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Mittwoch, 16. November 2022

Predigt von Norbert Wohlrab (13.11.2022)

Das Gleichnis vom Richter und der Witwe

Für die heutige Predigt greife ich wieder auf den offiziellen Predigttextes des Kirchenjahres zurück. Und zwar steht er diesmal in Lukas 18, 1-8: das Gleichnis vom Richter und der Witwe.

Es ist ein uns relativ bekanntes Gleichnis. Ein kurzes Gleichnis. Ein Gleichnis mit eigentlich klaren Aussagen und doch ein paar unklaren Elementen. Ein Gleichnis, dass manche Nuancen enthält, die man auf den ersten Blick überliest und ich muss zugeben, manches davon habe ist mir jetzt auch erst beim Vorbereiten dieser Predigt aufgefallen.

Lesen wir es erst einmal zusammen:

„1 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis dafür, dass sie allezeit beten und nicht ermatten sollten,
2 und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der Gott nicht fürchtete und vor keinem Menschen sich scheute.
3 Es war aber eine Witwe in jener Stadt; und sie kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegenüber meinem Widersacher!
4 Und eine Zeit lang wollte er nicht; danach aber sprach er bei sich selbst: Wenn ich auch Gott nicht fürchte und vor keinem Menschen mich scheue,
5 so will ich doch, weil diese Witwe mir Mühe macht, ihr Recht verschaffen, damit sie nicht am Ende kommt und handgreiflich wird.
6 Der Herr aber sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt!
7 Gott aber, sollte er das Recht seiner Auserwählten nicht ausführen, die Tag und Nacht zu ihm schreien, und sollte er es bei ihnen lange hinziehen?
8 Ich sage euch, dass er ihr Recht ohne Verzug ausführen wird. Doch wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde?“
(Lk. 18, 1 - 8 ELB)


Der Anfang ist ja schon einmal ganz klar. Die Zielsetzung dieses Gleichnisses ist es, die Jünger zum anhaltenden Beten zu ermutigen. Sie sollen - also wir sollen - „allezeit beten und darin nicht nachlassen“ (EÜ), „beständig…beten und nicht auf(zu)geben“ (NLB) oder „unablässig beten…ohne sich entmutigen zu lassen“ (NGÜ). So heißt es in den verschiedenen Bibelübersetzungen. Dieser Vers ist quasi wie eine Überschrift und gleichzeitig auch die Hauptaussage dieser Verse.

Dann lesen wir zunächst von einem Richter. Wie war das damals in Israel mit den Richtern? Im 5. Buch Mose 16, 18-20 lesen wir:

„Richter und Aufseher sollst du dir einsetzen in allen deinen Toren, die der HERR, dein Gott, dir nach deinen Stämmen gibt, damit sie das Volk richten mit gerechtem Gericht. Du sollst das Recht nicht beugen, du sollst die Person nicht ansehen und kein Bestechungsgeschenk nehmen. Denn das Bestechungsgeschenk macht die Augen der Weisen blind und verdreht die Sache der Gerechten. Der Gerechtigkeit ⟨und nur⟩ der Gerechtigkeit sollst du nachjagen, damit du lebst und das Land in Besitz nimmst, das der HERR, dein Gott, dir gibt. (ELB)“

Es waren also in allen Städten (Toren) Richter eingesetzt um Rechtsstreitigkeiten zu regeln und zwar sollten sie dies tun
  • ohne das Recht zu beugen,
  • ohne Ansehen der Person und
  • ohne Bestechungsgeschenke zu nehmen.
Sie sollten vielmehr der Gerechtigkeit nachjagen.

Anders jedoch unser Richter hier in dem Gleichnis. Ihm waren die Maßstäbe der Bibel egal, ihm war Gott egal und die Menschen waren ihm auch egal. Er fragte nicht nach Gott und nahm auf keinen Menschen Rücksicht. Ihm war es egal, was andere über ihn sagten. Er kümmerte sich nicht um Recht und Unrecht. Seine Empathie ging gegen Null. Er dachte nur an seine eigenen Interessen.

Das war wohl nicht der Normalzustand des Rechtswesens zur damaligen Zeit, sondern vermutlich eher eine Ausnahme. Aber Jesus bedient sich in diesem Gleichnis dieser Ausnahme.

Dann haben wir in dieser Stadt auch eine Witwe, der scheinbar Unrecht geschehen ist. Sie kommt zu dem Richter und will ihr Recht: „Verhilf mir in der Auseinandersetzung mit meinem Gegner zu meinem Recht!“ (V. 3 NGÜ)

Dazu müssen wir uns vor Augen halten, dass eine Witwe zu dieser Zeit eine schutz- und wehrlose Frau war, die keinen natürlichen Beschützer mehr hatte. Ohne Mann, ohne Haupt hatte sie niemanden mehr, der sie versorgte und sie verteidigte. V.a. wenn sie noch keine erwachsenen Söhne hatte.

Deshalb gebührt den Witwen und zwei anderen Gruppen, die ähnlich benachteiligt waren, nämlich den Waisen und den Fremdlingen, ganz besonders der Schutz Gottes.

„Den Fremden sollst du weder unterdrücken noch bedrängen, denn Fremde seid ihr im Land Ägypten gewesen. Keine Witwe oder Waise dürft ihr bedrücken. Falls du sie in irgendeiner Weise bedrückst, dann werde ich, wenn sie wirklich zu mir schreien ⟨muss⟩, ihr Geschrei gewiss erhören, und mein Zorn wird entbrennen, und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, sodass eure Frauen Witwen und eure Kinder Waisen werden.“ (5. Mose 22, 20 - 23 ELB)

Gott stellt sich hier als Rächer der Unterdrückten dar. „Wenn Du die Witwe bedrückst dann mach ich Deine Frau zur Witwe und Deine Kinder zu Waisen!“ Das ist schon mal eine starke Drohung.

Eine Witwe war also in einer prekären Lebenssituation und hatte nur wenige rechtliche Möglichkeiten, dem abzuhelfen. Es gab ein paar Schutzvorschriften:
  • wenn sie noch kinderlos war, hatte sie das Recht der Schwagerehe (5. Mose 25, 5-10) (so war sie wieder versorgt und die Schmach der Kinderlosigkeit konnte getilgt werden)
  • man durfte sie nicht übervorteilen und es gab eine Art Pfändungsfreigrenze (5. Mose 24,17) (man durfte ihr bspw. das Kleid nicht pfänden)
  • sie hatte bei bestimmten religiösen Festen Anspruch auf den Zehnten oder Teilnahme an den Mahlzeiten (5. Mose 14,28; 16, 11.14) (bspw. Beim Wochen- und beim Laubhüttenfest; Ereignisse in größeren Abständen, Zehnten alle drei Jahre) und
  • sie hatte das Recht der Nachlese bei der Ernte (5. Mose, 24, 19 - 22).

Als dies war im Gesetz geregelt. Aber ich denke mir, dass dies vermutlich trotzdem nicht besonders viel war.
Wie oft im Jahr wurde geerntet?
Wie oft im Jahr konnte sie sich am Tisch beim Laubhüttenfest oder Wochenfest satt essen?
Viele Witwen waren vermutlich auf weitere Almosen angewiesen. Deshalb haben sich auch die jungen christlichen Gemeinden ganz besonders der Witwen angenommen.

Aus so einer Situation heraus kommt jetzt unsere Witwe und ihr wurde Unrecht angetan. 

Vielleicht verweigerte ihr der Schwager die Ehe?
Vielleicht hinderte ein Bauer sie an der Nachlese?
Vielleicht wollte ein Gläubiger ihr ihre Kleidung pfänden?
Vielleicht wurde sie auch nur bei einem Handel übervorteilt?
Wir wissen es nicht. Es war ein Unrecht und nur der Richter kann ihr zu ihrem Recht verhelfen. Aber er tut nichts.

Aber unsere Witwe ist penetrant. Sie hat Ausdauer. Sie kommt immer und immer und immer wieder und irgendwann hat der Richter die Schnauze voll und hat Angst vor ihr geschlagen zu werden - sie war wohl besonders energisch im Auftreten - und gibt endlich nach und verhilft ihr zu ihrem Recht. Nicht weil er auf einmal der Gerechtigkeit nachjagt, sondern weil er einfach kein blaues Auge will.

Und dann sagt Jesus: Hört was der ungerechte Richter sagt! Schaut auf den ungerechten Richter! Der ungerechte Richter verschafft Recht!

Aber Jesus sagt jetzt nicht: so ist Gott! Niemals hat dieses Gleichnis die Intention Gott mit einem ungerechten Richter zu vergleichen, der genötigt werden muss um Recht zu sprechen. Der Richter ist vielmehr das Gegenteil von Gott, die Antipode sozusagen. Schaut auf den Richter, denn so ist Gott eben nicht. „Gott aber“ sagt Jesus, „wie viel mehr wird Gott“ im Gegensatz zu diesem Richter….

Was eigentlich? Was wird Gott? Geht es um Gebetserhörungen? Da erleben wir manchmal etwas anderes. Und jetzt muss man dieses Gleichnis genau lesen.

„Ich sage euch, dass er ihr Recht ohne Verzug ausführen wird. “ (V. 8 ELB)

Es heißt „ihr Recht“! Es geht hier wieder ums Recht! Die Witwe hat ihr Recht gefordert. Was ist denn unser Recht? Haben wir ein Recht auf die Erhörung all unserer Gebete, die Erfüllung all unserer Wünsche, ein schönes Leben in Kraft und Gesundheit, die Verwirklichung unseres Glückes? (Das gilt nur für Amerikaner.) Um all das dürfen wir beten, aber in diesem Gleichnis geht es um unser Recht. Die Zusage der schnellen Umsetzung bezieht sich auf unser Recht! Was ist denn unser Recht?

„Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“ (Röm. 5,1 ELB)

und weiter

„die er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.“ (Röm. 8,30 ELB)

Das ist unser Recht: unsere Erlösung! Durch das vollkommen Opfer Jesu haben wir jetzt ein Recht auf unser Heil! Die Gnade Gottes wurde am Kreuz zu einem mit Blut geschriebenen Bund, der unauflösbar ist. Das ist unser Recht!

„Rechtmäßig um Jesu willen - steht uns die Gnade Gottes zu und der Trost, der mit dieser Gnade verbunden ist.
Rechtmäßig um Jesu willen - steht uns Gottes Vergebung zu und der Frieden, der mit dieser Vergebung verbunden ist.
Rechtmäßig um Jesu willen - steht uns das ewige Leben zu und die Hoffnung, die damit verbunden ist.“ (Pfr. Rainer Trischmann)


Es geht also um unser Recht auf Herrlichkeit, auf Ewigkeit, auf Erlösung, auf Heil durch das Wirken Jesu.

