Gleichnis von den Ehrenplätzen beim Festmahl (Lk. 14, 1 - 14)
1. Warnung vor Ehrsucht
Für den heutigen Sonntag habe ich ein Gleichnis herausgesucht, das man meistens nur wenig beachtet und über das auch eher selten gepredigt wird. Vermutlich einfach deshalb, weil die zentralen Aussagen so einfach und klar sind. Es handelt sich um das Gleichnis von den Plätzen bei einem Festmahl.
„1 Und es begab sich, als er am Sabbat in das Haus eines Obersten der Pharisäer ging, um zu speisen, da beobachteten sie ihn.
2 Und siehe, da war ein wassersüchtiger Mensch vor ihm.
3 Und Jesus ergriff das Wort und redete zu den Gesetzesgelehrten und Pharisäern, indem er sprach: Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen?
4 Sie aber schwiegen. Da rührte er ihn an, machte ihn gesund und entließ ihn.
5 Und er begann und sprach zu ihnen: Wer von euch, wenn ihm sein Esel oder Ochse in den Brunnen fällt, wird ihn nicht sogleich herausziehen am Tag des Sabbats?
6 Und sie konnten ihm nichts dagegen antworten.
7 Er sagte aber zu den Gästen ein Gleichnis, da er bemerkte, wie sie sich die ersten Plätze aussuchten, und sprach zu ihnen:
8 Wenn du von jemand zur Hochzeit eingeladen bist, so setze dich nicht auf den obersten Platz, damit nicht etwa ein Vornehmerer als du von ihm eingeladen ist,
9 und nun der, der dich und ihn eingeladen hat, kommt und zu dir sagt: Mache diesem Platz! — und du dann beschämt den letzten Platz einnehmen musst.
10 Sondern wenn du eingeladen bist, so geh hin und setze dich auf den letzten Platz, damit der, welcher dich eingeladen hat, wenn er kommt, zu dir spricht: Freund, rücke hinauf! Dann wirst du Ehre haben vor denen, die mit dir zu Tisch sitzen.
11 Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
12 Er sagte aber auch zu dem, der ihn eingeladen hatte: Wenn du ein Mittags- oder Abendmahl machst, so lade nicht deine Freunde, noch deine Brüder, noch deine Verwandten, noch reiche Nachbarn ein, damit nicht etwa auch sie dich wieder einladen und dir vergolten wird;
13 sondern wenn du ein Gastmahl machst, so lade Arme, Krüppel, Lahme, Blinde ein,
14 so wirst du glückselig sein; denn weil sie es dir nicht vergelten können, wird es dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.“
(Lk. 14, 1-14 Schlachter 2000)
Wir finden verschiedene Hochzeitsgleichnisse in der Bibel, die meist einen Bezug auf Jesus als Bräutigam haben. Dies hier ist etwas anders ausgerichtet, hat einen etwas anderen Schwerpunkt. Zunächst die Frage nach dem Kontext.
Jesus war mit seinen Anhängern auf Wanderschaft. Er hat gelehrt und geheilt. Der Konflikt mit den Pharisäern war noch nicht auf seinem Höhepunkt angekommen. Er wurde von den Pharisäern jedoch kritisch gemustert und beobachtet. Würde er etwas tun, dass dem Gesetz oder ihren Gebräuchen widerspricht?
Dann wurde er an einem Sabbat von einem Obersten der Pharisäer, vermutlich einem Hohenpriester oder Synagogenvorsteher, zu einem Festmahl eingeladen. Er nahm die Einladung an und wurde genau beobachtet (V. 1) und - schwups - auf einmal stand ein Wassersüchtiger vor ihm (V. 2). Ein schwerkranker Mensch mit Ödemen, möglicherweise wegen einer Herz- oder Niereninsuffizienz.
Was würde Jesus tun? Am Sabbat heilen, also medizinische Arbeit leisten?
Es ging nicht darum, dass ein Wunder notwendig war um diesen Mann gesund zu machen, da es mit den damaligen medizinischen Möglichkeiten keine Heilung gegeben hat, sondern es ging darum, dass in ihren Augen Heilen Arbeit ist und damit am Sabbat verboten sein muss. Jesus fragt sie: Ist es erlaubt? Bekommt keine Antwort und heilt ihm und schraubt damit den Konflikt mit den Pharisäern eine Stufe höher, weil er dadurch ihr religiöses System, ihre religiösen Überzeugungen in Frage stellt.
