Jahreslosung 2018
1. Einleitung
Was fällt Euch ein zum Begriff Fernweh?
(Ein Begriff mit dem wohl jeder spätestens dann etwas anfangen kann, wenn Kinder da sind, weil dann mit einem durchschnittlichen Einkommen nicht mehr so viel für Reisen übrig bleibt. Nicht nur kleine Kinder, gerade auch große kosten Geld.)
Und wie ist es mit Sehnsucht? Was fällt Euch dazu ein?
(Ich war überrascht, dass der Begriff ursprünglich eher pathologisch verwendet wurde. Als Krankheit des menschlichen Verlangens. Als ein Verzehren nach Personen, Objekten oder Zuständen mit dem schmerzhaften Bewusstsein, sie nicht erreichen zu können.
Sehnen und Sucht in einem Wort. Das drückt schon viel aus. Das Sehnen wird zur Sucht. Sich sehnen ist noch keine Sehnsucht im eigentlichen Wortsinn.
Sehnsucht ist auch ein Gemanismus. Ein typisch deutscher Begriff, den es so in anderen Sprachen nicht 1zu1 gibt und daher als deutsches Fremdwort übernommen wird.)
Und wie ist es mit Durst? Was fällt Euch dazu ein?
(Die Karawane zieht weiter…..)
Alle drei Begriffe haben etwas mit Sehnen, Begehren usw. zu tun. Und darum geht es mir heute.
2. Jahreslosung 2018: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst (Offb. 21,6)
In meiner Predigt heute geht es um Durst. Mir ist nämlich aufgefallen, dass wir noch keine Predigt zur diesjährigen Jahreslosung hatten.
Die Jahreslosung stammt aus dem Buch der Offenbarung und zwar aus einem Abschnitt, in dem der neue Himmel und die neue Erde beschrieben werden. Ich lese sie mal im Zusammenhang:
„1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;
4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!
6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offb. 21, 1-6 Luth 2017)
Andere Übersetzungen:
„Ich will dem Dürstenden aus der Quelle des Wassers des Lebens geben umsonst.“ (Rev. Elb.)
„Wer Durst hat, dem werde ich umsonst von dem Wasser zu trinken geben, das aus der Quelle des Lebens fließt.“ (NGÜ)
„Wer durstig ist, den werde ich unentgeltlich aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt.“ (EÜ 2016)
Hier spricht Gott! Worte in der Bibel, in denen Gott direkt spricht, haben eine ganz besondere Bedeutung!
Wasser ist wichtig! Ohne Wasser verdursten wir.
Wasser hat auch in der Bibel eine besondere Bedeutung. Nicht nur regional, weil in den Gegenden des Orients Wasser knapp war, sondern auch rituell und symbolisch.
Es gab im AT rituelle Bäder und Waschungen um sich von der Schuld und Unreinheit zu säubern.
Und im NT die Taufe als Bild für das Abwaschen der Schuld und das Sterben des alten Menschen.
Und in beiden Testamenten die Bilder vom Wasser als Lebensstrom, als Strom des Heiligen Geistes.
Also, Wasser als Bild für etwas das neues Leben spendet, war den Hörern bereits vertraut. Und dieser Vers ist jetzt auch nicht neu, sondern wir finden ihn bereits in anderen Zusammenhängen. Z.B. bei Jesus im Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen.
„Jesus antwortete und sprach zu ihr: Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm geben werde, den wird nicht dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt.“ (Joh. 4, 13.14 Rev. Elb.)
Eigentlich die gleiche Aussage mit etwas anderen Worten und geringen anderen Aspekten.
Wenn wir noch einmal zurück zur Offenbarung gehen, dann fällt auf, Jesus sagt am Anfang: Es ist geschehen. Es ist fest gemacht! Es ist zementiert!
Das erinnert an die Worte Jesu am Kreuz: „Es ist vollbracht“ (Joh. 19,30) und es erinnert an das rückblickende Schauen Gottes auf seine Schöpfung: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1. Mose 1,31)
Es ist geschehen! Das Werk Jesu ist geschehen und das Angebot an alle Dürstenden gilt!
Und es gilt umsonst!
Umsonst, nicht vergeblich, aber unentgeltlich.
Umsonst, nicht käuflich, aber erhältlich.
Umsonst, nicht ohne Kosten für Jesus, aber kostenlos für uns.
3. Durst und menschliche Stillversuche
Das Angebot gilt für alle die Durst haben, für alle Dürstenden.
Das Problem bei Durst ist systemimmanent. Egal wie viel Du trinkst, Du wirst später immer wieder Durst haben.
„Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten“ (Joh. 4,13a) sagt Jesus zu der Samaritanerin. Das war keine neue Erkenntnis, das war und ist allen Menschen zu allen Zeiten klar: genau wie ich immer wieder essen muss, muss ich auch immer wieder trinken. Hilft nichts. Selbst wenn ich mal „über den Durst getrunken habe“ gilt das.
Das gilt für den biologischen Durst und genauso für den Durst nach materiellen und immateriellen Dingen.
Vielleicht könnt Ihr Euch noch an die Freizeit auf dem Hesselberg vor etwa 15 Jahren mit M. Kettner erinnern. Er hat damals u.a. über die Seele gesprochen. Er hat erklärt dass das hebr. Wort für Seele Schlund oder Kehle bedeutet. Unsere Seele ist ein Schlund, sie sucht danach gestillt zu werden. Jeder Mensch sucht nach Erfüllung, nach Füllung dieses Schlundes, dieses Lochs, dieses Vakuums, dieser Leere.
Je nach dem wie wenig Liebe man in seinem „Schlundsystem“, in seiner Seele speichern konnte, und wie wenig Wert man dann in sich selbst empfindet, wie wenig man emotional in sich selbst ruhen kann, desto stärker ist der Drang diesen Durst durch verschiedenste Dinge von außen zu stopfen.
Es dürstet die Seele nach Leben, nach erfüllten vollen Leben. Und sie sucht es zu finden in mich-erfüllenden Partnerschaften, in mich-befriedigender Sexualität, in erfolgreicher beruflicher Karriere, in sportlichen Leistungskicks und Erfolgen, Körperkult, Ernährungs-kult, materiellen Reichtum und Luxus uvm.
Egal was man anstrebt und auch erreichen mag, es ist niemals genug. „Never enough“ heißt es in einem Rocksong. Selbst wenn man in einem Bereich 100% erreicht, wird es keine dauerhafte Befriedigung schenken und man braucht ein neues Betätigungsfeld.
Nichts davon ist geeignet dieses Vakuum dauerhaft zu stillen. Nichts Immaterielles und nichts Materielles.
Bei der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen war es vielleicht ähnlich. Sie hat ja nicht nur regelmäßig Wasser geschöpft. Sie hatte auch einen gewissen Männerverschleiß. „fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann“ (Joh. 4,18 Rev. Elb.). Es lässt sich nur spekulieren, aber vielleicht hatte ja auch sie ein starkes emotionales Defizit, dass sie versucht hat irgendwie zu füllen.
Übrigens Jesus verurteilt sie nicht, sondern er bietet ihr lebendiges Wasser an.
Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie hat einmal gesagt: „Sobald die Leute genug haben, wovon sie leben können, stellt sich heraus, dass sie nicht wissen, wofür sie leben können.“ Dies gilt in jeder Hinsicht. Egal nach welchem System man Löcher stopfen will, es funktioniert nicht.
„Denn zweifach Böses hat mein Volk begangen: Mich, die Quelle lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich Zisternen auszuhauen, rissige Zisternen, die das Wasser nicht halten.“ (Jer. 2,13 Rev.Elb.)
Die Zisternen sind löchrig. Das „Schlundsystem" unseres Seins, kann nur durch lebendiges Wasser gestillt werden.
„Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt“ (Pred. 3,11a Rev. Elb.)
Der Mensch hat in sich ein systemimmanentes Vakuum. Dieses Vakuum dürstet nach Ewigkeit, dürstet nach Gott.
„Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott“ (Ps. 42,3a Rev. Elb.)
Es ist dieser Durst nach Ewigkeit, nach inneren Frieden und Versöhnung, nach Gnade und Annahme, nach Heil und Geborgenheit, den ich nur in Jesus löschen kann, der nur von ihm gestillt werden kann.
Aber wenn er gestillt ist, dann ist er es auch. Auch wenn die letztendliche Vollendung erst in der Ewigkeit geschieht, wird doch das Vakuum in der Seele schon jetzt gestopft.
„den wird nicht dürsten in Ewigkeit.“ Wenn ich sein Lebenswasser getrunken habe, dann will ich es gar nicht mehr anderweitig stillen. Dann weiß ich auch, dass all die schönen Dinge des Lebens gar nicht dazu geeignet sind, gar nicht dazu gemacht sind, meinen Durst zu stillen. Ich glaube, man kann dann wahrscheinlich erst so richtig genießen.
4. Überfließendes Wasser
Aber Jesus geht ja auch noch weiter. Sein Lebenswasser stopft nicht nur unseren Schlund. Es läuft auch noch über.
„Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus seinem Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Joh. 7,38 Rev. Elb.)
Jesus spricht hier vom Heiligen Geist (V. 39). Wir sind überfließbar angelegt. Gottes Geist wirkt und fließt durch uns, wenn wir uns von ihm leiten lassen. Und hier geht es nicht nur um spektakuläre Heilungsgebete, sondern auch um das ganz normale Leben im Alltag. Der größte Teil unseres Lebens ist Alltagsleben (wenn wir nicht gerade schlafen). Dort will seine Freundlichkeit, seine Güte, seine Liebe, seine Gerechtigkeit weiter aus uns heraus in die Welt hinein fließen.
Und ich glaube, das geschieht oft sogar, ohne dass wir uns dessen groß bewusst sind.
Es passiert, dass sich Leute bei uns bekehren und wir wissen nichts davon.
Ich habe angeblich mal durch eine einzige Frage eine ganze Ehe gerettet.
Neulich habe ich einen ehemaligen Klienten getroffen, der sich bei mir bedankt hat, weil ich ihm immer so motiviert und gedrängt habe und er damals dann schon Schulabschluss und Ausbildung nachholen konnte und er jetzt mittlerweile seit einigen Jahren Vorarbeiter in einer Firma ist und nun sogar so gut verdient, dass er sich in Fürth eine kleine Altbauwohnung kaufen konnte.
Und ich denke, solche Dinge, wo wir etwas von Gottes Herrlichkeit weitergeben konnten, kennen wir alle. Wir vergessen die Sachen nur oft wieder allzu schnell.
5. Schluss
Viele die versuchen ihren Lebensdurst mit irgendwelchen Quellen zu stillen, sind auch auf der Suche nach einem Sinn im Leben oder den Sinn des Lebens.
Paradoxerweise sagt die Bibel zu dieser eher philosophischen Frage gar nichts. Der Begriff Sinn des Lebens oder eine ähnliche Fragestellung finden wir in der Bibel nicht. Es wird nur erwähnt wie unsinnig und nichtig vieles menschliche Streben ist. Sinn ist irgendwie überhaupt kein Thema. Vielleicht auch weil das von Gott gegebene Leben schon automatisch Sinn in sich trägt.
Wir Christen sind ja ganz schnell mit Aussagen wie „Jesus ist der Sinn des Lebens“ oder „Jesus gibt deinen Leben Sinn“ oder so ähnlich. Aber was heißt das denn eigentlich praktisch, ganz konkret und nicht abstrakt? Im konkreten Alltag? Haben wir überall, in jedem Lebensbereich Sinn gefunden oder überhaupt gesucht? Brauchen wir überall Sinn?
Ich denke, wenn ich Jesus gefunden habe, wenn er den Lebensdurst in mir gestillt hat, dann ruhe ich in dermaßen in ihm, der ja das Leben ist, dass sich die Frage gar nicht mehr stellt, weil ich dann weiß wohin ich gehe, weil ich mit ihm verbunden bin, weil ich mich angenommen und geliebt weiß. Dann habe ich eine unheimliche feste Basis für mein Leben. Dann bin ich über diese Daseinsstufe, über diese Fragestufe schon hinaus. Dann dürstet mich nicht mehr.
Und wenn er dann in mir lebt, dann kann ich durch ihn meinem Alltag Sinn geben.
Vielleicht ist es das gleiche, wie „Jesus gibt deinem Leben Sinn“, aber ich habe das Gefühl, er nimmt mich nicht ganz aus der Verantwortung….
