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Samstag, 7. Februar 2026

Predigt von Norbert Wohlrab (06.02.2026)

Werbeclip - The Guardian: Point Of View (1986)

Audio

 

Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig oder den richtigen Blickwinkel haben


1. Einleitung

Dieser prämierte Werbeclip von 1986 zeigt in nur weniger als 30 Sekunden, wie wichtig es ist, den richtigen Blickwinkel bzw. den richtigen Standpunkt (Point of View) zu haben, um ein Geschehen objektiv beurteilen zu können. 
Ist es ein Skinhead, der einen Geschäftsmann attackiert oder ein Skinhead, der das Leben eines Geschäftsmannes rettet?

Den richtigen Blickwinkel zu haben, ist heute genauso aktuell wie damals und wird es wohl immer auch bleiben. In der Gesellschaft, in der Politik, im Arbeitsalltag und auch in der Gemeinde. Nur allzu leicht kommen wir in Situationen, wo wir ein Geschehen oder das Verhalten anderer Menschen beurteilen, sogar verurteilen, ohne ausreichend Informationen haben, ohne ausreichend Zusammenhänge zu kennen oder ohne uns ausreichend in die anderen hineinversetzt zu haben. 

Aber auch im Umgang mit der Bibel ist es wichtig, den richtigen Blickwinkel oder die richtige Haltung einzunehmen. Ich kann mit der Bibel Menschen erschlagen oder ich kann mit ihr Menschen erhöhen, ihnen Gutes tun, sie segnen. 

Im Laufe der Jahrhunderte wurden immer wieder Menschen im Namen der Heiligen Schrift oder im Namen Gottes getötet, verbrannt, gesteinigt, gefoltert, eingekerkert und auch heute werden Menschen noch ausgegrenzt, abgelehnt oder stigmatisiert. Auch Jesus wurde im Namen der Schrift getötet.

Ich möchte heute mit Euch drei Stellen aus dem NT anschauen, in denen ein Perspektivenwechsel weitreichende Folgen gehabt hat. 


2. Der Buchstabe tötet

Zunächst jedoch ein paar Verse aus dem 2. Korintherbrief, die auch von einen Perspektivenwechsel sprechen.

„6 Nur durch ihn können wir die rettende Botschaft verkünden, den neuen Bund, den Gott mit uns Menschen geschlossen hat. Dieser Bund ist nicht mehr vom geschriebenen Gesetz bestimmt, sondern von Gottes Geist. Denn der Buchstabe des Gesetzes tötet, Gottes Geist aber schenkt Leben.
7 Schon der Dienst im alten Bund, der auf dem in Stein gemeißelten Gesetz beruhte und den Menschen den Tod brachte, ließ etwas von Gottes Herrlichkeit erkennen. Nachdem Gott Mose das Gesetz gegeben hatte, lag da nicht ein Glanz auf Moses Gesicht – so stark, dass die Israeliten es nicht ertragen konnten? Dabei war es doch ein Glanz, der wieder verblasste!
8 Wie viel herrlicher muss es dann sein, Gott im neuen Bund zu dienen und die rettende Botschaft von Christus zu verkünden! Denn dieser Dienst führt Menschen durch Gottes Geist zum Leben.
9 Wenn schon der Auftrag, der den Menschen die Verurteilung brachte, so sichtbar Gottes Herrlichkeit ausstrahlte, wie viel herrlicher ist dann der Auftrag, durch den die Menschen von ihrer Schuld vor Gott freigesprochen werden!
10 Ja, was damals herrlich erschien, verblasst völlig vor der überwältigenden Herrlichkeit unseres Auftrags.
11 Wenn schon die alte Ordnung, die doch nur für eine bestimmte Zeit galt, Gottes Herrlichkeit erstrahlen ließ, um wie viel mehr wird sich Gottes Herrlichkeit durch die neue Ordnung offenbaren, die ewig gilt!“ (2. Kor. 3, 6-11 HfA)


Hier wird vom Wechsel vom Alten zum Neuen Bund gesprochen, von einer alten zu einer neuen Ordnung, von Vergänglichkeit zu Herrlichkeit, von Tod zum Leben.

„Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.“ (2. Kor. 3,6b ELB)

Oder in einer dritten Übersetzung:

„Denn das Gesetz bringt den Tod, aber der Geist ´Gottes` macht lebendig.“ (NGÜ)

Das Gesetz des alten Bundes bringt nichts anderes als den Tod, aber der neue Bund, der auf Gnade basiert, bringt Leben durch den Geist Gottes. Das ist ein gewaltiger Perspektivenwechsel. Vom Tod zum Leben. 

Jesus sagt: „Ich aber bin gekommen, um ihnen Leben zu bringen – Leben in ganzer Fülle.“ (Joh. 10,10b NGÜ)


3. Beispiel 1: Jesus und die Ehebrecherin

Meine erste Stelle für einen Perspektivenwechsel. Eine ganz bekannte Geschichte.

„3 Da schleppten die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau heran, die beim Ehebruch überrascht worden war. Sie stellten sie in die Mitte, wo sie von allen gesehen werden konnte,
4 und sagten zu Jesus: »Lehrer, diese Frau wurde auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt.
5 Im Gesetz hat Mose uns befohlen, eine solche Frau zu steinigen. Was meinst du dazu?«
6 Sie fragten dies, um Jesus auf die Probe zu stellen und ihn dann anklagen zu können. Aber Jesus bückte sich nur und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7 Als sie nicht lockerließen, richtete er sich auf und sagte: »Wer von euch noch nie gesündigt hat, soll den ersten Stein auf sie werfen!«
8 Dann bückte er sich wieder und schrieb weiter auf die Erde.
9 Als die Ankläger das hörten, gingen sie einer nach dem anderen davon – die älteren zuerst. Schließlich war Jesus mit der Frau allein. Sie stand immer noch an der gleichen Stelle.
10 Da richtete er sich erneut auf und fragte sie: »Wo sind jetzt deine Ankläger? Hat dich denn keiner verurteilt?«
11 »Nein, Herr«, antwortete sie. »Ich verurteile dich auch nicht«, entgegnete ihr Jesus. »Du kannst gehen, aber sündige nun nicht mehr!« (Joh. 8, 3-9 HfA)


Ich finde diese Begebenheit unheimlich spannend. 

Was ist geschehen? Eine Frau begeht Ehebruch und wird erwischt. Vermutlich war auch ein Mann dabei, aber der ist wohl entkommen. Männer sind meistens etwas schneller beim Weglaufen.

Die Schriftgelehrten und Pharisäer, die die sich also ganz genau mit dem Gesetz auskennen, die es ganz genau nehmen, schleppen die Frau heran und wollen Jesus in Versuchung bringen. Wie wird er handeln? Wird er sich gegen das Gesetz stellen? 

Zunächst einmal ist festzustellen. Die Schriftgelehrten sind im Recht. Das Gesetz sagt:

„Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, hat den Tod verdient, der Ehebrecher und die Ehebrecherin.“ (3. Mose 20,10 EÜ)

Es muss sich hier also um eine verheiratete Frau gehandelt haben. Nur so konnte sie ja ihre Ehe brechen. Die Frau hatte also den Tod verdient. 

Ich vermute mal, dass es ihnen hier gar nicht darum ging den Auftrag des Gesetzes zu befolgen. Die Historiker sagen, dass derartige Steinigungen wohl nicht so häufig praktiziert wurden. Außerdem waren Steinigungen wegen Ehebruchs nach römischen Recht gar nicht zulässig. Ich denke, es ging ihnen vor allem darum Jesus aufs Glatteis zu führen. Sie wollten erreichen, dass er sich gegen das Gesetz stellt. Dazu war dies eine wunderbare Gelegenheit. Da war ihnen das schwache Geschlecht gerade recht. 

Jesus war nun in einem Dilemma. Das ist eine spannende Situation. Denn die Gesetzesgelehrten hatten ja recht: Das Gesetz forderte den Tod. Und Jesus musste sich an das Gesetz halten. Er durfte es nicht einfach übergehen. 

Im Galaterbrief lesen wir:

„als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, geboren unter dem Gesetz, damit er die loskaufte, die unter dem Gesetz waren, damit wir die Sohnschaft empfingen.“ (Gal. 4, 4.5 Rev. Elb.)

Jesus Christus kam, lebte und wirkte unter den Vorgaben des Gesetzes Mose um die zu befreien, die unter dem Gesetz lebten, also das Volk Israel. Das war sein Auftrag. Das waren seine Rahmenbedingungen. 
Er befolgte vollständig das Gesetz - und sogar mehr als das - um vollkommen ohne Sünde, ohne jegliche Verfehlung ans Kreuz gehen zu können. Und d.h., dass auch seine Reden mit dem Gesetz übereinstimmen mussten. 

Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass in unserer Bibel der Neue Bund nicht mit dem Beginn des Neuen Testaments, also nicht mit Matthäus 1, sondern mit Matthäus 27, nicht mit Bethlehem, sondern mit Golgatha beginnt. 
Alles was Jesus lehrte, musste immer konform zum Gesetz sein. Er konnte auf die wahre Bedeutung hinweisen, aber er durfte ihm nicht widersprechen. Gegen was er sich aber oft wehrte, war die Auslegungspraxis der Pharisäer. 

Ursprünglich hatten diese nach der babylonischen Gefangenschaft die Zielsetzung, dass das Wort Gottes bewahrt und nicht vergessen wird, damit das Volk Israel nicht erneut heimgesucht und verschleppt wird. So sind die Synaxogengottesdienste und das Rabbinertum entstanden. Aber in ihrem Streben das Wort Gottes zu bewahren, sind sie immer mehr entartet. In ihrem Bestreben Sünde zu vermeiden, haben sie den Menschen mehr und mehr Lasten aufgelegt, die diese nicht mehr tragen konnten. 

Sie haben Netze um das Gesetz gestrickt. Netzte voller zusätzlicher Regeln, die dazu dienen sollten, das Gesetz nicht zu brechen und diese Netze wurden nach und nach so engmaschig, bis sie keine Netze mehr waren.

„Er aber sprach: Wehe auch euch Gesetzesgelehrten! Denn ihr ladet den Menschen unerträgliche Bürden auf, und ihr selbst rührt die Bürden nicht mit einem Finger an.“ (Lk. 11,46 SLT)

Oder an anderer Stelle sagt er zu Ihnen:

„Ihr blinden Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt!“ (Mt. 23,24 LUT)

Ihr Streben nach Gerechtigkeit ist entartet. Sie sind zu hartherzigen Paragraphenreitern geworden. Das Netz ist wichtiger geworden, als das Gebot selbst.

Zurück zum Geschehen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Jesus hier in einem Dialog mit seinem Vater im Himmel war, um übernatürliche Weisheit zu empfangen, wie er in dieser Situation das richtige tun konnte.

Und dann kommt diese geniale Antwort: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ So hält er sich an die Norm des Gesetzes, aber wechselt gleichzeitig die Perspektive.

Und nichts passiert. Kein Stein fliegt. Alle gehen. Denn sie wissen, dass auch sie schon schuldig geworden sind. Niemand ist ohne Schuld. 
Die ältesten gehen zuerst. Je mehr Leben, desto mehr Schuld. Ganz einfache Rechnung. Keiner bleibt zurück. Jesus überführt sie mit nur einem Satz. Er spricht mit einem Satz mitten in ihr Herz. Und das ganz ohne ein Bibelwort. Aber es ist ein geistgehauchtes Wort. 

Die Vertreter des Gesetzes verzichten auf die Vollstreckung ihres Urteils, so kann auch Jesus sie frei sprechen.

Diese Begebenheit verdeutlicht eine darüber stehende Wahrheit: alle sind schuldig, alle haben gesündigt. Der Blickwinkel wechselt von dem Blick der Schuld der einen Person, auf den Blick der Schuld aller.

Das Gesetz sagt: Töten. Aber es gibt einen Ausweg: Barmherzigkeit. Das ist eine neue Perspektive. Die Perspektive Gottes. 



4. Beispiel 2: Der barmherzige Samariter

Eine weitere Stelle, in der Jesus gesetzeskonformes Verhalten einem barmherzigen Handeln gegenüberstellt, ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Was ist das Rahmengeschehen?

„ Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben! Der Gesetzeslehrer wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?“ (Lk. 10, 25-29 EÜ)

Wir haben also wieder eine ähnliche Situation. Wieder will man Jesus dazu bringen, dass er sich irgendwie gegen das Gesetz positioniert. Aber Jesus lässt sich nicht reinlegen. Er antwortet in der Art und Weise, wie jüdische Schriftgelehrte diskutieren, auf eine Frage kommt eine Gegenfrage. Und der Schriftgelehrte fasst das Gesetz zusammen. Er gibt die formal richtige Antwort. Jesus sagt an anderer Stelle selbst, dass an diesen beiden Geboten, das Gesetz und die Propheten hängen (Mt. 22,40): 
Gott lieben mit ganzer Kraft, ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzen Denken. Und den Nächsten. 
Ganz, ganz, ganz, ganz. 
Leisten, leisten, leisten, leisten.
Gesetz, Gesetz, Gesetz, Gesetz.
Und Jesus sagt: Genau, tu das. Tu dies beständig, tu dies ununterbrochen, tu dies immer während und du wirst leben.

Wir Christen müssen uns hier wieder bewusst machen, es geht ums Gesetz. Das ist keine Aufgabenstellung für das Leben eines Christen. Niemand kann das. Der Kerkermeister von Philippi bekommt auf die Frage: „Was muss ich tun um gerettet zu werden?“, die Antwort des neuen Bundes: „Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst gerettet werden“ (Apg. 16,30.31). Nicht ganz, ganz, ganz, ganz, leisten, leisten, leisten, leisten, sondern einfach glauben!
 
Zurück zum Schriftgelehrten. Und eben nicht nur Gott, sondern auch den Nächsten lieben. Wer könnte das denn sein? Das Familienmitglied, der Freund, vielleicht noch maximal der Nachbar, aber dann ist Schluss. Sonst wird es nichts mit dem ewigen Leben. 

Und dann kommt das uns bekannte Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Dort lesen wir, dass ein Priester und ein Levit an dem Überfallenen vorbeigehen, ohne ihn zu helfen. Sie gingen sogar an der gegenüberliegenden Seite vorüber. Das ist interessant. 