Weiter fragt er sie, ob sie nicht auch am Sabbat ihren Sohn (in anderen Texten heißt es Esel) oder Ochsen retten würden, wenn er am Sabbat in einem Brunnen fällt (5. Mose 22,4)? Auch hierauf erhält er keine Antwort. Wieder eine Stufe höher. Das ist der Zusammenhang. Nun beginnt das Mahl. Das war bestimmt eine interessante Atmosphäre, wenn man vom Anfang an mit dem Gastgeber in einem Konflikt war. Das ist der Punkt, wo ich mir wahrscheinlich gedacht hätte, okay, ich geh dann mal wieder, gibt es halt kein Festessen. Aber nicht so Jesus.
Nun beginnt ein munteres Treiben. Zur damaligen Zeit und in der damaligen Kultur hatte Gastfreundschaft einen besonders hohen Stellenwert. Aber der ursprüngliche Auftrag für Reisende und Bedürftige zu sorgen, wurde pervertiert.
Wenn man ein Gastmahl gegeben hat, ging es jetzt zum einen darum das Ansehen des Gastgebers zu vergrößern, dadurch dass er durch das Auftragen erlesener und reichhaltiger Speisen, seinen Reichtum zur Schau stellen konnte und zum anderen ging es auch den Eingeladenen darum, ihr Ansehen zu vergrößern, indem sie die Ehrenplätze beim Festmahl beanspruchten. Und diese waren rechts und links des Gastgebers.
Jetzt versuchten die Geladenen - ähnlich wie bei der Reise nach Jerusalem - durch geschicktes Manövrieren, Ablenken („Schau mal diese wunderbaren Oliven!“ „Hast Du schon diesen herrlichen Braten gesehen?“ „Schau mal dieser wunderbare Wandteppich“), Taktieren, Drehen und Wenden, jedoch ohne dies zu offensiv, offensichtlich oder gar aggressiv anzugehen, das wäre verpönt gewesen - die Ehrenplätze zu ergattern. Dies alle beobachtete Jesus.
Nun konnte es aber passieren, dass der Gastgeber, der in der Regel als letztes erschien, ganz andere Personen für die Ehrenplätze vorgesehen hatte und dann wurden die beiden, die es nach oben geschafft hatten, auf die hintersten Plätze geschickt und statt vor allen anderen geehrt zu werden, wurden sie nun vor allen anderen gedemütigt.
„Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (V. 11)
Jesus kritisiert dieses Treiben, dieses Streben nach Ehre und Anerkennung, sowohl der Geladenen als auch des Gastgebers, denn auch der Gastgeber strebt ja danach. Daher der Hinweis, dass er die einladen soll, die ihm die Einladung nicht vergelten können, die sich nicht bei ihm revanchieren können.
Es gibt ein eindeutiges christliches Verhalten, wie Jesus es an dieser Stelle einfordert und wie wir es in vielen anderen Stellen des Neuen Testaments nachlesen können: Strebt nicht nach Ehre und Anerkennung. Seid bescheiden. Seid demütig!
Vielleicht ist uns ja so ein Streben nach den besten Plätzen wie in dem Gleichnis geschildert ohnehin fremd. Ich bin ja eher so der „peinliche“ Typ, also ich meine mir ist es eher unangenehm irgendwo hervorgehoben zu werden. Ich fühle mich in den hintersten Reihen mit etwas Distanz, Ruhe und Überblick ohnehin viel wohler. Ich wäre nicht gefährdet nach den Ehrenplätzen zu streben. Vielleicht geht es dem einen oder anderen ja genauso, aber es gibt vermutlich noch mehr Lebensbereiche wo uns unsere Ehre wichtig ist wird und wir nicht so leicht damit klarkommen zurückgesetzt zu werden.
Aber wie ist es, wenn wir zu einer Feier einladen? Laden wir dann nicht automatisch unsere Freunde, Familie und Nachbarn ein?
Sicher es ist nicht ganz dasselbe, wir feiern nicht um zu protzen und anzugeben, sondern wegen der Geselligkeit, weil wir Zeit mit den Menschen verbringen wollen, die wir lieben. Aber ein bisschen ähnlich ist es schon, wir laden nicht die ein, mit denen wir keine Zeit verbringen wollen, mit denen wir gar nichts zu tun haben wollen. Und ehrlich, wenn ich mir vorstellen würde, ich sollte bspw. die Bewohner der Heilsarmee einladen, dann würde ich lieber gar nicht mehr feiern.
