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Samstag, 7. Februar 2026

Predigt von Norbert Wohlrab (06.02.2026)

Werbeclip - The Guardian: Point Of View (1986)

Audio

 

Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig oder den richtigen Blickwinkel haben


1. Einleitung

Dieser prämierte Werbeclip von 1986 zeigt in nur weniger als 30 Sekunden, wie wichtig es ist, den richtigen Blickwinkel bzw. den richtigen Standpunkt (Point of View) zu haben, um ein Geschehen objektiv beurteilen zu können. 
Ist es ein Skinhead, der einen Geschäftsmann attackiert oder ein Skinhead, der das Leben eines Geschäftsmannes rettet?

Den richtigen Blickwinkel zu haben, ist heute genauso aktuell wie damals und wird es wohl immer auch bleiben. In der Gesellschaft, in der Politik, im Arbeitsalltag und auch in der Gemeinde. Nur allzu leicht kommen wir in Situationen, wo wir ein Geschehen oder das Verhalten anderer Menschen beurteilen, sogar verurteilen, ohne ausreichend Informationen haben, ohne ausreichend Zusammenhänge zu kennen oder ohne uns ausreichend in die anderen hineinversetzt zu haben. 

Aber auch im Umgang mit der Bibel ist es wichtig, den richtigen Blickwinkel oder die richtige Haltung einzunehmen. Ich kann mit der Bibel Menschen erschlagen oder ich kann mit ihr Menschen erhöhen, ihnen Gutes tun, sie segnen. 

Im Laufe der Jahrhunderte wurden immer wieder Menschen im Namen der Heiligen Schrift oder im Namen Gottes getötet, verbrannt, gesteinigt, gefoltert, eingekerkert und auch heute werden Menschen noch ausgegrenzt, abgelehnt oder stigmatisiert. Auch Jesus wurde im Namen der Schrift getötet.

Ich möchte heute mit Euch drei Stellen aus dem NT anschauen, in denen ein Perspektivenwechsel weitreichende Folgen gehabt hat. 


2. Der Buchstabe tötet

Zunächst jedoch ein paar Verse aus dem 2. Korintherbrief, die auch von einen Perspektivenwechsel sprechen.

„6 Nur durch ihn können wir die rettende Botschaft verkünden, den neuen Bund, den Gott mit uns Menschen geschlossen hat. Dieser Bund ist nicht mehr vom geschriebenen Gesetz bestimmt, sondern von Gottes Geist. Denn der Buchstabe des Gesetzes tötet, Gottes Geist aber schenkt Leben.
7 Schon der Dienst im alten Bund, der auf dem in Stein gemeißelten Gesetz beruhte und den Menschen den Tod brachte, ließ etwas von Gottes Herrlichkeit erkennen. Nachdem Gott Mose das Gesetz gegeben hatte, lag da nicht ein Glanz auf Moses Gesicht – so stark, dass die Israeliten es nicht ertragen konnten? Dabei war es doch ein Glanz, der wieder verblasste!
8 Wie viel herrlicher muss es dann sein, Gott im neuen Bund zu dienen und die rettende Botschaft von Christus zu verkünden! Denn dieser Dienst führt Menschen durch Gottes Geist zum Leben.
9 Wenn schon der Auftrag, der den Menschen die Verurteilung brachte, so sichtbar Gottes Herrlichkeit ausstrahlte, wie viel herrlicher ist dann der Auftrag, durch den die Menschen von ihrer Schuld vor Gott freigesprochen werden!
10 Ja, was damals herrlich erschien, verblasst völlig vor der überwältigenden Herrlichkeit unseres Auftrags.
11 Wenn schon die alte Ordnung, die doch nur für eine bestimmte Zeit galt, Gottes Herrlichkeit erstrahlen ließ, um wie viel mehr wird sich Gottes Herrlichkeit durch die neue Ordnung offenbaren, die ewig gilt!“ (2. Kor. 3, 6-11 HfA)


Hier wird vom Wechsel vom Alten zum Neuen Bund gesprochen, von einer alten zu einer neuen Ordnung, von Vergänglichkeit zu Herrlichkeit, von Tod zum Leben.

„Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.“ (2. Kor. 3,6b ELB)

Oder in einer dritten Übersetzung:

„Denn das Gesetz bringt den Tod, aber der Geist ´Gottes` macht lebendig.“ (NGÜ)

Das Gesetz des alten Bundes bringt nichts anderes als den Tod, aber der neue Bund, der auf Gnade basiert, bringt Leben durch den Geist Gottes. Das ist ein gewaltiger Perspektivenwechsel. Vom Tod zum Leben. 

Jesus sagt: „Ich aber bin gekommen, um ihnen Leben zu bringen – Leben in ganzer Fülle.“ (Joh. 10,10b NGÜ)


3. Beispiel 1: Jesus und die Ehebrecherin

Meine erste Stelle für einen Perspektivenwechsel. Eine ganz bekannte Geschichte.

„3 Da schleppten die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau heran, die beim Ehebruch überrascht worden war. Sie stellten sie in die Mitte, wo sie von allen gesehen werden konnte,
4 und sagten zu Jesus: »Lehrer, diese Frau wurde auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt.
5 Im Gesetz hat Mose uns befohlen, eine solche Frau zu steinigen. Was meinst du dazu?«
6 Sie fragten dies, um Jesus auf die Probe zu stellen und ihn dann anklagen zu können. Aber Jesus bückte sich nur und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7 Als sie nicht lockerließen, richtete er sich auf und sagte: »Wer von euch noch nie gesündigt hat, soll den ersten Stein auf sie werfen!«
8 Dann bückte er sich wieder und schrieb weiter auf die Erde.
9 Als die Ankläger das hörten, gingen sie einer nach dem anderen davon – die älteren zuerst. Schließlich war Jesus mit der Frau allein. Sie stand immer noch an der gleichen Stelle.
10 Da richtete er sich erneut auf und fragte sie: »Wo sind jetzt deine Ankläger? Hat dich denn keiner verurteilt?«
11 »Nein, Herr«, antwortete sie. »Ich verurteile dich auch nicht«, entgegnete ihr Jesus. »Du kannst gehen, aber sündige nun nicht mehr!« (Joh. 8, 3-9 HfA)


Ich finde diese Begebenheit unheimlich spannend. 

Was ist geschehen? Eine Frau begeht Ehebruch und wird erwischt. Vermutlich war auch ein Mann dabei, aber der ist wohl entkommen. Männer sind meistens etwas schneller beim Weglaufen.

Die Schriftgelehrten und Pharisäer, die die sich also ganz genau mit dem Gesetz auskennen, die es ganz genau nehmen, schleppen die Frau heran und wollen Jesus in Versuchung bringen. Wie wird er handeln? Wird er sich gegen das Gesetz stellen? 

Zunächst einmal ist festzustellen. Die Schriftgelehrten sind im Recht. Das Gesetz sagt:

„Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, hat den Tod verdient, der Ehebrecher und die Ehebrecherin.“ (3. Mose 20,10 EÜ)

Es muss sich hier also um eine verheiratete Frau gehandelt haben. Nur so konnte sie ja ihre Ehe brechen. Die Frau hatte also den Tod verdient. 

Ich vermute mal, dass es ihnen hier gar nicht darum ging den Auftrag des Gesetzes zu befolgen. Die Historiker sagen, dass derartige Steinigungen wohl nicht so häufig praktiziert wurden. Außerdem waren Steinigungen wegen Ehebruchs nach römischen Recht gar nicht zulässig. Ich denke, es ging ihnen vor allem darum Jesus aufs Glatteis zu führen. Sie wollten erreichen, dass er sich gegen das Gesetz stellt. Dazu war dies eine wunderbare Gelegenheit. Da war ihnen das schwache Geschlecht gerade recht. 

Jesus war nun in einem Dilemma. Das ist eine spannende Situation. Denn die Gesetzesgelehrten hatten ja recht: Das Gesetz forderte den Tod. Und Jesus musste sich an das Gesetz halten. Er durfte es nicht einfach übergehen. 

Im Galaterbrief lesen wir:

„als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, geboren unter dem Gesetz, damit er die loskaufte, die unter dem Gesetz waren, damit wir die Sohnschaft empfingen.“ (Gal. 4, 4.5 Rev. Elb.)

Jesus Christus kam, lebte und wirkte unter den Vorgaben des Gesetzes Mose um die zu befreien, die unter dem Gesetz lebten, also das Volk Israel. Das war sein Auftrag. Das waren seine Rahmenbedingungen. 
Er befolgte vollständig das Gesetz - und sogar mehr als das - um vollkommen ohne Sünde, ohne jegliche Verfehlung ans Kreuz gehen zu können. Und d.h., dass auch seine Reden mit dem Gesetz übereinstimmen mussten. 

Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass in unserer Bibel der Neue Bund nicht mit dem Beginn des Neuen Testaments, also nicht mit Matthäus 1, sondern mit Matthäus 27, nicht mit Bethlehem, sondern mit Golgatha beginnt. 
Alles was Jesus lehrte, musste immer konform zum Gesetz sein. Er konnte auf die wahre Bedeutung hinweisen, aber er durfte ihm nicht widersprechen. Gegen was er sich aber oft wehrte, war die Auslegungspraxis der Pharisäer. 

Ursprünglich hatten diese nach der babylonischen Gefangenschaft die Zielsetzung, dass das Wort Gottes bewahrt und nicht vergessen wird, damit das Volk Israel nicht erneut heimgesucht und verschleppt wird. So sind die Synaxogengottesdienste und das Rabbinertum entstanden. Aber in ihrem Streben das Wort Gottes zu bewahren, sind sie immer mehr entartet. In ihrem Bestreben Sünde zu vermeiden, haben sie den Menschen mehr und mehr Lasten aufgelegt, die diese nicht mehr tragen konnten. 

Sie haben Netze um das Gesetz gestrickt. Netzte voller zusätzlicher Regeln, die dazu dienen sollten, das Gesetz nicht zu brechen und diese Netze wurden nach und nach so engmaschig, bis sie keine Netze mehr waren.

„Er aber sprach: Wehe auch euch Gesetzesgelehrten! Denn ihr ladet den Menschen unerträgliche Bürden auf, und ihr selbst rührt die Bürden nicht mit einem Finger an.“ (Lk. 11,46 SLT)

Oder an anderer Stelle sagt er zu Ihnen:

„Ihr blinden Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt!“ (Mt. 23,24 LUT)

Ihr Streben nach Gerechtigkeit ist entartet. Sie sind zu hartherzigen Paragraphenreitern geworden. Das Netz ist wichtiger geworden, als das Gebot selbst.

Zurück zum Geschehen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Jesus hier in einem Dialog mit seinem Vater im Himmel war, um übernatürliche Weisheit zu empfangen, wie er in dieser Situation das richtige tun konnte.

Und dann kommt diese geniale Antwort: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ So hält er sich an die Norm des Gesetzes, aber wechselt gleichzeitig die Perspektive.

Und nichts passiert. Kein Stein fliegt. Alle gehen. Denn sie wissen, dass auch sie schon schuldig geworden sind. Niemand ist ohne Schuld. 
Die ältesten gehen zuerst. Je mehr Leben, desto mehr Schuld. Ganz einfache Rechnung. Keiner bleibt zurück. Jesus überführt sie mit nur einem Satz. Er spricht mit einem Satz mitten in ihr Herz. Und das ganz ohne ein Bibelwort. Aber es ist ein geistgehauchtes Wort. 

Die Vertreter des Gesetzes verzichten auf die Vollstreckung ihres Urteils, so kann auch Jesus sie frei sprechen.

Diese Begebenheit verdeutlicht eine darüber stehende Wahrheit: alle sind schuldig, alle haben gesündigt. Der Blickwinkel wechselt von dem Blick der Schuld der einen Person, auf den Blick der Schuld aller.

Das Gesetz sagt: Töten. Aber es gibt einen Ausweg: Barmherzigkeit. Das ist eine neue Perspektive. Die Perspektive Gottes. 



4. Beispiel 2: Der barmherzige Samariter

Eine weitere Stelle, in der Jesus gesetzeskonformes Verhalten einem barmherzigen Handeln gegenüberstellt, ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Was ist das Rahmengeschehen?

„ Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben! Der Gesetzeslehrer wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?“ (Lk. 10, 25-29 EÜ)

Wir haben also wieder eine ähnliche Situation. Wieder will man Jesus dazu bringen, dass er sich irgendwie gegen das Gesetz positioniert. Aber Jesus lässt sich nicht reinlegen. Er antwortet in der Art und Weise, wie jüdische Schriftgelehrte diskutieren, auf eine Frage kommt eine Gegenfrage. Und der Schriftgelehrte fasst das Gesetz zusammen. Er gibt die formal richtige Antwort. Jesus sagt an anderer Stelle selbst, dass an diesen beiden Geboten, das Gesetz und die Propheten hängen (Mt. 22,40): 
Gott lieben mit ganzer Kraft, ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzen Denken. Und den Nächsten. 
Ganz, ganz, ganz, ganz. 
Leisten, leisten, leisten, leisten.
Gesetz, Gesetz, Gesetz, Gesetz.
Und Jesus sagt: Genau, tu das. Tu dies beständig, tu dies ununterbrochen, tu dies immer während und du wirst leben.

Wir Christen müssen uns hier wieder bewusst machen, es geht ums Gesetz. Das ist keine Aufgabenstellung für das Leben eines Christen. Niemand kann das. Der Kerkermeister von Philippi bekommt auf die Frage: „Was muss ich tun um gerettet zu werden?“, die Antwort des neuen Bundes: „Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst gerettet werden“ (Apg. 16,30.31). Nicht ganz, ganz, ganz, ganz, leisten, leisten, leisten, leisten, sondern einfach glauben!
 
Zurück zum Schriftgelehrten. Und eben nicht nur Gott, sondern auch den Nächsten lieben. Wer könnte das denn sein? Das Familienmitglied, der Freund, vielleicht noch maximal der Nachbar, aber dann ist Schluss. Sonst wird es nichts mit dem ewigen Leben. 

Und dann kommt das uns bekannte Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Dort lesen wir, dass ein Priester und ein Levit an dem Überfallenen vorbeigehen, ohne ihn zu helfen. Sie gingen sogar an der gegenüberliegenden Seite vorüber. Das ist interessant. 