Nun muss man wissen, dass der Kontakt mit Toten sie verunreinigt hätte. Der Levit wäre mindestens vorübergehend, der Priester - soweit ich das verstanden habe - wohl dauerhaft nicht mehr zum Tempeldienst befähigt gewesen (3. Mose 21, 1-4; 4. Mose 19,11). Nach damaligen Verständnis hätte es schon gereicht, wenn nur der eigene Schatten auf den Toten gefallen wäre. Daher das Wechseln der Straßenseite. Sie können gar nicht überprüfen, ob er noch lebt. Schnell den Schatten einziehen und weiter. Sie haben also alles richtig gemacht um auf keinen Fall eine Gesetzesübertretung zu begehen. Aber war es auch das richtige? Hatten sie die richtigen Perspektive?

Nun kommt ein Samariter daher. Also ein Bewohner Samariens. Die Zuhörer haben wohl erwartet, dass Jesus nun als drittes - nach dem Priester und dem Leviten - einen frommen Israeliten aufmarschieren lässt. Aber einen Samariter? Die Samariter wurden von den Juden abgelehnt. Nicht mal das Wort haben sie in den Mund genommen. „Der barmherzig gehandelt hat“, sagt der Schriftgelehrte. Das waren Mischgläubige. Ein bisschen jüdisch, ein bisschen okkult, auf jeden Fall Götzenanbeter. Das Produkt von der Vermischung der Bevölkerung während der babylonischen Gefangenschaft, Völlig inakzeptabel. So einen nimmt Jesus hier als Beispiel für Barmherzigkeit. Ein Affront. 

Wer wäre es heute? Der Clubberer oder noch schlimmer der Bayern-Fan? Der Muslim? Der Palästinenser? Der Homosexuelle? Der Diverse?

Jesus verdeutlicht hier der Ausgestoßene, der Abgelehnte, handelt nicht um ein Gesetz zu erfüllen. Sondern er handelt aus Liebe. Aus Erbarmen. 
Jesus lässt hier mehrmals die Blickwinkel wechseln. Von der Frage: Wer ist mein Nächster zu: Wem bin ich der Nächste? Vom Blickwinkel des Gesetzes zum Blickwinkel der Barmherzigkeit und der Liebe.

„So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“ (Röm. 13,10b LUT) 

schreibt Paulus.


5. Beispiel 3: Der erste Apostelkonzil

Ein letztes Beispiel. Ihr habt neulich eine Predigt gehört von Thomas Zuhr über die Begebenheiten in Apostelgeschichte 10. Dort wird beschrieben, wie Petrus Visionen bekommt, lauter vom Gesetz verbotene Speisen zu essen, weil Gott sie rein gemacht hat. Und er darauf verbotenerweise ins Haus von Heiden eingekehrt ist, mit ihnen Gemeinschaft hatte, ihnen das Evangelium verkündete und so das Evangelium zu den Heiden gekommen ist. Dies war der Beginn der Heidenmission, zu der dann auch Paulus und Barnabas ausgesandt waren. Einige Zeit später kam es dann zum ersten Apostolischen Konzil in Jerusalem. 

Und da gab es einige gläubig gewordene Pharisäer, die wollten, dass die gläubiggewordenen Heiden auch beschnitten werden sollten und das Gesetz halten sollten. Und dann haben die Apostel diskutiert und ihre Entscheidung getroffen. Nein, spricht Jakobus:

„Darum halte ich es für richtig, den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufzubürden“ (Apg. 15,19 EÜ)

Keine Lasten, kein Gesetz. Nur ein paar ethische Regeln für die Praxis:

„Allerdings sollten wir sie in einem Brief dazu auffordern, folgende Dinge zu unterlassen: jede Verunreinigung durch Speisen, die den Götzen geopfert wurden, jede Form von Blutschande, sowie den Genuss von Blut und von nicht ausgeblutetem Fleisch.“ (Apg. 15, 20 NGÜ mit Erläuterungstext)

Diese Regelungen waren vor allen für die Tischgemeinschaft von Juden und Heiden relevant und wurden so in dieser Form von Paulus nicht in den Briefen weitergegeben. Im Gegenteil: dort schreibt er, der eine kann alles essen und macht sich keinen Kopf, egal ob Götzenopferfleich oder nicht, der andere wird Vegetarier und isst nur noch Gemüse. (Röm. 14; 1. Kor. 8).

Dies war die offizielle Festlegung für die Christenheit: das Gesetz gilt nicht für uns Heidenchristen. Punkt. 
Auch dies war ein Wechsel des Blickwinkels. Wir schauen nun auf Gott, auf sein Wort, vom Standpunkt des Geschenks der Gnade aus und nicht vom Standpunkt der Forderungen des Gesetzes. 


6. Schlussgedanke

Trotzdem unterliegen wir alle, manche mehr und manche weniger, der Versuchung uns einzelne Verse aus dem Gesetz heraus zu greifen um uns, oder noch besser anderen Lasten und Bürden aufzulegen, um sie zu richten, auszugrenzen, zu verurteilen. 

Oft sind es dann Verse, die irgendwelche sexuellen Sünden regeln. 
Warum eigentlich nicht solche, in denen es um Mischgewebe geht? Wird im Gesetz genauso verboten:

„tragt keine Kleidung aus Mischgewebe!“ (3. Mose 19,19 HfA)

Da hätten wir wohl alle Probleme. Ich müsste dann ohne Socken hier stehen.

Ich weiß heute: meine Erkenntnis ist Stückwerk. Alles was ich heute sage, beruht auf Erkenntnisstückwerk. Vielleicht stimmt auch nicht alles. 
Die Bedeutung von manchen Aussagen der Bibel, die für mich früher ganz klar waren, gerade hinsichtlich Homosexualität, sind für mich heute nicht mehr so einfach zu erkennen. 

Stellen aus dem NT, in denen Paulus bspw. Homosexualität ablehnt, stehen auch im Kontext von Aussagen, in denen dargestellt wird, dass wir eben alle Sünder sind. 

„Wer kann merken, wie oft er fehlet?“ (Ps. 19,13a LUT)

schreibt der Psalmist. 

Ich habe genügend offenkundige und verdeckte Schwächen und Mängel, sündhaftes Handeln. Wer bin ich, dass ich die sexuelle Identität oder das Empfinden anderer Personen beurteilen kann?

Die Vollkommenheit der Schöpfung hat durch und mit Adam und Eva gestoppt. Seitdem leben wir in einer gefallenen Schöpfung mit Naturkatastrophen, Krankheiten, Behinderungen uvm., die alle nicht Gottes ursprünglichem Plan entsprechen. Die Schöpfung hat ein massives downgrad erhalten.
Trotzdem ist jeder und jede einzelne wertvoll und in den Augen Gottes geliebt. Egal ob männlich, weiblich oder uneindeutig definiert. Egal ob gesund oder beeinträchtigt, Spielvereinigung- oder Bayernfan. Und alle wollen überraschenderweise leben. Und alle innerhalb der Möglichkeiten, die wir haben. 

Versteht mich nicht falsch, ich möchte nicht alles bagatellisieren, was es an Auswüchsen und Perversionen in unserer Gesellschaft so gibt. Gerade junge Menschen in der Entwicklung brauchen besonderen Schutz, wenn sie dabei sind ihre Identität zu entwickeln.

Ich will nur keine Menschen verurteilen oder beurteilen, die ernsthaft, tiefgründig, existenziell, um ihre sexuelle und biologische Identität gerungen haben, weil ich denke, dass steht mir nicht zu. 
Meine Aufgabe ist es nicht irgendwelche Verse aus der Bibel hervorzukramen und zu richten, sondern meine Aufgabe ist es, die Liebe Gottes weiterzugeben. Im privaten Umgang heißt es sie annehmen und lieben. Was es im gemeindlichen Kontext heißen kann, sind noch offene Fragen. Auf jeden Fall gilt: 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.“ (Luk. 6, 36.37 LUT)

Amen.



 

Freitag, 2. Februar 2024

Predigt von Norbert Wohlrab (27.01.2024)

Jahreslosung 2024 „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ (1. Kor. 16,14 EÜ)


Traditionell zum Jahresanfang gibt es von mir eine Predigt zur Jahreslosung. Die Jahreslosung lautet:

„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ (1. Kor. 16,14 EÜ)

In anderen Übersetzungen heißt es:

„Lasst euch in allem, was ihr tut, von der Liebe bestimmen.“  (NGÜ)

„Bei allem, was ihr tut, lasst euch von der Liebe leiten.“ (HfA)

Jmd. hat zu mir vor kurzem gesagt: „Ich bin schon gespannt, was du aus diesem Text noch rausholen willst.“ Zu dem Zeitpunkt hatte ich mir noch überhaupt keine Gedanken über die Jahreslosung gemacht. Da wusste ich noch gar nicht, was auf mich zukommt. Aber ja, es ist nicht einfach, da viel raus zu holen.

Es macht mir schon Spaß, wenn man Bibeltexten noch irgendwelche Geheimnisse entlocken kann, die sich erst durch den Kontext o.ä. ergeben. Aber hier?! Der Vers ist so knapp, so klar, so eindeutig. Da gibt es nicht viel zum Herausholen. Da geht es wirklich nur darum, ihn zu verstehen und - viel schwieriger- ihn auch anzuwenden.

Daher wird es von meiner Seite heute etwas weniger geben und dafür, dürft ihr dann später auch etwas dazu beitragen.

Aber ein paar Besonderheiten gibt es schon.

Zum einen der Ort an dem dieser Vers im 1. Korintherbrief zu finden ist. Wir finden ihn im letzten Kapitel. Das ist ungewöhnlich. Dort wo Paulus üblicherweise Grüße und Reisepläne schreibt. Und so auch hier:

Er schreibt über eine Sammlung für Jerusalem +++ Paulus will über Mazedonien nach Korinth +++ er will dort überwintern +++ ist gerade in Ephesus +++ sie sollen Timotheus unterstützen +++  Apollos wird jetzt nicht kommen +++ dann kommen zwei Hammerverse, darunter die Jahreslosung, dazu später +++ dann geht es weiter: sie sollen auf Stephanas hören und ihn sich als Vorbild nehmen +++ Grüße aus der Provinz Asien +++ ein eigener handschriftlicher Gruß +++ Segen +++ Ende.

Also inmitten dieser Grüße und Reisepläne sehen zwei Verse, die da irgendwie fast fehl am Platz erscheinen:

„Seid wachsam, steht fest im Glauben, seid mutig, seid stark!“ (V. 13 EÜ)

und dann eben unsere Jahreslosung

„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ (V. 14 EÜ)

 
Wir haben hier quasi einen doppelten Briefschluss. Den üblichen mit Plänen und Grüßen und unsere zwei gehaltvollen Anweisungen.

Der Vers 13 - ein Imperativ, ein Befehl - erinnert an bisschen an eine militärische Motivationsrede. Und wir finden Teile davon tatsächlich im AT im militärischen Kontext (2. Sam. 10,12).

Mancher hat vielleicht mal den Film „Braveheart“ gesehen. Da gibt es eine Szene, wo Mel Gibson alias William Wallace in Kriegsbemalung vor den Reihen seines schottischen Heeres entlang reitet und sie mit kurzen Motivationssprüchen auf die bevorstehende Schlacht gegen die Engländer einpeitscht. „Seid stark! Seid mutig! Seid mannhaft! Steht fest! Für Schottland! Schickt die Engländer nach Hause!“ Und natürlich „Freiheit!“.

Es ist ja gerade Handball-WM. Und in den Timeouts pushen sich die Spieler auch immer gegenseitig mit so kurzen, klaren Ansagen.

Oder ein anderes Beispiel. Wenn ein Feuerwehreinsatz ist, dann fragt der Kommandant nicht: „Wäre vielleicht unter Umständen jmd. bereit den Schlauch an den Hydranten anzuschließen, aber nur wenn es keine allzu große Mühe macht?“, sondern dann kommen klare, knappe Kommandos: zack, zack, zack!. So ähnlich ist dieser Vers.

Und dann der Break. Push, push, push….alles aber soll in Liebe geschehen. Man könnte jetzt meinen, das ist doch jetzt irgendwie schon was ganz anderes. Aber eigentlich ist es es doch nicht. Eigentlich gehört das ganz genauso zu dieser Reihe der kurzen Aufforderungen. Der Vers erklärt vielmehr, wie diese umgesetzt werden sollen: Seid stark, aber in Liebe!

Ich kann Euch jetzt keine genaue Erklärung liefern warum diese beiden Verse am Schluss stehen, aber es war Paulus vermutlich wichtig zum Abschluss nochmal darauf hinzuweisen. Denn eigentlich sind diese beiden Verse die Zusammenfassung der ganzen Anweisungen des Korintherbriefs, das Resümee sozusagen.

Paulus geht im ganzen Brief auf die "Kacke" ein, die in Korinth am Dampfen ist:

  • sie sind parteisüchtig und streiten,
  • sie sind fleischlich,
  • sind sind sexuell ausschweifend und voller Unmoral,
  • sie ziehen einander vor Gericht,
  • sie nehmen keine Rücksicht auf einander,
  • sie leben in falsch verstandener Freiheit,
  • beim Abendmahl nehmen die Wohlhabenden keine Rücksicht auf die Armen,
  • sie sind eingebildet im Umgang mit den Geistesgaben,
  • in den Zusammenkünften herrscht Chaos usw.   


Und am Schluss sagt er ihnen, dann quasi nochmal, dass sie sich zusammenreißen sollen, dass sie aufpassen sollen gegenüber den Verführungen der Welt und vielmehr stark im Glauben sein sollen und eben alles in Liebe geschehen lassen sollen. Und das ist jetzt hier keine Option, keine optionale Handlung, kein Add-in sozusagen, sondern Teil seiner apostolischen Anweisung.

Und warum kann er sowas schreiben? Weil Jesus es auch gesagt hat: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Liebt sogar eure Feinde. Tut wohl denen, die euch hassen usw. (Lk. 10, 27.28; Mt. 5,44). 

Wir müssen uns das mal vorstellen. Die Korinther lesen den Brief ja nicht in Kapitel und Versen, sondern die kriegen ihn am Stück vorgelesen. Da rennen die Boten tagsüber rum: „Ein Brief  von Paulus ist da. Heute Abend nach Sonnenuntergang Zusammenkunft bei Bruder Alphäus. Da wird er dann Vorgelesen.“
Und dann sitzen sie auf engem Raum oder vielleicht auch unter freiem Himmel und lauschen den Worten des Briefes. Und dann am Schluss, sie waren vielleicht schon am Abschalten, packen ihre Sachen zusammen, es ist schon spät, sie müssen ja am nächsten Tag wieder früh raus, sie strecken sich und dann wird auf einmal unsere Jahreslosung gelesen und sie zucken zusammen, weil vor 10 Minuten haben sie doch schon was gehört über die Liebe:

„1 Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.
2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.
3 Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.
4 Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf.
5 Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach.
6 Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit.
7 Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.“ (1. Kor. 13, 1-7 EÜ)

So ist die Liebe schreibt Paulus. Und so schreibt Paulus hier am Ende des Briefs, so sollen sie es auch halten.

