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Samstag, 25. März 2023

Predigt von Norbert Wohlrab (12.03.2023)

Die Gefangennahme Jesu

Wir bewegen uns jetzt ja zügig auf Ostern zu und so passt es ganz gut, dass der heutige offizielle Predigttext des evangelischen Kirchenjahres die Gefangennahme Jesu aus Lukas 22 ist.

Erst habe ich ja gedacht: was will man denn da groß drüber predigen, es ist eine Sequenz aus der Passion, die wir alle gut kennen. Aber es ist wie immer, umso mehr man sich mit Texten auseinandersetzt, umso mehr kann man darin entdecken.

Ich mache heute mal ein kleines Experiment und zwar habe ich die Beschreibungen des Ablaufs der Gefangennahme aus den vier verschiedenen Evangelien zu einem einzigen Text zusammengefügt. Also nicht ich, die Arbeit hatten sich vorher schon andere gemacht. Die Reihenfolge der Verse war also schon bekannt und ich musste sie nur noch zusammenfügen. Ich möchte mit Euch das Ergebnis abschnittsweise durchgehen. 

Jesus war also im Garten Gethsemane, einem Olivenhain, um sich im Gebet auf das was ihn jetzt bevorstand, vorzubereiten und zu beten. Die Jünger waren bei ihm und schliefen. Am Ende dieser Zeit des Betens (und für die Jünger Schlafens) sagt er zu ihnen:

Mt. 26,46 Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, der mich verrät, ist nahe. 

In diesem kurzen Vers am Beginn unseres Abschnitts wird schon mal eines deutlich: Jesus ist der Herr des Geschehens. Er weiß, was ihm erwartet und er agiert. Er wird nicht im Schlaf überrascht, er wird nicht aus dem Bett gezerrt, er wird nicht einfach überrumpelt, sondern er begibt sich aktiv in seine Gefangennahme.

Joh. 18,2.3 Aber auch Judas, der ihn verriet, kannte den Ort; denn Jesus versam- melte sich oft dort mit seinen Jüngern. Nachdem nun Judas die Truppe und von den obersten Priestern und Pharisäern Diener bekommen hatte, kam er dorthin mit Fackeln und Lampen und mit Waffen. 

Hier steht: Judas hatte die Truppe bekommen. Dieses Wort „Truppe“ oder „Schar“ bedeutet eigentlich „Kohorte“, und so steht in manchen Übersetzungen auch gleich römische Soldaten. Man kann daher davon ausgehen, dass eine Gruppe römischer Soldaten an der Gefangennahme beteiligt gewesen ist.

Eine Kohorte umfasst ca. 600 Soldaten. Soviel standen sicher in der Nacht gar nicht zur Verfügung und hätten dort vermutlich auch gar nicht alle hinein gepasst. Es war also vermutlich nur ein Teil dieser römischen Militäreinheit. Es waren aber auf jeden Fall eine ganze Menge an Menschen: römische Soldaten und Diener der Priester (also die Tempelpolizei, die keine Schwerter tragen durften, sondern nur Knüppel) und noch einige andere Personen. Vermutlich schon über 100 Leute. Um wieviele gefangen zu nehmen? Um einen einzigen gefangen zu nehmen. 

Warum dieser Aufwand? Sie wollten absolut kein Risiko eingehen. Es gab vor kurzem ja erst den Aufstand von Barabbas. So etwas konnten sie nicht noch einmal gebrauchen. Das hätte römische Repressalien zur Folge. Und Jesus war ja außerdem vor ein paar Tagen erst fulminant in Jerusalem eingezogen und als neuer König gefeiert worden. Es wäre nicht auszudenken gewesen, was passiert wäre, wenn die Menschenmengen die Gefangennahme mitbekommen hätten. Daher kamen sie nachts und daher kamen sie mit vielen Soldaten um einen möglichen Aufstand sofort im Keim zu ersticken.

Ich habe in einem Buch gelesen, dass der Hohe Rat beim Gerichtsverfahren Christi 22 seiner eigenen Regeln gebrochen hat, also so etwas wie die Strafprozessordnung. Dort steht bspw. dass keine Verhaftung erfolgen darf, wenn Bestechung im Spiel ist oder das kein Verfahren nach Sonnenuntergang beginnen darf. Allein diese beiden Regeln wurden schon bei der Gefangennahme gebrochen. 

4-6  Jesus nun, der alles wusste, was über ihn kommen sollte, ging hinaus und sprach zu ihnen: Wen sucht ihr? Sie antworteten ihm: Jesus, den Nazarener! Jesus spricht zu ihnen: Ich bin’s! Es stand aber auch Judas bei ihnen, der ihn verriet. Als er nun zu ihnen sprach: Ich bin’s!, wichen sie alle zurück und fielen zu Boden.

Was Jesus hier sagt: „Ich bin’s“ ist die alttestamentliche Gottesformel, mit der Gott sich dem Mose zu erkennen gab: »Ich bin, der ich bin!« Es handelt sich hier in dieser Situation um eine Theophanie, um eine Gotteserscheinung, vielleicht vergleichbar mit dem Einzug der Schechina in dem Tempel. 

Gott zeigt sich hier. Seine Macht blitzt kurz auf. Und wieder wird deutlich: Jesus. Hat. Alles. Unter. Kontrolle.

(Manch einer kennt vielleicht die drei „Herr der Ringe“-Filme. Im ersten Film: „Die Gefährten“ gibt es eine Szene, in der Frodo Galadriel, der Elbenkönigin, den Ring anbietet. Und da lässt sie für einen Moment ihre ganze Macht sichtbar werden und Frodo erschrickt und fällt zu Boden. So ähnlich stell ich mir diese Szene vor.) 

7-9  Nun fragte er sie wiederum: Wen sucht ihr? Sie aber sprachen: Jesus, den Nazarener! Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Wenn ihr nun mich sucht, so lasst diese gehen! — damit das Wort erfüllt würde, das er gesagt hatte: Ich habe keinen verloren von denen, die du mir gegeben hast.

Und wieder gibt sich Jesus zu erkennen, diesmal wohl ohne seine Göttlichkeit sichtbar werden zu lassen. Interessant ist hier die Aussage, dass sich das Wort erfüllen soll, dass keiner von denen, die der Vater ihm gegeben hat, verloren geht. Wo steht das eigentlich? Nun das ist keine alttestamentliche Prophetie, sondern das sagt Jesus selbst kurz vorher in Joh. 17,12: 

„Während meiner Zeit hier auf Erden habe ich sie bewahrt. Ich habe über sie ge- wacht, sodass nicht einer verloren ging außer dem, der den Weg des Verderbens beschritt, so wie es die Schrift vorausgesagt hat.“

Also auch Jesu eigene prophetischen Worte müssen genauso erfüllt werden, wie die alttestamentlichen Prophetien.

Jetzt wird’s heftig.

Mt. 26,48.49 Der ihn aber verriet, hatte ihnen ein Zeichen gegeben und gesagt: Der, den ich küssen werde, der ist’s, den ergreift! Und sogleich trat er zu Jesus und sprach: Sei gegrüßt, Rabbi!, und küsste ihn.

Lk. 22,48 Jesus aber sprach zu ihm: Judas, verrätst du den Sohn des Menschen mit einem Kuss?

Auch wenn Jesus ja schon wusste, dass der Teufel von Judas Besitz ergriffen hatte, auch wenn er schon wusste, was da auf ihn zukommt, muss es doch ganz schön heftig weh getan haben, von einem seiner Jünger, seiner Gefährten verraten zu werden und dann auch noch auf diese Art und Weise.

Judas. Er war doch einer von den Zwölfen. Er hatte drei Jahre lang mit Jesus zusammengelebt. Sie haben gemeinsam gegessen und gefeiert. Sie haben Gemeinschaft miteinander gehabt. Haben zusammen Wunder erlebt. Er war einer von denen, die ausgesandt wurden, die Vollmacht zum Heilen und über die Dämonen hatten. Jesus hat ihm sogar die Kasse anvertraut. Sie waren einander vertraut. Dieser Judas verrät ihn - mit einem Kuss. 