Nun muss man wissen, dass der Kontakt mit Toten sie verunreinigt hätte. Der Levit wäre mindestens vorübergehend, der Priester - soweit ich das verstanden habe - wohl dauerhaft nicht mehr zum Tempeldienst befähigt gewesen (3. Mose 21, 1-4; 4. Mose 19,11). Nach damaligen Verständnis hätte es schon gereicht, wenn nur der eigene Schatten auf den Toten gefallen wäre. Daher das Wechseln der Straßenseite. Sie können gar nicht überprüfen, ob er noch lebt. Schnell den Schatten einziehen und weiter. Sie haben also alles richtig gemacht um auf keinen Fall eine Gesetzesübertretung zu begehen. Aber war es auch das richtige? Hatten sie die richtigen Perspektive?

Nun kommt ein Samariter daher. Also ein Bewohner Samariens. Die Zuhörer haben wohl erwartet, dass Jesus nun als drittes - nach dem Priester und dem Leviten - einen frommen Israeliten aufmarschieren lässt. Aber einen Samariter? Die Samariter wurden von den Juden abgelehnt. Nicht mal das Wort haben sie in den Mund genommen. „Der barmherzig gehandelt hat“, sagt der Schriftgelehrte. Das waren Mischgläubige. Ein bisschen jüdisch, ein bisschen okkult, auf jeden Fall Götzenanbeter. Das Produkt von der Vermischung der Bevölkerung während der babylonischen Gefangenschaft, Völlig inakzeptabel. So einen nimmt Jesus hier als Beispiel für Barmherzigkeit. Ein Affront. 

Wer wäre es heute? Der Clubberer oder noch schlimmer der Bayern-Fan? Der Muslim? Der Palästinenser? Der Homosexuelle? Der Diverse?

Jesus verdeutlicht hier der Ausgestoßene, der Abgelehnte, handelt nicht um ein Gesetz zu erfüllen. Sondern er handelt aus Liebe. Aus Erbarmen. 
Jesus lässt hier mehrmals die Blickwinkel wechseln. Von der Frage: Wer ist mein Nächster zu: Wem bin ich der Nächste? Vom Blickwinkel des Gesetzes zum Blickwinkel der Barmherzigkeit und der Liebe.

„So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“ (Röm. 13,10b LUT) 

schreibt Paulus.


5. Beispiel 3: Der erste Apostelkonzil

Ein letztes Beispiel. Ihr habt neulich eine Predigt gehört von Thomas Zuhr über die Begebenheiten in Apostelgeschichte 10. Dort wird beschrieben, wie Petrus Visionen bekommt, lauter vom Gesetz verbotene Speisen zu essen, weil Gott sie rein gemacht hat. Und er darauf verbotenerweise ins Haus von Heiden eingekehrt ist, mit ihnen Gemeinschaft hatte, ihnen das Evangelium verkündete und so das Evangelium zu den Heiden gekommen ist. Dies war der Beginn der Heidenmission, zu der dann auch Paulus und Barnabas ausgesandt waren. Einige Zeit später kam es dann zum ersten Apostolischen Konzil in Jerusalem. 

Und da gab es einige gläubig gewordene Pharisäer, die wollten, dass die gläubiggewordenen Heiden auch beschnitten werden sollten und das Gesetz halten sollten. Und dann haben die Apostel diskutiert und ihre Entscheidung getroffen. Nein, spricht Jakobus:

„Darum halte ich es für richtig, den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufzubürden“ (Apg. 15,19 EÜ)

Keine Lasten, kein Gesetz. Nur ein paar ethische Regeln für die Praxis:

„Allerdings sollten wir sie in einem Brief dazu auffordern, folgende Dinge zu unterlassen: jede Verunreinigung durch Speisen, die den Götzen geopfert wurden, jede Form von Blutschande, sowie den Genuss von Blut und von nicht ausgeblutetem Fleisch.“ (Apg. 15, 20 NGÜ mit Erläuterungstext)

Diese Regelungen waren vor allen für die Tischgemeinschaft von Juden und Heiden relevant und wurden so in dieser Form von Paulus nicht in den Briefen weitergegeben. Im Gegenteil: dort schreibt er, der eine kann alles essen und macht sich keinen Kopf, egal ob Götzenopferfleich oder nicht, der andere wird Vegetarier und isst nur noch Gemüse. (Röm. 14; 1. Kor. 8).

Dies war die offizielle Festlegung für die Christenheit: das Gesetz gilt nicht für uns Heidenchristen. Punkt. 
Auch dies war ein Wechsel des Blickwinkels. Wir schauen nun auf Gott, auf sein Wort, vom Standpunkt des Geschenks der Gnade aus und nicht vom Standpunkt der Forderungen des Gesetzes. 


6. Schlussgedanke

Trotzdem unterliegen wir alle, manche mehr und manche weniger, der Versuchung uns einzelne Verse aus dem Gesetz heraus zu greifen um uns, oder noch besser anderen Lasten und Bürden aufzulegen, um sie zu richten, auszugrenzen, zu verurteilen. 

Oft sind es dann Verse, die irgendwelche sexuellen Sünden regeln. 
Warum eigentlich nicht solche, in denen es um Mischgewebe geht? Wird im Gesetz genauso verboten:

„tragt keine Kleidung aus Mischgewebe!“ (3. Mose 19,19 HfA)

Da hätten wir wohl alle Probleme. Ich müsste dann ohne Socken hier stehen.

Ich weiß heute: meine Erkenntnis ist Stückwerk. Alles was ich heute sage, beruht auf Erkenntnisstückwerk. Vielleicht stimmt auch nicht alles. 
Die Bedeutung von manchen Aussagen der Bibel, die für mich früher ganz klar waren, gerade hinsichtlich Homosexualität, sind für mich heute nicht mehr so einfach zu erkennen. 

Stellen aus dem NT, in denen Paulus bspw. Homosexualität ablehnt, stehen auch im Kontext von Aussagen, in denen dargestellt wird, dass wir eben alle Sünder sind. 

„Wer kann merken, wie oft er fehlet?“ (Ps. 19,13a LUT)

schreibt der Psalmist. 

Ich habe genügend offenkundige und verdeckte Schwächen und Mängel, sündhaftes Handeln. Wer bin ich, dass ich die sexuelle Identität oder das Empfinden anderer Personen beurteilen kann?

Die Vollkommenheit der Schöpfung hat durch und mit Adam und Eva gestoppt. Seitdem leben wir in einer gefallenen Schöpfung mit Naturkatastrophen, Krankheiten, Behinderungen uvm., die alle nicht Gottes ursprünglichem Plan entsprechen. Die Schöpfung hat ein massives downgrad erhalten.
Trotzdem ist jeder und jede einzelne wertvoll und in den Augen Gottes geliebt. Egal ob männlich, weiblich oder uneindeutig definiert. Egal ob gesund oder beeinträchtigt, Spielvereinigung- oder Bayernfan. Und alle wollen überraschenderweise leben. Und alle innerhalb der Möglichkeiten, die wir haben. 

Versteht mich nicht falsch, ich möchte nicht alles bagatellisieren, was es an Auswüchsen und Perversionen in unserer Gesellschaft so gibt. Gerade junge Menschen in der Entwicklung brauchen besonderen Schutz, wenn sie dabei sind ihre Identität zu entwickeln.

Ich will nur keine Menschen verurteilen oder beurteilen, die ernsthaft, tiefgründig, existenziell, um ihre sexuelle und biologische Identität gerungen haben, weil ich denke, dass steht mir nicht zu. 
Meine Aufgabe ist es nicht irgendwelche Verse aus der Bibel hervorzukramen und zu richten, sondern meine Aufgabe ist es, die Liebe Gottes weiterzugeben. Im privaten Umgang heißt es sie annehmen und lieben. Was es im gemeindlichen Kontext heißen kann, sind noch offene Fragen. Auf jeden Fall gilt: 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.“ (Luk. 6, 36.37 LUT)

Amen.



 

Sonntag, 9. Juni 2013

Predigt von Norbert Wohlrab (09.06.2013)

Die Freiheit des Evangeliums, Teil 3: Die Liebe zu Gott


1. Zusammenfassung der ersten Predigt

1.1 Teil 1: Vergebung


Ich möchte heute meine Predigtreihe über die Freiheit des Evangeliums zum Abschluss bringen. Zunächst möchte ich die beiden vorangegangenen Predigten kurz zusammenfassen und noch auf ein paar offene Fragen, die sich in Gesprächen ergeben haben eingehen.

Im ersten Teil habe ich dargestellt, dass Jesus Christus ein Opfer gebracht hat, dass für alle Zeiten gilt (Hebr.7,27).

„In diesem Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi...Dieser aber hat ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht und sich für immer gesetzt zur Rechten Gottes....Denn mit einem Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer vollkommen gemacht....Wo aber Vergebung dieser Sünden ist, gibt es kein Opfer für Sünde mehr.“ (Hebr. 10, 10.12.14.18 Rev. Elb.) 


Und deshalb leben wir immer im Zustand der Vergebung Gottes.

„Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen.“ (1. Joh. 2,12)

oder

„In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Eph. 1,7) 


Vergebung ist etwas, das wir haben. Etwas, das ein für alle mal geschehen ist. Etwas das Gott mit seinem Blut unterschrieben hat. Jesus muss nicht wieder neu ans Kreuz um für unsere Verfehlungen zu sterben. Das Opfer Jesu war vollkommen, der Auftrag ist vollbracht, der Gerechtigkeit wurde Genüge getan. Es gibt kein weiteres Opfer. 

 „Wo aber Vergebung dieser Sünden ist, gibt es kein Opfer für Sünde mehr.“ (Hebr. 10,18 Rev. Elb.) 

Wir wechseln daher nicht wie bei facebook unseren Beziehungsstatus von „in einer Beziehung“ zu „Single“, wenn wir wieder neu sündigen, sondern wir bleiben immer im Zustand der „Beziehung“, also des „vergebenen“ Kind Gottes. Genauso wie Ehepaare nicht nach jedem Streit neu heiraten müssen.

Die einzige Bibelstelle, die auf eine andere Praxis hinweist, finden wir im 1. Johannesbrief. Dort heißt es:


„Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit.“ (1. Joh. 1,9 Rev. Elb.)

Ich habe versucht darzustellen, dass sich Johannes hier in den ersten Versen seines Briefes an die Gnostiker wendet, die versucht haben in die Gemeinden Kleinasiens einzudringen. Sie behaupteten, dass Jesus a) kein Mensch war und b) es überhaupt keine Sünde gibt. Deshalb betont Johannes eingangs, dass er Jesus a) persönlich als Mensch gekannt hat und b) wer sagt, dass er ohne Sünde ist, die Wahrheit nicht erkannt hat und daher - logische Schlussfolgerung - noch kein Christ sein kann.

Ich kann nur empfehlen: prüft die Schriftstellen und dann kommt Ihr entweder zum gleichen oder zu einem anderen Ergebnis.

1.2 Missverständnis 1: Kein Bekennen?

Was ich aber nicht sagen wollte ist, dass wir Sünden jetzt bagatellisieren sollen. Ich habe es erwähnt, aber vielleicht wurde es bei all der inneren Empörung nicht wahrgenommen.

Wenn die Bibel davon spricht, dass wir Sünden „bekennen“ sollen (Jak. 5,16), dann bedeutet dies, dass wir mit Gott übereinstimmen in der Bewertung eines Sachverhalts, denn das gr. „exomologeo“ bedeutet „übereinstimmend aussagen“. Und das setzt auch Umkehr voraus, da ich sonst zu keiner Übereinstimmung komme.

Wenn ich lüge um mir einen Vorteil zu verschaffen oder wenn ich die Ehe breche, dann darf ich das Gott gegenüber bekennen und ihm mein Fehlverhalten eingestehen. Genauso wie im Gleichnis vom verlorenen Sohn der Sohn bei seiner Heimkehr sagt: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir“ (Lk. 15,22).

Der Unterschied zu uns ist nur der, dass wir, bereits im Vorfeld die Gewissheit haben dürfen, dass uns immer vergeben ist.

Auch das Zusprechen von Vergebung kann seinen Platz haben, da es dabei nicht um das Gewähren von Vergebung geht - das hat Jesus am Kreuz vollbracht - , sondern um das Erlangen eines guten Gewissens.


2. Zusammenfassung der zweiten Predigt

2.1 Teil 2: Der Neue Bund


In der zweiten Predigt habe ich dargestellt, dass wir in einem „Neuen Bund“ leben und das dieser Bund ganz anders geartet ist als der alte Bund. Dieser „Neue Bund“ begann zeitlich gesehen mit dem Opfer Jesu am Kreuz, erst durch den Tod Jesu bekam er seine Gültigkeit.

„Denn wo ein Testament ist, da muss notwendig der Tod dessen eintreten, der das Testament gemacht hat. Denn ein Testament ist gültig, wenn der Tod eingetreten ist, weil es niemals Kraft hat, solange der lebt, der das Testament gemacht hat.“ (Hebr. 9, 16.17 Rev. Elb.)

Ihr erinnert Euch an das Beispiel mit dem Oldtimer-Traktor, der erst nach dem Tod von Fritz in das Eigentum von Johannes übergeht. Das bedeutet, dass das „Neue Testament“ eigentlich heilsgeschichtlich betrachtet erst nach dem Tod Jesu beginnt und nicht an Weihnachten.
Einige Aussagen Jesu sind daher eingebettet in das Gesetz des Mose und können nur in diesem Zusammenhang verstanden werden, weil Jesus unter Gesetz geboren wurde, um die zu befreien, die unter Gesetz waren (Gal. 4, 4.5). Jesus hob daher die Anforderungen des Gesetzes noch ein paar Stufen höher, um es noch heiliger, um sie noch unerfüllbarer zu machen („Euch ist gesagt, ich aber sage euch...“) und natürlich auch um den wahren Kern der Gebote aufzuzeigen.

Für uns gilt jedoch das Gesetz nicht, weil wir dem Gesetz gestorben sind. Und auch das Update des Gesetzes in der Bergpredigt gilt für uns nicht, da wir keine Juden sind. Daher muss sich weder zur Zeit des Paulus, noch heute, jedermann und jederfrau die Augen ausreißen.