Paulus schreibt hier von alles bzw. allem. Ist alles wirklich alles? Eine Einschränkung gibt es dann doch: Alles, was ihr tut, alles was bei euch geschieht! Es geht um die Taten um das Tun der Liebe. Es geht nicht um Gefühle, sondern um gelebte Liebe, um umgesetzte Liebe, um praktisch gewordene Liebe, um „entschiedene“ Liebe, d.h. ich habe mich entschieden jmd. etwas Gutes zu tun, ich habe mich entschieden jmd. in Freundlichkeit, in Güte zu begegnen.
 
Unsere Gesellschaft ist mittlerweile viel zu „gefühlsorientiert“ geworden, alles muss sich gut anfühlen. Letztlich ist das nur eine moderne Form von Hedonismus: alles ist gut, was sich für mich gut anfühlt.

Letztes Jahr habe ich mich bei jmd. erkundigt, wie es ihr in ihrer Partnerschaft geht, da ich wusste, dass sie kürzlich noch total verliebt war und bald heiraten wollte und dann meinte sie, dass sie sich von ihrem Partner getrennt hat, weil: „Es hat sich nicht mehr gut angefühlt.“ Ohne jetzt Details zu wissen und ohne dies irgendwie bewerten zu wollen - es mag ja alles seinen Grund gehabt haben -, dachte ich mir trotzdem, dass hört sich irgendwie merkwürdig an. Ich glaube, es gibt in jeder Beziehung Zeiten, wo es sich nicht mehr gut anfühlt.

Diese Woche war ich im beruflichen Austausch und dann haben wir festgestellt, dass früher natürlich alles besser war. Nein im Ernst, dass früher die Einstellung zur Arbeit anders war. Gerade in einer christlichen Einrichtung, waren die Mitarbeiter intrinsisch motiviert. Man hat von Gott her und durch biblische Werte seinen Auftrag definiert, wollte für Gott sein Bestes geben und den Menschen dienen. Die Arbeit war Auftrag, war Dienst.
Heute denken die Leute eher, wo kann mir die Arbeit dienen, wo geht es mir am Besten, was habe ich davon. Mir, meiner, mich und dann komm erstmal ich. Das ist jetzt vielleicht etwas überspitzt, aber es ist schon was wahres dran, die Haltung hat sich schon geändert. Heute wird schon im Vorstellungsgespräch nach Homeoffice; Sabbatical und Arbeitszeitverkürzung gefragt. Die Haltung eines Dieners, handelnde Liebe sind auch in christlichen Einrichtungen nicht mehr so angesagt.

Wir stehen noch am Anfang eines neuen Jahres. Es ist noch Januar. Man kann sich noch was vornehmen.

Wenn wir gedanklich unser Leben bzw. unsere Beziehungen in verschiedene Bereiche aufteilen, bspw.

  • Arbeit und Kollegen
  • Nachbarschaft und Wohnumfeld
  • Familie und Freunde
  • Gemeinde
  • Ehrenamt und Freizeit
  • ….

Dann könnten wir uns mal überlegen, wo wir vielleicht in diesem Jahr noch mehr Liebe üben könnten, noch mehr in Liebe geschehen lassen könnten, als wir es bisher getan haben. Vielleicht gibt es ja Bereiche, die uns schon länger unter den Nägel brennen. Wo wir schon länger wissen, dass wir uns da suboptimal verhalten und eigentlich etwas ändern möchten, wo wir vielleicht ein Segen sein könnten.

(Austausch)

Zum Abschluss habe ich noch etwas aus dem Internet für Euch. Einen Slam zur Jahreslosung:

https://jahreslosung.net/predigt-slam-zur-jahreslosung-2024/#more-18225

 

AMEN.

Sonntag, 6. Juni 2021

Predigt von Norbert Wohlrab (09.05.2021)

Hosea 

 

Jesus sagte einmal:

„»Jeder Schriftgelehrte, der zu Gottes himmlischem Reich gehört und das, was er darüber gelernt hat, weitergibt, ist wie ein Hausherr, der aus seiner Vorratskammer Neues und Altes hervorholt.«“ (Mt. 13,52 HfA)

Ich bin jetzt zwar nur ein Hobby-Theologe, aber über das Reich Gottes hab ich mittlerweile schon das ein oder andere gelernt und deshalb versuche ich gerade mehr von dem zu verstehen, was Jesus hier mit „Altes“ gemeint haben könnte. Und eine Spur die ich gerade so verfolge, ist es die vielen versteckten Bedeutungen und Hinweise auf Jesus im AT zu entdecken.

Im Gespräch mit den Emmauus-Jüngern nach seiner Auferstehung sagt Jesus:

„»Nun ist in Erfüllung gegangen, wovon ich sprach, als ich noch bei euch war; ich sagte: ›Alles, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben ist, muss sich erfüllen.‹« Und er öffnete ihnen das Verständnis für die Schrift, sodass sie sie verstehen konnten“ (Lk. 24, 44.45 NGÜ)

Auch hier weist Jesus auf die versteckten Inhalte über ihn im AT hin. Und es wird hier deutlich: es bedarf der Unterweisung um sie verstehen zu können.

Eigentlich wollte ich heute über die Hinweise auf Jesus in den verschiedenen jüdischen Feste predigen. Aber ich hab dann festgestellt, das das ziemlich komplex ist. Ich bin da noch nicht durch. Das dauert noch etwas. Kommt vielleicht mal irgendwann.

Dann bin ich über eine Figur im AT gestolpert, deren Geschichte auch sehr viele Bezüge zu Jesus hat. Ich hab ja schon angedeutet, dass der Name mit H beginnt. Wer könnte es sein?

Ich möchte heute über Hosea sprechen. Kurz möchte ich noch erwähnen, wie ich über Hosea gestolpert bin. Und zwar war das letzten Sonntag, als ein Freund bei mir anrief, weil er gemahlene Haselnüsse gebraucht hat. Und als er kam um sie abzuholen, hat er voller Begeisterung von einem Film über Hosea erzählt, den er kürzlich gesehen hatte. Und so wurde ich dazu animiert mich mal wieder näher mit Hosea zu beschäftigen.

Zunächst mal ein bisschen was zur Person Hoseas und zum historischen Hintergrund.

Interessant ist schon mal der Name. Hosea ist eine Variante des Namens Josua und bedeutet „Heil“ oder „Errettung“. Hosea trägt also denselben Namen wie Jesus (Mt. 1,21).
Dies könnte natürlich Zufall sein, weil es gab sicherlich mehrere Männer mit dem Namen Hosea. Aber es gab nur einen Hosea, der von Gott zum Propheten berufen wurde.

„Dies ist das Wort des HERRN, das an Hosea, den Sohn Beeris, erging in den Tagen Ussijas, Jotams, Ahas’ und Hiskias, der Könige von Juda, und in den Tagen Jerobeams, des Sohnes von Joas, des Königs von Israel.“ (Hos. 1,1 Schlachter)

Wir wissen wenig über Hosea. Wir wissen den Namen des Vaters und Zeit und Ort seines Wirkens. Er wirkte im Nordreich - Israel war ja damals zweigeteilt in das Nord- und das Südreich, Israel und Juda. Und er wirkte etwa 40 Jahre im 8. Jahrhundert vor Christus. Er wurde während der Regierungszeit Jerobeams II. berufen und wirkte bis zum Zerfall des Nordreichs durch die Assyrer.

Unter Jerobeam II erlebte Israel eine letzte Blütezeit. Es war eine Zeit des Friedens und des Wohlstands.
Gleichzeitig aber gab es zwei große negative Entwicklungen: zum einen hat sich Israel mehr und mehr den Baalskult hingegeben. (Die Baale waren kanaanitische Fruchtbar-keitsgötter, denen Opfer - durch Sexualriten im Tempel oder teilweise auch Menschenopfer - gebracht wurden.) Und zum anderen kam es zu einen dramatischen Werteverfall:

„Hört das Wort des HERRN, ihr Israeliten! Der HERR hat einen Rechtsstreit mit den Bewohnern des Landes, denn es gibt keine Wahrhaftigkeit und keine Treue und keine Gotteserkenntnis im Land! Ihr flucht und lügt, mordet, stehlt und brecht die Ehe. Eine Bluttat reiht sich an die andere….Alkohol und Prostitution haben mein Volk um den Verstand gebracht. Die Menschen fragen ein Stück Holz, was sie tun sollen! Sie glauben, dass ein Stock ihnen die Zukunft vorhersagen könnte! Der Geist der Hurerei hält sie zum Narren. Sie huren herum und wenden sich von Gott ab. Überall auf den Bergen opfern sie irgendwelchen Götzen. Sie steigen in die Hügel hinauf, um dort, im kühlen Schatten von Eichen, Pappeln und anderen Bäumen ihre Rauchopfer zu verbrennen. Deshalb werden eure Töchter zu Prostituierten, deshalb brechen eure Schwiegertöchter die Ehe.“ (Hosea 4,1.2.11-13 NL)

Das war also die Situation Im Land. Und nun beruft Gott das letzte mal einen Propheten um Israel (also das Nordreich, teilweise auch Ephraim oder Samaria benannt) zu erreichen. Und er versucht es auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise. Er möchte nämlich das Hosea dem Volk durch sein Leben etwas vorlebt.

„Als der Herr zum ersten Mal zu Hosea sprach, sagte er ihm: »Geh und heirate eine Hure. Mit ihr sollst du Hurenkinder zeugen. Das ist ein Sinnbild dafür, dass das Land zur Prostituierten geworden ist: Es hat den Bund mit mir gebrochen und ist vom Herrn abgefallen.«“ (Hos. 1,2 NL)

Wow. Das ist ja jetzt mal eine krasse Ansage. Gott spricht zum ersten (!) Mal mit Hosea und die erste Ansage ist: Such Dir eine Prostituierte und heirate sie! „Wie krass ist das denn!?“

Stellen wir uns das doch mal vor. Da kommt Dein Sohn zu Dir und sagt:
„Papa, ich habe heute das erste mal Gottes Stimme gehört.“
„Wow, super. Und was hat er gesagt?“
„Ich soll zu einer Prostituierten gehen.“
„Äh, das kommt jetzt nicht von Gott, das kommt von unten, also unter der Gürtellinie….“
„Nein, nein, nicht wie Du denkst, ich soll sie heiraten.“
„Äh, das klingt jetzt auch noch nicht viel besser.“


So ähnlich könnte das Gespräch wohl abgelaufen sein, wenn Hoseas Vater Beeris noch gelebt hat.

Wir hatten ja auch alles unsere Pläne für den richtigen Ehepartner und wollten von Gott geführt werden. Aber doch nicht so. Das hätten wir uns nicht unter Gottes Führung vorgestellt.

Aber Hosea war wirklich ein Mann Gottes. Gott spricht und er tut es. Zack bumm, keine Widerrede.

„Da heiratete Hosea Gomer, die Tochter Diblajims. Sie wurde schwanger und schenkte Hosea einen Sohn.“ (Hos. 1,3 NL)

Hosea sucht sich eine Prostituierte und heiratet sie. Keine Ahnung wie das ablief, darüber steht nichts geschrieben. Er heiratet sie. Ihr Name ist Gomer. Und eigentlich könnte die Geschichte ja jetzt so weitergehen, Gomer wird erfolgreich resozialisiert und sie leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Aber nein. So. Läuft. Es. Nicht.

Kleine Nebenbemerkung. Der Name „Gomer“ bedeutet übrigens „vollendet“. Hosea und Gomer heißen also „Er rettet vollendet!“. Ich finde das total beeindruckend. Hier finden wir also wieder einen Hinweis auf Jesus. Gott rettet und es ist vollbracht.

Diese dramatische Geschichte mit unserer jungen Ehe geht noch weiter. Denn Gott nimmt auch Einfluss auf die Namensgebung.

„Und der Herr sprach zu ihm: »Nenn das Kind Jesreel, denn schon bald werde ich die Nachkommen Jehus bestrafen wegen der Blutschuld, die Jehu in Jesreel begangen hat. Dann werde ich auch dem Königtum des Hauses Israel ein Ende machen. An diesem Tag will ich im Tal von Jesreel die militärische Macht Israels brechen.«“ (Hos. 1, 4.5 NL)

Jesreel ist auch der Name einer Stadt und einer Ebene in Israel. Dort hat Jehu 42 Nach-fahren Davids erschlagen und damit Blutschuld auf sich geladen (2. Kön. 10, 12-14). Der Name sollte das Volk an diese Schuld erinnern. Und im Tal von Jesreel findet dann später auch die letzte Schlacht Israels gegen die Assyrer statt.

Aber dann geht es wieder.

„Zum zweiten Mal wurde Gomer schwanger. Dieses Mal schenkte sie einer Tochter das Leben. Der Herr sprach zu Hosea: »Nenn deine Tochter Lo-Ruhama. Denn ich will mich meines Volkes Israel nicht mehr erbarmen und will ihm seine Schuld nicht mehr vergeben.“ (Hos. 1,6 NL)

„Lo-Ruhama“ bedeutet „Nicht-Erbarmen“. „Keine Barmherzigkeit“. „No Mercy“. Eigentlich kein schöner Name für ein Mädchen.

„Nicht-Erbarmen, komm Hände waschen!“
„Nicht-Erbarmen, Essen ist fertig!“
„Nicht-Erbarmen, ärgere deinen Bruder nicht die ganze Zeit!“
„Nicht-Erbarmen, tu nicht in die Nase bohren.“


Jedes Mal wenn er sie gerufen hat und andere Menschen das gehört haben, sollte der Name eine Anklage sein.
Ob die Menschen das wohl kapiert haben? Aber es geht ja noch weiter.

„Nachdem Gomer ihre Tochter Lo-Ruhama entwöhnt hatte, wurde sie wieder schwanger und brachte einen Sohn zur Welt. Und der Herr sprach: »Nenn ihn Lo-Ammi . Denn ihr seid nicht mein Volk und ich will nicht mehr für euch da sein.«“ (Hos. 1, 8.9 NL)

Nichts haben sie kapiert. Weder die deftigen Namen, noch Hoseas deftige Predigten (die in den weiteren Kapiteln des Buches zu lesen sind) haben etwas bewirkt. Deshalb gibt er auf. „Lo-Ammi“ heißt „Nicht-mein-Volk“.

