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Sonntag, 6. Juni 2021

Predigt von Norbert Wohlrab (09.05.2021)

Hosea 

 

Jesus sagte einmal:

„»Jeder Schriftgelehrte, der zu Gottes himmlischem Reich gehört und das, was er darüber gelernt hat, weitergibt, ist wie ein Hausherr, der aus seiner Vorratskammer Neues und Altes hervorholt.«“ (Mt. 13,52 HfA)

Ich bin jetzt zwar nur ein Hobby-Theologe, aber über das Reich Gottes hab ich mittlerweile schon das ein oder andere gelernt und deshalb versuche ich gerade mehr von dem zu verstehen, was Jesus hier mit „Altes“ gemeint haben könnte. Und eine Spur die ich gerade so verfolge, ist es die vielen versteckten Bedeutungen und Hinweise auf Jesus im AT zu entdecken.

Im Gespräch mit den Emmauus-Jüngern nach seiner Auferstehung sagt Jesus:

„»Nun ist in Erfüllung gegangen, wovon ich sprach, als ich noch bei euch war; ich sagte: ›Alles, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben ist, muss sich erfüllen.‹« Und er öffnete ihnen das Verständnis für die Schrift, sodass sie sie verstehen konnten“ (Lk. 24, 44.45 NGÜ)

Auch hier weist Jesus auf die versteckten Inhalte über ihn im AT hin. Und es wird hier deutlich: es bedarf der Unterweisung um sie verstehen zu können.

Eigentlich wollte ich heute über die Hinweise auf Jesus in den verschiedenen jüdischen Feste predigen. Aber ich hab dann festgestellt, das das ziemlich komplex ist. Ich bin da noch nicht durch. Das dauert noch etwas. Kommt vielleicht mal irgendwann.

Dann bin ich über eine Figur im AT gestolpert, deren Geschichte auch sehr viele Bezüge zu Jesus hat. Ich hab ja schon angedeutet, dass der Name mit H beginnt. Wer könnte es sein?

Ich möchte heute über Hosea sprechen. Kurz möchte ich noch erwähnen, wie ich über Hosea gestolpert bin. Und zwar war das letzten Sonntag, als ein Freund bei mir anrief, weil er gemahlene Haselnüsse gebraucht hat. Und als er kam um sie abzuholen, hat er voller Begeisterung von einem Film über Hosea erzählt, den er kürzlich gesehen hatte. Und so wurde ich dazu animiert mich mal wieder näher mit Hosea zu beschäftigen.

Zunächst mal ein bisschen was zur Person Hoseas und zum historischen Hintergrund.

Interessant ist schon mal der Name. Hosea ist eine Variante des Namens Josua und bedeutet „Heil“ oder „Errettung“. Hosea trägt also denselben Namen wie Jesus (Mt. 1,21).
Dies könnte natürlich Zufall sein, weil es gab sicherlich mehrere Männer mit dem Namen Hosea. Aber es gab nur einen Hosea, der von Gott zum Propheten berufen wurde.

„Dies ist das Wort des HERRN, das an Hosea, den Sohn Beeris, erging in den Tagen Ussijas, Jotams, Ahas’ und Hiskias, der Könige von Juda, und in den Tagen Jerobeams, des Sohnes von Joas, des Königs von Israel.“ (Hos. 1,1 Schlachter)

Wir wissen wenig über Hosea. Wir wissen den Namen des Vaters und Zeit und Ort seines Wirkens. Er wirkte im Nordreich - Israel war ja damals zweigeteilt in das Nord- und das Südreich, Israel und Juda. Und er wirkte etwa 40 Jahre im 8. Jahrhundert vor Christus. Er wurde während der Regierungszeit Jerobeams II. berufen und wirkte bis zum Zerfall des Nordreichs durch die Assyrer.

Unter Jerobeam II erlebte Israel eine letzte Blütezeit. Es war eine Zeit des Friedens und des Wohlstands.
Gleichzeitig aber gab es zwei große negative Entwicklungen: zum einen hat sich Israel mehr und mehr den Baalskult hingegeben. (Die Baale waren kanaanitische Fruchtbar-keitsgötter, denen Opfer - durch Sexualriten im Tempel oder teilweise auch Menschenopfer - gebracht wurden.) Und zum anderen kam es zu einen dramatischen Werteverfall:

„Hört das Wort des HERRN, ihr Israeliten! Der HERR hat einen Rechtsstreit mit den Bewohnern des Landes, denn es gibt keine Wahrhaftigkeit und keine Treue und keine Gotteserkenntnis im Land! Ihr flucht und lügt, mordet, stehlt und brecht die Ehe. Eine Bluttat reiht sich an die andere….Alkohol und Prostitution haben mein Volk um den Verstand gebracht. Die Menschen fragen ein Stück Holz, was sie tun sollen! Sie glauben, dass ein Stock ihnen die Zukunft vorhersagen könnte! Der Geist der Hurerei hält sie zum Narren. Sie huren herum und wenden sich von Gott ab. Überall auf den Bergen opfern sie irgendwelchen Götzen. Sie steigen in die Hügel hinauf, um dort, im kühlen Schatten von Eichen, Pappeln und anderen Bäumen ihre Rauchopfer zu verbrennen. Deshalb werden eure Töchter zu Prostituierten, deshalb brechen eure Schwiegertöchter die Ehe.“ (Hosea 4,1.2.11-13 NL)

Das war also die Situation Im Land. Und nun beruft Gott das letzte mal einen Propheten um Israel (also das Nordreich, teilweise auch Ephraim oder Samaria benannt) zu erreichen. Und er versucht es auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise. Er möchte nämlich das Hosea dem Volk durch sein Leben etwas vorlebt.

„Als der Herr zum ersten Mal zu Hosea sprach, sagte er ihm: »Geh und heirate eine Hure. Mit ihr sollst du Hurenkinder zeugen. Das ist ein Sinnbild dafür, dass das Land zur Prostituierten geworden ist: Es hat den Bund mit mir gebrochen und ist vom Herrn abgefallen.«“ (Hos. 1,2 NL)

Wow. Das ist ja jetzt mal eine krasse Ansage. Gott spricht zum ersten (!) Mal mit Hosea und die erste Ansage ist: Such Dir eine Prostituierte und heirate sie! „Wie krass ist das denn!?“

Stellen wir uns das doch mal vor. Da kommt Dein Sohn zu Dir und sagt:
„Papa, ich habe heute das erste mal Gottes Stimme gehört.“
„Wow, super. Und was hat er gesagt?“
„Ich soll zu einer Prostituierten gehen.“
„Äh, das kommt jetzt nicht von Gott, das kommt von unten, also unter der Gürtellinie….“
„Nein, nein, nicht wie Du denkst, ich soll sie heiraten.“
„Äh, das klingt jetzt auch noch nicht viel besser.“


So ähnlich könnte das Gespräch wohl abgelaufen sein, wenn Hoseas Vater Beeris noch gelebt hat.

Wir hatten ja auch alles unsere Pläne für den richtigen Ehepartner und wollten von Gott geführt werden. Aber doch nicht so. Das hätten wir uns nicht unter Gottes Führung vorgestellt.

Aber Hosea war wirklich ein Mann Gottes. Gott spricht und er tut es. Zack bumm, keine Widerrede.

„Da heiratete Hosea Gomer, die Tochter Diblajims. Sie wurde schwanger und schenkte Hosea einen Sohn.“ (Hos. 1,3 NL)

Hosea sucht sich eine Prostituierte und heiratet sie. Keine Ahnung wie das ablief, darüber steht nichts geschrieben. Er heiratet sie. Ihr Name ist Gomer. Und eigentlich könnte die Geschichte ja jetzt so weitergehen, Gomer wird erfolgreich resozialisiert und sie leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Aber nein. So. Läuft. Es. Nicht.

Kleine Nebenbemerkung. Der Name „Gomer“ bedeutet übrigens „vollendet“. Hosea und Gomer heißen also „Er rettet vollendet!“. Ich finde das total beeindruckend. Hier finden wir also wieder einen Hinweis auf Jesus. Gott rettet und es ist vollbracht.

Diese dramatische Geschichte mit unserer jungen Ehe geht noch weiter. Denn Gott nimmt auch Einfluss auf die Namensgebung.

„Und der Herr sprach zu ihm: »Nenn das Kind Jesreel, denn schon bald werde ich die Nachkommen Jehus bestrafen wegen der Blutschuld, die Jehu in Jesreel begangen hat. Dann werde ich auch dem Königtum des Hauses Israel ein Ende machen. An diesem Tag will ich im Tal von Jesreel die militärische Macht Israels brechen.«“ (Hos. 1, 4.5 NL)

Jesreel ist auch der Name einer Stadt und einer Ebene in Israel. Dort hat Jehu 42 Nach-fahren Davids erschlagen und damit Blutschuld auf sich geladen (2. Kön. 10, 12-14). Der Name sollte das Volk an diese Schuld erinnern. Und im Tal von Jesreel findet dann später auch die letzte Schlacht Israels gegen die Assyrer statt.

Aber dann geht es wieder.

„Zum zweiten Mal wurde Gomer schwanger. Dieses Mal schenkte sie einer Tochter das Leben. Der Herr sprach zu Hosea: »Nenn deine Tochter Lo-Ruhama. Denn ich will mich meines Volkes Israel nicht mehr erbarmen und will ihm seine Schuld nicht mehr vergeben.“ (Hos. 1,6 NL)

„Lo-Ruhama“ bedeutet „Nicht-Erbarmen“. „Keine Barmherzigkeit“. „No Mercy“. Eigentlich kein schöner Name für ein Mädchen.

„Nicht-Erbarmen, komm Hände waschen!“
„Nicht-Erbarmen, Essen ist fertig!“
„Nicht-Erbarmen, ärgere deinen Bruder nicht die ganze Zeit!“
„Nicht-Erbarmen, tu nicht in die Nase bohren.“


Jedes Mal wenn er sie gerufen hat und andere Menschen das gehört haben, sollte der Name eine Anklage sein.
Ob die Menschen das wohl kapiert haben? Aber es geht ja noch weiter.

„Nachdem Gomer ihre Tochter Lo-Ruhama entwöhnt hatte, wurde sie wieder schwanger und brachte einen Sohn zur Welt. Und der Herr sprach: »Nenn ihn Lo-Ammi . Denn ihr seid nicht mein Volk und ich will nicht mehr für euch da sein.«“ (Hos. 1, 8.9 NL)

Nichts haben sie kapiert. Weder die deftigen Namen, noch Hoseas deftige Predigten (die in den weiteren Kapiteln des Buches zu lesen sind) haben etwas bewirkt. Deshalb gibt er auf. „Lo-Ammi“ heißt „Nicht-mein-Volk“.

„Ihr seid nicht mehr mein Volk, macht doch was Ihr wollt mit Euren Baalen. Ihr werdet schon sehen wo das hinführt. Ich habe ja immer noch das kleine Juda. Die hören wenigstens ab und zu noch auf mich.“

Gott hat mit Israel einen Bund geschlossen am Berg Sinai. Sie sollten ihm gehorchen und sein Volk des Eigentums sein (2. Mo. 19,5), aber es hat diesen Bund immer und immer wieder gebrochen und irgendwann war Schluss.

Aber war wirklich Schluss? Und wie geht es mit unserer jungen Familie weiter? Ein Prophet, eine ehemalige Prostituierte und drei Kinder mit schrägen Namen. Wird das gutgehen?

Im zweiten Kapitel wird es etwas schwierig. Hier verwischen die Perspektiven. Hier wirft Gott Israel seine Hurerei vor und gleichzeitig auch Hosea seiner Frau Gomer.
Wenn ihre Ehe beispielhaft für die Beziehung zwischen Gott und Israel sein soll, dann musste das ja passieren. Gomer kehrt zu ihrem alten Lebensstil zurück.

„Jetzt aber sollt ihr eure Mutter zur Rechenschaft ziehen - denn sie ist nicht mehr meine Frau und ich bin nicht mehr ihr Mann. Sagt ihr, sie soll sich die Zeichen der Prostitution entfernen, die sie im Gesicht und an ihren Brüsten trägt….Ihre Mutter hat Ehebruch begangen. Die Frau, die sie zur Welt gebracht hat, hat Schande über sich gebracht. Sie sagte: `Ich halte mich zu meinen Liebhabern, denn diese geben mir Brot und Wasser, Wolle, Leinen, Öl und genug zu trinken.´“ (Hos. 2, 4.7)

Israel hurt mit den Baalsgöttern und Gomer mit ihren Liebhabern. Hosea ist bedient und Gott will auch nicht mehr. So scheint es zunächst. Aber das ist noch nicht das Ende der Geschichte. Noch nicht das Ende der Geschichte Gottes mit Israel und nicht das Ende von Hosea mit Gomer.

„Ich will dich für immer zu meiner Frau machen. Ich will dich rechtskräftig zu meiner Ehefrau machen und will dir meine unwandelbare Liebe und mein Erbarmen beweisen.
Ich werde dir für immer treu sein und du wirst lernen, mich vollkommen als deinen Herrn anzuerkennen.
An jenem Tag«, spricht der Herr, »will ich die Bitten erhören. Der Himmel wird Regen auf die Erde fallen lassen; der Regen wird die Erde vorbereiten, damit sie fruchtbar wird.
Dann können Korn, Trauben und Olivenbäume auf der Erde gedeihen. Und alle werden jubeln: `Jesreel´ - `Gott pflanzt!´
Dann will ich sie in ihrem Land aussäen, und sie soll fest gepflanzt sein. Ich werde die, die ich einst `Nicht-Geliebte´ nannte, lieben. Und zu denen, die ich `Nicht-Mein-Volk´ nannte, werde ich sagen `Ihr seid mein Volk´. Und sie werden antworten: `Und du bist unser Gott.´«“ (Hos. 2, 21-25 NL)

Es kommt zu einer völlig unerwarteten Wendung. Das Volk Israel ändert sich nicht, aber Gott sagt: Ich liebe dich trotzdem!