„In Wirklichkeit jedoch ´habe ich mit dem Gesetz nichts mehr zu tun;` ich bin durch das Urteil des Gesetzes dem Gesetz gegenüber gestorben, um ´von jetzt an` für Gott zu leben; ich bin mit Christus gekreuzigt.“ (Gal. 2,19 NGÜ)

Und da ein Toter keinen Ernährungsplan mehr benötigt, brauchen wir an Jesus Gläubigen kein Gesetz.

Für Christen gilt daher, „dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist“ (1. Tim. 1,9 Rev. Elb.)

Unser moralischer Leitfaden für die Gestaltung des Lebens wird nicht durch zehn oder 613 Gebote bestimmt (Gesetz zu halten bedeutet immer alle Gebote halten zu müssen, nicht wahlweise!, Jak. 2,10), sondern durch: lieben.

„Seid niemand irgendetwas schuldig, als nur einander zu lieben! Denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn das: "Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren", und wenn es ein anderes Gebot gibt, ist in diesem Wort zusammengefasst: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Die Erfüllung des Gesetzes ist also die Liebe. (Röm. 13, 8-10)“

Dies ist uns möglich, weil der Geist Gottes in uns lebt, weil die Gebote Jesu in unser Herz geschrieben sind (Hebr. 8,10). Wir dienen nun nicht mehr nach dem Wort, sondern nach dem Geist.

„Jetzt aber sind wir von dem Gesetz losgemacht, da wir dem gestorben sind, worin wir festgehalten wurden, so dass wir in dem Neuen des Geistes dienen und nicht in dem Alten des Buchstabens.“ (Röm. 7,6 Rev. Elb.)

Dies ist natürlich kein Automatismus, wir können immer den Geist Gottes blockieren und seine Liebesbemühungen ersticken.

Menschen, die den Geist Gottes nicht haben, benötigen dagegen ein Gesetz,

 „denn durchs Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.“ (Röm. 3,20b Rev. Elb.)

2.2 Missverständnis 2: „schwammig“ 


„Einfach nur lieben?! Das ist mir zu schwammig!“ So ungefähr lautete ein Kritikpunkt an meiner letzten Predigt von einem Hauskreis-Mitglied.

Liebe ist der Überbegriff. Und in einer idealen Welt wäre es wahrscheinlich ausreichend, aber da ein Merkmal der Menschen auch schon zu Zeiten des Paulus, eher ein gewisser Egoismus und ein Mangel an emotionaler Intelligenz war, füllt er Zeile um Zeile seiner Briefe mit praktischen Erläuterungen, was man unter „lieben“ versteht: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Langmut, einander ertragen und sich gegenseitig vergeben, herzliches Mitleid, den anderen höher achten, nicht nachtragend sein, gastfrei sein usw.

Das NT enthält also noch viele Erklärungen wie Liebe praktisch wird. Der Unterschied zum Gesetz ist: Du verspielst nicht Dein ewiges Leben, wenn Du in einem einzigen Bereich versagst.

2.3 Missverständnis 3: Ist alles erlaubt?
Wenn es kein Gesetz mehr für Christen gibt, ist dann jetzt alles erlaubt? Kann ich dann machen was ich will? Dieses Problem hatten auch schon die Korinther.

Paulus antwortet mit:  „Alles ist mir erlaubt; aber nicht alles frommt!“ (1. Kor. 6,12 Schlachter 1951)

Oder anders ausgedrückt: wir haben Jesus Christus angezogen (Gal. 3,27) und dann passt vieles nicht mehr zu unserem Wesen. Und dann gehören viele Verhaltensweisen eben nur noch zum Leben der unerlösten Menschen, aber nicht mehr zum Leben der Gerechten (Kol. 3, 1-17) und ich bin daher überzeugt, dass niemand, der die Wahrheit erkannt hat, dauerhaft mutwillig die Freiheit des Evangeliums ausnutzen kann um in einer Kultur der Sünde zu verharren.

Andererseits hat mal jmd. gesagt, dass diese Fragestellung der beste Beleg dafür ist, dass das Evangelium richtig verkündigt wurde, da sie bei einem gesetzlichen Evangelium erst gar nicht entstehen kann.


3. Das größte Gebot 


Der Vorteil von einer Predigtreihe ist, dass man beim dritten Teil schon die Hälfte der Zeit damit rum bringt, dass man die vorherigen Teile zusammen fasst und damit weniger Arbeit hat.

Im letzten Teil geht es mir heute um eine Veränderung in der Liebe zu Gott, die wir im NT finden. Wir kennen alle die Erläuterungen Jesu zu den beiden größten Geboten:

„Und es fragte einer von ihnen, ein Gesetzesgelehrter, und versuchte ihn und sprach: Lehrer, welches ist das größte Gebot im Gesetz? Er aber sprach zu ihm: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand." Dies ist das größte und erste Gebot. Das zweite aber ist ihm gleich: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt. 22, 35-40 Rev. Elb.) 


Also, auch wenn hier steht, dass das jetzt die Zusammenfassung des Gesetzes ist, so gilt doch auf auch für uns: Gott lieben und den Nächsten lieben! Darum geht es ja doch im Leben als Christ. Und ich habe ja auch gesagt, dass es um „lieben“ geht im Neuen Bund.

Soweit so gut, aber wir machen einen Fehler, wenn wir diese Verse lesen, nämlich wir setzen wieder unsere christliche Brille auf. Um zu verstehen, was Jesus hier wirklich sagt, brauchen wir aber eine jüdische Brille.

Lesen wir mal den Text im Zusammenhang, den Jesus hier zitiert. Dort spricht Gott zu Mose:

„Möge doch diese ihre Gesinnung bleiben, mich allezeit zu fürchten und alle meine Gebote zu halten, damit es ihnen und ihren Kindern ewig gut geht! Geh, sage zu ihnen: Kehrt in eure Zelte zurück! Du aber bleibe hier bei mir stehen! Und ich will all die Gebote und die Ordnungen und die Rechtsbestimmungen zu dir reden, die du sie lehren sollst, damit sie sie tun in dem Land, das ich ihnen gebe, es in Besitz zu nehmen. Achtet nun darauf, zu tun, wie der HERR, euer Gott, es euch geboten hat! Weicht nicht davon ab zur Rechten noch zur Linken! Auf dem ganzen Weg, den der HERR, euer Gott, euch geboten hat, sollt ihr gehen, damit ihr lebt und es euch gut geht und ihr eure Tage verlängert in dem Land, das ihr in Besitz nehmen werdet. Und dies ist das Gebot, die Ordnungen und die Rechtsbestimmungen, die der HERR, euer Gott, geboten hat, euch zu lehren, damit ihr sie tut in dem Land, in das ihr hinüberzieht, um es in Besitz zu nehmen, damit du den HERRN, deinen Gott, fürchtest alle Tage deines Lebens, um alle seine Ordnungen und seine Gebote zu bewahren, die ich dir gebiete - du und dein Sohn und deines Sohnes Sohn -, und damit deine Tage lange währen. Höre nun, Israel, und achte darauf, sie zu tun, damit es dir gut geht und ihr sehr zahlreich werdet - wie der HERR, der Gott deiner Väter, zu dir geredet hat - in einem Land, das von Milch und Honig überfließt! Höre, Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR allein! Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem Herzen sein. Und du sollst sie deinen Kindern einschärfen, und du sollst davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt und wenn du auf dem Weg gehst, wenn du dich hinlegst und wenn du aufstehst.“ (5. Mose 5,29 - 6,7 Rev. Elb.)

Das Gebot Gott „mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft zu lieben“ ist die Quintessenz all der Ordnungen und Gesetze und Gebote des Gesetzes, die sich auf Gott beziehen.

Wenn wir das erste Gebot im Doppelgebot der Liebe lesen, dann denken wir: ja ok, wir sollen mit all unserem Wesen und Fühlen und Denken Gott lieben. Genau!

Wenn ein Jude, der unter dem Gesetz lebt, das hört, dann weiß er, dass er in allem was er tut, darauf achten soll, dass Gott in seiner Heiligkeit geachtet werden soll, z.B. dadurch dass beim Kochen nicht Milch- und Fleischprodukte gemeinsam verwendet werden, oder dass keine Kleidungsstücke aus verschiedenen Stoffen getragen werden, der Sabbat geheiligt wird, die Feste gefeiert, die Opfer dargebracht werden, sein Name nicht missbraucht wird, kein Götze angebetet wird, der Zehnte gegeben wird, die Kanaaniter erschlagen werden uvm.

Dies meint Jesus hier in seiner Zusammenfassung. Daran hängt das Gesetz! Das ist der Kern des Gesetzes.

Was macht Jesus hier also: er zitiert aus dem Gesetz das den Juden gegeben wurde, zu einer Zeit als das Gesetz noch volle Gültigkeit hatte, im Disput mit einem Menschen, der unter dem Gesetz steht, an einem Ort, an dem das Gesetz galt.

Nun wissen wir aber, dass wir Christen, wir Nicht-Juden mit dem Gesetz nichts zu schaffen haben.

„Denn Christus ist des Gesetzes Ende“ (Röm. 10,4a Luther)


 Daher die Frage: Hat das jetzt eigentlich etwas mit uns zu tun? Gewiss, Gott zu lieben hat mit uns etwas zu tun, aber formaljuristisch betrachtet, so wie es hier im Kontext des Gesetzes dargestellt wird, lautet die Antwort: nein!

Juristisch betrachtet, hat es mit uns erst mal gar nichts zu tun, da uns nie ein Gesetz gegeben wurde und wir uns dann auch nicht fragen müssen, welches denn die größten Gebote im Gesetz sind.

Aber mit der Liebe haben wir schon etwas zu tun. Von Paulus wissen wir, dass das Gebot der Nächstenliebe der Kern unseres moralischen Lebens als Christen ist. Wie ist es mit der Liebe zu Gott? Darum muss es doch auch gehen im Leben als Christ. Ja, darum geht es auch, aber es gibt im Neuen Bund ein paar Modifikationen zu dem Gebot des Alten Bundes. Die Parameter haben sich etwas verändert. Die Rahmenbedingungen sind jetzt andere geworden.

1. Es ist tatsächlich so, dass diese Formulierung des Gesetzes: „mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft“, nirgends mehr auftaucht im NT. Es wurde weder auf dem Konzil in Jerusalem Paulus damit beauftragt es den Heiden zu verkünden, noch hat er es in den Briefen irgendwo vermittelt. Was immer es auch konkret bedeutet haben mag, es scheint eine spezifische Formulierung des Gesetzes zu sein. Es heißt nun einfach: „Wir lieben ihn, weil er uns zuerst geliebt hat.“ (1. Joh. 4,19 Schlachter)

2. Und das ist auch schon die nächste Modifikation: Geht es im Gesetz um unsere Bemühungen, geht es im Neuen Bund v.a. um Gottes Liebe zu uns. „Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe...“ (1. Joh. 4,16 Rev. Elb.) Die meisten Stellen in den Briefen handeln von seiner Liebe zu uns.

3. Geht es im Gesetz darum Gott zu fürchten und daraus resultierend ihn mit ganzer Kraft zu lieben, heißt es im Neuen Bund nun: „Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wieder zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!“ (Röm. 8,15 Rev. Elb.) oder „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat es mit Strafe zu tun. Wer sich aber fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe.“ (1. Joh. 4,18 Rev. Elb.)

4. Haben wir im Gesetz Gott lieben und den Nächsten lieben, finden wir im Neuen Bund stattdessen: „Und dies ist sein Gebot: dass wir an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, wie er es uns als Gebot gegeben hat.“ (1. Joh. 3,23 Rev. Elb.) Also an Jesus glauben und den anderen lieben. Es ist fast so, als ob der Vater sagt: „Wenn ihr an meinen geliebten Sohn glaubt, dann ist das die größte Liebe, die ihr zu mir haben könnt. Denn ihr seid dann die Braut meines Sohnes!“

5. Und noch einen weiteren Unterschied mag es geben. Ist im Alten Bund das Leben im Segen Gottes, im Shalom, das Ziel aller Bemühungen, ist es jetzt der Ausgang. Gott hat uns bereits alles gegeben (Eph. 1,3). Ist es im Alten Bund das Ziel, in die Gegenwart Gottes zu kommen, ist es im Neuen Bund der Ausgang: der Vorhang im Allerheiligsten ist zerrissen. Ist es im Alten Bund das Ziel, Gott zu nahen, ist Gott im Neuen Bund gegenwärtig: „Oder erkennt ihr euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist?“ (2. Kor. 13,5 Rev. Elb.) Wir haben schon viel, viel mehr an der Nähe, der Gegenwart Gottes in unserem Leben, in uns, als die Bundesmenschen des Alten Bundes überhaupt mit „ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft“ jemals erreichen konnten.

Ich versuche es noch mal mit ein paar Bildern zu verdeutlichen: der Aufwand, die Hingabe, der Einsatz, den man aufbringt um die Champions League zu gewinnen, ist ein anderer, als die Gefühle, die man hat, wenn man sie gewonnen hat. Das Werben um einen Partner ist anders, als die Gefühle beim Gang zum Traualtar. Ein Soldat hat andere Aufgaben im Krieg, als im Frieden. Wer sich bemüht ins „Weiße Haus“ zu kommen, muss anders auftreten, als die Kids der Obamas usw. Wir sind bereits im Zustand der Ruhe bei Gott! Unsere Liebe ist nun eine andere!


4. Schluss

Ich komme jetzt zum Ende der Predigtreihe. Ich denke, dass ich Euch mit diesen drei Predigten einiges zum „Knappern“ gegeben habe. Bei manchen Aussagen könnt Ihr eher „bekennen“, also mit mir übereinstimmen, bei anderen weniger. Das ist ok.

Ich glaube, dass die meisten Gemeinden/Kirchen und die meisten Christen ein Problem haben im Umgang mit Neuem und Alten Bund und dazu neigen vieles zu vermischen. Dabei geht einiges von der Leichtigkeit und Freude des Evangeliums verloren.

Wenn ich mich unter dem Druck sehe, Gott mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft lieben zu müssen (und nicht einmal weiß, was es überhaupt bedeutet), dann muss ich sagen, dass kann ich nicht - und ich habe auch noch nie jmd. kennen gelernt, der dies kann - und ich komme unter eine Schwere, unter eine Last; wenn ich mir aber vergegenwärtige, dass er mich zuerst geliebt hat und ich nur diese Liebe erwidern darf, in all meiner Schwachheit, was auch noch der Heilige Geist in mir vollbringen möchte, dann wird es wieder leicht als Christ zu leben.

„Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben. Nehmt auf euch mein Joch, und lernt von mir! Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und "ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen"“ (Mt. 11, 28.29 Rev. Elb.)

AMEN.

Montag, 15. April 2013

Predigt Von Norbert Wohlrab (14.04.2013)

Die Freiheit des Evangeliums, Teil 1: Vergebung 
Link zur mp3-Version von "Vergebung" 

Nachdem ich mich vor rund 30 Jahren bekehrt hatte, besuchte ich die ersten Jahre die Jugendgruppe der Brüdergemeinde in meiner Heimatstadt Selb. Dort war es so üblich, dass man reihum ein Thema für den Abend vorbereitet hat. Das erste oder zumindest eines der ersten Themen, das ich damals vorbereitet hatte, war „Freiheit und Heiligung“. Auch nach so vielen Jahren des Lebens als Christ, ist die christliche Freiheit, Freiheit und Evangelium, die Freiheit vom Gesetz usw. immer noch oder wieder ein sehr wichtiges Thema für mich.
Inspiriert von zwei Büchern von Andrew Farley („Das nackte Evangelium“ und „Gott ohne Religion“), die ich in den letzten Wochen mehrmals gelesen habe und mir eine völlig neue Sicht auf manche Aspekte dieser Freiheit eröffnet haben und die ich sehr empfehlen kann, möchte ich heute eine Predigtreihe beginnen zum Thema „Die Freiheit des Evangeliums“. Heute wird es zunächst um Vergebung gehen.

Vergebung ist das zentrale Thema des christlichen Glaubens. Darum geht es letztlich. Alle sind Sünder und brauchen Vergebung. Darum ist Jesus in die Welt gekommen. Dies ist alles klar wie Kloßbrühe. Trotzdem ist unser theologischer Umgang damit nicht immer so klar. Doch dazu später.

Für den Reformator Luther hat sich eine Frage besonders gestellt: „Wie bekomme ich Sünder einen gnädigen Gott?“ Luther war sehr streng mit sich selbst und war sich bewusst, dass er ein Sünder war und diese Frage hat ihn umgetrieben und gequält. Und dann hat er den Römerbrief ganz neu entdeckt und verstanden: Ich werde umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade!

„und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist.“ (Röm. 3,24 Rev. Elb.)

Nicht durch irgendwelche Gesetzes-Werke, sondern allein durch den Glauben (Röm. 3,28).

Mit der Gnade ist das jedoch so eine Sache. Denn der Begriff „Gnade“ beinhaltet - zumindest in unserem Wortverständnis - etwas von Willkür, von der Möglichkeit der Rücknahme, des Verweigerns. Gnade ist ja etwas Freiwilliges. In der Geschichte setzt Gnade immer milde und großmütige Autoritäten voraus, was nicht zwingend gegeben war.

Natürlich wissen wir, dass Gottes Gnade unumstößlich ist. Es heißt ja:

„Denn ich werde gegenüber ihren Ungerechtigkeiten gnädig sein, und ihrer Sünden werde ich nie mehr gedenken." (Hebr. 8,12 Rev. Elb.)

Und ich weiß nicht, wie es bei Euch ist, aber wenn ich an etwas nicht mehr denke, dann habe ich es vergessen. Gott spricht also aus, dass er unsere Sünden für immer vergessen wird.

Aber trotzdem, wie können wir wissen, dass wir uns auf die Gnade Gottes verlassen können? Wenn Gnade doch eigentlich etwas Freiwilliges ist?
Die Antwort ist, weil sich die Gnade Gottes am Kreuz manifestiert hat. Dort am Kreuz hat Gott einen Bund mit uns gemacht, den er selbst mit seinem Blut unterschrieben hat, den er selbst durch sein Blut festgemacht hat. Und dieser Bund ist unauflöslich. Durch diesen Bund wurde die Gnade Gottes sozusagen festgenagelt. Es ist, als ob Gott mit sich selbst einen Vertrag abgeschlossen hat.
Mit wem eigentlich sonst? Mit uns? Der Vertrag hätte nicht lange gehalten.

„Christus hingegen brachte sich selbst als Opfer dar, und er brauchte das nur ein einziges Mal zu tun. Andernfalls hätte er ja seit der Erschaffung der Welt schon viele Male leiden ´und sterben` müssen. Tatsache jedoch ist, dass er nur einmal in die Welt kam – jetzt, am Ende der Zeiten –, um uns durch das Opfer seines eigenen Leibes von der Sünde zu befreien....Und weil Jesus Christus den Willen Gottes erfüllt und seinen eigenen Leib als Opfer dargebracht hat, sind wir jetzt ein für alle Mal geheiligt. Jeder andere Priester steht Tag für Tag ´am Altar`, um seinen Dienst zu verrichten, und bringt unzählige Male die gleichen Opfer dar, die doch niemals imstande sind, Sünden wegzunehmen. Christus dagegen hat sich, nachdem er ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht hat, für immer auf den Ehrenplatz an Gottes rechter Seite gesetzt. Denn mit diesem einen Opfer hat er alle, die sich von ihm heiligen lassen, völlig und für immer von ihrer Schuld befreit...Das bestätigt uns auch der Heilige Geist. In der Schrift heißt es nämlich zunächst: »Der zukünftige Bund, den ich mit ihnen schließen werde, wird so aussehen: Ich werde – sagt der Herr – meine Gesetze in ihre Herzen legen und werde sie in ihr Innerstes schreiben.« Und dann heißt es weiter: »Ich werde nie mehr an ihre Sünden und an ihren Ungehorsam gegenüber meinen Geboten denken.« Wo aber die Sünden vergeben sind, ist kein weiteres Opfer mehr dafür nötig.“ (Hebr. 9,25b.26...10,10-12.14-18 NGÜ)

Dieser Bund, dieser Vertrag wurde vollzogen durch das Opfer Jesu, er hat Gültigkeit erlangt durch seinen Tod. Und er gilt seitdem, weil das Opfer ein für alle Mal geschehen ist, weil es für alle Zeiten Gültigkeit hat.

Johannes schreibt: „Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen.“ (1. Joh. 2,12)

oder Paulus: „...so wie auch Gott in Christus euch vergeben hat!“ (Eph. 4,32b)

oder

„In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Eph. 1,7)

Die Apostel drücken es ganz deutlich aus: Vergebung ist etwas, das wir haben. Etwas, das ein für alle mal geschehen ist. Etwas das Gott mit seinem Blut unterschrieben hat. Etwas, worum wir uns nie mehr Gedanken machen müssen.

Es gibt nur eine Voraussetzung, ich muss mit Gott darin übereinstimmen, dass ich ein Sünder bin und im Glauben in Anspruch nehmen, dass Jesus mein Erlöser ist, dass er für mich gestorben ist und meine Schuld getragen hat. Dann habe ich Vergebung für alle Zeiten. Denn das Opfer Jesu war vollständig vollständig. Es ist vollbracht, erledigt. Deshalb kann Jesus jetzt zur Rechten Gottes sitzen. Ich könnte mir vorstellen, dass er dort im völligen Frieden ist.

Denn, er muss nichts mehr tun. Gott ist zufrieden gestellt. Der Gerechtigkeit ist genüge getan. Er muss nicht mehr neu ans Kreuz, wenn wir wieder neu sündigen. Sein Opfer gilt weiterhin.

Luther hat im Gegensatz zu den anderen Reformatoren ein Problem gehabt (ich hab übrigens kein Problem mit Luther, es war nur so dass die verschiedenen Reformatoren - Calvin, Zwingli oder die Täufer - alle ihre theologischen Mängel hatten, zusammen wären sie wahrscheinlich perfekt gewesen), er hat nämlich nicht wirklich erkannt, dass wir mit diesem Tausch am Kreuz, mit dieser Inanspruchnahme des Erlösungswerkes, auch eine neue Identität bekommen haben, dass unsere natürliche Existenz des Sünders mit der geistlichen Existenz des Gerechten getauscht wurde, dass eine neue Kreatur, eine neue Schöpfung entstanden ist.

„Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Kor. 5,17 Rev. Elb.)

Luther sah den Christen immer noch als Sünder an und lehrte dementsprechend. Seine Sicht war in diesem Punkt verkürzt.

Ich mag noch sündigen, aber ich bin kein Sünder mehr, weil ich von neuem geboren bin und der alte Mensch begraben wurde.

Wir sind der Sünde gestorben, wir sind frei von ihr, wir sind nun Gerechte, Gerechtfertigte (Röm. 5,8; 6,2.7). Und wir leben als solche, denen beständig vergeben ist.

Beständig vergeben?! Ist das wirklich unsere Theologie? Ist das wirklich unser Verständnis des Neuen Bundes?

Während meiner Studentenzeit engagierte ich mich bei „Campus für Christus“. Und eines der Prinzipien, das ich da gelernt hatte, nannte sich „Geistliches Atmen“. Wenn man gesündigt hatte, musste man Gott im Gebet wieder um Vergebung bitten und dann war man wieder im grünen, im geistlichen Bereich. Dann war alles wieder im Lot.
So oder so ähnlich haben es alle die, die pietistisch oder evangelikal geprägt wurden, gelernt. Aber ist das eigentlich biblisch? Muss ich als an Jesus Christus glaubender Mensch Gott um Vergebung bitten, wenn ich gesündigt habe?

(kurze Umfrage per Handhebung)

Fassen wir noch mal zusammen. Die Schrift sagt: Ihr habt Vergebung! Euch ist vergeben! Gott gedenkt unserer Sünden nicht! Das einmalige Opfer Christi ist für alle Zeiten einmalig gültig!

Brauche ich neue Vergebung, wenn ich gesündigt habe? Habe ich eine Pauschal-Vergebung für alle meine Sünden vor der Bekehrung, aber danach muss ich jede neu zu Gott bringen?

Bei den meisten der hier Anwesenden waren alle Sünden zeitlich gesehen nach dem Erlösungswerk auf Golgatha. Besteht ein Unterschied hinsichtlich seiner Wirkung bis 1983 (Jahr meiner Bekehrung) und nach 1983? Würde das Sinn machen? Oder was ist mit all den Sünden, die ich gar nicht bemerkt habe oder vergessen habe? Wie kann ich damit zu Gott gehen und um Vergebung bitten? Oder was ist wenn ich sterbe bevor ich um Vergebung beten konnte?

Liebe Geschwister, ich hoffe Ihr merkt wie kompliziert das alles wäre. Die Botschaft des Evangeliums ist: Ihr habt Vergebung! Diese Vergebung basiert auf keinen personalen geistlichen Akt des Bekennens und Vergebens, sie basiert auf dem Blut Jesu! 


Die Währung in der Schweiz sind Franken und in der Euro-Zone ist es der Euro. Die Währung in Gottes Vergebungs-Wirtschaft ist Blut! Denn „ohne Blutvergießen gibt es keine Vergebung“ (Hebr. 9, 22)!

„Nein, Jesus hat nur ein einziges Mal ein Opfer dargebracht, nämlich sich selbst, und dieses Opfer gilt für immer.“ (Hebr. 7,27b NGÜ)

Deshalb findet sich auch im NT keine einzige Stelle, in der Christen (!) dazu ermutigt werden, zu Gott um Vergebung für ihre Schuld zu bitten. Prüft das mal nach. Auf einige der strittigen Stellen werde ich gleich noch eingehen. Wir finden nur solche Stellen, die sich an Ungläubige oder an Menschen zeitlich vor dem Erlösungswerk Christi wenden oder lediglich vom Bekennen sprechen. Den Gläubigen dagegen wird gesagt: Euch ist vergeben!

Wir sind aber anders geprägt. Wir leben aus frommer Demut gedanklich in einem Hin- und Her. Und übersehen dabei, dass bereits alles getan ist. Wenn wir Gott neu um Vergebung bitten, wird Jesus nicht neu für uns sterben, sondern er sagt: Mein Bruder, meine Schwester, es ist vollbracht!
Bedenkt, die Währungseinheit ist Blut! Er muss nicht mehr neu ans Kreuz, wenn wir sündigen.

Genauso wie Michael seiner Regine in den rund 30 Jahren Ehe, nicht immer wieder sagen muss, dass er sie heiraten will, weil sie diesen Ehe-Bund bereits vollzogen haben. Er darf ihr seine Liebe bekunden, aber der Ehe-Bund gilt davon unabhängig, selbst wenn er am Standesamt nicht mit Blut unterschrieben wurde.
Am Anfang wäre das vielleicht noch witzig oder süß, aber irgendwann würde es ziemlich nerven.

Und liebe Gemeinde, auch wenn wir wissen, dass unsere menschlichen Ehe-Versprechen nicht immer automatisch bis zum Ende halten, wissen wir doch: Gott hält sein Ehe-Versprechen, sein Bundes-Versprechen.

Denn „wenn wir untreu sind - er bleibt treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen.“ (2. Tim. 2,13 Rev. Elb.) 


Aber jetzt kommt die Stellen, die ihr alle im Kopf habt. Was ist mit Bibelstellen wie

„Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit.“ (1. Joh. 1,9 Rev. Elb.)

oder mit dem Vaterunser?

Wenn wir die Bibel lesen, tappen wir manchmal in zwei Fallen: zum einen berücksichtigen wir nicht, an wen sich der Autor bzw. der Redner sich wendet und zum anderen setzen wir manchmal nicht die richtige Brille auf. Wir brauchen nämlich eine besondere Brille, sagen wir mal eine 3D-Gleitsichtbrille. Ohne dies sehen wir verzerrt. Wir müssen zum einen die ganze Bibel aus der Perspektive des Evangeliums betrachten und zum anderen aus der Perspektive der Heiden-Christen.
Was wir aber machen ist, dass wir oft Aussagen, die an Juden oder Nicht-Juden, an Christen oder Nicht-Christen, an Erlöste oder Nicht-Erlöste, an unter-Gesetz-Stehende oder nicht unter-Gesetz-Stehende gerichtet sind, gleichrangig nebeneinander stellen und dann verwirrt sind, weil sie sich diametral widersprechen.

Und der Johannesbrief ist hier besonders gemein, weil Johannes nicht systematisch ein Thema abhandelt wie Paulus, der sehr strukturiert an die Sache ran geht, sondern er springt recht wüst hin und her. Wir haben ihn gerade im Hauskreis gelesen und sind mehrmals an ihm verzweifelt.