„Ihr seid nicht mehr mein Volk, macht doch was Ihr wollt mit Euren Baalen. Ihr werdet schon sehen wo das hinführt. Ich habe ja immer noch das kleine Juda. Die hören wenigstens ab und zu noch auf mich.“

Gott hat mit Israel einen Bund geschlossen am Berg Sinai. Sie sollten ihm gehorchen und sein Volk des Eigentums sein (2. Mo. 19,5), aber es hat diesen Bund immer und immer wieder gebrochen und irgendwann war Schluss.

Aber war wirklich Schluss? Und wie geht es mit unserer jungen Familie weiter? Ein Prophet, eine ehemalige Prostituierte und drei Kinder mit schrägen Namen. Wird das gutgehen?

Im zweiten Kapitel wird es etwas schwierig. Hier verwischen die Perspektiven. Hier wirft Gott Israel seine Hurerei vor und gleichzeitig auch Hosea seiner Frau Gomer.
Wenn ihre Ehe beispielhaft für die Beziehung zwischen Gott und Israel sein soll, dann musste das ja passieren. Gomer kehrt zu ihrem alten Lebensstil zurück.

„Jetzt aber sollt ihr eure Mutter zur Rechenschaft ziehen - denn sie ist nicht mehr meine Frau und ich bin nicht mehr ihr Mann. Sagt ihr, sie soll sich die Zeichen der Prostitution entfernen, die sie im Gesicht und an ihren Brüsten trägt….Ihre Mutter hat Ehebruch begangen. Die Frau, die sie zur Welt gebracht hat, hat Schande über sich gebracht. Sie sagte: `Ich halte mich zu meinen Liebhabern, denn diese geben mir Brot und Wasser, Wolle, Leinen, Öl und genug zu trinken.´“ (Hos. 2, 4.7)

Israel hurt mit den Baalsgöttern und Gomer mit ihren Liebhabern. Hosea ist bedient und Gott will auch nicht mehr. So scheint es zunächst. Aber das ist noch nicht das Ende der Geschichte. Noch nicht das Ende der Geschichte Gottes mit Israel und nicht das Ende von Hosea mit Gomer.

„Ich will dich für immer zu meiner Frau machen. Ich will dich rechtskräftig zu meiner Ehefrau machen und will dir meine unwandelbare Liebe und mein Erbarmen beweisen.
Ich werde dir für immer treu sein und du wirst lernen, mich vollkommen als deinen Herrn anzuerkennen.
An jenem Tag«, spricht der Herr, »will ich die Bitten erhören. Der Himmel wird Regen auf die Erde fallen lassen; der Regen wird die Erde vorbereiten, damit sie fruchtbar wird.
Dann können Korn, Trauben und Olivenbäume auf der Erde gedeihen. Und alle werden jubeln: `Jesreel´ - `Gott pflanzt!´
Dann will ich sie in ihrem Land aussäen, und sie soll fest gepflanzt sein. Ich werde die, die ich einst `Nicht-Geliebte´ nannte, lieben. Und zu denen, die ich `Nicht-Mein-Volk´ nannte, werde ich sagen `Ihr seid mein Volk´. Und sie werden antworten: `Und du bist unser Gott.´«“ (Hos. 2, 21-25 NL)

Es kommt zu einer völlig unerwarteten Wendung. Das Volk Israel ändert sich nicht, aber Gott sagt: Ich liebe dich trotzdem!

Und ausgedrückt wird das durch ein spektakuläres Verhalten Hoseas.

(Video-Clip)

„Dann sprach der Herr zu mir: »Geh und liebe nochmals eine Frau, auch wenn sie sich nebenbei von anderen Männern lieben lässt und ständig die Ehe bricht. Denn der Herr liebt die Kinder Israels noch immer, obwohl sie andere Götter verehren und Rosinenkuchen lieben.« So kaufte ich mir eine Frau für 15 Silberstücke und ein Homer Gerste und ein Letech Gerste.“ (Hos. 3, 1.2)

Hosea kauft seine Frau - die doch bereits seine Frau ist - für 15 Silberstücke und 1 1/2 Sack Gerste zurück. Kauft er sie den Zuhälter ab oder war sie bereits auf dem Sklavenmarkt gelandet. Wir wissen es nicht. Aber er zahlt das Lösegeld.

Dieses Zurückkaufen der eigenen Frau, der untreuen Frau ist ein Bild für das was Jesus mit uns getan hat. Auch er hat das Lösegeld bezahlt.

„Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“ (Mk. 10, 45 Rev. Elb.)

„Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Joh. 1,11 Rev. Elb.)

Jesus hat mit seinem Leben das bezahlt, was ihm eigentlich ohnehin schon gehört hat. Er hat sein Eigentum frei gekauft.

Dem Volk Israel verheißt Hosea eine gemeinsame Zukunft mit Juda in Freiheit. (Hos. 2, 1-3). Dies beginnt Wirklichkeit zu werden, durch die Neubesiedelung durch Serubbabel nach dem babylonischen Exil. Aber manche dieser Verheißungen (Hos. 3,5) wird erst vollständig umgesetzt, wenn Jesus sein Reich aufbaut.

Was soll uns diese Geschichte - neben der ursprünglichen Bedeutung für Israel - sagen?
Ich denke es sind v.a. drei Dinge:

Paulus schreibt im Römerbrief:

„So hat er auch uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. Wie er denn auch durch Hosea spricht (Hosea 2,25; 2,1): »Ich will das mein Volk nennen, das nicht mein Volk war, und meine Geliebte, die nicht meine Geliebte war.« »Und es soll geschehen: An dem Ort, da zu ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden.«“ (Röm. 9, 24 - 26)
 

Die gleiche Liebeszusage Gottes, bezieht Paulus hier auf uns Christen. Auch wir sind sein Volk. Auch wir sind berufen. Er hat die gleiche unendliche große Liebe für uns, die hier durch Hosea dargelegt wird.

Und zweitens: Sind wir nicht alle etwas Gomer bzw. Etwas Israel? Ich hab letzte Woche im Tatort ein neues Wort kennengelernt: polyamor. Kommt von Polyamorie, bedeutet das man Liebesbeziehungen zu mehreren Partnern hat und alle akzeptieren das. Im Tatort hat man dann auch gleich gemerkt, dass das doch nicht alle akzeptieren.

Das Volk Israel hat auch gedacht dass das geht: ein bisschen Jahwe und ein paar Baals. Wie in dem Lied „Mambo No 5“: a little bit of Jessica on my sight, a little bit of Monica usw. Aber es geht halt doch nicht.

Wir beten keine Naturgötter an, aber ich denke auch wir sollten uns immer wieder überprüfen, was in unserem Leben schon einen Gottähnlichen Status erreicht hat.

Aber das Dritte was uns diese Geschichte zeigen kann, ist einfach folgendes: wir haben noch soviel von der Liebe Gottes zu erkennen. So wie Hosea hier die bedingungslose Liebe demonstriert, muss ich schon sagen, es gibt noch so viel mehr von der Liebe Gottes zu erkennen.

„Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt…“ (Joh. 3,16a Schlachter)

So sehr! Gott rettet vollendet.

AMEN.

Mittwoch, 1. Juli 2020

Predigt von Norbert Wohlrab (26.06.2020)

Die Liebe in Zeiten von Corona

„Wo ist Gott in der Corona-Pandemie?“ Diese Frage wurde mir vor einigen Wochen gestellt. „Wo ist Gott?“

Ich habe auf diese Frage damals mit Sicherheit keine befriedigende Antwort geben können. Aber sie hat mir gezeigt, dass es doch ganz unterschiedliche Modelle gibt, wie wir als Christen uns die Welt erklären.

Da gibt es die einen, die hinter allem was in der Welt geschieht ein steuerndes Handeln Gottes sehen, ein richtendes, segnendes oder führendes Handeln.
Und es gibt die anderen, die eher die Auffassung haben, dass Gott Rahmenbedingungen festgelegt hat, Parameter innerhalb derer das Zeitgeschehen seinen Gang geht.
Und dann gibt es natürlich noch viele Zwischenstufen, die z.B. in einem gewissem Umfang an ein Eingreifen Gottes in globale, nationale oder auch regionale Gegebenheiten glauben. So wie Gott bspw. im AT immer wieder in die Geschichte mit seinem Volk Israel punktuell eingegriffen hat.

Wo ist Gott - in einer solchen Katastrophe, in einer Pandemie (und wir müssen uns vergegenwärtigen, das wir es
wirklich mit einer Pandemie mit einem global stetig wachsenden Infektionsgeschehen mit täglichen neuen Rekorden bei den Neuinfektionen zu tun haben und somit wirklich erst am Anfang sind, auch wenn wir die Ausbreitung in Deutschland in den Griff bekommen haben)?

Es ist die uralte Theodizee-Frage - wie ein gerechter Gott Leid zulassen kann oder es zumindest nicht gerechter verteilen kann - die Theologen und Philosophen beschäftigt, seitdem es eben Theologie und Philosophie gibt.

Ich habe im Internet einen Artikel gefunden über eine vergangene Katastrophe:

Im Jahr 1755 wurde die portugiesische Hauptstadt Lissabon von einer der schrecklichsten Naturkatastrophen der Geschichte heimgesucht. Wahrscheinlich bedingt durch Bewegungen an der Bruchstelle zwischen eurasischer und afrikanischer Platte kam es zu einem gewaltigen Beben, in dessen Folge ein Tsunami und ein Großbrand fast die ganze Stadt zerstörte. 60.000, vielleicht sogar bis zu 100.000 Menschen sollen Opfer dieser Katastrophe geworden sein. Noch Jahrzehnte und Jahrhunderte später beschäftigte diese Naturkatastrophe die Menschen, nicht nur weil dabei so viele Einwohner starben und Kulturgüter ersten Ranges vernichtet wurden, sondern auch weil mit diesem Ereignis eine ganze Glaubensvorstellung zu Bruch ging. Das Beben ereignete sich nämlich am 1. November 1755, also dem Allerheiligentag, einem der höchsten Feiertage in der katholischen Kirche, den gerade auch viele fromme Portugiesen sehr in Ehren hielten. Das Unerklärliche war nun der Umstand, dass diejenigen, welche sich an die Kirchengebote hielten, die Gottesdienste besuchten und die Feiertagsruhe wahrten, Opfer des Unglücks wurden. Die aber, die offensichtlich gegen den Willen Gottes handelten, auf dem Feld arbeiteten oder ihr Vergnügen suchten, kamen zum Großteil unbeschadet davon. Während die Kathedralen und Kirchen in Schutt und Asche versanken, passierte dem Vergnügungsviertel von Lissabon fast nichts. Bis zum heutigen Tag arbeiten sich Theologen und Philosophen nach dem Erdbeben von Lissabon an der sog. Theodizee-Frage ab, also jener Frage, die zu den schwersten Angriffen auf Gottes Existenz führt, nämlich „Wie Gott solches Leid zulassen konnte.“ War bis dahin trotz mancher Zweifler es eine kaum bestrittene Überzeugung, dass Leid, Krankheit, Unglück, Katastrophen die Strafe Gottes für die Sünden eines einzelnen Menschen oder sogar der ganzen Menschheit war, so gerieten die Vertreter des christlichen Glaubens plötzlich in die Erklärungsnot, warum Gott die Sünder verschont und die Frommen ins Unglück geraten lässt. 100.000 Menschen, mehr oder weniger fromm und vorbildlich, wurden zu einer der lautesten Anklagen gegen die Vorstellung von einem gerechten Gott, der die Sünder straft und die Gerechten schützt.

(Quelle: https://www.pg-12-apostel.de/aktuelles/nachrichten/ist-corona-eine-strafe-gottes-predigt-4-fastensonntag)


Wo ist Gott? An die 100.000 Tote damals in Lissabon. Heute gibt es bisher aktuell rund 490.000 COVID-19-Tote weltweit.

Mit der Frage nach der Ursache von Leid musste sich auch Jesus schon auseinandersetzen.

„Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. (Joh. 9, 1 - 3 Luth)

Hinter dieser Frage steckt der Gedanke, dass der Gerechte belohnt und der Sünder bestraft wird. Jesus lehnt diesen Zusammenhang ab. Es gibt keine zwingende Verbindung von Sünde und Leid. Leid ist nicht automatisch eine Strafe.
Gewiss wir finden dies in der Bibel, v.a. im AT. Aber dies sind Spezialfälle der Geschichte Gottes mit seinem Volk oder einzelnen Vertretern, bspw. als Gott das Kind von David und Bathseba sterben lässt.

Wie absurd hier bei dem blinden Menschen die Frage ist, zeigt sich wenn man etwas darüber nachdenkt. Als Strafe für die Sünde der Eltern ließe sich kausal ja noch nachvollziehen, aber wie soll er denn gesündigt haben, wenn er blind geboren ist? Hat er etwa im Mutterleib bereits gesündigt? Oder hat Gott eine Sünde vorausschauend bestraft, bevor er sie überhaupt getan hat?

Auch bei einer anderen Gelegenheit lehnt Jesus den Zusammenhang von Schuld und Leid ab.

„Es waren aber zu der Zeit einige da, die berichteten Jesus von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte. Und er antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen. Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm von Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen seien als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen? (Lk. 13, 1 - 4 Luth)

Weder bei dem Unglück mit dem Einsturz des Turmes, noch bei dem Massaker an den Galiläern, existiert ein direkter Zusammenhang zwischen deren individueller Schuld und dem Leid, das ihnen widerfahren ist.

Es gibt ja so unfassbar viele Katastrophen und Krankheiten in der Menschheitsgeschichte - natürliche und von Menschen gemachte. Gott ließ und lässt sie zu. Aber straft er deshalb damit?

Was wäre das für ein Gott, der jetzt gerade vor allem Alte, Schwache und Arme sterben lässt? Das klingt schon eher nach Sozialdarwinismus oder nach einer Frühform von Kapitalismus als nach christlichen Gott.

Wo ist Gott? Bei unserer aktuellen Corona-Pandemie müssen wir uns vor Augen halten, dass es noch gar nicht so lange zurück liegt, als die Menschheit Viren und Bakterien schutzlos ausgeliefert war. Erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat die Menschheit angefangen hier erste Erfolge zu erzielen. Bevor Louis Pasteur, Robert Koch und andere ihre Entdeckungen machten, war man dem Infektionsgeschehen meist hilflos ausgeliefert. Viele Krankheiten, die wir heute selbstverständlich mit Antibiotika usw. bekämpfen oder gegen die wir geimpft sind, waren vor rund 150 Jahren noch ein Todesurteil. Wir sind heute verwöhnt und wurden kalt erwischt.