Das war nicht der Kuss eines Sklaven, der seinem Herrn die Füße küsst. Das war nicht der Kuss eines Untergebenen, der einem Oberhaupt, bspw. einem König die Hand küsst. Das war der Kuss eines Vertrauten, eines Freundes. Auf die Backe oder den Mund. „Grüß Dich, Rabbi, Schmatz.“ Und Jesus: „Echt jetzt Judas, mit einem Kuss verrätst Du mich, mit einem Kuss?“

Der Teufel fährt alle Geschütze auf, die er haben kann. Sein Bestreben ist es Jesus davon abzuhalten seinen Weg weiter zu gehen. Hier versucht er es mit einem emotionalen Tiefschlag. Er will Jesus weh tun, ihn verletzen. So kommt es mir zumindest vor. 

Von einem Freund verraten zu werden. Das tut richtig weh. Soll er sich wirklich für solche Menschen opfern?Es gibt ja die sogenannten messianischen Psalmen in der Bibel. Das sind Psalmen, die mehr oder weniger deutlich Bezüge auf Jesus haben. Da lesen wir bspw. 

„Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, hat die Ferse gegen mich erhoben.“ (Ps. 41,10 SLT)

Mein Freund, der mit mir Gemeinschaft hatte, der Frieden mit mir halten wollte (Brot gemeinsam essen bedeutet Frieden halten), hebt den Fuß hoch um auf mich zu treten. So mag es in Jesus ausgeschaut haben. 

In einer anderen Stelle heißt es:

„Es ist ja nicht mein Feind, der mich verhöhnt – das könnte ich noch ertragen! Nicht jemand, der mich schon immer gehasst hat, spielt sich gegen mich auf – vor einem solchen könnte ich mich noch verbergen. Aber nein, du bist es, ein Mann, der mir nahestand, mein Freund und Vertrauter! Wie schön war es, als wir noch zusammenwaren und unsere Gedanken austauschen konnten! Gemeinsam gingen wir den Weg hinauf zum Haus Gottes, inmitten einer fröhlichen Menge.“ (Ps. 55, 13-15 NGÜ)

Wenn uns Nicht-Christen angehen, das können wir verkraften, dann fühlen wir uns vielleicht sogar geehrt, das schütteln wir ab, das macht uns nichts aus. Aber Angriffe aus den eigenen Reihen. Verletzungen, die uns der Bruder und die Schwester zuführen. Daran haben wir zu Knabbern.

Mk. 14,46a Sie aber legten ihre Hände an ihn.

Joh. 18,10 Da nun Simon Petrus ein Schwert hatte, zog er es und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab; der Name des Knechtes aber war Malchus. 

Und jetzt. Die Soldaten ergreifen Jesus. Nehmen ihn gefangen und während alle noch überlegen, was sie machen sollen: „Sollen wir uns wehren? Sollen wir Jesus beschützen? Macht ja alles eigentlich keinen Sinn bei dieser Übermacht.“ Während also alle noch überlegen, schlägt Petrus zu. Aber zum Glück war Petrus Fischer und kein Soldat. Er war ausgebildet im Ausnehmen von Fischen, nicht im Menschen die Kehle durchschneiden.

Wahrscheinlich war es so: er greift als Rechtshänder nach seinem Dolch, der links im Gürtel steckt, holt aus, um dem anderen an der Kehle zu treffen und schon ist das Ohr ab. Knapp vorbei.
Es war nicht so, dass er sich gedacht hat: „Na warte, Ihr ergreift meinen Rabbi, Töten darf ich nicht, Moment, aber ein Ohr, ein Ohr, das geht, das kostet einem von Euch ein Ohr.“
 

Ich denke Petrus war ganz besonders motiviert, übermotiviert. Kurz vorher hat Jesus ihm noch gesagt, dass er ihn verleugnen wird. Dass er sich nicht zu ihm Bekennen wird. Jetzt muss er doch zeigen, dass Jesus sich auf ihn verlassen kann. Dass er nicht feige ist, sondern zu ihm hält.

Lk. 22,51 Da antwortete Jesus und sprach: Lasst ab davon! Und er rührte sein Ohr an und heilte ihn. 

Lukas - der Arzt - ist übrigens der einzige, der davon berichtet, dass Jesus den Knecht heilt. Für die anderen Evangelisten war es wohl nicht so wichtig.

Mt. 26,52 Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Platz! Denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen! 

Jesus muss nicht mit Waffengewalt verteidigt werden. Der Glaube muss nicht mit Waffengewalt verteidigt werden. Gott muss nicht mit Waffengewalt verteidigt werden. Und doch ist es so oft geschehen in der Geschichte des Christentums. Wieviele Kriege wurden wegen des richtigen Glaubens geführt, wieviele Morde begangen, wieviele Menschen getötet. Jesus lehnt dies ab. „Steck das Schwert ein!“

Ich frage mich, wenn schon der christliche Glaube kein Gut ist, das verteidigt werden soll, sind dann Freiheit und Demokratie Werte die man verteidigen muss? Das ist sicher nicht so einfach zu beantworten. 

53.54 Oder meinst du, ich könnte nicht jetzt meinen Vater bitten, und er würde mir mehr als zwölf Legionen Engel schicken? Wie würden dann aber die Schriften erfüllt, dass es so kommen muss?

Zwölf Legionen Engel. Jesus redet hier von 12.000 streitbaren Engel. Es wäre überhaupt kein Problem für sie mit dieser kleinen Truppe - ob es nun 100 oder 600 sind - klar zu kommen, fertig zu werden. Aber er ruft sie nicht.

Und wieder sehen wir: Jesus hat die Kontrolle. Er hat die Macht. Aber er übt sie nicht aus. 

Überhaupt ist mir aufgefallen, dass wir oft eine Vorstellung, von der Herrschaft Gottes haben, bzw. sie in charismatischen Liedern besingen, die weder mit der Realität übereinstimmt, noch biblisch begründet werden kann. Wir singen „Gott herrscht vom Himmel herab“ und ähnliches, aber stimmt das denn überhaupt?

In der Bibel finden wir nämlich nur ganz wenige Aussagen, dass Gott herrscht oder Jesus herrscht. Die meisten sind auf das Zukünftige bezogen, aber nicht darauf, dass Gott jetzt hier auf Erden herrscht. Um uns herum sind Mord und Totschlag, Kriege, Christenverfolgung etc. Ist das Herrschaft Gottes? 

Jesus sagt vielmehr: „Wenn ich durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist die Königsherrschaft Gottes zu Euch gekommen.“ (Lk. 11,20) Da wo der Finger Gottes auftrifft, wird punktuell Herrschaft Gottes ausgeübt. Punktuell.

Und wir beten darum, dass seine Herrschaft nicht nur im Himmel geschieht, sondern auch auf der Erde. Darum bitten wir im Vaterunser, weil sie hier eben nicht geschieht. Hier auf Erden ist sie nicht der Normalfall. Vielmehr wird sie von uns erstrebt, erhofft, erfleht, darum gebeten. Das wäre ein eigenes Predigtthema, mit dem ich mich vorher jedoch noch etwas auseinandersetzen muss. Aber hier in dieser Situation, heißt es für Jesus, seine Macht, seine Herrschaft eben nicht auszuüben. 

55 In jener Stunde sprach Jesus zu der Volksmenge: Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen mit Schwertern und Stöcken, um mich zu fangen! Täglich bin ich bei euch im Tempel gesessen und habe gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen.

Hier kommt der nächste Schlag. Jesus wird wie ein Räuber behandelt. Völlig ungerechtfertigt. Jesus ist das absolute Gegenteil von einem Räuber. Er ist der Freund der Menschen und tut ihnen Gutes. Er ist kein Aufwiegler und kein Verbrecher. 

Sie hätten jederzeit die Auseinandersetzung mit ihm suchen können und haben es nicht getan. Jetzt in der Nacht kommen sie, heimlich, mit Waffengewalt. Das ist sowas von ungerechtfertigt und ungerecht.

Ich hasse es ungerecht behandelt zu werden. Ihr doch auch? Manchmal kann man ruhig bleiben - und ich muss feststellen, umso älter ich werde, umso gelassener kann ich mit erlittener Ungerechtigkeit umgehen - aber manchmal fuchst es einem doch und dann will man Recht und Gerechtigkeit. Soll er für diese ungerechten Menschen wirklich ans Kreuz gehen? 

56 Das alles aber ist geschehen, damit die Schriften der Propheten erfüllt würden. — Da verließen ihn alle Jünger und flohen.

