Dienstag, 14. April 2009
Sonntag, 5. April 2009
Predigt von Norbert Wohlrab (05.04.09)
Die Salbung durch die Sünderin
1. Einleitung: Passionszeit
Wir haben jetzt ja nur noch eine Woche bis zum Osterfest und gehen somit auf´s Ende der Passionszeit zu.
Unter Passion verstehen wir Christen ja zuerst den Leidensweg Christi. Passion abgeleitet vom lat. "passio" Leiden. In der Kirchengeschichte hat sich daraus eine Fasten- und Vorbereitungszeit entwickelt, die sehr unterschiedlich begangen wird. Die kath. Kirche des Mittelalters hat den Gläubigen sehr strenge Fastenzeiten auferlegt (deshalb mussten sie vorher noch mal so richtig die Sau raus lassen). In der Reformation wurde dann mehr Wert auf innere Erneuerung gelegt und der Fokus weggerichtet von formalen Übungen. Heute werden solche Traditionen immer weniger gepflegt. Manchmal ist es schick oder religiös motiviert sieben Wochen auf einzelne Dinge wie Gummibärchen, TV oder Spinat zu verzichten. Aber letztlich lässt sich Sinn und Unsinn all dieser frommen Übungen daran festmachen, ob sie helfen den einzelnen vorzubereiten. Vorbereiten - auf was? Darauf Jesus neu oder tiefer oder auch erstmals zu begegnen.
2. Die Salbung durch die Sünderin
Ich möchte jetzt die Geschichte von einer Frau vorlesen, die sich vorbereitet hat Jesus zu begegnen.
"Ein Pharisäer hatte Jesus zu sich zum Essen eingeladen, und Jesus war gekommen und hatte am Tisch Platz genommen. In jener Stadt lebte eine Frau, die für ihren unmoralischen Lebenswandel bekannt war. Als sie erfuhr, dass Jesus im Haus des Pharisäers zu Gast war, nahm sie ein Alabastergefäß voll Salböl und ging dorthin. Sie trat von hinten an das Fußende des Polsters, auf dem Jesus Platz genommen hatte, und brach in Weinen aus; dabei fielen ihre Tränen auf seine Füße. Da trocknete sie ihm die Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. Als der Pharisäer, der Jesus eingeladen hatte, das sah, dachte er: »Wenn dieser Mann wirklich ein Prophet wäre, würde er die Frau kennen, von der er sich da berühren lässt; er wüsste, was für eine sündige Person das ist.« Da wandte sich Jesus zu ihm. »Simon«, sagte er, »ich habe dir etwas zu sagen.« Simon erwiderte: »Meister, bitte sprich!« – »Zwei Männer hatten Schulden bei einem Geldverleiher«, begann Jesus. »Der eine schuldete ihm fünfhundert Denare, der andere fünfzig. Keiner der beiden konnte seine Schulden zurückzahlen. Da erließ er sie ihnen. Was meinst du: Welcher von den beiden wird ihm gegenüber wohl größere Dankbarkeit empfinden? « Simon antwortete: »Ich nehme an, der, dem er die größere Schuld erlassen hat.« – »Richtig«, erwiderte Jesus. Dann wies er auf die Frau und sagte zu Simon: »Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen, und du hast mir kein Wasser für meine Füße gereicht; sie aber hat meine Füße mit ihren Tränen benetzt und mit ihrem Haar getrocknet. Du hast mir keinen Kuss zur Begrüßung gegeben; sie aber hat, seit ich hier bin, nicht aufgehört, meine Füße zu küssen. Du hast meinen Kopf nicht einmal mit gewöhnlichem Öl gesalbt, sie aber hat meine Füße mit kostbarem Salböl gesalbt. Ich kann dir sagen, woher das kommt. Ihre vielen Sünden sind ihr vergeben worden, darum hat sie mir viel Liebe erwiesen. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt auch wenig. « Und zu der Frau sagte Jesus: »Deine Sünden sind dir vergeben.« Die anderen Gäste fragten sich: »Wer ist dieser Mann, der sogar Sünden vergibt?« Jesus aber sagte zu der Frau: »Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden!«" (Lk. 7,36-50 NGÜ)
Jesus ist eingeladen bei einem Pharisäer. Den Jesus, den sie noch ein paar Verse vorher als Fresser und Weinsäufer verspottet hatten, haben sie nun in ihre festlichen Hallen, in ihre vornehme Gesellschaft eingeladen. Die Pharisäer, die sich für was Besonderes, für auserwählte Israeliten, für besonders gerecht hielten. Wahrscheinlich sollte die Einladung dazu dienen, Jesus noch besser analysieren und einordnen zu können. Man wollte noch mehr gegen ihn in der Hand haben.
Diese großen Festgelage fanden meist öffentlich statt. So dass auch das einfache Volk am Rand der Halle zusehen konnte. (Man muss sich das in etwa so vorstellen, dass die Hartz-IV-Empfänger mal sehen dürfen, was bei den Beamten auf die Teller kommt.) Darunter war eine Frau mit unmoralischen Lebenswandel heißt es hier. Eine Prostituierte. Auf der Straße weicht man so einer aus, dreht ihr den Rücken zu, spuckt vor ihr aus - tagsüber. Nachts dagegen sieht es für manche Männer anders aus. So eine Prostituierte ist diese Frau. Warum sie ihren Lebensunterhalt so verdient, wird nicht gesagt, es spielt auch keine Rolle. Sie gezwungen isoliert und einsam zu leben. Eine Frau, die sich wahrscheinlich selbst genauso verachtet wie ihren Beruf und die Männer, die zu ihr kommen.