Aber dennoch, muss es auch für mich, für uns praktikable Möglichkeiten geben dieser Anregung zumindest annähernd zu folgen. Sagen wir mal hier bleibt noch Luft nach oben.
2. Demut - die Gesinung eines Dienenden
Der offizielle Predigtext des heutigen Sonntags steht im 1. Petr. 5, 5b - 11. Dort heißt es ähnlich:
„Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.“ (1. Petr. 5, 5b.6 Luther)
Da haben wir das gleiche Thema: Demut. Demut heißt auf Lateinisch „Humilitas“, das hat wohl etwas mit Humus zu tun: Erde, Erdboden. Demut hat also etwas mit Bodenständigkeit, Erdverbundenheit zu tun, nicht abgehoben zu sein, sich seiner Begrenztheit und seiner Vergänglichkeit bewusst zu sein.
Petrus schreibt hier davon, dass sich alle mit Demut bekleiden sollen, gürten sollen, sie anziehen sollen, so wie ein Sklave seinen Schurz angelegt hat, der ihn für seinen Dienst vorbereitet hat und ihn von einem freien Mann unterscheidet. Nicht nur die Jüngeren sollen gegenüber den Älteren demütig sein, sondern alle einander. Petrus verwendet dieses Wort nur hier.
Demütig sein, heißt für Petrus, sich selbst zum Sklaven zu machen, zum Diener zu machen. Das ist auch genau das, was das althochdeutsche Wort „Diomuot“ (zusammengesetzt aus Dienen und Mut bzw. Gesinnung) beschreibt: die Gesinnung eines Dienenden einzunehmen, aber nicht erzwungen sondern freiwillig, so wie es Jesus getan hat.
„Habt diese Gesinnung in euch, die auch in Christus Jesus war, der in Gestalt Gottes war und es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein. Aber er machte sich selbst zu nichts und nahm Knechtsgestalt an, indem er den Menschen gleich geworden ist, und der Gestalt nach wie ein Mensch befunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz.“ (Phil. 2, 5-8 Rev. Elb.)
Jesus hat es vorgemacht und wir sollen seine Nachahmer sein. Wir müssen nicht wie er ans Kreuz. Aber unser Leben soll gekennzeichnet sein, von der Gesinnung eines Dienenden.
Der Spiegel hat vor ein paar Jahren mal verschiedene Prominente befragt, was sie unter Demut verstehen. Matthias Sammer hat darauf geantwortet:
„Demut bedeutet für mich: Respektvoll zu sein. Gegenüber allen Menschen, egal welchen Alters, welcher Herkunft, Bildung und sozialer Stellung. Vor allem aber auch vor der eigenen Bedeutung. Wir sind alle nur Bestandteil einer großen Geschichte, das sollte jedem bewusst sein, egal wer er ist.“
Eine ganz gute Antwort, wie ich finde. Wir sind alle nur Humus. Aus Erde gemacht und wir gehen zur Erde zurück. Wir sind alle Gottes Geschöpfe, die einen tragen während ihrer Zeit auf Erden etwas mehr, die anderen etwas weniger Lametta.
Helen Nielsen (amerikaniche TV-Autorin) hat mal gesagt:
„Demut ist wie Unterwäsche - unerlässlich, aber unziehmlich, wenn sie durchscheint.“
(Stimmt heutzutage nicht mehr so ganz.)
Und noch ein bisschen Luther:
„Die wahren Demütigen sehen nicht auf den Lohn und die Folgen der Demut ... und haben keine Ahnung, dass sie demütig sind... Daher kommt's dann, dass ihnen die Ehre allezeit unerwartet widerfährt und ihre Erhöhung unvermutet kommt; denn sie haben sich einfältig an ihrem geringen Wesen begnügt und nie nach Höhe gestrebt. Die falschen Demütigen aber wundern sich, dass ihre Ehre und Erhöhung so lange ausbleibt, und ihr heimlicher falscher Hochmut fühlt sich gar nicht wohl in seinem geringen Stand, sondern denkt nur immer höher und höher.“
3. Demut contra Selbstbewusstsein?
Wir wissen alle, das Gegenteil von Demut ist Hochmut.
Hochmütig zu sein heißt bspw.:
- stolz zu seineine große Hybris zu haben, ein großes Ego zu haben
sich etwas darauf einzubilden, auf das was man ist, hat oder kann
- sich für besser, höher stehender, wertvoller, wichtiger als andere zu halten
- keine Korrektur mehr nötig zu haben
- es sowieso besser zu wissen usw.