Und jetzt der nächste Schlag: alle hauen ab. Alle. Niemand bleibt da. Auch Petrus ist weg. Auch Johannes. Jesus ist jetzt ganz allein. Verraten von einem der Jünger. Ungerecht behandelt vom Hohen Rat. Und jetzt auch noch allein gelassen. Niemand ist mehr da, der diese Last, diese Bürde mit ihm tragen kann, der ihn beisteht, der ihn ermutigt, der sich solidarisiert. Soll er für diese feigen Menschen wirklich ans Kreuz gehen? 

Mk. 14,51.52 Und ein gewisser junger Mann folgte ihm, der ein Leinengewand auf dem bloßen Leib trug; und die jungen Männer ergriffen ihn, er aber ließ das Leinengewand zurück, und entblößt floh er von ihnen. (SLT) 

Das ist jetzt eigentlich eine kleine Anekdote zum Schluss. Dieser Vers steht nur bei Markus.

Jesus wird abgeführt und ein junger Mann im Nachthemd folgte ihnen. Er gehörte nicht zu den Jüngern. War wohl noch zu jung. Aber er glaubte an Jesus. Ihm ist das Geschehen nicht verborgen geblieben. Wenn da so eine Kohorte oder zumindest ein Teil davon am Schlafzimmerfenster vorbeizieht, das kriegt man dann schon mit. Und er wollte sehen was da los ist. Und dann merken die Soldaten: „Eh, da ist ja doch nicht einer übrig, den schnappen wir uns.“ Greifen nach seinem Hemd und er hat jetzt nur die Wahl: Bekleidet gefangen genommen zu werden oder nackt davon laufen. Er hat sich für die zweite Vari- ante entschieden. Für die peinlichere. Entblößt, voller Scham muss er nach Hause fliehen. 

Man nimmt übrigens an, dass es sich bei diesem jungen Mann um Markus selbst handelt. Es war damals nicht üblich, dass die Autoren sich selbst genannt hatten. So wie auch Johannes, sich als, den Jüngern den Jesus liebte, bezeichnet hat.

Scham ist in der Bibel ja oft auch ein Bild für die Sünde. So wie Markus jetzt voller Scham fliehen muss, muss wenig später die Sünde vor Jesus fliehen, wenn er sein Werk am Kreuz „vollbracht“ hat. 

AMEN.

Fragen zum Austausch: 

Wo kann das Verhalten Jesu in dieser Situation für uns Vorbild sein? Kann es überhaupt Vorbild sein oder ist diese Situation zu speziell?

Sonntag, 24. Januar 2016

Predigt von Norbert Wohlrab (24.01.16)

Gedanken zur Jahreslosung 2016                           


1. Begriffsklärungen

Die Jahreslosung für 2016 lautet:

Gott spricht: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jes 66,13a Luther)

Trösten wie eine Mutter tröstet?!

Vor einigen Wochen gab es einen Spiegel (52/15) mit dem provokanten Titel: „Sind Väter die besseren Mütter?“ Weil ich das insgeheim schon immer vermutet hatte, habe ich ihn mir natürlich gleich gekauft. In dem sehr interessanten Artikel vergleicht die Entwicklungs-psychologin Liselotte Ahnert - völlig wertneutral - das unterschiedliche Erziehungsverhalten von Vätern und Müttern bei Kleinkindern. Und sie stellt dabei u.a. fest, dass Väter und Mütter in Frustrationssituationen ganz anders reagieren:
Mütter reagieren viel schneller auf die Unpässlichkeiten der Kinder, versuchen negative Emotionen umgehend auszubalancieren und trösten mit körperlicher Nähe und Zuneigung.
Väter reagieren dagegen deutlich gelassener und sie benutzen eine Umlenkungstaktik („Reframing“), um den Kind zu ermöglichen die frustrierende Situation anders zu bewerten und sich einer neuen Situation zuzuwenden und so die Emotionen selber regulieren zu können. (Nebenbei bemerkt ein deutlicher Unterschied wurde auch in Väter-Kind und Mutter-Kind-Krabbelgruppen deutlich: bei den Vätern war es ganz ruhig und entspannt.)

Väter trösten also anders als Mütter. Mütter trösten durch mehr körperliche Nähe. Vielleicht einfach auf Grund der einzigartigen physischen Beziehung die eine Mutter und ihr Kind in der Schwangerschaft miteinander haben. Sie waren ja monatelang eine körperliche Einheit, hatten denselben Blutkreislauf, das gleiche Essen, haben einander stets gespürt , sie waren immer am selben Ort, ganz ohne eigenes Zutun. Die Mutter war immer da. Das Kind war immer dabei.
Beim Stillen wird diese Nähe dann auch noch weiter fortgesetzt. Dadurch hat vermutlich der Trost der Mutter eine ganz andere emotionale Tiefe als der des Vaters. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Das ist wie ein Heim-kommen in völlige Geborgenheit. Gott gebraucht dieses Bild um ein Maximum an Geborgenheit auszudrücken.

Könnt Ihr Euch erinnern wie Ihr von Euren Müttern getröstet wurdet? Oder Ihr Mütter: Wie habt Ihr Eure Kinder getröstet?

Trotzdem ist es jetzt erstmal ungewöhnlich für unser theologisches Gottesbild, dass Gott sich hier als Mutter darstellt. Dieser Vers stammt ja nicht aus einer Bibel in gerechter Sprache, sondern aus einer ganz normalen Lutherübersetzung. Wird Gott uns nicht in der Bibel von Anfang an als unser Vater, also als Mann dargestellt?!

Nun, zum einen muss man sagen, dass Gott hier ja nicht sagt, dass er die Mutter ist, sondern wie eine Mutter tröstet. Aber er gebraucht tatsächlich ein weibliches Bild, wie auch an einigen anderen Stellen in der Bibel. Zwei Beispiele dafür:


„Den Felsen, der dich gezeugt, täuschtest du und vergaßest den Gott, der dich geboren.“ (5. Mose 32,18 Rev. Elb.)

Gott stellt sich hier also als gebärende Frau dar.

„Vergisst etwa eine Frau ihren Säugling, dass sie sich nicht erbarmt über den Sohn ihres Leibes? Sollten selbst diese vergessen, ich werde dich niemals vergessen.“
(Jes. 49,15 Rev. Elb.)


Hier vergleicht er sich mit einer stillenden Mutter.

Das hebr. Wort für Trost (nchm) ist übrigens verwandt mit dem Wort für Barmherzigkeit/Erbarmen/Mitgefühl (rachamim) und dieses wiederum kommt vom Wort für Mutterschoß/Gebärmutter (rachäm). Also auch hier wird wieder die weibliche Seite deutlich.

Also, wie sollen wir uns Gott vorstellen? Als Vater, als Mutter, als Wolke wie die Schichina im Tempel, als Feuer- oder Wolkensäule wie bei Mose? Müssen wir uns Gott überhaupt vorstellen?

Gott sagt über sich selbst:

„Denn Gott bin ich und nicht ein Mensch, in deiner Mitte der Heilige“ (Hos. 11.9b Rev. Elb.)


Und er spricht bei der Schöpfung des Menschen:

„Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich! …Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.“ (1. Mose 1, 26.a.27 Rev. Elb.) 


Gott ist kein Mensch wie wir, er ist kein geschlechtlicher Mensch, er ist nicht Mann oder Frau. Mann und Frau zusammen sind ihm nur ähnlich. Ich männlich, du weiblich, Gott göttlich.

Wir sind in unserer christlichen Sozialisation etwas einseitig geprägt, weil wir alle im 20. Jahrhundert geboren sind und mit speziellen Bibelübersetzungen aufgewachsen sind. Bereits ein paar Jahrhunderte vor Christus begannen nämlich die Juden den Gottesnamen JHWH zu tabuisieren und in den Abschriften der Tora die Buchstaben von „Adonai“ (Herr) einzufügen um eine missbräuchliche Verwendung des Gottesnamens zu vermeiden.

Genauso wurde in vielen deutschen Bibelübersetzungen verfahren (z.B. bei Martin Luther).  Auch bei ihm wurde aus:

„Und Gott redete zu Mose und sprach zu ihm: Ich bin Jahwe. Ich bin Abraham, Isaak und Jakob erschienen als Gott, der Allmächtige; aber mit meinem Namen Jahwe habe ich mich ihnen nicht zu erkennen gegeben. (2. Mose 6, 2.3 Rev. Elb)

Bei Luther hieß es dann:

„Und Gott redete mit Mose und sprach zu ihm: Ich bin der HERR und bin erschienen Abraham, Isaak und Jakob als der allmächtige Gott, aber mit meinem Namen »HERR« habe ich mich ihnen nicht offenbart."