Diese Frau hat von Jesus gehört, vielleicht ist sie ihm sogar früher schon einmal begegnet und hat seinen Worten gelauscht. In ihr hat sich eine Sehnsucht nach dem Reich Gottes entwickelt. Sie will diesen Mann sehen, der doch für so viele Verachtete und Ausgegrenzte (Zöllner, Sünder, Aussätzige) Hoffnung, Heilung und Erneuerung bedeutet. Das, was sie von Jesus mitbekommen hat, hat in ihr das Gefühl wachsen lassen: er könnte es sein, der ihre Sehnsüchte erfüllen kann, der sie ernst nimmt, der ihrem Leben einen Wert gibt, der ihr Vertrauen nicht enttäuscht und ihr Hoffnung gibt. Bei ihm kann sie Frieden finden für ihre Seele. Bei ihm kann sie Vergebung finden. Und als sie hört, dass er in ihrer Stadt ist, nimmt sie Öl (vom Lohn als Prostituierte gekauft!) und geht zu ihm. Sie will ihm begegnen, ihn salben, ihn ehren.
Doch auf der Türschwelle bleibt sie erstarrt stehen. Sie stellt fest. da ist nicht nur Jesus, das sind auch Pharisäer! Niemand verachtet sie in der Stadt stärker als die Pharisäer, kein anderer macht ihr deutlicher, dass ihr ganzes Leben total verpfuscht ist. Und ihr Traum zerplatzt erst einmal - aber jetzt einfach wieder gehen, nein, das will sie nun auch nicht mehr: zu groß ist ihr Wunsch ihm zu begegnen. Und so versucht sie, von hinten an Jesus heran zu kommen.
Und alles, was sie dann macht, ist irgendwie verkehrt, wie so vieles in ihrem Leben. Statt ihn anzusprechen, bricht sie in Tränen aus. Was macht sie als nächstes? Völlig verwirrt, löst sie ihr Haar. Spätestens jetzt wird den Männern im Raum der Atem gestockt haben: das Haar lösen - das tut eine jüdische Frau nur in der Intimität des ehelichen Schlafzimmers! Und dann wischt sie die Füße mit ihrem Haar trocken und küsst sie auch noch. Und dann - statt ihm den Kopf zu salben, gießt sie ihm das ganze Öl über die Füße. Und spricht dabei kein Wort.
Für jeden anderen wahrscheinlich eine absolut peinliche Szene. Nicht so für Jesus. Er lässt alles geschehen. Er weiß, dass dies ein Ausdruck ihrer Liebe und Dankbarkeit ist. Er lässt sich berühren. Er weist die Frau nicht zurecht. Er lächelt nicht verlegen. Er äußert sich nicht spöttisch. Er ärgert sich nicht über die Störung. Er verachtet sie nicht. Er lässt alles zu. Und dabei spricht niemand ein Wort. Die Frau nicht. Jesus nicht. Auch die Zuschauer nicht. Aber gedacht haben sich die Zuschauer einiges.
Der Rahmen dieses Abendessens war ja nicht einfach ein gemütliches Chillen wie bei uns am „Feier-Abend“, das war hier gehobene Gesellschaft. Wer sich hier öffentlich von einer Prostituierten anfassen lässt, ist unten durch. Dessen gesellschaftliche Karriere ist zu Ende.
Simon, der Gastgeber, denkt das, was alle andern denken: Du willst ein Prophet sein? Du willst uns von Gott erzählen und weißt nicht einmal, wie man sich anständig benimmt? Wenn Du wirklich ein Prophet wärst, würdest Du wissen, dass diese Frau eine Sünderin ist!
Jesus antwortet mit einem Gleichnis: wem die größere Schuld erlassen wird, ist dankbarer, liebt mehr. Und wem weniger erlassen wurde, der liebt eben weniger. Das sieht auch Simon ein. Die Frau hat ihre große Liebe zum Ausdruck gebracht, weil ihr ihre große Sünde bewusst war und so vergeben werden konnte. Simon dagegen? Wer perfekt ist, braucht doch keine Vergebung! Der Haken ist nur: ist Simon wirklich so perfekt?
Jesus verdeutlicht Simon auch, dass er seine einfachen Pflichten der Gastfreundschaft vernachlässigt hat. Normalerweise geht der Hausherr auf jeden Gast zu, grüßt ihn mit dem Gruß „Friede sei mit Dir“ und küsst ihn mit dem Friedenskuss. Der Kuss auf die Wange ist die Versicherung des Willkommenseins. Dann kommen Diener und waschen den Gästen die Füße. Zu Hause hatte man sich ja für das Gastmahl bereits gebadet und frisch eingekleidet, aber die Füße sind durch den Straßenstaub (man ging ja barfuß oder in Sandalen) wieder schmutzig geworden. Nach der Fußwaschung wurde wohlriechendes Öl zum Ordnen der Haare (wohl etwa wie man heute Gel verwendet) und zum Salben des Hauptes und der Hände gereicht. All diese Pflichten hatte Simon an Jesus nicht getan - wohl ein Ausdruck der geringen Wertschätzung und Ablehnung.
In Gottes Augen ist Stolz genauso Sünde wie Hurerei. Die Frau war sich ihrer Schuld bewusst, Simon seines Stolzes nicht.
Das Leben von Simon ist genauso wenig heil, wie das der Prostituierten - nur in einem anderen Bereich. Blaise Pascal hat einmal gesagt: "Es ist gleich gefährlich für den Menschen, von Gott zu wissen, ohne sein Elend zu kennen, wie sein Elend zu wissen, ohne den Erlöser zu kennen, der ihn davon zu heilen vermag!"
Aber diese Geschichte verdeutlicht für mich noch etwas anderes: Gott ist ein Menschenfreund und er gibt jedem und jeder eine Chance! Gott verachtet niemanden! Und wir? Geben wir den Pennern und Alkoholikern und Drogenabhängigen und Big Brother-Schauern und Talk-Show-Besuchern und anderen gesellschaftlich Geringgeschätzten oder Ausgegrenzten eine Chance? Glauben wir, dass Gott ihnen eine Chance gibt? Und glauben wir, dass wir vielleicht die Chance sind, die Gott ihnen gibt?