- auf andere herabzusehen, sie zu richten
…
Aber wie ist es mit Selbstbewusstsein? Heißt demütig zu sein auch jegliches Selbstbewusstsein abzulegen?
Ich überspitze jetzt mal etwas:
Mut haben kann eigentlich nur der Ängstliche. Jemand der keine Angst vor einer Situation hat, kann auch nicht mutig sein. Er braucht sich ja nicht zu überwinden.
Ein Diener, ein Sklave oder Knecht kann sich selbst nicht demütigen. Jemand der gezwungen ist zu dienen, kann nicht so einfach aus sich selbst heraus demütig sein, weil er sich nicht frei dafür entscheiden kann, die Haltung eines Dienenden einzunehmen.
Ich darf mir daher meinem Selbst bewusst sein, meinen Stärken, meinen Fähigkeiten usw. durchaus bewusst sein und entscheide mich gerade aus dieser Stärke heraus, den anderen höher als mich selbst zu achten.
„Tut nichts aus Selbstsucht oder nichtigem Ehrgeiz, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst.“ (Phil. 2,3 Schlachter 2000)
Es geht nicht darum als Wurm durchs Leben zu gehen. Auch nicht als erlöster Wurm. Ich bin ein Kind Gottes. Gerechtfertigt und erlöst, begnadigt und begabt, auserwählt und berufen usw. Und außerdem vielleicht auch noch eine gute Ärztin, ein guter Ingenieur, eine gute Erzieherin, ein guter Techniker usw. Dessen allen darf ich mir bewusst sein, aber trotzdem oder gerade deshalb entscheide ich mich die Gesinnung eines Dienenden einzunehmen. Ist das ein Widerspruch? Nein, ich denke nicht.
Es gibt in der Philosophie das Konzept der Schwestertugenden. Erstmals formuliert von Aristoteles und später für die Psychologie weiter entwickelt und bekannt geworden unter dem Wertequadrat.(Paul Hellwig, Friedemann Schulz v. Thun). Es geht dabei darum, das jede Tugend zur Übertreibung werden kann und daher ein Gegengewicht (eine Schwestertugend) als Korrektiv benötigt. Aus Sparsamkeit kann bspw. Geiz werden. Daher benötigt die Sparsamkeit die Freigiebigkeit (die Übertreibung der Freigiebigkeit wäre Verschwendungssucht). In dieser Balance kann sich die Tugend dann entfalten, so Aristoteles.
Die Schwestertugend von Demut ist Selbstbewusstsein. Ohne Selbstbewusstsein, kann die Demut zur Unterwürfigkeit werden; ohne Demut, kann aus dem Selbstbewusstsein Hochmut oder Arroganz werden.
Finden wir das in der Bibel? Nein, nicht unter diesen Namen. Aber am Beispiel vieler Personen: im AT David und im NT v.a. Paulus. Gerade bei ihm wechseln immer wieder Stellen, wo er sich seiner Begrenztheit, seines Mangels, seiner Schwäche bewusst ist und sich dann wieder seiner Autorität, seiner Stellung, seiner Position bewusst ist und diese auch betont und in Anspruch nimmt. Demut und Selbstbewusstsein sind kein Widerspruch, sondern eine notwendige Ergänzung.
Mangelt es mir an Selbstbewusstsein, dann sollte ich mehr erkennen, aus welchen Grenzen heraus mich Gott bestimmt hat.
Mangelt es mir an Demut, dann sollte ich mehr erkennen, in welche Grenzen hinein mich Gott bestimmt hat.
4. Schluss
Petrus schreibt den Empfängern, dass sie sich unter die gewaltige Hand Gottes demütigen sollen. Manchmal heißt demütig sein, einfach auch nur Gott gegenüber den richtigen Platz - Gott ist Gott, ich bin Mensch - einzunehmen.
AMEN.
Die Fußwaschung
1. Einleitung
Wir haben ja alle so unsere Lieblingsbücher und -texte in der Bibel. Manche Bücher lesen wir öfters, manche eher selten. Ich lese z.B. meistens die Briefe des Paulus. Irgendwie empfinde ich die für mein Glaubensleben besonders relevant.
Neulich habe ich mal wieder das Johannes-Evangelium gelesen und da ist mir aufgefallen, dass ich es schon recht lange nicht mehr gelesen habe.