Und ausgedrückt wird das durch ein spektakuläres Verhalten Hoseas.

(Video-Clip)

„Dann sprach der Herr zu mir: »Geh und liebe nochmals eine Frau, auch wenn sie sich nebenbei von anderen Männern lieben lässt und ständig die Ehe bricht. Denn der Herr liebt die Kinder Israels noch immer, obwohl sie andere Götter verehren und Rosinenkuchen lieben.« So kaufte ich mir eine Frau für 15 Silberstücke und ein Homer Gerste und ein Letech Gerste.“ (Hos. 3, 1.2)

Hosea kauft seine Frau - die doch bereits seine Frau ist - für 15 Silberstücke und 1 1/2 Sack Gerste zurück. Kauft er sie den Zuhälter ab oder war sie bereits auf dem Sklavenmarkt gelandet. Wir wissen es nicht. Aber er zahlt das Lösegeld.

Dieses Zurückkaufen der eigenen Frau, der untreuen Frau ist ein Bild für das was Jesus mit uns getan hat. Auch er hat das Lösegeld bezahlt.

„Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“ (Mk. 10, 45 Rev. Elb.)

„Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Joh. 1,11 Rev. Elb.)

Jesus hat mit seinem Leben das bezahlt, was ihm eigentlich ohnehin schon gehört hat. Er hat sein Eigentum frei gekauft.

Dem Volk Israel verheißt Hosea eine gemeinsame Zukunft mit Juda in Freiheit. (Hos. 2, 1-3). Dies beginnt Wirklichkeit zu werden, durch die Neubesiedelung durch Serubbabel nach dem babylonischen Exil. Aber manche dieser Verheißungen (Hos. 3,5) wird erst vollständig umgesetzt, wenn Jesus sein Reich aufbaut.

Was soll uns diese Geschichte - neben der ursprünglichen Bedeutung für Israel - sagen?
Ich denke es sind v.a. drei Dinge:

Paulus schreibt im Römerbrief:

„So hat er auch uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. Wie er denn auch durch Hosea spricht (Hosea 2,25; 2,1): »Ich will das mein Volk nennen, das nicht mein Volk war, und meine Geliebte, die nicht meine Geliebte war.« »Und es soll geschehen: An dem Ort, da zu ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden.«“ (Röm. 9, 24 - 26)
 

Die gleiche Liebeszusage Gottes, bezieht Paulus hier auf uns Christen. Auch wir sind sein Volk. Auch wir sind berufen. Er hat die gleiche unendliche große Liebe für uns, die hier durch Hosea dargelegt wird.

Und zweitens: Sind wir nicht alle etwas Gomer bzw. Etwas Israel? Ich hab letzte Woche im Tatort ein neues Wort kennengelernt: polyamor. Kommt von Polyamorie, bedeutet das man Liebesbeziehungen zu mehreren Partnern hat und alle akzeptieren das. Im Tatort hat man dann auch gleich gemerkt, dass das doch nicht alle akzeptieren.

Das Volk Israel hat auch gedacht dass das geht: ein bisschen Jahwe und ein paar Baals. Wie in dem Lied „Mambo No 5“: a little bit of Jessica on my sight, a little bit of Monica usw. Aber es geht halt doch nicht.

Wir beten keine Naturgötter an, aber ich denke auch wir sollten uns immer wieder überprüfen, was in unserem Leben schon einen Gottähnlichen Status erreicht hat.

Aber das Dritte was uns diese Geschichte zeigen kann, ist einfach folgendes: wir haben noch soviel von der Liebe Gottes zu erkennen. So wie Hosea hier die bedingungslose Liebe demonstriert, muss ich schon sagen, es gibt noch so viel mehr von der Liebe Gottes zu erkennen.

„Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt…“ (Joh. 3,16a Schlachter)

So sehr! Gott rettet vollendet.

AMEN.

Sonntag, 9. Dezember 2018

Predigt von Norbert Wohlrab (09.12.18)

Die kanaanäische Frau

Ich möchte heute mit Euch einen Text betrachten, über den ich neulich gestolpert bin. Und zwar die Begegnung von Jesus mit der kanaanäischen Frau, von der uns bei Matthäus und bei Markus berichtet wird.

„21 Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon.
22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt….
28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.“ (Mt. 15, 21-28 Luther)
 


So kennen wir Jesus. Er heilt und befreit und begegnet den Nöten der Menschen. Aber den Bibelkennern unter uns ist vielleicht etwas aufgefallen?
Genau, hier fehlt der Mittelteil des Abschnittes. Da passiert nämlich noch etwas dazwischen. Der Mittelteil lautet nämlich. (Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt….)

„23 Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach.
24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir!
26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.
27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“
 


Äh, Moment, so kennen wir Jesus eigentlich nicht. Jesus sagt doch: „wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“ (Joh. 6,37). Und jetzt hier, dieses schroffe Ignorieren und Abweisen dieser leidenden Frau?!

Den Jüngern ging es hier wohl so ähnlich, wie wenn man auf einer Party jmd. vorstellt, den man meint sehr gut zu kennen und dann verhält sich der auf einmal völlig anders.

Aber schauen wir uns die Begebenheit mal der Reihe nach an.
Jesus war in Galiläa unterwegs. Er speiste die Fünftausend, rettete Petrus aus Seenot, heilte viele Menschen in Genezareth und setzte sich mit Pharisäern und Schriftgelehrten auseinander. Und dann wollte er ihnen entkommen und „entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon“.
Im Paralleltext bei Markus steht: „Und er ging in ein Haus und wollte es niemanden wissen lassen“ (Mk. 7,24).

Die Beweggründe sind nicht ganz klar. Aber auf jeden Fall hat sich Jesus zurückgezogen. Von Galiläa rund 60 - 90 km nach Tyrus und Sidon. 2-3 Tagesmärsche. Nur er mit seinen Jüngern. Es scheint, als wollte Jesus einfach seine Ruhe. Vielleicht dem Massenandrang entkommen. Vielleicht sich der Verfolgung entziehen. Vielleicht einfach auftanken. Einfach Ruhe. Das versteh ich. Ich will im Urlaub auch keinen Trubel um mich rum.

Keine Juden, keine Pharisäer, keine Schriftgelehrten. Keine Menschen die was von ihm wollten und auch keine Menschen die ihn etwas Böses tun wollten. Niemand, der sich für ihn interessiert hat, denn Tyrus und Sidon sind zwei Städte in Syro-Phönizien, dem heutigen Libanon, weit außerhalb des jüdischen Staatsgebietes, tief im Heidenland.
Kurz vorher hatte er den Pharisäern noch klar gemacht, dass nicht das Äußerliche den Menschen verunreinigt. Er hatte keine Berührungsängste mit den Heiden.

Jesus hatte sich also eine Art von Urlaub, eine Art Auszeit genommen. Aber das mit der Ruhe hat nicht ganz geklappt, denn er „konnte doch nicht verborgen bleiben“ (Mk. 7,24) heißt es. Auch im Ausland hatte man schon von seinen Wundertaten gehört.

Dann kommt eben diese kanaanäische Frau zu ihm. Markus beschreibt sie als „Griechin aus Syrophönizien“ (Mk. 7,26), deren Tochter dämonisiert ist.
Kanaan ist die alte Bezeichnung für die Region, Syro-Phönizien die gegenwärtige, also kein Widerspruch. Aber Griechin? Das bedeutet wohl die Zugehörigkeit zur hellenistischen Kultur der Oberschicht in dieser Region. Tyrus und Sidon waren reiche Handelsstädte, hellenistisch und multireligiöse geprägte Städte.

Die Frau spricht Jesus an als Sohn Davids. Und Jesus reagiert erstmal gar nicht. Er sagt nichts. Kein Wort. Das schmerzt richtig beim Lesen.
Die Jünger sind schon genervt von ihrem Geschrei und bitten ihn, dass er etwas macht. Und dann erklärt Jesus - eigentlich den Jüngern - seine Haltung. „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“

Jesus hatte eine klare Mission von seinem Vater bekommen. Er war der Messias Israels. Ja, er war der Sohn Davids. Aber diese Frau war keine Tochter Davids. Sie war eine Heidin.
Er war zu den verlorenen Schafen Israels gesandt. Zum Volk Israel. Er sollte die loskaufen, die unter dem Gesetz waren (Gal. 4,4). Gott ist zunächst „nur“ der Gott Israels, nicht der Gott anderer Völker.

Es gab natürlich von Anfang an den Plan, dass dies nicht das Endziel ist. Zu Abraham sagte Gott: „und in dir und in deiner Nachkommenschaft sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde“ (1. Mose 28,14 Rev. Elb.) und es gab Verheißungen im AT, dass die Schranke zu den Heiden einmal weggerissen werden wird. Aber das war zu dieser Zeit noch Zukunftsmusik.

„Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter“ (Mt. 10,5 Luther), sagte Jesus, als er die Zwölf vorher ausgesandt hatte. Die Schranke zu den Heiden war noch nicht niedergerissen. Das geschah ja erst am Kreuz.
Jesus war also nicht auf Missionsreise in Syro-Phönizien unterwegs, wie später die Apostel. Die Frau kam zur falschen Zeit aus einer falschen Nation. Sie kam einfach heilgeschichtlich betrachtet zu früh. Sie hätte sozusagen auf Paulus warten müssen.

Aber sie lässt nicht locker. Jesus hat ja auch nicht gesagt, dass er nichts tun wird. Er hat nur den Jüngern sein Verhalten erklärt.

„Herr, hilf mir!“ sagt sie. Und dann kommt diese barsche Antwort:
„Doch er erwiderte: »Es ist nicht recht, den Kindern das Brot zu nehmen und es den Hündlein hinzuwerfen.«“ (Mt. 15, 26 Menge)

Uff! Harter Tobak.

Bei Markus heißt es noch etwas anders:

„Lass zuvor die Kinder satt werden; denn es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot nehme und werfe es vor die Hunde“ (Mk. 7,27)

Markus fügt hier noch da Wort „zuvor“ ein. Damit werden die anderen nicht gänzlich ausgeschlossen, sondern nur hinten angestellt. Markus schrieb sein Evangelium ja auch für die Heiden und Matthäus dagegen für die Juden.

Dieser Satz ist jetzt eigentlich mehrdeutig:
Zunächst Hunde ist die hebräische Bezeichnung für die Heiden, auch wenn Jesus hier abgemildert Hündchen sagt. Und Jesus ist das Brot des Lebens (Joh. 6,48) und ist zuerst zu den Kindern Israels gesandt. Zunächst sollen die Kinder Israels satt werden. Ihr geistlicher Hunger und Durst soll gestillt werden, ihre Erlösung soll bewirkt werden. Dies ist eigentlich eine Wiederholung der Erklärung, die Jesus den Jüngern gegeben hat, nur mit anderen Worten.

Aber dieser Satz hat auch noch eine andere Dimension. Eine sozialkritische Dimension. Tyrus und Sidon waren -  wie bereist erwähnt - reiche Handelsstädte. Die tyrische Währung war eine der härtesten Währungen des Altertums, so wie die DM bspw.
Wegen des gebirgigen Hinterlands konnte dort aber nur wenig Landwirtschaft betrieben werden - im Gegensatz zu Galiläa. Und so importierte Tyrus schon zu Zeiten Salomons Getreide und weitere Lebensmittel aus Israel (1. Kön. 5, 22-25; Hes. 27,17; Apg. 12,20) und eben auch damals in neutestamentlicher Zeit. Was zur Folge hatte, dass die arme Bevölkerung Galiläas Hunger leiden musste.

Und so könnte Brot in diesem Vers auch ganz wörtlich als Brot zu verstehen sein.

„Lass zuerst die armen Leute im jüdischen Hinterland satt werden. Denn es ist nicht gut, das Brot der armen Leute zu nehmen und es den reichen Heiden in den Städten hinzuwerfen.“ (Gerd Theißen)

Damit wäre dies ein Gerichtswort gegen die Ausbeutung der Armen in guter prophetischer Tradition, wie wir es von den Propheten des AT kennen.

Welche der beiden Interpretationen auch die richtige sein mag oder ob beide gleichzeitig richtig sind. Die Frau hat verstanden. Sie rechtfertigt sich nicht, wie man es so gerne tut: „Oh Herr, die Umstände….und ich kann doch nichts dafür….und die anderen….und du weißt doch….man muss doch sehen, wo man bleibt….es sind schwierige Zeiten….und die Steuern“, sondern sie sagt einfach: „Ja, Herr“. Sie stimmt zu. Sie stimmt mit Jesus überein:

Ja, ich bin keine Israelitin.
Ja, ich habe keinen Anspruch an Dich.
Ja, Du bist nur zum Volk Israel gesandt.
Und vielleicht auch: Ja, wegen uns müssen die Galiläer hungern.

Sie stimmt mit Jesus überein. Die Bibel nennt das Bekennen. Mit Gott einer Meinung sein.
Und demütig sagt sie dann: Ja, aber für die Hunde fällt doch auch ein bisschen was ab bei Tisch. Ein paar Krümel. Und die gewährt man ihnen.

Ein bisschen Segen, ein bisschen Gnade, ein bisschen vom Brot des Lebens muss doch auch für mich Heiden-Hündchen übrig bleiben.

Und Jesus gewährt ihr daraufhin ihre Bitte, heilt ihre Tochter und lobt ihren großen Glauben.
Interessant ist, dass er dies nur bei zwei Menschen tut. Bei ihr und bei dem Hauptmann von Kapernaum, der für seinen kranken Diener bittet (Mt. 8, 5-13). Ebenfalls ein Heide.

Was hat sich geändert? Oder hat sich überhaupt etwas geändert?