 
Und in der wortgetreuen Elberfelderübersetzung wurde bei der Revision die falsche Übertragung „Jehova“ , die durch eine Fehlinterpretation des in den Gottesnamen eingefügte Herr entstanden ist, ebenfalls an den meisten Stellen durch Herr ersetzt. D.h. der an sich geschlechtsneutrale Name Gottes wurde durch das männliche Herr ersetzt. Dadurch haben wir eine viel stärkere maskuline Vorstellung in unserem Gottesbild entwickelt, wie eigentlich im ursprünglichen Text vorhanden ist.

Trotzdem hat uns Jesus Gott als Vater - und damit doch maskulin - offenbart. Gott als unser nahbarer Vater ist ja eine der zentralen Offenbarungen des Neuen Bundes. Denn im AT war Gott - bis auf ganz wenige Bibelstellen (z.B. Jes. 66,13)- als Vater nicht bekannt. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass die Assoziation einer geschlechtlich-natürlichen Verbindung und Abstammung zwischen Gott und dem Menschen  - wie sie bei den umliegenden Völkern vorherrschend war - unter allen Umständen vermieden werden sollte.

Aber die zentrale Bedeutung der Vateroffenbarung Gottes durch Jesus ist ja nicht die Maskulinität Gottes, sondern die Nähe Gottes. Gott als persönliches Gegenüber. Und in dieser Beziehung ist Gott uns als Gegenüber wie Vater und wie Mutter.


2. Jesaja 66

Doch gehen wir noch einmal zur Jahreslosung zurück. Der Vers steht beim Propheten Jesaja. Jesaja ist wie Tolstoi und Dostojewski zusammen. Schwere Kost.
Das Buch Jesaja besteht aus zwei bis drei Abschnitten. In der Theologie spricht man sogar von drei Verfasser bzw. Verfassergruppen, vom Deutero- und Tritojesaja. Und es enthält neben den aktuellen Ermahnungen Gottes für das Volk Israel sehr, sehr viel Prophetie. Und diese prophetischen Äußerungen beziehen sich nicht nur auf die Zeit vor und nach dem Exil, sondern auch auf das erste Kommen Jesu (denken wir bspw. an das Weihnachtsevangelium aus Jesaja), auf seinen Tod (der Gottesknecht), auf das zweite Kommen, auf die Endzeit, auf die Zeit des neuen Himmels und der neuen Erde….. Und es ist meist sehr schwierig zu erkennen welche Zeit jetzt gemeint ist und manches passt dann auch gleich mehrmals.

Lesen wir ein paar Verse des Kontextes der Jahreslosung:

„Hört das Wort des HERRN, die ihr zittert vor seinem Wort! Es sagen eure Brüder, die euch hassen, die euch verstoßen meines Namens wegen: Der HERR erweise sich herrlich, dass wir auf eure Freude sehen können! Aber sie werden zuschanden werden. Schall eines Getöses von der Stadt her! Schall aus dem Tempel! Schall vom HERRN, der Vergeltung übt an seinen Feinden! Ehe sie Wehen hatte, hat sie geboren; ehe Geburtsschmerzen sie ankamen, wurde sie von einem Knaben entbunden. Wer hat so etwas je gehört, wer hat dergleichen je gesehen? Wird ein Land an einem einzigen Tag zur Welt gebracht oder eine Nation mit einem Mal geboren? Denn Zion bekam Wehen und gebar auch schon seine Söhne. Sollte ich zum Durchbruch bringen und dann nicht gebären lassen?, spricht der HERR. Oder sollte ich gebären lassen und dabei den Schoß verschließen?, spricht dein Gott. Freut euch mit Jerusalem und jubelt über sie, alle, die ihr sie liebt! Jauchzt mit ihr in Freude, alle, die ihr über sie getrauert habt! Damit ihr saugt und euch sättigt an der Brust ihrer Tröstungen, damit ihr schlürft und euch labt an der Fülle ihrer Herrlichkeit. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich wende ihr Frieden zu wie einen Strom und die Herrlichkeit der Nationen wie einen überflutenden Bach. Und ihr werdet saugen. Auf den Armen werdet ihr getragen und auf den Knien geliebkost werden. Wie einen, den seine Mutter tröstet, so will ich euch trösten. An Jerusalem sollt ihr getröstet werden. Ihr werdet es sehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Gebeine werden sprossen wie das junge Gras. Und die Hand des HERRN wird sich an seinen Knechten zeigen, aber seine Feinde wird er bedrohen.“ (Jes. 66, 5-14 Rev. Elb.)

Im Zusammenhang wird deutlich, dies ist eine Prophetie für die Rückkehr nach Israel aus der assyrischen Gefangenschaft….nein, für die Gründung des Staates Israel 1948….oder doch vielmehr für das Leben des Volk Israels im neuen Friedensreich, denn ein paar Verse weiter vorne heißt es ja:

„Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und an das Frühere wird man nicht mehr denken, und es wird nicht mehr in den Sinn kommen.“ (Jes. 65,17 Rev. Elb.)

Oder vielleicht für alles zusammen. Biblische Prophetie ist nicht einfach. Ihr kennt ja sicherlich das Bild vom Blick von einem Gipfel zu den anderen Gipfeln. Der Prophet sieht einen Bergkamm in der Ferne und erkennt nicht, dass es verschiedene Gipfel sind, die auch noch durch Täler voneinander getrennt sind.

Aber eines machen doch diese prophetischen Bilder und die verschiedenen Möglichkeiten der Auslegung dieser Bibelstelle deutlich: eigentlich geht es hier eindeutig um Israel. Um den Trost, den sie durch die Rückkehr nach Jerusalem erfahren. Das Erleben der Rückkehr in das geliebte Jerusalem ist wie der Trost einer Mutter. Und das heißt für Israel ja auch die Rückkehr in die Gegenwart Gottes, denn wo der Tempel war, da war Gott.
Es geht hier erstmal nicht um uns Christen, es geht hier erstmal nicht um den Trost, den wir in verschiedenen Lebenssituationen vielleicht benötigen, sondern es geht um Trost für Israel durch das Heimkommen in die Gegenwart Gottes.


3. Trost für uns

Ja, hat dies jetzt alles überhaupt keine Bedeutung für uns? Und warum dann diese Jahreslosung?

Nun, ich weiß nicht nach welchen Kriterien die von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Bibeltexte aus ihrem Zusammenhang reißen. Für meinen persönlichen Umgang mit der Bibel ist es schon etwas grenzwertig. Zumindest ein Hinweis auf den Textzusammenhang wäre hilfreich.

Aber das Wesen Gottes, dass sich in dieser Bibelstelle offenbart, das ist natürlich allgemeingültig. Und natürlich kann Gott darüberhinaus auch durch jeden Vers persönlich zu einer Person sprechen.

Also, Gott als ein Gott des Trostes. Das hat natürlich Bedeutung für die Christenheit und für uns persönlich.

Und zwar in mehrfacher Hinsicht:

Erstens: Der Trost für Israel ist ein Trost durch die Veränderung des Blickwinkels. Durch das Schauen auf die Zukunft. Auf das kommende Friedensreich (Jes. 55, 17-24). Ein Leben im Schalom. Im Wohlstand und Gesundheit. Kein vergebliches Mühen, kein früher Tod. Ein hohes Alter wie das Alter der Bäume. Keine Säuglingssterblichkeit. Kein Leid, kein Geschrei. Nichts Böses geschieht. Gottes Nähe. Wolf und Lamm, Löwe und Rind weiden zusammen usw. Dieses Bild einer wunderbaren Zukunft ist nicht nur ein Trost für Israel, es ist natürlich auch ein Trost für uns. Auch wir haben Teil am 1000jährigen Friedensreich. Auch wenn es der Menschheit global betrachtet noch nie so gut ging wie gegenwärtig: die geringste Armut, die höchste Bildung, die wenigsten Kriegstoten im Vergleich zu allen vorherigen Jahrhunderten, gibt es doch trotzdem noch viel Leid, von dem wir weg auf diese Zukunftsvision schauen können. 


„Wenn keine Offenbarung da ist, verwildert ein Volk; aber wohl ihm, wenn es das Gesetz beachtet!“ (Spr. 29,18 Rev. Elb.)  

