollkommen ohne Sünde, ohne jegliche Verfehlung ans Kreuz gehen zu können. Und d.h., dass auch seine Reden mit dem Gesetz übereinstimmen mussten. 

Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass in unserer Bibel der Neue Bund nicht mit dem Beginn des Neuen Testaments, also nicht mit Matthäus 1, sondern mit Matthäus 27, nicht mit Bethlehem, sondern mit Golgatha beginnt. 
Alles was Jesus lehrte, musste immer konform zum Gesetz sein. Er konnte auf die wahre Bedeutung hinweisen, aber er durfte ihm nicht widersprechen. Gegen was er sich aber oft wehrte, war die Auslegungspraxis der Pharisäer. 

Ursprünglich hatten diese nach der babylonischen Gefangenschaft die Zielsetzung, dass das Wort Gottes bewahrt und nicht vergessen wird, damit das Volk Israel nicht erneut heimgesucht und verschleppt wird. So sind die Synaxogengottesdienste und das Rabbinertum entstanden. Aber in ihrem Streben das Wort Gottes zu bewahren, sind sie immer mehr entartet. In ihrem Bestreben Sünde zu vermeiden, haben sie den Menschen mehr und mehr Lasten aufgelegt, die diese nicht mehr tragen konnten. 

Sie haben Netze um das Gesetz gestrickt. Netzte voller zusätzlicher Regeln, die dazu dienen sollten, das Gesetz nicht zu brechen und diese Netze wurden nach und nach so engmaschig, bis sie keine Netze mehr waren.

„Er aber sprach: Wehe auch euch Gesetzesgelehrten! Denn ihr ladet den Menschen unerträgliche Bürden auf, und ihr selbst rührt die Bürden nicht mit einem Finger an.“ (Lk. 11,46 SLT)

Oder an anderer Stelle sagt er zu Ihnen:

„Ihr blinden Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt!“ (Mt. 23,24 LUT)

Ihr Streben nach Gerechtigkeit ist entartet. Sie sind zu hartherzigen Paragraphenreitern geworden. Das Netz ist wichtiger geworden, als das Gebot selbst.

Zurück zum Geschehen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Jesus hier in einem Dialog mit seinem Vater im Himmel war, um übernatürliche Weisheit zu empfangen, wie er in dieser Situation das richtige tun konnte.

Und dann kommt diese geniale Antwort: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ So hält er sich an die Norm des Gesetzes, aber wechselt gleichzeitig die Perspektive.

Und nichts passiert. Kein Stein fliegt. Alle gehen. Denn sie wissen, dass auch sie schon schuldig geworden sind. Niemand ist ohne Schuld. 
Die ältesten gehen zuerst. Je mehr Leben, desto mehr Schuld. Ganz einfache Rechnung. Keiner bleibt zurück. Jesus überführt sie mit nur einem Satz. Er spricht mit einem Satz mitten in ihr Herz. Und das ganz ohne ein Bibelwort. Aber es ist ein geistgehauchtes Wort. 

Die Vertreter des Gesetzes verzichten auf die Vollstreckung ihres Urteils, so kann auch Jesus sie frei sprechen.

Diese Begebenheit verdeutlicht eine darüber stehende Wahrheit: alle sind schuldig, alle haben gesündigt. Der Blickwinkel wechselt von dem Blick der Schuld der einen Person, auf den Blick der Schuld aller.

Das Gesetz sagt: Töten. Aber es gibt einen Ausweg: Barmherzigkeit. Das ist eine neue Perspektive. Die Perspektive Gottes. 



4. Beispiel 2: Der barmherzige Samariter

Eine weitere Stelle, in der Jesus gesetzeskonformes Verhalten einem barmherzigen Handeln gegenüberstellt, ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Was ist das Rahmengeschehen?

„ Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben! Der Gesetzeslehrer wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?“ (Lk. 10, 25-29 EÜ)

Wir haben also wieder eine ähnliche Situation. Wieder will man Jesus dazu bringen, dass er sich irgendwie gegen das Gesetz positioniert. Aber Jesus lässt sich nicht reinlegen. Er antwortet in der Art und Weise, wie jüdische Schriftgelehrte diskutieren, auf eine Frage kommt eine Gegenfrage. Und der Schriftgelehrte fasst das Gesetz zusammen. Er gibt die formal richtige Antwort. Jesus sagt an anderer Stelle selbst, dass an diesen beiden Geboten, das Gesetz und die Propheten hängen (Mt. 22,40): 
Gott lieben mit ganzer Kraft, ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzen Denken. Und den Nächsten. 
Ganz, ganz, ganz, ganz. 
Leisten, leisten, leisten, leisten.
Gesetz, Gesetz, Gesetz, Gesetz.
Und Jesus sagt: Genau, tu das. Tu dies beständig, tu dies ununterbrochen, tu dies immer während und du wirst leben.