Die Bibel erklärt ja bspw., dass Jesus bis zu seinen letzten Stunden durch sein Leiden Gehorsam lernen musste (Hebr. 5,8). Hat Jesus hier umgelernt? Nein, ich denke nicht. Oder hat die Frau ihn überredet? Das wäre so die feministische Interpretation dieser Stelle. Nein, das denke ich auch nicht.

Jesus hat ja nie gesagt, dass er ihr nicht helfen wird, Er hat nur erklärt, dass er zuerst zum Volk Israel geschickt ist. Ich denke, dass es von Anfang an in Gottes Willen war, dass er hier eingreift. Vielleicht ist Jesus auch durch die Leitung seines Vaters extra dorthin gegangen um dieser Frau zu begegnen. Wir wissen es nicht.

Aber es wird trotzdem etwas deutlich, nämlich dass das Einreißen der Mauer zu den Heiden bevorsteht. Insofern hat diese Begegnung mit der syro-phönizischen Frau eine symbolische und auch prophetische Bedeutung. Es dauert ja auch nicht mehr lange dann werden die Jünger ausgesandt nach Samaria und an die Enden der Erde zu allen Völkern.

Die Begegnung mit der syro-phönizischen Frau ist eingebettet in die zwei Wunder der Brotvermehrung. Beim ersten mal blieben 12 Körbe übrig. Das ist jetzt ein bisschen was für die Numerologen. 12 Körbe für die 12 Stämme Israels. Überfließende Gnade für Israel.
Beim zweiten blieben 7 Körbe übrig. 7 ist die Zahl für das umfassende Wirken an der ganzen Schöpfung. Überfließende Gnade für die Welt. Ich weiß nicht ob das wirklich so ist, aber es ist zumindest mal ganz interessant.

Gut, aber was kann uns dieser Text heute sagen? Was können wir von dieser Frau lernen? Wir haben den Bibeltext jetzt verstanden, aber was sagt er uns heute?

Martin Luther hat die Frau als Mutter des Glaubens bezeichnet. Eine Frau die nichts hat, außer ihren Glauben an Jesus. Sie weiß, dass sie keinen Anspruch hat und nichts zu bieten hat. Sie weiß, dass sie sündig ist.
Wenn wir heute Jesus bitten, dann tun wir das zwar als Gerechtfertigte, aber trotzdem als schwache, unvollkommene, sündige Menschen, die nichts zu bieten haben. In Demut können wir sagen: „Ja Herr, ich bin schwach, ich habe nichts, ich brauche Dein Eingreifen.“

Die Frau bleibt bei Jesus. Sie lässt sich weder von seinem Schweigen irritieren, noch von seiner Belehrung. Sie bleibt da. Sie harrt aus. Sie bleibt in seiner Gegenwart. Wenn wir beten und keine Antwort erhalten, ist das nicht automatisch ein Nein.

Das NT ist voll von Beispielen und Aufforderungen, in denen das nachhaltige Bitten belohnt wird und auch erwartet wird. Z. B. bei der bittenden Witwe beim ungerechten Richter oder bei dem Freund, der um Mitternacht klopft. Beiden wird wegen ihrer Hartnäckigkeit und Unverschämtheit gegeben. Gott will aus Güte geben.

Könnte es sein, dass wir oft zu schnell aufgeben? Dass wir denken, Gott will unser Bitten nicht erhören, nur weil es noch nicht geschehen ist?

Von der Frau können wir lernen im Glauben an der Sache dranzubleiben, weiter zu bitten, nicht aufzugeben, nicht nachzulassen, beharrlich zu sein.

Betet allezeit, betet ohne Unterlass, mit aller Beharrlichkeit etc. So können wir es oft lesen im NT.

Weder die Frau, noch der Hauptmann von Kapernaum baten für sich selbst, sondern für ihnen nahestehende Menschen.
Wer sind unsere nahestehenden Menschen, die unsere Fürbitte nötig haben? Familie, Freunde, Nachbarn. Oft haben sie gar keinen anderen Beter, außer uns (wenn man nicht gerade in so Ballungszentren mit lauter Christen wohnt). Wenn wir dann nicht beten, betet vielleicht gar keiner. Und wie schnell wird man müde und zermürbt und bequem, wenn es sich über Jahre und Jahrzehnte hinzieht und nichts geschieht.

Im AT können wir an vielen Beispielen lernen weiter zu beten oder mit Gott weiter zu reden, wenn er schweigt.

„Steh auf, HERR! Gott, erhebe deine Hand! Vergiss die Elenden nicht!“ (Ps. 10,12 Luther)

Die Psalmen sind dabei wunderbare Beispiele dafür anhaltend im Gebet zu bleiben.

Eine Frage, die sich stellt, ist: Ist Beten Gott überreden? Ist Beten eine Art von Gott weichklopfen?
Man könnte jetzt ganz einfach sagen: Du bekommst nicht, was nicht Gottes Wille ist. Aber die Geschichte Israels zeigt, dass Gott seinem Volk öfters Dinge gegeben hat, die sie wollten, auch wenn sie nicht in seinem Willen waren. Z.B. Fleisch in der Wüste zusätzlich zum Manna (4. Mo. 11),  das östliche Gebiet am Jordan für zweieinhalb Stämme, die nicht über den Jordan ziehen wollten (4. Mo. 32), einen König (1. Sam. 8). Mit meistens negativem Ausgang. Also es gibt Beispiele wo Gott überredet werden konnte. Trotzdem denke ich, dass dies nicht das ntl. Regelprinzip von Gebet und Fürbitte ist.

Gebet und Fürbitte bewegt sich in den Parametern zwischen:
Ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet (Jak. 4,2) und Euer Vater weiß was ihr braucht bevor ihr ihn bittet (Mt. 6,8);
zwischen den Willen Gottes vom Himmel auf die Erde bringen (charismatisch-pfingstkirchliches Verständnis) und „Abhängen“ mit Gott. Aus irgendwelchen Gründen hat sich Gott von unserem Beten abhängig gemacht. Und wir tun es viel zu wenig.

AMEN.

Dienstag, 31. Januar 2017

Predigt von Norbert Wohlrab zur Jahreslosung 2017 (22.01.2017)

Jahreslosung 2017

Traditionsgemäß werde ich zum Jahresanfang über die Jahreslosung predigen. Sie lautet: 


„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hes. 36,26) 

 
Betrachten wir den Vers zunächst einmal in seinem Zusammenhang.
 

24 „Und ich werde euch aus den Nationen holen und euch aus allen Ländern sammeln und euch in euer Land bringen.
25 Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von all euren Unreinheiten und von all euren Götzen werde ich euch reinigen.
26 Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.
27 Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde machen, dass ihr in meinen Ordnungen lebt und meine Rechtsbestimmungen bewahrt und tut.
28 Und ihr werdet in dem Land wohnen, dass ich euren Vätern gegeben habe, und ihr werdet mir zum Volk, und ich, ich werde euch zum Gott sein.
29 Und ich werde euch befreien von all euren Unreinheiten.“ (Hes.36, 24-29a Rev. Elb.)
 


Wir haben es hier mit prophetischen Aussagen des Hesekiel zu tun. Und wie so oft im AT, sind die Prophetien mehrschichtig, d.h. sie sind auf mehrere Zeitebenen in der Zukunft bezogen.

Was war die Situation? Israel hat - wie so oft in seiner Geschichte - die Wege des Herrn verlassen. Es hat nicht mehr nach seinen Geboten gelebt, hat fremde Götter angebetet, hat Menschenopfer gebracht, den Tempel entweiht und andere Verbrechen getan, wie soziale Unterdrückung, Raub, Inzest usw. Es hat nicht auf die Warnungen und Aufrufe zur Umkehr durch die Propheten gehört. Daher wurde Israel 597 v. Chr. von den Babyloniern erobert. Zunächst wurde König Jojachin und die führende Elite nach Babylon verschleppt - unter ihnen auch der Prophet Hefekiel - und eine Marionettenregierung in Jerusalem eingesetzt. Als diese dann zehn Jahre später gegen Babylon aufbegehrte, wurde Jerusalem zerstört und das Volk Israel 586 v. Chr. in die Gefangenschaft nach Babylon deportiert.

Hesekiel war der Prophet im Exil. Dort im Exil verkündete er dem Volk die Hoffnungsbotschaft, dass sie in die Heimat zurückkehren werden. Und tatsächlich als im Jahre 539 v. Chr. Babylon von den Persern unter Kyros II. erobert wird, können sie in die Heimat zurückkehren und unter Nehemia und Serubbabel wird Jerusalem neu aufgebaut. Nachzulesen in den Büchern Esra und Nehemia.

Dort erfüllt sich der erste Teil der Verheißung. Das Volk Israel kehrt zurück in sein Land. Später wiederholt sich die Geschichte. Jerusalem wird unter den Römern erneut zerstört und das Volk wieder zerstreut um dann im Jahr 1948 wieder in seine Heimat zurückzukehren. Und die Verheißung aus Hesekiel erfüllt sich ein zweites Mal.

Soweit die geographische Wiederherstellung.

Es gibt eine Geschichte von Friedrich dem Großen, der einmal seinen Leibarzt sarkastisch gefragt haben soll: „Nenn´ er mir einen Gottesbeweis, wenn er kann!“ Der soll eine kurze Antwort gegeben haben: „Die Juden - Majestät.“

Wie viele Völker gibt es, die komplett vernichtet wurden? Denken wir nur an die Indianer und Indios in Amerika oder an die Armenier, von denen nur noch wenige übrig sind oder an zahlreiche Stämme in Afrika, die ausradiert wurden.
Wie viele gibt es, die seit Jahrhunderten kein eigens Land haben, wie bspw. die Kurden, eines der ältesten Völker der Welt?
Das Volk Israel dagegen hat nach mehreren Exilen, nach Jahrhunderten der Zerstreuung in alle Welt, nach der Massenvernichtung im Holocaust, nach zahlreichen Angriffen von seinen arabischen Nachbarn usw. immer noch bzw. wieder seinen Platz auf der Landkarte und es wächst und gedeiht.

Aber das Volk Israel soll ja auch innerlich erneuert werden. 
Zunächst spricht Hesekiel von der Reinigung mit Wasser. Dies ist ein Bild, dass den kultischen Vorgaben des AT entspricht. Die Hohepriester, die ja als einziges Zugang zum Allerheiligsten im Tempel hatten, mussten sich zunächst rituell reinigen um Gott begegnen zu können.

„Wenn sie in das Zelt der Begegnung hineingehen, sollen sie sich mit Wasser waschen, damit sie nicht sterben. Oder wenn sie an den Altar herantreten zum Dienst, um für den Herrn ein Feueropfer als Rauch aufsteigen zu lassen, dann sollen sie ihre Hände und ihre Füße waschen, damit sie nicht sterben. Und das soll für sie eine ewige Ordnung sein.“ (2. Mose 30, 20.21a Rev. Elb.)
 

Der Mensch ist unrein und kann Gott ohne (diese wohl symbolische) Reinigung von seiner Unreinheit nicht begegnen. Aber hier ist es Gott, der die Reinigung vollzieht und nicht der Mensch. Das ist jetzt das völlig Neue. Keine Rituale, keine Gesetze, keine Selbsterlösung. Gott allein reinigt und rettet. Christus allein. Solos Christus. Allein aus Gnade. Sola Gratia. Das passt zum Reformationsjubiläum.

„so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in voller Gewissheit des Glaubens, die Herzen besprengt und damit gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser.“ (Hebr. 10,22 Rev. Elb.)

Aber es geht noch weiter. Gott schenkt nicht nur die Reinigung. Das wäre ja zum Zwecke der Erlösung schon völlig ausreichend. Er setzt noch einen drauf und schenkt noch eine Herztransplantation.

„Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“ (V. 26)

Das Herz des Menschen, im biblischen Sinne der Sitz des Lebens, des Wesens, des Charakters, das Zentrum des Denkens, Wollens und Fühlens ist schlecht.

„Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken: Mord, Ehebruch, Unzucht, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerungen“ (Mt. 15,19 Rev. Elb.)

So schaut´s aus. Das ist die göttliche Einschätzung des menschlichen Wesens.
Hier hilft keine Maniküre, keine äußerliche Reinigung, kein Hände und Füße waschen, keine neue Frisur, kein neuer Anzug. Hier hilft kein neuer Job und kein neues Auto. Und auch keine neue Frau und kein neuer Mann. Auch keine neue Religion und kein neuer Meditationsweg. Auch kein Jakobsweg und keine andere Ernährung. Keine noch so guten Vorsätze. Nicht einmal ein Präsidentenamt. Nichts, was der Mensch irgendwie tun könnte, würde an seinem Grundwesen etwas ändern.

„denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an“ (1. Mose 8,21b Rev. Elb.)

Es langt also nicht aus die Herzenshaltung zu ändern. Zuerst bedarf es eines neuen Herzens. Die Prophetie des Hesekiel verbindet dies mit einem neuen Geist. Ein neues Herz und ein neuer Geist.

Die Erfüllung dieser Verheißung begann für Israel und für alle Menschen am ersten Pfingsten. Durch die Hinwendung zu Christus und den Empfang des Heiligen Geistes vollzog sich diese Herztransplantation.

„Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern und allen, die in der Ferne sind, so viele der Herr, unser Gott, berufen wird.“ (Apg. 2, 38.39 Rev. Elb.)
 

Tut Buße. Also stimmt mit Gott überein, dass Ihr Sünder seid und Euch nicht selbst erlösen könnt. Lasst Euch taufen auf den Namen Jesu. Drückt dadurch aus, dass Ihr Euer Vertrauen auf Erlösung einzig und allein auf Jesus Christus setzt. Solus Christus. Und dann empfangt den Heiligen Geist. Und dies ist die Verheißung, die an verschiedenen Stellen im AT angekündigt wurde. Hesekiel, Joel, Jeremia etc.