Ich habe neulich einen kurzen Clip von Will Smith gesehen und da hat er erzählt, dass er jetzt aufhört seine Frau glücklich machen zu wollen, weil er erkannt hat, dass das nicht geht. Er kann sie lieben, freundlich zu ihr sein, sie zum Lachen bringen usw., aber sie nicht glücklich machen, denn glücklich zu sein, ist ihre eigene Entscheidung. (Und die Amerikaner sind ja sogar durch die Verfassung verpflichtet nach Glück zu streben.)
Glücklichsein liegt sozusagen im Auge des Betrachters.
Vor ein paar Wochen wurde bundesweit eine Umfrage unter Wohnungslosen durchgeführt mit Fragen zu unterschiedlichen Lebensfeldern. Unter anderem ging es auch um ihre materiellen Möglichkeiten. Und eine Frage war: „Können Sie sich alles kaufen, was ihnen wichtig ist?“ (Freizeit, Kultur, Genussmittel, Fahrkarten etc.). Die Antwortmöglichkeiten gingen von 1 (alles) bis 5 (gar nichts). Die Umfrage wurde auch in unserer Einrichtung durchgeführt und man erwartet bei Menschen, die 115,- Euro im Monat dafür zur Verfügung haben, dass sie überwiegend 4 oder 5 ankreuzen. Aber das war überraschenderweise gar nicht der Fall. Es gab eine komplette gleichmäßig verteilte Streubreite von 1 bis 5. Und ich vermute, dass man hier zu den selben Ergebnissen kommt, egal ob die Leute 200, 2000 oder 20.000 Euro im Monat zur Verfügung haben.
Warum? Weil es ist die eigene Entscheidung, ob man zufrieden ist, ob man glücklich ist oder nicht.
Um das ganze Abzurunden: wenn ich Jesus gefunden habe, wenn er meinen Lebensdurst gestillt hat, wenn mein Leben Sinn macht, kann es trotzdem sein, dass ich in einzelnen Lebensbereichen (z.B. im Beruf) keinen Sinn sehe. Deshalb ist aber nicht das Fundament falsch, sondern ich kann Jesus bitten mir zu helfen die Sache mit anderen Augen zu sehen, neu zu bewerten, vielleicht auch zu lassen oder einfach hinzunehmen, zu tragen. .
Ich habe vorhin von dem jungen Ex-Klienten erzählt. Wie oft kommt das vor? Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass ist vielleicht einer von 40, der so eine vollständige und nachhaltige Integration in die Gesellschaft erzielt. Das sind 2,5 %. Lohnt das denn? Ich sage Ja. Das sind 2,5% die meiner Arbeit Sinn geben. 2,5% für die es Sinn macht. Für mich ist das heute ok. Früher war das anders. Es ist ja auch nicht so, dass alle anderen scheitern. Es gibt da viele Graduierungen. Erfolg liegt im Auge des Betrachters.
Als Johannes die Offenbarung empfangen hat, lag die Welt für die Christen in Scherben. Verfolgung überall. Da bekommen die Aussagen, dass Gott alle Tränen abwischen wird und das es in der Zukunft bei ihm kein Leid und kein Geschrei mehr geben wird, eine ganz neue Bedeutung.
Wie haben sie ihr Leben wohl gerade bewertet? Verfolgung, Unterdrückung, Misshandlung, Benachteiligung, Tod, Leid und Schmerz. Ob sie sich über den Sinn des Lebens Gedanken gemacht haben? Oder haben sie einfach nur nach Erlösung und Gerechtigkeit gedürstet (Mt. 5,6)?
Auch wenn sich ihre Lebensumstände nicht von jetzt auf gleich geändert haben, so galt auch für sie, dass das lebendige Wasser eine Quelle ist, die durch alle Lebenslagen durch trägt und ein Fundament bildet, das allen Widernissen widerstehen kann. Das gilt auch für uns.
AMEN.
Freitag, 11. Mai 2018
Dienstag, 1. Mai 2018
Termine und Aktuelles Mai 2018
06.05. 10.30 Uhr Arche Gottesdienst (Predigt Norbert Wohlrab zur Jahreslosung 2018)
10.05. 12.30 Uhr Gemeindewanderung in Pottenstein
13.05. 10.30 Uhr EvG Gottesdienst mit anschl. Mittagessen (Predigt Klaus Sparla, Vineyard Nürnberg)
20.05. kein Gottesdienst
27.05. Hausgottesdienst entfällt
EvG = Evangelische Gemeinschaft, Gebhardtstraße 19
Arche = Christlicher Kindergarten Arche, Theaterstraße 50
St. Paul = Gemeindehaus, Dr.-Martin-Luther-Platz 1
10.05. 12.30 Uhr Gemeindewanderung in Pottenstein
13.05. 10.30 Uhr EvG Gottesdienst mit anschl. Mittagessen (Predigt Klaus Sparla, Vineyard Nürnberg)
20.05. kein Gottesdienst
27.05. Hausgottesdienst entfällt
EvG = Evangelische Gemeinschaft, Gebhardtstraße 19
Arche = Christlicher Kindergarten Arche, Theaterstraße 50
St. Paul = Gemeindehaus, Dr.-Martin-Luther-Platz 1
Sonntag, 1. April 2018
Termine und Aktuelles April 2018
01.04. Ostern 10.30 Uhr EvG Gottesdienst (Predigt Christiane Schönberger, JG St. Paul, Thema: "Auferstehung")
08.04. kein Gottesdienst
15.04. 10.30 Uhr Arche Gottesdienst (Predigt Horst Gillmann, Vaterhaus Nürnberg)
22.04. 10.00 Uhr St. Paul gemeinsamer Gottesdienst mit der JG St. Paul (Predigt Lennart Forsman)
29.04. kein Gottesdienst
EvG = Evangelische Gemeinschaft, Gebhardtstraße 19
Arche = Christlicher Kindergarten Arche, Theaterstraße 50
St. Paul = Gemeindehaus, Dr.-Martin-Luther-Platz 1
08.04. kein Gottesdienst
15.04. 10.30 Uhr Arche Gottesdienst (Predigt Horst Gillmann, Vaterhaus Nürnberg)
22.04. 10.00 Uhr St. Paul gemeinsamer Gottesdienst mit der JG St. Paul (Predigt Lennart Forsman)
29.04. kein Gottesdienst
EvG = Evangelische Gemeinschaft, Gebhardtstraße 19
Arche = Christlicher Kindergarten Arche, Theaterstraße 50
St. Paul = Gemeindehaus, Dr.-Martin-Luther-Platz 1
Montag, 5. März 2018
Predigt von Norbert Wohlrab (04.03.18)
Die Fußwaschung
1. Einleitung
Wir haben ja alle so unsere Lieblingsbücher und -texte in der Bibel. Manche Bücher lesen wir öfters, manche eher selten. Ich lese z.B. meistens die Briefe des Paulus. Irgendwie empfinde ich die für mein Glaubensleben besonders relevant.
Neulich habe ich mal wieder das Johannes-Evangelium gelesen und da ist mir aufgefallen, dass ich es schon recht lange nicht mehr gelesen habe.
Und der Text, der mir für den heutigen Sonntag wichtig geworden ist, ist ein Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium. Es ist ein Text, den ich nie besonders beachtet habe. Bei manchen Stellen in den Evangelien erkennt man einfach keine besonders große Relevanz für das eigene Leben und den persönlichen Glauben und schiebt sie gleich wieder zur Seite.
Das hat für heute morgen jetzt Vor- und Nachteile.
Der Nachteil ist, dass ich mir über den Text vorher noch nie so richtig Gedanken gemacht habe.
Der Vorteil ist, dass ich mir über den Text vorher noch nie so richtig Gedanken gemacht habe,
d.h. ich konnte an ihn völlig unvoreingenommen herangehen und wurde nicht davon beeinflusst, was ich mir eh schon immer dazu gedacht hatte.
Der Text, den ich gleich lesen werde, finden wir ausschließlich im Johannes-Evangelium. Johannes hat sein Evangelium ja erst sehr spät geschrieben, etwa im Jahre 65, also etwa 5 Jahre nach den anderen Evangelien und rund 15 Jahre nach den ältesten Büchern des NT.
Johannes konnte also vieles schon als bekannt voraussetzen und brauchte es nicht wiederholen. Er wollte für ihn wichtige Aussagen und Ereignisse im Leben und Wirken Jesu noch ergänzen.
2. Die Fußwaschung
Im heutigen Text geht es um die Fußwaschung. Ich lese nach der Zürcher Übersetzung
„1 Es war vor dem Passafest und Jesus wusste, dass für ihn die Stunde gekommen war, aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen, und da er die Seinen in der Welt liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.
2 Während eines Mahls, als der Teufel dem Judas Iskariot, dem Sohn des Simon, schon eingegeben hatte, ihn auszuliefern
3 - Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in die Hände gegeben hatte und dass er von Gott ausgegangen war und zu Gott weggehen würde -,
4 da steht er vom Mahl auf und zieht das Obergewand aus, nimmt ein Leinentuch und bindet es sich um;
5 dann giesst er Wasser in das Becken und fängt an, den Jüngern die Füsse zu waschen und sie mit dem Tuch, das er sich umgebunden hat, abzutrocknen.
6 Nun kommt er zu Simon Petrus. Der sagt zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füsse waschen?
7 Jesus entgegnete ihm: Was ich tue, begreifst du jetzt nicht, im Nachhinein aber wirst du es verstehen.
8 Petrus sagt zu ihm: Nie und nimmer sollst du mir die Füsse waschen! Jesus entgegnete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du nicht teil an mir.
9 Simon Petrus sagt zu ihm: Herr, dann nicht nur die Füsse, sondern auch die Hände und den Kopf!
10 Jesus sagt zu ihm: Wer vom Bad kommt, braucht sich nicht zu waschen, nein, er ist ganz rein; und ihr seid rein, aber nicht alle.
11 Denn er kannte den, der ihn ausliefern sollte. Darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.
12 Nachdem er ihnen nun die Füsse gewaschen hatte, zog er sein Obergewand wieder an und setzte sich zu Tisch. Er sagte zu ihnen: Versteht ihr, was ich an euch getan habe?
13 Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr sagt es zu Recht, denn ich bin es.
14 Wenn nun ich als Herr und Meister euch die Füsse gewaschen habe, dann seid auch ihr verpflichtet, einander die Füsse zu waschen.
15 Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben: Wie ich euch getan habe, so tut auch ihr.
16 Amen, amen, ich sage euch: Ein Knecht ist nicht grösser als sein Herr und ein Bote nicht grösser als der, der ihn gesandt hat.
17 Wenn ihr das wisst - selig seid ihr, wenn ihr es tut.“ (Joh. 13, 1-17 Zürcher)
Diese Fußwaschung findet zeitlich im Zusammenhang mit dem letzten Abendmahl statt, von dem wir in den synoptischen Evangelien lesen. Dort wo Jesus das Abendmahl als Gedächtnismahl einsetzt. Kein Wort davon hier bei Johannes. Warum auch. Es ist ja alles bekannt.
Paulus hat es schon groß und deutlich erklärt und es ist in der Christenheit eingeführt. Es war bekannt und wurde praktiziert.
Die Fußwaschung dagegen, die in diesem Zusammenhang stattfand, war jedoch weniger bekannt. Aber sie war für Johannes sehr bedeutsam.
Diese Erzählung hat mehrere Bedeutungen. Hier geschieht etwas auf mehreren Ebenen. Aber was geschieht hier?
Es gab und gibt in der christlichen Theologie mannigfaltige Versuche diese Begebenheit zu deuten. Hier nur mal einige, die ich nicht teile:
- Die Fußwaschung als Bild für das Abendmahl
- Die Fußwaschung als Bild für die Taufe
- Die Fußwaschung existierte als eigenes Sakrament neben Abendmahl und Taufe
- Die Fußwaschung dient als Instrument, Sünden zu tilgen, die nach der Taufe begangen werden usw. …..
Wie stellen wir uns die Begebenheit vor? Die Jünger haben sich mit Jesus wie vereinbart zum Essen im Obergeschoss getroffen. Es war alles vorbereitet: wahrscheinlich ein niedriger Tisch, auf dem die Speisen bereit lagen, Sitzpolster (man lag damals ja bei Tisch: man stützte sich auf den linken Ellbogen und aß mit der rechten Hand, ich weiß nicht, ob das wirklich bequem war, auf jeden Fall war es damals so üblich) und dann gab es natürlich noch einen Krug mit Wasser, ein Tuch und eine Schüssel zum Waschen der Füße. Woher weiß man das dies bereit stand? Weil Jesus es genommen hat. Also muss es schon da gewesen sein.