Aber es wird noch konkreter. Es gibt nämlich noch einen ganz bestimmten Vorgang auf den hier Bezug genommen wird. Bei genauer Analyse dieses Textes entfremdet er sich mehr und mehr von dem, was man darin oberflächlich betrachtet vermutet. Es geht hier nämlich um das Geschehen bei der Wiederkunft Christi:

„Doch wenn der Menschensohn wiederkommt“ (V. 8 NLB)

heißt es am Ende dieses Abschnitts. Das allein ist noch nicht so aussagekräftig, aber wenn wir uns den Kontext anschauen, stellen wir fest, dass Jesus direkt davor den Jüngern das Geschehen bei der Wiederkunft schildert. Er erklärt ihnen auf was sie vorbereitet sein müssen. Und er spricht davon, dass dieses Geschehen blitzartig sein wird.

„Denn wie der Blitz aufleuchtet und den Himmel von einem Ende zum anderen erhellt, so wird es an dem Tag sein, an dem der Menschensohn kommt“ (Lk. 24,17 NGÜ)

Dieses Gleichnis ist also thematisch eingebettet in Reden über die Wiederkunft Christi.

Und wenn man das jetzt weiß, dass es

  • um das Recht auf Heil und Erlösung und
  • um die Wiederkunft Christi geht,

dann bekommen die Verse 7 und 8 eine etwas andere Richtung.

„Gott aber, wird er nicht seinen Auserwählten Recht schaffen, die Tag und Nacht zu ihm rufen, wenn er auch lange zuwartet mit ihnen? Ich sage euch: Er wird ihnen schnell Recht schaffen!“ (V.7.8a SLT)

Gott wartet bis er das Recht der Auserwählten offenbar werden lässt. Er wartet immer noch. Schon 2000 Jahre. Aber wenn dieser Tag anbricht, dann wird es schnell gehen, unverzüglich, in Eile, wie der Blitz.
Diese Aussage über das sehr schnelle Handeln und Recht schaffen bezieht sich nicht auf die Gesamtdauer (2000), sondern auf den Vorgang des Handelns am Tag des Herrn (Blitz).
Und dann kommt die Abschlussfrage dieses Abschnitts:

„Doch wenn der Sohn des Menschen kommt, wird er auch den Glauben finden auf Erden?“ (V. 8b SLT)

Hier steht nicht einfach Glauben finden, sondern wird er „den Glauben finden“ oder „solch einen Glauben finden.“

Es geht um eine ganz besondere Art von Glauben. Hier müssen wir uns den Anfang und das Ende dieser Rede als Klammer vorstellen. Es geht um einen Glauben, der unermüdlich betet, beständig betet, ein Schreien zu Gott Tag und Nacht!

Und um was soll gebetet werden? Die Auserwählten haben auf die Wiederkunft Jesu gewartet, sie haben darauf gewartet erlöst zu werden von dem Bösen in dieser Welt, von der Verfolgung und Bedrückung, sie haben darauf gewartet in das Reich des Herrn versetzt zu werden. Das Gebet um das es hier geht, heißt kurz ausgedrückt „Dein Reich komme“.

Wird Jesus, wenn er wiederkommt diese Art von Glauben vorfinden in Deutschland, in Fürth, in der CGF, bei den Wohlrabs? Findet er hier Gläubige, die beten: „Herr, wann kommst Du? Wann kommst Du endlich? Lass Deine Herrschaft und Herrlichkeit sichtbar werden in dieser Welt. Herr, komme  bald!“

Ich glaube ehrlich gesagt, er wird nicht viele finden. Weil es uns einfach viel zu gut geht, weil wir in vielen Bereichen gesegnet sind, weil wir uns des Lebens und unserer Lieben freuen und ja auch danach streben das Reich Gottes in unserem Leben umzusetzen.

Wir halten keine Ausschau nach seiner Wiederkunft und beten nicht darum. Wir wünschen uns eines Tages alt und lebenssatt zu sterben und dann irgendwann in den Himmel oder die neue Erde kommen. Oder? Ist es nicht so?

Ist das falsch? Nun ich glaube nicht. Unser Leben ist ein Geschenk Gottes und das Ziel eines jeden Lebens ist es ja mit Gott zu leben, seine Werke zu tun, nach seinem Willen zu leben.

Wenn ich bete „Dein Reich komme“ denke ich daran, dass sich sein Reich mehr und mehr in mir und durch mich und um mich verwirklicht, dass ich dazu beitrage es Gestalt werden zu lassen. So spricht ja auch Jesus - gerade im Kapitel vorher - dass das Reich Gottes mitten unter uns ist (Lk. 17,21).

Ich will jetzt aber diese Spannung nicht auflösen und den Text seine Dramaturgie nehmen.

Trotzdem ist es wichtig, dass wir nicht nur das gegenwärtige Reich Gottes, sondern auch das kommende Reich Gottes im Blick haben, erstreben, erbeten, nicht nur den Christus in uns Gestalt werden lassen, sondern auch den wiederkommenden Christus erwarten. Ich denke, nur so können wir gleichzeitig „in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt“ leben. Es ist manchmal eine Korrektur nötig, wenn man im Sattel zu sehr auf einer Seite runter rutscht.

Ich komme zum Schluss. Zusammenfassend lehrt uns dieses Gleichnis drei Dinge:

  1. die allgemein gültige Aussage ist: anhaltend zu beten und nicht nachzulassen. Das ist immer richtig und gilt für alle Belange.
  2. speziell für das kommende Reich Gottes zu beten, das Ewige nicht aus dem Fokus zu verlieren oder wieder in den Fokus zu bekommen (Advent ist hier vielleicht eine thematische Hilfe) und
  3. hat es auch eine sozialkritische Dimension. Vielleicht hat Jesus bewusst eine Frau in prekären Verhältnissen ausgesucht. Wir können uns daher fragen: Wo sind Benachteiligte in unserer Gesellschaft oder praktischer in meinem privaten Lebensumfeld, für die ich eintreten kann?


AMEN.

Montag, 1. November 2021

Predigt von Norbert Wohlrab (30.09.2021)

Gleichnisse von den beiden Knechten und von dem anvertrauten Vermögen
 

Letzte Woche haben wir im gemeinsamen Gottesdienst mit der JG St. Paul eine Predigt über die Ölbergrede gehört. Eine wirklich hervorragende Predigt. Man kann sie sich über YouTube noch anschauen. Das Thema hat mich sehr interessiert, v.a. weil ich nur ein paar Tage vorher eine längere Abhandlung von Arnold Fruchtenbaum darüber gelesen habe.

In dieser Rede  beantwortet Jesus drei Fragen der Jünger. Sie fragen ihm

„»Sag uns doch: Wann wird das (gemeint ist die Zerstörung des Tempels) geschehen, und welches Zeichen wird deine Wiederkunft und das Ende der Welt ankündigen?«“ (Mt. 24, 3b NGÜ)

Jesus beschreibt ihnen dann was die Vorzeichen der Zerstörung des Tempels sein werden, was die Zeichen seiner Wiederkunft sein werden und was am Ende der Welt geschehen wird.

Bezüglich der bevorstehenden Zerstörung Jerusalems und des Tempels waren seine Aussagen noch sehr konkret und die daraus resultierende Handlungsaufforderung ebenfalls. Er sagt nämlich bspw.:

„Wenn ihr aber Jerusalem von Heerscharen umzingelt seht, dann erkennt, dass seine Verwüstung nahe gekommen ist!“ (Lk. 21,20 Rev. Elb.)

Und die daraus resultierende Handlungsanweisung:

„Dann sollen die in Judäa auf die Berge fliehen, und die, die in seiner Mitte sind, daraus fortgehen, und die, die auf dem Land sind, nicht dort hineingehen.“ (Lk. 21.21 Rev. Elb.)

Also kurz gesagt: Flieht!

Was übrigens genau das war, was die christliche Gemeinde getan hat. Ich hab mich bei dieser Stelle immer gefragt: Wie geht das denn? Kann man fliehen, wenn man bereits umzingelt ist? Dann ist es doch eigentlich schon zu spät. Aber das war genau das, was passiert ist.

Im Jahre 66 brach der erste jüdische Aufstand gegen die Römer aus. Der römische General Cestus Gallus umzingelte darauf Jerusalem. Die Umzingelung der Stadt war das von Jesus angekündigte Zeichen. Die christusgläubigen Juden wussten jetzt, dass Jerusalem bald zerstört werden würde. Aber wie fliehen, wenn man eingeschlossen war? Cestus Gallus merkte dann das seine Nachschublinien nicht gesichert waren und hob die Belagerung auf. Dadurch war die Flucht möglich und die jüdischen Christen verließen Jerusalem und gründeten in Pella in Jordanien eine neue Gemeinschaft.
Im Jahr 68 wurde dann Jerusalem durch Vespasian und Titus erneut belagert und im Jahre 70 wurde dann sowohl die Stadt als auch der Tempel zerstört. Über 1 Million Juden verloren dabei ihr Leben. Kein einziger christusgläubiger Jude ist dabei zu Tode gekommen - so die Überlieferung.

Aber bezüglich der Frage nach seiner Wiederkunft war Jesus weniger konkret, denn er sagt:

„Doch wann jener Tag und jene Stunde sein werden, weiß niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn; nur der Vater weiß es.“ (Mt. 24,36 NGÜ)

Jesus beschreibt zwar verschiedene Zeichen, die geschehen werden, aber den genauen Zeitpunkt beschreibt er nicht, denn

„Darum haltet auch ihr euch ständig bereit; denn der Menschensohn kommt zu einem Zeitpunkt, an dem ihr nicht damit rechnet.«“ (Mt. 24,44 NGÜ)

Den Höhepunkt seiner Ölbergrede bilden dann nicht die vagen Angaben bezüglich den Vorzeichen seiner Wiederkunft und dem Ende der Welt (also dem Gericht über die Völker), sondern verschiedene Gleichnisse, in denen eigentlich immer wieder die gleiche Botschaft drin steckt, nämlich:
Seid bereit! Seid wachsam!

Ich möchte heute morgen mit Euch zusammen zwei dieser Gleichnisse anschauen. Es sind diesmal eher ernste Texte, die uns mahnen sollen. Und zwar das Gleichnis von dem treuen und dem untreuen Verwalter und das Gleichnis von dem anvertrauten Vermögen. Beide aus der Ölbergrede.