Trotzdem: warum lässt Gott solche Naturkatastrophen zu? Wir vergessen oft, dass die Natur in der wir leben, in all ihrer Schönheit, die wir bspw. in dem alten Kirchenlied von Paul Gerhardt „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ besingen, nicht identisch ist mit der vollkommenen Schöpfung aus dem Buch Genesis.
Unsere Natur ist das Ergebnis einer Katastrophe, sie ist eine gefallene Schöpfung, sie ist unvollkommen, sie ist gleichzeitig schön und grausam.

„Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt. (Röm. 8, 19 - 22 Luth)

Die Schöpfung seufzt und ächzt und liegt in Wehen bis sie schlußendlich zu ihrer Vollkommenheit entfaltet wird. Und mit Wehen kennen wir Männer uns ja aus, die sind ganz schön heftig (fast so schlimm wie Männerschnupfen).

Und diese deformierte, in Wehen liegende Natur erzeugt Vulkanausbrüche, Tsunamis, Erdbeben und eben auch Pandemien. Sie ist mit uns in diesem erbärmlichen Zustand und wartet mit uns auf die zukünftige Herrlichkeit.

In diesen Parametern geschieht Natur. Wo ist Gott? Man könnte einfach sagen im Himmel. Man könnte aber auch sagen: am Kreuz!

Vom Glauben an Jesus Christus aus ist nicht nach dem Ursprung des Bösen zu fragen, sondern nach dessen Überwindung am Kreuz, nach der Vergebung der Sünden und der Versöhnung der gefallenen Welt. In der Begegnung mit Jesus Christus lernen wir, die der Wirklichkeit gemäßen Fragen zu stellen.

(Quelle: Christoph Riedel, Corona-ist-nicht-König-ideaSpektrum-12-2020)

Es geht darum, dass Jesus für die Versöhnung der gefallenen Welt ans Kreuz ging und da gehört dann wohl auch indirekt die Schöpfung dazu, die eines Tages in eine neue Erde umgestaltet wird.

Vielleicht sollten wir aber lieber fragen: Wo ist der Mensch in der Pandemie? Oder noch konkreter: Wo sind die Christen? Wo sind wir? Nicht weil wir es hätten verhindern können, sondern wie gehen wir damit um?

Es gibt ein Buch des kolumbianischen Autors Gabriel García Márquez „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“. Ich hab Euch noch gar nicht verraten, wie meine Predigt heißt. Ich nenne sie jetzt mal: Die Liebe in Zeiten von Corona.

Man kann heute ja durchaus mit einer gewissen Berechtigung fragen: Was haben Fleischfabriken, Flüchlingsunterkünfte und Gottesdienste gemeinsam? Alle haben sich zu Corona-Hotspots entwickelt. Es mag bei den Fleischfabriken wohl auch mit der Kühlung zusammenhängen, aber insgesamt haben diese Hotspots gemeinsam, dass dort viel Nähe geschieht.

Bei einer kürzlich durchgeführten "repräsentativen" Umfrage unter fünf Christen was sie denn während des Lockdowns am meisten vermisst haben, wurde überwiegend geantwortet: die Beziehungen: die Kontakte zu den auswärts wohnenden Kindern, zu den Freunden aus dem Hauskreis, zu den Eltern und auch die körperliche Nähe und nicht etwa die Gottesdienste. Diese lassen sich ja anderweitig kompensieren. Körperliche Nähe - Umarmungen - zu kompensieren dagegen ist nicht so einfach.

Und Nähe gehört zur Liebe dazu. Nicht umsonst hat Jesus gesagt:

„Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ (Joh. 13,35 Luth)


An dieser Liebe, die wir zueinander haben, erkennt man uns. Es zieht uns zueinander hin. Und das ist gut so. Das soll so sein. Sonst fehlt uns was. Wir sind ja keine Ziereremiten, die wie Gartenzwerge im Garten platziert wurden.

Trotzdem gehört zur Liebe auch die Verantwortung. Die Verantwortung für einander und auch für die Gesellschaft. Bei den genannten Corona-Ausbrüchen in den Gottesdiensten handelt es sich - nach meinem Informationsstand - ausschließlich um russlanddeutsche und rumänische Gemeinden. Dort hat vielleicht - auch aus Mentalitätsgründen - die Balance zwischen Nähe und Verantwortung nicht so ganz gestimmt.

Aber es gibt auch ein anderes interessantes Phänomen. Ein kritischer Mensch hat einmal gesagt, dass er bei Esoterikern und bei charismatischen Christen eine Einstellung beobachtet, als würden sie über all den Dingen stehen und als würde sie dies alles nichts angehen. Eine interessante Wahrnehmung, bei der sicherlich ein paar Körnchen Wahrheit dabei sind.

Wie oft hört man tatsächlich das Christen behaupten, sie würden keine Corona-Infektion bekommen. Man muss es nur glauben. Und wenn es dann doch jmd. kriegt, hat er halt nicht genug geglaubt. Ganz einfach. Tausend fallen zur Linken, tausend zur Rechten, aber meiner einer nicht. Blöd wenn man mal einen Schritt zur Seite geht. Manche Christen gehen mit der Bibel so um, als würde man versuchen mit der Anleitung für einen Toaster eine Fritz-Box einzurichten.

Wie oft hört man, dass das vorübergehende Verbot von Gottesdiensten mit Christenverfolgung gleichzusetzen ist. Alle Welt übt sich im Abstand halten, aber wir brauchen das nicht. Wir beten ja Gott an.

Wie oft hört man Gemosere und Gemotze über den verordneten Mundschutz, den man eine kurze Zeit am Tag zum Schutz anderer tragen muss, weil dadurch die persönliche Freiheit eingeschränkt wird.

Es gibt leider einige Geschwister, die ihren Unmut in die Welt hinaus posaunen und für die ich mich zumindest nur schämen kann.

Paulus schreibt:

„Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“ (Röm. 12,1 Luth)

Viel wichtiger als der sonntägliche Gottesdienstbesuch ist der wahre Gottesdienst durch unsere Lebensgestaltung. Unser Leben soll ein Gottesdienst der Liebe.

Für mich ist die Frage nicht: wo ist Gott, sondern wo sind wir? Leben wir in der Liebe? Nehmen wir unsere Verantwortung wahr um andere zu schützen.

Ich weiß von einen Ehepaar, das auch nach der Aufhebung der Kontaktbeschränkungen für sich beschlossen hat, sich allen sozialen Kontakten noch weiterhin zu enthalten, da sie in der Altenhilfe arbeitet und dort keinen Virus hineintragen möchte.
Dies ist sicherlich eine sehr extreme Sichtweise, die ich nicht teile. Ich würde lieber kündigen. Aber sie nehmen die Verantwortung so wahr, wie sie sie für sich sehen und für richtig halten.
Und ich weiß gleichzeitig von Erziehern und Erzieherinnen eines Kindergartens in Nürnberg, die sich von Anfang an - sowohl privat, als auch in der Arbeit - in keinster Weise um irgendwelche Einschränkungen und Hygienemaßnahmen geschert haben, weil sie alles für Nonsens gehalten haben. So geht Verantwortung nicht.

Der Lockdown war für viele von uns ja auch ein Innehalten um unsere Lebensgestaltung zu hinterfragen. Und um Festzustellen was uns, was mir wirklich wichtig ist. Und auf was man vielleicht in Zukunft verzichten kann. Brauche ich diesen und jenen Termin wirklich? Ist das alles wirklich wichtig? Ist es mir wirklich wichtig? Gibt es nicht anderes, das mir jetzt wichtiger geworden ist? Familie, Freunde….

Und wir wurden uns vielleicht auch unserer Vergänglichkeit neu bewusst. Ab einem bestimmten Alter braucht man da eigentlich gar nicht mehr daran erinnert werden, aber bei jungen Menschen ist das vielleicht noch nicht so präsent.

„Wohlan nun, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen –, und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Dunst seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“ (Jak. 4, 13 - 15 Luth)


Dunst sind wir. Und verletzlich. Vielleicht ist uns das wieder bewusst geworden.

Hoffentlich aber, dass es um Liebe geht. Jetzt in den Zeiten der Corona und auch darüberhinaus.

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Kor. 13,13 Luth)

Wenn uns die Corona-Pandemie neu gezeigt hat:
  • wie lieb wir einander haben und
  • uns neu motiviert unsere Mitmenschen zu lieben und
  • uns neu gezeigt hat, was uns wirklich wirklich wichtig ist, dann haben wir aus dieser Zeit einen Gewinn gezogen, gemäß der Verheißung:
„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“ (Röm. 8, 28 Luth)

Und dann sind wir - vermutlich - da, wo Gott uns haben will.

AMEN.

Montag, 25. März 2019

Predigt von Norbert Wohlrab zur Jahreslosung 2019 (24.03.19)

Jahreslosung 2019


1. Frieden

Ich möchte heute über die Jahreslosung sprechen. Sie lautet:

„Suche Frieden und jage ihm nach“ (Ps 34,15b Luther)

Suche Frieden und jage ihm nach. Im hebr. steht hier für Frieden das Wort „schalom“
(שלום).

Wir kennen alle verschiedene Begrüßungen: Hallo, Servus, Grüß Dich, Guten Tag, Grüß Gott, Moin Moin….Ahoi, Ciao, Hola usw. Juden begrüßen sich dagegen mit Schalom (ähnlich Araber mit Salem).

Dieses Wort bedeutet nicht nur einfach Frieden. Also nicht nur das Gegenteil von Krieg, die Abwesenheit von Krieg und Streit. Sondern, es meint einen ungestörten, heilen Zustand voller Harmonie, Wohlergehen, Sicherheit und Frieden, ganzheitlichem umfassenden Glück.

Der jüdische Gruß ist also der Zuspruch und der Wunsch nach Frieden und Lebensglück.

Es erinnert mich ein bisschen an das Recht auf „Streben nach Glück“ in der amerikanischen Verfassung. Es ist auf jeden Fall ein Zustand, in dem wir uns gerne befinden möchten, den wir uns gerne für uns und auch für andere wünschen.

Der Begriff „schalom“ ist jedenfalls umfassender als wir ihn mit unserer Sprache wiedergeben könnten.


2. Jagen


Doch jetzt heißt es hier: Suche Frieden, suche Schalom und jage ihm nach! Schalom/Frieden und jagen bzw. nachjagen?! Das bekommt man jetzt erstmal nur schwer unter einem Hut.

Ich habe mal nachgesehen. Mit dem „Bibleserver“ ist es ganz einfach. Das Verb „jagen“ finden wir nur rund 30 x in der Bibel und meistens geht es dabei wirklich um Tiere jagen oder auch Menschen nachjagen. Und das macht auch Sinn, denn das hebr. Wort „radaph“ ist in der Militär- und Jagdsprache zu Hause. Es meint ein „eifriges Nachlaufen, Nachstellen, Verfolgen mit dem Ziel den Feind zur Strecke zu bringen oder das Tier zu erlegen.

Aber wir finden in der Bibel auch Aussagen wie:

„und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“ (Phil. 3,14 Luther)


„Flieh die Begierden der Jugend! Jage aber nach der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden mit allen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen.“ (2. Tim. 2,22 Luther)

„So lasst uns ihn erkennen, ja, lasst uns nachjagen der Erkenntnis des HERRN!“
(Hos. 6, 3a Rev. Elb.)


Hier wird das Nachjagen mit geistlichen Zielen und Werten in Verbindung gebracht, mit Erkenntnis, Heil, Gerechtigkeit. Hier verdeutlicht das Wort „nachjagen“ die Ernsthaftigkeit und Intensität des Bemühens.


3. Psalm 34: Lobpreis

Schauen wir uns die Jahreslosung mal im Zusammenhang an. Sie steht im Psalm 34.
Ein Psalm Davids. Es ist einer von acht Psalmen (7, 52, 54, 56, 57, 59 und 142), die durch ihre Einleitung im Zusammenhang stehen. Sie beinhalten alle Davids Erleben auf der Flucht vor Saul. Hier ist es die Begebenheit, als David sich vor Abimelech wahnsinnig stellte. (Dies ist nachzulesen in 1. Sam. 21, 12 - 22, 1).

Und es gibt noch eine weitere Besonderheit: der Psalm ist alphabetisch geschrieben, d.h. die Anfänge der einzelnen Zeilen beginnen nacheinander mit den verschiedenen Buchstaben des hebräischen Alphabets (akrostisch). Merkt man natürlich in der Übersetzung nicht.

Der Psalm beginnt erst mal mit einem Lobpreis Gottes.

„2 Ich will den HERRN loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.
3 Meine Seele soll sich rühmen des HERRN, dass es die Elenden hören und sich freuen.
4 Preiset mit mir den HERRN und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen!
5 Da ich den HERRN suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht.
6 Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.
7 Als einer im Elend rief, hörte der HERR und half ihm aus allen seinen Nöten.
8 Der Engel des HERRN lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.
9 Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!“  (Luther)


Ein wunderbarer Lobpreis. Manches findet sich in unseren Lobpreisliedern wieder.
Aufgeschrieben auf der Flucht. Im Zustand der Angst. Angst um das eigene Leben.

David schafft es Gott trotz der Umstände, entgegen der Umstände, unabhängig von den Umständen zu loben. David hat grenzenloses Vertrauen zu Gott.

Er kann uns hier ein Vorbild sein.
Er kann uns Mut machen von den Umständen weg hinzu Gott zu schauen.
Nicht in Ängsten, Nöten und Sorgen zu versinken.
Nicht wie das Kaninchen vor der Schlange zu sitzen.
Nicht den Fokus auf die Probleme legen….sondern auf Gott zu vertrauen.

Bis hierher schaff ich es oft noch ganz leicht. Zum Lobpreis Gottes zu kommen wie David ist dann noch mal eine Stufe weiter.

Vielleicht geht es Dir gerade genauso wie David? Bedrängt von Nöten.
David macht uns Mut Gott zu vertrauen und ihn stattdessen zu preisen. Wir wollen dazu später eine kleine praktische Übung machen.


4. Psalm 34: Furcht Gottes

Zunächst noch einmal zu unserem Psalm. Wir sind ja noch nicht beim Kontext der Jahreslosung angelangt.

In der Mitte des Psalmes kommt jetzt ein belehrender Einschub. Hier erklärt David was es heißt Gott zu fürchten, d.h. ehrfürchtig nach seinem Willen zu leben.

„12 Kommt her, ihr Kinder, höret mir zu! Ich will euch die Furcht des HERRN lehren.
13 Wer ist's, der Leben begehrt und gerne gute Tage hätte?
14 Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden.
15 Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!“
(Luther)


Wer ist es, der nicht gerne lebensfroh leben möchte? Sich seines Lebens, seiner Tage freuen? Natürlich jeder will das.