Da schreibt Johannes noch in einem Vers, dass man seine Sünde bekennen soll, damit man Vergebung bekommt und ein paar Verse weiter schreibt er, dass man Vergebung hat.  Hallo!? Wie passt das zusammen?

Johannes würde heute wohl Probleme mit jedem Lektor bekommen, wenn er seinen Brief veröffentlichen möchte. Aber was er da macht, ist eigentlich etwas, dass man auch in einer Predigt manchmal macht, wenn sich die Hörerschaft unterschiedlich zusammensetzt: er spricht verschiedene Leute an. Und ich muss zugeben, man hat keine Chance drauf zukommen, wenn man nicht verschiedene Kommentare und Bücher dazu wälzt.

Wenn ich jetzt predige: „Komm zum Kreuz und Du wirst Vergebung für Deine Schuld bekommen!“, dann macht diese Aussage für die meisten hier überhaupt keinen Sinn, weil sie schon einmal am Kreuz - in welcher Form auch immer - Jesus ihr Leben übergeben haben. Aber für diejenigen Anwesenden, die das noch nicht getan haben, würde sie Sinn machen, unabhängig ob sie der Aufforderung folgen oder nicht.

Dort in Kleinasien, wo die Gemeinden angesiedelt waren, an die sich Johannes hier wendet, gab es ein spezielles Problem. Es gab viele Gnostiker, die sich zu den christlichen Gemeinden gehalten haben und versucht haben dort Einfluss zu gewinnen. Und sie haben zwei Dinge gelehrt, nämlich zum einen, dass Jesus Christus nicht physisch auf der Erde gelebt hat und zum anderen, dass es keine Sünde gibt, weil Sünde nur körperlich stattfindet, wir aber Geistwesen sind.

Und dieser Gruppe von Menschen spricht Johannes jetzt zu: „Moment mal, ich habe Jesus gesehen und angefasst. Ich kannte ihn persönlich. Er war sehr wohl im Leib auf Erden! (1. Joh. 1,1)“ und zum anderen sagt er:

„Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ (1. Joh. 1,8 Rev. Elb.)

Und wenn jmd. sagt, dass er keine Sünde hat und daher keine Vergebung braucht, wenn er es dann also auch nicht braucht, dass ein physischer Jesus für seine Sünde gestorben ist, wenn die Wahrheit nicht in ihm ist, dann ist er was nicht? Er ist kein Christ!

Johannes wendet sich hier an Nicht-Christen, an die Gnostiker und sagt ihnen, dass sie Vergebung bekommen können, wenn sie ihre Sünde bekennen (1. Joh. 1,9). Dann haben sie genauso Vergebung wie die Kinder Gottes (1. Joh. 2,12).

Diese Stelle im ersten Johannesbrief ist keine Aufforderung an Christen, Gott immer wieder neu um Vergebung für ihre Schuld zu bitten, weil sie diese, weil wir diese ja bereits haben. Es gibt keine apostolische Lehre für diese Praxis. Wenn dies so wichtig für unser geistliches Leben wäre, würden wir es in weiteren Briefen der Apostel finden.

Im Jakobusbrief lesen wir zwar vom Bekennen von Schuld im Zusammenhang mit Krankheit und vom Zusprechen der Vergebung (Jak. 5, 13-16), aber nichts von einer Bitte um Vergebung zu erlangen. Wir finden keine Aufforderung diesbezüglich im NT mit Ausnahme des Vaterunsers. Dort lehrt Jesus seine Jünger, dass sie Gott regelmäßig um Vergebung bitten sollen. Wie passt das jetzt zusammen?

Ich möchte da heute noch keine abschließende Antwort darauf geben, da ich mich im nächsten Teil der Predigtreihe mit der heilsgeschichtlichen Einordnung verschiedener Aussagen Jesu beschäftigen möchte und da gehört das dann auch mit dazu. 


Nur ein paar Fragen zum Nachdenken:
Finden wir das Vaterunser in den apostolischen Schriften?
Paulus hatte den Auftrag den Heiden (= uns) das Evangelium zu bringen. Hat er es vergessen?
Wann hat Jesus das Vaterunser gelehrt. Vor oder nach seiner Kreuzigung?
Zu welcher Art von Menschen hat er gesprochen (Juden - Nicht-Juden, unter Gesetz - nicht unter Gesetz)?
Stimmt die Bedingung „wie auch wir vergeben“ eigentlich mit dem Evangelium überein?
Könnte es sein, dass das Vaterunser eigentlich ein Beispielgebet für Menschen vor der Erlösung ist?
Wenn man diese Fragen beantworten kann, kommt man bei der Einordnung des „Vaterunsers“ etwas weiter.

Wie gehen wir dann mit Sünde um? Wir sind uns wohl alle einig, dass wir hin und wieder sündigen.

Natürlich soll und darf man Reue zeigen, wenn man sündigt. Es ist allein schon aus seelsorgerlicher Sicht wichtig, seine Sünden zu bekennen (vgl. Jak. 5). Sünde zu bekennen, heißt mit Gott in der Bewertung übereinzustimmen. Es geht ja nicht darum meine Lieblosigkeiten und mein Fehlverhalten einfach zu ignorieren!

Und Du darfst das dann Gott gegenüber ausdrücken, wie Du möchtest, aber nicht um neu Vergebung zu erlangen, sondern aus Dankbarkeit, weil Du sie bereits erlangt hast.

Warum ist das wichtig? Spielt es wirklich eine Rolle, wie ich meine Gebete formuliere, wie ich meine Reue, mein Bedauern zum Ausdruck bringe? Ob ich jetzt um Vergebung bitte oder Vergebung in Anspruch nehme?

Vielleicht spielt die Formulierung nicht die entscheidende Rolle. Aber wir wissen, dass wir oft Probleme damit haben, dass unser Glaube vom Kopf ins Herz kommt. Wie viel schwieriger wird es, wenn wir in unserem Kopf schon falsch denken?!

Luther hielt sich zeitlebens für einen Sünder, deshalb hatte er mangels besserer Erkenntnis das NT an manchen Stellen auch falsch übersetzt, wo er aus dem Verb „sündigen“ das Substantiv „Sünder“ gemacht hat.
Aber wir wechseln nicht unser Leben lang zwischen Sünder und Gerechter, wir sind Gerecht(fertigt)e!
Wir wechseln nicht zwischen Verlorenen und Erlösten, wir sind erlöste Kinder Gottes!
Wir wechseln nicht ständig von nicht vergeben zu vergeben, uns ist vergeben!

Wenn wir hier denken, wir müssten immer wieder neu die Vergebung Gottes erlangen, zweifeln wir letztlich daran, - wenn wir das jetzt mal theologisch zu Ende denken - dass das Werk Jesu für uns wirklich vollkommen vollkommen war und schaffen ein neues religiöses System: Gerechtfertigt aus Gnade und meinem regelmäßigen Bitten um Vergebung. Und damit zweifeln wir an Gottes Zusagen. Und der Zweifler hat Probleme im Glauben.

„Er bitte aber im Glauben, ohne irgend zu zweifeln; denn der Zweifler gleicht einer Meereswoge, die vom Wind bewegt und hin und her getrieben wird. Denn jener Mensch denke nicht, dass er etwas von dem Herrn empfangen werde, ist er doch ein wankelmütiger Mann, unbeständig in allen seinen Wegen.“ (Jak. 1, 6-8 Rev. Elb.)

Und Johannes drückt es so aus:

„Geliebte, wenn das Herz uns nicht verurteilt, haben wir Freimütigkeit zu Gott, und was immer wir bitten, empfangen wir von ihm.“ (1. Joh. 3, 21.22a Rev. Elb.)

 
Daher hatte die Taufe der Gläubigen auch die Funktion ein Symbol für die vollzogene Vergebung Gottes zu sein. Damit man ein gutes Gewissen haben konnte und leichter Gewissheit im Glauben haben konnte.

„Das Abbild davon errettet jetzt auch euch, das ist die Taufe - nicht ein Ablegen der Unreinheit des Fleisches, sondern die Bitte an Gott um ein gutes Gewissen - durch die Auferstehung Jesu Christi.“(1. Petr. 3,21 Rev. Elb.)

Deshalb heißt es in den Briefen des NT auch nicht mehr wie im Vaterunser: vergebt einander, damit auch Euch vergeben wird, sondern genau umgekehrt, vergebt einander, weil Euch vergeben ist.

„Seid aber zueinander gütig, mitleidig, und vergebt einander, so wie auch Gott in Christus euch vergeben hat!“ (Eph. 4,32 Rev. Elb.)

Dies ist jetzt die andere Seite der Vergebung. Auch wir sollen einander vergeben. Aus Dankbarkeit, weil uns vergeben ist.


AMEN.


Sonntag, 21. Februar 2010

Predigt von Norbert Wohlrab (21.02.10)

Christliche Glaubensgrundlagen (Teil 2) nach Hebr. 6, 1-3

1. Einleitung

Ich möchte heute fortfahren mit dem zweiten Teil einer Predigtreihe über die Grundlagen des christlichen Glaubens. Zur Erinnerung: als Basis dienen uns die folgenden Verse:

„Weil uns nun aber daran liegt, dass ihr im Glauben erwachsen werdet, wollen wir nicht bei den Anfangslektionen der Botschaft von Christus stehen bleiben, sondern uns dem zuwenden, was zur Reife im Glauben gehört. Wir wollen nicht von neuem über die Dinge reden, die das Fundament bilden: über die Abkehr von Taten, die letztlich zum Tod führen, und über den Glauben an Gott, über die Bedeutung der Taufe im Unterschied zu anderen Waschungen und über die Handauflegung, über die Auferstehung der Toten und über das letzte Gericht mit seinem ewig gültigen Urteil. Nein, wenn Gott es zulässt, wollen wir jetzt weitergehen.“ (Hebr. 6, 1-3 NGÜ)

Ausgangspunkt für diese Predigtreihe war, dass es wichtig ist, dass wir Bescheid darüber wissen, was eigentlich die Inhalte unseres Glaubens sind. Zum einen um Christus immer mehr zu erkennen und zum anderen um Verführungen widerstehen und theologische Sonderlehren durchschauen zu können.

Vor 14 Tagen haben wir uns die ersten beiden Aspekte dieses Textes: Buße und Glauben näher angesehen. Buße als Umkehr zu Gott, das Erkennen der eigenen Sündhaftigkeit und das Hinwenden zu Gott und Glaube - nicht als nebulöses Nicht-Wissen - sondern als das tiefe Erkennen und persönliche Annehmen des Erlösungswerks durch Jesus Christus. Beides - Buße und Glauben - sind die beiden Elemente, die gemeinsam die Bekehrung ausmachen. Buße als Abkehr von der Sünde und Glauben als Hinwendung zu Gott.

Ganz interessant hierbei finde ich, dass im aktuellen Spiegel ein sehr ausführlicher Artikel zum Thema Sünde ist. Der Spiegel befasst sich mit einem Thema, dass in vielen Kirchen und von vielen liberalen Predigern totgeschwiegen wird. Sünde wurde „domestiziert“, Sünde wurde verniedlicht. Es ist ein Unterschied, ob ich aus der freimachen Botschaft des Evangeliums heraus sage: „Dir ist deine Schuld vergeben!“ oder sage „Es gibt keine Schuld!“.

Heute wollen wir uns die beiden nächsten Basics anschauen: Taufe und Handauflegung. Beide sind aus jüdischer Perspektive betrachtet - wir erinnern uns, der Hebräerbrief ist an Judenchristen adressiert - kultische Elemente. Und ich muss zugeben, wenn ich mich für sechs grundlegende Themen entschieden hätte, wäre Handauflegung sicherlich nicht unter die TOP 6 gekommen.

2. Taufe

2. 1 Unreinheit und kultische Waschungen im AT

Zunächst zu Taufe. In meiner Übersetzung steht „Taufe im Unterschied zu anderen Waschungen“. Alternative Übersetzungen wären „die verschiedenen Arten von Taufe und ihre Bedeutung“ oder „über die Bedeutung der verschiedenen Taufhandlungen“, „über die Bedeutung von Waschungen“, „über die Lehre von Taufen“.

Ich habe hier verschiedene Reinigungsmittel mitgebracht. Wir benötigen Waschmittel für die
Wäsche, Spülmittel für das Geschirr, Reiniger für den Haushalt, Seife, Shampoo, Duschgel für uns selbst und es gibt noch viele weitere verschiedene Reiniger für alle möglichen Arten von Schmutz. Und wir alle wissen, es kann alles noch so schön sauber sein, noch so perfekt glänzen und blitzen, noch so wohlriechend gereinigt sein, es wird doch alles immer wieder schmutzig. Selbst wenn wir zu Hause unsere Möbel nicht verschmutzen würden, hätten wir doch bald eine dicke unübersehbare Staubschicht darauf und müssten sie wieder reinigen.

Ähnlich war es bei den Juden. Sie hatten einen umfangreichen Katalog über Unreinheit und ein genauso umfangreiches System von rituellen Waschungen und Opfern, dass nötig war um wieder rein zu werden. Der Kontakt mit bestimmten Tieren, mit Aas, mit Toten, mit Blut, Eiter, Samen, Aussatz, der Geburt uvm. machten die Menschen unrein. Dabei ging es teilweise um hygienische Aspekte, im allgemeinen ging es aber darum, dass v.a. die Körperflüssigkeiten
ein Vorbote, ein Symbol des Todes waren und die Israeliten dadurch in den Augen Gottes unrein wurden. Ihnen wurde aufgezeigt: Gott ist heilig und rein, sie sind sündig und unrein.

Die Pharisäer haben später zusätzliche Reinigungsvorschriften eingeführt, z.B. das Waschen der Hände nach einem Nickerchen, vor dem Essen, nach dem Nägel- oder Haarschneiden uva. Dies war auch die Ursache des Konflikts mit den Jüngern, die sich vor dem Essen nicht rituell die Hände waschen wollten.

Die rituelle Reinigung war ganz besonders wichtig, wenn man in den Tempelbezirk wollte oder gar als Levit oder Priester einen Dienst zu vollziehen hatte. Das Gesetz legt bspw. im Zusammenhang mit den Heilsopfern fest:

„Und wenn eine Person irgend etwas Unreines anrührt, die Unreinheit eines Menschen oder ein unreines Vieh oder irgend etwas unreines Abscheuliches, und sie isst vom Fleisch des Heilsopfers, das dem Herrn gehört: diese Person soll aus ihren Volksgenossen ausgerottet werden.“ (3. Mose 7,21 Rev. Elbf.)