Und der Text, der mir für den heutigen Sonntag wichtig geworden ist, ist ein Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium. Es ist ein Text, den ich nie besonders beachtet habe. Bei manchen Stellen in den Evangelien erkennt man einfach keine besonders große Relevanz für das eigene Leben und den persönlichen Glauben und schiebt sie gleich wieder zur Seite.
Das hat für heute morgen jetzt Vor- und Nachteile.
Der Nachteil ist, dass ich mir über den Text vorher noch nie so richtig Gedanken gemacht habe.
Der Vorteil ist, dass ich mir über den Text vorher noch nie so richtig Gedanken gemacht habe,
d.h. ich konnte an ihn völlig unvoreingenommen herangehen und wurde nicht davon beeinflusst, was ich mir eh schon immer dazu gedacht hatte.
Der Text, den ich gleich lesen werde, finden wir ausschließlich im Johannes-Evangelium. Johannes hat sein Evangelium ja erst sehr spät geschrieben, etwa im Jahre 65, also etwa 5 Jahre nach den anderen Evangelien und rund 15 Jahre nach den ältesten Büchern des NT.
Johannes konnte also vieles schon als bekannt voraussetzen und brauchte es nicht wiederholen. Er wollte für ihn wichtige Aussagen und Ereignisse im Leben und Wirken Jesu noch ergänzen.
2. Die Fußwaschung
Im heutigen Text geht es um die Fußwaschung. Ich lese nach der Zürcher Übersetzung
„1 Es war vor dem Passafest und Jesus wusste, dass für ihn die Stunde gekommen war, aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen, und da er die Seinen in der Welt liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.
2 Während eines Mahls, als der Teufel dem Judas Iskariot, dem Sohn des Simon, schon eingegeben hatte, ihn auszuliefern
3 - Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in die Hände gegeben hatte und dass er von Gott ausgegangen war und zu Gott weggehen würde -,
4 da steht er vom Mahl auf und zieht das Obergewand aus, nimmt ein Leinentuch und bindet es sich um;
5 dann giesst er Wasser in das Becken und fängt an, den Jüngern die Füsse zu waschen und sie mit dem Tuch, das er sich umgebunden hat, abzutrocknen.
6 Nun kommt er zu Simon Petrus. Der sagt zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füsse waschen?
7 Jesus entgegnete ihm: Was ich tue, begreifst du jetzt nicht, im Nachhinein aber wirst du es verstehen.
8 Petrus sagt zu ihm: Nie und nimmer sollst du mir die Füsse waschen! Jesus entgegnete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du nicht teil an mir.
9 Simon Petrus sagt zu ihm: Herr, dann nicht nur die Füsse, sondern auch die Hände und den Kopf!
10 Jesus sagt zu ihm: Wer vom Bad kommt, braucht sich nicht zu waschen, nein, er ist ganz rein; und ihr seid rein, aber nicht alle.
11 Denn er kannte den, der ihn ausliefern sollte. Darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.
12 Nachdem er ihnen nun die Füsse gewaschen hatte, zog er sein Obergewand wieder an und setzte sich zu Tisch. Er sagte zu ihnen: Versteht ihr, was ich an euch getan habe?
13 Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr sagt es zu Recht, denn ich bin es.
14 Wenn nun ich als Herr und Meister euch die Füsse gewaschen habe, dann seid auch ihr verpflichtet, einander die Füsse zu waschen.
15 Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben: Wie ich euch getan habe, so tut auch ihr.
16 Amen, amen, ich sage euch: Ein Knecht ist nicht grösser als sein Herr und ein Bote nicht grösser als der, der ihn gesandt hat.
17 Wenn ihr das wisst - selig seid ihr, wenn ihr es tut.“ (Joh. 13, 1-17 Zürcher)
Diese Fußwaschung findet zeitlich im Zusammenhang mit dem letzten Abendmahl statt, von dem wir in den synoptischen Evangelien lesen. Dort wo Jesus das Abendmahl als Gedächtnismahl einsetzt. Kein Wort davon hier bei Johannes. Warum auch. Es ist ja alles bekannt.
Paulus hat es schon groß und deutlich erklärt und es ist in der Christenheit eingeführt. Es war bekannt und wurde praktiziert.
Die Fußwaschung dagegen, die in diesem Zusammenhang stattfand, war jedoch weniger bekannt. Aber sie war für Johannes sehr bedeutsam.
Diese Erzählung hat mehrere Bedeutungen. Hier geschieht etwas auf mehreren Ebenen. Aber was geschieht hier?