Die Fußwaschung war eine im Orient überall übliche Praxis. Bedingt durch die Hitze hat man Sandalen getragen und damit sammelte man den Staub und den Dreck der Straße an seinen Füßen und daher war es dringend notwendig sie zu reinigen.
Umso mehr, da man ja beim zu Tisch liegen auf einer horizontalen Ebene mit den Füßen der anderen war.
Ich hatte mal eine Mitschülerin, die im Sommer öfters barfuß in die Schule lief und sie hatte dann wirklich richtig schwarze Füße. Das war beeindruckend.
Und ich selber lauf im Sommer ja auch meist mit Sandalen oder Flip-Flops durch die Gegend und da hatte ich mal eine gebrochene Zehe und musste zum Verbandwechseln zum Orthopäden und dann wurde ich geschimpft, weil mein Füße schmutzig waren. Das war echt peinlich.
Also, alles war vorbereitet und jetzt hätte jmd. vor (!) dem Essen den Dienst der Fußwaschung übernehmen müssen. Aber wer sollte das machen? Reiche Leute hatten dafür Dienstboten oder Sklaven. Denn diesen Dienst übernahmen die Geringsten der Geringen. Aber wenn das jetzt einer der Jünger gemacht hätte, hätte er damit ja ausgedrückt, dass er niedriger gewesen wäre als die anderen Jünger. Und die Jünger hatten doch vorher noch darum gestritten, wer denn unter ihnen der Größte sei (Mk. 9,34).
Wenn jetzt bspw. Petrus diesen Dienst übernommen hätte, hätte er seinen Rangplatz ja gleich freiwillig an die anderen abgetreten.
Laut Talmud war der Schüler verpflichtet dem Lehrer die Füße zu waschen. Bei Jesus hätte er es ja noch gemacht, aber doch nicht bei Andreas und den anderen. Er war doch nicht weniger wert als die anderen. So oder so ähnlich haben sie vielleicht gedacht und so hat niemand den Dienst verrichtet und sie lagen mit schmutzigen Füßen bei Tisch.
Dann passiert es. Sie essen gemütlich, unterhalten sich und auf einmal steht Jesus auf. Zuerst sind sie noch leicht irritiert und fragen sich vielleicht, was er denn jetzt vorhat. Dann zieht Jesus sein Obergewand aus und bindet sich eine Schürze um. Jetzt sind sie absolut erstaunt. So wie kleine Kinder, die etwas für sie Unvorstellbares sehen.
Er gießt Wasser in die Schale und fängt an ihnen die Füße zu waschen. Jetzt sind sie absolut konsterniert. Das gibt es nicht! Das ist unmöglich! Das darf nicht sein! Das ist ein absoluter Tabubruch! So etwas hat es noch nie gegeben. Er, der Lehrer fängt an ihnen die Füße zu waschen. Er, der Herr, übernimmt den Dienst eines Dieners, eines Knechtes eines Sklaven.
3. Die Fußwaschung als Beispiel für Dienen
Und so wie Jesus es getan hat, so soll es auch bei den Jüngern sein. Hier sind wir bei der ersten, der offensichtlichen Bedeutung des Geschehens.
„»Versteht ihr, was ich eben getan habe, als ich euch die Füße wusch?«, fragte er sie. »Ihr nennt mich Meister und Herr, und das mit Recht, denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und der Meister, euch die Füße gewaschen habe, sollt auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (V. 12b-15 NGÜ)
Hier ist noch gar keine Symbolik versteckt, sondern Jesus gibt den Jüngern durch seine Handlung ein konkretes und praktisches Beispiel für ihr künftiges Leben. So sollen sie einander tun. Sie sollen einander dienen und lieben, einander höher achten. So sagt er wenige Verse später:
„Ich gebe euch ein neues Gebot: Liebt einander! Ihr sollt einander lieben, wie ich euch geliebt habe.“ (V. 34 NGÜ)
Ich habe Euch gezeigt was Liebe heißt. So sollt auch ihr einander tun. So wie ich Euch geliebt habe (nicht nur wie Ihr Euch selber liebt.)
Leider müssen wir ehrlicherweise feststellen, dass die Geschichte der Christenheit oft anders war. Das ganze Mittelalter war bspw. bestimmt vom Kampf Papst gegen Kaiser, geistliche gegen weltliche Herrschaft, wer dominiert über den anderen. Da ging es nicht um dienende Leiterschaft, da ging es darum dass sie Kirche ihre Macht ausbaut.
Und auch in der Gegenwart gab und gibt es viele Strömungen und Entwicklungen, wo Leiterschaft nicht mit Dienen, sondern mit Herrschen gleichgesetzt wurde.
Ich muss immer noch dran denken, wie ich Ende der 80er Jahre auf einem Seminar war, auf dem von einem bekannten Leiter aus Lüdenscheid gelehrt wurde: „Wenn Dir ein Leiter sagt, dass Du einen Zaun blau zu streichen hast, musst Du ihn blau streichen und wenn er Dir dann später sagt, dass Du ihn jetzt noch einmal rot zu streichen hast, musst Du ihn jetzt rot streichen.“ Das war geistlicher Missbrauch und nicht dienende Leiterschaft. Und auch wenn solche Zeiten größtenteils vorbei sind, heißt es nicht, dass sie nicht wieder kommen. Hier müssen wir wachsam sein.
Es gab immer mal wieder christliche Strömungen, die die Fußwaschung als wörtlichen Auftrag verstanden haben und sie neben dem Abendmahl als Sakrament eingesetzt haben. Aber ich denke das ist nicht gemeint. Sondern es ist eine Beispielshandlung.
Heute laufen wir meist mit geschlossenen Schuhen rum, da werden sie nicht so schmutzig, da würde es eher noch Sinn machen die Schuhe zu putzen. In anderen Kulturen und Regionen mag es vielleicht noch seine Bedeutung haben.
Noch eine Bibelstelle, die ganz gut dazu passt:
„Es erhob sich auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen als der Größte gelten sollte. Er aber sprach zu ihnen: Die Könige herrschen über ihre Völker, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste und der Vornehmste wie ein Diener. Denn wer ist größer: der zu Tisch sitzt oder der dient? Ist's nicht der, der zu Tisch sitzt? Ich aber bin unter euch wie ein Diener.“ (Lk. 22, 24-27 Luth 2017)
Soweit zur Fußwaschung als Beispiel für eine dienende Haltung.
4. Die Fußwaschung als Symbol für den Kreuzestod Jesu
Die Fußwaschung ist aber auch ein Symbol für den Kreuzestod Jesu, für den Gottes-knecht am Kreuz. Es fängt schon mit dem Wechseln der Kleider an. Wie er sein Obergewand ablegte und die Sklavenschürze anlegte, so hat er seine göttliche Herrlichkeit abgelegt und ist Mensch geworden.
„Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“ (Phil. 2, 6.7 Luth 2017)
Genauso wie Jesus hier den Jüngern gegenüber zum Knecht wird, genauso wie er ihnen durch das Füße waschen dient, wird er später am Kreuz dienen.
„Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ (Phil. 2,8 Luth 2017)
Die Jünger hatten wahrscheinlich überhaupt noch nicht verstanden, wie sehr sich Jesus erniedrigt hat. Sicher, sie haben geglaubt, dass er der Messias ist, aber dass er seine Göttlichkeit weggegeben hat um Mensch zu werden?! Sie haben ihn ja im Miteinander als Menschen erlebt. Hier führte er ihnen vor Augen, dass er der Sklave war und fing an sie auf das Kommende vorzubereiten.
5. Die Fußwaschung als Symbol für die Sündenvergebung
Und genauso wie das Abendmahl ein Symbol für den am Kreuz gebrochenen Leib und das am Kreuz vergossene Blut ist, ist auch die Fußwaschung ein Bild, ein Symbol für die Reinigung von der Sündenschuld durch sein Blut.
Deutlich wird dies im Dialog mit Petrus:
„6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, du wäschst mir die Füße?
7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. (Ein Hinweis, dass hier eine Symbolhandlung für ein später stattfindendes Geschehen geschieht.)
8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir.“ (V. 6-8 Luth 2017)
Keinen Teil, keinen Anteil an mir. Keine Gemeinschaft mit mir. Dann gehörst du nicht zu mir. So steht es in anderen Übersetzungen. Dies ist - genauso wie im Abendmahl - ein Bild für das Sühneopfer am Kreuz, das wenige Tage später vollzogen wird.
Wer dieses Opfer am Kreuz nicht annimmt, der glaubt nicht an Jesus, der ist kein Christ, wer sich nicht durch sein Blut reinigen lässt, der hat keinen Anteil an ihm.
Aber Petrus macht dann genau das, was Jesus vorausgesagt hat: Er versteht es noch nicht und will jetzt mehr:
„Herr, dann nicht nur die Füsse, sondern auch die Hände und den Kopf!“ (V. 9 Zürcher)
Er wollte natürlich Anteil haben an Jesus, am Reich Gottes, er wollte dazu gehören. Aber er missverstand die Handlung.
Wahrscheinlich interpretierte er die Fußwaschung als kultische Reinigung. Es gab solche Reinigungen im AT, bei denen nicht nur die Füße gewaschen wurden, sondern der ganze Körper (3. Mose 8,6; 16,4).
Aber Jesus antwortet: „Wer vom Bad kommt, braucht sich nicht zu waschen, nein, er ist ganz rein;“ (V. 10 Zürcher)
D.h. Wer durch das Blut Jesu gereinigt wird, der ist gereinigt, der braucht keine wie auch immer geartete zusätzliche kultische Reinigung.
Es gibt hier unterschiedliche Ur-Texte. Manche enthalten noch den Anhang: „ausgenommen die Füße“. Was die Bedeutung etwas kompliziert macht. Aber man nimmt an, dass es sich dann auf die gerade tatsächlich durchgeführte Fußwaschung als Beispiel für die dienende Haltung bezieht und nicht als Aufforderung für eine wiederkehrende kultische Handlung.
6. Die Fußwaschung als Beispiel für Reinigung von Sünden des Alltags?
Eine oft übliche Auslegung dieser Stelle ist, dass sie ein Beispiel für die Reinigung von den Sünden des Alltags sein sollen. So wie die Füße durch den Staub der Straße schmutzig werden, verunreinigen wir uns immer wieder in unserem Leben, was natürlich stimmt. Aber ich denke nicht, dass dies hier gemeint ist.
Weil zum einen denke ich, wenn Jesus dies im Blick gehabt hätte, hätte er wohl eher die Hände, Augen, Mund, Kopf, Oberkörper etc. gereinigt, da er in der Bergpredigt darauf hingewiesen hat, wo die Sünden in unserem Leben beginnen und wo sie ausgelebt werden. Die Füße wurden da nicht erwähnt.
Und zum anderen brauchen wir keine immer wiederkehrende neue Reinigung und können sie auch nicht bekommen, da das Opfer Jesu am Kreuz einmalig war und für alle Zeiten gilt und er nicht immer wieder neu ans Kreuz gehen muss. (Hebr. 7,27; 9,12; 10,10) Wir sind gereinigt! Das ist ja gerade unser Glaube an sein Erlösungswerk. „Wer gebadet hat ist ganz rein.“ sagt Jesus zu Petrus.
7. Schluss
In manchen Religionen oder Kulturen gab es Traditionen, dass zu bestimmten Anlässen die Rollen getauscht wurden. Bei den Römern bspw. gab es die Saturnalien. Da wurden für eine kurze Zeit Standesunterschiede aufgelöst oder sogar umgekehrt. Bedienstete und Herren auf eine Ebene gestellt oder sogar umgedreht. Aber nur für einen Tag. (Im Rheinland gibt es den Karneval, das ist wahrscheinlich ähnlich.)
Wir brauchen keine Umkehrung, wenn wir das praktizieren und umsetzen, was Jesus uns hier vorgemacht hat, - als vollendete Liebe beschreibt es Johannes hier im V. 1 - und einander lieben, dienen und achten.
AMEN.
1. Einleitung
Wir haben ja alle so unsere Lieblingsbücher und -texte in der Bibel. Manche Bücher lesen wir öfters, manche eher selten. Ich lese z.B. meistens die Briefe des Paulus. Irgendwie empfinde ich die für mein Glaubensleben besonders relevant.