(Witz Feuerwehr)
Wir haben am Donnerstag als HK Pro Christ in der LKG Rosenstraße besucht und dort wurde das Zeugnis einer Frau gesendet, dass mich sehr angesprochen hat. Eine Frau Jg. 65 wurde in einem Billardsaal auf der Reeperbahn geboren. Die Mutter selber noch ein Teenager und Prostituierte. Mit zwei Jahren wurde sie das erste Mal von einem Kunden der Mutter sexuell missbraucht. Ein weiterer Freier hat sich dann glücklicherweise mal verplappert und so hat das Jugendamt von der Existenz des Kindes erfahren. Sie wurde raus geholt und kam in eine Pflegefamilie. Dort ging es ihr sehr gut und sie wurde geistig sehr gefördert. Mit 15 wollte sie zu ihrer Mutter auf die Reeperbahn und ist von zu Hause abgehauen. Die Mutter hat sie abgelehnt und um ihr zu gefallen, fing sie dann selber an auf den Strich zu gehen. Ein paar Jahre später hörte sie einem Straßenprediger zu. Sie konnte mit der Botschaft nichts anfangen und hat ihn mit einer Flasche beworfen. Der Evangelist ist ihr nachgegangen und hat sich zu ihr in den Dreck gesetzt und einfach mit ihr geredet. Das hatte sie bis dahin noch nie erlebt, dass sich jmd. zu ihr in den Dreck setzt und ihr zuhört. Er hat sie dann aufgefordert ihm ein Gebet nachzusprechen. Was sie dann auch getan hat - aber eigentlich nur um ihre Ruhe zu haben. Dabei hat sie dann gespürt wie eine Wärme ihren Körper durchflossen hat und ihre Entzugssymptome haben sofort aufgehört. Diese Erfahrung wollte sie nie wieder loswerden. Heute ist sie verheiratet, hat drei Kinder und arbeitet als Therapeutin bei Teen Challenge.
Gott gibt jedem eine Chance. Und manchmal sind wir diese Chance. Gott hat uns Heilung geschenkt. Nun sollen wir dieses Heil weitergeben.
3. Weitere Symbolik der Fußwaschung
Es gibt im NT noch weitere Beispiele von Fußwaschungen. Bspw. die Fußwaschung der Jünger durch Jesus. Hier einige Verse daraus:
„Das Passafest stand nun unmittelbar bevor. Jesus wusste, dass für ihn die Zeit gekommen war, diese Welt zu verlassen und zum Vater zu gehen. Darum gab er denen, die in der Welt zu ihm gehörten und die er immer geliebt hatte, jetzt den vollkommensten Beweis seiner Liebe. Er war mit seinen Jüngern beim Abendessen. Der Teufel hatte Judas, dem Sohn von Simon Iskariot, bereits den Gedanken ins Herz gegeben, Jesus zu verraten. Jesus aber wusste, dass der Vater ihm Macht über alles gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und wieder zu Gott ging. Er stand vom Tisch auf, zog sein Obergewand aus und band sich ein leinenes Tuch um. Dann goss er Wasser in eine Waschschüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Tuch abzutrocknen, das er sich umgebunden hatte. Simon Petrus jedoch wehrte sich, als die Reihe an ihn kam. »Herr, du willst mir die Füße waschen?«, sagte er. Jesus gab ihm zur Antwort: »Was ich tue, verstehst du jetzt nicht; aber später wirst du es begreifen.« – »Nie und nimmer wäschst du mir die Füße!«, erklärte Petrus. Jesus entgegnete: »Wenn ich sie dir nicht wasche, hast du keine Gemeinschaft mit mir.« Da rief Simon Petrus: »Herr, dann wasche mir nicht nur die Füße, wasch mir auch die Hände und den Kopf!« Jesus erwiderte: »Wer ein Bad genommen hat, ist ganz rein; er braucht sich später nur noch die Füße zu waschen. Auch ihr seid rein, allerdings nicht alle.« Jesus wusste, wer ihn verraten würde; das war der Grund, warum er sagte: »Ihr seid nicht alle rein.«“ (Joh. 13, 1-11 NGÜ)
Jesus tut hier diesen Dienst eines Dieners, eines Sklaven um seinen Jüngern zu zeigen welche Herzenshaltung im Reich Gottes die richtige ist. Nicht die eines Herrschers, sondern die des Dieners. Nicht Stolz, sondern Demut. Das ist so die zentrale Aussage dieser Fußwaschung, aber um die geht es mir jetzt mal nicht. Wir sind ja alle demütige Leute, da kann ich diesen Aspekt mal zur Seite schieben.
Ich denke es steckt hier noch eine weitere Symbolik drin. Zumal diese Fußwaschung hier ja nicht vor dem Essen stattfand, sondern danach, also wohl vom Zeitpunkt her von unserem Herrn schon primär als symbolische Handlung angelegt war.
Im AT war es so, dass die Priester, bevor sie in das Heiligtum eintreten durften, sich Hände und Füße waschen mussten, als Sinnbild der notwendigen Reinigung von aller Sünde vor jedem Dienst.