Es gab und gibt in der christlichen Theologie mannigfaltige Versuche diese Begebenheit zu deuten. Hier nur mal einige, die ich nicht teile:
- Die Fußwaschung als Bild für das Abendmahl
- Die Fußwaschung als Bild für die Taufe
- Die Fußwaschung existierte als eigenes Sakrament neben Abendmahl und Taufe
- Die Fußwaschung dient als Instrument, Sünden zu tilgen, die nach der Taufe begangen werden usw. …..
Wie stellen wir uns die Begebenheit vor? Die Jünger haben sich mit Jesus wie vereinbart zum Essen im Obergeschoss getroffen. Es war alles vorbereitet: wahrscheinlich ein niedriger Tisch, auf dem die Speisen bereit lagen, Sitzpolster (man lag damals ja bei Tisch: man stützte sich auf den linken Ellbogen und aß mit der rechten Hand, ich weiß nicht, ob das wirklich bequem war, auf jeden Fall war es damals so üblich) und dann gab es natürlich noch einen Krug mit Wasser, ein Tuch und eine Schüssel zum Waschen der Füße. Woher weiß man das dies bereit stand? Weil Jesus es genommen hat. Also muss es schon da gewesen sein.
Die Fußwaschung war eine im Orient überall übliche Praxis. Bedingt durch die Hitze hat man Sandalen getragen und damit sammelte man den Staub und den Dreck der Straße an seinen Füßen und daher war es dringend notwendig sie zu reinigen.
Umso mehr, da man ja beim zu Tisch liegen auf einer horizontalen Ebene mit den Füßen der anderen war.
Ich hatte mal eine Mitschülerin, die im Sommer öfters barfuß in die Schule lief und sie hatte dann wirklich richtig schwarze Füße. Das war beeindruckend.
Und ich selber lauf im Sommer ja auch meist mit Sandalen oder Flip-Flops durch die Gegend und da hatte ich mal eine gebrochene Zehe und musste zum Verbandwechseln zum Orthopäden und dann wurde ich geschimpft, weil mein Füße schmutzig waren. Das war echt peinlich.
Also, alles war vorbereitet und jetzt hätte jmd. vor (!) dem Essen den Dienst der Fußwaschung übernehmen müssen. Aber wer sollte das machen? Reiche Leute hatten dafür Dienstboten oder Sklaven. Denn diesen Dienst übernahmen die Geringsten der Geringen. Aber wenn das jetzt einer der Jünger gemacht hätte, hätte er damit ja ausgedrückt, dass er niedriger gewesen wäre als die anderen Jünger. Und die Jünger hatten doch vorher noch darum gestritten, wer denn unter ihnen der Größte sei (Mk. 9,34).
Wenn jetzt bspw. Petrus diesen Dienst übernommen hätte, hätte er seinen Rangplatz ja gleich freiwillig an die anderen abgetreten.
Laut Talmud war der Schüler verpflichtet dem Lehrer die Füße zu waschen. Bei Jesus hätte er es ja noch gemacht, aber doch nicht bei Andreas und den anderen. Er war doch nicht weniger wert als die anderen. So oder so ähnlich haben sie vielleicht gedacht und so hat niemand den Dienst verrichtet und sie lagen mit schmutzigen Füßen bei Tisch.
Dann passiert es. Sie essen gemütlich, unterhalten sich und auf einmal steht Jesus auf. Zuerst sind sie noch leicht irritiert und fragen sich vielleicht, was er denn jetzt vorhat. Dann zieht Jesus sein Obergewand aus und bindet sich eine Schürze um. Jetzt sind sie absolut erstaunt. So wie kleine Kinder, die etwas für sie Unvorstellbares sehen.
Er gießt Wasser in die Schale und fängt an ihnen die Füße zu waschen. Jetzt sind sie absolut konsterniert. Das gibt es nicht! Das ist unmöglich! Das darf nicht sein! Das ist ein absoluter Tabubruch! So etwas hat es noch nie gegeben. Er, der Lehrer fängt an ihnen die Füße zu waschen. Er, der Herr, übernimmt den Dienst eines Dieners, eines Knechtes eines Sklaven.
3. Die Fußwaschung als Beispiel für Dienen
Und so wie Jesus es getan hat, so soll es auch bei den Jüngern sein. Hier sind wir bei der ersten, der offensichtlichen Bedeutung des Geschehens.