Und für die Priester und Leviten galt:

„Stelle ein bronzenes Becken und ein bronzenes Gestell her zum Waschen! Das stelle zwischen das Zelt der Begegnung und den Altar, tu Wasser hinein, und Aaron und seine Söhne sollen ihre Hände und ihre Füße darin waschen! Wenn sie in das Zelt der Begegnung hineingehen, sollen sie sich mit Wasser waschen, damit sie nicht sterben. Oder wenn sie an den Altar herantreten zum Dienst, um für den Herrn ein Feueropfer als Rauch aufsteigen zu lassen, dann sollen sie ihre Hände und ihre Füße waschen, damit sie nicht sterben. Und das soll für sie eine ewige Ordnung sein, für ihn und seine Nachkommen, für all ihre Generationen.“ (2. Mose 30, 18-21 Rev. Elbf.)

Dies sind jetzt nur zwei Beispiele aus dem Alten Bund. Für alle gläubigen Juden war klar: Unreinheit und Gottes Heiligkeit stellen eine absolute Widersprüchlichkeit, eine Grenze dar, deren unerlaubtes Übertreten tödliche Folgen nach sich zieht.

Ein jüdischer Witz:
Ein Jude zog in eine sehr katholische Gegend. Jeden Freitag wurden die Katholiken sehr nervös, denn während sie ihren Fisch aßen, saß der Jude im Garten und grillte Steaks. Also machten sie sich daran, ihn zu konvertieren. Schließlich, mit Bitten und Drohungen, schafften sie es. Sie brachten ihn zu einem Priester, der besprenkelte ihn mit gesegnetem Wasser und sprach:
"....geboren als Jude
....aufgewachsen als Jude
....jetzt ein Katholik."
Die Katholiken waren begeistert. Keine verführerischen Gerüche mehr am Freitag.
Aber am nächsten Freitag zog der Grillgeruch wieder durch die Nachbarschaft. Die Katholiken rannten alle zum Haus des Juden um ihn an seine neue Diät zu erinnern. Sie fanden ihn am Grill stehend, wo er Wasser über das Fleisch sprenkelte und sagte:
"....geboren als Kuh
....aufgewachsen als Kuh
....jetzt ein Fisch."

2.2 Die himmlische Reinigung

All diese Vorschriften haben aber durch Jesus Christus ihre Gültigkeit verloren. Paulus spricht ja davon, dass das Gesetz nur ein Zuchtmeister, ein Pädagoge auf Christus hin war (Gal. 3,24). Das Gesetz sollte die Sündhaftigkeit und die Notwendigkeit der Reinigung aufzeigen und damit den Boden bereiten für das Erlösungswerk Christi.

„Bei allen diesen Vorschriften geht es um Äußerlichkeiten - um Fragen des Essens und Trinkens und um eine Vielzahl von rituellen Waschungen-, und sie gelten deshalb auch nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem eine neue und bessere Ordnung (oder richtige Ordnung) eingeführt wird.“ (Hebr. 9,10 NGÜ)

Dieser Ausdruck „richtige Ordnung“ findet sich nur hier an dieser Stelle im NT. Es bedeutet das Wiederherstellen, Richtigstellung, Korrigieren einer Ordnung. Und im darauf folgenden Vers wird verdeutlicht was damit gemeint ist:

„Jetzt aber ist diese Zeit angebrochen, denn jetzt ist Christus gekommen, der Hohepriester, der uns die wahren Güter gebracht hat. Er hat ein größeres und vollkommeneres Zelt durchschritten, ein Zelt, das nicht von Menschen gemacht wurde und nicht zu dieser Schöpfung gehört. Und was ihm den Weg ins Heiligtum öffnete, war nicht das Blut von Böcken und Kälbern, sondern sein eigenes Blut. Ein einziges Mal ist er hineingegangen, und die Erlösung, die er bewirkt hat, gilt für immer und ewig.“ (Hebr. 9, 11.12 NGÜ)

Jesus Christus hat im himmlischen Heiligtum sein eigenes Blut als Opfer gebracht Nicht im irdischen Heiligtum, nicht das Blut von Böcken und Kälbern. Ein einziges Mal, für immer und ewig. So wurde das levitische Opfersystem richtig gestellt.

Das Blut Jesu Christi reinigt uns von aller Sünde (1. Joh.1,7). Es ist die absolute Waschung.

Wir haben uns jetzt die kultischen Reinigungen im AT angesehen, die himmlische Reinigung durch das Blut Jesu Christi. In welchen Kontext steht dazu nun die neutestamentliche Taufe?

2.3 Die Bedeutung der Taufe

Betrachten wir zunächst ein paar zentrale Aussagen zur Taufe und ich bin mir dessen bewusst, dass ich jetzt nicht alles Aspekte darstellen kann:

Zu taufen ist ein direkter Befehl Jesu Christi
„tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes (Mt. 28,19 NGÜ).

Andere zu taufen ist damit ein Gehormsamsschritt Gott gegenüber. Genauso wie es ein Ausdruck von Gehorsam ist, diese selbst zu vollziehen.

Sie ist auch ein äußerer Ausdruck der Umkehr zu Gott. Bei der Pfingstpredigt des Petrus sind die Zuhörer bewegt über die Worte und fragen: „Was sollen wir jetzt tun?“ und Petrus sagt „Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen von Jesus Christus taufen!“ (Apg. 2, 37.38 NGÜ) Umkehr zu Gott und Taufe sind eng miteinander verbunden. Die Taufe auf den Namen Jesus Christus ist ein äußerer Ausdruck dieser Umkehr, ein Zeichen für diese Umkehr.

Die Judenchristen konnten lange Gemeinschaft mit den Juden haben. Aber in dem Moment, wo sie sich auf Jesus Christus haben taufen lassen war das Tuch zerschnitten.

Die Taufe ist auch ein Ausdruck der Übereignung des eigenen Lebens.
Jesus sagt zu Jakobus und Johannes: „Könnt ihr den bitteren Kelch trinken, den ich trinken werde, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werden muss? - „Das können wir!“, erklärten sie. Da sagte Jesus zu ihnen: „Den Kelch, den ich trinke, werdet ihr zwar auch trinken, und die Taufe, mit der ich getauft werde, werdet auch ihr empfangen.“ (Mk. 10, 38b39 NGÜ)

Jesus spricht hier von seiner Taufe in den Tod und davon, dass Jakobus und Johannes , die Söhne des Zebedäus, auch diesen Weg gehen werden. Wenn man dies auf die Nachfolge im allgemeinen überträgt, kann man sagen, dass man durch
seine Taufe ausdrückt, dass man nun nicht mehr selbst sein Leben in der Hand hat, sondern es in Gottes Hand legt. Dies kann im Extremfall die Bereitschaft zum Märtyrertod sein. Viel mehr kann es im Alltag bedeuten, manche Dinge zu opfern oder Schmähungen zu ertragen.

Dieser Eingentumsübergang (Identifikation) wird durch die Taufe bezeugt und deutlich in folgender Bibelstelle:

„Oder wisst ihr nicht, was es heißt, auf Jesus Christus getauft zu sein? Wisst ihr nicht, dass wir alle durch diese Taufe mit einbezogen worden sind in seinen Tod? Durch die Taufe sind wir mit Christus gestorben und sind daher auch mit ihm begraben worden. Weil nun aber Christus durch die unvergleichlich herrliche Macht des Vaters von den Toten auferstanden ist, ist auch unser Leben neu geworden, und das bedeutet: Wir sollen jetzt ein neues Leben führen. Denn wenn sein Tod gewissermaßen unser Tod geworden ist und wir auf diese Weise mit ihm eins gewordensind, dann werden wir auch im Hinblick auf seine Auferstehung mit ihm eins sein. Was wir verstehen müssen, ist dies: Der Mensch, der wir waren, als wir noch ohne Christus lebten, ist mit ihm gekreuzigt worden, damit unser sündiges Wesen unwirksam
gemacht wird und wir nicht länger der Sünde dienen. Denn wer gestorben ist, ist vom Herrschaftsanspruch der Sünde befreit.“ (Röm. 6, 3-7 NGÜ)

Die Taufe ist ein Begräbnis. Wir erkennen, dass unser alter, von der Sünde beherrschte Mensch mit Christus gestorben ist. Jesus hat dort am Kreuz nicht nur unsere Sünden, sondern auch unseren alten, von der Sünde zerstörten Menschen weggenommen, neutralisiert. In der Taufe wird unser altes, sündiges Leben mit Christus begraben. Es hat nun keine Macht mehr über uns. Dieses alte Leben kann uns nicht mehr beherrschen und bestimmen. Dies beinhaltet auch eine juristische Dimension, d.h. wir sind der Herrschaft der Sünde und der Herrschaft des Teufels gestorben. Das Gesetz hat kein Recht mehr an uns; die Anklage kann nicht mehr
greifen. Einem Toten kann man nichts mehr anhaben. Ich bin frei!

Denn die Taufe ist auch Auferstehung: Nachdem die Herrschaft der Sünde über unser Leben gebrochen ist, sind wir frei durch Gottes Kraft in einem neuen Leben zu gehen. Wir sind mit ihm verwachsen, wir haben ihn angezogen (Röm. 6,5; Gal. 3,27).

Dieser Bedeutung wird durch den Akt des Untertauchens und Auftauchens - begraben und auferstanden - entsprochen (es wäre andererseits auch ungünstig den Täufling unter Wasser zu lassen).

In den meisten Bibelstellen über die Taufe hat die Sprache nicht nur symbolische, sondern instrumentale Funktion, d.h. sie ist nicht nur wie ein Begräbnis, sie ist ein Begräbnis, wir sind nicht nur wie gestorben, sondern wir sind gestorben. Es ist so, als ob das Zeichen das vollbringt, was es bedeutet. Die Taufe ist zwar Symbolik, aber sie ist mehr als das. Sie ist ein Mysterium. Daher hören wir auch immer wieder mal Zeugnisse, wo Heilungen, Befreiungen während der Taufe stattgefunden haben. Ich habe sogar mal davon gelesen, dass Tätowierungen verschwunden sind.

In der Apostelgeschichte wird deutlich, dass überhaupt kein Handlungsspielraum besteht, bei der Frage, ob eine Taufe auf den Namen Jesu Christi notwendig ist oder nicht. Als im Haus des Cornelius Nicht-Juden zum ersten Mal den Heiligen Geist erhalten, sagt Petrus: „Wer hätte jetzt noch das Recht, diesen Leuten die Taufe zu verweigern - jetzt, wo sie genau wie wir den Heiligen Geist empfangen haben?“ Und er ordnete an, sie im Namen von Jesus Christus zu taufen.“ (Apg. 10, 47.48 NGÜ)
Und als Paulus auf eine Gruppe von Johannes-Jüngern traf, die allesamt getauft waren, aber nur mit der Bußtaufe des Johannes, die ja auch nur wie die levitischen Waschungen eine Vorbereitung auf Jesus war, wies er sie an, sich noch auf den „Namen von Jesus, dem Herrn, taufen“ (Apg. 19,5 NGÜ) zu lassen. Beide Apostel haben also darauf gedrängt die Taufe zu vollziehen. Es ist sogar die Rede
von einem Rechtsanspruch.

Zurück zu meiner Frage: Was bedeutet die neutestamentliche Taufe im Kontext der levitischen Waschungen und der himmlischen Reinigung? Die Taufe allein ist nicht errettend, aber sie ist Teil der Errettung. Jesus sagt: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet werden.“ (Mk. 16,16 NGÜ)
De Taufe ist der äußerlich sichtbare Abschluss der Umkehr zu Gott. Die Taufe ist die Vollendung der Bekehrung. Die Taufe ist der Abschluss mit dem alten Leben. (Als Gegenstück für den Empfang des neuen Lebens könnte man dann den Empfang des Heiligen Geistes und die dabei stattfindende Versiegelung mit dem Geist Gottes hernehmen). Die Taufe ist das irdische Zeichen für die im Himmel vollzogene Reinigung.

Wenn man sich nun die ganzen Aspekte der verschiedenen Taufen - AT und NT - vergegenwärtigt: Reinigung nach Unreinheit, Sterben des alten Menschen, Gehorsamsschritt nach Buße und Glauben, Reinigung der Sünden usw., findet man dabei irgendwelche Aspekte, die man - ohne die Bibel zu verdrehen oder neue Theologien zu entwerfen - auf die Taufe von Säuglingen anwenden kann?

Martin Luther hat dazu gesagt: „Die Taufe hilft niemand, ist auch niemand zu geben, er glaube denn für sich selbst, und ohne eigenen Glauben niemand zu taufen ist. Der Glaube muss vor oder je in der Taufe sein...wo wir nun nicht können beweisen, dass die jungen Kinder selbst glauben und eigenen Glauben haben, da ist es mein treuer Rat und Urteil, dass man stracks abstehe, je eher, desto besser, und taufe nimmermehr kein Kind, damit wir nicht die Hochgelobte Majestät Gottes mit solchen
Alfanzen und Gaukelwerk, dahinter nicht ist, spotten und lästern.“

In späteren Jahren hat er dann seine Meinung leider geändert, wie in vielen anderen Bereichen auch: Judenverfolgung, Hinrichten der Wiedertäufer etc.

Daher prüft bei Euch selbst, studiert die Schrift, macht Euch nicht abhängig von Kirchendoktrinen: Wenn Euch der Heilige Geist auf dieses Thema anspricht und Ihr ein inneres Drängen spürt. Was hindert Euch? Wartet nicht ab! An Ostern ist wieder Gelegenheit sich taufen zu lassen.
Ich habe auch weiterhin persönlich kein Problem, wenn jmd. hier ein anderes Verständnis hat, aber noch mehr freue ich mich, wenn einzelne sich dafür entscheiden ihren Glauben durch die Taufe öffentlich zu bezeugen.

3. Handauflegung

Das vierte Element bei den christlichen Fundamenten ist die Handauflegung. Und sind wir ehrlich, es gibt wohl kaum jmd. unter uns, der dies in diese TOP-Liste aufgenommen hätte.