„45»Wie verhält sich denn ein kluger und zuverlässiger Verwalter?«, fragte Jesus die Jünger. »Angenommen, sein Herr hat ihm die Verantwortung für die übrige Dienerschaft übertragen und ihn beauftragt, jedem rechtzeitig sein Essen auszuteilen.
46 Dieser Verwalter darf sich glücklich schätzen, wenn sein Herr dann zurückkehrt und ihn gewissenhaft bei der Arbeit findet!
47 Ich versichere euch: Einem so zuverlässigen Mann wird er die Verantwortung für seinen ganzen Besitz übertragen.
48 Wenn jener Verwalter aber unzuverlässig ist und im Stillen denkt: ›Ach was, es dauert bestimmt noch lange, bis mein Herr kommt‹,
49 und er fängt an, die anderen Diener zu prügeln, sich den Bauch vollzuschlagen und Trinkgelage zu veranstalten,
50 dann wird die Rückkehr seines Herrn ihn völlig überraschen. Denn sein Herr kommt, wenn er nicht damit rechnet.
51 Er wird den Verwalter hart bestrafen und ihm den Lohn geben, den die Heuchler verdienen. Er wird ihn hinausstoßen, dorthin, wo es nur noch Heulen und ohnmächtiges Jammern gibt.«“ (Mt. 24, 45 - 51 HfA)

Und das zweite Gleichnis:

 14»Es wird dann so sein wie bei einem Mann, der vorhatte, ins Ausland zu reisen. Er rief alle seine Verwalter zusammen und vertraute ihnen sein Vermögen an. Sie sollten während seiner Abwesenheit gut damit wirtschaften.
15 Dem einen gab er fünf Zentner Silberstücke, einem anderen zwei und dem dritten einen Zentner, jedem nach seinen Fähigkeiten. Danach reiste er ab.
16 Der Mann mit den fünf Zentnern Silberstücke machte sich sofort daran, mit dem Geld Geschäfte zu treiben, und konnte so die Summe verdoppeln.
17 Auch der die zwei Zentner bekommen hatte, verdiente zwei hinzu.
18 Der dritte aber vergrub den Zentner, den sein Herr ihm anvertraut hatte, an einem sicheren Ort.
19 Nach langer Zeit kehrte der Herr von seiner Reise zurück und forderte seine Diener auf, mit ihm abzurechnen.
20 Der Mann, der fünf Zentner Silberstücke erhalten hatte, trat vor und übergab ihm zehn Zentner. Er sagte: ›Herr, fünf Zentner hast du mir gegeben. Hier, ich habe fünf dazuverdient.‹
21 Da lobte ihn sein Herr: ›Gut so, du bist ein tüchtiger und zuverlässiger Verwalter. In kleinen Dingen bist du treu gewesen, darum werde ich dir Großes anvertrauen. Komm zu meinem Fest und freu dich mit mir!‹
22 Danach kam der Mann mit den zwei Zentnern. Er berichtete: ›Herr, ich habe den Betrag, den du mir gegeben hast, verdoppeln können.‹
23 Da lobte ihn der Herr: ›Gut gemacht, du bist ein tüchtiger und zuverlässiger Verwalter. In kleinen Dingen bist du treu gewesen, darum werde ich dir Großes anvertrauen. Komm zu meinem Fest und freu dich mit mir!‹
24 Schließlich kam der Diener, dem der Herr einen Zentner Silberstücke gegeben hatte, und erklärte: ›Ich kenne dich als strengen Herrn und dachte: Du erntest, was andere gesät haben; du nimmst dir, wofür du nichts getan hast.
25 Aus Angst habe ich dein Geld sicher aufbewahrt. Hier hast du es wieder zurück!‹
26 Zornig antwortete ihm darauf sein Herr: ›Was bist du nur für ein böser und fauler Verwalter! Wenn du schon der Meinung bist, dass ich ernte, was andere gesät haben, und mir nehme, wofür ich nichts getan habe,
27 hättest du mein Geld wenigstens bei einer Bank anlegen können! Dann hätte ich immerhin noch Zinsen dafür bekommen!
28 Nehmt ihm das Geld weg und gebt es dem, der die zehn Zentner hat!
29 Denn wer viel hat, der bekommt noch mehr dazu, ja, er wird mehr als genug haben! Wer aber nichts hat, dem wird selbst noch das Wenige, das er hat, genommen.
30 Und jetzt werft diesen Nichtsnutz hinaus in die tiefste Finsternis, wo es nur noch Heulen und ohnmächtiges Jammern gibt!‹«“ (Mt. 25, 14 - 30 HfA)


Zwei Gleichnisse mit sehr ähnlichen Situationen. Der Hausherr geht weg und beauftragt seine Diener mit verschiedenen Aufgaben.

Im ersten Gleichnis muss der Diener nur für die andere Dienerschaft sorgen, er muss schauen das sie ihr Essen, ihren Lohn bekommen. Der eine macht es zuverlässig und wird belohnt, der andere missbraucht seine Stellung und bedient sich eigenmächtig. „Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch.“

Von einem Knecht wird einfach erwartet, dass er treu die ihm zugewiesene Aufgabe erfüllt. Tut er dies, wird er belohnt werden. Tut er dies nicht, wird er bestraft werden.

Interessant finde ich hier die Überlegung des untreuen Knechts, die ihm zu diesen zügellosen Verhalten geführt hat. Er denkt sich: „Mein Herr kommt noch lange nicht. Mein Herr lässt auf sich warten.“ Genau das ist ja die Situation der Christenheit seit fast 2000 Jahren: Jesus lässt auf sich warten! Die Frage ist, wie gehen wir damit um? Sind wir treu oder unzuverlässig?

Während im ersten Gleichnis die Abgrenzung des richtigen Verhaltens gegenüber dem negativen Verhalten hervorgehoben wird, treu versus zügellos, liegt das Blickfeld im zweiten Gleichnis woanders. Hier stehen sich Aktivität und Passivität gegenüber.

Wieder verreist der Hausherr. Diesmal vertraut er den Verwaltern sein Vermögen an. Fünf, zwei und ein Zentner Silber. Eigentlich Talente. Die damals größte mögliche Währungseinheit. Ein Talent war bereits das x-fache eines Jahreseinkommen. Eine damals unvorstellbar große Summe.

Hier ist es wieder ähnlich wie im anderen Gleichnis. Die ersten beiden machen sich an die Arbeit, sind treu und vermehren das Vermögen und werden belohnt. Der dritte macht nichts, vergräbt es, angeblich aus Angst, aber eigentlich ist er einfach faul und treulos, ja er nimmt es sich heraus seinen Herrn sogar noch im schlechten Licht darzustellen und wird daher bestraft.

In beiden Gleichnissen geht es um das Treubleiben. Das Erfüllen seiner Aufgabe, seines Auftrags in Treue gegenüber seinem Herrn. In Erwartung seiner Rückkehr.

In zweiten Gleichnis geht es ums Geld, um Vermögen. Aber es ist ja nur ein Vergleich.
Das Silber, die Talente, sind ein Bild für all das, was Gott uns anvertraut hat. Ich denke es  geht nicht nur um unser Geld, es geht um unsere Zeit, um unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten, um unsere Stellung, unsere Geistesgaben und natürliche Gaben, unser Leben, unsere Liebe, um all unsere Möglichkeiten und unserem Glauben. Um diesen spezifischen Talente-Cocktail, den Gott einen jeden von uns mitgegeben hat. Und hier ist jeder anders beschenkt, jeder ist anders begabt, wie in diesem Gleichnis. Und jeder hat eine andere Verantwortung.

Man hat mich mal gefragt, wen ich so als Vorbilder habe. Ich hab glaub ich geantwortet Laurel & Hardy oder Donald Duck. Aber im Ernst, ich hab mir nie andere zum Vorbild genommen, weil ich immer dachte, ich kann niemanden nachstreben, der von Gott mit ganz anderen Gaben und Fähigkeiten beschenkt wurde, als ich es bin. Es nützt nichts. Ich muss aus meinem eigenen Gaben-Mix etwas machen. Und der kommt von Gott.

„Ist nicht alles, was du hast, ein Geschenk Gottes?“ (1. Kor. 4,7 NGÜ)

sagt Paulus.

Alles ist ein Geschenk Gottes. Gott erwartet von uns nichts Unmögliches. Er erwartet nicht, das ich Lobpreislieder komponiere, wenn ich keine Noten lesen kann und nicht, dass ich jeden Tag Menschen zum Glauben führe, wenn ich kein Evangelist bin. Er erwartet nicht, dass ich aus einem Zentner 10 mache. Er erwartet nur, dass ich das, was er mir mitgegeben hat, was er in mich hineingelegt hat, gewinnbringend für sein Reich einsetze und nicht im Garten vergrabe.

Ich möchte heute gar nicht mehr zu diesen beiden Texten sagen. Und ich möchte jetzt auch nichts sagen, was diese Texte relativiert, sondern einfach mal diese Mahnungen stehen lassen.

Sicher, man könnte diese Texte jetzt im Hinblick auf das Gesamt-NT ausbalancieren. Es gibt Kommentatoren, die sagen, damit ist Israel gemeint, andere sagen, damit werden Gläubige und Ungläubige gemeint.

Ich weiß nicht so recht. Dies sind Warnungen Jesu an seine Jünger. Er sagt ihnen, seinen Nachfolgern: Seid bereit! Seid wachsam!

Und er sagt ihnen:

„Bei der Wiederkunft des Menschensohnes wird es wie in den Tagen Noahs sein. Damals vor der großen Flut aßen und tranken die Menschen, sie heirateten und wurden verheiratet– bis zu dem Tag, an dem Noah in die Arche ging.“ (Mt. 24, 37.38 NGÜ)

Es ist heute eine eher ernste Predigt.

Vielleicht kann sich ja jeder einmal selbst fragen: Setzte ich meine Talente, meine Möglichkeiten für Gott, für sein Reich ein oder nutze ich sie nur für mich oder habe ich welche im Garten vergraben? 

Nehmen wir das doch einfach mal mit in unsere Gebetszeit und schauen, ob Gott uns etwas für uns persönlich aufs Herz legt.

AMEN.

Sonntag, 29. Oktober 2017

Predigt von Norbert Wohlrab (29.10.17)

Das Gleichnis von den zwei Söhnen (Mt. 21, 28 - 32)


1. Einleitung


Ich habe vor einiger Zeit bereits einmal über eines von den Weinberg-Gleichnissen gepredigt. Dies möchte ich heute wieder tun. Es gibt da ja davon einige in der Bibel. Zunächst einmal der Text:

„Was meint ihr aber hierzu? Ein Mensch hatte zwei Söhne, und er trat hin zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh heute hin, arbeite im Weinberg! Der aber antwortete und sprach: Ich will nicht. Danach aber gereute es ihn, und er ging hin. Und er trat hin zu dem zweiten und sprach ebenso. Der aber antwortete und sprach: Ich gehe, Herr; und er ging nicht.
Wer von den beiden hat den Willen des Vaters getan? Sie sagen: Der erste. Jesus spricht zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch, dass die Zöllner und die Huren euch vorangehen in das Reich Gottes. Denn Johannes kam zu euch im Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; die Zöllner aber und die Huren glaubten ihm; euch aber, als ihr es saht, gereute es auch danach nicht, so dass ihr ihm geglaubt hättet.“ (Rev. Elb.)

 
Das ist jetzt eine Situation, die wir alle gut kennen. Wir haben ja aller Kinder und erleben es öfters wie unterschiedlich unsere Kinder sind. Oft liegen Welten dazwischen. Gleiches Elternhaus, gleiche Erziehung, gleiche Sozialisation, gleiche christliche Prägung, aber ganz andere Charaktere.
Und auch diese hier beschriebene Situation kommt uns ganz vertraut vor: Wir geben einen Auftrag wie bspw. Zimmer aufräumen, Kleidung wegräumen, Getränke aus dem Keller holen o.ä. und es wird nicht gemacht oder unendlich weit hinausgeschoben oder aber nach anfänglichem Gemaule dann doch erledigt. Also eine uns durchaus vertraute Situation.  Und sie scheint wohl auch den Zuhörern damals vertraut gewesen zu sein, sonst hätte Jesus sie wohl nicht als Gleichnis verwendet.