Wir Christen müssen uns hier wieder bewusst machen, es geht ums Gesetz. Das ist keine Aufgabenstellung für das Leben eines Christen. Niemand kann das. Der Kerkermeister von Philippi bekommt auf die Frage: „Was muss ich tun um gerettet zu werden?“, die Antwort des neuen Bundes: „Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst gerettet werden“ (Apg. 16,30.31). Nicht ganz, ganz, ganz, ganz, leisten, leisten, leisten, leisten, sondern einfach glauben!
 
Zurück zum Schriftgelehrten. Und eben nicht nur Gott, sondern auch den Nächsten lieben. Wer könnte das denn sein? Das Familienmitglied, der Freund, vielleicht noch maximal der Nachbar, aber dann ist Schluss. Sonst wird es nichts mit dem ewigen Leben. 

Und dann kommt das uns bekannte Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Dort lesen wir, dass ein Priester und ein Levit an dem Überfallenen vorbeigehen, ohne ihn zu helfen. Sie gingen sogar an der gegenüberliegenden Seite vorüber. Das ist interessant. 

Nun muss man wissen, dass der Kontakt mit Toten sie verunreinigt hätte. Der Levit wäre mindestens vorübergehend, der Priester - soweit ich das verstanden habe - wohl dauerhaft nicht mehr zum Tempeldienst befähigt gewesen (3. Mose 21, 1-4; 4. Mose 19,11). Nach damaligen Verständnis hätte es schon gereicht, wenn nur der eigene Schatten auf den Toten gefallen wäre. Daher das Wechseln der Straßenseite. Sie können gar nicht überprüfen, ob er noch lebt. Schnell den Schatten einziehen und weiter. Sie haben also alles richtig gemacht um auf keinen Fall eine Gesetzesübertretung zu begehen. Aber war es auch das richtige? Hatten sie die richtigen Perspektive?

Nun kommt ein Samariter daher. Also ein Bewohner Samariens. Die Zuhörer haben wohl erwartet, dass Jesus nun als drittes - nach dem Priester und dem Leviten - einen frommen Israeliten aufmarschieren lässt. Aber einen Samariter? Die Samariter wurden von den Juden abgelehnt. Nicht mal das Wort haben sie in den Mund genommen. „Der barmherzig gehandelt hat“, sagt der Schriftgelehrte. Das waren Mischgläubige. Ein bisschen jüdisch, ein bisschen okkult, auf jeden Fall Götzenanbeter. Das Produkt von der Vermischung der Bevölkerung während der babylonischen Gefangenschaft, Völlig inakzeptabel. So einen nimmt Jesus hier als Beispiel für Barmherzigkeit. Ein Affront. 

Wer wäre es heute? Der Clubberer oder noch schlimmer der Bayern-Fan? Der Muslim? Der Palästinenser? Der Homosexuelle? Der Diverse?

Jesus verdeutlicht hier der Ausgestoßene, der Abgelehnte, handelt nicht um ein Gesetz zu erfüllen. Sondern er handelt aus Liebe. Aus Erbarmen. 
Jesus lässt hier mehrmals die Blickwinkel wechseln. Von der Frage: Wer ist mein Nächster zu: Wem bin ich der Nächste? Vom Blickwinkel des Gesetzes zum Blickwinkel der Barmherzigkeit und der Liebe.

„So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“ (Röm. 13,10b LUT) 

schreibt Paulus.


5. Beispiel 3: Der erste Apostelkonzil

Ein letztes Beispiel. Ihr habt neulich eine Predigt gehört von Thomas Zuhr über die Begebenheiten in Apostelgeschichte 10. Dort wird beschrieben, wie Petrus Visionen bekommt, lauter vom Gesetz verbotene Speisen zu essen, weil Gott sie rein gemacht hat. Und er darauf verbotenerweise ins Haus von Heiden eingekehrt ist, mit ihnen Gemeinschaft hatte, ihnen das Evangelium verkündete und so das Evangelium zu den Heiden gekommen ist. Dies war der Beginn der Heidenmission, zu der dann auch Paulus und Barnabas ausgesandt waren. Einige Zeit später kam es dann zum ersten Apostolischen Konzil in Jerusalem. 