Und dieser Geist ist es, der in uns die Umgestaltung unseres Wesens bewirkt. Der - bildlich gesprochen - das steinerne Herz entfernt und ein fleischernes einsetzt. Der uns den Wunsch und den Willen gibt jesusgemäß zu leben. Diese Veränderung ist so gewaltig, dass die Bibel von einer neuen Schöpfung, einer neuen Kreatur, einem neuen Menschen spricht. (2. Kor. 5,17)

„Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der Herr: ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben. Und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Dann wird nicht mehr einer seinen Nächsten oder seinen Bruder lehren und sagen: Erkennt den Herrn! Denn sie alle werden mich erkennen von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten, spricht der Herr. Denn ich werde ihre Schuld vergeben und an ihre Sünde nicht mehr denken.“ (Jer. 31, 33.34 Rev. Elb.)

Für das Volk Israel ist diese Verheißung erst punktuell erfüllt, da sie Jesus als Messias ja abgelehnt haben. Nur die an Christus glaubenden Juden erleben sie schon. Aber wir sind schon mittendrin.

„denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der gegeben worden ist.“ (Röm. 5,5b Rev. Elb.)

Wir sind nun in der komfortablen Situation, dass wir durch den in uns wohnenden Geist eine Verbindung zum Vater haben, dass wir Gott erkennen, mehr und mehr erkennen und dadurch seinen Willen teilen.

Nicht wie Marionetten, sondern wie Prinzen und Prinzessinnen. Wir tragen seine DNA in uns. Und jetzt geschieht das Erstaunliche: wir brauchen seine Gebote eigentlich gar nicht mehr.

„indem er dies weiß, dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist, sondern für Gesetzlose und Widerspenstige, für Gottlose und Sünder, für Heillose und Unheilige, Vatermörder und Muttermörder, Mörder, Unzüchtige, Knabenschänder, Menschenräuber, Lügner, Meineidige…“ (1. Tim. 1, 8b-10 Rev. Elb.)

Diejenigen, die Gott nicht kennen, brauchen das Gesetz, damit sie eine moralisch-ethisch-soziale Orientierung haben, diejenigen, die den Heiligen Geist in ihrem Herzen haben, leben gemäß der DNA Gottes. Wenn Du ein Elektroauto hast, dann brauchst Du kein Benzin mehr.

Natürlich sind das alles Wachstumsprozesse. Die Früchte des Geistes, die Früchte der Liebe wachsen in uns. Und wenn jmd. frisch dabei ist sein Leben mit Jesus zu leben, ist es hilfreich eine ethisch-moralische Instanz außerhalb von sich selbst zu haben, an der man sich orientieren kann. Das sagt Paulus auch vorher:

„Das Gesetz ist, wie wir alles wissen, gut und nützlich – vorausgesetzt, man wendet es in der ihm angemessenen Weise an.“ (1. Tim. 1,8 NGÜ)
 

Also nicht als Heilsweg, sondern als Hilfestellung, als Orientierungshilfe auf dem Weg der Liebe. Denn wir wissen, wie es Luther so schön ausdrückte (wenn auch theologisch nicht korrekt, weil es eigentlich um das schwache Fleisch geht und nicht um den alten Adam, da dieser ja mit Jesus gekreuzigt wurde):

„Der alte Adam in uns soll ersäuft werden. Nimm dich aber in acht, das Aas kann schwimmen!“ (Luther)
 

Wir haben ein neues Herz. Ein Herz der Liebe. Einen neuen Geist. Den Heiligen Geist. Ohne dies alles wäre es für uns sehr schwierig einander zu lieben, den Nächsten zu lieben, Gott zu lieben. So ist es uns möglich.

Das befreit uns nicht davor auf unser Herz zu achten. Manchmal ziehen dunkle Wolken darüber. Manchmal wird uns Gift injiziert. Manchmal injizieren wir es sogar selbst.

Daher benötigen wir manchmal Seelsorge und Gebet, manchmal innere Heilung und Befreiung, manchmal Ermutigung, manchmal brauchen wir einfach nur einander. Wäre dies nicht so, wäre das NT nicht voll von Ratschlägen und Hilfestellungen:

Ermahnt einander, ermutigt einander, tröstet einander, tragt einander die Lasten, lacht miteinander, weint miteinander.

„Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden-„ (2. Kor. 5,17 Rev. Elb.)

Wenn wir zu Christus gehören, sind wir neue Menschen, haben ein neues Herz, haben seinen Geist. Dies sind Gottes Zusagen. Dies gilt auch, wenn es im Alltag einmal anders aussieht. Dann gilt:

„dass, wenn das Herz uns verurteilt, Gott größer ist als unser Herz und alles kennt.“ (1. Joh. 3,20 Rev. Elb.)

AMEN.

Sonntag, 24. Januar 2016

Predigt von Norbert Wohlrab (24.01.16)

Gedanken zur Jahreslosung 2016                           


1. Begriffsklärungen

Die Jahreslosung für 2016 lautet:

Gott spricht: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jes 66,13a Luther)

Trösten wie eine Mutter tröstet?!

Vor einigen Wochen gab es einen Spiegel (52/15) mit dem provokanten Titel: „Sind Väter die besseren Mütter?“ Weil ich das insgeheim schon immer vermutet hatte, habe ich ihn mir natürlich gleich gekauft. In dem sehr interessanten Artikel vergleicht die Entwicklungs-psychologin Liselotte Ahnert - völlig wertneutral - das unterschiedliche Erziehungsverhalten von Vätern und Müttern bei Kleinkindern. Und sie stellt dabei u.a. fest, dass Väter und Mütter in Frustrationssituationen ganz anders reagieren:
Mütter reagieren viel schneller auf die Unpässlichkeiten der Kinder, versuchen negative Emotionen umgehend auszubalancieren und trösten mit körperlicher Nähe und Zuneigung.
Väter reagieren dagegen deutlich gelassener und sie benutzen eine Umlenkungstaktik („Reframing“), um den Kind zu ermöglichen die frustrierende Situation anders zu bewerten und sich einer neuen Situation zuzuwenden und so die Emotionen selber regulieren zu können. (Nebenbei bemerkt ein deutlicher Unterschied wurde auch in Väter-Kind und Mutter-Kind-Krabbelgruppen deutlich: bei den Vätern war es ganz ruhig und entspannt.)

Väter trösten also anders als Mütter. Mütter trösten durch mehr körperliche Nähe. Vielleicht einfach auf Grund der einzigartigen physischen Beziehung die eine Mutter und ihr Kind in der Schwangerschaft miteinander haben. Sie waren ja monatelang eine körperliche Einheit, hatten denselben Blutkreislauf, das gleiche Essen, haben einander stets gespürt , sie waren immer am selben Ort, ganz ohne eigenes Zutun. Die Mutter war immer da. Das Kind war immer dabei.
Beim Stillen wird diese Nähe dann auch noch weiter fortgesetzt. Dadurch hat vermutlich der Trost der Mutter eine ganz andere emotionale Tiefe als der des Vaters. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Das ist wie ein Heim-kommen in völlige Geborgenheit. Gott gebraucht dieses Bild um ein Maximum an Geborgenheit auszudrücken.

Könnt Ihr Euch erinnern wie Ihr von Euren Müttern getröstet wurdet? Oder Ihr Mütter: Wie habt Ihr Eure Kinder getröstet?

Trotzdem ist es jetzt erstmal ungewöhnlich für unser theologisches Gottesbild, dass Gott sich hier als Mutter darstellt. Dieser Vers stammt ja nicht aus einer Bibel in gerechter Sprache, sondern aus einer ganz normalen Lutherübersetzung. Wird Gott uns nicht in der Bibel von Anfang an als unser Vater, also als Mann dargestellt?!

Nun, zum einen muss man sagen, dass Gott hier ja nicht sagt, dass er die Mutter ist, sondern wie eine Mutter tröstet. Aber er gebraucht tatsächlich ein weibliches Bild, wie auch an einigen anderen Stellen in der Bibel. Zwei Beispiele dafür:


„Den Felsen, der dich gezeugt, täuschtest du und vergaßest den Gott, der dich geboren.“ (5. Mose 32,18 Rev. Elb.)

Gott stellt sich hier also als gebärende Frau dar.

„Vergisst etwa eine Frau ihren Säugling, dass sie sich nicht erbarmt über den Sohn ihres Leibes? Sollten selbst diese vergessen, ich werde dich niemals vergessen.“
(Jes. 49,15 Rev. Elb.)


Hier vergleicht er sich mit einer stillenden Mutter.

Das hebr. Wort für Trost (nchm) ist übrigens verwandt mit dem Wort für Barmherzigkeit/Erbarmen/Mitgefühl (rachamim) und dieses wiederum kommt vom Wort für Mutterschoß/Gebärmutter (rachäm). Also auch hier wird wieder die weibliche Seite deutlich.

Also, wie sollen wir uns Gott vorstellen? Als Vater, als Mutter, als Wolke wie die Schichina im Tempel, als Feuer- oder Wolkensäule wie bei Mose? Müssen wir uns Gott überhaupt vorstellen?

Gott sagt über sich selbst:

„Denn Gott bin ich und nicht ein Mensch, in deiner Mitte der Heilige“ (Hos. 11.9b Rev. Elb.)


Und er spricht bei der Schöpfung des Menschen:

„Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich! …Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.“ (1. Mose 1, 26.a.27 Rev. Elb.) 


Gott ist kein Mensch wie wir, er ist kein geschlechtlicher Mensch, er ist nicht Mann oder Frau. Mann und Frau zusammen sind ihm nur ähnlich. Ich männlich, du weiblich, Gott göttlich.

Wir sind in unserer christlichen Sozialisation etwas einseitig geprägt, weil wir alle im 20. Jahrhundert geboren sind und mit speziellen Bibelübersetzungen aufgewachsen sind. Bereits ein paar Jahrhunderte vor Christus begannen nämlich die Juden den Gottesnamen JHWH zu tabuisieren und in den Abschriften der Tora die Buchstaben von „Adonai“ (Herr) einzufügen um eine missbräuchliche Verwendung des Gottesnamens zu vermeiden.

Genauso wurde in vielen deutschen Bibelübersetzungen verfahren (z.B. bei Martin Luther).  Auch bei ihm wurde aus:

„Und Gott redete zu Mose und sprach zu ihm: Ich bin Jahwe. Ich bin Abraham, Isaak und Jakob erschienen als Gott, der Allmächtige; aber mit meinem Namen Jahwe habe ich mich ihnen nicht zu erkennen gegeben. (2. Mose 6, 2.3 Rev. Elb)

Bei Luther hieß es dann:

„Und Gott redete mit Mose und sprach zu ihm: Ich bin der HERR und bin erschienen Abraham, Isaak und Jakob als der allmächtige Gott, aber mit meinem Namen »HERR« habe ich mich ihnen nicht offenbart."

 
Und in der wortgetreuen Elberfelderübersetzung wurde bei der Revision die falsche Übertragung „Jehova“ , die durch eine Fehlinterpretation des in den Gottesnamen eingefügte Herr entstanden ist, ebenfalls an den meisten Stellen durch Herr ersetzt. D.h. der an sich geschlechtsneutrale Name Gottes wurde durch das männliche Herr ersetzt. Dadurch haben wir eine viel stärkere maskuline Vorstellung in unserem Gottesbild entwickelt, wie eigentlich im ursprünglichen Text vorhanden ist.

Trotzdem hat uns Jesus Gott als Vater - und damit doch maskulin - offenbart. Gott als unser nahbarer Vater ist ja eine der zentralen Offenbarungen des Neuen Bundes. Denn im AT war Gott - bis auf ganz wenige Bibelstellen (z.B. Jes. 66,13)- als Vater nicht bekannt. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass die Assoziation einer geschlechtlich-natürlichen Verbindung und Abstammung zwischen Gott und dem Menschen  - wie sie bei den umliegenden Völkern vorherrschend war - unter allen Umständen vermieden werden sollte.

Aber die zentrale Bedeutung der Vateroffenbarung Gottes durch Jesus ist ja nicht die Maskulinität Gottes, sondern die Nähe Gottes. Gott als persönliches Gegenüber. Und in dieser Beziehung ist Gott uns als Gegenüber wie Vater und wie Mutter.


2. Jesaja 66

Doch gehen wir noch einmal zur Jahreslosung zurück. Der Vers steht beim Propheten Jesaja. Jesaja ist wie Tolstoi und Dostojewski zusammen. Schwere Kost.
Das Buch Jesaja besteht aus zwei bis drei Abschnitten. In der Theologie spricht man sogar von drei Verfasser bzw. Verfassergruppen, vom Deutero- und Tritojesaja. Und es enthält neben den aktuellen Ermahnungen Gottes für das Volk Israel sehr, sehr viel Prophetie. Und diese prophetischen Äußerungen beziehen sich nicht nur auf die Zeit vor und nach dem Exil, sondern auch auf das erste Kommen Jesu (denken wir bspw. an das Weihnachtsevangelium aus Jesaja), auf seinen Tod (der Gottesknecht), auf das zweite Kommen, auf die Endzeit, auf die Zeit des neuen Himmels und der neuen Erde….. Und es ist meist sehr schwierig zu erkennen welche Zeit jetzt gemeint ist und manches passt dann auch gleich mehrmals.