Neulich habe ich mal wieder das Johannes-Evangelium gelesen und da ist mir aufgefallen, dass ich es schon recht lange nicht mehr gelesen habe.
Und der Text, der mir für den heutigen Sonntag wichtig geworden ist, ist ein Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium. Es ist ein Text, den ich nie besonders beachtet habe. Bei manchen Stellen in den Evangelien erkennt man einfach keine besonders große Relevanz für das eigene Leben und den persönlichen Glauben und schiebt sie gleich wieder zur Seite.
Das hat für heute morgen jetzt Vor- und Nachteile.
Der Nachteil ist, dass ich mir über den Text vorher noch nie so richtig Gedanken gemacht habe.
Der Vorteil ist, dass ich mir über den Text vorher noch nie so richtig Gedanken gemacht habe,
d.h. ich konnte an ihn völlig unvoreingenommen herangehen und wurde nicht davon beeinflusst, was ich mir eh schon immer dazu gedacht hatte.
Der Text, den ich gleich lesen werde, finden wir ausschließlich im Johannes-Evangelium. Johannes hat sein Evangelium ja erst sehr spät geschrieben, etwa im Jahre 65, also etwa 5 Jahre nach den anderen Evangelien und rund 15 Jahre nach den ältesten Büchern des NT.
Johannes konnte also vieles schon als bekannt voraussetzen und brauchte es nicht wiederholen. Er wollte für ihn wichtige Aussagen und Ereignisse im Leben und Wirken Jesu noch ergänzen.
2. Die Fußwaschung
Im heutigen Text geht es um die Fußwaschung. Ich lese nach der Zürcher Übersetzung
„1 Es war vor dem Passafest und Jesus wusste, dass für ihn die Stunde gekommen war, aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen, und da er die Seinen in der Welt liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.
2 Während eines Mahls, als der Teufel dem Judas Iskariot, dem Sohn des Simon, schon eingegeben hatte, ihn auszuliefern
3 - Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in die Hände gegeben hatte und dass er von Gott ausgegangen war und zu Gott weggehen würde -,
4 da steht er vom Mahl auf und zieht das Obergewand aus, nimmt ein Leinentuch und bindet es sich um;
5 dann giesst er Wasser in das Becken und fängt an, den Jüngern die Füsse zu waschen und sie mit dem Tuch, das er sich umgebunden hat, abzutrocknen.
6 Nun kommt er zu Simon Petrus. Der sagt zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füsse waschen?
7 Jesus entgegnete ihm: Was ich tue, begreifst du jetzt nicht, im Nachhinein aber wirst du es verstehen.
8 Petrus sagt zu ihm: Nie und nimmer sollst du mir die Füsse waschen! Jesus entgegnete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du nicht teil an mir.
9 Simon Petrus sagt zu ihm: Herr, dann nicht nur die Füsse, sondern auch die Hände und den Kopf!
10 Jesus sagt zu ihm: Wer vom Bad kommt, braucht sich nicht zu waschen, nein, er ist ganz rein; und ihr seid rein, aber nicht alle.
11 Denn er kannte den, der ihn ausliefern sollte. Darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.
12 Nachdem er ihnen nun die Füsse gewaschen hatte, zog er sein Obergewand wieder an und setzte sich zu Tisch. Er sagte zu ihnen: Versteht ihr, was ich an euch getan habe?
13 Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr sagt es zu Recht, denn ich bin es.
14 Wenn nun ich als Herr und Meister euch die Füsse gewaschen habe, dann seid auch ihr verpflichtet, einander die Füsse zu waschen.
15 Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben: Wie ich euch getan habe, so tut auch ihr.
16 Amen, amen, ich sage euch: Ein Knecht ist nicht grösser als sein Herr und ein Bote nicht grösser als der, der ihn gesandt hat.
17 Wenn ihr das wisst - selig seid ihr, wenn ihr es tut.“ (Joh. 13, 1-17 Zürcher)
Diese Fußwaschung findet zeitlich im Zusammenhang mit dem letzten Abendmahl statt, von dem wir in den synoptischen Evangelien lesen. Dort wo Jesus das Abendmahl als Gedächtnismahl einsetzt. Kein Wort davon hier bei Johannes. Warum auch. Es ist ja alles bekannt.
Paulus hat es schon groß und deutlich erklärt und es ist in der Christenheit eingeführt. Es war bekannt und wurde praktiziert.
Die Fußwaschung dagegen, die in diesem Zusammenhang stattfand, war jedoch weniger bekannt. Aber sie war für Johannes sehr bedeutsam.
Diese Erzählung hat mehrere Bedeutungen. Hier geschieht etwas auf mehreren Ebenen. Aber was geschieht hier?
Es gab und gibt in der christlichen Theologie mannigfaltige Versuche diese Begebenheit zu deuten. Hier nur mal einige, die ich nicht teile:
- Die Fußwaschung als Bild für das Abendmahl
- Die Fußwaschung als Bild für die Taufe
- Die Fußwaschung existierte als eigenes Sakrament neben Abendmahl und Taufe
- Die Fußwaschung dient als Instrument, Sünden zu tilgen, die nach der Taufe begangen werden usw. …..
Wie stellen wir uns die Begebenheit vor? Die Jünger haben sich mit Jesus wie vereinbart zum Essen im Obergeschoss getroffen. Es war alles vorbereitet: wahrscheinlich ein niedriger Tisch, auf dem die Speisen bereit lagen, Sitzpolster (man lag damals ja bei Tisch: man stützte sich auf den linken Ellbogen und aß mit der rechten Hand, ich weiß nicht, ob das wirklich bequem war, auf jeden Fall war es damals so üblich) und dann gab es natürlich noch einen Krug mit Wasser, ein Tuch und eine Schüssel zum Waschen der Füße. Woher weiß man das dies bereit stand? Weil Jesus es genommen hat. Also muss es schon da gewesen sein.
Die Fußwaschung war eine im Orient überall übliche Praxis. Bedingt durch die Hitze hat man Sandalen getragen und damit sammelte man den Staub und den Dreck der Straße an seinen Füßen und daher war es dringend notwendig sie zu reinigen.
Umso mehr, da man ja beim zu Tisch liegen auf einer horizontalen Ebene mit den Füßen der anderen war.
Ich hatte mal eine Mitschülerin, die im Sommer öfters barfuß in die Schule lief und sie hatte dann wirklich richtig schwarze Füße. Das war beeindruckend.
Und ich selber lauf im Sommer ja auch meist mit Sandalen oder Flip-Flops durch die Gegend und da hatte ich mal eine gebrochene Zehe und musste zum Verbandwechseln zum Orthopäden und dann wurde ich geschimpft, weil mein Füße schmutzig waren. Das war echt peinlich.
Also, alles war vorbereitet und jetzt hätte jmd. vor (!) dem Essen den Dienst der Fußwaschung übernehmen müssen. Aber wer sollte das machen? Reiche Leute hatten dafür Dienstboten oder Sklaven. Denn diesen Dienst übernahmen die Geringsten der Geringen. Aber wenn das jetzt einer der Jünger gemacht hätte, hätte er damit ja ausgedrückt, dass er niedriger gewesen wäre als die anderen Jünger. Und die Jünger hatten doch vorher noch darum gestritten, wer denn unter ihnen der Größte sei (Mk. 9,34).
Wenn jetzt bspw. Petrus diesen Dienst übernommen hätte, hätte er seinen Rangplatz ja gleich freiwillig an die anderen abgetreten.
Laut Talmud war der Schüler verpflichtet dem Lehrer die Füße zu waschen. Bei Jesus hätte er es ja noch gemacht, aber doch nicht bei Andreas und den anderen. Er war doch nicht weniger wert als die anderen. So oder so ähnlich haben sie vielleicht gedacht und so hat niemand den Dienst verrichtet und sie lagen mit schmutzigen Füßen bei Tisch.
Dann passiert es. Sie essen gemütlich, unterhalten sich und auf einmal steht Jesus auf. Zuerst sind sie noch leicht irritiert und fragen sich vielleicht, was er denn jetzt vorhat. Dann zieht Jesus sein Obergewand aus und bindet sich eine Schürze um. Jetzt sind sie absolut erstaunt. So wie kleine Kinder, die etwas für sie Unvorstellbares sehen.
Er gießt Wasser in die Schale und fängt an ihnen die Füße zu waschen. Jetzt sind sie absolut konsterniert. Das gibt es nicht! Das ist unmöglich! Das darf nicht sein! Das ist ein absoluter Tabubruch! So etwas hat es noch nie gegeben. Er, der Lehrer fängt an ihnen die Füße zu waschen. Er, der Herr, übernimmt den Dienst eines Dieners, eines Knechtes eines Sklaven.
3. Die Fußwaschung als Beispiel für Dienen
Und so wie Jesus es getan hat, so soll es auch bei den Jüngern sein. Hier sind wir bei der ersten, der offensichtlichen Bedeutung des Geschehens.
„»Versteht ihr, was ich eben getan habe, als ich euch die Füße wusch?«, fragte er sie. »Ihr nennt mich Meister und Herr, und das mit Recht, denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und der Meister, euch die Füße gewaschen habe, sollt auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (V. 12b-15 NGÜ)
Hier ist noch gar keine Symbolik versteckt, sondern Jesus gibt den Jüngern durch seine Handlung ein konkretes und praktisches Beispiel für ihr künftiges Leben. So sollen sie einander tun. Sie sollen einander dienen und lieben, einander höher achten. So sagt er wenige Verse später:
„Ich gebe euch ein neues Gebot: Liebt einander! Ihr sollt einander lieben, wie ich euch geliebt habe.“ (V. 34 NGÜ)
Ich habe Euch gezeigt was Liebe heißt. So sollt auch ihr einander tun. So wie ich Euch geliebt habe (nicht nur wie Ihr Euch selber liebt.)
Leider müssen wir ehrlicherweise feststellen, dass die Geschichte der Christenheit oft anders war. Das ganze Mittelalter war bspw. bestimmt vom Kampf Papst gegen Kaiser, geistliche gegen weltliche Herrschaft, wer dominiert über den anderen. Da ging es nicht um dienende Leiterschaft, da ging es darum dass sie Kirche ihre Macht ausbaut.
Und auch in der Gegenwart gab und gibt es viele Strömungen und Entwicklungen, wo Leiterschaft nicht mit Dienen, sondern mit Herrschen gleichgesetzt wurde.
Ich muss immer noch dran denken, wie ich Ende der 80er Jahre auf einem Seminar war, auf dem von einem bekannten Leiter aus Lüdenscheid gelehrt wurde: „Wenn Dir ein Leiter sagt, dass Du einen Zaun blau zu streichen hast, musst Du ihn blau streichen und wenn er Dir dann später sagt, dass Du ihn jetzt noch einmal rot zu streichen hast, musst Du ihn jetzt rot streichen.“ Das war geistlicher Missbrauch und nicht dienende Leiterschaft. Und auch wenn solche Zeiten größtenteils vorbei sind, heißt es nicht, dass sie nicht wieder kommen. Hier müssen wir wachsam sein.
Es gab immer mal wieder christliche Strömungen, die die Fußwaschung als wörtlichen Auftrag verstanden haben und sie neben dem Abendmahl als Sakrament eingesetzt haben. Aber ich denke das ist nicht gemeint. Sondern es ist eine Beispielshandlung.
Heute laufen wir meist mit geschlossenen Schuhen rum, da werden sie nicht so schmutzig, da würde es eher noch Sinn machen die Schuhe zu putzen. In anderen Kulturen und Regionen mag es vielleicht noch seine Bedeutung haben.
Noch eine Bibelstelle, die ganz gut dazu passt:
„Es erhob sich auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen als der Größte gelten sollte. Er aber sprach zu ihnen: Die Könige herrschen über ihre Völker, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste und der Vornehmste wie ein Diener. Denn wer ist größer: der zu Tisch sitzt oder der dient? Ist's nicht der, der zu Tisch sitzt? Ich aber bin unter euch wie ein Diener.“ (Lk. 22, 24-27 Luth 2017)
Soweit zur Fußwaschung als Beispiel für eine dienende Haltung.
4. Die Fußwaschung als Symbol für den Kreuzestod Jesu
Die Fußwaschung ist aber auch ein Symbol für den Kreuzestod Jesu, für den Gottes-knecht am Kreuz. Es fängt schon mit dem Wechseln der Kleider an. Wie er sein Obergewand ablegte und die Sklavenschürze anlegte, so hat er seine göttliche Herrlichkeit abgelegt und ist Mensch geworden.
„Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“ (Phil. 2, 6.7 Luth 2017)
Genauso wie Jesus hier den Jüngern gegenüber zum Knecht wird, genauso wie er ihnen durch das Füße waschen dient, wird er später am Kreuz dienen.
„Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ (Phil. 2,8 Luth 2017)
Die Jünger hatten wahrscheinlich überhaupt noch nicht verstanden, wie sehr sich Jesus erniedrigt hat. Sicher, sie haben geglaubt, dass er der Messias ist, aber dass er seine Göttlichkeit weggegeben hat um Mensch zu werden?! Sie haben ihn ja im Miteinander als Menschen erlebt. Hier führte er ihnen vor Augen, dass er der Sklave war und fing an sie auf das Kommende vorzubereiten.
5. Die Fußwaschung als Symbol für die Sündenvergebung
Und genauso wie das Abendmahl ein Symbol für den am Kreuz gebrochenen Leib und das am Kreuz vergossene Blut ist, ist auch die Fußwaschung ein Bild, ein Symbol für die Reinigung von der Sündenschuld durch sein Blut.
Deutlich wird dies im Dialog mit Petrus:
„6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, du wäschst mir die Füße?
7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. (Ein Hinweis, dass hier eine Symbolhandlung für ein später stattfindendes Geschehen geschieht.)
8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir.“ (V. 6-8 Luth 2017)
Keinen Teil, keinen Anteil an mir. Keine Gemeinschaft mit mir. Dann gehörst du nicht zu mir. So steht es in anderen Übersetzungen. Dies ist - genauso wie im Abendmahl - ein Bild für das Sühneopfer am Kreuz, das wenige Tage später vollzogen wird.
Wer dieses Opfer am Kreuz nicht annimmt, der glaubt nicht an Jesus, der ist kein Christ, wer sich nicht durch sein Blut reinigen lässt, der hat keinen Anteil an ihm.
Aber Petrus macht dann genau das, was Jesus vorausgesagt hat: Er versteht es noch nicht und will jetzt mehr:
„Herr, dann nicht nur die Füsse, sondern auch die Hände und den Kopf!“ (V. 9 Zürcher)
Er wollte natürlich Anteil haben an Jesus, am Reich Gottes, er wollte dazu gehören. Aber er missverstand die Handlung.
Wahrscheinlich interpretierte er die Fußwaschung als kultische Reinigung. Es gab solche Reinigungen im AT, bei denen nicht nur die Füße gewaschen wurden, sondern der ganze Körper (3. Mose 8,6; 16,4).
Aber Jesus antwortet: „Wer vom Bad kommt, braucht sich nicht zu waschen, nein, er ist ganz rein;“ (V. 10 Zürcher)
D.h. Wer durch das Blut Jesu gereinigt wird, der ist gereinigt, der braucht keine wie auch immer geartete zusätzliche kultische Reinigung.
Es gibt hier unterschiedliche Ur-Texte. Manche enthalten noch den Anhang: „ausgenommen die Füße“. Was die Bedeutung etwas kompliziert macht. Aber man nimmt an, dass es sich dann auf die gerade tatsächlich durchgeführte Fußwaschung als Beispiel für die dienende Haltung bezieht und nicht als Aufforderung für eine wiederkehrende kultische Handlung.
6. Die Fußwaschung als Beispiel für Reinigung von Sünden des Alltags?
Eine oft übliche Auslegung dieser Stelle ist, dass sie ein Beispiel für die Reinigung von den Sünden des Alltags sein sollen. So wie die Füße durch den Staub der Straße schmutzig werden, verunreinigen wir uns immer wieder in unserem Leben, was natürlich stimmt. Aber ich denke nicht, dass dies hier gemeint ist.
Weil zum einen denke ich, wenn Jesus dies im Blick gehabt hätte, hätte er wohl eher die Hände, Augen, Mund, Kopf, Oberkörper etc. gereinigt, da er in der Bergpredigt darauf hingewiesen hat, wo die Sünden in unserem Leben beginnen und wo sie ausgelebt werden. Die Füße wurden da nicht erwähnt.
Und zum anderen brauchen wir keine immer wiederkehrende neue Reinigung und können sie auch nicht bekommen, da das Opfer Jesu am Kreuz einmalig war und für alle Zeiten gilt und er nicht immer wieder neu ans Kreuz gehen muss. (Hebr. 7,27; 9,12; 10,10) Wir sind gereinigt! Das ist ja gerade unser Glaube an sein Erlösungswerk. „Wer gebadet hat ist ganz rein.“ sagt Jesus zu Petrus.
7. Schluss
In manchen Religionen oder Kulturen gab es Traditionen, dass zu bestimmten Anlässen die Rollen getauscht wurden. Bei den Römern bspw. gab es die Saturnalien. Da wurden für eine kurze Zeit Standesunterschiede aufgelöst oder sogar umgekehrt. Bedienstete und Herren auf eine Ebene gestellt oder sogar umgedreht. Aber nur für einen Tag. (Im Rheinland gibt es den Karneval, das ist wahrscheinlich ähnlich.)
Wir brauchen keine Umkehrung, wenn wir das praktizieren und umsetzen, was Jesus uns hier vorgemacht hat, - als vollendete Liebe beschreibt es Johannes hier im V. 1 - und einander lieben, dienen und achten.
AMEN.
Donnerstag, 1. März 2018
Termine und Aktuelles März 2018
04.03. 10.30 Uhr Arche Gottesdienst (Predigt Norbert Wohlrab, Thema: "Die Fußwaschung")
11.03. 10.30 Uhr EvG Gottesdienst mit anschl. Mittagessen (Predigt Bob Lidfors, Dynamis e. V.)
18.03. kein Gottesdienst
25.03. 10.30 Uhr Hausgottesdienste
EvG = Evangelische Gemeinschaft, Gebhardtstraße 19
Arche = Christlicher Kindergarten Arche, Theaterstraße 50
St. Paul = Gemeindehaus, Dr.-Martin-Luther-Platz 1
11.03. 10.30 Uhr EvG Gottesdienst mit anschl. Mittagessen (Predigt Bob Lidfors, Dynamis e. V.)
18.03. kein Gottesdienst
25.03. 10.30 Uhr Hausgottesdienste
EvG = Evangelische Gemeinschaft, Gebhardtstraße 19
Arche = Christlicher Kindergarten Arche, Theaterstraße 50
St. Paul = Gemeindehaus, Dr.-Martin-Luther-Platz 1
Freitag, 2. Februar 2018
Termine und Aktuelles Februar 2018
04.02. 10.30 Uhr Arche Gottesdienst (Predigt Bob Hatton, Forum Leben)
11.02. 10.00 Uhr St. Paul gemeinsamer Gottesdienst mit der JG St. Paul (Predigt Norbert Wohlrab)
18.02. kein Gottesdienst
25.02. 10.30 Uhr Hausgottesdienste
EvG = Evangelische Gemeinschaft, Gebhardtstraße 19
Arche = Christlicher Kindergarten Arche, Theaterstraße 50
St. Paul = Gemeindehaus, Dr.-Martin-Luther-Platz 1
11.02. 10.00 Uhr St. Paul gemeinsamer Gottesdienst mit der JG St. Paul (Predigt Norbert Wohlrab)
18.02. kein Gottesdienst
25.02. 10.30 Uhr Hausgottesdienste
EvG = Evangelische Gemeinschaft, Gebhardtstraße 19
Arche = Christlicher Kindergarten Arche, Theaterstraße 50
St. Paul = Gemeindehaus, Dr.-Martin-Luther-Platz 1
Montag, 29. Januar 2018
Predigt von Norbert Wohlrab (28.01.18)
Prinzipien biblischer Schriftauslegung
1. Einleitung
Ich möchte heute mal über grundlegende Prinzipien biblischer Schriftauslegung reden. Ich habe in der Kommunikation mit anderen festgestellt, dass da doch einige sehr unterschiedliche Ansichten vorherrschen.
Ich möchte heute nicht darüber reden, wie Gott zu uns spricht. Gott kann durch sehr viele verschiedene Kanäle - so wie es ihm gefällt - zu uns reden. Durch Menschen, durch die Natur, durch Gedanken, durch die Bibel etc. Darum geht es mir heute nicht.
Und ich kann auch keinen vollständigen Überblick über das Thema geben. Dazu bin ich erstens wirklich nicht kompetent genug und zweitens reicht dazu die Zeit auch nicht. Ich möchte heute nur eine Basis legen.
2. Die Inspiration der Heiligen Schrift
Grundlage all unserer Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift ist, dass wir davon ausgehen, dass sie von Gott inspiriert ist. Hierzu zunächst einige Bekenntnisse.
Glaubensbasis der Evangelischen Allianz (1846)
Wir bekennen uns…
zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung,…
Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel (1978)
Artikel III
Wir bekennen, dass das geschriebene Wort in seiner Gesamtheit von Gott gegebene Offenbarung ist.
Artikel VI
Wir bekennen, dass die Schrift als Ganzes und all ihre Teile bis zu den einzelnen Wörtern des Urtextes von Gott durch göttliche Inspiration gegeben wurden.
Artikel XII
Wir bekennen, dass die Schrift in ihrer Gesamtheit irrtumslos ist und damit frei von Falschheit, Betrug oder Täuschungen.
Diese insgesamt 19 Artikel sind Grundlage eines großen Teils der evangelikalen Christenheit.
Aber was heißt das praktisch bezogen auf die Auslegung der Heiligen Schrift?
Zunächst die wichtigste Bibelstelle aus dem NT zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift:
„Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit,“ (2. Tim. 3,16 Rev. Elb.)
„Denn alles, was in der Schrift steht, ist von Gottes Geist eingegeben, und dementsprechend groß ist auch der Nutzen der Schrift: Sie unterrichtet in der Wahrheit, deckt Schuld auf, bringt auf den richtigen Weg und erzieht zu einem Leben nach Gottes Willen.“ (2. Tim. 3,16 NGÜ)
Was steht hier?
Alle bedeutet aus unserer heutigen Sicht die ganze Bibel. Aber an was hat Paulus gedacht? Es gab ja noch kein NT.
Er dachte zuerst an die jüdische Bibel. Unser AT.
Er hat den Brief an Timotheus in seiner zweiten Gefangenschaft in Rom, ca. im Jahr 67 geschrieben. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten der Schriften unseres heutigen NT schon geschrieben. Die Evangelien, die Apostelgeschichte und viele der Briefe. Lediglich der zweite Petrusbrief, der Judasbrief und die Offenbarung des Johannes sind jüngerem Datums.
Paulus war sich seines göttlichen Auftrags und seiner apostolischen Autorität bewusst. Könnte es daher sein, dass er auch seine Briefe und die der anderen Apostel im Blick hatte?
Und tatsächlich gibt es Bibelstellen, die sie auf eine gemeinsame Ebene mit dem AT stellen.
Petrus schreibt:
„Und seht in der Langmut unseres Herrn die Rettung, wie auch unser geliebter Bruder Paulus nach der ihm gegebenen Weisheit euch geschrieben hat, wie auch in allen Briefen, wenn er in ihnen von diesen Dingen redet. In diesen Briefen ist einiges schwer zu verstehen, was die Unwissenden und Ungefestigten verdrehen, wie auch die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2. Petr. 3, 15.16 Rev. Elb.)
Petrus ordnet hier die Briefe des Paulus - wenn auch als schwer verständlich - den Schriften zu.
Ein weiterer Hinweis findet sich bei Paulus:
„Denn die Schrift sagt: "Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden", und: "Der Arbeiter ist seines Lohnes wert.““ (1. Tim. 5,18 Rev. Elb.)
Hier werden eine alttestamentliche Quelle (5. Mose 25,4) und eine neutestamentliche Quelle (Lk. 10,7) auf eine gleichrangige Ebene gestellt und beides als Schrift bezeichnet.
Wir kommen also zu dem Ergebnis, dass Paulus hier zwar noch nicht an das NT in der uns vorliegenden Form gedacht hat, wir aber seine Aussage durchaus auf den ganzen neutestamentlichen Kanon beziehen dürfen.
Eingegeben. „Theopneustos“. (Lässt sich mit medizinischen Kenntnissen ganz leicht ableiten.) Wörtlich „gottgehaucht“.
Es bedeutet durch den Heiligen Geist inspiriert worden zu sein. Das Wort kommt nur an dieser Stelle im NT vor. Petrus beschreibt den ähnlichen Vorgang als „getrieben von Heiligem Geist“ (2. Petr. 1,21).