„Und der Herr redete zu Mose und sprach: Stelle ein bronzenes Becken und sein bronzenes Gestell her zum Waschen! Das stelle zwischen das Zelt der Begegnung und den Altar, tu Wasser hinein, und Aaron und seine Söhne sollen ihre Hände und ihre Füße darin waschen. Wenn sie in das Zelt der Begegnung hineingehen, sollen sie sich mit Wasser waschen, damit sie nicht sterben. Oder wenn sie an den Altar herantreten zum Dienst, um für den Herrn ein Feueropfer als Rauch aufsteigen zu lassen, dann sollen sie ihre Hände und ihre Füße waschen, damit sie nicht sterben. Und das soll für sie eine ewige Ordnung sein, für ihn und seine Nachkommen, für all ihre Generationen.“ (2. Mo. 30, 17 - 21)
Ich denke diese Fußwaschung, die Jesus an seinen Jüngern vollzog, ist in gewisser Weise auch eine Reinigung zum priesterlichen Dienst. Im Gegensatz zum AT, wo nur einige (die Nachkommen Aarons) zum Priesterdienst berufen waren, stehen wir nun alle in diesem Dienst.
„Lasst euch auch selbst als lebendige Steine aufbauen, als ein geistliches Haus, ein heiliges Priestertum, um geistliche Schlachtopfer darzubringen, Gott wohlan- nehmbar durch Jesus Christus...Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, eine heilige Nation, ein Volk zum Besitztum, damit ihr die Tugenden dessen verkündigt, der euch aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat“ (1. Petr. 2, 5.9)
Nicht mehr nur einzelne Auserwählte wie im Alten Bund! Es bedarf auch keines Hohenpriesters mehr, der die Forderungen des Kultes und des Gesetzes erfüllt, da Jesus sie als Hoherpriester für alle Zeit erfüllt hat (siehe Hebräerbrief).
In der Kirchengeschichte hat die katholische Kirche immer an einem Priester festgehalten, der quasi Mittler zu Gott ist und kultische Handlungen vollzieht. Luther hat in der Reformation versucht, dass Priestertum aller Gläubigen einzuführen, aber auch heute ist es für viele evangelische Pfarrer noch so, dass das Schlimmste geistlich mündige Laien sind. Selbst in vielen freien Gemeinden gibt es noch eine Überbetonung des Pastors, die dem allgemeinem Priestertum zuwider läuft und auf diese Weise die Freisetzung vieler geistlicher Gaben und Fähigkeiten blockiert.
Ein Priester Gottes zu sein, heißt nicht nur auf Gott hin ausgerichtet sein und ihn anbeten; es heißt auch Priester für das Volk zu sein. Paulus schreibt, dass vor allen anderen Dingen wir in die Fürbitte eintreten sollen für alle Menschen, weil Gott will, dass alle gerettet werden (1. Tim. 2,1). Wenn wir ehrlich sind, ist es doch oft so, dass die Fürbitte für die Verlorenen gerade das ist, was vor allen anderen Dingen am ehesten weggekürzt wird. Aber gerade das ist eine Aufgabe des priesterlichen Dienstes. Wir können vielleicht keine Priester für alle Menschen sein, aber für unsere Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen, Mitschüler, aber auch für die Familie, oder für den irre geleiteten Bruder oder für die Schwester. Oder vielleicht auch für den Penner, der uns jetzt schon zum vierten Mal über den Weg läuft; oder für die schräge Frau, die immer wieder mit uns im Wartezimmer beim Arzt sitzt. Für manche von ihnen sind wir die Chance.
Ich lese gerade ein Buch von Alan Hirsch und Michael Frost, zwei australische Theologen, mit dem Titel „Die Zukunft gestalten - Innovation und Evangelisation in der Kirche des 21. Jahrhunderts“. Manches in diesem Buch erscheint mir sehr abwegig, aber es steckt auch viel Wahrheit drin. Sie schreiben bspw., dass an dem Punkt der Kirchengeschichte ein negativer Prozess eingesetzt hat, als die Kirche im 3. Jahrhundert zur Staatskirche wurde. So hat sich über die Jahrhunderte die Kirche zu einer „attraktionalen“ Kirche entwickelt, d.h. das Selbstverständnis heißt jetzt: „Kommt in unsere heiligen Gebäude, kommt in unsere Gottesdienste, dort und nur dort könnt ihr Gott erfahren!“ Geplant war Kirche aber als „inkarnierend“, d.h. so wie Gott in Jesus Mensch geworden ist, sollte die Kirche sich zwischen und unter und mit den Menschen sich entfalten, so wie es in den ersten Jahrhunderten auch gewesen ist, so wie es Jesus vorgelebt hat, als er Gemeinschaft mit den Ausgestoßenen hatte, so wie er gesagt hat: „Geht!“ und nicht „Holt!“.
Es sind interessante Gedanken, auch wenn ich finde, dass es wohl beides braucht, vielleicht in anderen Formen, als wie sie bisher kennen. Und so wollen auch wir als CGF in den Sommermonaten einige Male in die FGZ gehen um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, für sie zu beten, sie einzuladen. Und vielleicht werden da auch Menschen dabei sein, die absolut außerhalb unseres Ereignishorizontes liegen.
4. Geistliches Atmen
Zum Schluss möchte ich noch auf einen besonderen Aspekt der Fußwaschung eingehen. Jesus sagt zu Petrus: „Wer ein Bad genommen hat, ist ganz rein; er braucht sich später nur noch die Füße zu waschen.“ Wir sind rein durch das Bad der Wiedergeburt.
„errettete er uns, nicht aus Werken, die, in Gerechtigkeit vollbracht, wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit durch die Waschung der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes.“ (Tit. 3,5)
Wenn wir von neuem geboren sind, sind wir gereinigt für alle Zeit. Nicht mehr im Stand von Sündern, sondern im Stand von Heiligen, von Gerechten, wir sind Kinder Gottes. Trotzdem sündigen wir noch. Hier brauchen wir immer wieder Reinigung. Diese Reinigung wird durch die Fußwaschung symbolisch dargestellt. Die Füße, die immer wieder schmutzig werden.