Wir wissen alle, wenn wir aneinander die Hände schütteln, dann können wir da so einiges weitergeben,v
dass der andere vielleicht nicht unbedingt empfangen möchte: Schweinegrippe, grippaler Infekte, Magen-Darm-Grippe usw. Dinge, die wir nicht sehen und doch sind sie da.
Ähnlich ist es auch bei der Handauflegung in der Bibel. Auch hier wird etwas weitergegeben, dass nicht sichtbar, sondern geistlich ist, aber vorhanden ist. Handauflegung ist weder Hokuspokus, noch banales Händeschütteln. Sie ist ähnlich wie die Taufe, ein Mysterium, in dem geistliche Inhalte transportiert werden.

Die Bibel beinhaltet keine vollständige Lehre der Handauflegung und auch ich habe mir jetzt nicht die Mühe gemacht, sie systematisch zu entfalten. Ich möchte daher einfach ein paar Beispiele beispielhaft weitergeben.

Wir findenHandauflegung bei/beim

- der Übertragung der Schuld auf Tiere (Identifikation) im Gesetz (3. Mose 16,21)
Dem Opfertier wurden die Hände aufgelegt, die Schuld wurde bekannt und gilt als auf das Tier übergegengen, welches dann geopfert wurde.

- der Übertragung des Erstgeburtsrecht auf die Leviten (Erstgeburtsrecht) (4. Mose 8,10)
Die Fürsten der Stämme legten die Hände auf die Leviten, die jetzt als Erstgeborene galten und für den Tempeldienst abgesondert wurden.

- der Segnung (siehe unumkehrbarer Segen bei Jakob/Esau oder Ephrain/Manasse (1. Mose 48, 17-19)
Die Unumkehrbarkeit der Segnung des Zweitältesten verdeutlich das tatsächliche Weitergeben von Kraft o.ä.

- der Weitergabe von Moses Autorität auf Josua

„Und der Herr sprach zu Mose: Nimm dir Josua, den Sohn des Nun, einen Mann, in dem der Geist ist, und lege deine Hand auf ihn! Und stelle ihn vor den Priester Eleasar und vor die ganze Gemeinde, und beauftrage ihn vor ihren Augen, und lege von deiner Würde einen Teil auf ihn, damit die ganze Gemeinde der Söhne Israel ihm gehorche!“ (4. Mose 27, 18-20 Rev. Elbf.)

„Josua aber, der Sohn des Nun, war erfüllt mit dem Geist der Weisheit; denn Mose hatte seine Hände auf ihn gelegt. Und die Söhne Israel gehorchten ihm und taten, wie der Herr dem Mose geboten hatte.“ (5. Mose 34,9 Rev. Elbf.)

- diversen Heilungen durch Jesus (Mk. 6,5; Mt. 9,18; Mk. 8, 23-25 (hier sogar 2x))

- Empfang des Heiligen Geistes (Apg. 8,17)

- Empfang einer Geistesgabe bei Timotheus (1. Tim. 4,14)

- der Aussendung von Paulus und Barnabas (Apg. 13,3)

- der Einsetzung in Ämter (Apg. 6,6)

- der Segnung von Kindern (Mt. 19,13)

Handauflegung ist nicht nur eine Zeremonie, sondern ein Kanal für die Dimension (das Wirken)
des Heiligen Geistes. Es kann aber wohl nur das weitergegeben werden, was der Segnende bereits in sich trägt (an Autorität, Vollmacht etc.).

Wir praktizieren die Handauflegung bei vielen dieser Anlässe. Die Frage ist nur: Sind wir uns auch immer darüber bewusst, was wir eigentlich praktizieren. Die Tatsache, dass sie hier als Basisinformation im Hebräerbrief erwähnt wird, spricht dafür, dass wir sie in ihrer Bedeutung nicht unterschätzen sollten.

AMEN.

Sonntag, 7. Februar 2010

Predigt von Norbert Wohlrab (07.02.10)

Christliche Glaubensgrundlagen (Teil 1) nach Hebr. 6, 1-3

1. Einleitung

Wir können alle einigermaßen mit Zahlen umgehen. Selbst wenn wir jetzt keine Mathe- Genies sind, beherrschen wir doch im Groben das kleine 1x1 und benutzen es auch mehrfach täglich. Wir wissen z.B., dass wenn wir um 8.00 Uhr im Büro oder in der Schule sein müssen und eine halbe Stunde Fahrtzeit haben, dann müssen wir allerspätestens um 7.30 Uhr aus dem Haus gehen (manchen brauchen ein paar Jahrzehnte um das zu verinnerlichen). Und wenn wir wissen, dass wir - je nach dem wie unser täglicher Morgenablauf aussieht - zuvor noch Frühstücken wollen, ins Bad gehen usw., dann wissen wir unser Wecker muss um 6.30 Uhr oder 7.00 Uhr o.ä. klingeln. Das sind alles ganz banale Rechnereien, die wir ohne groß darüber nachzudenken, täglich ausführen.

Oder - anderes Beispiel - wir können alle mit unserer Währung, dem Euro, umgehen. Wir wissen z.B., wenn der normale Einkauf im Supermarkt 40,- Euro kostet und auf einmal 80,- Euro auf dem Kassenzettel stehen, dann liegt irgendwo ein Fehler vor. Oder wenn mir die Verkäuferin beim Bäcker auf einmal 10,- Euro für einen Leib Brot berechnen will, dann stimmt etwas nicht. Wir überschlagen ganz automatisch die Beträge im Kopf. Schwierig wird es, wenn wir ins Ausland reisen. In der Euro-Zone ist ja alles gleich, da gibt es dann zwar Preisunterschiede bei einzelnen Artikeln, aber wir müssen uns beim Umgang mit der Währung nicht umstellen. Wenn wir in Länder reisen mit sog. „harter Währung“ wie Schweiz, USA oder Großbritannien, können wir uns auch noch relativ schnell umstellen. In anderen Ländern wird´s dann schon schwieriger. Dort müssen wir dann immer mit 10x-Beträgen umgehen und bis wir uns daran gewöhnt haben (wenn überhaupt) sind wir schon wieder zu Hause.

Vor vier Jahren sind wir nach Griechenland gereist und um möglichst wenig Balkan-
Staaten durchqueren zu müssen, sind wir über Ungarn gefahren. Es war schon spät
abends und wir wollten noch vor Serbien übernachten. Also haben wir uns in der letzten Stadt vor der Grenze - ich glaube sie hieß Szeged - ein Hotel gesucht. Zuvor hatten wir etwas Euro in Forint getauscht. Wir hatten dann nach längerem Suchen endlich ein Hotel gefunden, es war zur allgemeinen Überraschung ein Hotel der Novotel-Kette. Ich hab mir dann die Preise angeschaut und gesehen, dass es uns umgerechnet rund 20,- Euro für vier Personen kosten würde. Ich dachte mir noch: „Super, Ungarn ist immer noch so billig wie früher.“ Als wir dann eingecheckt hatten, habe ich mir die Preise noch mal genau angeschaut und festgestellt, es kostet uns nicht 20,- Euro sondern 200,- Euro. Ich hatte mich wegen der hohe Zahlen und der unbekannten Währung um eine Zehnerstelle verrechnet. Wir haben´s dann zwar noch 30,- Euro billiger gekriegt, aber das war schon erstmal ein ganz schönes Loch in unserer Urlaubskasse. Zur Strafe hab ich Ihnen dann am nächsten Morgen die ganzen Ham & Eggs vom Frühstücksbuffet weggefuttert. Wenn ich schon so viel zahle, wollte ich wenigstens den ganzen Tag nichts mehr für Essen ausgeben müssen.

Lange Einleitung, kurzer Sinn: es ist für uns alle selbstverständlich in unserem Alltag, dass wir - zumindest im kleinen Rahmen - sicher mit Zahlen umgehen. Ansonsten würden wir zu spät (oder zu früh) zur Arbeit/Schule erscheinen, zuviel beim Einkaufen bezahlen, über´s Ohr gehaut werden usw. und würden dann dadurch einen Schaden erleiden.
Ganz genauso wichtig ist es, dass wir mit den Grundlagen unseres Glaubens vertraut
sind. Dass wir verstehen, was der Inhalt unseres Glaubens ist, dass wir Aussagen,
Verhaltensweisen, Werte, Lehren überprüfen und beurteilen können.

2. Begründung für Predigtreihe

Der Schreiber des Hebräerbriefs - vermutlich Barnabas oder jmd. anderes aus dem
Umfeld des Paulus - schreibt an eine Gruppe von Judenchristen einen Brief, in dem er Ihnen die Bedeutung von Jesus Christus aus der Perspektive des AT betrachtet auslegt. Im 5. Kapitel unterbricht er dann seine Ausführungen und wird richtig stinkig. Er wirft den Lesern vor, dass sie desinteressiert und träge geworden sind, dass sie eigentlich andere lehren müssten und doch selbst wieder Unterweisung brauchen, dass sie wieder Milch statt fester Speise brauchen. Und dann fährt er fort:

„Weil uns nun aber daran liegt, dass ihr im Glauben erwachsen werdet, wollen wir nicht bei den Anfangslektionen der Botschaft von Christus stehen bleiben, sondern uns dem zuwenden, was zur Reife im Glauben gehört. Wir wollen nicht von neuem über die Dinge reden, die das Fundament bilden: über die Abkehr von Taten, die letztlich zum Tod führen, und über den Glauben an Gott, über die Bedeutung der
Taufe im Unterschied zu anderen Waschungen und über die Handauflegung, über die Auferstehung der Toten und über das letzte Gericht mit seinem ewig gültigen Urteil. Nein, wenn Gott es zulässt, wollen wir jetzt weitergehen.“ (Hebr. 6, 1-3 NGÜ)

Ich möchte heute anfangen das zu tun, was der Schreiber hier nicht wieder tun will, ich will über diese sechs Basics sprechen, die er hier als Anfangslektionen voraussetzt. Als ich mit der Vorbereitung angefangen habe, habe ich zunächst an eine Predigt gedacht, dann war mir bald klar, es werden mindestens zwei. Vielleicht werden es sogar drei oder vier.

Warum ist mir dieses Thema so wichtig geworden?
Zunächst gehe ich einmal davon aus, dass Gott es mir auf´s Herz gelegt hat. Nun ist es nicht so, dass ich denke wir brauchen wieder Milch statt fester Speise - dies gleich
vorneweg um niemanden zu beleidigen -, sondern ich sehe und erlebe, dass wir in
gefährlichen Zeiten leben. Die Bibel spricht von Zeiten der Verführung und des Abfalls. Und wir werden davor gewarnt und sollen wachsam sein.

Wir leben in Zeiten, in denen immer mehr gesellschaftliche Strömungen in den Gemeinden Einzug halten. Ein zunehmender Egozentrismus und Individualismus: die Gemeinde muss mir dienen, das Reich Gottes muss meine Bedürfnisse befriedigen, ich muss mich verwirklichen können. Auch bei den Jugendlichen stellt man immer mehr fest, dass für uns selbstverständliche Werte wie Regelmäßigkeit oder Verbindlichkeit nicht mehr vorhanden sind.
Oder ein zunehmender Hedonismus: Alles ist o.k., was mir etwas bringt, was mir gut tut. Damit einhergehend ein zunehmender Liberalismus, eine Toleranz gegenüber allen anderen Werten, unabhängig davon, was die Bibel darüber sagt. Ach ja: die Bibel? Ist sie überhaupt noch Wort Gottes. Selbst die Bibel wird relativiert, nicht mehr ernst genommen.Und das obwohl es doch heißt:

„Du jedoch sollst an der Lehre festhalten, in der du unterwiesen worden bist und von deren Glaubwürdigkeit du dich überzeugen konntest. Du kennst ja die, die dich gelehrt haben, und bist von Kind auf mit den heiligen Schriften vertraut, aus denen du alle Wegweisung bekommen kannst, die zur Rettung nötig ist – zur Rettung durch den Glauben an Jesus Christus. Denn alles, was in der Schrift steht, ist von Gottes Geist eingegeben, und dementsprechend groß ist auch der Nutzen der Schrift: Sie unterrichtet in der Wahrheit, deckt Schuld auf, bringt auf den richtigen Weg und erzieht zu einem Leben nach Gottes Willen. So ist also der, der Gott gehört und ihm dient, mit Hilfe der Schrift allen Anforderungen gewachsen; er ist durch sie dafür ausgerüstet, alles zu tun, was gut und richtig ist.“ (2. Tim. 3, 14-17 NGÜ)

Alle Schrift ist von Gott eingegeben, eingehaucht wie es wörtlich heißt. Was das genau
bedeutet wäre ein eigenes Thema.

Ich weiß nicht, ob nur eine zufällige Häufung stattgefunden hat, aber ich hatte viele
Begegnungen in den letzten Monaten, wo ich wirklich erschrocken darüber bin, was
manche heute glauben. Personen, die - wie ich dachte - vor 10, 20 Jahren noch mit mir die selbe Glaubensbasis geteilt haben, haben heute eine liberal-theologische Einstellung.

Die einen reißen Seiten aus der Bibel heraus und erklären sie für ungültig, weil sie ihren Vorstellungen von „sündloser Super-Christ“ widersprechen. Die anderen nehmen nur noch das ernst, was ihnen gerade genehm ist. Dort kann jeder bleiben, wie er ist. Bei ihnen wird - bildlich gesprochen - der wartende Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn zu jmd., der mit dem Sohn gleich zusammen das Geld in Gelagen durchgebracht hat oder Jesus wird zu jmd., der nicht nur mit Sündern gegessen hat, sondern gleich mit ihnen mitgemacht hat. Und für die dritte Gruppe sind auf einmal auch andere Wege zu Gott denkbar. Auch der Moslem, der Esoteriker hat doch auch irgendwie einen Weg zu Gott gefunden. Wir leben in gefährlichen Zeiten in denen die Basis unseres Glaubens ausgehöhlt wird.