Aber damit ich mit meinem Nächsten in einem Zustand von Schalom/Frieden leben kann, ist etwas nötig. Ich muss da auch was dazu beitragen. Das kommt nicht einfach so über Dich, sagt David.
Denn es geht ja nicht darum, dass ich mich in einer opiumhaltigen Blase der Glückseligkeit in eine Art geistlichem „Nirwana“ versenke. Nur ich mit mir im Zustand des Schalom. Ab und zu wäre das sicherlich auch nicht schlecht. Aber im realen Leben geht es um ein Miteinander, um ein (hoffentlich) soziales Leben mit anderen Menschen.

3 Dinge sind es, die David hier beschreibt:
- Nichts Böses und Unwahres reden!
- Einander nichts Böses sondern Gutes tun!
- Sich aktiv um Frieden miteinander bemühen!

Das sind ganz praktische, alltägliche Ausprägungen eines Miteinanders nach dem Willen Gottes.
Und David wusste ja wovon er hier schreibt. Er hat den Frieden mit Saul gesucht, der ihn lange Jahre verfolgt hat und töten wollte. David hätte Saul töten können, aber er hat es nicht getan.
Und wir lesen an anderer Stelle auch, dass er mit seinen Männern in diesen Zeiten sich vorbildlich verhalten hat:

„Und doch sind die Männer sehr gut zu uns gewesen. Wir sind nicht belästigt worden, und wir haben nicht das Geringste vermisst alle Tage, die wir mit ihnen umhergezogen sind, wenn wir auf dem Feld waren. Sie sind eine Mauer um uns her gewesen bei Nacht und bei Tag, alle die Tage, die wir in ihrer Nähe waren und die Schafe weideten.“ (1. Sam. 25, 15.16 Rev. Elb.)

So wird das Verhalten von Davids Truppe beschrieben. Sie haben sich anständig und gut gegenüber den Schwächeren verhalten.

Tut einander Gutes und jagt dem Frieden nach!

Jetzt könnte man ja meinen, alles schön und gut. Das ist jetzt halt einfach so ein Loblied Davids. Ist das wirklich so relevant für uns.?


5. Identische Anweisungen im NT

„Endlich aber seid alle gleichgesinnt, mitleidig, voll brüderlicher Liebe, barmherzig, demütig, und vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern im Gegenteil segnet, weil ihr dazu berufen worden seid, dass ihr Segen erbt!
"Denn wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der halte Zunge und Lippen vom Bösen zurück, dass sie nicht Trug reden; er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach!“ (1. Petr. 3, 8 - 11 Rev. Elb.)


So finden wir es im NT bei Petrus. Petrus gibt hier ganz praktische Anweisungen an die Gemeinde. Kombiniert mit der Stelle aus dem Psalm 34. Ach ja, und auch die Christen in Kleinasien (der heutigen Türkei) an die Petrus seinen Brief schrieb, waren Verfolgungen und Bedrückungen ausgesetzt.

Die Bibel ist manchmal sowas von praxisbezogen, sowas von (krass) alltagsrelevant. 

Christen streiten sich oft über das richtige Tauf- oder Abendmahlverständnis. Sie belehren einander in Fragen der Geistestaufe und der Geistesgaben. Sie bekämpfen einander bei unterschiedlichen Ansichten zu Abtreibung oder Homosexualität. Wetteifern über die richtigen Gottesdienst-, Gemeinde- und Erweckungsstrukturen und -programme.

Und übersehen doch oft worum es im praktischen Leben, im Alltag eigentlich geht. Und der Alltag ist doch ein recht großer Teil unseres Lebens.

Es geht doch darum mein Umfeld zu lieben:
Nichts Böses, sondern Gutes tun! Den  Frieden miteinander suchen! Barmherzig und mitleidig sein! Eigentlich sind das alles nur Teilaspekte von: Liebt einander! Liebt Eure Nächsten!


6. Suchen

Ein Wort haben wir uns jetzt noch gar nicht angeschaut. Frieden, jagen. Fehlt noch suchen.

Wir kennen alle Beziehungen ohne Frieden. Unversöhnlichkeit. Gegeneinander statt miteinander. Der Frieden ist nicht mehr da. Er ist abhanden gekommen. Verloren gegangen. Vielleicht war er auch noch nie da.
Deshalb werden wir aufgefordert ihn zu suchen! Das hebr. Wort „bakasch“ heißt soviel wie wühlen, scharren, alles durchsuchen, angestrengt nach etwas suchen.

Leute, wir werden hier ganz schön gefordert:
Angestrengt nach dem verloren gegangenen Frieden zu suchen und wenn wir ihn gefunden haben, dann ihn auch noch nachzujagen, damit er nicht wieder verlustig geht.
Ich sag mal, es gab schon durchaus bequemere Jahreslosungen.

Nicht jeder Konflikt lässt sich lösen, wenn der andere sich dagegen wehrt und sich verweigert. Der Friede zwischen Saul und David war nie wirklich stabil. Aber es lag nicht an David. Wir sind nur für uns verantwortlich. Für unser Verhalten. Unser Suchen und Jagen.

Bei alldem brauchen wir Gottes Unterstützung. David schreibt weiter:

„18 Wenn die Gerechten schreien, so hört der HERR und errettet sie aus all ihrer Not.
19 Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.“ (Luther)


Nichts muss aus eigener Kraft geschehen. Manches übersteigt das menschlich Mögliche.
(Bsp. Versöhnung von x mit ihrer Mutter).


7. Frieden mit Gott

Für David war die Basis für dies alles sein Vertrauen auf Gott, sein Ruhen in Gott, sein Frieden mit Gott. Das war die Basis für sein Leben, für sein Streben, sein Ausharren, sein Suchen und Jagen.

Wenn man Frieden mit anderen leben will, die es einem schwer machen, braucht man den Frieden mit Gott. Nur aus diesem Frieden heraus ist das überhaupt machbar.

Ich denke es passt ganz gut, dass dieser Psalm 34 auch noch ein messianischer Psalm ist, d.h. er beinhaltet Stellen, die auf Jesus als Messias hinweisen.

„21 Er bewahrt ihm alle seine Gebeine, dass nicht eines von ihnen zerbrochen wird.“ (Luther)

(vgl. Joh. 19, 33 - 36; 2. Mo. 12, 46)

Wenn Du Jesus noch nicht kennst, er bietet Dir seinen Frieden an.
Einen Frieden, der nur er Dir geben kann. Er hat am Kreuz Frieden gemacht zwischen Gott und mir und alle Schuld getilgt. Jesus Christus ist unser Friede! Er ist der Friedensstifter.

AMEN.

(Übung: Kurzen Psalm schreiben in dem wir Gott über die Umstände erheben)

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Predigt von Norbert Wohlrab (30.09.18)

Kein Ansehen der Person


1. Einleitung

Ich möchte heute über den Predigttext des heutigen Sonntags sprechen: Jak. 2, 1- 13.
Als ich nachgesehen habe, welcher Text für den heutigen Sonntag als Predigttext angegeben ist, habe ich erst gedacht: „Ohje. No Way! Passt gar nicht. Und mir auch nicht. Jakobusbrief mag ich sowieso nicht. Was soll ich dazu denn sagen?“ Aber ich hatte dann doch so den Eindruck, dass ich bei dem Text bleiben sollte.
Und jetzt haben wir heute hier also diesen Text aus dem Jakobusbrief. Was machen wir nun damit? Zunächst einmal lesen. Bis Vers 12.

„ 1 Meine Geschwister, ihr glaubt doch an Jesus Christus, unseren Herrn, dem alle Macht und Herrlichkeit gehört. Dann dürft ihr aber Rang und Ansehen eines Menschen nicht zum Kriterium dafür machen, wie ihr mit ihm umgeht! 
2 Angenommen, in euren Gottesdienst kommt ein vornehm gekleideter Mann mit goldenen Ringen an den Fingern; es kommt aber auch ein Armer in zerlumpter Kleidung herein.
3 Wenn ihr nun dem mit der vornehmen Kleidung besondere Aufmerksamkeit schenkt und zu ihm sagt: »Hier ist ein bequemer Platz für dich!«, während ihr zu dem Armen sagt: »Bleib du dort drüben stehen oder setz dich hier bei meinem Fußschemel auf den Boden!« –
4 messt ihr da nicht in euren eigenen Reihen mit zweierlei Maß? Und macht ihr euch damit nicht zu Richtern, die sich von verwerflichen Überlegungen leiten lassen?
5 Hört, meine lieben Geschwister! Hat Gott nicht gerade die, die in den Augen dieser Welt arm sind, dazu erwählt, durch den Glauben reich zu werden? Hat er nicht gerade sie zu Erben seines Reiches bestimmt – zu Erben des Reiches, das er denen zugesagt hat, die ihn lieben?
6 Doch was macht ihr? Ihr behandelt den Armen geringschätzig! Sind es denn nicht die Reichen, die euch unterdrücken und euch sogar vor die Gerichte schleppen?
7 Und sind es nicht die Reichen, die den wunderbaren Namen ´unseres Herrn` verhöhnen, der über euch ausgerufen worden ist?
8 Nun, wenn ihr euch wirklich nach dem königlichen Gesetz richtet, wie es in der Schrift niedergelegt ist: »Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!«, dann handelt ihr gut und richtig.
9 Doch wenn ihr Rang und Ansehen eines Menschen zum Kriterium dafür macht, wie ihr mit ihm umgeht, begeht ihr eine Sünde und werdet vom Gesetz als Gesetzesübertreter überführt.
10 Und ihr wisst: Wer das ganze Gesetz befolgt, aber gegen ein einziges ´Gebot` verstößt, macht sich damit am ganzen Gesetz mit allen seinen Geboten schuldig.
11 Denn derselbe, der gesagt hat: »Du sollst nicht die Ehe brechen!«, hat auch gesagt: »Du sollst keinen Mord begehen!« Bei jedem einzelnen Verstoß gegen ein Gebot verstößt du also gegen das Gesetz als Ganzes; du kannst einen Mord nicht damit aufwiegen, dass du keinen Ehebruch begehst.
12 Redet und handelt so, wie es dem Gesetz der Freiheit entspricht – dem Gesetz, nach dem ihr einmal gerichtet werdet.  “ (Jak. 2, 1 - 12 NGÜ)



2. Hintergrund

Schon Luther hatte seine Probleme mit dem Jakobusbrief. Er hätte ihn am liebsten aus dem NT entfernt und hat ihm jegliche apostolische Autorität abgesprochen. „…achte ich sie für keines Apostels Schrift“ sagt er in seiner Einleitung zum Jakobusbrief.

Warum? Weil sie (die Schrift) „stracks wider S. Paulum und alle andre Schrift den Werken die Rechtfertigung gibt.“ Und wirklich man könnte meinen Jakobus lehrt eine Rückkehr zum Gesetz, wenn er hier so fleißig auf das Gesetz verweist und an anderer Stelle sogar davon spricht, dass man durch Werke gerechtfertigt wird.
So schreibt Jakobus bspw. „Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, hat aber keine Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?“ (2,14 Rev. Elb.) oder „Ihr seht also, dass ein Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein.“ (2,24 Rev. Elb.)
Dies veranlasst Luther zu dem Resümee: „Aber dieser Jakobus tut nicht mehr, als daß er treibt zu dem Gesetz und seinen Werken….Darum will ich ihn nicht haben in meiner Bibel in der Zahl der rechten Hauptbücher…“

Luther hat ihn also nicht auf die gleiche Ebene gestellt, wie die Schriften des Paulus oder des Petrus. Aber Luther wusste damals noch wenig über die Hintergründe dieses Briefes.

Wer war eigentlich dieser Jakobus? Jakobus war ein Bruder von Jesus. Er war keiner der zwölf Jünger und damit keiner aus der ersten Reihe der Apostel. Er war einer aus der zweiten Reihe. Aber er war der Vorsteher der jüdisch-christlichen Gemeinde in Jerusalem.

Er wurde als absolut integrer Mann beschrieben und sein Wort hatte geistliche Autorität.
Er war es, der auf dem ersten Konzil in Jerusalem Paulus und Barnabas mit auf dem Weg gab, dass die heidenchristlichen Gemeinden sich nicht an das Gesetz halten müssen und sich auch nicht beschneiden lassen müssen, aber sich doch bitte zur Konfliktvermeidung und aus Rücksicht den Juden gegenüber von bestimmten Speisen enthalten sollen (nachzulesen in Apg. 15). Also keineswegs ein Rückfall in das Gesetz.

Hier bei diesem Brief ist die Situation eine andere. Dies ist vermutlich der älteste Brief im NT. Er wurde geschrieben, als die Gemeinde noch ganz jung war, als es noch keine christliche Theologie eines Paulus gab, als die Trennung von Juden und Christen in den Synagogen noch nicht vollzogen war, als es auch noch nicht für alles eine göttliche Offenbarung gab.
Er wurde geschrieben von einem Judenchristen aus Jerusalem an die Judenchristen in der Diaspora, an Menschen, die in der jüdischen Tradition und vielfach auch tatsächlich nach den Vorschriften des Gesetzes lebten. Jakobus wählt dabei bewusst jüdische Begrifflichkeiten, weil er weiß, dass sie von seinen Lesern verstanden werden, da diese genauso im Judentum und im Gesetz gegründet sind, wie er selbst.
Wenn man sich dies vor Augen hält, ist der Jakobusbrief kein Widerspruch zu den Schriften des Paulus, sondern er verwendet nur andere Begriffe und hat eine ganz andere Akzentuierung.


3. In der Gesellschaft

Um was geht es jetzt Jakobus in der heutigen Textstelle?

Ich möchte an dieser Stelle mit Euch zunächst ein kurzes Video anschauen.

https://www.huffingtonpost.de/2014/05/14/obdachloser-hilfe-anzug_n_5321248.html

Dieses kurze Video beschreibt ganz gut das Problem der Gemeinden, an die Jakobus hier schreibt. Und es macht deutlich wie praktisch und wie einfach oft die Fragestellungen des christlichen Lebens eigentlich sind. (Es gibt ja Christen, die in aufwändigen Seelsorgesitzungen über Jahrzehnte hinweg versuchen immer heiliger und geheilter zu werden, dabei sind die Fragestellungen der Heiligung in der christlichen Nachfolge oft ganz banal.)

Sie haben auf das Äußere geschaut. Seid „frei von allem Ansehen der Person“ (V. 1 Luther) sagt Jakobus. Damit ist jetzt nicht die Persönlichkeit oder die Individualität oder die Originalität gemeint, sondern eben das was einer war: Feldherr, Fürst, Händler oder Sklave, Bettler. Sein Stand. Sein Ansehen. Sein Habitus. Sein Reichtum.
Hier soll in der christlichen Gemeinde kein Unterschied gelten. Warum? Weil Gott auch keinen Unterschied macht. Und weil die Herrlichkeit des einzelnen, nur aus dem Herrn der Herrlichkeit kommt.