Als ich Studentenarbeit bei Campus für Christus gemacht habe, hatten wir dort einen Begriff: „Geistliches Atmen“. ich weiß nicht, ob dieser Begriff eine Campus-Schöpfung war oder weiter verbreitet ist. Dieses „Geistliche Atmen“ beschreibt den Prozess, dass wir immer wieder neu unsere Sünden (schmutzigen Füße) vor Gott bekennen müssen (= Ausatmen) und seine Vergebung in Anspruch nehmen (= Einatmen). Auch wenn mein Stand als Kind Gottes nicht gefährdet ist, weil ich frei bin vom Rechtsanspruch der Sünde über mein Leben, ist dieser Prozess doch für mein geistliches Leben wichtig.
Warum? Aus drei Gründen:
1. Meine Beziehung zu Gott ist beeinträchtigt. Jesus sagt zu Petrus: „Wenn ich sie dir nicht wasche, hast du keine Gemeinschaft mit mir.“ Sünden verunreinigen uns, und wir brauchen wieder Reinigung. Ein kleines Kind, dass trotz des Verbots der Mutter, im Schlamm spielt und sich schmutzig macht, bleibt das Kind der Eltern, aber es braucht die Reinigung vom Schmutz und die Wiederherstellung der Vertrauensbasis zwischen Kind und Eltern.
2. Wir brauchen die Erfahrung der Vergebung, damit unser Gewissen wieder rein wird (Hebr. 10,22). Genauso wie Schuld uns trennen kann, kann uns auch das schlechte Gewissen von Gott trennen. Hier blockieren wir uns selbst. Wir brauchen dann den Zuspruch der Vergebung. Hier ist es oft hilfreich Schuld vor anderen zu bekennen und von ihnen die Vergebung zugesprochen zu bekommen.
3. Wir müssen Schuld bekennen, damit die Sünden keine Macht bekommt über uns bekommen. Da wo wir gewohnheitsmäßig immer wieder im selben Bereich sündigen, z.B. Lügen, Zornausbrüche, Neid usw. kann sich Sünde zu einer Macht verfestigen bis hin zur Dämonisierung, wo dann seelsorgerliche Intervention notwendig ist. Und um diesen Prozess zu vermeiden und zu unterbrechen, ist es wichtig immer wieder neu die Schuld zu bekennen um so den Sünden die Macht zu nehmen, bis wir dann vielleicht irgendwann feststellen, dass wir auf einmal in diesem Bereich gar nicht mehr anfällig sind.
Ich halte diesen Prozess für geistliches Wachstum sehr wichtig. In der Campus-Gruppe wurde es z.T. nicht in der christlichen Freiheit gelebt und war leider immer mit einem gewissen Verdammnisgefühl verbunden. Das war falsch. Das Ja Gottes zu uns steht nicht zur Disposition. Unsere Gotteskindschaft steht nicht zur Disposition. Es geht um geistliche Wachstums- und Jüngerschaftsprozesse. Das ist jetzt für die meisten sicherlich Kinderkram, aber für manche ist es doch wichtig es sich mal wieder neu bewusst zu machen und einzuüben.
Wir wollen als Gemeinde ja den Gründonnerstag und Karfreitag bewusst gemeinsam begehen mit zwei meditativen Gebetsgottesdiensten u.a. auch um uns neu zu vergegenwärtigen, dass wir Teil sind des gebrochenen und auferstandenen Leibes, zu einem neuen Leib zusammengefügt sind. Auch dort wird Raum sein Schuld loszuwerden und Vergebung zu empfangen.
Abschließen möchte ich mit folgenden Vers:
„Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit.“ (1. Joh. 1,9)
AMEN.
1. Einleitung: Passionszeit
Wir haben jetzt ja nur noch eine Woche bis zum Osterfest und gehen somit auf´s Ende der Passionszeit zu.
Unter Passion verstehen wir Christen ja zuerst den Leidensweg Christi. Passion abgeleitet vom lat. "passio" Leiden. In der Kirchengeschichte hat sich daraus eine Fasten- und Vorbereitungszeit entwickelt, die sehr unterschiedlich begangen wird. Die kath. Kirche des Mittelalters hat den Gläubigen sehr strenge Fastenzeiten auferlegt (deshalb mussten sie vorher noch mal so richtig die Sau raus lassen). In der Reformation wurde dann mehr Wert auf innere Erneuerung gelegt und der Fokus weggerichtet von formalen Übungen. Heute werden solche Traditionen immer weniger gepflegt. Manchmal ist es schick oder religiös motiviert sieben Wochen auf einzelne Dinge wie Gummibärchen, TV oder Spinat zu verzichten. Aber letztlich lässt sich Sinn und Unsinn all dieser frommen Übungen daran festmachen, ob sie helfen den einzelnen vorzubereiten. Vorbereiten - auf was? Darauf Jesus neu oder tiefer oder auch erstmals zu begegnen.
2. Die Salbung durch die Sünderin
Ich möchte jetzt die Geschichte von einer Frau vorlesen, die sich vorbereitet hat Jesus zu begegnen.