Man meint ja immer ungezogenes, rüpelhaftes Verhalten ist ein Phänomen der Moderne (nachzulesen in der Ausgabe der NN vom Freitag 26.10.17), aber bereits Sokrates (469 - 399 v. Chr.) hat folgendes über die Jugend gesagt:

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

Wobei nach meiner Wahrnehmung die heutigen Jugendlichen auf mich relativ höflich wirken.

Es gibt eine nette Geschichte von Tolstoi, in der es auch um Eltern (hier: Mütter) und ihre Söhne geht:

Drei Frauen wollten Wasser holen am Brunnen. Nicht weit davon saß ein alter Mann und hörte zu, wie die Frauen ihre Söhne lobten.
„Mein Sohn“, sagte die erste, „ist so geschickt, dass er alle hinter sich lässt...“
„Mein Sohn“, sagte die zweite, „singt so schön wie die Nachtigall! Es gibt keinen, der eine so schöne Stimme hat wie er ...“
„Und warum lobst du deinen Sohn nicht?“ fragten sie die dritte, als sie schwieg. „Er hat nichts, was ich loben könnte“, entgegnete sie. „Mein Sohn ist nur ein gewöhnlicher Knabe, er hat nichts Besonderes an sich und in sich ...“
Die Frauen füllten ihre Eimer und gingen heim. Der alte Mann ging langsam hinter ihnen her. Die Eimer waren schwer und die abgearbeiteten Hände schwach. Deshalb machten die Frauen eine Ruhepause, denn der Rücken tat ihnen weh.
Da kamen ihnen drei Jungen entgegen. Der erste stellte sich auf die Hände und schlug Rad um Rad. Die Frauen riefen: „Welch ein geschickter Junge!“
Der zweite sang so herrlich wie die Nachtigall, und die Frauen lauschten andachtsvoll und mit Tränen in den Augen. Der dritte Junge lief zu seiner Mutter, hob die Eimer auf und trug sie heim. Da fragten die Frauen den alten Mann: „Was sagst du zu unseren Söhnen?“
„Wo sind eure Söhne?“ fragte der alte Mann verwundert, „ich sehe nur einen einzigen Sohn!“


Soweit erst mal die Geschichte von Tolstoi.


2. Die Bedeutung damals

Aber jetzt zurück zum Gleichnis. Bevor wir uns anschauen, was es für uns heute bedeuten kann, müssen wir uns erst einmal anschauen, was Jesus damit in der konkreten Situation sagen wollte.

Was war die Situation? Am Tag zuvor ist Jesus auf einem Esel in Jerusalem eingezogen und wurde von der Menge bejubelt Unser Palmsonntag geht darauf zurück.
Die Menge hat ihn gepriesen, als von Gott gesandten Propheten, als Sohn Davids. Jesus ging dann in den Tempel und hat dort erst mal für Ordnung gesorgt, in dem er die Händler aus dem Tempelvorhof vertrieben hat. Hier konnten von den Händlern zertifizierte Opfertiere erworben werden, die nur mit einer bestimmten Währung bezahlt werden konnte.
Da anlässlich des bevorstehenden Passahfestes viele Juden aus der Diaspora in Jerusalem waren, gab es viele verschiedene Währungen, die bei den Wechslern eingetauscht werden mussten. Beide, Händler und Wechsler, haben natürlich gewinnorientiert gearbeitet. Das war aber nicht im Sinne Gottes.

Das ist ungefähr so, wie wenn ich zu einer Geburtstagsparty einlade - zu der man mir üblicherweise ein Geschenk mitbringt - und dann kommen zwei völlig Unbekannte, setzen sich an den Gartenzaun und verkaufen Eintrittskarten für meine Feier und geben mir nicht mal etwas davon ab. So haben die Händler und Wechsler den Zugang zu Gott erschwert.

Nach der Tempelreinigung heilte Jesus noch Blinde und Lahme im Tempel und übernachtete dann bei Freunden in Bethanien.
Am nächsten Morgen kommt er wieder und fängt an zu lehren. Daraufhin fragen ihn dann die religiösen Führer, in welcher Autorität er dies tut. Gemeint ist jetzt vermutlich nicht nur das Lehren, sondern auch die Aktionen des Vortages: die Tempelreinigung und das Heilen. Jesus antwortet mit einer Gegenfrage:


„Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Auch ich will euch ein Wort fragen, und wenn ihr es mir sagt, so werde auch ich euch sagen, in welcher Vollmacht ich diese Dinge tue. Woher war die Taufe des Johannes? Vom Himmel oder von Menschen?
Sie aber überlegten bei sich selbst und sprachen: Wenn wir sagen: vom Himmel, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm denn nicht geglaubt? Wenn wir aber sagen: von Menschen, so haben wir die Volksmenge zu fürchten, denn alle halten Johannes für einen Propheten.
Und sie antworteten Jesus und sprachen: Wir wissen es nicht. Da sagte auch er zu ihnen: So sage auch ich euch nicht, in welcher Vollmacht ich diese Dinge tue.“
(V. 24 - 27)

 

Dieser Hinweis auf Johannes ist wichtig für das Gesamtverständnis. Johannes war von Gott gesandt. Sein Auftrag war es den Weg für Jesus vorzubereiten. Seine Botschaft lautete:

„Tut Buße! Denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen…..und sie wurden von ihm im Jordanfluss getauft, indem sie ihre Sünden bekannten. Als er aber viele der Pharisäer und Sadduzäer zu seiner Taufe kommen sah, sprach er zu ihnen: Otternbrut! Wer hat euch gewiesen, dem kommenden Zorn zu entfliehen? Bringt nun der Buße würdige Frucht; und meint nicht, bei euch selbst zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater! Denn ich sage euch, dass Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken vermag.“(Mt. 3, 2.6-9 Rev. Elb.) 


Tut Buße! Besinnt Euch! Kehrt um! Das war die Botschaft des Johannes. Und mit denselben Worten begann übrigens auch Jesus später sein Wirken (Mt. 4,17)

Viele Menschen hörten auf Johannes. Hätten die Schriftgelehrten seine Autorität jetzt anerkannt, hätten sie erklären müssen, warum sie dann seinen Aufruf nicht gefolgt sind. Johannes hat sie zur Buße aufgefordert. Seine Botschaft war: alle sind Sünder und müssen umkehren. Sie haben sich aber als gerecht gesehen und waren der Meinung sie bräuchten keine Buße, weil sie Kinder Abrahams sind.
So haben sie jetzt eben lieber gar nicht geantwortet.

Jetzt kommt der Punkt, an der Jesus das Gleichnis erzählt. Weil es jetzt schon so lange her ist und soviel Texte dazwischen waren, lesen wir es nochmal. Mal nach einer geringfügig moderneren Übersetzung:

„Jesus sprach weiter: „Mal ’ne andere Geschichte, bin gespannt, was ihr dazu sagt: Da war mal so ein Typ, der zwei Söhne hatte. Zum ersten sagte er: ‚Geh mal bitte in unsere Werkstatt und reparier das Auto, das dort steht!‘ ‚Ich hab aber keine Lust!‘, sagte der. Aber später tat es ihm leid, und er ging doch hin und reparierte die Kiste. Dann ging der Mann zu dem zweiten Sohn und wollte dasselbe von ihm. ‚Klar, mach ich‘, sagte er. Aber dann hatte er doch keinen Bock und ging einfach nicht hin. Preisfrage: Wer von den beiden hat das getan, was der Vater wollte?“ – „Der erste natürlich!“ Jetzt erklärte Jesus, was er mit der Geschichte sagen wollte: „Auf eins könnt ihr wetten: Dealer und Huren werden eher an diesem Ort landen, wo Gott das Sagen hat, als ihr. Johannes, der die Leute getauft hat, hatte voll den Plan: Er sagte, ihr müsst euer Leben ändern, sonst fahrt ihr gegen die Wand. Aber ihr wolltet nichts von ihm wissen. Die Dealer und die Nutten aber haben getan, was er gesagt hat. Und obwohl ihr das sehr wohl mitbekommen habt, vertraut ihr mir nicht und ändert euch nicht.“  (Volx-Bibel)

 
In dem Gleichnis ist Gott der Vater. Die Söhne repräsentieren zwei verschiedene Gruppen in Israel wieder.

Die erste Gruppe sind die Sünder: die Zöllner und Prostituierten. Die, die sich entschieden haben, fernab von der Gerechtigkeit und den Geboten Gottes zu leben. Ihr ganzer Lebenswandel war ein einziges, klares und offensichtliches Nein zu Gott.
Aber dann trat Johannes auf und manche dieser verachteten Sünder hörten seine Botschaft, bereuten ihre Schuld und kehrten um. Aus ihrem Nein wurde ein Ja.

Die zweite Gruppe ist die fromme Elite. Es sind die Hohenpriester und die Ältesten, die Schriftgelehrten und die Pharisäer. Diejenigen, die sich für fromm halten und dies öffentlich zur Schau stellen, die stolz darauf sind Kinder Abrahams zu sein, das Gesetz zu kennen und danach zu leben, die sich selbst rechtfertigten, die aber weder ihre Sündhaftigkeit, noch ihre Erlösungsbedürftigkeit erkennen wollten. Die weder Johannes noch Jesus als von Gott gesandt anerkennen wollten.
Die also äußerlich Ja sagen zu Gott, aber faktisch Nein sagen.

„Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird in das Reich der Himmel hineinkommen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist.“ (Mt. 7,21 Rev. Elb.)

Gleiches wird übrigens auch im Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner ausgedrückt (Lk. 18, 9-14). Dort erkennt der Zöllner seine Erlösungsbedürftigkeit, der Pharisäer dagegen vertraut auf sich selbst und verachtet gleichzeitig die anderen. Danke, dass ich nicht wie dieser Zöllner bin, betet er. (V. 11)

 „Ich sage euch: Dieser (der Zöllner) ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, im Gegensatz zu jenem; denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer aber sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Lk. 18,14 Rev. Elb.)

Allein das Jesus sie, die angesehensten Personen der Gesellschaft, hier in einem Atemzug mit den verachtetsten und sündhaftesten Menschen der Gesellschaft nennt, ist schon eine gewaltige Provokation. Ein Pharisäer würde mit solchen Menschen nie etwas zu tun haben (vgl. die Salbung durch die Sünderin).

Jesus drückt also hier aus: es bedarf keiner religiösen Qualifikation oder Sozialisation um gerettet zu werden, nur dem Erkennen der eigenen Sünde und dem Bereuen, d.h. dem Umkehren zu Gott, so wie es in unserem Gleichnis dem zweiten Sohn reute und er dann doch in den Weinberg ging.


3. Die Bedeutung heute

Was bedeutet dieses Gleichnis für uns heute?

Bereits einige Jahrzehnte nach Jesus Himmelfahrt, wurde es auf die Situation der Juden und Christen bezogen. Die Juden haben ihn abgelehnt (sind nicht in den Weinberg gegangen), die Christen haben ihn angenommen (sind in den Weinberg gegangen).