Deshalb gibt Paulus den Ältesten von Ephesus auch mit auf den Weg:

„Gebt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, die Gemeinde Gottes, zu deren Leitern euch der Heilige Geist eingesetzt hat. Sorgt für sie als gute Hirten; Gott hat sie ja durch das Blut seines eigenen Sohnes erworben. Ich weiß, dass nach meinem Abschied reißende Wölfe bei euch eindringen und erbarmungslos unter der Herde wüten werden. Sogar aus euren eigenen Reihen werden Männer auftreten, die die Wahrheit verdrehen, um die Jünger ´des Herrn` irrezuführen und auf ihre Seite zu
ziehen. Seid also wachsam und denkt daran, dass ich drei Jahre lang unermüdlich, Tag und Nacht, jedem Einzelnen von euch den rechten Weg gewiesen habe, und das oft genug unter Tränen.“ (Apg. 20, 28-31 NGÜ)

Eine Aufforderung, eine Warnung, die absolut zeitlos ist.

Nun zum Text. Der Schreiber nennt hier sechs scheinbar „banale“ Themen als Grundlage für die christliche Lehre, die aber bei genauerem Betrachten gar nicht so einfach sind.

3. Buße/Umkehr

Als erstes nennt er „die Abkehr von Taten, die letztlich zum Tod führen“ (NGÜ) oder die „Buße von toten Werken“ (Rev. Elb.) oder „Umkehr von den toten Werken“ (Luther 1984).

Betrachten wir zunächst den ersten Teil dieser Aufforderung:
Buße ist ein absolut unangenehmer Begriff. Ein Unwort. Wenn wir dieses Wort hören,
dann ist uns sofort klar, das ist irgendwie unangenehm - selbst wenn wir keine Ahnung haben, was damit eigentlich gemeint ist. Wenn wir diesbezüglich gänzlich unbedarft sind, stellen wir uns dabei vielleicht Szenen vor wie bei „Der Name der Rose“ oder bei „Luther“, wo sich Mönche mit Peitschen selbst Verletzungen zufügen oder wir denken an Pilger, die eine Bußwallfahrt durchführen. Aber all das hat mit Buße nichts zu tun und deshalb wird es in vielen Übersetzungen auch besser mit Umkehr übersetzt. Das griechische Wort „metanoia“ bedeutet nämlich auch Sinnesänderung, Umkehr. Es findet ein Umdenken statt.

Trotzdem ist Buße/Umkehr eine Aufforderung, die man heute selten hört. Sie ist uns
unbequem, unangenehm. Wir haben irgendwie das Gefühl, dass sie nicht mit dem
Evangelium zusammenpasst. Das Evangelium ist doch eine frohe Botschaft. Nichts
Unangenehmes. Unser Gott ist doch ein Gott der Liebe. Was sagt denn Gott eigentlich
dazu?

Der letzte Prophet des alten Bundes, Johannes der Täufer, predigt - Walter hat es uns an Heiligabend so vortrefflich demonstriert - Buße: „Kehrt um! (Tut Buße! ) Denn das Himmelreich ist nahe!“ (Mt. 3,2)
Und als das Reich Gottes dann in Jesus Christus hereinbricht in diese Welt müsste diese Aufforderung dann nicht hinfällig geworden sein? Aber Jesus Christus predigt
überraschenderweise: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Rev. Elb.) „Kehrt um und glaubt diese gute Botschaft!“ (NGÜ) (Mk. 1,15).
Und dann auch noch die Jünger. Sie gehen umher und predigen, dass die Menschen
Buße tun sollten. Sie riefen zur Umkehr auf. (Mk. 6,12). O.K., es war ja noch immer der alte Bund, das Blut des neuen Bundes war ja noch nicht vergossen, das Erlösungswerk noch nicht vollbracht. Dann müsste sich doch nach dem Opfertod irgendwas in der Ausrichtung der Botschaft geändert haben. Aber seltsamerweise nicht, denn Jesus sagt zu seinen Jüngern vor der Himmelfahrt, indem er ihnen die Prophetie des AT erklärt, dass in „seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden gepredigt werden (muss) allen Nationen, angefangen von Jerusalem.“ (Lk. 24,47 Rev. Elb.)

Und genau das tun die Jünger. Bei der ersten Predigt, der sog. Pfingstpredigt des Petrus,
als aus den ersten Menschen nach der Himmelfahrt Christen werden, als aus den ersten Juden Christen werden und sie Petrus fragen, was sie denn jetzt tun sollen, wie sie denn jetzt auf die Predigt reagieren sollen. (Vielleicht war Petrus erstmal überrascht: Ach so, ja. Reaktion? Wie denn? Ich war neulich auch ganz überrascht, als jmd. auf meine Predigt reagieren wollte. An so eine Möglichkeit hatte ich gar nicht gedacht.) Und Petrus antwortet - und wir sind jetzt im neuen Bund - „Tut Buße!“ „Kehrt um!“ (Apg. 2,38). Und dies ist jetzt keine spezielle Botschaft für die Juden, weil sie Jesus als Messias abgelehnt. Auch Paulus - der Heidenapostel - spricht zu den Ältesten von Ephesus:

„Juden wie Nichtjuden forderte ich eindringlich auf, zu Gott umzukehren und an Jesus, unseren Herrn, zu glauben“ (Apg. 20,21 NGÜ)

Buße ist kein Relikt des AT. Buße ist nichts Antiquarisches. Buße ist nichts Überholtes. Buße ist der Weg, den Gott den Menschen vorbereitet hat.

„Begreifst du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr bringen will?“ (Röm. 2,4b NGÜ)

Um die Frage von vorhin zu beantworten. Wie passt den die gute Nachricht, die Botschaft vom Gott der Liebe mit der Aufforderung zur Buße zusammen: Es ist Gottes Liebe, die mir die Möglichkeit zur Umkehr, zur Buße gibt.
Unser Auftrag ist es die Menschen in der Liebe Gottes bzw. durch die Liebe Gottes zur
Buße zu führen.

Man kann Jesus Christus nicht in sein Leben adoptieren und den Weg weiter in die falsche Richtung gehen. Der moderne Mensch ist es gewohnt für sich selbst festzulegen, was gut und richtig ist. Und wenn der christliche Glaube auch noch dazu passt, dann nimmt man ihn halt auch noch mit. Aber damit wird man halt nur ein „angebibelter“ Sünder, nur eine Prise christlich und ist damit immer noch auf dem Weg ins Verderben (Hölle).

Wenn ich nach Brüssel mit dem Auto fahren will und auf einmal die Oder überquere, bin ich in Polen und nicht in Belgien, dann nützt es nichts weiterzufahren, dann muss ich umkehren. Aber es langt auch nicht, wenn ich das Auto zwar wende und dann rückwärts immer tiefer nach Polen hineinfahre. So komm ich auch nicht nach Brüssel. Auch wenn ich wende und in Richtung Brüssel winke, komme ich nicht dorthin.

Buße ist unangenehm, weil sie hat was mit mir persönlich zu tun, man muss zugeben und sich und anderen und Gott eingestehen, dass man falsch gelegen hat. Und wer lässt sich schon gerne sagen: „So wie Du lebst ist verkehrt!“

Buße heißt, dass ich übereinstimme mit der Bewertung Gottes meiner Situation bzw.
meines Lebens, dass ich zu Gottes Maßstab von Sünde „Ja“ sage, dass ich erkenne ich
bin auch ein Sünder und brauche das Angebot der Vergebung.

Gott ist Liebe und Gott ist der Richter. Das Evangelium ist eine Jacke, die man niemanden drüber werfen kann, er muss sie selber anziehen. Wir ziehen Christus durch die Taufe an (Gal. 3,27). Das Evangelium ist keine Zwangsjacke.
Umkehr heißt auch, dass ich meinen Lebensstil dauerhaft ändern will. Umkehr von den toten Werken. Lassen der toten Werke. Was nicht bedeutet, dass mir das sofort und immer gelingen muss, schon gar nicht aus eigener Kraft. Aber die Willensentscheidung muss vollzogen sein.

Die Empfänger des Hebräerbriefes haben damals unter „tote Werke“ etwas ganz anderes verstanden. Für uns sind es in erster Linie „Werke des Fleisches“ (Auflistung in Gal. 5, 19-21: „sexuelle Unmoral, Schamlosigkeit, Ausschweifung, Götzendienst, okkulte Praktiken, Feindseligkeiten, Streit, Eifersucht, Wutausbrüche, Rechthaberei, Zerwürfnisse, Spaltungen, Neid, Trunkenheit, Fressgier und noch vieles andere, was genauso verwerflich ist.“). Für sie waren es jedoch die „Werke des Gesetzes“. Sie waren fromme Menschen und in der Gefahr wieder in Teilen sich an Verpflichtungen des
Gesetzes zu binden. Sie wollten der Erlösung aus Gnade wieder die Opferrituale des
levitischen Bundes hinzufügen. Und hätten damit das Opfer Christi hinfällig gemacht
(Hebr. 6, 4-6). Es wird ja kein Opfer mehr benötigt, da Jesus Christus ein für allemal das Opfer vollbracht hat. Auch scheinbar fromme Werke können tote Werke sein, wenn sie getan werden, weil man denkt dadurch Erlösung zu bekommen.

Die erste Glaubensgrundlage ist also Buße/Umkehr. Umkehr ist die Hinwendung zu Gott. Das Erkennen der eigenen Sünde und der Erlösungsbedürftigkeit. Es gibt keine Umkehr zu Gott ohne eine Umkehr zu Gott. Es ist wichtig, dass wir unsere eigenen
evangelistischen Bemühungen dahingehend reflektieren. Das Evangelium ist eine frohe Nachricht für Sünder, nicht für Menschen, die meinen, dass sie keine Sünder sind.

Aber auch in unserem Leben, wenn wir schon jahrelang in der Nachfolge stehen, kann es notwendig sein in einzelnen Bereichen unseres Lebens umzukehren. Wutausbrüche, Zerwürfnisse, Neid klingt ja irgendwie nicht so ganz unerreichbar ferne.

4. Glaube an Gott

Die zweite Grundlage ist der Glaube. Buße und Glaube bilden beides zusammen die
Bekehrung. Die Buße beinhaltet die negative Seite mit der Abkehr von den Werken, der Glaube die positive Seite mit der Hinwendung an Jesus Christus.

Wir haben das Problem, dass in unserem Sprachumfeld „Glaube/glauben“ ganz anders verstanden wird. Tragen wir doch einmal ein paar typische Alltagsredewendungen mit „Glaube/glauben“ zusammen.

(„Ich glaube, dass es morgen regnet.“, „Ich glaube, dass heute schönes Wetter wird.“, „Ich glaub´ Du hast sie nicht mehr alle!“, „Das glaub´ ich nicht!“, „Glauben heißt nicht wissen!“).

Im Allgemeinen sind dies Äußerungen, die ausdrücken: „Ich weiß es nicht ganz genau.“ Das ist aber der krasse, absolute, vollständige Gegensatz zu dem, was die Bibel unter Glauben versteht. Und wir haben das Problem, dass wir automatisch die
alltagssprachlichen Inhalte in unser christliches Verständnis mit hineinnehmen.

Gottes Wort sagt jedoch:

„Was ist denn der Glaube? Er ist ein Rechnen mit der Erfüllung dessen, worauf man hofft, ein Überzeugtsein von der Wirklichkeit unsichtbarer Dinge.“ (Hebr. 11,1 NGÜ)

Das griechische Wort für Glaube „pistis“ ist abgeleitet von dem Verb „peitho“ „überzeugt sein“. Glauben ist nicht ein nebulöses Vorstadium des Wissens. Glauben ist mehr als Wissen. Glauben ist eine Steigerung davon. Glauben ist eine in den tiefsten Schichten meines Wesens eingravierende Erkenntnis.

Ich bin überzeugt, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist! Ich weiß, dass mein Erlöser
lebt! Ich weiß, dass ich weiß, dass mein Erlöser lebt! Ich habe erkannt, dass er für mich gestorben ist!

Genauso, wie ich davon überzeugt bin, dass hier Luft zum Atmen vorhanden ist, auch
wenn ich sie nicht sehe.

Jmd. der glaubt, dass es einen Gott gibt, der vielleicht sogar davon überzeugt ist, glaubt deshalb noch lange nicht an Gott. Oder wie es so schön im Jakobusbrief heißt:

„Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht; auch die Dämonen glauben und zittern.“ (Jak. 2,19 Rev. Elb.)

Glauben im christlichen Sinne ist nicht glauben, dass es einen Gott gibt. Glauben ist auch nicht glauben, dass es nur einen Gott gibt. Es gibt nur eine einzige Möglichkeit des Glaubens an Gott.

Jesus spricht: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich.“ (Joh 14,6 Rev. Elb.)

Es gibt nur diese Möglichkeit des Glaubens an Gott. Kein Jude kommt zum Vater, als nur durch Jesus. Kein Muslim, der Jesus vielleicht als Prophet anerkennt, kommt zum Vater, als nur durch Jesus. Kein Namenschrist, der als Säugling getauft wurde, aber mit Jesus nichts am Hut hat, kommt zum Vater, als nur durch Jesus. Kein angebibelter Esoteriker, kein noch so netter Philanthrop, kein Gutmensch. Es gibt nur diesen Weg! Würde es auch noch einen anderen geben, hätte sich Jesus den ganzen Aufwand schenken können.

Das sind die Grundlagen unseres Glaubens: Umkehr zu Gott und Überzeugtsein von
Jesus Christus. Wir tun niemanden einen Gefallen, wenn wir ihn Christ nennen oder so behandeln und er ist es doch nicht. Er hat nichts davon, wenn er in der Hölle landet und wir auch nicht. Nur weil wir ihm im Alltag dadurch vielleicht nicht vergrätzen? Oder weil wir uns angenehmer fühlen? Jesus redet von einem schmalen Weg, einer engen Pforte, einem Nadelöhr. Es ist nicht Party im Himmel, wenn sich wieder jmd. Christ nennt, sondern wenn ein Sünder Buße tut (Lk. 15,7). Wir müssen unser Reden auf Klarheit überprüfen. Klar sein ohne vor den Kopf zu stoßen ist sicher eine absolute gesprächstechnische Herausforderung.

Paulus hat mit seiner Klarheit viele Anfeindungen erlebt, er wurde verhöhnt, verspottet, gesteinigt, verfolgt, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit, aber es gab auch viele, die sich von ihm haben überzeugen lassen.
Wir haben den Vorteil: wir wissen es gibt nichts Besseres, nichts Erfüllenderes als ein
Leben mit Gott. Davon können wir Zeugnis geben!

Lasst uns zum Abschluss dieses ersten Teils noch das Glaubensbekenntnis sprechen.

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.
Amen.