Wir brauchen immer wieder auch den väterlichen Trost (vgl. Kap. 1), die Offenbarung der Zukunft, die uns hilft unsere Blickrichtung zu verändern vom Jetzt auf das Kommende. Denn das Beste kommt noch!

Zweitens: Jesus bietet seinen Trost an. Sein Leben und Wirken ist den Leidenden, den Kranken, den Gebundenen, den Bedrückten, den Verlorenen zugerichtet. Er sieht die Not und greift ein. Und er spricht uns zu:  


„Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben.“ (Mt. 11,28 Rev. Elb.) 

Dieser Vers ist gerade an die gerichtet, die seelisch am Boden sind, weil sie erleben den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Damals waren es wohl in erster Linie religiöse Anforderungen, religiöser Druck, das Gesetz mit seinen Überlieferungen. Heute ist es gesellschaftlicher Druck, im Arbeitsleben, aber auch religiöser Druck. Wieviele werden von der Gemeinde verheizt? Oder wieviele bringen sich selber unter Verdammnis, weil sie den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden? 
Als ich Gott während meiner Sabbatzeit fragte, ob etwas zwischen mir und ihm steht, hatte ich während eines Gottesdienstes die Erkenntnis: „Es steht nichts zwischen Gott und mir. Nur ich steh zwischen mir und mir.“ Es sind die eigenen Anforderungen an die eigene Person, die uns oft blockieren und unter Druck setzen. Für die Aufräumarbeiten zwischen Gott und uns hat Jesus bereits gesorgt. 

Ich hatte Ende letzten Jahres so den Eindruck - da kannte ich die Jahreslosung noch nicht - 2016 könnte ein Jahr sein, wo wir speziell den verwundeten Seelen dienen. Vielleicht wird Gott Euch mit so Menschen in Kontakt bringen. Dann ladet sie einfach mal ein privat oder in den Hauskreis oder …einfach in unsere Gemeinschaft. Die tut oft schon alleine gut. Ich hatte auf jeden Fall seitdem schon einen Kontakt in dieser Richtung. Wir können dadurch für andere zum Trost werden. So wie Barnabas (= Sohn des Trostes, Apg. 4,36).

Und drittens ist es für uns von Bedeutung, weil Jesus unser Trost so wichtig ist, dass er uns den Heiligen Geist geschickt hat. Johannes bezeichnet ihn als den Tröster.  


„Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Joh. 14,26 Rev. Elb.)  

Aber das ist ein eigenes Thema, dass ich hier jetzt nicht mehr aufgreifen möchte. Übrigens das hebr. Wort für Geist „ruach“ ist wieder weiblich.

Im Trost Gottes erfahren wir zugleich väterlichen und mütterlichen Trost. Wir erfahren die Nähe Gottes und die Veränderung des Blickwinkels, im Schauen auf die Zukunft. Gott gibt uns beides.

„Nahe ist der HERR denen, die zerbrochenen Herzens sind.“ (Ps. 34,19a Rev. Elb.)

Das deutsche Wort für Trost ist abgeleitet von dem althochdeutschen Wort „Tröst“ und bedeutet so viel wie treu und innerliche Festigkeit. Darum geht es letztlich, dass wir neu innerliche Stärke, Zuversicht und Festigkeit bekommen.

Deshalb ist es Paulus und den anderen Schreibern im NT auch so wichtig, dass wir uns immer wieder gegenseitig ermahnen, ermutigen, ermuntern, aufbauen, stärken, Gemeinschaft haben usw. (1. Kor. 14,3, Kol. 3,16, Phil. 2,1, 1. Thes. 5,11, Hebr. 3,13 etc.)

Auch das gemeinsame Feiern des Abendmahls soll dazu dienen.

Schließen möchte ich mit einem Vers, der speziell für uns gilt:

„Es gibt über euch so viel Gutes zu berichten: Ihr ermutigt euch als Christen gegenseitig und seid zu liebevollem Trost bereit. Man spürt bei euch etwas von der Gemeinschaft, die der Geist Gottes bewirkt, und herzliche, mitfühlende Liebe verbindet euch.“ (Phil. 2,1 HfA)

AMEN.

Mittwoch, 26. September 2012

Predigt von Norbert Wohlrab (23.09.12)

Das prophetische Wort Gottes


Es wird heute nur eine halbe Predigt geben, da wir auch noch einen interaktiven Teil in Kleingruppen haben werden.

Als Jesus vom Teufel in der Wüste versucht wurde und er aus Steinen Brot machen sollte, antwortete er:

„Nicht vom Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Wort Gottes.“ (Lk. 4,4 Rev. Elb.)



 In der Parallelstelle bei Matthäus heißt es:

„...sondern von jedem Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht.“ (Mt. 4.4 Rev. Elb.)

Das Wort Gottes ist die Bibel und so bezieht man diesen Text meist einfach auf die Bibel, auf das dort niedergeschriebene Wort Gottes, das nützlich ist zur Lehre, uns Kraft gibt für den Alltag, uns in den Wirren des Lebens den Weg weißt, uns Trost spendet und uns eben auch helfen kann den listigen Anschlägen des Feindes zu begegnen und zu widerstehen. Alles gut und richtig, aber ist es wirklich das, was Jesus hier meint? Jedes Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht?!

Wir wissen, dass Jesus in seinem Disput mit dem Teufel ja die Bibel, also das AT zitiert. Und dieses Zitat hier findet sich in Deuteronomium. Dort steht:

5. Mose 8, 2.3 (Rev. Elb.) „Und du sollst an den ganzen Weg denken, den der HERR, dein Gott, dich diese vierzig Jahre in der Wüste hat wandern lassen, um dich zu demütigen, um dich zu prüfen und um zu erkennen, was in deinem Herzen ist, ob du seine Gebote halten würdest oder nicht. Und er demütigte dich und ließ dich hungern. Und er speiste dich mit dem Man, das du nicht kanntest und das deine Väter nicht kannten, um dich erkennen zu lassen, dass der Mensch nicht von Brot allein lebt. Sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN hervorgeht, lebt der Mensch.“
Interessant, nicht wahr? Es geht hier in diesem Kontext eigentlich überhaupt nicht um die Bibel als Wort Gottes, so wie wir es verstehen - so uns die typische evangelikale Sichtweise zu eigen ist, sondern es geht um das kraftvolle, kreative, schöpferische, verändernde Wirken des Wortes das Gott spricht.

„Denn er sprach, und es geschah; er gebot, und es stand da.“ (Ps. 33,9 Rev. Elb.)

Sicherlich kann dies auch auf die Bibel zutreffen, da wo sie diese lebensverändernde Wirkung in uns oder durch uns entfaltet, aber so wie Jesus es hier verwendet ist es sicherlich weiter zu fassen und schließt eine besondere Form des Wort Gottes mit ein, nämlich das prophetische Wort. Ja wahrscheinlich lässt sich das prophetische Wort hier sogar noch leichter darunter einordnen als manche Bücher die Bibel.

Letztlich ist es so, dass ein großer Teil des AT aus Prophetie besteht: die prophetischen Bücher sowieso, aber auch die fünf Bücher Mose. Mose wird ja auch als Prophet bezeichnet, da er die Aussprüche Gottes weitergegeben hat. Und so heißt es auch im Hebräerbrief, das

„Gott in vergangenen Zeiten vielfältig und auf vielerlei Weise zu den Vätern geredet hat durch die Propheten“ (Hebr. 1,1 Schl. 2000)

„Der Prophet ist der von Gott berufene Mittler des Wortes.“ So steht es in einem Bibellexikon. Wenn wir uns die vielen Prophetien in der Bibel vor Augen halten, dann fällt auf, dass nur ein Teil davon in die Zukunft gerichtet ist. Das Wesen der Prophetie war es vielmehr, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft unter das Licht Gottes zu stellen, sie von Gott bewerten zu lassen, sie aus der Perspektive Gottes heraus zu reflektieren.

Im Alten Bund war dies der Dienst von nur wenigen, seit der Verwirklichung der Verheißung des Joel, ist es die Aufgabe vieler.

„Und nach diesem wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgieße über alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter werden weissagen, eure Ältesten werden Träume haben, eure jungen Männer werden Gesichte sehen; und auch über die Knechte und über die Mägde will ich in jenen Tagen meinen Geist ausgießen“ (Joel 3, 1.2 Schl. 2000)

Gott macht hier keinen Unterschied: ob alt oder jung, Mann oder Frau, Bonze oder Prolet, jeder und jede ist eingeschlossen in die Verheißung des Geistes, die seit Pfingsten Wirklichkeit geworden ist. Lutheraner oder Katholik, Pfingstler oder Baptist, FCGFler oder CGFler, wir alle haben Teil an dieser Verheißung, wenn wir der Erfüllung mit Heiligen Geist teilhaftig geworden sind.