Auch wenn dies historisch betrachtet so zutrifft, ist es doch etwas eine Vergewaltigung des Textes. Im Gleichnis sind ja alle Juden. Und es geht hier ja um ein persönliches Umkehren und nicht um kollektives Verhalten.
Wichtig ist: Gottes Angebot gilt allen. Damals galt es den Zöllnern und den Prostituierten genauso wie den Schriftgelehrten und den Pharisäern. Jeder konnte umkehren.


Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1. Tim. 2,4 Rev. Elb.)

Auch heute gibt es bei ihm keinerlei Numerus Clausus.

Wenn wir Jesus einmal angenommen haben, dann haben wir diesen Schritt bereits in der Vergangenheit getan. Dann haben wir Buße getan. Dann haben wir unsere Erlösungsbedürftigkeit erkannt und unsere Rettung angenommen, haben Jesus Christus angenommen.
Bei mir ist das jetzt über 34 Jahre her. Es war ein radikaler Wechsel von einer Drogenherrschaft zu einer Jesusherrschaft.

Aber dann? Könnte es nicht sein, dass uns manchmal die Puste ausgeht im Weinberg? Oder sehen wir manchmal den Weinstock vor lauter Trauben nicht mehr?

Unser Ja zu Jesus ist ja kein jahrzehntelang durchgehender Ton in einem Atemzug, ohne dazwischen zum Atmen Luft zu holen.

Es bedarf neue, wiederholte Ja´s. Ein Leben das mit einem Ja begonnen hat, aber sich immer wieder mit vielen kleinen Ja´s ausdrückt.

Ein Lebensstil in der Nachfolge, im Hören auf Gott, ein Leben gestaltet nach der Ethik und den Werten des Reiches Gottes. Ein Lebensstil der Heiligung.

Heiligung: das war früher in unserer Jugend die zentrale Botschaft. Damals leider mit dem erhobenen Zeigefinger und in einer sehr gesetzlichen und destruktiven Art und Weise, die oft vieles kaputt gemacht hat und irgendwie - so hatte man den Eindruck - alles verboten hat, was irgendwie Spaß gemacht hat.

Der Text soll uns davor bewahren eine ähnliche Denke zu entwickeln, wie die Pharisäer, die sich darauf berufen haben Kinder Abrahams zu sein.

Gewiss, wir haben Ja gesagt, sind Kind unseres Vaters geworden und sind damit gerettet. Amen?!.

Wir sind einerseits Kinder Gottes. Das ist absolut wahr! Aber nicht um uns darauf etwas einzubilden (so wie die Pharisäer sich etwas darauf eingebildet haben Kinder Abrahams zu sein) und nicht um uns darauf auszuruhen.
Auch wenn bereits alles getan ist - durch Jesus  Christus -, heißt es nicht, dass unsererseits nichts mehr getan werden darf.

Denn wir wollen ja unser Leben nach seinem Willen gestalten., aber in der Praxis des Alltags, leben wir dann doch wieder, das eine oder andere Nein, wenn es darum geht, unser Leben an seinen Maßstäben auszurichten und wir sind dann manchmal eher dem zweiten Sohn ähnlich, der ein Ja vortäuscht und dann doch einen Rückzieher macht..

Aber: auch nach Jahrzehnten der Nachfolge, basiert unsere Rechtfertigung immer noch und weiterhin und in Ewigkeit einzig auf dem Erlösungswerk am Kreuz durch Jesus Christus.

Und andererseits (und das klingt jetzt fast wie ein Widerspruch, aber das Leben als Christ findet nun einfach in verschiedenen Spannungszuständen statt), andererseits sollen wir auch nie aufhören das Kind-Gottes-Sein zu genießen.

Es gibt ja noch das andere, das bekanntere Gleichnis von den zwei anderen Brüdern. Vom verlorenen Sohn und dem älteren Bruder (Lk. 15, 11-32). Der ältere Bruder hat in diesem Gleichnis immer beim Vater gelebt und geschuftet, hat aber nie das was sein war auch in Anspruch genommen, hat nie gefeiert und es sich gut gehen lassen.

„Er aber sprach zu ihm: Kind, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, ist dein. (Lk. 15,31 Rev. Elb)“

Wir dürfen das! Wir dürfen einfach auch mal Sohn oder Tochter sein vor Gott. Einfach da sein. In-ihm-ruhen. Seine Gegenwart genießen. Seine Liebe empfangen. Auftanken.

Vor lauter Dienst, vor lauter Alltagsanforderungen und Alltagsstress kommt dies schnell mal zu kurz. Gott freut sich auf Euch, auf Dich, auf mich. Alles hat seine Zeit!

Wir dürfen im Bewusstsein seiner Gnade leben und dienen, arbeiten und ruhen, nehmen und geben.


AMEN.

Sonntag, 23. April 2017

Predigt von Norbert Wohlrab (23.04.2017)

Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg
 

Ich möchte heute mit Euch ein Gleichnis Jesu anschauen, und zwar das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Jesus erzählte Gleichnisse, die einen Alltagsbezug hatten, die zur Lebenswelt der Menschen gehörten, um den Jüngern geistliche Zusammenhänge verständlich zu machen. Manche von diesen Gleichnissen haben auch heute noch eine erstaunliche Aktualität. Ich lese das Gleichnis in der neuen Luther-Übersetzung:

„1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg.
2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.
3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen
4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.
5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.
6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?
7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.
8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten.
9 Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.
10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen.
11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn
12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben.
13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?
14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.
15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?
16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“
(Mt. 20, 1-16 LUT2017)


Die Ausgangslage in diesem Gleichnis ist uns bekannt: Arbeitslosigkeit. Vielleicht war nicht jeder von uns schon mal arbeitslos, aber wir können uns alle die Situation von arbeitslosen Menschen gut vorstellen. Vielleicht haben wir ja welche in unserem Bekanntenkreis.
Heute ist man als Arbeitsloser in unserem Land ja einigermaßen abgesichert. Wenn man lange genug einbezahlt hat, dann bekommt man für sechs Monate bis zu zwei Jahre Arbeitslosengeld, das sind rund zwei Drittel des letzten Einkommens. Damit kann man einigermaßen klar kommen. Blöd wird es danach, wenn der Anspruch verbraucht ist und man immer noch keinen neuen Job hat und dann nur noch Arbeitslosengeld 2 (Hartz IV) bekommt. Mit dann rund 400,- Euro kann man eigentlich nur noch überleben, aber nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Würde geht anders!


Früher gab es bei den Arbeitsämtern eine Tagesjobvermittlung. Wer früh aufstand und keine harte Arbeit scheute, konnte dort manchmal für einen Tag einen Job bekommen, bei dem er am Abend cash ausbezahlt wurde und sich so sein Arbeitslosengeld aufstocken konnte. In der Nähe vom Plärrer in Nürnberg gab es auch eine Ecke, an der Arbeitslose standen, die ihre Arbeitsleistung anboten. Das war dann die illegale Variante. Soweit ich weiß gibt es heute beides nicht mehr.

So eine ähnliche Situation finden wir hier in diesem Gleichnis. Arbeitslose stehen herum und warten auf eine Möglichkeit sich Geld zu verdienen. Der Unterschied ist, dass sie keine soziale Absicherung haben. Hier geht es nicht um ein Zubrot zur staatlichen Unterstützung. Hier geht es um die blanke Existenz. Hier geht es darum einen Job zu finden, mit dem sie ihre Frau, Kinder und vielleicht die alten Eltern ernähren können.
Der Silbergroschen (oder Denar) entspricht etwa 40 Cent und war damals der wohl übliche Tageslohn. Ein Lohn, der ausgereicht hat um seine Familie zu ernähren.

Auch heute noch gibt es in Jerusalem eine Ecke nahe des Damaskustores, wo jeden Morgen arbeitslose Palästinenser stehen und auf potenzielle Arbeitgeber (meist Israelis) warten.

Gleich am Anfang lesen wir etwas Ungewöhnliches in diesem Gleichnis. Die erste von vielen Ungewöhnlichkeiten: der Hausherr, der Weinbergbesitzer geht früh am Morgen selbst los um Arbeiter für die Arbeit im Weinberg (vermutlich zur Weinernte oder zum Schneiden der Stöcke) einzustellen. Normalerweise mach dies sein Verwalter oder ein Vorarbeiter. Aber hier geht der Hausherr selbst los. Er scheint ihm selbst immens wichtig zu sein. Ein kleines aber wichtiges Detail, wenn wir später zur Auslegung kommen.

Der Hausherr geht sogar öfters los, nicht nur einmal. Er geht am Beginn des Tages und zur dritten, sechsten, neunten und schließlich noch zur elften Stunde los um immer wieder Nachschub an Arbeitskräften zu holen. Der Tag war damals in zwölf Stunden von 6 bis 18 Uhr eingeteilt, d.h. also zwischen  6 und 17 Uhr war er immer wieder, insgesamt fünfmal unterwegs um neue Arbeiter anzuheuern. Während er mit den ersten noch einen konkreten Lohn vereinbart hat, heißt es bei den anderen nur, dass sie bekommen sollten „was recht ist“.

Als es dann an die Bezahlung geht (jetzt kommt übrigens der Verwalter ins Spiel), geschieht das nächste Unglaubliche: die Letzten werden als Erstes bezahlt. Die, die am allerwenigsten gearbeitet haben, bekommen ihren Lohn zuerst. Sauber, na gut, meinetwegen, aber dann bekommen sie auch noch einen ganzen Silbergroschen. Sie bekommen den Lohn, der denen versprochen worden ist, die früh morgens angefangen haben im Weinberg zu schuften. Und die denken sich jetzt wahrscheinlich: „Wahnsinn, wenn die schon einen Silbergroschen bekommen, wieviel bekommen denn dann wir?! Die haben eine Stunde gearbeitet und wir zwölf Stunden. Wow, dann bekommen wir sicherlich mehr als nur den einen Silbergroschen.“

Und dann die große Ernüchterung, sie bekommen auch nur einen Silbergroschen. Genau wie ausgemacht. Die nächste Unglaublichkeit! Der Weinbergbesitzer gibt jedem gleich viel Lohn. Jeder bekommt einen Denar, egal wie lange er im Weinberg geschuftet hat. Das passt nicht in das Denken der Arbeiter, in ihre Wirklichkeit hinein und das passt auch nicht in unsere Wirklichkeit hinein. Unser Empfinden von Gerechtigkeit ist doch etwas anders. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, aber doch nicht gleicher Lohn für ungleiche Arbeit!

Diese provozierende Situation wäre leicht zu vermeiden gewesen, wenn in umgekehrter Reihenfolge ausbezahlt worden wäre. Die ersten hätten ihren Denar eingesackt und schwups wären sie weg gewesen. Sie hätte gar nicht mitbekommen, dass die anderen genauso viel bekommen. Aber so wurden sie bewusst damit konfrontiert.