"Ein Pharisäer hatte Jesus zu sich zum Essen eingeladen, und Jesus war gekommen und hatte am Tisch Platz genommen. In jener Stadt lebte eine Frau, die für ihren unmoralischen Lebenswandel bekannt war. Als sie erfuhr, dass Jesus im Haus des Pharisäers zu Gast war, nahm sie ein Alabastergefäß voll Salböl und ging dorthin. Sie trat von hinten an das Fußende des Polsters, auf dem Jesus Platz genommen hatte, und brach in Weinen aus; dabei fielen ihre Tränen auf seine Füße. Da trocknete sie ihm die Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. Als der Pharisäer, der Jesus eingeladen hatte, das sah, dachte er: »Wenn dieser Mann wirklich ein Prophet wäre, würde er die Frau kennen, von der er sich da berühren lässt; er wüsste, was für eine sündige Person das ist.« Da wandte sich Jesus zu ihm. »Simon«, sagte er, »ich habe dir etwas zu sagen.« Simon erwiderte: »Meister, bitte sprich!« – »Zwei Männer hatten Schulden bei einem Geldverleiher«, begann Jesus. »Der eine schuldete ihm fünfhundert Denare, der andere fünfzig. Keiner der beiden konnte seine Schulden zurückzahlen. Da erließ er sie ihnen. Was meinst du: Welcher von den beiden wird ihm gegenüber wohl größere Dankbarkeit empfinden? « Simon antwortete: »Ich nehme an, der, dem er die größere Schuld erlassen hat.« – »Richtig«, erwiderte Jesus. Dann wies er auf die Frau und sagte zu Simon: »Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen, und du hast mir kein Wasser für meine Füße gereicht; sie aber hat meine Füße mit ihren Tränen benetzt und mit ihrem Haar getrocknet. Du hast mir keinen Kuss zur Begrüßung gegeben; sie aber hat, seit ich hier bin, nicht aufgehört, meine Füße zu küssen. Du hast meinen Kopf nicht einmal mit gewöhnlichem Öl gesalbt, sie aber hat meine Füße mit kostbarem Salböl gesalbt. Ich kann dir sagen, woher das kommt. Ihre vielen Sünden sind ihr vergeben worden, darum hat sie mir viel Liebe erwiesen. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt auch wenig. « Und zu der Frau sagte Jesus: »Deine Sünden sind dir vergeben.« Die anderen Gäste fragten sich: »Wer ist dieser Mann, der sogar Sünden vergibt?« Jesus aber sagte zu der Frau: »Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden!«" (Lk. 7,36-50 NGÜ)
Jesus ist eingeladen bei einem Pharisäer. Den Jesus, den sie noch ein paar Verse vorher als Fresser und Weinsäufer verspottet hatten, haben sie nun in ihre festlichen Hallen, in ihre vornehme Gesellschaft eingeladen. Die Pharisäer, die sich für was Besonderes, für auserwählte Israeliten, für besonders gerecht hielten. Wahrscheinlich sollte die Einladung dazu dienen, Jesus noch besser analysieren und einordnen zu können. Man wollte noch mehr gegen ihn in der Hand haben.
Diese großen Festgelage fanden meist öffentlich statt. So dass auch das einfache Volk am Rand der Halle zusehen konnte. (Man muss sich das in etwa so vorstellen, dass die Hartz-IV-Empfänger mal sehen dürfen, was bei den Beamten auf die Teller kommt.) Darunter war eine Frau mit unmoralischen Lebenswandel heißt es hier. Eine Prostituierte. Auf der Straße weicht man so einer aus, dreht ihr den Rücken zu, spuckt vor ihr aus - tagsüber. Nachts dagegen sieht es für manche Männer anders aus. So eine Prostituierte ist diese Frau. Warum sie ihren Lebensunterhalt so verdient, wird nicht gesagt, es spielt auch keine Rolle. Sie gezwungen isoliert und einsam zu leben. Eine Frau, die sich wahrscheinlich selbst genauso verachtet wie ihren Beruf und die Männer, die zu ihr kommen.
Diese Frau hat von Jesus gehört, vielleicht ist sie ihm sogar früher schon einmal begegnet und hat seinen Worten gelauscht. In ihr hat sich eine Sehnsucht nach dem Reich Gottes entwickelt. Sie will diesen Mann sehen, der doch für so viele Verachtete und Ausgegrenzte (Zöllner, Sünder, Aussätzige) Hoffnung, Heilung und Erneuerung bedeutet. Das, was sie von Jesus mitbekommen hat, hat in ihr das Gefühl wachsen lassen: er könnte es sein, der ihre Sehnsüchte erfüllen kann, der sie ernst nimmt, der ihrem Leben einen Wert gibt, der ihr Vertrauen nicht enttäuscht und ihr Hoffnung gibt. Bei ihm kann sie Frieden finden für ihre Seele. Bei ihm kann sie Vergebung finden. Und als sie hört, dass er in ihrer Stadt ist, nimmt sie Öl (vom Lohn als Prostituierte gekauft!) und geht zu ihm. Sie will ihm begegnen, ihn salben, ihn ehren.
Doch auf der Türschwelle bleibt sie erstarrt stehen. Sie stellt fest. da ist nicht nur Jesus, das sind auch Pharisäer! Niemand verachtet sie in der Stadt stärker als die Pharisäer, kein anderer macht ihr deutlicher, dass ihr ganzes Leben total verpfuscht ist. Und ihr Traum zerplatzt erst einmal - aber jetzt einfach wieder gehen, nein, das will sie nun auch nicht mehr: zu groß ist ihr Wunsch ihm zu begegnen. Und so versucht sie, von hinten an Jesus heran zu kommen.
Und alles, was sie dann macht, ist irgendwie verkehrt, wie so vieles in ihrem Leben. Statt ihn anzusprechen, bricht sie in Tränen aus. Was macht sie als nächstes? Völlig verwirrt, löst sie ihr Haar. Spätestens jetzt wird den Männern im Raum der Atem gestockt haben: das Haar lösen - das tut eine jüdische Frau nur in der Intimität des ehelichen Schlafzimmers! Und dann wischt sie die Füße mit ihrem Haar trocken und küsst sie auch noch. Und dann - statt ihm den Kopf zu salben, gießt sie ihm das ganze Öl über die Füße. Und spricht dabei kein Wort.