Lesen wir ein paar Verse des Kontextes der Jahreslosung:

„Hört das Wort des HERRN, die ihr zittert vor seinem Wort! Es sagen eure Brüder, die euch hassen, die euch verstoßen meines Namens wegen: Der HERR erweise sich herrlich, dass wir auf eure Freude sehen können! Aber sie werden zuschanden werden. Schall eines Getöses von der Stadt her! Schall aus dem Tempel! Schall vom HERRN, der Vergeltung übt an seinen Feinden! Ehe sie Wehen hatte, hat sie geboren; ehe Geburtsschmerzen sie ankamen, wurde sie von einem Knaben entbunden. Wer hat so etwas je gehört, wer hat dergleichen je gesehen? Wird ein Land an einem einzigen Tag zur Welt gebracht oder eine Nation mit einem Mal geboren? Denn Zion bekam Wehen und gebar auch schon seine Söhne. Sollte ich zum Durchbruch bringen und dann nicht gebären lassen?, spricht der HERR. Oder sollte ich gebären lassen und dabei den Schoß verschließen?, spricht dein Gott. Freut euch mit Jerusalem und jubelt über sie, alle, die ihr sie liebt! Jauchzt mit ihr in Freude, alle, die ihr über sie getrauert habt! Damit ihr saugt und euch sättigt an der Brust ihrer Tröstungen, damit ihr schlürft und euch labt an der Fülle ihrer Herrlichkeit. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich wende ihr Frieden zu wie einen Strom und die Herrlichkeit der Nationen wie einen überflutenden Bach. Und ihr werdet saugen. Auf den Armen werdet ihr getragen und auf den Knien geliebkost werden. Wie einen, den seine Mutter tröstet, so will ich euch trösten. An Jerusalem sollt ihr getröstet werden. Ihr werdet es sehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Gebeine werden sprossen wie das junge Gras. Und die Hand des HERRN wird sich an seinen Knechten zeigen, aber seine Feinde wird er bedrohen.“ (Jes. 66, 5-14 Rev. Elb.)

Im Zusammenhang wird deutlich, dies ist eine Prophetie für die Rückkehr nach Israel aus der assyrischen Gefangenschaft….nein, für die Gründung des Staates Israel 1948….oder doch vielmehr für das Leben des Volk Israels im neuen Friedensreich, denn ein paar Verse weiter vorne heißt es ja:

„Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und an das Frühere wird man nicht mehr denken, und es wird nicht mehr in den Sinn kommen.“ (Jes. 65,17 Rev. Elb.)

Oder vielleicht für alles zusammen. Biblische Prophetie ist nicht einfach. Ihr kennt ja sicherlich das Bild vom Blick von einem Gipfel zu den anderen Gipfeln. Der Prophet sieht einen Bergkamm in der Ferne und erkennt nicht, dass es verschiedene Gipfel sind, die auch noch durch Täler voneinander getrennt sind.

Aber eines machen doch diese prophetischen Bilder und die verschiedenen Möglichkeiten der Auslegung dieser Bibelstelle deutlich: eigentlich geht es hier eindeutig um Israel. Um den Trost, den sie durch die Rückkehr nach Jerusalem erfahren. Das Erleben der Rückkehr in das geliebte Jerusalem ist wie der Trost einer Mutter. Und das heißt für Israel ja auch die Rückkehr in die Gegenwart Gottes, denn wo der Tempel war, da war Gott.
Es geht hier erstmal nicht um uns Christen, es geht hier erstmal nicht um den Trost, den wir in verschiedenen Lebenssituationen vielleicht benötigen, sondern es geht um Trost für Israel durch das Heimkommen in die Gegenwart Gottes.


3. Trost für uns

Ja, hat dies jetzt alles überhaupt keine Bedeutung für uns? Und warum dann diese Jahreslosung?

Nun, ich weiß nicht nach welchen Kriterien die von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Bibeltexte aus ihrem Zusammenhang reißen. Für meinen persönlichen Umgang mit der Bibel ist es schon etwas grenzwertig. Zumindest ein Hinweis auf den Textzusammenhang wäre hilfreich.

Aber das Wesen Gottes, dass sich in dieser Bibelstelle offenbart, das ist natürlich allgemeingültig. Und natürlich kann Gott darüberhinaus auch durch jeden Vers persönlich zu einer Person sprechen.

Also, Gott als ein Gott des Trostes. Das hat natürlich Bedeutung für die Christenheit und für uns persönlich.

Und zwar in mehrfacher Hinsicht:

Erstens: Der Trost für Israel ist ein Trost durch die Veränderung des Blickwinkels. Durch das Schauen auf die Zukunft. Auf das kommende Friedensreich (Jes. 55, 17-24). Ein Leben im Schalom. Im Wohlstand und Gesundheit. Kein vergebliches Mühen, kein früher Tod. Ein hohes Alter wie das Alter der Bäume. Keine Säuglingssterblichkeit. Kein Leid, kein Geschrei. Nichts Böses geschieht. Gottes Nähe. Wolf und Lamm, Löwe und Rind weiden zusammen usw. Dieses Bild einer wunderbaren Zukunft ist nicht nur ein Trost für Israel, es ist natürlich auch ein Trost für uns. Auch wir haben Teil am 1000jährigen Friedensreich. Auch wenn es der Menschheit global betrachtet noch nie so gut ging wie gegenwärtig: die geringste Armut, die höchste Bildung, die wenigsten Kriegstoten im Vergleich zu allen vorherigen Jahrhunderten, gibt es doch trotzdem noch viel Leid, von dem wir weg auf diese Zukunftsvision schauen können. 


„Wenn keine Offenbarung da ist, verwildert ein Volk; aber wohl ihm, wenn es das Gesetz beachtet!“ (Spr. 29,18 Rev. Elb.)  

Wir brauchen immer wieder auch den väterlichen Trost (vgl. Kap. 1), die Offenbarung der Zukunft, die uns hilft unsere Blickrichtung zu verändern vom Jetzt auf das Kommende. Denn das Beste kommt noch!

Zweitens: Jesus bietet seinen Trost an. Sein Leben und Wirken ist den Leidenden, den Kranken, den Gebundenen, den Bedrückten, den Verlorenen zugerichtet. Er sieht die Not und greift ein. Und er spricht uns zu:  


„Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben.“ (Mt. 11,28 Rev. Elb.) 

Dieser Vers ist gerade an die gerichtet, die seelisch am Boden sind, weil sie erleben den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Damals waren es wohl in erster Linie religiöse Anforderungen, religiöser Druck, das Gesetz mit seinen Überlieferungen. Heute ist es gesellschaftlicher Druck, im Arbeitsleben, aber auch religiöser Druck. Wieviele werden von der Gemeinde verheizt? Oder wieviele bringen sich selber unter Verdammnis, weil sie den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden? 
Als ich Gott während meiner Sabbatzeit fragte, ob etwas zwischen mir und ihm steht, hatte ich während eines Gottesdienstes die Erkenntnis: „Es steht nichts zwischen Gott und mir. Nur ich steh zwischen mir und mir.“ Es sind die eigenen Anforderungen an die eigene Person, die uns oft blockieren und unter Druck setzen. Für die Aufräumarbeiten zwischen Gott und uns hat Jesus bereits gesorgt. 

Ich hatte Ende letzten Jahres so den Eindruck - da kannte ich die Jahreslosung noch nicht - 2016 könnte ein Jahr sein, wo wir speziell den verwundeten Seelen dienen. Vielleicht wird Gott Euch mit so Menschen in Kontakt bringen. Dann ladet sie einfach mal ein privat oder in den Hauskreis oder …einfach in unsere Gemeinschaft. Die tut oft schon alleine gut. Ich hatte auf jeden Fall seitdem schon einen Kontakt in dieser Richtung. Wir können dadurch für andere zum Trost werden. So wie Barnabas (= Sohn des Trostes, Apg. 4,36).

Und drittens ist es für uns von Bedeutung, weil Jesus unser Trost so wichtig ist, dass er uns den Heiligen Geist geschickt hat. Johannes bezeichnet ihn als den Tröster.  


„Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Joh. 14,26 Rev. Elb.)  

Aber das ist ein eigenes Thema, dass ich hier jetzt nicht mehr aufgreifen möchte. Übrigens das hebr. Wort für Geist „ruach“ ist wieder weiblich.

Im Trost Gottes erfahren wir zugleich väterlichen und mütterlichen Trost. Wir erfahren die Nähe Gottes und die Veränderung des Blickwinkels, im Schauen auf die Zukunft. Gott gibt uns beides.

„Nahe ist der HERR denen, die zerbrochenen Herzens sind.“ (Ps. 34,19a Rev. Elb.)

Das deutsche Wort für Trost ist abgeleitet von dem althochdeutschen Wort „Tröst“ und bedeutet so viel wie treu und innerliche Festigkeit. Darum geht es letztlich, dass wir neu innerliche Stärke, Zuversicht und Festigkeit bekommen.

Deshalb ist es Paulus und den anderen Schreibern im NT auch so wichtig, dass wir uns immer wieder gegenseitig ermahnen, ermutigen, ermuntern, aufbauen, stärken, Gemeinschaft haben usw. (1. Kor. 14,3, Kol. 3,16, Phil. 2,1, 1. Thes. 5,11, Hebr. 3,13 etc.)

Auch das gemeinsame Feiern des Abendmahls soll dazu dienen.

Schließen möchte ich mit einem Vers, der speziell für uns gilt:

„Es gibt über euch so viel Gutes zu berichten: Ihr ermutigt euch als Christen gegenseitig und seid zu liebevollem Trost bereit. Man spürt bei euch etwas von der Gemeinschaft, die der Geist Gottes bewirkt, und herzliche, mitfühlende Liebe verbindet euch.“ (Phil. 2,1 HfA)

AMEN.

Sonntag, 26. Mai 2013

Predigt von Norbert Wohlrab (26.05.2013)

Die Freiheit des Evangeliums, Teil 2: Der Neue Bund
Link zur mp3-Version von "Der Neue Bund"

1. Einleitung: Die heilsgeschichtlche Einordnung der vier Evangelien

Im ersten Teil der Predigtreihe habe ich versucht darzustellen, dass wir immer im Zustand der Vergebung leben. Vergebung ist nichts, was wir neu bekommen, wenn wir sündigen; es ist nichts, was Gott neu vollbringen muss, weil Jesus einmal für immer ans Kreuz gegangen ist und dies nicht wiederholt werden kann und auch nicht wiederholt werden muss. Unsere Vergebung basiert einzig und allein auf dem Blut Jesu.

Heute möchte ich mir mit Euch das Wesen des neuen Bundes in dem wir leben etwas näher anschauen.

Zunächst einmal eine frei erfundene Geschichte: Wir wissen Fritz hat eine kleine Landwirtschaft. Und auf dieser Landwirtschaft hat er auch Traktoren. Und sein ganz besonderer Stolz ist ein Oldtimer: ein Porsche Super 308, Baujahr 1957 mit 38 PS, limitiert auf 500 Stück. Und diesen Traktor pflegt er ganz besonders. Der wird nicht mehr auf dem Feld eingesetzt, sondern der wird poliert und wenn es im Sommer schönes Wetter hat, dann wird er rausgeholt und dann schnappt er sich seine Christine und dann drehen sie gemeinsam ein paar Runden im Dorf und über die Hügel und Felder und dann wird er wieder sauber gemacht und kommt wieder in die Garage. Und der Johannes, der teilt die Liebe zu den Traktoren. Und weil Fritz nur einen Oldtimer hat, möchte er, dass Johannes, den einmal später bekommt. Deshalb legt er in seinem Testament fest, dass der Porsche Super 308 später mal an den Johannes geht. Soweit so gut. Jetzt ist wieder mal schönes Wetter und Fritz möchte ein paar Runden drehen und stellt dann fest, dass der Traktor nicht mehr da ist. Und nach kurzem Nachforschen stellt sich dann heraus, dass sich der Johannes den Traktor einverleibt hat und in seine eigene Garage gestellt hat um damit Runden durchs Dorf mit seiner Schwester Anna drehen zu können. Ist das in Ordnung? Nein, weil der Traktor erst dann in den Besitz von Johannes geht, wenn Fritz gestorben ist und das Testament vollzogen ist. So ist es in unserer Gesetzgebung geregelt.

Und so finden wir es auch in der Bibel geregelt. Dort steht nämlich:

„Denn wo ein Testament ist, da muss notwendig der Tod dessen eintreten, der das Testament gemacht hat. Denn ein Testament ist gültig, wenn der Tod eingetreten ist, weil es niemals Kraft hat, solange der lebt, der das Testament gemacht hat.“ (Hebr. 9, 16.17 Rev. Elb.)

Nun ist es ja so, wenn wir uns unsere Bibel hernehmen, dann finden wir hier das Alte Testament (besser der Alte Bund, eigentlich die Tora, also die jüdische Heilige Schrift) und das Neue Testament (der Neue Bund).

Wir wissen, wir sind erlöst durch das Opfer auf Golgatha. Dort wurde der Neue Bund besiegelt. Wenn ich jetzt mal anfange im NT zu blättern, muss ich fragen: Bin ich erlöst durch die Geburt Jesu? Nein. Bin ich erlöst durch die Bergpredigt? Nein. Bin ich erlöst durch das Hohepriesterliche Gebet? Und wieder nein. Ich bin erlöst durch das Geschehen auf Golgatha. Dort beginnt der Neue Bund. Eigentlich müsste ich dieses Zwischenblatt, dass den Beginn des Neuen Testamentes kennzeichnet, heraus reißen und hier irgendwo kurz nach dem Geschehen der Kreuzigung einfügen. (Ich mach das jetzt hier mal symbolisch um für ein bisschen Adrenalin-Zufuhr bei Euch zu sorgen.)

Die vier Evangelien nehmen heilsgeschichtlich nämlich eine Zwischenstellung zwischen dem Alten und dem Neuen Bund ein. Sie bilden die Hinführung zum Neuen Bund, der durch das Blut Jesu besiegelt wurde, aber sie sind noch innerhalb der Gültigkeit des Alten Bundes platziert. Das ist nun eigentlich keine neue Lehre und keine neue Erkenntnis, es ist nur nicht unbedingt in unserem Bewusstsein beim Bibellesen.

Im Galaterbrief lesen wir:

„als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, geboren unter dem Gesetz, damit er die loskaufte, die unter dem Gesetz waren, damit wir die Sohnschaft empfingen.“ (Gal. 4, 4.5 Rev. Elb.)