„»Versteht ihr, was ich eben getan habe, als ich euch die Füße wusch?«, fragte er sie. »Ihr nennt mich Meister und Herr, und das mit Recht, denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und der Meister, euch die Füße gewaschen habe, sollt auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (V. 12b-15 NGÜ)
Hier ist noch gar keine Symbolik versteckt, sondern Jesus gibt den Jüngern durch seine Handlung ein konkretes und praktisches Beispiel für ihr künftiges Leben. So sollen sie einander tun. Sie sollen einander dienen und lieben, einander höher achten. So sagt er wenige Verse später:
„Ich gebe euch ein neues Gebot: Liebt einander! Ihr sollt einander lieben, wie ich euch geliebt habe.“ (V. 34 NGÜ)
Ich habe Euch gezeigt was Liebe heißt. So sollt auch ihr einander tun. So wie ich Euch geliebt habe (nicht nur wie Ihr Euch selber liebt.)
Leider müssen wir ehrlicherweise feststellen, dass die Geschichte der Christenheit oft anders war. Das ganze Mittelalter war bspw. bestimmt vom Kampf Papst gegen Kaiser, geistliche gegen weltliche Herrschaft, wer dominiert über den anderen. Da ging es nicht um dienende Leiterschaft, da ging es darum dass sie Kirche ihre Macht ausbaut.
Und auch in der Gegenwart gab und gibt es viele Strömungen und Entwicklungen, wo Leiterschaft nicht mit Dienen, sondern mit Herrschen gleichgesetzt wurde.
Ich muss immer noch dran denken, wie ich Ende der 80er Jahre auf einem Seminar war, auf dem von einem bekannten Leiter aus Lüdenscheid gelehrt wurde: „Wenn Dir ein Leiter sagt, dass Du einen Zaun blau zu streichen hast, musst Du ihn blau streichen und wenn er Dir dann später sagt, dass Du ihn jetzt noch einmal rot zu streichen hast, musst Du ihn jetzt rot streichen.“ Das war geistlicher Missbrauch und nicht dienende Leiterschaft. Und auch wenn solche Zeiten größtenteils vorbei sind, heißt es nicht, dass sie nicht wieder kommen. Hier müssen wir wachsam sein.
Es gab immer mal wieder christliche Strömungen, die die Fußwaschung als wörtlichen Auftrag verstanden haben und sie neben dem Abendmahl als Sakrament eingesetzt haben. Aber ich denke das ist nicht gemeint. Sondern es ist eine Beispielshandlung.
Heute laufen wir meist mit geschlossenen Schuhen rum, da werden sie nicht so schmutzig, da würde es eher noch Sinn machen die Schuhe zu putzen. In anderen Kulturen und Regionen mag es vielleicht noch seine Bedeutung haben.
Noch eine Bibelstelle, die ganz gut dazu passt:
„Es erhob sich auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen als der Größte gelten sollte. Er aber sprach zu ihnen: Die Könige herrschen über ihre Völker, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste und der Vornehmste wie ein Diener. Denn wer ist größer: der zu Tisch sitzt oder der dient? Ist's nicht der, der zu Tisch sitzt? Ich aber bin unter euch wie ein Diener.“ (Lk. 22, 24-27 Luth 2017)
Soweit zur Fußwaschung als Beispiel für eine dienende Haltung.
4. Die Fußwaschung als Symbol für den Kreuzestod Jesu
Die Fußwaschung ist aber auch ein Symbol für den Kreuzestod Jesu, für den Gottes-knecht am Kreuz. Es fängt schon mit dem Wechseln der Kleider an. Wie er sein Obergewand ablegte und die Sklavenschürze anlegte, so hat er seine göttliche Herrlichkeit abgelegt und ist Mensch geworden.
„Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“ (Phil. 2, 6.7 Luth 2017)
Genauso wie Jesus hier den Jüngern gegenüber zum Knecht wird, genauso wie er ihnen durch das Füße waschen dient, wird er später am Kreuz dienen.
„Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ (Phil. 2,8 Luth 2017)
Die Jünger hatten wahrscheinlich überhaupt noch nicht verstanden, wie sehr sich Jesus erniedrigt hat. Sicher, sie haben geglaubt, dass er der Messias ist, aber dass er seine Göttlichkeit weggegeben hat um Mensch zu werden?! Sie haben ihn ja im Miteinander als Menschen erlebt. Hier führte er ihnen vor Augen, dass er der Sklave war und fing an sie auf das Kommende vorzubereiten.