Aber es gilt uns nicht nur die Verheißung, es gilt uns auch der Auftrag. Und so sagt Paulus im Korintherbrief:

„(1) Strebt nach der Liebe, doch bemüht euch auch eifrig um die Geisteswirkungen; am meisten aber, dass ihr weissagt! (3) Wer aber weissagt, der redet für Menschen zur Erbauung, zur Ermahnung und zum Trost. (4) Wer in einer Sprache redet, erbaut sich selbst; wer aber weissagt, erbaut die Gemeinde. (5a) Ich wünschte, dass ihr alle in Sprachen reden würdet, noch viel mehr aber, dass ihr weissagen würdet. (31) Denn ihr könnt alle einer nach dem anderen weissagen, damit alle lernen und alle ermahnt werden. (39) Also, ihr Brüder, strebt danach, zu weissagen, und das Reden in Sprachen verhindert nicht.“ (1. Kor. 14 Schl. 2000)

Mit was für einer Selbstverständlichkeit geht Paulus hier davon aus, dass diese Gabe und gleichsam auch dieser Auftrag allen gegeben ist. Strebt alle danach! Ihr könnt alle!

Trotzdem ist diese Gabe oft unterentwickelt in unseren Gemeinden. Woran liegt es? Sind wir nicht heilig, nicht demütig, nicht gesalbt genug? Oder vielleicht zu demütig? Oder sind wir zu gleichgültig? Ist es uns vielleicht einfach egal? Oder sind wir vielleicht enttäuscht und resigniert?

Vielleicht liegt es auch daran, dass wir diese Aufforderung des Paulus falsch verstanden haben. Heißt „streben“ Gott immer wieder anflehen, dass er mir diese Gabe gibt und dann darauf zu warten, dass sie mir übergestülpt wird und dann die Worte und Eindrücke und Visionen nur so aus mir heraussprudeln? So jedenfalls war meine Sichtweise. Aber heute denke ich, dass es vielmehr heißt, ja zu beten und dann aber es zu probieren, indem wir im betenden Vertrauen anfangen Worte aus unserem Geist auszusprechen und hoffen, dass dies Worte Gottes sind.

Wenn Gott es allen Christen verheißen hat, wenn Paulus so selbstverständlich davon ausgeht, dass alle dazu befähigt sind, dann wird es doch auch für uns gelten.

Das Ganze birgt natürlich eine Gefahr. Nämlich das sich Gottes Wort mit Menschen Wort vermischt. Dies ist ein Risiko, auf dass Gott sich von Anfang an eingelassen hat. Von Anfang an, hat er seine Aufträge, seine Worte schwachen Menschen anvertraut. Die ganze Heilsgeschichte zeugt davon. Die ganze Bibel ist von vorne bis hinten Gottes Wort in den und durch die verschiedensten menschlichen Gefäßen geoffenbart. Ich glaube weder Petrus noch Paulus hatten daran gedacht, als sie ihre Briefe aufschrieben, dass sie uns einmal als Wort Gottes, als NT zur Verfügung stehen. Aber trotzdem hat Gott dies so bewerkstelligt.

Die prophetischen Worte Gottes unserer Zeit werden gegeben durch fehlerhafte und mangelhafte irdische Gefäße. Je nach dem, welche Reife der Prophet erlangt hat, sind sie vermischt mit menschlichen Gedanken und Reden - von 1% bis 99%. So war es auch schon in der Apostelgeschichte. Auch der anerkannte Prophet Agabus hat sich in seinen Aussagen über Paulus in den Details getäuscht (Apg. 21).

„Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.“ (1. Kor. 13,9 Luther) sagt Paulus.

Dies bedeutet für uns, dass wir prophetische Worte, die uns gegeben werden oder auch wir selber an andere weitergeben, nicht überschätzen, aber auch nicht unterschätzen sollen.

Wir sollen mit ihnen in dem Bewusstsein umgehen, dass Gottes Wort in unvollkommenen menschlichen Worten und Ausdrücken wieder gegeben wird. Jeder prophetisch Aktive kann sich nicht nur irren, sondern er versucht das was er empfängt oder glaubt empfangen zu haben mit seinen Worten weiterzugeben. Und dabei kann manches verfälscht oder fehlinterpretiert werden. Ich denke dies ist ein lebenslanger Wachstumsprozess.

Es gibt hierzu sehr gute Bücher, z.B. „Willkommen in der Zukunft von Martin Scott“, die viele praktische Tipps und Anleitung darin geben, wie man erkennen kann, ob ein Eindruck von Gott oder von einem selbst stammt.

Aber wenn das so schwierig ist, sollte man es dann nicht lieber lassen? Auf keinen Fall!

„Den Geist dämpft nicht. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute behaltet.“ (1. Thes. 5, 20-21 Luther)

Der Mensch lebt von jedem Wort Gottes, hat Jesus gesagt. Wir brauchen dieses lebendige Wort.

So haben wir es auch bei den Worten von Anbu erlebt. Gerade bei den Worten, die er uns im Hauskreis gegeben hat, war eine große Präzision vorhanden. Manche Worte im Gottesdienst fand ich persönlich jetzt etwas oberflächlicher. Ich denke, auch Propheten können sich mental verausgaben. Vielleicht war das an dem Abend der Fall.
Aber es kommt vor, dass wir Worte empfangen, gerade wenn sie in die Zukunft gerichtet sind, bei denen wir den Eindruck haben, die passen überhaupt nicht. Und hier denke ich, wir dürfen das prophetische Wort auch nicht unterschätzen, denn manchmal will es uns herausfordern entsprechende Wege zu gehen.

Es könnte nämlich sein, dass ich nicht nur passiv darauf warten soll, dass sich entsprechende Umstände in meinem Leben ergeben, sondern dass ich dezente, aber aktive Schritte in diese Richtung gehen soll. Gerade wenn es um Veränderungen im Beruf oder im Dienst geht.

So könnte es z.B. sein, wenn ich das prophetische Wort erhalte, dass ich künftig viele Geschäfte mit Osteuropa machen werde, ich aber in einer Abteilung tätig bin, wo ich nur mit internen Sachen zu tun habe, dass es dran ist, schon mal die Fühler auszustrecken, ob sich hier Veränderungen in der Firma ergeben und mich dann auf die entsprechende Stelle zu bewerben. Anbu hat bspw. erzählt, dass er zu einen Zeitpunkt, an dem er noch kein Englisch kannte, die Prophetie bekam, dass er englische Bücher übersetzen wird. Anstatt zu sagen, dass ist Unsinn, hat er sich bemüht Englisch zu lernen. Und als Gaby vor Jahren das Wort erhalten hat, dass ihre Schmerzen verschwinden werden, haben wir nicht passiv abgewartet, sondern es betend erkämpft - auch wenn der Sieg auch heute noch nicht 100%ig ist.

Natürlich darf man hier nichts übers Knie brechen und alles muss geprüft werden.
Aber ein prophetisches Wort muss manchmal einfach aktiv angenommen werden, dass nennt man dann Glauben.

Amen.

Samstag, 8. August 2009

Predigt von Norbert Wohlrab (19.07.09)

Die Bedeutung des prophetischen Wortes

1. Einleitung

Jesus Christus sagt: „wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.“ (Mt. 18,20). Glauben wir das? Oder ist es nur ein frommer Spruch, wenn der HK mal wieder nur zu einem Drittel zusammenkommt? Jesus ist hier unter uns gegenwärtig und mit ihm sein ganzes Wesen, seine Kraft, seine Liebe, seine Göttlichkeit. Durch seinen Geist. Es ist wichtig, dass wir uns das vergegenwärtigen.

Ich möchte zu Euch heute über ein Thema sprechen, dass mich seit einigen Monaten beschäftigt - und leider muss ich sagen erst seit einigen Monaten. Es ist ein Thema, über das ich guten Gewissens sagen kann, ich habe darüber nur wenig Ahnung und ich hoffe es geht einigen von Euch ähnlich, dann fällt meine Unwissenheit nicht ganz so deutlich auf.