Für jeden anderen wahrscheinlich eine absolut peinliche Szene. Nicht so für Jesus. Er lässt alles geschehen. Er weiß, dass dies ein Ausdruck ihrer Liebe und Dankbarkeit ist. Er lässt sich berühren. Er weist die Frau nicht zurecht. Er lächelt nicht verlegen. Er äußert sich nicht spöttisch. Er ärgert sich nicht über die Störung. Er verachtet sie nicht. Er lässt alles zu. Und dabei spricht niemand ein Wort. Die Frau nicht. Jesus nicht. Auch die Zuschauer nicht. Aber gedacht haben sich die Zuschauer einiges.
Der Rahmen dieses Abendessens war ja nicht einfach ein gemütliches Chillen wie bei uns am „Feier-Abend“, das war hier gehobene Gesellschaft. Wer sich hier öffentlich von einer Prostituierten anfassen lässt, ist unten durch. Dessen gesellschaftliche Karriere ist zu Ende.
Simon, der Gastgeber, denkt das, was alle andern denken: Du willst ein Prophet sein? Du willst uns von Gott erzählen und weißt nicht einmal, wie man sich anständig benimmt? Wenn Du wirklich ein Prophet wärst, würdest Du wissen, dass diese Frau eine Sünderin ist!
Jesus antwortet mit einem Gleichnis: wem die größere Schuld erlassen wird, ist dankbarer, liebt mehr. Und wem weniger erlassen wurde, der liebt eben weniger. Das sieht auch Simon ein. Die Frau hat ihre große Liebe zum Ausdruck gebracht, weil ihr ihre große Sünde bewusst war und so vergeben werden konnte. Simon dagegen? Wer perfekt ist, braucht doch keine Vergebung! Der Haken ist nur: ist Simon wirklich so perfekt?
Jesus verdeutlicht Simon auch, dass er seine einfachen Pflichten der Gastfreundschaft vernachlässigt hat. Normalerweise geht der Hausherr auf jeden Gast zu, grüßt ihn mit dem Gruß „Friede sei mit Dir“ und küsst ihn mit dem Friedenskuss. Der Kuss auf die Wange ist die Versicherung des Willkommenseins. Dann kommen Diener und waschen den Gästen die Füße. Zu Hause hatte man sich ja für das Gastmahl bereits gebadet und frisch eingekleidet, aber die Füße sind durch den Straßenstaub (man ging ja barfuß oder in Sandalen) wieder schmutzig geworden. Nach der Fußwaschung wurde wohlriechendes Öl zum Ordnen der Haare (wohl etwa wie man heute Gel verwendet) und zum Salben des Hauptes und der Hände gereicht. All diese Pflichten hatte Simon an Jesus nicht getan - wohl ein Ausdruck der geringen Wertschätzung und Ablehnung.
In Gottes Augen ist Stolz genauso Sünde wie Hurerei. Die Frau war sich ihrer Schuld bewusst, Simon seines Stolzes nicht.
Das Leben von Simon ist genauso wenig heil, wie das der Prostituierten - nur in einem anderen Bereich. Blaise Pascal hat einmal gesagt: "Es ist gleich gefährlich für den Menschen, von Gott zu wissen, ohne sein Elend zu kennen, wie sein Elend zu wissen, ohne den Erlöser zu kennen, der ihn davon zu heilen vermag!"
Aber diese Geschichte verdeutlicht für mich noch etwas anderes: Gott ist ein Menschenfreund und er gibt jedem und jeder eine Chance! Gott verachtet niemanden! Und wir? Geben wir den Pennern und Alkoholikern und Drogenabhängigen und Big Brother-Schauern und Talk-Show-Besuchern und anderen gesellschaftlich Geringgeschätzten oder Ausgegrenzten eine Chance? Glauben wir, dass Gott ihnen eine Chance gibt? Und glauben wir, dass wir vielleicht die Chance sind, die Gott ihnen gibt?
(Witz Feuerwehr)
Wir haben am Donnerstag als HK Pro Christ in der LKG Rosenstraße besucht und dort wurde das Zeugnis einer Frau gesendet, dass mich sehr angesprochen hat. Eine Frau Jg. 65 wurde in einem Billardsaal auf der Reeperbahn geboren. Die Mutter selber noch ein Teenager und Prostituierte. Mit zwei Jahren wurde sie das erste Mal von einem Kunden der Mutter sexuell missbraucht. Ein weiterer Freier hat sich dann glücklicherweise mal verplappert und so hat das Jugendamt von der Existenz des Kindes erfahren. Sie wurde raus geholt und kam in eine Pflegefamilie. Dort ging es ihr sehr gut und sie wurde geistig sehr gefördert. Mit 15 wollte sie zu ihrer Mutter auf die Reeperbahn und ist von zu Hause abgehauen. Die Mutter hat sie abgelehnt und um ihr zu gefallen, fing sie dann selber an auf den Strich zu gehen. Ein paar Jahre später hörte sie einem Straßenprediger zu. Sie konnte mit der Botschaft nichts anfangen und hat ihn mit einer Flasche beworfen. Der Evangelist ist ihr nachgegangen und hat sich zu ihr in den Dreck gesetzt und einfach mit ihr geredet. Das hatte sie bis dahin noch nie erlebt, dass sich jmd. zu ihr in den Dreck setzt und ihr zuhört. Er hat sie dann aufgefordert ihm ein Gebet nachzusprechen. Was sie dann auch getan hat - aber eigentlich nur um ihre Ruhe zu haben. Dabei hat sie dann gespürt wie eine Wärme ihren Körper durchflossen hat und ihre Entzugssymptome haben sofort aufgehört. Diese Erfahrung wollte sie nie wieder loswerden. Heute ist sie verheiratet, hat drei Kinder und arbeitet als Therapeutin bei Teen Challenge.
Gott gibt jedem eine Chance. Und manchmal sind wir diese Chance. Gott hat uns Heilung geschenkt. Nun sollen wir dieses Heil weitergeben.