D.h. Jesus Christus kam und lebte und wirkte unter den Vorgaben des Gesetzes Mose um die zu befreien, die unter dem Gesetz lebten, also das Volk Israel. Er befolgte vollständig das Gesetz - und sogar mehr als das - um vollkommen ohne Sünde, ohne jegliche Verfehlung ans Kreuz gehen zu können. Und d.h., dass auch seine Reden mit dem Gesetz übereinstimmen musste. Und er kam zunächst zu den Kindern Israels.

Jesus sagt, bevor er die Tochter der kanaanäischen Frau heilt:

„Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ (Mt. 15,24 Rev. Elb.)

Den Missionsauftrag gibt er erst nach seiner Auferstehung.

Warum sage ich das? Es ist wichtig, dass wir beim Lesen der Evangelien die richtige Brille aufsetzen. Dort spricht Jesus überwiegend a) zu Juden und b) zu Menschen unter dem Gesetz. Wenn wir das vernachlässigen, missachten wir unter Umständen das Wesen des Neuen Bundes. Ich komme später noch einmal zu einigen beispielhaften Aussagen Jesu zurück.


2. Das Wesen und das Ende des Alten Bundes

Wir leben heute unter der Gültigkeit des Neuen Bundes: Freiheit, Vergebung, Gnade, Rechtfertigung aus Glauben, Liebe, der Zugang zum Allerheiligsten, zur Vaterschaft Gottes und noch manches mehr basierend auf dem Opfer Jesus sind wesentliche Wesenszüge des Neuen Bundes.

Was wir aber vielfach in den Gemeinden tatsächlich haben und was über Jahrhunderte die Kirchengeschichte geprägt hat, ist eine Mischform aus Neuem und Alten Bund. Die Freiheit durch Glauben vermengt mit einer mehr oder weniger großen Prise Gesetz. Manchmal ist es sogar eher umgekehrt: Gesetz gewürzt mit einer Prise Gnade. Dieselben Probleme, mit denen schon die Apostel zu kämpfen hatten: die Bewegung des Judaismus versuchte die christlichen Gemeinden zu beeinflussen. Gerechtfertigt aus Glauben? Ja, aber für den Alltag das Leben nach dem Gesetz.

Juan Carlos Ortiz (argentinischer Pastor) hat einmal gesagt: „Das Gesetz ist ein Witwer, der eine Freundin sucht, und sie ohne Probleme in der Gemeinde findet.“ (1961)

Aber der Neue Bund ist nicht einfach eine Verbesserung des Alten Bundes, er ist kein Update, sondern er ist grundlegend anders.

Und es beginnt damit, dass Jesus in seiner Funktion als Hoherpriester überhaupt nicht in die Vorgaben des Alten Bundes passt.

„Denn wenn das Priestertum geändert wird, so findet notwendig auch eine Änderung des Gesetzes statt. Denn der, von dem dies gesagt wird, gehört zu einem anderen Stamm, aus dem niemand die Wartung des Altars hatte. Denn es ist offenbar, dass unser Herr aus Juda entsprossen ist, von welchem Stamm Mose nichts in Bezug auf Priester geredet hat.“ (Hebr. 7, 12-14 Rev. Elb.)

Gott wollte alles auf den Kopf stellen. Er wollte etwas völlig Neues machen. Einen radikal anderen Weg der Erlösung. So radikal anders, dass selbst all die Glaubenshelden, von denen wir bspw. in Hebr. 11 lesen, die doch so große Vorbilder für uns sind, ihn nicht erlangen konnten.

„Und diese alle, die durch den Glauben ein Zeugnis erhielten, haben die Verheißung nicht erlangt.“ (Hebr. 11, 39 Rev. Elb.)

Der alte Bund war fehlerhaft und deshalb musste ein neuer Weg gesucht werden.

„Denn wenn jener erste Bund tadellos wäre, so wäre kein Raum für einen zweiten gesucht worden.“ (Hebr. 8,7 Rev. Elb.) 


Mit Gültigkeit des Neuen Bundes wurde der Alte Bund ungültig.

„Indem er von einem "neuen" Bund spricht, hat er den ersten für veraltet erklärt; was aber veraltet und sich überlebt, ist dem Verschwinden nahe.“ (Hebr. 8, 13 Rev. Elb.)

Was war der Kern des Alten Bundes? Das Gesetz! Und das Gesetz sagt: Tue dies und du wirst leben (Gal. 3,12).

Aber nicht nur ein bisschen hiervon und ein bisschen davon, sondern alles. Alle 613 Gebote mussten eingehalten werden.

„Denn alle, die aus Gesetzeswerken sind, die sind unter dem Fluch; denn es steht geschrieben: "Verflucht ist jeder, der nicht bleibt in allem, was im Buch des Gesetzes geschrieben ist, um es zu tun!"“ (Gal. 3,10 Rev. Elb.) 


und

„Denn wer das ganze Gesetz hält, aber in einem strauchelt, ist aller Gebote schuldig geworden.“ (Jak. 2,10 Rev. Elb.)

Das Gesetz erlaubt keine Auswahl: nicht ein bisschen hiervon und ein bisschen davon. Das Gesetz sagt: Alles oder nichts! Für die Juden galt: alles; für uns Christen gilt: nichts.

„In Wirklichkeit jedoch ´habe ich mit dem Gesetz nichts mehr zu tun;` ich bin durch das Urteil des Gesetzes dem Gesetz gegenüber gestorben, um ´von jetzt an` für Gott zu leben; ich bin mit Christus gekreuzigt.“ (Gal. 2,19 NGÜ)

Ich bin dem Gesetz gegenüber gestorben! Wir müssen uns das folgendermaßen vorstellen: Heutzutage spielt Ernährungsberatung, gesunde Ernährung, Fitness, Gesundheitsvorsorge eine große Rolle. Und es ist ja auch wichtig auf seinen Körper und seine Gesundheit zu achten. Setzen wir diese Gesundheitsvorsorge mal mit dem Gesetz gleich. Aber wenn Du jetzt als Gesundheitscoach im Einsatz bist und findest einen frisch Verstorbenen und dann anfängst seinen BMI zu bestimmen und Vorträge über gesunde Ernährung zu halten, dann macht das überhaupt keinen Sinn. Er ist völlig unerreichbar für jeglichen Diätplan, er ist absolut unansprechbar in Bezug auf jedes der 613 Gebote des Alten Bundes. Genauso sind wir dem Gesetz gegenüber gestorben.

Daher macht es überhaupt keinen Sinn sich irgendwelche der alttestamentlichen Gebote aufzuerlegen. Ihr seid dem Gesetz getötet worden (Röm. 7,4)!

Und wie steht es mit den Zehn Geboten? Die müssten doch gelten. Es ist interessant sich einmal zu vergegenwärtigen, wie Paulus sie beschreibt.

„unsere Tüchtigkeit ist von Gott, der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. Wenn aber schon der Dienst des Todes, mit Buchstaben in Steine eingegraben, in Herrlichkeit geschah, so dass die Söhne Israels nicht fest in das Angesicht Moses schauen konnten wegen der Herrlichkeit seines Angesichts, die doch verging, wie wird nicht vielmehr der Dienst des Geistes in Herrlichkeit bestehen?“ (2. Kor. 3, 5b-8 Rev. Elb.)

Ich wette, es ist Euch nicht aufgefallen, was Paulus hier sagt: „der Dienst des Todes, mit Buchstaben in Steine eingegraben“! Mit Buchstaben in Steine eingegraben. In Stein eingegraben durch den Finger Gottes sozusagen, gab es nur die Zehn Gebote. Paulus beschreibt sie als Dienst des Todes. Das ist seine Einstellung dazu.

Tod. Verwesung. Sünde. Die Gebote bewirkten Tod.

„Die Sünde aber ergriff durch das Gebot die Gelegenheit und bewirkte jede Begierde in mir; denn ohne Gesetz ist die Sünde tot.“ (Röm. 7,8 Rev. Elb.)

Die Gebote bewirkten Begierde, die Begierde bewirkte Sünde, die Sünde bewirkt Tod!

Für Christen gilt jedoch, „dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist“ (1. Tim. 1,9 Rev. Elb.)

Das bedeutet, unsere Beziehung zum Gesetz und zu den Zehn Geboten ist welche?
Gar keine!

Der Neue Bund sagt: Jesus hat alles getan; der Alte Bund sagt: Du musst etwas tun! Das ist Religion. Wir gehören nicht mehr dem Gesetz. Wir sind ihm gestorben! Wir gehören nicht mehr der Religion. Wir sind ihr gestorben! Im Reich Gottes ist dafür kein Platz mehr.

Als Marie Antoinette zu ihrem künftigen Ehemann gebracht wurde, wurde auf der Grenze zwischen Österreich und Frankreich ein Pavillon aufgestellt. Dort musste sie sich aller Habseligkeiten entledigen und wurde völlig neu eingekleidet. Sie durfte keinen Schuh, keinen Strumpf, kein Hemd, kein Band, nichts was sie trägt über die Grenze tragen.

So soll auch unsere Beziehung zum Alten Bund sein. Keine Religion, kein Gesetz, kein Gebot hat mehr Platz im Leben des Neuen Bundes.

„So seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet worden durch den Leib des Christus, um eines anderen zu werden, des aus den Toten Auferweckten, damit wir Gott Frucht bringen....Jetzt aber sind wir von dem Gesetz losgemacht, da wir dem gestorben sind, worin wir festgehalten wurden, so dass wir in dem Neuen des Geistes dienen und nicht in dem Alten des Buchstabens.“ (Röm. 7, 4.6 Rev. Elb.)

Denn im neuen Bund gehören wir Christus und dienen nicht mehr nach dem Buchstaben, sondern im Geist.

Andrew Farley schreibt in seinem Buch „Gott ohne Religion“ auf S. 41/42: „Keine Lust auf die mehr als 600 Gesetze des Alten Testaments? Dann lass dich vielleicht auf die Elf Gebote ein - die allseits bekannten Zehn Gebote plus dem Zehnten? Du willst dich nicht auf die vorgeschriebenen zehn Prozent festlegen? Gut, dann lass es bei den Zehn Geboten. Was, du kannst nicht darauf verzichten, am Freitagabend E-Mails zu schreiben und am Samstag im Garten zu arbeiten? Okay, dann bleiben uns eben nur noch die Neun Gebote. Während wir so lange am Gesetz herumschnippeln, bis es uns in den Kram passt und nett und bekömmlich ist, suhlen wir uns in religiöser Verwirrung. Darüber hinaus verwirren wir auch alle um uns herum, weil wir es nicht schaffen, in der wunderbaren Einfachheit des neuen Weges Gottes zu bleiben. Das Gesetz funktioniert nicht, wenn wir uns nur die Rosinen herauspicken. Es geht um Alles oder Nichts.“

Werdet wie die Kinder! Es ist ganz einfach.

Okay, soweit so gut, aber wie gestalten wir im Neuen Bund unser Leben? Ist jetzt alles erlaubt? Ist es jetzt egal, wie ich lebe? Sind denn jetzt nicht die Maßstäbe, die Jesus bspw. in der Bergpredigt oder an anderen Stellen der Evangelien anlegte, für unser Leben entscheidend?


3. Mose 2.0

Ich habe am Anfang darauf hingewiesen, dass Jesus unter dem Gesetz geboren wurde und lebte, um die zu erretten, die unter dem Gesetz standen. Dazu musste er es zum einen absolut einhalten und zum anderen, hat er den frommen Juden - die sich ja selbst für absolut gesetzestreu und gerecht betrachtet haben - vor Augen malen müssen, wo sie am Kern des Gesetzes vorbei gelebt haben. Er hat ihnen sozusagen eine Lupe vor Augen gehalten und gesagt: „Schaut mal genau hin. Darum geht´s. So schaut´s aus!“ Jesus hatte also im Wesentlichen zwei Botschaften:
er hat das Reich Gottes verkündigt, das war nach vorne gerichtet, das hat Bedeutung auch für die Gemeinde und
er hat die Lupen-Botschaft, die Killer-Botschaft gebracht, Mose 2.0 sozusagen um den Volk Israel seine Sündhaftigkeit und Erlösungsbedürftigkeit aufzuzeigen.

Wo kann man dies finden? Z.B. überall da, wo es heißt „Ihr habt gehört...ich aber sage euch“. Zwei Beispiele dazu:

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten; wer aber töten wird, der wird dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch, dass jeder, der seinem Bruder zürnt, dem Gericht verfallen sein wird; wer aber zu seinem Bruder sagt: Raka!, dem Hohen Rat verfallen sein wird; wer aber sagt: Du Narr!, der Hölle des Feuers verfallen sein wird. (Mt. 5, 21.22 Rev. Elb.)

Niemanden töten, das kriegt man ja relativ einfach noch hin. In diesem Punkt ist es leicht, ein gottesfürchtiger gerechter Jude zu sein. Aber nicht zu zürnen? Das ist unmöglich. Jeder ist mal auf andere zornig. Ohje, Hölle und Verdammnis sind die Folge.

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch, dass jeder, der eine Frau ansieht, sie zu begehren, schon Ehebruch mit ihr begangen hat in seinem Herzen. Wenn aber dein rechtes Auge dir Anlass zur Sünde gibt, so reiß es aus und wirf es von dir! Denn es ist dir besser, dass eins deiner Glieder umkommt und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. Und wenn deine rechte Hand dir Anlass zur Sünde gibt, so hau sie ab und wirf sie von dir! Denn es ist dir besser, dass eins deiner Glieder umkommt und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.“ (Mt. 5, 27-30 Rev. Elb.)