Ich bin jetzt seit über 25 Jahren Christ und doch hat es mich bis vor einigen Monaten nicht wirklich brennend interessiert. Vielleicht habe ich gedacht, dass ist nur was für besonders gesalbte Leute oder wenn Gott möchte, dass ich in diese Bereiche vordringe, wird er es mir schon mitteilen. Ich weiß eigentlich gar nicht so genau warum ich mich nie dafür interessiert habe. Ich rede von dem prophetischen Wort.

Paulus differenziert ja im NT hier verschiedene Gaben und Dienste und auch der amerikanische Theologe Peter Wagner hat sehr differenzierte Definitionen zu diesen verschiedenen Gaben verfasst: die prophetischen Gabe, das Wort der Erkenntnis, das Wort der Weisheit, die Auslegung einer Sprachenrede oder das Amt des Propheten. Da ich - wie gesagt - davon wenig Ahnung habe, tue ich uns allen einen Gefallen und lass diese Differenzierungen mal außer acht und betrachte alles allgemein als prophetisches Wort. Denn all diese Gaben haben gemeinsam, dass es Eingebungen Gottes sind, die nicht auf verstandesgemäßen Überlegungen oder emphatischer Wahrnehmung basieren.

2. Treasure Searching

Was hat mich denn nun eigentlich dazu bewogen mich damit auseinanderzusetzen? Nun es war natürlich ein Stück weit das Erleben von so gesalbten prophetischen Diensten wie bspw. von Stefan Driess o.ä. Aber solche Männer Gottes habe ich auch früher schon erlebt und für mich dann den Schluss gezogen: o.k. so gesalbt bin ich einfach nicht.
Aber dann habe ich etwas gelesen durch das schlagartig die Wichtigkeit des prophetischen Wortes auf meine bescheidene Ebene herunter gebrochen wurde. „Treasure Searching“. In der Bethel Church von Bill Johnson in Redding/Kalifornien wurde hier ein neuer Dienst kreiert, der mich absolut fasziniert hat. Ich habe Bill Johnson vor drei Jahren in Speyer auf einer Vineyard-Konferenz selbst erlebt. Er ist der Autor vieler Bücher und er hat es in Reading in wenigen Jahren geschafft, durch fortwährendes Lehren über die Bedeutung des Glaubens, über die Kraftwirkungen im Reich Gottes, dass dort das übernatürliche Wirken Gottes in einer ganz neuen Dimension freigesetzt wurde. Wunder und Heilungen sind dort heute an der Tagesordnung. Viele schöpferische Wunder geschehen, bei denen angeborene Defekte wie Klumpfüße, Blindheit, Taubheit etc. geheilt werden. Und zwar nicht nur in den geschützten Gemeinderäumen, sondern v.a. auf öffentlichen Plätzen und in öffentlichen Gebäuden: Supermärkten, Restaurants usw.

Und in dieser Gemeinde wurde das „Treasure Searching“ entwickelt. „Treasure Searching“ bedeutet: man setzt sich zusammen, lässt sich von Gott Eindrücke schenken, trägt diese zusammen und bekommt dann bspw. eine bunte Liste wie: Fischhalle, Frau, blauer Schal, Eheprobleme, Rückenschmerzen. Und dann begibt sich das Team auf Schatzsuche: fährt zur Fischhalle, sucht den Schatz (Frau mit blauem Schal), spricht die Person an: „Entschuldigung, wir sind auf Schatzsuche, könnten Sie unser Schatz sein?“, zeigt den Zettel mit den Stichpunkten und in den meisten Fällen hat man einen göttlichen Kontakt geschaffen. Die meisten Menschen sind trotz aller anfänglichen Skepsis so beeindruckt, wenn sie hören und merken, dass Gott - auf diese Art und Weise - sein Interesse an ihnen signalisiert. Oft geschehen dann Bekehrungen und Heilungen gleich vor Ort.
Als ich das gelesen habe, habe ich mir dann gedacht: o.k. so Eindrücke wie Frau, Rückenschmerzen oder blauer Schal, so was kann ich auch bekommen. Das klingt einfach. Und schon war das Interesse für das Prophetische in mir geweckt.

Und deshalb haben wir jetzt angefangen uns im HK mit dem prophetischen Wort in Theorie und Praxis auseinanderzusetzen, uns zu üben und wir haben angefangen als Gemeinde auf die Straße zu gehen. In diesem Monat das erste Mal - und es hat Spaß gemacht, wir hatten sehr viele ermutigende Gespräche, mit einer Frau konnten wir sogar beten. Wir haben nicht gleich mit der Schatzsuche angefangen, erst mal mit dem Verteilen von den City-NTs um die Scheu zu verlieren. Aber vielleicht trauen wir uns beim übernächsten Mal schon an die Schatzsuche heran.

3. Prophetie im AT

In diesem Zusammenhang macht es Sinn, sich einmal etwas den Umgang mit Prophetie in der Bibel anzuschauen.

Im Alten Bund hat Gott v.a. durch zweierlei Arten mit seinem Volk kommuniziert (neben
einigen anderen ungewöhnlichen Wesen wie bspw. Esel):
1. durch das Gesetz; er hat seinem Willen im Gesetz kundgetan und
2. durch die Propheten.

Im Hebräerbrief heißt es: „Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten“ (Hebr. 1,1)

Auch solche von Gott auserwählte Männer wie Abraham oder Mose, werden als Propheten bezeichnet (5. Mo. 34,10; 1. Mo. 20,7).

Die Propheten des AT sprachen im Auftrag Gottes (Hag. 1,13 „Da sprach Haggai, der Bote des Herrn, im Auftrag des Herrn zum Volk“),
sie sprachen die Worte Gottes (Jer. 1,9 „der Herr sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund“),
sie sprachen an Gottes Stelle (1. Kön. 20,13 „ein Prophet trat zu Ahab, dem König von Israel, und sagte: So spricht der Herr“)

Der Hauptauftrag der Propheten war es zumeist Israel an den Bund (das Gesetz) zu erinnern
und vor der drohenden Strafe bei weiterem Abfall zu warnen. Die Frage für Israel war nicht: wie viel Teile der Prophetie sind von Gott und wie viel vom Propheten selbst? Sondern die Frage war: Buße oder Strafe? Wenn Israel sich widersetzte musste es die Konsequenzen tragen. (Jes. 30,12 „Weil ihr dieses Wort verwerft und auf Unterdrückung und Arglist vertraut und euch darauf stützt, darum wird für euch diese Schuld wie ein sturzbringender Riss sein, der sich vorschiebt an einer hochragenden Mauer, deren Zusammenbruch in einem Augenblick, plötzlich kommt.“)

Warnung vor drohendem Strafgericht war der Hauptauftrag der at. Propheten. Dieser
Dienst endete mit dem Beginn des Wirkens Jesu.

4. Die Veränderungen durch das Wirken Jesu


Jesus sagt selbst: „Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis auf
Johannes.“ (Mt. 11,13)

Johannes d.T. war der Letzte in der langen Reihe der Gerichtspropheten des alten Bundes. Und so heißt es auch in der vorhin bereits zitierten Einleitung des Hebräerbriefs weiter:
„Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn“ (Hebr. 1, 1.2a).

Jesus findet zunächst einmal ein Bruch statt. Es ist ja auch klar, wenn Gott selbst in
Jesus auf der Erde wirkt, braucht er keinen weiteren Propheten als Sprachrohr. Aber es hat auch noch einen weiteren Grund: ein großer Teil aller prophetischen Aussagen des alten Bundes war ja messianisch, d.h. es hatte den kommenden Erlöser und das kommende Reich Gottes zum Inhalt. Nun ist der Messias ja gekommen und ein großer Teil der Reich Gottes-Prophetie des AT hat sich erfüllt, d.h. auf Jesus als kommenden Messias braucht ja auch gar kein Prophet mehr hinweisen.

5. Die Veränderungen durch Pfingsten


Aber auch nach der Himmelfahrt Jesu, durch die Ausgießung des Heiligen Geistes, geschieht
noch etwas, dass die Bedeutung des prophetischen Dienstes noch einmal grundlegend verändert.