5. Die Fußwaschung als Symbol für die Sündenvergebung
Und genauso wie das Abendmahl ein Symbol für den am Kreuz gebrochenen Leib und das am Kreuz vergossene Blut ist, ist auch die Fußwaschung ein Bild, ein Symbol für die Reinigung von der Sündenschuld durch sein Blut.
Deutlich wird dies im Dialog mit Petrus:
„6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, du wäschst mir die Füße?
7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. (Ein Hinweis, dass hier eine Symbolhandlung für ein später stattfindendes Geschehen geschieht.)
8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir.“ (V. 6-8 Luth 2017)
Keinen Teil, keinen Anteil an mir. Keine Gemeinschaft mit mir. Dann gehörst du nicht zu mir. So steht es in anderen Übersetzungen. Dies ist - genauso wie im Abendmahl - ein Bild für das Sühneopfer am Kreuz, das wenige Tage später vollzogen wird.
Wer dieses Opfer am Kreuz nicht annimmt, der glaubt nicht an Jesus, der ist kein Christ, wer sich nicht durch sein Blut reinigen lässt, der hat keinen Anteil an ihm.
Aber Petrus macht dann genau das, was Jesus vorausgesagt hat: Er versteht es noch nicht und will jetzt mehr:
„Herr, dann nicht nur die Füsse, sondern auch die Hände und den Kopf!“ (V. 9 Zürcher)
Er wollte natürlich Anteil haben an Jesus, am Reich Gottes, er wollte dazu gehören. Aber er missverstand die Handlung.
Wahrscheinlich interpretierte er die Fußwaschung als kultische Reinigung. Es gab solche Reinigungen im AT, bei denen nicht nur die Füße gewaschen wurden, sondern der ganze Körper (3. Mose 8,6; 16,4).
Aber Jesus antwortet: „Wer vom Bad kommt, braucht sich nicht zu waschen, nein, er ist ganz rein;“ (V. 10 Zürcher)
D.h. Wer durch das Blut Jesu gereinigt wird, der ist gereinigt, der braucht keine wie auch immer geartete zusätzliche kultische Reinigung.
Es gibt hier unterschiedliche Ur-Texte. Manche enthalten noch den Anhang: „ausgenommen die Füße“. Was die Bedeutung etwas kompliziert macht. Aber man nimmt an, dass es sich dann auf die gerade tatsächlich durchgeführte Fußwaschung als Beispiel für die dienende Haltung bezieht und nicht als Aufforderung für eine wiederkehrende kultische Handlung.
6. Die Fußwaschung als Beispiel für Reinigung von Sünden des Alltags?
Eine oft übliche Auslegung dieser Stelle ist, dass sie ein Beispiel für die Reinigung von den Sünden des Alltags sein sollen. So wie die Füße durch den Staub der Straße schmutzig werden, verunreinigen wir uns immer wieder in unserem Leben, was natürlich stimmt. Aber ich denke nicht, dass dies hier gemeint ist.
Weil zum einen denke ich, wenn Jesus dies im Blick gehabt hätte, hätte er wohl eher die Hände, Augen, Mund, Kopf, Oberkörper etc. gereinigt, da er in der Bergpredigt darauf hingewiesen hat, wo die Sünden in unserem Leben beginnen und wo sie ausgelebt werden. Die Füße wurden da nicht erwähnt.
Und zum anderen brauchen wir keine immer wiederkehrende neue Reinigung und können sie auch nicht bekommen, da das Opfer Jesu am Kreuz einmalig war und für alle Zeiten gilt und er nicht immer wieder neu ans Kreuz gehen muss. (Hebr. 7,27; 9,12; 10,10) Wir sind gereinigt! Das ist ja gerade unser Glaube an sein Erlösungswerk. „Wer gebadet hat ist ganz rein.“ sagt Jesus zu Petrus.
7. Schluss
In manchen Religionen oder Kulturen gab es Traditionen, dass zu bestimmten Anlässen die Rollen getauscht wurden. Bei den Römern bspw. gab es die Saturnalien. Da wurden für eine kurze Zeit Standesunterschiede aufgelöst oder sogar umgekehrt. Bedienstete und Herren auf eine Ebene gestellt oder sogar umgedreht. Aber nur für einen Tag. (Im Rheinland gibt es den Karneval, das ist wahrscheinlich ähnlich.)
Wir brauchen keine Umkehrung, wenn wir das praktizieren und umsetzen, was Jesus uns hier vorgemacht hat, - als vollendete Liebe beschreibt es Johannes hier im V. 1 - und einander lieben, dienen und achten.
AMEN.