Wir kann man sich das vorstellen? War es eine verbale Wort-zu-Wort-Inspiration oder hat der Heilige Geist nur dem Sinn nach eingehaucht? Oder war es vielleicht eine Kombination aus beiden?
Letztlich wissen wir es nicht. Aber Fakt ist, dass die Bibel von über 40 Menschen niedergeschrieben wurde. Und das man bei vielen Büchern deutliche Unterschiede im Schreibstil feststellen kann. Allein im NT besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen den Briefen des Paulus (logisch argumentierend) und denen des Johannes (eher einfach Sätze, aber tiefgründig, fast philosophisch, immer die Liebe hervorhebend). Der Heilige Geist hat also die Persönlichkeit des Schreibers nicht übergangen.
Ich nehme für mich keine apostolische Autorität in Anspruch. Aber auch wenn ich eine Predigt vorbereite, verlasse ich mich auf die Leitung des Heiligen Geistes und ich vertraue darauf, dass ich - mehr oder weniger - seine Impulse wiedergebe. Und manchmal ist vielleicht ein einzelner Satz dabei, wo ich mir dann hinterher denke: Wow, super Formulierung, wo kommt die denn jetzt her?
Oder wenn wir evangelistische Gespräche führen, erleben wir doch auch, dass der Geist Gottes uns manchmal übernatürliche Gedanken gibt. Vielleicht kann man sich das einhauchen so ähnlich vorstellen, nur dass es beim Entstehen der Bibel noch mal auf einer höheren Ebene stattfand. Damit am Ende das heraus kommen konnte, was Gott wollte. Und jetzt sind wir beim nächsten Wort.
Schrift. Und hier vollziehen wir manchmal einen Denkfehler. Denn die ganze Bibel ist Gottes Wort, in dem Sinne, dass alles so niedergeschrieben wurde, wie er es wollte, aber die ganze Bibel ist nicht Gottes Wort, in dem Sinne, dass alles sein Reden ist.
Luther sagte, dass man zuerst fragen muss: Wer spricht da? Denn die Bibel enthält Reden von Gott, von Jesus, von göttlich beauftragten Personen, aber sie enthält auch Reden von ganz normalen Menschen und auch von schlechten Menschen, von Gläubigen und Ungläubigen, von der Weisheit und sie enthält sogar Reden des Teufels und sie enthält sehr viele Beschreibungen.
Gott hat gewollt, dass alles so niedergeschrieben wurde, aber nicht alles ist sein Reden.
Deutlich wird dies beispielsweise bei der Entstehung der jüdischen Bibel.
Die jüdische Bibel (Tenach) ist anders aufgebaut als unser AT. Sie besteht aus drei Teilen:
1. der Tora (Weisung) = die fünf Bücher Mose
2. den Nebi´im (Propheten) = Josua, Richter, Samuel, Könige, die drei großen Propheten (Jesaja, Jeremia, Hesekiel) und die 12 kleinen Propheten
3. den Ketubim (Schriften) = Psalmen, Hiob, Sprüche (Poetischen Bücher), Ruth, Hoheslied, Prediger, Klagelieder, Ester (Fünf Rollen) und Daniel, Esra-Nehemia und Chronik (Historische Bücher)
Diese Dreiteilung drückt eine Wertigkeit, eine Rangfolge bzgl. des autoritativen Ranges aus. Nicht weil sie nicht als inspiriert gegolten hätten, sondern weil Unterschiede im Reden Gottes darin zu finden sind.
In den Tora hat Gott selbst mit Mose gesprochen, er hat die Gebote in Stein gemeißelt, das Gesetz wurde übermittelt.
Die Propheten haben Gottes Offenbarungen in Träumen und Visionen empfangen.
Wogegen die Schriften überwiegend Berichte, Weisheiten und Lieder beinhalten und nur wenig Reden Gottes und damit nur einen niedrigen Rang einnehmen Sie duften auch nicht miteinander verbunden werden.
Deshalb gebraucht Paulus in seinem Schreiben an Timotheus auch dieses merkwürdige Wort:
Nützlich. Alle Schriften sind nützlich. Gottes Wort nur nützlich? Ist das nicht eine etwas schwache Formulierung? Aber es ist die richtige Formulierung, weil die Bibel nicht nur autoritativ ist, sondern eben neben Gottes heilbringenden, ermahnenden, ermutigenden, gebietenden, belehrenden usw. Reden eben auch viele Texte enthält, in denen Gott nicht spricht, sondern die einfach nur hilfreich für unser Leben als Gläubige sind.
„damit der Mensch Gottes richtig sei, für jedes gute Werk ausgerüstet.“ (2. Tim. 3,17 Rev. Elb.)
3. Spielregeln der Auslegung
Früher hat man üblicherweise vermittelt bekommen, dass wir beim Bibellesen fragen sollen, was hat mir heute dieses Wort, dieser Vers zu sagen? Was will mir Gott damit vermitteln?
Das ist keine verkehrte Frage. Es geht ja darum, dass ich erkennen soll, was mir ein Text zu sagen hat und wie ich ihn anwenden kann. Aber das ist nicht die erste Frage. Denn bevor ich erkennen kann, was mir ein Text zu sagen hat, muss ich erst mal erkennen, was in dem steht. Denn sonst laufe ich Gefahr, meine eigenen Gedanken in den Text hineinzu-lesen. Wir sind alle mit Voreingenommenheit belastet.
Dabei gilt es grundlegende Prinzipien der Hermeneutik (Wissenschaft und Kunst der Auslegung) zu beachten. Paulus sagt Timotheus er soll das Wort „in gerader Richtung schneiden“ (2. Tim. 2,15), d.h. in der rechten Art und Weise auslegen.
Wer entscheidet, wenn wir heute einen Brief bekommen, welche Bedeutung die Worte haben? Der Empfänger oder der Absender? Natürlich der Absender.
Wenn wir die Bibel als Gottes inspiriertes Wort ernst nehmen, dann müssen wir erkennen was Gott damals gesagt hat. Daher müssen wir beim Lesen eines Textes verstehen:
Wenn wir gemeinsam ein Spiel spielen wollen, brauchen wir dazu dieselben Regeln. Bei Schach ist das noch relativ klar. Bei Uno ist das schon schwieriger, da gibt es viele verschiedene Regeln. Aber es gibt auch einheitliche offizielle Regeln, z.B. dass man die farbige 4-Ziehen-Karte nur spielen darf, wenn man die liegende Farbe nicht hat. Hab ich neulich erst gelesen. Das weiß kaum jemand.
Wenn wir die Bibel auslegen wollen, brauchen wir klare Regeln, sonst kann Unsinn heraus kommen. Dann wird die Bibel gedehnt wie Kaugummi und der eine sagt: „Das bedeutet für mich dies.“ und der andere: „Für mich bedeutet es jenes.“
Sicher gibt es Stellen, die nicht einfach zu verstehen sind, aber Gott hat uns vermutlich nicht sein Wort gegeben, damit es der Beliebigkeit anheim fällt, dadurch dass es von jedem interpretiert wird, wie er möchte.
Bei dem „Spiel“ der Bibelauslegung gibt es eine Spielkarte, die ist eine Trumpfkarte und sticht alle anderen Karten. Und dieser Trumpf heißt: Kontext. Das richtige Verständnis eines Textes ist nur in seinem Kontext möglich.
Die einzig mögliche Bedeutung eines Textes ist das, was der göttliche und der menschliche Verfasser zum Zeitpunkt des Verfassens ausdrücken wollten. Die beabsichtigte Bedeutung eines Textes ist die Bedeutung eines Textes. Daran kann man nicht rütteln!
Das ist uns bei jedem anderen Schriftstück selbstverständlich bewusst und wird automatisch so gehandhabt:
Die heutige Interpretation einer Bibelstelle kann nicht das Gegenteil bedeuten von der ursprünglichen Intention.
Stell Dir vor das Polizeipräsidium, dass mir den Strafzettel geschickt hat, hat seine Adresse in der Rosenstraße. Dürfte dann jmd. der ihn 2000 Jahre später findet, automatisch davon ausgehen, dass es sich deshalb dabei um einen Liebesbrief handelt. Natürlich nicht. Die ursprüngliche Intention ändert sich nicht. Aber die Interpretation wird schwieriger, weil es dann in 2000 Jahren vielleicht gar keine Strafzettel und auch kein Polizeipräsidium mehr gibt.
Das macht die Interpretation der Bibelstellen schwierig, weil wir mehrere Klüfte zu überwinden haben:
4. Grundprinzipien der Auslegung
Nochmal ein Artikel der Chicagoer Erklärung:
Artikel XVIII
Wir bekennen, dass man den Text der Bibel durch grammatisch-historische Exegese auslegen muss, indem man die literarischen Formen und Wendungen berücksichtigt…
Das ist jetzt nichts Liberales, sondern evangelikalste Anschauung.
Es gibt einige grundlegende Prinzipien bei einer grammatisch-historischen und den Kontext beachtenden Schriftauslegung:
1. Ferner Kontext
Was war das Anliegen des Autors des Buches? Jede Bibelstelle existiert in dem Kontext der ursprünglichen Absicht. Manche Verse bekommen eine veränderte Bedeutung, wenn wir den Zweck eines Briefes kennen.
2. Literarische Gattungen
Die Bibel enthält verschiedene Textgattungen: das Gesetz, Geschichte und Erzählungen, Poesie, Weisheitsliteratur, Prophetie, Evangelien, Briefe. In welcher Gattung steht der Text?
Das AT besteht zu 40% aus Erzählungen. Das was Menschen in diesen Erzählungen tun ist nicht immer vorbildhaft und wird meist auch nicht bewertet. Dort wird gelogen, gestohlen, gemordet, die Ehe gebrochen, Götzen angebetet usw. Es geht dabei um die Geschichte Gottes mit den Menschen und mit seinem Volk und nicht darum, dass wir das Verhalten nachahmen.
Bspw. ist die Vorgehensweise wie Elieser eine Braut für Isaak sucht keine Anleitung für christliche Brautwerbung.
In den Psalmen werden keine Lehren vermittelt, sondern es sind niedergeschriebene Lieder und Gebete mit all den Dingen, die die Schreiber am Herzen hatten.
Die Sprüche enthalten Weisheiten, die allgemeine Richtlinien beinhalten, aber keine immer gültigen Prinzipien. Der Faule kann auch mal aufstehen und muss nicht immer im Bett bleiben, wenn sich die Tür in der Angel dreht. (Spr. 26,14).
3. Heilsgeschichtlicher Kontext
In welchem heilgeschichtlichen Kontext steht der Vers?
Das Verbot für Frauen Männerkleidung zu tragen (5. Mo 22,5) steht im Gesetz des Mose und gilt nicht für uns.
Die Abgabe des Zehnten von Abraham an Melchisedek (1. Mo 14) steht zeitlich noch vor dem Gesetz und gilt für gar niemanden. Es war eine freiwillige Abgabe Abrahams von 10% seines Raubes und wird nirgends zur Nachahmung empfohlen. (Die Bibelstelle wird gerne von denen hergenommen, die den Zehnten lehren.)
Die Aufforderung gastfrei zu sein dagegen finden wir als mehrfachen Imperativ in den ntl. Briefen und damit gelten sie für uns.
Schwieriger wird es dann bei den Reden Jesu. Sie stehen im heilgeschichtlichen Kontext des Gesetzes, haben aber vielfach trotzdem auch Bedeutung für die Gemeinde. Hier muss man immer sehr genau hinschauen.
4. Naher Kontext
Wie ist der direkte Zusammenhang einer Bibelstelle?
Wer redet zu wem? Werden Gläubige oder Ungläubige angesprochen, Jünger oder Pharisäer, einzelne oder viele usw.?
Was kommt kurz davor oder danach?
Christen neigen ganz besonders dazu Verse aus dem Zusammenhang zu reißen. Im Koran gibt es keinen Zusammenhang. Aber in der Bibel gibt es einen Kontext.
Wenn ich bspw. zu X sage: „Bring mir bitte vom Bäcker einen Kaffee und ein Croissant mit. Ich komme für alle Kosten auf.“ hat eine ganz andere Bedeutung, als wenn X nur den zweiten Satz hernimmt: „Ich komme für alle Kosten auf“ und künftig mit jeder Rechnung zu mir kommt und sagt: „Du hast doch gesagt, dass Du für alle Unkosten aufkommst.“ Der zweite Satz gilt nur im Zusammenhang mit dem ersten Satz.