Und jetzt geschieht etwas mit den „gefühlt Übervorteilten“. Sie ärgern sich, sie fühlen sich ungerecht behandelt, sie werden neidisch. Sozialneid! Aber nicht auf die Starken, nicht auf die Reichen und Schönen, sondern auf die Schwachen. Denn die, die länger auf dem Markt standen und auf Arbeit gewartet haben, waren gleichzeitig auch die, die schwächer waren, weniger kräftig, alt und krank, die auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr so ganz mithalten konnten.
Die, die unten stehen, die kräftigen Tagelöhner, suchen sich solche, die noch weiter unten stehen. Ein auch heute weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen: „Die Hartz4ler, die Ausländer, die Asylanten usw. sind doch alles nur Sozialschmarotzer, die auf Kosten meiner Steuergelder leben.“ So oder so ähnlich wird von vielen gedacht.

„Bist du neidisch, weil ich so gütig bin?“ fragt sie der Besitzer. Diejenigen, die länger auf dem Markt herum standen, brauchen aber auch genauso viel zum Überleben, wie alle anderen auch. Sie brauchen auch ihre 40 Cent am Tag um ausreichend Essen zu kaufen. Was hätte ihnen der Lohn für eine Stunde Arbeit genutzt? Es hätte vielleicht gelangt für einen halben Laib Brot und ein Bier zum Frust runterspülen, aber nicht für den Tagesbedarf einer ganzen Familie.

Der Gutsbesitzer dagegen ist gütig, er will dass alle genug zum Leben haben. Unabhängig von ihrer Leistung. Er ist nicht auf Gewinnmaximierung aus, sondern maximiert seine Güte. Heute würde man vielleicht sagen, er praktiziert eine Form von solidarischer Ökonomie.

Dieses Vergütungsmodell passt nicht in den Kapitalismus. Da hätte der Weinbauer vielleicht nur die Hälfte vom vereinbarten Lohn ausbezahlt, weil sie angeblich zu langsam gearbeitet hätten.
Und das passt auch nicht in die soziale Marktwirtschaft. Da hätte es trotzdem nur einen gewerkschaftlich fest vereinbarten Stundenlohn gegeben. Und aus dem Überfluss etwas für die Kranken und Schwachen.
Und im Kommunismus hätten wahrscheinlich alle gleich wenig bekommen,weil es nichts zum Verteilen gegeben hätte.
Nein, dieses Verhalten ist einzigartig: jeder bekommt den gleichen Tageslohn damit jeder genug zum Leben hat.

Nun, es ist ein Gleichnis, eine Geschichte und hat nicht den Anspruch Grundlage für ein Wirtschaftssystem zu sein. Ein ähnliches Modell finden wir in der Bibel meines Wissens nur noch in der Jerusalemer Urgemeinde, die in einer Art Kommunismus zusammen gelebt haben. Dort heißt es:

„Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“
(Apg. 4,32 LUT2017)


Aber auch das Jerusalemer Modell war nicht erfolgreich, denn wenige Jahre darauf, mussten Spenden bei den neuen christlichen Gemeinden für die Gemeinde in Jerusalem gesammelt werden, da diese mittlerweile verarmt war. Auch hier gilt: die Beschreibung beinhaltet erstmal keine Aufforderung genauso zu handeln.
Aber interessant ist doch, wenn man sich anschaut in welchen Kontext das Gleichnis vom Weinberg eingebettet ist. Es folgt nämlich direkt auf die Begegnung des reichen Jünglings mit Jesus, an dessen Ende Jesus feststellt:

„Wahrlich, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen.“ (Mt. 19, 23b LUT 2017)

Dies sollten wir doch bedenken. Sollte das Weinbergmodell doch ein Vorbild für unser Leben sein?  Auf jeden Fall eine Aufforderung zum Großzügigsein.
Es verdeutlicht auf jeden Fall: unser Gerechtigkeitsempfinden, unsere Vorstellung von Gerechtigkeit ist anders, als Gottes Gerechtigkeitsempfinden.
Es gibt wohl unterschiedliche „Gerechtigkeiten“. Unterschiedliche Vorstellungen und Bezugssysteme. Gerechtigkeit nach Leistung und eine Gerechtigkeit der Verteilung, eine Art ausgleichende Gerechtigkeit.

In unserem Land gibt es ja mittlerweile einen Mindestlohn, der aber immer noch so niedrig ist, dass derjenige, dessen Einkommen sich immer auf diesem Niveau bewegt, im Rentenalter auf gesetzliche Unterstützung angewiesen sein wird. Nach dem Motto: „Hättest was Gescheites gelernt, würdest mehr verdienen, hättest mehr Rente.“ Das klingt eher nach Sozialdarwinismus als nach Gerechtigkeit.

Die Schweiz dagegen hat ein 3-Säulen-Rentensystem, in dem alle - also auch die Selbständigen und Beamten - den gleichen Prozentsatz in die erste Säule einzahlen, aus der dann später eine Grundrente für alle finanziert wird. D.h., dass jmd. der gut verdient u. U. mehr einzahlen muss als er später als Maximalrente aus dieser Säule herausbekommen kann. Das ist eine Form von ausgleichender Gerechtigkeit und die Schweizer scheinen damit überhaupt kein Problem zu haben.

Es gibt darüberhinaus heute vielfältige Formen von Solidarökonomie nicht nur in Lateinamerika: Genossenschaften, Fair Trade-Produkte, FoodCoops, Tauschbörsen, OpenSource-Programme usw. sind solche Modelle.

Den Arbeitern in unserem Gleichnis geht es um Lohn für Leistung. Den Gutsherrn geht es darum, dass es ihnen gut geht, dass sie ein genügendes Auskommen haben. Im übertragenen Sinne: wir sind leistungsorientiert, Gott ist Gnade-orientiert.

Damit sind wir jetzt bei der Auslegung. Im Eingang steht. „Denn mit dem Reich der Himmel ist es“. Es geht hier um dass Reich Gottes, um das Himmelreich Gottes, um die Königsherrschaft Gottes.
Also zum einen um das Leben in der Ewigkeit bei Gott und zum anderen, aber auch schon um das Himmelreich unter uns, dort wo die Herrschaft Gottes, wo das Reich Gottes in Kraft und Liebe und Gerechtigkeit und Frieden schon in die Gegenwart hinein wirkt und durch uns sichtbar wird.

„Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ (Lk 17,21 LUT2017)

Gott ist der Weinbergbesitzer, der alle, die in seinem Weinberg kommen, belohnen will. Er will, dass alle genug haben, keiner soll Mangel leiden. Jeder soll ewiges Leben empfangen:
unabhängig davon, ob man als Jude geboren wurde und damit zum auserwählten Volk gehört, zu dem Volk, das das Gesetz hatte oder erst als Heide das Evangelium gehört hatte,
unabhängig davon, ob man sich sein ganzes Leben lang als Pharisäer besondere religiöse Pflichten auferlegt hatte oder ob man als einfacher jüdischer Mensch gelebt hatte,
unabhängig davon, ob man sich als kleines Kind oder als Greis dafür entschieden hat Jesus nachzufolgen,
und auch unabhängig davon, ob man viel oder wenig dazu beigetragen hat. Jeder bekommt gleich.

Gott macht keinen Unterschied. Jesus sagt, dass die Ersten die Letzten sein werden, das also kein Vorteil darin besteht Jude oder Pharisäer zu sein. Dies ist die im historischen Kontext erste Zielgruppe des Gleichnis. Er will ihnen vermitteln, dass sie nicht besser, nicht wichtiger sind als die anderen, als die Sünder.

Es geht nicht um Leistung, es geht nicht um Gerechtigkeit durch Werke, sondern einzig allein um die Güte des Weinbergbesitzers, um die Gnade die Gott gerne schenkt. Es gibt keine Fleißkärtchen und kein Punktesystem für einen Platz im Himmelreich.

Eigentlich geht es in diesem Gleichnis ja gar nicht um die Arbeiter, sondern um den gütigen Weinbergbesitzer. Um sein Mitgefühl mit den verlorenen Menschen. Er ist es, der sich aktiv um sie bemüht, sich aktiv auf die Suche begibt um sie in den Weinberg zu holen. Er selbst bringt die gute Nachricht: „Hey, komm in den Weinberg. Dort ist noch Platz für Dich.“ Er enthält seinen Lohn, seine Güte, seine Gnade niemanden vor. Jeder bekommt sie. Er ist ähnlich wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Aber es geht auch darum Teil des Weinbergs zu sein. Die Tagelöhner haben Arbeit ge-sucht. Übertragen bedeutet dies, sie haben nach Gott gesucht. Ich flutsche nicht einfach so in das Reich Gottes hinein. Ich muss es wollen. Ich muss Erlösung wollen. Ich muss Jesus wollen.

Es gilt immer noch was Jesus sagt:

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh 14,6 LUT2017)

Die Annahme des Jobs entspricht der Annahme des Erlösungsangebots Jesu. Durch ihn werde ich Teil bzw. bekomme ich Anteil am Himmelreich Gottes.

Genauso gilt es aber auch in ihm zu bleiben. Bis zum Schluss in ihm zu bleiben. Den Lauf zu voll-enden, wie Paulus es ausdrückt (2. Tim. 4,7). Es sind leider nicht wenige, die sich im Laufe ihres Lebens von ihrem christlichen Glauben abgewendet haben um irgend-welchen obskuren Theorien anzuhängen.

Hören wir im Lutherjahr, was Martin Luther zur Auslegung des Gleichnisses zu sagen hat:

„So ist nu dies die Summa dieses Evangeliums: kein Mensch ist so hoch noch wird je so hoch kommen, dass er nicht zu fürchten hat, er werde der allerniedrigste. Und umgekehrt, niemand liegt so tief oder kann so tief fallen, der nicht hoffen könnte, dass er der höchste würde. Denn hier ist alles Verdienst aufgehoben und wird allein Gottes Güte gepriesen und ist fest beschlossen: der erste soll der letzte, der letzte soll der erste sein. Damit dass er spricht: der erste soll der letzte sein, nimmt er dir alle Vermessenheit und verbietet dir, dass du dich über keine Hure erhebst, auch wenn du Abraham, David, Petrus oder Paulus wärst. Damit aber dass er spricht: der letzte soll der erste sein, verwehrt er dir alle Verzweiflung und gebietet dir, dass du dich unter keinen Heiligen stellst, auch wenn du Pilatus, Herodes und Sodom und Gomorrha wärst.  Denn gleichwie wir keine Ursache haben, uns zu vermessen, so haben wir auch keine Ursache, zu verzweifeln. Durch dies Evangelium wird die Mittelstraße befestigt und bewahrt, dass man nicht nach dem Pfennig sehe, sondern auf die Güte des Hausvaters, welche gleich und von einerlei Art ist über Hohe und Niedrige, über die ersten und die letzten, über Heilige und über Sünder. Und keiner kann sich derselben mehr rühmen oder trösten oder vermessen als der andre.“
(D Martin Luthers Evangelien-Auslegung, Zweiter Teil, Das Matthäus Evangelium (Kap. 3 - 25), S. 681 ff.)


Gott ruft uns durch dieses Gleichnis in seine Nachfolge. Es ist unsere Entscheidung, wie wir darauf reagieren. Für die Tagelöhner war es die Möglichkeit zum Überleben. Und auch wir wissen, nur in Jesus ist das Leben.

Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge. (Joh. 10,10 LUT2017) 


Und Gott ist es, der es uns zuspricht, unabhängig von jeglicher Vorgeschichte. Egal, ob wir unser Leben lang gefrömmelt haben oder überall reingetappt sind, wo es nur geht. Wir dürfen durch Jesus Teil haben am Himmelreich Gottes.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

AMEN.

Sonntag, 11. November 2012

Predigt von Norbert Wohlrab (11.11.12)

Das Gleichnis von der dreifachen Tür und vom guten Hirten (Joh. 10, 1-18)

1. Einleitung

Ich möchte zu Euch heute über ein Gleichnis sprechen, dass wir alle kennen: ich nenne es mal das Gleichnis von der dreifachen Tür. Ihr kennt es ganz bestimmt, nur vielleicht nicht unter diesem Namen. Bevor wir es aber zusammen lesen, möchte ich kurz auf den Kontext eingehen, in dem Jesus dieses Gleichnis erzählt.

Es ist die Zeit des Laubhüttenfests. Jesus ist in Jerusalem und lehrt. Hierbei kommt es zu einer Reihe von Konflikten und Auseinandersetzungen mit den Pharisäern und Schriftgelehrten (z.B. bei der Ehebrecherin, die gesteinigt werden sollte und der Heilung des Blindgeborenen). Dabei überführt Jesus seine Kritiker ihrer falschen Frömmigkeit. Er deckt auf, wo sie das Gesetz in ihrem eigenen Interesse beugen und zeigt, wo die Traditionen der Mischna (Auslegungen zum Gesetz des Mose und weiterführende Gesetze) sich von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes entfernt hatten. Als Folge dieser Konflikte wird Jesus von ihnen abgelehnt. Sie treffen Aussagen, wie: „Du hast einen Dämon.“ (V. 49) und versuchen ihn zu töten (V. 59).

Jesus trifft dann Aussagen über sie wie: „Ihr kennt weder mich noch meinen Vater; wenn ihr mich gekannt hättet, so würdet ihr auch meinen Vater gekannt haben“ (Joh. 8,19 Rev. Elb.), „Ihr sucht mich zu töten, weil mein Wort nicht Raum in euch findet“ (V. 37b) oder „Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun.“ (V. 44a)

Gleichzeitig stellt Jesus ganz klar heraus, dass er der gesandte Messias ist: „ich bin nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat“ (V. 16b), „der Vater, der mich gesandt hat, zeugt von mir“ (V. 18b), „ich bin von dem, was oben ist“ (V. 23a), „Wenn ihr nicht glauben werdet, dass ich es bin, so werdet ihr in euren Sünden sterben“ (V. 24b), „mein Vater ist es...von dem ihr sagt: Er ist unser Gott.“ (V. 54) „Abraham, euer Vater, frohlockte, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich...Ehe Abraham war, bin ich.“ (V. 56.58b)

Zusätzlich zu seine Worten, tat er noch ein Wunder, dass nach der jüdischen Überlieferung nur der Messias tun konnte und noch nie geschehen ist in Israel (Joh. 9,32): er heilte einen Blindgeborenen (und dann auch noch am Sabbat und mit Brei, was nach der Mischna strengstens verboten war.)

Obwohl Jesus also klare Worte sprach und entsprechende Werke tat, wurde er von ihnen abgelehnt. In diesen Zusammenhang spricht er nun das Gleichnis von den drei Türen, uns eher bekannt als Gleichnis vom guten Hirten, wobei der Hirte eigentlich in diesem Gleichnis nur ein Teilaspekt ist. Ich möchte es jetzt Vers für Vers mit Euch lesen (Joh. 10 Rev. Elb.).


2. Das Gleichnis von den drei Türen

Jesus beginnt mit:

„1 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:“

Wenn Jesus so beginnt, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Es ist wie ein Schwur, wie eine Tatsachenbekundung, die von Ewigkeit zu Ewigkeit gilt.

„Wer nicht durch die Tür in den Hof der Schafe hineingeht, sondern anderswo hinübersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.“

Hier müssen wir wissen, dass die Schafe nachts in eine Art Hof geführt wurden. In eine sog. Schafhürde. Dies war ein ummauerter Weideplatz, in dem sie nachts geschützt sein sollten. Zu diesen Weideplatz gab es einen Eingang, der mit einem Gatter oder einer Tür versehen war.
Wenn jmd. unlautere Absichten hatte, z.B. Schafe stehlen wollte, der musste über die Mauer in diese Hürde einsteigen. Der Hirte dagegen kommt durch die Tür.

„2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist Hirte der Schafe.“ 


Hier haben wir jetzt die erste Tür. Durch diese Tür kommt Jesus zu seinen Schafen.
Sie wird als die Tür der Schriften bezeichnet. Viele Schriftstellen des Alten Testaments weisen auf Jesus hin: er ist der Nachkomme Davids, die verheißene Jungfrauengeburt, Bethlehem als Geburtsort usw.
Das ganze Volk Israel wartete auf den Messias. Es war fokussiert durch die verschiedenen Prophetien. Es richtete seinen Blick auf die Türöffnung und wartete auf den angekündigten Hirten über den es heißt:

„Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte, die Lämmer wird er in seinen Arm nehmen und in seinem Gewandbausch tragen, die säugenden Muttertiere wird er fürsorglich leiten.“ (Jes. 40, 11 Rev. Elb.)

Weil Jesus, der angekündigte Hirte ist, öffnet ihm der Türhüter.

„3 Diesem öffnet der Türhüter, und die Schafe hören seine Stimme, und er ruft die eigenen Schafe mit Namen und führt sie heraus.“

Wer ist nun der Türhüter? Ich denke Gott selbst ist der Türhüter. Er öffnet den Zugang zu seinen Schafen, zum Volk Israel nur für den von ihm gesandten Sohn und Retter.
Wie öffnet er die Tür? Ich denke, in dem er die alttestamentlichen Prophetien bestätigt und Jesus als den versprochenen Retter ankündigen lässt. Durch die Engel bei Maria und bei den Hirten, durch die Magier aus dem Osten, durch Simon im Tempel, durch Johannes dem Täufer, durch die Zusage bei der Taufe Jesus: „Du bist mein geliebter Sohn!“ So wird er angekündigt, so wird die Tür zum Volk Gottes geöffnet.

Nun tritt er ein und ruft seine Schafe mit Namen. „Simon und Andreas, kommt mir nach!“, „Matthäus, folge mir nach!“, „Zachäus, steig herab!“

In so einer Schafhürde waren nachts die Schafe von mehreren Herden untergebracht. Die Schafe haben sich natürlich dann im Laufe der Nacht munter gemischt. Absolutes Chaos. Aber die Schafe kennen die Stimme ihres Hirten und so können die Hirten jeden Morgen ihre Schafe wieder separieren und aus der Hürde hinaus führen, so dass wieder Ordnung in das Durcheinander kommt und jedes Schaf wieder beim richtigen Hirten landet.

Die Pharisäer und Schriftgelehrten waren zwar auch Schafe, weil sie zum Volk Israel gehörten, aber sie ließen sich nicht von ihm herausrufen. (Sie gehörten bildlich gesprochen zu denn 99 Schafen in der Wüste, die nicht Buße taten, wie wir in einem anderen Gleichnis lesen können. Man kann das Gleichnis von dem verlorenen Schaf nämlich auch so interpretieren.)

Von Spurgeon wird berichtet, dass er alle 6000 Mitglieder seiner Gemeinde mit Namen kannte. Nur wenn neue Ehen geschlossen wurden, ist er manchmal durcheinander gekommen.
Jesus kennt jedes seiner Millionen Schafe mit Namen. Er rief Zachäus schon mit Namen, bevor dieser ihn persönlich kennen gelernt hat. Ja, Zachäus wusste selbst noch nicht mal, dass er in Kürze zur Gemeinde Gottes gehören wird.

D.h. er weiß nicht nur, wie wir heißen, er kennt uns durch und durch. Er kennt unsere Persönlichkeit, unsere Stärken und Schwächen, unser Wünsche und Träume, unsere Schrullen, unseren ganzen Charakter und unser bußfertiges Herz.
Das soll uns keine Angst machen, das ist keine Ermahnung, sondern wir können dadurch wissen, dass wir ihn grenzenlos vertrauen können.

„4 Wenn er die eigenen Schafe alle herausgebracht hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen.“

Das beschreibt hier zuerst mal den Prozess der Nachfolge, aber noch viel mehr.
Woraus führt er die Schafe eigentlich? Er führt sie heraus aus der Ummauerung des Gesetzes. Das Gesetz zeigt die Sünde auf. Es tötet (2. Kor. 3,6). Es bringt keine Freiheit. Hinzu kommen noch die Lasten der Mischna. Jesus wirft den Schriftgelehrten an anderer Stelle vor, dass sie dem Volk harte Lasten aufladen (Lk. 11,46). Seine Last dagegen ist leicht (Mt. 11,30). Er führt in die Freiheit:

„Die Wahrheit wird euch frei machen...Wenn nun der Sohn euch frei machen wird, so werdet ihr wirklich frei sein.“ (Joh. 8,32.36 Rev. Elb.)

Diese Freiheit konnte nur der Sohn Gottes erwirken. Kein Israelit konnte sie selbst erwirken. Kein Schaf konnte in Eigenregie durch das Tor die Hürde verlassen.

Gleichzeitig wendet er sich durch diesen Auszug von denen ab, die ihm nicht folgen wollen. Nicht nur von denen, die ihn angegriffen haben, sondern von der ganzen Umzäunung des Gesetzes. Der Weg der Gnade und der Weg des Gesetzes sind nicht kompatibel.

Hier wird die zweite Tür (oder die zweite Funktion der Tür) deutlich. Durch die erste Tür kam Jesus hinein, durch die zweite Tür führt er die heraus, die ihm nachfolgen wollen und auf seinen Ruf antworten. Es ist die Tür der Schafe (V. 7).

Dann geht der Hirte vor ihnen her. Schafe hüten im Orient erfolgt nach anderen Vorgehensweisen, als in Europa. Bei uns werden die Schafe meist durch den Hirtenhund getrieben, im Nahen Osten werden sie durch die Stimme des Hirten gelockt.
Hier zeigt sich, dass der Weg des Schafes ein Weg in der vertrauten Beziehung mit seinem Herrn ist. Es ist kein eigenmächtiger Weg, sondern ein Weg ihm nach.

John Stott erzählt, wie er einmal eine Reise in den Nahen Osten unternahm. Er saß mit einer Gruppe im Bus. Der arabische Touristenführer berichtete von den unterschiedlichen Führungsmethoden der Hirten im Westen und im Osten. Während er den Touristen wissen ließ, dass in seiner Gegend die Hirten ihrer Herde vorangehen und die Schafe seiner Stimme folgen, schaute ein Teilnehmer aus dem Busfenster und sah genau das Gegenteil. Er sah, wie ein Mann mit einem Stock in der Hand eine Schafherde vor sich hertrieb. Der Tourist meldete sich und wies auf die Situation auf der anderen Straßenseite hin. Der Touristenführer ließ den Bus anhalten und lief über die Straße, um den Mann mit dem Stock in der Hand zu befragen. Dann kam er mit einem Strahlen auf dem Gesicht zurück und sagte: „Das war nicht der Hirte. Das war der Schlachter!“ (aus Quelle: Gemeinde- und Missionswerk Arche e.V., Christian Wegert, „Ich bin der gute Hirte“, 04.12.11)

„5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen...