„Nicht Besitz, Stellung oder herrliches Kleid gibt Herrlichkeit, sondern allein der Herr der Herrlichkeit.“ (Fritz Grünzweig, Der Brief des Jakobus).

Wir wissen nicht, ob Jakobus sich hier auf eine reale Begebenheit bezieht, oder ob er ein fiktives Geschehen beschreibt. Es muss auf jeden Fall irgendeine Grundlage für seinen Brief gegeben haben.

Die Situation ist bei uns heute gar nicht so einfach vorstellbar. Kein Platz mehr im Gottesdienst? Ist bei uns nicht so das Problem. Hier in diesem Raum sind wir manchmal schon an der Grenze. Aber sonst. Vielleicht an Heiligabend in der Kirche. Und sind dann die Plätze ganz vorne wirklich besser?

Im Theater, bei Konzerten, bei Sportveranstaltungen ist uns klar, da gibt es billige und teure Plätze, schlechte und gute. Und die in der ersten Reihe sind dann nicht immer die besten, weil man da oft die schlechtere Sicht oder schlechtere Akustik hat. Aber im Gottesdienst?
Es muss damals auf jeden Fall gute und schlechte Plätze gegeben haben. Oder vielleicht auch gute gegen gar keine Plätze.
Und den Reichen wurden damals automatisch die besseren Plätze zugewiesen. Für sie hat man notfalls auch mal Platz gemacht. Man hat auf das Äußere geachtet. Mehr Geld, mehr wert.

Wie wäre es denn bei uns? Nehmen wir an, der Raum hier ist voll. Alle Stühle belegt. Es kommen Gäste. Natürlich organisieren wir dann für sie irgendwie Sitzgelegenheiten. Notfalls tritt man den eigenen Stuhl ab. Das ist eine normale Geste der Gastfreundschaft. Aber wenn jetzt gleichzeitig eine bekannte Fürther Persönlichkeit und ein etwas versiffter Stadtstreicher kämen, würden wir da nicht auch ganz automatisch differenzieren? Nur mal so zum Nachdenken.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der selbstverständlich gilt „Du bist, was Du hast!“. Vielleicht nicht immer, aber sehr häufig.
Und wir leben in einer Gesellschaft, in der jedmöglicher Kult und Hype um prominente Personen in den Medien betrieben wird. Und was heutzutage alles als prominent gilt….. Nicht jeder schafft es dabei auf dem Boden zu bleiben. Es macht etwas mit einem, wenn einem ständig zugejubelt wird und die Blitzlichter blitzen. Wer noch nicht narzisstisch war, wird es spätestens jetzt. Lassen wir uns davon beeinflussen?

Sogar unter uns Christen ist es oft so, dass ein Hype gemacht wird um irgendwelche tollen Prediger, Apostel, Heilungsevangelisten o.ä. und groß mit ihrem Konterfei auf Veranstaltungseinladungen geworben wird.
Aber sind sie deshalb etwa mehr wert? Sind wir nicht alle ein Leib? Paulus drückt es so schön demütig aus: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben.“ (1. Kor. 3,6 Luther). Nicht jeder schafft es demütig zu bleiben.


4. Das Beispiel Jesu

Jesus gibt uns durch sein Leben vielfach Beispiele dafür, dass er nicht die Person ansieht, dass er nicht auf den Stand schaut.

Er begegnet einer Ausländerin aus Syrophönizien und befreit ihre Tochter von einem Dämon.
Er begegnet einer Samaritanerin, die ihn wilder Ehe lebt, und heilt ihre Seele.
Er begegnet Zachäus, dem Zöllner und Betrüger, kehrt bei ihm ein und verändert dadurch sein Leben.
Er begegnet Bettlern und Aussätzigen.
Er isst und trinkt mit Zöllnern und Prostituierten und
er kehrt auch ein bei Pharisäern und reichen Menschen.

Jesus sieht nicht auf das Äußere und jetzt kommt normalerweise der Satz: er sieht auf das Herz. Aber das weiß ich ja gar nicht und nicht für jeden war die Begegnung mit Jesus automatisch eine Veränderung zum Positiven, eine Hinwendung zu ihn, ein Schritt in die Nachfolge.
Ich würde eher sagen: er gab jedem eine Chance, er begegnete jedem unvoreingenommen.

Er steckt die Menschen nicht automatisch in Schubladen:
Ausländer? Für die ist mein Evangelium jetzt noch nicht gedacht.
Samaritaner? Falscher Glaube.
Zöllner? Mit denen hat man keinen Umgang.
Prostituierte? Fernab von jeglicher Moral.
Pharisäer? Unbelehrbar selbstgerecht.
Ein Reicher? Sein Gott ist der Mammon.

Jesus begegnet jeden. Ohne Unterschied. Ohne Schublade.

Und wir? Wie machen wir es?

Ich war diese Woche in München. Und ich musste ca. eine Stunde am Bahnhof auf meinen Zug warten und da hab ich die Zeit genutzt und mir die Menschen angeschaut.
Ich finde das interessant, Menschen anzuschauen. Es ist ja auch noch Oktoberfest. Da gab es sehr viele Menschen und sehr viele waren betrunken.

Menschen sind so unterschiedlich. Jeder ist anders. Jeder einzigartig. Jeder auf seine Art originell.
Wenn man sich im Zoo die Paviane anschaut, dann schauen die alle ziemlich gleich aus. Aber Menschen sind so was tolles, so was faszinierendes. Und jeder ist irgendwie anders und jeder ein bisschen verrückt. Das macht ja auch grad die Einzigartigkeit, die Individualität aus. Und das ist dann auch herausfordernd mit all diesen Einzigartigkeiten umzugehen.

Bei der Rückfahrt dann im Zug: Ziemlich viele Betrunkene. Das Oktoberfest macht’s möglich. Und dann auch so ein typischer Heilsarmee-Klient. Besoffen, ungepflegt, herumpöbelnd, alle blöd anmachend und die ganze Zeit die Klappe offen. Und da hab ich auch gemerkt, mein Herz für solche Menschen, geht nicht über die, die ich persönlich betreue oder mit denen ich auf meiner Arbeitsstelle zu tun habe, hinaus. Ich hab mir dann echt gedacht: Könnte nicht einer dieser kampferprobten Oberbayern im Trachtenanzug, ihn einfach mal ein paar auf´s Maul hauen, damit er ruhig ist. Ernsthaft. (Aber die haben die Schläge leider nur angedroht und dann doch lieber klein beigegeben und das Abteil gewechselt.)

Ich bin nicht in der Lage allen gleich zu begegnen oder überhaupt zu begegnen und schon gar nicht unvoreingenommen.


5. In der Gemeinde

Aber wie soll es bei uns sein? Es gibt eine Grenze. Eine Linie. In unserer Gesellschaft spielt es eine Rolle wer man ist und was man hat. Aber in der Gemeinde, im Reich Gottes - und da wo ich mich bewege, ist ja das Reich Gottes - soll dieser Maßstab nicht gelten, da muss gelten: alle sind gleich, keiner ist mehr wert, d.h. nicht, das ich automatisch mit jedem gleich umgehen muss oder die gleiche Nähe zulasse, aber in der Wertigkeit sind alle gleich, in den Augen Gottes sind alle gleich.

Warum? Weil Jakobus sagt, dass das Gesetz der Freiheit, gemeint ist das Gebot der Nächstenliebe, für alle gilt. Hier gibt es keinen Unterschied in Rang und Ansehen. Der Arme ist genauso der Nächste, wie der Reiche. Für beide gilt das Gebot der Liebe.

Jakobus erklärt es den Adressaten mit dem Beispiel, dass man sich beim Gesetz - das sie ja alle kannten - auch nicht heraus suchen kann, welche Gebote man befolgt und welche nicht, sondern alle befolgen muss; genauso wenig kann man sich heraussuchen welche Nächste man lieben will und welche nicht. Er lehrt also nicht wieder Gesetz, sondern er nimmt es zu Erklärungszwecken, weil er weiß, dass es die Empfänger verstehen.

Diese Ethik ist eine ganz praktische Orientierung für unser Leben.

An späterer Stelle erklärt er, dass sich der Glaube - wenn er echt ist - auch durch Taten ausdrücken wird (Jak. 2, 14 - 26), dass Glaube also nicht einfach irgendetwas Vergeistigtes ist, sondern praktisch lebbar und erlebbar sein muss.

Als Beispiel bringt er an: wenn jmd. bedürftig ist und keine warme Kleidung hat, dann nützt es nichts, wenn man ihm einen Reisesegen mit auf dem Weg gibt, sondern dann braucht er einfach eine warme Jacke.

Glaube war damals sehr praxisbezogen. Es gab viele Arme, da konnte der Glaube sich in der Praxis beweisen. Wir haben heute - eben aus diesem christlichen Glauben heraus - gut funktionierende Sozialsysteme, die die meiste Not auffangen. Wir sind in unseren Alltagssituation nicht so permanent gefordert, wie es damals der Fall war.

Aber der Umgang mit den Menschen fordert uns dennoch auch heute noch heraus.
Schaffen wir es den Menschen unvoreingenommen zu begegnen?
Schaffen wir es allen mit der gleichen Haltung zu begegnen?
Können wir allen die gleiche Wertigkeit zusprechen?

Wenn man einen Menschen liebt, dann begegnet man ihm ganz anders. Das heißt auch
nicht, dass wir zu allem Ja und Amen sagen sollen, was Menschen so tun und treiben. Das hat Jesus ja auch nicht gemacht. Aber wenn man einem Menschen liebt, dann kann man ihm viel wohlwollender begegnen. Die Liebe deckt alles zu, „sie rechnet das Böse nicht an“ (1. Kor. 13,5d Zür.).

Ich komme mit meinen Klienten gut zurecht. Ich habe irgendwie ein großes Herz für sie. Egal wie kaputt oder chaotisch sie auch sind. Egal wie sich sich manchmal benehmen. Aber das hört an meiner Bürotür auf.
Damit meine ich jetzt nicht, dass ich ihnen anders begegne, wenn ich sie außerhalb von meinem Büro antreffe, sondern damit meine ich, dass gilt nicht für die Klienten in den Büros meiner Kollegen.
Da denke ich mir: Boah, der nervt, und nöhlt und tobt hier rum, was für ein Idiot, was für ein Arsch, den hätte ich schon längst rausgeschmissen usw.
Es gibt aber keine wirklichen Unterschiede bei unseren Klienten. Sie sind alle ähnlich. Aber die Wertigkeit, die Bedeutung, die ich ihnen beimesse, kommt durch die persönliche Begegnung, durch die Nähe. Dadurch werden sie zu Personen. Außerhalb sind sie nur Chaoten in Schubladen.

C.S.Lewis oft zitierter Satz (sinngemäß): „Wenn Du jmd. nicht lieben kannst, fang an freundlich zu ihm zu sein.“ Der freundliche Umgang verändert die Sicht und das Herz.

Hierbei dürfen wir immer Gottes Hilfe erbitten.

AMEN.



Montag, 5. März 2018

Predigt von Norbert Wohlrab (04.03.18)

Die Fußwaschung

1. Einleitung

Wir haben ja alle so unsere Lieblingsbücher und -texte in der Bibel. Manche Bücher lesen wir öfters, manche eher selten. Ich lese z.B. meistens die Briefe des Paulus. Irgendwie empfinde ich die für mein Glaubensleben besonders relevant.
Neulich habe ich mal wieder das Johannes-Evangelium gelesen und da ist mir aufgefallen, dass ich es schon recht lange nicht mehr gelesen habe.

Und der Text, der mir für den heutigen Sonntag wichtig geworden ist, ist ein Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium. Es ist ein Text, den ich nie besonders beachtet habe. Bei manchen Stellen in den Evangelien erkennt man einfach keine besonders große Relevanz für das eigene Leben und den persönlichen Glauben und schiebt sie gleich wieder zur Seite.

Das hat für heute morgen jetzt Vor- und Nachteile.
Der Nachteil ist, dass ich mir über den Text vorher noch nie so richtig Gedanken gemacht habe.
Der Vorteil ist, dass ich mir über den Text vorher noch nie so richtig Gedanken gemacht habe,
d.h. ich konnte an ihn völlig unvoreingenommen herangehen und wurde nicht davon beeinflusst, was ich mir eh schon immer dazu gedacht hatte.

Der Text, den ich gleich lesen werde, finden wir ausschließlich im Johannes-Evangelium. Johannes hat sein Evangelium ja erst sehr spät geschrieben, etwa im Jahre 65, also etwa 5 Jahre nach den anderen Evangelien und rund 15 Jahre nach den ältesten Büchern des NT.
Johannes konnte also vieles schon als bekannt voraussetzen und brauchte es nicht wiederholen. Er wollte für ihn wichtige Aussagen und Ereignisse im Leben und Wirken Jesu noch ergänzen.


2. Die Fußwaschung

Im heutigen Text geht es um die Fußwaschung. Ich lese nach der Zürcher Übersetzung

„1 Es war vor dem Passafest und Jesus wusste, dass für ihn die Stunde gekommen war, aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen, und da er die Seinen in der Welt liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.
2 Während eines Mahls, als der Teufel dem Judas Iskariot, dem Sohn des Simon, schon eingegeben hatte, ihn auszuliefern
3 - Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in die Hände gegeben hatte und dass er von Gott ausgegangen war und zu Gott weggehen würde -,
4 da steht er vom Mahl auf und zieht das Obergewand aus, nimmt ein Leinentuch und bindet es sich um;
5 dann giesst er Wasser in das Becken und fängt an, den Jüngern die Füsse zu waschen und sie mit dem Tuch, das er sich umgebunden hat, abzutrocknen.
6 Nun kommt er zu Simon Petrus. Der sagt zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füsse waschen?
7 Jesus entgegnete ihm: Was ich tue, begreifst du jetzt nicht, im Nachhinein aber wirst du es verstehen.
8 Petrus sagt zu ihm: Nie und nimmer sollst du mir die Füsse waschen! Jesus entgegnete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du nicht teil an mir.
9 Simon Petrus sagt zu ihm: Herr, dann nicht nur die Füsse, sondern auch die Hände und den Kopf!
10 Jesus sagt zu ihm: Wer vom Bad kommt, braucht sich nicht zu waschen, nein, er ist ganz rein; und ihr seid rein, aber nicht alle.
11 Denn er kannte den, der ihn ausliefern sollte. Darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.
12 Nachdem er ihnen nun die Füsse gewaschen hatte, zog er sein Obergewand wieder an und setzte sich zu Tisch. Er sagte zu ihnen: Versteht ihr, was ich an euch getan habe?
13 Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr sagt es zu Recht, denn ich bin es.
14 Wenn nun ich als Herr und Meister euch die Füsse gewaschen habe, dann seid auch ihr verpflichtet, einander die Füsse zu waschen.
15 Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben: Wie ich euch getan habe, so tut auch ihr.
16 Amen, amen, ich sage euch: Ein Knecht ist nicht grösser als sein Herr und ein Bote nicht grösser als der, der ihn gesandt hat.
17 Wenn ihr das wisst - selig seid ihr, wenn ihr es tut.“ (Joh. 13, 1-17 Zürcher)


Diese Fußwaschung findet zeitlich im Zusammenhang mit dem letzten Abendmahl statt, von dem wir in den synoptischen Evangelien lesen. Dort wo Jesus das Abendmahl als Gedächtnismahl einsetzt. Kein Wort davon hier bei Johannes. Warum auch. Es ist ja alles bekannt.
Paulus hat es schon groß und deutlich erklärt und es ist in der Christenheit eingeführt. Es war bekannt und wurde praktiziert.
Die Fußwaschung dagegen, die in diesem Zusammenhang stattfand, war jedoch weniger bekannt. Aber sie war für Johannes sehr bedeutsam.
Diese Erzählung hat mehrere Bedeutungen. Hier geschieht etwas auf mehreren Ebenen. Aber was geschieht hier?