Das beste Beispiel ist:
„ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.“ (Phil. 4,13 Luth 2017)
Der Vers muss oft herhalten um auszudrücken, dass mir durch Gott alles möglich ist. Betrachtet man jedoch den Kontext wird deutlich dass
a) Paulus hier Zeiten des materiellen Überflusses und des Mangels meint „Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden;“ (V.12)
b) seine persönlichen Erfahrungen schildert
c) den Philippern im Anschluss für ihre Spende dankt
Es ist also keine Verheißung um Unmögliches anzugehen, sondern allenfalls eine Ermutigung durchzuhalten, wenn man sich in einer ähnlichen Situation des Mangels befindet.
Ein andere bekannte Geschichte für aus dem Kontext gerissenes Bibellesen ist der junge Mann, der den Willen Gottes für sein Leben suchen wollte und sich dazu entschieden hat, exakt das zu tun, was die Bibelstelle zu ihm sagt, die er als erstes aufschlägt:
Mt. 27,5 „und machte sich davon und ging hin und erhängte sich“
Lk. 10,37 „Geh hin und handle du ebenso!“
Joh. 13,27 „Was du tust, tu schnell!“
5. Wortstudie
Woher kommt das Wort?
Welche Bedeutung hatte das Wort für den Adressaten?
Hat sich die Bedeutung des Wortes über die Jahrhunderte verändert?
(z.B. elend bedeutete ursprünglich heimatlos, landlos, vertrieben und heute eher arm oder sich schlecht fühlen)
6. Grammatik
Welche Teile hängen voneinander ab?
(z.B. 1. Kor. 11,12 unwürdig = Adverb und bezieht sich auf die Art und Weise des Einnehmens des Abendmahls und nicht auf die Person)
7. Biblische Parallelstellen
Helfen andere Stellen bei der Interpretation?
(z.B. Glaube allein oder durch Werke? Jak. 2,24)
8. Harmonie der Schrift
Was lehrt der Rest der Schrift über ein Thema?
Die Auslegung einer Stelle kann nicht konträr zur Gesamtschau der Bibel sein.
9. Historischer Hintergrund
Welche historischen Begebenheiten gab es zu der Zeit?
10. Ursprüngliche Bedeutung und Absicht
Wie hätten es die Adressanten damals verstanden?
Zusammenfassend gilt: es geht nicht darum was wir gerne verstehen möchten, sondern um die Absicht des Autoren.
5. Schluss
Erst wenn ich die Aussage eines Textes verstanden habe, kann ich fragen was er mir zu sagen hat.
Manche der Prinzipien sind einfach anzuwenden, für manche braucht man Kommentare und Sekundärliteratur. Den Kontext beachten, kann man meist schon ohne weitere Hilfsmittel.
Es geht letztlich nicht darum ein Bibelgelehrter zu werden, wobei ich es schon sehr faszinierend finde, in die Tiefen der Schrift einzutauchen, sondern es geht um unsere Zurüstung.
„So ist also der, der Gott gehört und ihm dient, mit Hilfe der Schrift allen Anforderungen gewachsen; er ist durch sie dafür ausgerüstet, alles zu tun, was gut und richtig ist.“ (2. Tim 3.17 NGÜ)
AMEN.
Für umfangreichere Studien verweise ich auf die Seminarreihe "Bibellesen mit Gewinn" der ECG Berlin: Bibellesen mit Gewinn
1. Einleitung
Ich möchte heute mal über grundlegende Prinzipien biblischer Schriftauslegung reden. Ich habe in der Kommunikation mit anderen festgestellt, dass da doch einige sehr unterschiedliche Ansichten vorherrschen.
Ich möchte heute nicht darüber reden, wie Gott zu uns spricht. Gott kann durch sehr viele verschiedene Kanäle - so wie es ihm gefällt - zu uns reden. Durch Menschen, durch die Natur, durch Gedanken, durch die Bibel etc. Darum geht es mir heute nicht.
Und ich kann auch keinen vollständigen Überblick über das Thema geben. Dazu bin ich erstens wirklich nicht kompetent genug und zweitens reicht dazu die Zeit auch nicht. Ich möchte heute nur eine Basis legen.
2. Die Inspiration der Heiligen Schrift
Grundlage all unserer Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift ist, dass wir davon ausgehen, dass sie von Gott inspiriert ist. Hierzu zunächst einige Bekenntnisse.
Glaubensbasis der Evangelischen Allianz (1846)
Wir bekennen uns…
zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung,…
Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel (1978)
Artikel III
Wir bekennen, dass das geschriebene Wort in seiner Gesamtheit von Gott gegebene Offenbarung ist.
Artikel VI
Wir bekennen, dass die Schrift als Ganzes und all ihre Teile bis zu den einzelnen Wörtern des Urtextes von Gott durch göttliche Inspiration gegeben wurden.
Artikel XII
Wir bekennen, dass die Schrift in ihrer Gesamtheit irrtumslos ist und damit frei von Falschheit, Betrug oder Täuschungen.
Diese insgesamt 19 Artikel sind Grundlage eines großen Teils der evangelikalen Christenheit.
Aber was heißt das praktisch bezogen auf die Auslegung der Heiligen Schrift?
Zunächst die wichtigste Bibelstelle aus dem NT zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift:
„Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit,“ (2. Tim. 3,16 Rev. Elb.)
„Denn alles, was in der Schrift steht, ist von Gottes Geist eingegeben, und dementsprechend groß ist auch der Nutzen der Schrift: Sie unterrichtet in der Wahrheit, deckt Schuld auf, bringt auf den richtigen Weg und erzieht zu einem Leben nach Gottes Willen.“ (2. Tim. 3,16 NGÜ)
Was steht hier?
Alle bedeutet aus unserer heutigen Sicht die ganze Bibel. Aber an was hat Paulus gedacht? Es gab ja noch kein NT.
Er dachte zuerst an die jüdische Bibel. Unser AT.
Er hat den Brief an Timotheus in seiner zweiten Gefangenschaft in Rom, ca. im Jahr 67 geschrieben. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten der Schriften unseres heutigen NT schon geschrieben. Die Evangelien, die Apostelgeschichte und viele der Briefe. Lediglich der zweite Petrusbrief, der Judasbrief und die Offenbarung des Johannes sind jüngerem Datums.
Paulus war sich seines göttlichen Auftrags und seiner apostolischen Autorität bewusst. Könnte es daher sein, dass er auch seine Briefe und die der anderen Apostel im Blick hatte?
Und tatsächlich gibt es Bibelstellen, die sie auf eine gemeinsame Ebene mit dem AT stellen.
Petrus schreibt:
„Und seht in der Langmut unseres Herrn die Rettung, wie auch unser geliebter Bruder Paulus nach der ihm gegebenen Weisheit euch geschrieben hat, wie auch in allen Briefen, wenn er in ihnen von diesen Dingen redet. In diesen Briefen ist einiges schwer zu verstehen, was die Unwissenden und Ungefestigten verdrehen, wie auch die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2. Petr. 3, 15.16 Rev. Elb.)
Petrus ordnet hier die Briefe des Paulus - wenn auch als schwer verständlich - den Schriften zu.
Ein weiterer Hinweis findet sich bei Paulus:
„Denn die Schrift sagt: "Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden", und: "Der Arbeiter ist seines Lohnes wert.““ (1. Tim. 5,18 Rev. Elb.)
Hier werden eine alttestamentliche Quelle (5. Mose 25,4) und eine neutestamentliche Quelle (Lk. 10,7) auf eine gleichrangige Ebene gestellt und beides als Schrift bezeichnet.
Wir kommen also zu dem Ergebnis, dass Paulus hier zwar noch nicht an das NT in der uns vorliegenden Form gedacht hat, wir aber seine Aussage durchaus auf den ganzen neutestamentlichen Kanon beziehen dürfen.
Eingegeben. „Theopneustos“. (Lässt sich mit medizinischen Kenntnissen ganz leicht ableiten.) Wörtlich „gottgehaucht“.
Es bedeutet durch den Heiligen Geist inspiriert worden zu sein. Das Wort kommt nur an dieser Stelle im NT vor. Petrus beschreibt den ähnlichen Vorgang als „getrieben von Heiligem Geist“ (2. Petr. 1,21).
Wir kann man sich das vorstellen? War es eine verbale Wort-zu-Wort-Inspiration oder hat der Heilige Geist nur dem Sinn nach eingehaucht? Oder war es vielleicht eine Kombination aus beiden?
Letztlich wissen wir es nicht. Aber Fakt ist, dass die Bibel von über 40 Menschen niedergeschrieben wurde. Und das man bei vielen Büchern deutliche Unterschiede im Schreibstil feststellen kann. Allein im NT besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen den Briefen des Paulus (logisch argumentierend) und denen des Johannes (eher einfach Sätze, aber tiefgründig, fast philosophisch, immer die Liebe hervorhebend). Der Heilige Geist hat also die Persönlichkeit des Schreibers nicht übergangen.
Ich nehme für mich keine apostolische Autorität in Anspruch. Aber auch wenn ich eine Predigt vorbereite, verlasse ich mich auf die Leitung des Heiligen Geistes und ich vertraue darauf, dass ich - mehr oder weniger - seine Impulse wiedergebe. Und manchmal ist vielleicht ein einzelner Satz dabei, wo ich mir dann hinterher denke: Wow, super Formulierung, wo kommt die denn jetzt her?
Oder wenn wir evangelistische Gespräche führen, erleben wir doch auch, dass der Geist Gottes uns manchmal übernatürliche Gedanken gibt. Vielleicht kann man sich das einhauchen so ähnlich vorstellen, nur dass es beim Entstehen der Bibel noch mal auf einer höheren Ebene stattfand. Damit am Ende das heraus kommen konnte, was Gott wollte. Und jetzt sind wir beim nächsten Wort.
Schrift. Und hier vollziehen wir manchmal einen Denkfehler. Denn die ganze Bibel ist Gottes Wort, in dem Sinne, dass alles so niedergeschrieben wurde, wie er es wollte, aber die ganze Bibel ist nicht Gottes Wort, in dem Sinne, dass alles sein Reden ist.
Luther sagte, dass man zuerst fragen muss: Wer spricht da? Denn die Bibel enthält Reden von Gott, von Jesus, von göttlich beauftragten Personen, aber sie enthält auch Reden von ganz normalen Menschen und auch von schlechten Menschen, von Gläubigen und Ungläubigen, von der Weisheit und sie enthält sogar Reden des Teufels und sie enthält sehr viele Beschreibungen.
Gott hat gewollt, dass alles so niedergeschrieben wurde, aber nicht alles ist sein Reden.
Deutlich wird dies beispielsweise bei der Entstehung der jüdischen Bibel.
Die jüdische Bibel (Tenach) ist anders aufgebaut als unser AT. Sie besteht aus drei Teilen:
1. der Tora (Weisung) = die fünf Bücher Mose
2. den Nebi´im (Propheten) = Josua, Richter, Samuel, Könige, die drei großen Propheten (Jesaja, Jeremia, Hesekiel) und die 12 kleinen Propheten
3. den Ketubim (Schriften) = Psalmen, Hiob, Sprüche (Poetischen Bücher), Ruth, Hoheslied, Prediger, Klagelieder, Ester (Fünf Rollen) und Daniel, Esra-Nehemia und Chronik (Historische Bücher)
Diese Dreiteilung drückt eine Wertigkeit, eine Rangfolge bzgl. des autoritativen Ranges aus. Nicht weil sie nicht als inspiriert gegolten hätten, sondern weil Unterschiede im Reden Gottes darin zu finden sind.
In den Tora hat Gott selbst mit Mose gesprochen, er hat die Gebote in Stein gemeißelt, das Gesetz wurde übermittelt.
Die Propheten haben Gottes Offenbarungen in Träumen und Visionen empfangen.
Wogegen die Schriften überwiegend Berichte, Weisheiten und Lieder beinhalten und nur wenig Reden Gottes und damit nur einen niedrigen Rang einnehmen Sie duften auch nicht miteinander verbunden werden.
Deshalb gebraucht Paulus in seinem Schreiben an Timotheus auch dieses merkwürdige Wort:
Nützlich. Alle Schriften sind nützlich. Gottes Wort nur nützlich? Ist das nicht eine etwas schwache Formulierung? Aber es ist die richtige Formulierung, weil die Bibel nicht nur autoritativ ist, sondern eben neben Gottes heilbringenden, ermahnenden, ermutigenden, gebietenden, belehrenden usw. Reden eben auch viele Texte enthält, in denen Gott nicht spricht, sondern die einfach nur hilfreich für unser Leben als Gläubige sind.