Und da gab es einige gläubig gewordene Pharisäer, die wollten, dass die gläubiggewordenen Heiden auch beschnitten werden sollten und das Gesetz halten sollten. Und dann haben die Apostel diskutiert und ihre Entscheidung getroffen. Nein, spricht Jakobus:

„Darum halte ich es für richtig, den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufzubürden“ (Apg. 15,19 EÜ)

Keine Lasten, kein Gesetz. Nur ein paar ethische Regeln für die Praxis:

„Allerdings sollten wir sie in einem Brief dazu auffordern, folgende Dinge zu unterlassen: jede Verunreinigung durch Speisen, die den Götzen geopfert wurden, jede Form von Blutschande, sowie den Genuss von Blut und von nicht ausgeblutetem Fleisch.“ (Apg. 15, 20 NGÜ mit Erläuterungstext)

Diese Regelungen waren vor allen für die Tischgemeinschaft von Juden und Heiden relevant und wurden so in dieser Form von Paulus nicht in den Briefen weitergegeben. Im Gegenteil: dort schreibt er, der eine kann alles essen und macht sich keinen Kopf, egal ob Götzenopferfleich oder nicht, der andere wird Vegetarier und isst nur noch Gemüse. (Röm. 14; 1. Kor. 8).

Dies war die offizielle Festlegung für die Christenheit: das Gesetz gilt nicht für uns Heidenchristen. Punkt. 
Auch dies war ein Wechsel des Blickwinkels. Wir schauen nun auf Gott, auf sein Wort, vom Standpunkt des Geschenks der Gnade aus und nicht vom Standpunkt der Forderungen des Gesetzes. 


6. Schlussgedanke

Trotzdem unterliegen wir alle, manche mehr und manche weniger, der Versuchung uns einzelne Verse aus dem Gesetz heraus zu greifen um uns, oder noch besser anderen Lasten und Bürden aufzulegen, um sie zu richten, auszugrenzen, zu verurteilen. 

Oft sind es dann Verse, die irgendwelche sexuellen Sünden regeln. 
Warum eigentlich nicht solche, in denen es um Mischgewebe geht? Wird im Gesetz genauso verboten:

„tragt keine Kleidung aus Mischgewebe!“ (3. Mose 19,19 HfA)

Da hätten wir wohl alle Probleme. Ich müsste dann ohne Socken hier stehen.

Ich weiß heute: meine Erkenntnis ist Stückwerk. Alles was ich heute sage, beruht auf Erkenntnisstückwerk. Vielleicht stimmt auch nicht alles. 
Die Bedeutung von manchen Aussagen der Bibel, die für mich früher ganz klar waren, gerade hinsichtlich Homosexualität, sind für mich heute nicht mehr so einfach zu erkennen. 

Stellen aus dem NT, in denen Paulus bspw. Homosexualität ablehnt, stehen auch im Kontext von Aussagen, in denen dargestellt wird, dass wir eben alle Sünder sind. 

„Wer kann merken, wie oft er fehlet?“ (Ps. 19,13a LUT)

schreibt der Psalmist. 

Ich habe genügend offenkundige und verdeckte Schwächen und Mängel, sündhaftes Handeln. Wer bin ich, dass ich die sexuelle Identität oder das Empfinden anderer Personen beurteilen kann?

Die Vollkommenheit der Schöpfung hat durch und mit Adam und Eva gestoppt. Seitdem leben wir in einer gefallenen Schöpfung mit Naturkatastrophen, Krankheiten, Behinderungen uvm., die alle nicht Gottes ursprünglichem Plan entsprechen. Die Schöpfung hat ein massives downgrad erhalten.
Trotzdem ist jeder und jede einzelne wertvoll und in den Augen Gottes geliebt. Egal ob männlich, weiblich oder uneindeutig definiert. Egal ob gesund oder beeinträchtigt, Spielvereinigung- oder Bayernfan. Und alle wollen überraschenderweise leben. Und alle innerhalb der Möglichkeiten, die wir haben. 

Versteht mich nicht falsch, ich möchte nicht alles bagatellisieren, was es an Auswüchsen und Perversionen in unserer Gesellschaft so gibt. Gerade junge Menschen in der Entwicklung brauchen besonderen Schutz, wenn sie dabei sind ihre Identität zu entwickeln.

Ich will nur keine Menschen verurteilen oder beurteilen, die ernsthaft, tiefgründig, existenziell, um ihre sexuelle und biologische Identität gerungen haben, weil ich denke, dass steht mir nicht zu. 
Meine Aufgabe ist es nicht irgendwelche Verse aus der Bibel hervorzukramen und zu richten, sondern meine Aufgabe ist es, die Liebe Gottes weiterzugeben. Im privaten Umgang heißt es sie annehmen und lieben. Was es im gemeindlichen Kontext heißen kann, sind noch offene Fragen. Auf jeden Fall gilt: 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.“ (Luk. 6, 36.37 LUT)

Amen.



 

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