7 Jesus sprach nun wieder zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür der Schafe. 8 Alle, die vor mir gekommen sind, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe hörten nicht auf sie.“

In Großbritannien gibt es sportliche Wettbewerbe, bei denen man fremde Schafherden weiden muss. Die größte Herausforderung dabei ist es die fremden Schafe ohne Hilfsmittel erst einmal aus dem Pferch herauszubekommen.

Vor Jesus gab es mehrere falsche Propheten, die sich als Messias ausgegeben hatten. Aber sie hatten keinen Bestand. Auch die Pharisäer sind solche Diebe und Räuber. Ihr Interesse war es sich selbst zu weiden.

„Und das Wort des HERRN geschah zu mir so: Menschensohn, weissage über die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen, den Hirten: So spricht der Herr, HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Die Milch genießt ihr, und mit der Wolle kleidet ihr euch, das fette Vieh schlachtet ihr - die Herde weidet ihr nicht. Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt und das Kranke nicht geheilt und das Gebrochene nicht verbunden und das Versprengte nicht zurückgebracht und das Verlorene nicht gesucht, sondern mit Härte habt ihr über sie geherrscht und mit Gewalt.“ (Hes. 34, 1-4 Rev. Elb.)

Wir kommen jetzt zur dritten Tür: der Tür der Errettung!

„9 Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, so wird er gerettet werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.“
Jesus selbst ist diese Tür. Er ist die Tür der Errettung! Hier weitet sich das Bild nochmals. Waren es bei der Tür der Schafe, diejenigen, die er berufen hat und durch die Tür gingen, gilt dieses Angebot jetzt allen. Einem jeden der durch ihn eingeht! Jesus spricht hier von einem einmaligen Eingehen, einer einmaligen Handlung, dem einmaligen Eintreten in die Gemeinschaft der Schafe (Konjunktiv Aorist!).
Er ist der Weg! Er ist die Tür! Und nur er! Kein spirituelles Erlebnis hat irgendeine errettende Bedeutung, wenn es nicht Jesus-zentriert ist, wenn es nicht auf Jesus weist, man kann sagen, wenn man dabei nicht durch Jesus geht!

Vielleicht wird man die gegenwärtigen Jahrzehnte mal rückwirkend als die spirituell-esoterische Epoche bezeichnen. Und tatsächlich sind auch manche Menschen offen für Gott. Aber das Erleben von geistlichen Erfahrungen lässt sie noch keine Christus-Nachfolger werden. Sie müssen erst Jesus erkennen und durch ihn eingehen! Nur in ihm ist das Heil (Apg. 4,12).

Etwas schwer zu verstehen, ist hier „ein- und ausgehen und Weide finden.“ Ich vermute hier ein Bild für die christliche Freiheit und nicht für ein wechselhaftes zu-Gott-hinwenden und von-Gott-abwenden.
Die Juden waren eingesperrt, sie waren verwahrt im Gesetz. Sie hatten zwar Sicherheit, aber die eines Gefängnisses. Sie hatten keinen Zugang zu Gott, der Weg ins Allerheiligste war verwehrt.

„Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt, eingeschlossen auf den Glauben hin, der offenbart werden sollte.“ (Gal. 3,23 Rev. Elb.) 


Nun war es möglich sich frei zu bewegen. Der Weg zum Vater wird möglich. Auch der Weg zu den Heiden wird später möglich.

Während im Alten Bund unter geistlicher Nahrung v.a. das Meditieren über dem Gesetz zu verstehen ist, ist nun Jesus selbst diese Nahrung. Er ist das Brot. Er gibt die Weide. In ihm wird das Wort Gottes lebendig, durch seine Gegenwart wird Kraft gespendet. Er versorgt auch mit Weideland in Ewigkeit, mit Wohnraum in Ewigkeit, mit ewigem Leben.

„10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu schlachten und zu verderben. Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Überfluss haben.“

Das Interesse der falschen Hirten habe ich vorhin bereits erwähnt. Jesus stellt jetzt hierzu im Gegensatz noch einmal dar, was er bringt: Leben! Erfülltes Leben, Leben im Überfluss, volle Genüge (Luther), in ganzer Fülle (NGÜ), alles reichlich dazu (Neue evangelistische Übersetzung).

Dies ist ein Vers, der gerne falsch verstanden und fehl interpretiert wird. Jesus redet hier nicht davon, dass uns ein Leben verheißen wird, in dem man alles bekommt, was man sich so wünscht. Nicht von einem Leben im Schlaraffenland, von einem Leben in Hülle und Fülle und auch nicht in Saus und Braus (so wie Gun´s´Roses es in einem moralisch eher zweifelhaften Rocksong postulieren „Take me down to the paradise city, where the grass is green and the girls are pretty“). Jesus redet hier nämlich nicht vom bios (vom körperlichen Leben) und nicht vom psychos (vom seelischen Leben), sondern von zoe (vom geistlichen Leben).

Dieses geistliche Leben, das er schenkt ist ein überfließendes Leben, denn es gibt Gnade ohne Ende, ohne Abwinken, all you can eat!

„Denn aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade.“ (Joh. 1,16 Rev. Elb.)

Die Fülle die darin steckt ist überfließende Gnade. Sie fließt vom Thron Gottes und fließt und fließt und fließt....und wenn wir schon gestorben sind, dann fließt sie immer noch weiter. Diese Gnade kannten sie nicht im Alten Bund, dieses Leben kannten sie nicht, dies wurde erst möglich durch den Tod Jesu.

Vielleicht kann man den Begriff auch noch weiter fassen. Jeder von uns, der den persönlichen Ruf Jesu in seinem Leben gehört hat, brauchte sich nie wieder Gedanken darüber machen, wo er her kommt und wo er hin geht. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist für alle Zeiten gestillt. Es gibt keine Suche mehr, die mich antreibt. Ich hab´s gefunden! Das Vakuum ist ausgefüllt, das Loch in meiner Seele gestopft. Zumindest in dieser existenziellen Fragestellung. Manch andere kleine Löcher haben wir schon noch, so wie in Socken manchmal unverständlicherweise Löcher auftreten.

Auch der Heilige Geist, der uns gegeben ist, würde in dieses Bild passen. Die Früchte des Geistes, die Früchte der Liebe, die aus uns heraus wachsen. Aber das würde heute den Rahmen dieser Predigt sprengen.


3. Das Bild vom guten Hirten

Jetzt endlich kommt der Vers, den wir doch alle so lieben, bei dem es uns wohl ums Herz wird.

„11 Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“

Der Beruf des Hirten war jetzt nicht wirklich ein Job, dem man großen Respekt zollte. Man wollte vielleicht auch nicht unbedingt mit Schafen vergleichen werden. Aber Gott wählte diese Bilder bereits im Alten Bund. Vielleicht weil sie so klar und unmissverständlich sind.

Jesus hat kein Problem sich mit diesem Berufsstand zu identifizieren. Er hatte nie ein Problem damit bei den Entrechteten und den am Rande stehenden Glieder der Gesellschaft zu sein.

Er lässt sein Leben, nicht aus Zwang, sondern aus freien Stücken. Nicht einfach so allgemein und universell, sondern für die Schafe. Für die Schafe, die er mit Namen kennt, ganz persönlich.

„12 Wer Lohnarbeiter und nicht Hirte ist, wer die Schafe nicht zu eigen hat, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht - und der Wolf raubt und zerstreut sie -, 

13 weil er ein Lohnarbeiter ist und sich um die Schafe nicht kümmert.“

Hier wird das Problem aller Arbeitgeber beschrieben: der Lohnarbeiter hat nur eine begrenzte Motivation. Wenn es ans Leben geht, dann steckt er lieber zurück. Der Eigentümer der Herde dagegen kämpft für seine Schafe. Hier ist kein moralischer Unterton, sondern es wird einfach ein gegebener Sachverhalt beschrieben.

Der Wolf ist ein Bild für den Teufel. Er raubt einzelne Schafe und zerstreut die Herde.
Wie viel Zerstreuung in der heutigen Gemeindelandschaft ist doch durch das „Durcheinanderwirbeln“ des Wolfes entstanden? Nicht das ich meine es dürfte nur eine Gemeinde am Ort geben. Zur Zeit der Urchristen gab es z. T. auch mehrere Versammlungen am Ort, anders war es logistisch gar nicht möglich. Und nicht jeder wird sich in der Anonymität einer großen Gemeinde wohl fühlen. Aber manche Separation, die wir heute erleben, ist auf diese Weise entstanden.

„14 Ich bin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich,
15 wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne; und ich lasse mein Leben für die Schafe.“
 


Hier wird noch mal bestätigt, was ich bereits vermutet habe. Er kennt nicht nur unsere Namen, er kennt uns selbst. Nicht weil er uns bespitzelt, sondern weil er uns liebt, so wie eine Mutter ihr Kind liebt. Der Hirte kennt die Schafe von Anfang an und er begleitet sie bis zum Tod.

„16 Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hof sind; auch diese muss ich bringen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde, ein Hirte sein.“

Hier ist jetzt von den Heidenchristen die Rede. Auch sie, also auch wir, die wir nicht aus diesem Hof sind, die nicht zum Volk Israel gehören, dürfen zum Vater kommen. Und nun sind wir eine große Herde: Heidenchristen und Judenchristen. 


„17 Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, um es wiederzunehmen. 
18 Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen.“ 

Jesus hat sein Leben gegeben. Er ist nicht an den Folgen der Kreuzigung gestorben, sondern er hat es aus freien Stücken Gott hingegeben. Und er hat es selbst wieder genommen, da er über den Tod gesiegt hat.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis. Das erfüllte Leben, das Jesus uns verheißt ist nur möglich durch das Leben, das er gibt. Er gibt ewiges Leben und niemand geht verloren in Ewigkeit (V. 28).


4. Abschluss

Diese Worte Jesu, diese Auseinandersetzung mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, dieses Gleichnis, sein Tod am Kreuz sind ja jetzt schon an die 2000 Jahre her. Und auch wenn wir nicht so alt sind, haben wir doch etliche Jahrzehnte des Lebens im Glauben an Jesus hinter uns. Und so ist manches einfach selbstverständlich geworden: die Gnade Gottes, das Leben das er gibt. Und mit den Jahren hat sich dann so manche Patina oder mancher Rost angesetzt. Bei Dekorationsartikeln hat dies ja oft einen besonderen Charme, aber im Prozess der Nachfolge ist es nicht unbedingt zweckmäßig, wenn der Eifer, die Freude, die Hingabe auf der langen Wegstrecke verloren geht.

Mein Gebet für mich persönlich und für uns als Gemeinschaft ist es, dass wir immer wieder neu überwältigt werden von einer Begeisterung für unseren Hirten.

AMEN.