Es gab und gibt in der christlichen Theologie mannigfaltige Versuche diese Begebenheit zu deuten. Hier nur mal einige, die ich nicht teile:
- Die Fußwaschung als Bild für das Abendmahl
- Die Fußwaschung als Bild für die Taufe
- Die Fußwaschung existierte als eigenes Sakrament neben Abendmahl und Taufe
- Die Fußwaschung dient als Instrument, Sünden zu tilgen, die nach der Taufe begangen werden usw. …..

Wie stellen wir uns die Begebenheit vor? Die Jünger haben sich mit Jesus wie vereinbart zum Essen im Obergeschoss getroffen. Es war alles vorbereitet: wahrscheinlich ein niedriger Tisch, auf dem die Speisen bereit lagen, Sitzpolster (man lag damals ja bei Tisch: man stützte sich auf den linken Ellbogen und aß mit der rechten Hand, ich weiß nicht, ob das wirklich bequem war, auf jeden Fall war es damals so üblich) und dann gab es natürlich noch einen Krug mit Wasser, ein Tuch und eine Schüssel zum Waschen der Füße. Woher weiß man das dies bereit stand? Weil Jesus es genommen hat. Also muss es schon da gewesen sein.

Die Fußwaschung war eine im Orient überall übliche Praxis. Bedingt durch die Hitze hat man Sandalen getragen und damit sammelte man den Staub und den Dreck der Straße an seinen Füßen und daher war es dringend notwendig sie zu reinigen.
Umso mehr, da man ja beim zu Tisch liegen auf einer horizontalen Ebene mit den Füßen der anderen war.

Ich hatte mal eine Mitschülerin, die im Sommer öfters barfuß in die Schule lief und sie hatte dann wirklich richtig schwarze Füße. Das war beeindruckend.
Und ich selber lauf im Sommer ja auch meist mit Sandalen oder Flip-Flops durch die Gegend und da hatte ich mal eine gebrochene Zehe und musste zum Verbandwechseln zum Orthopäden und dann wurde ich geschimpft, weil mein Füße schmutzig waren. Das war echt peinlich.

Also, alles war vorbereitet und jetzt hätte jmd. vor (!) dem Essen den Dienst der Fußwaschung übernehmen müssen. Aber wer sollte das machen? Reiche Leute hatten dafür Dienstboten oder Sklaven. Denn diesen Dienst übernahmen die Geringsten der Geringen. Aber wenn das jetzt einer der Jünger gemacht hätte, hätte er damit ja ausgedrückt, dass er niedriger gewesen wäre als die anderen Jünger. Und die Jünger hatten doch vorher noch darum gestritten, wer denn unter ihnen der Größte sei (Mk. 9,34).
Wenn jetzt bspw. Petrus diesen Dienst übernommen hätte, hätte er seinen Rangplatz ja gleich freiwillig an die anderen abgetreten.
Laut Talmud war der Schüler verpflichtet dem Lehrer die Füße zu waschen. Bei Jesus hätte er es ja noch gemacht, aber doch nicht bei Andreas und den anderen. Er war doch nicht weniger wert als die anderen. So oder so ähnlich haben sie vielleicht gedacht und so hat niemand den Dienst verrichtet und sie lagen mit schmutzigen Füßen bei Tisch.

Dann passiert es. Sie essen gemütlich, unterhalten sich und auf einmal steht Jesus auf. Zuerst sind sie noch leicht irritiert und fragen sich vielleicht, was er denn jetzt vorhat. Dann zieht Jesus sein Obergewand aus und bindet sich eine Schürze um. Jetzt sind sie absolut erstaunt. So wie kleine Kinder, die etwas für sie Unvorstellbares sehen.
Er gießt Wasser in die Schale und fängt an ihnen die Füße zu waschen. Jetzt sind sie absolut konsterniert. Das gibt es nicht! Das ist unmöglich! Das darf nicht sein! Das ist ein absoluter Tabubruch! So etwas hat es noch nie gegeben. Er, der Lehrer fängt an ihnen die Füße zu waschen. Er, der Herr, übernimmt den Dienst eines Dieners, eines Knechtes eines Sklaven.


3. Die Fußwaschung als Beispiel für Dienen

Und so wie Jesus es getan hat, so soll es auch bei den Jüngern sein. Hier sind wir bei der ersten, der offensichtlichen Bedeutung des Geschehens.

„»Versteht ihr, was ich eben getan habe, als ich euch die Füße wusch?«, fragte er sie. »Ihr nennt mich Meister und Herr, und das mit Recht, denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und der Meister, euch die Füße gewaschen habe, sollt auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (V. 12b-15 NGÜ)

Hier ist noch gar keine Symbolik versteckt, sondern Jesus gibt den Jüngern durch seine Handlung ein konkretes und praktisches Beispiel für ihr künftiges Leben. So sollen sie einander tun. Sie sollen einander dienen und lieben, einander höher achten. So sagt er wenige Verse später:

„Ich gebe euch ein neues Gebot: Liebt einander! Ihr sollt einander lieben, wie ich euch geliebt habe.“ (V. 34 NGÜ)

Ich habe Euch gezeigt was Liebe heißt. So sollt auch ihr einander tun. So wie ich Euch geliebt habe (nicht nur wie Ihr Euch selber liebt.)

Leider müssen wir ehrlicherweise feststellen, dass die Geschichte der Christenheit oft anders war. Das ganze Mittelalter war bspw. bestimmt vom Kampf Papst gegen Kaiser, geistliche gegen weltliche Herrschaft, wer dominiert über den anderen. Da ging es nicht um dienende Leiterschaft, da ging es darum dass sie Kirche ihre Macht ausbaut.

Und auch in der Gegenwart gab und gibt es viele Strömungen und Entwicklungen, wo Leiterschaft nicht mit Dienen, sondern mit Herrschen gleichgesetzt wurde.
Ich muss immer noch dran denken, wie ich Ende der 80er Jahre auf einem Seminar war, auf dem von einem bekannten Leiter aus Lüdenscheid gelehrt wurde: „Wenn Dir ein Leiter sagt, dass Du einen Zaun blau zu streichen hast, musst Du ihn blau streichen und wenn er Dir dann später sagt, dass Du ihn jetzt noch einmal rot zu streichen hast, musst Du ihn jetzt rot streichen.“ Das war geistlicher Missbrauch und nicht dienende Leiterschaft. Und auch wenn solche Zeiten größtenteils vorbei sind, heißt es nicht, dass sie nicht wieder kommen. Hier müssen wir wachsam sein.

Es gab immer mal wieder christliche Strömungen, die die Fußwaschung als wörtlichen Auftrag verstanden haben und sie neben dem Abendmahl als Sakrament eingesetzt haben. Aber ich denke das ist nicht gemeint. Sondern es ist eine Beispielshandlung.
Heute laufen wir meist mit geschlossenen Schuhen rum, da werden sie nicht so schmutzig, da würde es eher noch Sinn machen die Schuhe zu putzen. In anderen Kulturen und Regionen mag es vielleicht noch seine Bedeutung haben.

Noch eine Bibelstelle, die ganz gut dazu passt:

„Es erhob sich auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen als der Größte gelten sollte. Er aber sprach zu ihnen: Die Könige herrschen über ihre Völker, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste und der Vornehmste wie ein Diener. Denn wer ist größer: der zu Tisch sitzt oder der dient? Ist's nicht der, der zu Tisch sitzt? Ich aber bin unter euch wie ein Diener.“ (Lk. 22, 24-27 Luth 2017)

Soweit zur Fußwaschung als Beispiel für eine dienende Haltung.


4. Die Fußwaschung als Symbol für den Kreuzestod Jesu

Die Fußwaschung ist aber auch ein Symbol für den Kreuzestod Jesu, für den Gottes-knecht am Kreuz. Es fängt schon mit dem Wechseln der Kleider an. Wie er sein Obergewand ablegte und die Sklavenschürze anlegte, so hat er seine göttliche Herrlichkeit abgelegt und ist Mensch geworden.

„Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“ (Phil. 2, 6.7 Luth 2017)

Genauso wie Jesus hier den Jüngern gegenüber zum Knecht wird, genauso wie er ihnen durch das Füße waschen dient, wird er später am Kreuz dienen.

„Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ (Phil. 2,8 Luth 2017)

Die Jünger hatten wahrscheinlich überhaupt noch nicht verstanden, wie sehr sich Jesus erniedrigt hat. Sicher, sie haben geglaubt, dass er der Messias ist, aber dass er seine Göttlichkeit weggegeben hat um Mensch zu werden?! Sie haben ihn ja im Miteinander als Menschen erlebt. Hier führte er ihnen vor Augen, dass er der Sklave war und fing an sie auf das Kommende vorzubereiten.


5. Die Fußwaschung als Symbol für die Sündenvergebung

Und genauso wie das Abendmahl ein Symbol für den am Kreuz gebrochenen Leib und das am Kreuz vergossene Blut ist, ist auch die Fußwaschung ein Bild, ein Symbol für die Reinigung von der Sündenschuld durch sein Blut.

Deutlich wird dies im Dialog mit Petrus:

„6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, du wäschst mir die Füße?
7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren.
(Ein Hinweis, dass hier eine Symbolhandlung für ein später stattfindendes Geschehen geschieht.)
8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir.“ (V. 6-8 Luth 2017)

Keinen Teil, keinen Anteil an mir. Keine Gemeinschaft mit mir. Dann gehörst du nicht zu mir. So steht es in anderen Übersetzungen. Dies ist - genauso wie im Abendmahl - ein Bild für das Sühneopfer am Kreuz, das wenige Tage später vollzogen wird.
Wer dieses Opfer am Kreuz nicht annimmt, der glaubt nicht an Jesus, der ist kein Christ, wer sich nicht durch sein Blut reinigen lässt, der hat keinen Anteil an ihm.

Aber Petrus macht dann genau das, was Jesus vorausgesagt hat: Er versteht es noch nicht und will jetzt mehr:  


„Herr, dann nicht nur die Füsse, sondern auch die Hände und den Kopf!“ (V. 9 Zürcher)
Er wollte natürlich Anteil haben an Jesus, am Reich Gottes, er wollte dazu gehören. Aber er missverstand die Handlung.
Wahrscheinlich interpretierte er die Fußwaschung als kultische Reinigung. Es gab solche Reinigungen im AT, bei denen nicht nur die Füße gewaschen wurden, sondern der ganze Körper (3. Mose 8,6; 16,4).

Aber Jesus antwortet: „Wer vom Bad kommt, braucht sich nicht zu waschen, nein, er ist ganz rein;“ (V. 10 Zürcher)
D.h. Wer durch das Blut Jesu gereinigt wird, der ist gereinigt, der braucht keine wie auch immer geartete zusätzliche kultische Reinigung.


Es gibt hier unterschiedliche Ur-Texte. Manche enthalten noch den Anhang: „ausgenommen die Füße“. Was die Bedeutung etwas kompliziert macht. Aber man nimmt an, dass es sich dann auf die gerade tatsächlich durchgeführte Fußwaschung als Beispiel für die dienende Haltung bezieht und nicht als Aufforderung für eine wiederkehrende kultische Handlung.


6. Die Fußwaschung als Beispiel für Reinigung von Sünden des Alltags?

Eine oft übliche Auslegung dieser Stelle ist, dass sie ein Beispiel für die Reinigung von den Sünden des Alltags sein sollen. So wie die Füße durch den Staub der Straße schmutzig werden, verunreinigen wir uns immer wieder in unserem Leben, was natürlich stimmt. Aber ich denke nicht, dass dies hier gemeint ist.

Weil zum einen denke ich, wenn Jesus dies im Blick gehabt hätte, hätte er wohl eher die Hände, Augen, Mund, Kopf, Oberkörper etc. gereinigt, da er in der Bergpredigt darauf hingewiesen hat, wo die Sünden in unserem Leben beginnen und wo sie ausgelebt werden. Die Füße wurden da nicht erwähnt.

Und zum anderen brauchen wir keine immer wiederkehrende neue Reinigung und können sie auch nicht bekommen, da das Opfer Jesu am Kreuz einmalig war und für alle Zeiten gilt und er nicht immer wieder neu ans Kreuz gehen muss. (Hebr. 7,27; 9,12; 10,10) Wir sind gereinigt! Das ist ja gerade unser Glaube an sein Erlösungswerk. „Wer gebadet hat ist ganz rein.“ sagt Jesus zu Petrus.


7. Schluss

In manchen Religionen oder Kulturen gab es Traditionen, dass zu bestimmten Anlässen die Rollen getauscht wurden. Bei den Römern bspw. gab es die Saturnalien. Da wurden für eine kurze Zeit Standesunterschiede aufgelöst oder sogar umgekehrt. Bedienstete und Herren auf eine Ebene gestellt oder sogar umgedreht. Aber nur für einen Tag. (Im Rheinland gibt es den Karneval, das ist wahrscheinlich ähnlich.)

Wir brauchen keine Umkehrung, wenn wir das praktizieren und umsetzen, was Jesus uns hier vorgemacht hat, - als vollendete Liebe beschreibt es Johannes hier im V. 1 - und einander lieben, dienen und achten.

AMEN.