„Und danach wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgießen werde über alles
Fleisch. Und eure Söhne und eure Töchter werden weissagen, eure Greise werden Träume haben, eure jungen Männer werden Gesichte sehen. Und selbst über die Knechte und über die Mägde werde ich in jenen Tagen meinen Geist ausgießen.“ (Joel 3, 1.2)

Der Heilige Geist kommt über alles Fleisch. Und wenn hier von Mägden und Knechten,
Kindern und Greisen die Rede ist, ist das nicht als Ausschlusskriterium zu verstehen - nach dem Motto: für den Greis zu jung und für das Kind zu alt - , sondern bedeutet, das man gar nicht unwürdig genug sein kann. Es gibt nun nicht mehr den einzelnen geistgesalbten Propheten, der exklusiv das Reden Gottes weitergibt, sondern alle können mit Gott kommunizieren und von seinem Herzen weitergeben.

Jesus sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme“ (Joh. 10,27a).


6. Exkurs: Der Dienst des Apostels

Ein kleiner Exkurs: Gibt es in der nt. Gemeinde niemand, der eine ähnliche Funktion hat wie der Prophet in Israel? Doch, und zwar die Apostel!

Paulus bspw. bekommt seine Botschaft ähnlich dem at. Propheten direkt von Gott (Gal.
1, 1.12 „Ich teile euch aber mit, dass das von mir verkündigte Evangelium nicht von menschlicher Art ist. ich habe es nämlich weder von einem Menschen empfangen noch erlernt, sondern durch Offenbarung Jesu Christi.“). Da Paulus nie ein Jünger Jesu gewesen ist, spricht er hier von einer direkten Offenbarung.
Weiter werden die Apostel als die Säulen der Gemeinde bezeichnet (Gal. 2,9),
sie hatten den Auftrag die Gemeinde Jesu im Wort zu unterrichten (Apg. 2,42 „Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel“),
die Worte Jesu werden durch die Apostel übermittelt (2. Petr. 3,2),
sie beanspruchten dass Christus durch sie redet (2. Kor. 13,3) und ihrer Lehre galt es zu gehorchen (1. Thes. 4, 2.8 „Denn ihr wisst, welche Weisungen wir euch gegeben haben durch den herrn Jesus...(Anweisungen bzgl. Heiligung und Fernhalten von Unzucht)...Deshalb nun, wer dies verwirft, verwirft nicht einen Menschen, sondern Gott, der auch seinen heiligen Geist in euch gibt.“).
Ihr Wort (Briefe) wird den Schriften des AT gleichgestellt (2. Petr. 3,15.16).

Wir sehen also die Apostel haben in etwa den Dienst der Propheten des alten Bundes
fortgeführt - zumindest was die herausragende Stellung und die Autorität betrifft. Die Frage ist: Wo ist der apostolische Dienst heute? Gibt es ihn noch? Und wenn ja, wie kann er heute aussehen? Aber das ist nicht das Thema. Exkurs Ende.

7. Der prophetische Dienst im NT


Es geht uns ja um den prophetischen Dienst im NT. Und es fällt auf, dass er gänzlich anders
geartet ist und zwar - wie ich meine - in einer sehr entspannenden Art und Weise anders geartet.

7.1. Der Dienst ist bruchstückhaft


Der erste Unterschied: ntl. Prophetie ist bruchstückhaft.


Paulus sagt: „Denn wir erkennen stückweise, und wir weissagen stückweise...Denn
wir sehen jetzt mittels eines Spiegels (blanke Metallscheibe) undeutlich“ (1.Kor. 13, 9.12). Der große Apostel Paulus sagt, alles Weissagen ist Stückwerk, das Erkennen ist nicht vollständig.

Das macht zum einen demütig im Umgang mit prophetischen Worten, zum anderen
macht es auch Mut, weil ich von vornherein weiß, ich darf Fehler machen bei meinen prophetischen Versuchen. Und wenn ich in einem Rahmen mich bewege, in dem mir erlaubt ist Fehler zu machen, dann geh ich viel entspannter und mutiger an die Sache heran. Oder geht es Euch dabei etwa anders?
Und selbst in der Apostelgeschichte lesen wir von unterschiedlichen Erfolgen beim Prophezeien. Da gibt es bspw. den Agabus.

Apg. 11, 27.28 „In diesen Tagen aber kamen Propheten von Jerusalem nach Antiochien
herab. Einer aber von ihnen, mit Namen Agabus, stand auf und zeigte durch den Geist eine große Hungersnot an, die über den ganzen Erdkreis kommen sollte; sie trat auch unter Klaudius ein.“

Das ist ein tolles Ergebnis für eine Prophetie. Volltreffer. Später lesen wir noch mal von
ihm.

Apg. 21, 10.11 „Als wir nun mehrere Tage blieben, kam ein Prophet mit Namen Agabus
von Judäa herab. Und er kam zu uns und nahm den Gürtel des Paulus und band sich die Füße und die Hände und sprach: Dies sagt der Heilige Geist: Den Mann, dem dieser Gürtel gehört, werden die Juden in Jerusalem so binden und in die Hände der Nationen überliefern.“

Eine sehr detaillierte Prophetie, die aber leider in beiden Punkten falsch ist. Paulus wurde
nicht von den Juden, sondern von den Römern gebunden (Apg. 21, 33) und er wurde nicht von den Juden an die Römer überliefert, sondern die Römer haben ihn im Gegenteil aus der jüdischen Menge befreit, die ihn Gewalt antaten (Apg. 21, 32.35). Das Ergebnis stimmt „Hände der Nationen“, aber alle Details außen rum, treffen nicht zu. Das ist ein gutes Beispiel für das Stückwerk im Erkennen.

Aus diesen Gründen geht Paulus selbst auch sehr relaxt mit Prophetien, die ihn betreffen
um. Er wird in Apg. 21,4 z.B. durch prophetische Worte davor gewarnt nicht nach Jerusalem zu gehen, aber er kümmert sich nicht darum. Er ist sich seiner Berufung gewiss.

Daher: „Weissagungen verachtet nicht, prüft aber alles, das Gute haltet fest.“ (1.
Thes. 5, 20.21)

7.2. ntl. Prophetie ist im Kern auferbauend


Der zweite wesentliche Unterschied zur Prophetie des AT ist, dass Prophetie im NT im
Kern auferbauend ist.

„Wer aber weissagt, redet zu den Menschen zur Erbauung und Ermahnung (Ermunterung)
und Tröstung.“ (1. Kor. 14,5)

Und in der Apg. steht gleich ein Beleg dafür: „Und Judas und Silas, die auch selbst
Propheten waren, ermunterten die Brüder mit vielen Worten und stärkten sie.“ (Apg.15,32)

Das ist der Kern des prophetischen Wortes im neuen Bund, wir sollen dadurch ermutigt
und auferbaut werden. Deshalb ist es so wichtig. Das kann eine Lehre oder Predigt kaum bewirken, aber das prophetische Wort kann es. Es ist etwas anderes, ob Gott mir ganz persönlich durch den Heiligen Geist sagt, wie lieb er mich hat oder ob ich eine Lehre darüber höre.

7.3. Das prophetische Wort ist für alle da


Und der dritte wesentliche Unterschied: es ist für alle.


Erinnert Ihr Euch: Jesus ist hier mitten unter uns. Wir sind ih ihm gesegnet mit jeder
geistlichen Segnung (Eph. 1,3), der Vater gibt von Herzen gerne denen, die anklopfen (Lk. 11, 5-13).

Deshalb kann Paulus auch sagen: „Strebt nach der Liebe, eifert aber nach den geistlichen
Gaben, besonders aber, dass ihr weissagt.“ (1. Kor. 14,1)

Nicht jeder kann ein Prophetenamt bekleiden oder einen qualitativ hochwertigen übergemeindlichen
prophetischen Dienst entwickeln wie von Stefan Driess oder anderen, aber jeder kann danach streben zur Erbauung, Ermunterung und Tröstung zu weissagen.

Danach streben heißt nicht passiv abwarten, sondern sich aktiv darum bemühen: durch
Beten, sich ausstrecken, sich zur Verfügung stellen und durch Üben.

Das wollen wir jetzt zum Schluss noch tun.


(Praktische Übung: Gruppen mit ca. 5-6 Leuten, 3-4 Minuten Eindrücke für eine Person
sammeln, ein Leiter schaut auf die Uhr, danach Austausch in der Gruppe.
Wichtig: Nicht das sagen, was ich schon immer mal sagen wollte; Vorsicht mit Vorwissen;
Vorsicht mit emphatischer Wahrnehmung; Eindrücke sind einzeln manchmal komisch, aber sie ergänzen sich wunderbar.)

AMEN.