„damit der Mensch Gottes richtig sei, für jedes gute Werk ausgerüstet.“ (2. Tim. 3,17 Rev. Elb.)
3. Spielregeln der Auslegung
Früher hat man üblicherweise vermittelt bekommen, dass wir beim Bibellesen fragen sollen, was hat mir heute dieses Wort, dieser Vers zu sagen? Was will mir Gott damit vermitteln?
Das ist keine verkehrte Frage. Es geht ja darum, dass ich erkennen soll, was mir ein Text zu sagen hat und wie ich ihn anwenden kann. Aber das ist nicht die erste Frage. Denn bevor ich erkennen kann, was mir ein Text zu sagen hat, muss ich erst mal erkennen, was in dem steht. Denn sonst laufe ich Gefahr, meine eigenen Gedanken in den Text hineinzu-lesen. Wir sind alle mit Voreingenommenheit belastet.
Dabei gilt es grundlegende Prinzipien der Hermeneutik (Wissenschaft und Kunst der Auslegung) zu beachten. Paulus sagt Timotheus er soll das Wort „in gerader Richtung schneiden“ (2. Tim. 2,15), d.h. in der rechten Art und Weise auslegen.
Wer entscheidet, wenn wir heute einen Brief bekommen, welche Bedeutung die Worte haben? Der Empfänger oder der Absender? Natürlich der Absender.
Wenn wir die Bibel als Gottes inspiriertes Wort ernst nehmen, dann müssen wir erkennen was Gott damals gesagt hat. Daher müssen wir beim Lesen eines Textes verstehen:
- wer (und auch zu wem)
- was
- wann
- wo
- warum
- wie
Wenn wir gemeinsam ein Spiel spielen wollen, brauchen wir dazu dieselben Regeln. Bei Schach ist das noch relativ klar. Bei Uno ist das schon schwieriger, da gibt es viele verschiedene Regeln. Aber es gibt auch einheitliche offizielle Regeln, z.B. dass man die farbige 4-Ziehen-Karte nur spielen darf, wenn man die liegende Farbe nicht hat. Hab ich neulich erst gelesen. Das weiß kaum jemand.
Wenn wir die Bibel auslegen wollen, brauchen wir klare Regeln, sonst kann Unsinn heraus kommen. Dann wird die Bibel gedehnt wie Kaugummi und der eine sagt: „Das bedeutet für mich dies.“ und der andere: „Für mich bedeutet es jenes.“
Sicher gibt es Stellen, die nicht einfach zu verstehen sind, aber Gott hat uns vermutlich nicht sein Wort gegeben, damit es der Beliebigkeit anheim fällt, dadurch dass es von jedem interpretiert wird, wie er möchte.
Bei dem „Spiel“ der Bibelauslegung gibt es eine Spielkarte, die ist eine Trumpfkarte und sticht alle anderen Karten. Und dieser Trumpf heißt: Kontext. Das richtige Verständnis eines Textes ist nur in seinem Kontext möglich.
Die einzig mögliche Bedeutung eines Textes ist das, was der göttliche und der menschliche Verfasser zum Zeitpunkt des Verfassens ausdrücken wollten. Die beabsichtigte Bedeutung eines Textes ist die Bedeutung eines Textes. Daran kann man nicht rütteln!
Das ist uns bei jedem anderen Schriftstück selbstverständlich bewusst und wird automatisch so gehandhabt:
- wenn ich ein Zeugnis in der Hand halte, weiß ich das es nicht meins ist, wenn nicht mein Name drauf steht, sondern es ist das Zeugnis der Person, dessen Name drauf steht
- wenn ich einen Strafzettel bekomme, weiß ich, dass ich ihn zu zahlen habe und es keine Gutschrift ist
- wenn ich eine Rechnung erhalte, auf der steht: Zahlbar innerhalb von 14 Tagen, weiß ich das die Frist jetzt beginnt und nicht wieder neu beginnt, wenn ich die Rechnung erst mal weglege und den Satz dann vielleicht erst in drei Wochen wieder lese.
Die heutige Interpretation einer Bibelstelle kann nicht das Gegenteil bedeuten von der ursprünglichen Intention.
Stell Dir vor das Polizeipräsidium, dass mir den Strafzettel geschickt hat, hat seine Adresse in der Rosenstraße. Dürfte dann jmd. der ihn 2000 Jahre später findet, automatisch davon ausgehen, dass es sich deshalb dabei um einen Liebesbrief handelt. Natürlich nicht. Die ursprüngliche Intention ändert sich nicht. Aber die Interpretation wird schwieriger, weil es dann in 2000 Jahren vielleicht gar keine Strafzettel und auch kein Polizeipräsidium mehr gibt.
Das macht die Interpretation der Bibelstellen schwierig, weil wir mehrere Klüfte zu überwinden haben:
- zeitlich (2000 - 3600 Jahre)
- geographisch (über 3000 km)
- kulturell (Orient)
- linguistisch (andere Sprachen, andere Buchstaben)
- literarisch (andere Gattungen)
- heilsgeschichtlich (andere Epoche der Heilsgeschichte).
4. Grundprinzipien der Auslegung
Nochmal ein Artikel der Chicagoer Erklärung:
Artikel XVIII
Wir bekennen, dass man den Text der Bibel durch grammatisch-historische Exegese auslegen muss, indem man die literarischen Formen und Wendungen berücksichtigt…
Das ist jetzt nichts Liberales, sondern evangelikalste Anschauung.
Es gibt einige grundlegende Prinzipien bei einer grammatisch-historischen und den Kontext beachtenden Schriftauslegung:
1. Ferner Kontext
Was war das Anliegen des Autors des Buches? Jede Bibelstelle existiert in dem Kontext der ursprünglichen Absicht. Manche Verse bekommen eine veränderte Bedeutung, wenn wir den Zweck eines Briefes kennen.
2. Literarische Gattungen
Die Bibel enthält verschiedene Textgattungen: das Gesetz, Geschichte und Erzählungen, Poesie, Weisheitsliteratur, Prophetie, Evangelien, Briefe. In welcher Gattung steht der Text?
Das AT besteht zu 40% aus Erzählungen. Das was Menschen in diesen Erzählungen tun ist nicht immer vorbildhaft und wird meist auch nicht bewertet. Dort wird gelogen, gestohlen, gemordet, die Ehe gebrochen, Götzen angebetet usw. Es geht dabei um die Geschichte Gottes mit den Menschen und mit seinem Volk und nicht darum, dass wir das Verhalten nachahmen.
Bspw. ist die Vorgehensweise wie Elieser eine Braut für Isaak sucht keine Anleitung für christliche Brautwerbung.
In den Psalmen werden keine Lehren vermittelt, sondern es sind niedergeschriebene Lieder und Gebete mit all den Dingen, die die Schreiber am Herzen hatten.
Die Sprüche enthalten Weisheiten, die allgemeine Richtlinien beinhalten, aber keine immer gültigen Prinzipien. Der Faule kann auch mal aufstehen und muss nicht immer im Bett bleiben, wenn sich die Tür in der Angel dreht. (Spr. 26,14).
3. Heilsgeschichtlicher Kontext
In welchem heilgeschichtlichen Kontext steht der Vers?
Das Verbot für Frauen Männerkleidung zu tragen (5. Mo 22,5) steht im Gesetz des Mose und gilt nicht für uns.
Die Abgabe des Zehnten von Abraham an Melchisedek (1. Mo 14) steht zeitlich noch vor dem Gesetz und gilt für gar niemanden. Es war eine freiwillige Abgabe Abrahams von 10% seines Raubes und wird nirgends zur Nachahmung empfohlen. (Die Bibelstelle wird gerne von denen hergenommen, die den Zehnten lehren.)
Die Aufforderung gastfrei zu sein dagegen finden wir als mehrfachen Imperativ in den ntl. Briefen und damit gelten sie für uns.
Schwieriger wird es dann bei den Reden Jesu. Sie stehen im heilgeschichtlichen Kontext des Gesetzes, haben aber vielfach trotzdem auch Bedeutung für die Gemeinde. Hier muss man immer sehr genau hinschauen.
4. Naher Kontext
Wie ist der direkte Zusammenhang einer Bibelstelle?
Wer redet zu wem? Werden Gläubige oder Ungläubige angesprochen, Jünger oder Pharisäer, einzelne oder viele usw.?
Was kommt kurz davor oder danach?
Christen neigen ganz besonders dazu Verse aus dem Zusammenhang zu reißen. Im Koran gibt es keinen Zusammenhang. Aber in der Bibel gibt es einen Kontext.
Wenn ich bspw. zu X sage: „Bring mir bitte vom Bäcker einen Kaffee und ein Croissant mit. Ich komme für alle Kosten auf.“ hat eine ganz andere Bedeutung, als wenn X nur den zweiten Satz hernimmt: „Ich komme für alle Kosten auf“ und künftig mit jeder Rechnung zu mir kommt und sagt: „Du hast doch gesagt, dass Du für alle Unkosten aufkommst.“ Der zweite Satz gilt nur im Zusammenhang mit dem ersten Satz.
Das beste Beispiel ist:
„ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.“ (Phil. 4,13 Luth 2017)
Der Vers muss oft herhalten um auszudrücken, dass mir durch Gott alles möglich ist. Betrachtet man jedoch den Kontext wird deutlich dass
a) Paulus hier Zeiten des materiellen Überflusses und des Mangels meint „Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden;“ (V.12)
b) seine persönlichen Erfahrungen schildert
c) den Philippern im Anschluss für ihre Spende dankt
Es ist also keine Verheißung um Unmögliches anzugehen, sondern allenfalls eine Ermutigung durchzuhalten, wenn man sich in einer ähnlichen Situation des Mangels befindet.
Ein andere bekannte Geschichte für aus dem Kontext gerissenes Bibellesen ist der junge Mann, der den Willen Gottes für sein Leben suchen wollte und sich dazu entschieden hat, exakt das zu tun, was die Bibelstelle zu ihm sagt, die er als erstes aufschlägt:
Mt. 27,5 „und machte sich davon und ging hin und erhängte sich“
Lk. 10,37 „Geh hin und handle du ebenso!“
Joh. 13,27 „Was du tust, tu schnell!“
5. Wortstudie
Woher kommt das Wort?
Welche Bedeutung hatte das Wort für den Adressaten?
Hat sich die Bedeutung des Wortes über die Jahrhunderte verändert?
(z.B. elend bedeutete ursprünglich heimatlos, landlos, vertrieben und heute eher arm oder sich schlecht fühlen)
6. Grammatik
Welche Teile hängen voneinander ab?
(z.B. 1. Kor. 11,12 unwürdig = Adverb und bezieht sich auf die Art und Weise des Einnehmens des Abendmahls und nicht auf die Person)
7. Biblische Parallelstellen
Helfen andere Stellen bei der Interpretation?
(z.B. Glaube allein oder durch Werke? Jak. 2,24)
8. Harmonie der Schrift
Was lehrt der Rest der Schrift über ein Thema?
Die Auslegung einer Stelle kann nicht konträr zur Gesamtschau der Bibel sein.
9. Historischer Hintergrund
Welche historischen Begebenheiten gab es zu der Zeit?
10. Ursprüngliche Bedeutung und Absicht
Wie hätten es die Adressanten damals verstanden?
Zusammenfassend gilt: es geht nicht darum was wir gerne verstehen möchten, sondern um die Absicht des Autoren.
5. Schluss
Erst wenn ich die Aussage eines Textes verstanden habe, kann ich fragen was er mir zu sagen hat.
Manche der Prinzipien sind einfach anzuwenden, für manche braucht man Kommentare und Sekundärliteratur. Den Kontext beachten, kann man meist schon ohne weitere Hilfsmittel.
Es geht letztlich nicht darum ein Bibelgelehrter zu werden, wobei ich es schon sehr faszinierend finde, in die Tiefen der Schrift einzutauchen, sondern es geht um unsere Zurüstung.
„So ist also der, der Gott gehört und ihm dient, mit Hilfe der Schrift allen Anforderungen gewachsen; er ist durch sie dafür ausgerüstet, alles zu tun, was gut und richtig ist.“ (2. Tim 3.17 NGÜ)
AMEN.
Für umfangreichere Studien verweise ich auf die Seminarreihe "Bibellesen mit Gewinn" der ECG Berlin: Bibellesen mit Gewinn
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