Nicht ehebrechen, ist schon schwerer für einen feurigen Südländer, aber das kriegt man schon auch noch hin, v.a. wenn man weiß, dass man unter Ehebruch wohl nur den Einbruch in eine Ehe verstanden hat, d.h. wenn ich das jetzt richtig verstanden habe, wenn also ein verheirateter Mann sich eine unverheiratete Frau gesucht hat, hat er wohl noch nicht einmal Ehebruch begangen, sie aber schon.
Aber wenn es jetzt schon mit Blicken losgeht. Wer kann schon den ersten Blick kontrollieren? Nur ein Blinder hätte eine Chance. Deshalb Augen ausreißen, Hände abhacken oder ab in die Hölle. Das sind die Lehren Jesu.

Und die, die immer noch meinen gut wegzukommen, sollen einfach alles verkaufen und den Armen geben (Mt. 19,21).

(Beispiel mit Stuhlreihen: Gang durch Mittelgang, Gang durch voll besetzte Stuhlreihe: hier stößt man immer an)

Sind das die Maßstäbe für unser Leben als Christ? Wenn ich jetzt so um mich schaue, stelle ich fest, dass es hier weder Handamputierte noch Blinde gibt, d.h. dass wir diese Anweisungen anscheinend nicht angewendet haben. Haben wir sie nicht ernst genommen?
Ich denke, wenn Jesus mit Gericht und Hölle droht, meint er seine Worte sehr ernst. Und ich glaube nicht, dass wir die Option haben, diese Worte zu modifizieren. Aber wir können sagen, sie sind gar nicht an uns gerichtet, denn Jesus spricht hier zu denen, die unter Gesetz waren um ihnen den wahren Kern des Gesetzes aufzuzeigen. Wir finden nämlich in den Briefen des NT überhaupt nichts von Körperteile abhacken, Augen ausreißen oder zwangsweiser Armut.

Natürlich ist es richtig, dass Ehebruch und Mord bereits im Gedanken anfangen. Aber den Kausalzusammenhang, den Jesus hier darstellt: Euch ist gesagt usw. - uns wurde nie was gesagt, wir hatten nicht Mose und die Propheten, wir sind keine Juden -, der Hinweis, dass nur unser richtiges Handeln uns den Zugang zum Himmelreich ermöglicht usw., damit sind wir nicht gemeint. Unsere Erlösung kommt durch das Kreuz. Hier spricht Jesu zu Menschen unter dem Gesetz.


4. Der Weg der Liebe

Aber nach welchen Maßstäben gestalten wir unser Leben? Die Zehn Gebote gelten nicht, die Bergpredigt wendet sich an fromme Juden. Was gilt denn dann überhaupt?

Wenn man aus dem Gefängnis kommt, ist es nicht unbedingt einfach sich in der Freiheit zurechtzufinden. Ich kenne jmd. der war über die Hälfte seines Lebens im Justizvollzug eingesessen. Dort kommt er gut zurecht, da hat er Arbeit, hat seine Struktur. Sobald er in Freiheit ist, kommt er nicht mehr so gut klar und dann begeht er eine Straftat, damit er wieder für 1 - 1/2 Jahre einsitzt und wieder alles in Ordnung und geregelt ist.

„Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt, eingeschlossen auf den Glauben hin, der offenbart werden sollte.“ (Gal. 3,23 Rev. Elb.)


Jetzt sind wir nicht mehr eingeschlossen, sondern leben in Freiheit. Das ist jetzt wie Radfahren ohne Stützräder. 

Es sind jetzt nicht mehr die alttestamentlichen Gebote, die uns leiten; wir stehen nicht mehr unter dem Zuchtmeister des Gesetzes (Gal. 3,25), nun ist es der Heilige Geist, der uns leitet (Gal. 5,18). Und er leitet uns nicht mit der Rute, nicht mit Strafe, sondern mit Gnade.

Und jetzt heißt es nicht mehr: Tu dies nicht, mach das nicht! Sondern es heißt: liebe!

Liebe ist das Ziel, die Erfüllung aller Anweisungen (1. Tim. 1,5).

„Denn das: "Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren", und wenn es ein anderes Gebot gibt, ist in diesem Wort zusammengefasst: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Die Erfüllung des Gesetzes ist also die Liebe.“ (Röm. 13, 9.10 Rev. Elb.) 


„Und dies ist sein Gebot: dass wir an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, wie er es uns als Gebot gegeben hat.“ (1. Joh. 3,23 Rev. Elb.)

Wenn wir lieben tun wir automatisch nichts Böses, wenn wir lieben tun wir automatisch Gutes. Wenn wir lieben, ist unser Wesen gekennzeichnet von Erbarmen, Güte, Großzügigkeit usw., wie es vielfach in den Briefen beschrieben steht. Natürlich kann man Liebe spezifizieren und erklären, was es konkret bedeutet. Aber wir brauchen keine Gesetze, die uns etwas verbieten oder befehlen, sondern es gehört zu unserem Wesen. Der Geist Gottes ist in uns, sein Wesen ist in uns. Das ist ja ein Merkmal des neuen Bundes: Gott in uns!

Das Gesetz sagt: Gib dem Zehnten! Die Freiheit des Neuen Bundes sagt: Gib was Du auf dem Herzen hast!
Das Gesetz sagt: Halte den Sabbat! Der Neue Bund sagt: Aus Liebe zu Gott will ich heute nicht arbeiten, aber wenn Du Dich jetzt ganz anders geführt siehst in Deinem Umgang mit dem Feiertag, dann kannst Du es anders machen.
Das Gesetz sagt: Brich nicht die Ehe! Im Neuen Bund, bin ich treu aus der Liebe zu meiner Frau heraus.
Und so könnte man noch viel mehr Gegenüberstellungen finden.

Gesetze beschränken das Handeln, Liebe entfaltet das Handeln. Gesetze können das Leben immer mehr einengen, Liebe ist grenzenlos, es gibt immer mehr an Liebe, an Taten. Aber nicht aus Zwang, sondern aus Freiheit.

„Wer aber in das vollkommene Gesetz der Freiheit hineingeschaut hat und dabei geblieben ist, indem er nicht ein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter des Werkes ist, der wird in seinem Tun glückselig sein.“ (Jak. 1,25 Rev. Elb.)

AMEN.

Sonntag, 11. November 2012

Predigt von Norbert Wohlrab (11.11.12)

Das Gleichnis von der dreifachen Tür und vom guten Hirten (Joh. 10, 1-18)

1. Einleitung

Ich möchte zu Euch heute über ein Gleichnis sprechen, dass wir alle kennen: ich nenne es mal das Gleichnis von der dreifachen Tür. Ihr kennt es ganz bestimmt, nur vielleicht nicht unter diesem Namen. Bevor wir es aber zusammen lesen, möchte ich kurz auf den Kontext eingehen, in dem Jesus dieses Gleichnis erzählt.

Es ist die Zeit des Laubhüttenfests. Jesus ist in Jerusalem und lehrt. Hierbei kommt es zu einer Reihe von Konflikten und Auseinandersetzungen mit den Pharisäern und Schriftgelehrten (z.B. bei der Ehebrecherin, die gesteinigt werden sollte und der Heilung des Blindgeborenen). Dabei überführt Jesus seine Kritiker ihrer falschen Frömmigkeit. Er deckt auf, wo sie das Gesetz in ihrem eigenen Interesse beugen und zeigt, wo die Traditionen der Mischna (Auslegungen zum Gesetz des Mose und weiterführende Gesetze) sich von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes entfernt hatten. Als Folge dieser Konflikte wird Jesus von ihnen abgelehnt. Sie treffen Aussagen, wie: „Du hast einen Dämon.“ (V. 49) und versuchen ihn zu töten (V. 59).

Jesus trifft dann Aussagen über sie wie: „Ihr kennt weder mich noch meinen Vater; wenn ihr mich gekannt hättet, so würdet ihr auch meinen Vater gekannt haben“ (Joh. 8,19 Rev. Elb.), „Ihr sucht mich zu töten, weil mein Wort nicht Raum in euch findet“ (V. 37b) oder „Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun.“ (V. 44a)

Gleichzeitig stellt Jesus ganz klar heraus, dass er der gesandte Messias ist: „ich bin nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat“ (V. 16b), „der Vater, der mich gesandt hat, zeugt von mir“ (V. 18b), „ich bin von dem, was oben ist“ (V. 23a), „Wenn ihr nicht glauben werdet, dass ich es bin, so werdet ihr in euren Sünden sterben“ (V. 24b), „mein Vater ist es...von dem ihr sagt: Er ist unser Gott.“ (V. 54) „Abraham, euer Vater, frohlockte, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich...Ehe Abraham war, bin ich.“ (V. 56.58b)

Zusätzlich zu seine Worten, tat er noch ein Wunder, dass nach der jüdischen Überlieferung nur der Messias tun konnte und noch nie geschehen ist in Israel (Joh. 9,32): er heilte einen Blindgeborenen (und dann auch noch am Sabbat und mit Brei, was nach der Mischna strengstens verboten war.)

Obwohl Jesus also klare Worte sprach und entsprechende Werke tat, wurde er von ihnen abgelehnt. In diesen Zusammenhang spricht er nun das Gleichnis von den drei Türen, uns eher bekannt als Gleichnis vom guten Hirten, wobei der Hirte eigentlich in diesem Gleichnis nur ein Teilaspekt ist. Ich möchte es jetzt Vers für Vers mit Euch lesen (Joh. 10 Rev. Elb.).


2. Das Gleichnis von den drei Türen

Jesus beginnt mit:

„1 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:“

Wenn Jesus so beginnt, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Es ist wie ein Schwur, wie eine Tatsachenbekundung, die von Ewigkeit zu Ewigkeit gilt.

„Wer nicht durch die Tür in den Hof der Schafe hineingeht, sondern anderswo hinübersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.“

Hier müssen wir wissen, dass die Schafe nachts in eine Art Hof geführt wurden. In eine sog. Schafhürde. Dies war ein ummauerter Weideplatz, in dem sie nachts geschützt sein sollten. Zu diesen Weideplatz gab es einen Eingang, der mit einem Gatter oder einer Tür versehen war.
Wenn jmd. unlautere Absichten hatte, z.B. Schafe stehlen wollte, der musste über die Mauer in diese Hürde einsteigen. Der Hirte dagegen kommt durch die Tür.

„2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist Hirte der Schafe.“ 


Hier haben wir jetzt die erste Tür. Durch diese Tür kommt Jesus zu seinen Schafen.
Sie wird als die Tür der Schriften bezeichnet. Viele Schriftstellen des Alten Testaments weisen auf Jesus hin: er ist der Nachkomme Davids, die verheißene Jungfrauengeburt, Bethlehem als Geburtsort usw.
Das ganze Volk Israel wartete auf den Messias. Es war fokussiert durch die verschiedenen Prophetien. Es richtete seinen Blick auf die Türöffnung und wartete auf den angekündigten Hirten über den es heißt:

„Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte, die Lämmer wird er in seinen Arm nehmen und in seinem Gewandbausch tragen, die säugenden Muttertiere wird er fürsorglich leiten.“ (Jes. 40, 11 Rev. Elb.)

Weil Jesus, der angekündigte Hirte ist, öffnet ihm der Türhüter.

„3 Diesem öffnet der Türhüter, und die Schafe hören seine Stimme, und er ruft die eigenen Schafe mit Namen und führt sie heraus.“

Wer ist nun der Türhüter? Ich denke Gott selbst ist der Türhüter. Er öffnet den Zugang zu seinen Schafen, zum Volk Israel nur für den von ihm gesandten Sohn und Retter.
Wie öffnet er die Tür? Ich denke, in dem er die alttestamentlichen Prophetien bestätigt und Jesus als den versprochenen Retter ankündigen lässt. Durch die Engel bei Maria und bei den Hirten, durch die Magier aus dem Osten, durch Simon im Tempel, durch Johannes dem Täufer, durch die Zusage bei der Taufe Jesus: „Du bist mein geliebter Sohn!“ So wird er angekündigt, so wird die Tür zum Volk Gottes geöffnet.

Nun tritt er ein und ruft seine Schafe mit Namen. „Simon und Andreas, kommt mir nach!“, „Matthäus, folge mir nach!“, „Zachäus, steig herab!“

In so einer Schafhürde waren nachts die Schafe von mehreren Herden untergebracht. Die Schafe haben sich natürlich dann im Laufe der Nacht munter gemischt. Absolutes Chaos. Aber die Schafe kennen die Stimme ihres Hirten und so können die Hirten jeden Morgen ihre Schafe wieder separieren und aus der Hürde hinaus führen, so dass wieder Ordnung in das Durcheinander kommt und jedes Schaf wieder beim richtigen Hirten landet.

Die Pharisäer und Schriftgelehrten waren zwar auch Schafe, weil sie zum Volk Israel gehörten, aber sie ließen sich nicht von ihm herausrufen. (Sie gehörten bildlich gesprochen zu denn 99 Schafen in der Wüste, die nicht Buße taten, wie wir in einem anderen Gleichnis lesen können. Man kann das Gleichnis von dem verlorenen Schaf nämlich auch so interpretieren.)

Von Spurgeon wird berichtet, dass er alle 6000 Mitglieder seiner Gemeinde mit Namen kannte. Nur wenn neue Ehen geschlossen wurden, ist er manchmal durcheinander gekommen.
Jesus kennt jedes seiner Millionen Schafe mit Namen. Er rief Zachäus schon mit Namen, bevor dieser ihn persönlich kennen gelernt hat. Ja, Zachäus wusste selbst noch nicht mal, dass er in Kürze zur Gemeinde Gottes gehören wird.

D.h. er weiß nicht nur, wie wir heißen, er kennt uns durch und durch. Er kennt unsere Persönlichkeit, unsere Stärken und Schwächen, unser Wünsche und Träume, unsere Schrullen, unseren ganzen Charakter und unser bußfertiges Herz.
Das soll uns keine Angst machen, das ist keine Ermahnung, sondern wir können dadurch wissen, dass wir ihn grenzenlos vertrauen können.

„4 Wenn er die eigenen Schafe alle herausgebracht hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen.“

Das beschreibt hier zuerst mal den Prozess der Nachfolge, aber noch viel mehr.
Woraus führt er die Schafe eigentlich? Er führt sie heraus aus der Ummauerung des Gesetzes. Das Gesetz zeigt die Sünde auf. Es tötet (2. Kor. 3,6). Es bringt keine Freiheit. Hinzu kommen noch die Lasten der Mischna. Jesus wirft den Schriftgelehrten an anderer Stelle vor, dass sie dem Volk harte Lasten aufladen (Lk. 11,46). Seine Last dagegen ist leicht (Mt. 11,30). Er führt in die Freiheit:

„Die Wahrheit wird euch frei machen...Wenn nun der Sohn euch frei machen wird, so werdet ihr wirklich frei sein.“ (Joh. 8,32.36 Rev. Elb.)

Diese Freiheit konnte nur der Sohn Gottes erwirken. Kein Israelit konnte sie selbst erwirken. Kein Schaf konnte in Eigenregie durch das Tor die Hürde verlassen.

Gleichzeitig wendet er sich durch diesen Auszug von denen ab, die ihm nicht folgen wollen. Nicht nur von denen, die ihn angegriffen haben, sondern von der ganzen Umzäunung des Gesetzes. Der Weg der Gnade und der Weg des Gesetzes sind nicht kompatibel.

Hier wird die zweite Tür (oder die zweite Funktion der Tür) deutlich. Durch die erste Tür kam Jesus hinein, durch die zweite Tür führt er die heraus, die ihm nachfolgen wollen und auf seinen Ruf antworten. Es ist die Tür der Schafe (V. 7).

Dann geht der Hirte vor ihnen her. Schafe hüten im Orient erfolgt nach anderen Vorgehensweisen, als in Europa. Bei uns werden die Schafe meist durch den Hirtenhund getrieben, im Nahen Osten werden sie durch die Stimme des Hirten gelockt.
Hier zeigt sich, dass der Weg des Schafes ein Weg in der vertrauten Beziehung mit seinem Herrn ist. Es ist kein eigenmächtiger Weg, sondern ein Weg ihm nach.

John Stott erzählt, wie er einmal eine Reise in den Nahen Osten unternahm. Er saß mit einer Gruppe im Bus. Der arabische Touristenführer berichtete von den unterschiedlichen Führungsmethoden der Hirten im Westen und im Osten. Während er den Touristen wissen ließ, dass in seiner Gegend die Hirten ihrer Herde vorangehen und die Schafe seiner Stimme folgen, schaute ein Teilnehmer aus dem Busfenster und sah genau das Gegenteil. Er sah, wie ein Mann mit einem Stock in der Hand eine Schafherde vor sich hertrieb. Der Tourist meldete sich und wies auf die Situation auf der anderen Straßenseite hin. Der Touristenführer ließ den Bus anhalten und lief über die Straße, um den Mann mit dem Stock in der Hand zu befragen. Dann kam er mit einem Strahlen auf dem Gesicht zurück und sagte: „Das war nicht der Hirte. Das war der Schlachter!“ (aus Quelle: Gemeinde- und Missionswerk Arche e.V., Christian Wegert, „Ich bin der gute Hirte“, 04.12.11)

„5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen...

7 Jesus sprach nun wieder zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür der Schafe. 8 Alle, die vor mir gekommen sind, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe hörten nicht auf sie.“

In Großbritannien gibt es sportliche Wettbewerbe, bei denen man fremde Schafherden weiden muss. Die größte Herausforderung dabei ist es die fremden Schafe ohne Hilfsmittel erst einmal aus dem Pferch herauszubekommen.

Vor Jesus gab es mehrere falsche Propheten, die sich als Messias ausgegeben hatten. Aber sie hatten keinen Bestand. Auch die Pharisäer sind solche Diebe und Räuber. Ihr Interesse war es sich selbst zu weiden.

„Und das Wort des HERRN geschah zu mir so: Menschensohn, weissage über die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen, den Hirten: So spricht der Herr, HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Die Milch genießt ihr, und mit der Wolle kleidet ihr euch, das fette Vieh schlachtet ihr - die Herde weidet ihr nicht. Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt und das Kranke nicht geheilt und das Gebrochene nicht verbunden und das Versprengte nicht zurückgebracht und das Verlorene nicht gesucht, sondern mit Härte habt ihr über sie geherrscht und mit Gewalt.“ (Hes. 34, 1-4 Rev. Elb.)

Wir kommen jetzt zur dritten Tür: der Tür der Errettung!

„9 Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, so wird er gerettet werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.“
Jesus selbst ist diese Tür. Er ist die Tür der Errettung! Hier weitet sich das Bild nochmals. Waren es bei der Tür der Schafe, diejenigen, die er berufen hat und durch die Tür gingen, gilt dieses Angebot jetzt allen. Einem jeden der durch ihn eingeht! Jesus spricht hier von einem einmaligen Eingehen, einer einmaligen Handlung, dem einmaligen Eintreten in die Gemeinschaft der Schafe (Konjunktiv Aorist!).
Er ist der Weg! Er ist die Tür! Und nur er! Kein spirituelles Erlebnis hat irgendeine errettende Bedeutung, wenn es nicht Jesus-zentriert ist, wenn es nicht auf Jesus weist, man kann sagen, wenn man dabei nicht durch Jesus geht!

Vielleicht wird man die gegenwärtigen Jahrzehnte mal rückwirkend als die spirituell-esoterische Epoche bezeichnen. Und tatsächlich sind auch manche Menschen offen für Gott. Aber das Erleben von geistlichen Erfahrungen lässt sie noch keine Christus-Nachfolger werden. Sie müssen erst Jesus erkennen und durch ihn eingehen! Nur in ihm ist das Heil (Apg. 4,12).

Etwas schwer zu verstehen, ist hier „ein- und ausgehen und Weide finden.“ Ich vermute hier ein Bild für die christliche Freiheit und nicht für ein wechselhaftes zu-Gott-hinwenden und von-Gott-abwenden.
Die Juden waren eingesperrt, sie waren verwahrt im Gesetz. Sie hatten zwar Sicherheit, aber die eines Gefängnisses. Sie hatten keinen Zugang zu Gott, der Weg ins Allerheiligste war verwehrt.

„Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt, eingeschlossen auf den Glauben hin, der offenbart werden sollte.“ (Gal. 3,23 Rev. Elb.) 


Nun war es möglich sich frei zu bewegen. Der Weg zum Vater wird möglich. Auch der Weg zu den Heiden wird später möglich.

Während im Alten Bund unter geistlicher Nahrung v.a. das Meditieren über dem Gesetz zu verstehen ist, ist nun Jesus selbst diese Nahrung. Er ist das Brot. Er gibt die Weide. In ihm wird das Wort Gottes lebendig, durch seine Gegenwart wird Kraft gespendet. Er versorgt auch mit Weideland in Ewigkeit, mit Wohnraum in Ewigkeit, mit ewigem Leben.

„10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu schlachten und zu verderben. Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Überfluss haben.“

Das Interesse der falschen Hirten habe ich vorhin bereits erwähnt. Jesus stellt jetzt hierzu im Gegensatz noch einmal dar, was er bringt: Leben! Erfülltes Leben, Leben im Überfluss, volle Genüge (Luther), in ganzer Fülle (NGÜ), alles reichlich dazu (Neue evangelistische Übersetzung).

Dies ist ein Vers, der gerne falsch verstanden und fehl interpretiert wird. Jesus redet hier nicht davon, dass uns ein Leben verheißen wird, in dem man alles bekommt, was man sich so wünscht. Nicht von einem Leben im Schlaraffenland, von einem Leben in Hülle und Fülle und auch nicht in Saus und Braus (so wie Gun´s´Roses es in einem moralisch eher zweifelhaften Rocksong postulieren „Take me down to the paradise city, where the grass is green and the girls are pretty“). Jesus redet hier nämlich nicht vom bios (vom körperlichen Leben) und nicht vom psychos (vom seelischen Leben), sondern von zoe (vom geistlichen Leben).

Dieses geistliche Leben, das er schenkt ist ein überfließendes Leben, denn es gibt Gnade ohne Ende, ohne Abwinken, all you can eat!

„Denn aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade.“ (Joh. 1,16 Rev. Elb.)

Die Fülle die darin steckt ist überfließende Gnade. Sie fließt vom Thron Gottes und fließt und fließt und fließt....und wenn wir schon gestorben sind, dann fließt sie immer noch weiter. Diese Gnade kannten sie nicht im Alten Bund, dieses Leben kannten sie nicht, dies wurde erst möglich durch den Tod Jesu.

Vielleicht kann man den Begriff auch noch weiter fassen. Jeder von uns, der den persönlichen Ruf Jesu in seinem Leben gehört hat, brauchte sich nie wieder Gedanken darüber machen, wo er her kommt und wo er hin geht. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist für alle Zeiten gestillt. Es gibt keine Suche mehr, die mich antreibt. Ich hab´s gefunden! Das Vakuum ist ausgefüllt, das Loch in meiner Seele gestopft. Zumindest in dieser existenziellen Fragestellung. Manch andere kleine Löcher haben wir schon noch, so wie in Socken manchmal unverständlicherweise Löcher auftreten.

Auch der Heilige Geist, der uns gegeben ist, würde in dieses Bild passen. Die Früchte des Geistes, die Früchte der Liebe, die aus uns heraus wachsen. Aber das würde heute den Rahmen dieser Predigt sprengen.


3. Das Bild vom guten Hirten

Jetzt endlich kommt der Vers, den wir doch alle so lieben, bei dem es uns wohl ums Herz wird.

„11 Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“

Der Beruf des Hirten war jetzt nicht wirklich ein Job, dem man großen Respekt zollte. Man wollte vielleicht auch nicht unbedingt mit Schafen vergleichen werden. Aber Gott wählte diese Bilder bereits im Alten Bund. Vielleicht weil sie so klar und unmissverständlich sind.

Jesus hat kein Problem sich mit diesem Berufsstand zu identifizieren. Er hatte nie ein Problem damit bei den Entrechteten und den am Rande stehenden Glieder der Gesellschaft zu sein.

Er lässt sein Leben, nicht aus Zwang, sondern aus freien Stücken. Nicht einfach so allgemein und universell, sondern für die Schafe. Für die Schafe, die er mit Namen kennt, ganz persönlich.

„12 Wer Lohnarbeiter und nicht Hirte ist, wer die Schafe nicht zu eigen hat, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht - und der Wolf raubt und zerstreut sie -, 

13 weil er ein Lohnarbeiter ist und sich um die Schafe nicht kümmert.“

Hier wird das Problem aller Arbeitgeber beschrieben: der Lohnarbeiter hat nur eine begrenzte Motivation. Wenn es ans Leben geht, dann steckt er lieber zurück. Der Eigentümer der Herde dagegen kämpft für seine Schafe. Hier ist kein moralischer Unterton, sondern es wird einfach ein gegebener Sachverhalt beschrieben.

Der Wolf ist ein Bild für den Teufel. Er raubt einzelne Schafe und zerstreut die Herde.
Wie viel Zerstreuung in der heutigen Gemeindelandschaft ist doch durch das „Durcheinanderwirbeln“ des Wolfes entstanden? Nicht das ich meine es dürfte nur eine Gemeinde am Ort geben. Zur Zeit der Urchristen gab es z. T. auch mehrere Versammlungen am Ort, anders war es logistisch gar nicht möglich. Und nicht jeder wird sich in der Anonymität einer großen Gemeinde wohl fühlen. Aber manche Separation, die wir heute erleben, ist auf diese Weise entstanden.

„14 Ich bin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich,
15 wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne; und ich lasse mein Leben für die Schafe.“
 


Hier wird noch mal bestätigt, was ich bereits vermutet habe. Er kennt nicht nur unsere Namen, er kennt uns selbst. Nicht weil er uns bespitzelt, sondern weil er uns liebt, so wie eine Mutter ihr Kind liebt. Der Hirte kennt die Schafe von Anfang an und er begleitet sie bis zum Tod.

„16 Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hof sind; auch diese muss ich bringen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde, ein Hirte sein.“

Hier ist jetzt von den Heidenchristen die Rede. Auch sie, also auch wir, die wir nicht aus diesem Hof sind, die nicht zum Volk Israel gehören, dürfen zum Vater kommen. Und nun sind wir eine große Herde: Heidenchristen und Judenchristen. 


„17 Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, um es wiederzunehmen. 
18 Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen.“ 

Jesus hat sein Leben gegeben. Er ist nicht an den Folgen der Kreuzigung gestorben, sondern er hat es aus freien Stücken Gott hingegeben. Und er hat es selbst wieder genommen, da er über den Tod gesiegt hat.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis. Das erfüllte Leben, das Jesus uns verheißt ist nur möglich durch das Leben, das er gibt. Er gibt ewiges Leben und niemand geht verloren in Ewigkeit (V. 28).


4. Abschluss

Diese Worte Jesu, diese Auseinandersetzung mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, dieses Gleichnis, sein Tod am Kreuz sind ja jetzt schon an die 2000 Jahre her. Und auch wenn wir nicht so alt sind, haben wir doch etliche Jahrzehnte des Lebens im Glauben an Jesus hinter uns. Und so ist manches einfach selbstverständlich geworden: die Gnade Gottes, das Leben das er gibt. Und mit den Jahren hat sich dann so manche Patina oder mancher Rost angesetzt. Bei Dekorationsartikeln hat dies ja oft einen besonderen Charme, aber im Prozess der Nachfolge ist es nicht unbedingt zweckmäßig, wenn der Eifer, die Freude, die Hingabe auf der langen Wegstrecke verloren geht.

Mein Gebet für mich persönlich und für uns als Gemeinschaft ist es, dass wir immer wieder neu überwältigt werden von einer Begeisterung für unseren Hirten.

AMEN.