3. Weitere Symbolik der Fußwaschung
Es gibt im NT noch weitere Beispiele von Fußwaschungen. Bspw. die Fußwaschung der Jünger durch Jesus. Hier einige Verse daraus:
„Das Passafest stand nun unmittelbar bevor. Jesus wusste, dass für ihn die Zeit gekommen war, diese Welt zu verlassen und zum Vater zu gehen. Darum gab er denen, die in der Welt zu ihm gehörten und die er immer geliebt hatte, jetzt den vollkommensten Beweis seiner Liebe. Er war mit seinen Jüngern beim Abendessen. Der Teufel hatte Judas, dem Sohn von Simon Iskariot, bereits den Gedanken ins Herz gegeben, Jesus zu verraten. Jesus aber wusste, dass der Vater ihm Macht über alles gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und wieder zu Gott ging. Er stand vom Tisch auf, zog sein Obergewand aus und band sich ein leinenes Tuch um. Dann goss er Wasser in eine Waschschüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Tuch abzutrocknen, das er sich umgebunden hatte. Simon Petrus jedoch wehrte sich, als die Reihe an ihn kam. »Herr, du willst mir die Füße waschen?«, sagte er. Jesus gab ihm zur Antwort: »Was ich tue, verstehst du jetzt nicht; aber später wirst du es begreifen.« – »Nie und nimmer wäschst du mir die Füße!«, erklärte Petrus. Jesus entgegnete: »Wenn ich sie dir nicht wasche, hast du keine Gemeinschaft mit mir.« Da rief Simon Petrus: »Herr, dann wasche mir nicht nur die Füße, wasch mir auch die Hände und den Kopf!« Jesus erwiderte: »Wer ein Bad genommen hat, ist ganz rein; er braucht sich später nur noch die Füße zu waschen. Auch ihr seid rein, allerdings nicht alle.« Jesus wusste, wer ihn verraten würde; das war der Grund, warum er sagte: »Ihr seid nicht alle rein.«“ (Joh. 13, 1-11 NGÜ)
Jesus tut hier diesen Dienst eines Dieners, eines Sklaven um seinen Jüngern zu zeigen welche Herzenshaltung im Reich Gottes die richtige ist. Nicht die eines Herrschers, sondern die des Dieners. Nicht Stolz, sondern Demut. Das ist so die zentrale Aussage dieser Fußwaschung, aber um die geht es mir jetzt mal nicht. Wir sind ja alle demütige Leute, da kann ich diesen Aspekt mal zur Seite schieben.
Ich denke es steckt hier noch eine weitere Symbolik drin. Zumal diese Fußwaschung hier ja nicht vor dem Essen stattfand, sondern danach, also wohl vom Zeitpunkt her von unserem Herrn schon primär als symbolische Handlung angelegt war.
Im AT war es so, dass die Priester, bevor sie in das Heiligtum eintreten durften, sich Hände und Füße waschen mussten, als Sinnbild der notwendigen Reinigung von aller Sünde vor jedem Dienst.
„Und der Herr redete zu Mose und sprach: Stelle ein bronzenes Becken und sein bronzenes Gestell her zum Waschen! Das stelle zwischen das Zelt der Begegnung und den Altar, tu Wasser hinein, und Aaron und seine Söhne sollen ihre Hände und ihre Füße darin waschen. Wenn sie in das Zelt der Begegnung hineingehen, sollen sie sich mit Wasser waschen, damit sie nicht sterben. Oder wenn sie an den Altar herantreten zum Dienst, um für den Herrn ein Feueropfer als Rauch aufsteigen zu lassen, dann sollen sie ihre Hände und ihre Füße waschen, damit sie nicht sterben. Und das soll für sie eine ewige Ordnung sein, für ihn und seine Nachkommen, für all ihre Generationen.“ (2. Mo. 30, 17 - 21)
Ich denke diese Fußwaschung, die Jesus an seinen Jüngern vollzog, ist in gewisser Weise auch eine Reinigung zum priesterlichen Dienst. Im Gegensatz zum AT, wo nur einige (die Nachkommen Aarons) zum Priesterdienst berufen waren, stehen wir nun alle in diesem Dienst.
„Lasst euch auch selbst als lebendige Steine aufbauen, als ein geistliches Haus, ein heiliges Priestertum, um geistliche Schlachtopfer darzubringen, Gott wohlan- nehmbar durch Jesus Christus...Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, eine heilige Nation, ein Volk zum Besitztum, damit ihr die Tugenden dessen verkündigt, der euch aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat“ (1. Petr. 2, 5.9)
Nicht mehr nur einzelne Auserwählte wie im Alten Bund! Es bedarf auch keines Hohenpriesters mehr, der die Forderungen des Kultes und des Gesetzes erfüllt, da Jesus sie als Hoherpriester für alle Zeit erfüllt hat (siehe Hebräerbrief).
In der Kirchengeschichte hat die katholische Kirche immer an einem Priester festgehalten, der quasi Mittler zu Gott ist und kultische Handlungen vollzieht. Luther hat in der Reformation versucht, dass Priestertum aller Gläubigen einzuführen, aber auch heute ist es für viele evangelische Pfarrer noch so, dass das Schlimmste geistlich mündige Laien sind. Selbst in vielen freien Gemeinden gibt es noch eine Überbetonung des Pastors, die dem allgemeinem Priestertum zuwider läuft und auf diese Weise die Freisetzung vieler geistlicher Gaben und Fähigkeiten blockiert.
Ein Priester Gottes zu sein, heißt nicht nur auf Gott hin ausgerichtet sein und ihn anbeten; es heißt auch Priester für das Volk zu sein. Paulus schreibt, dass vor allen anderen Dingen wir in die Fürbitte eintreten sollen für alle Menschen, weil Gott will, dass alle gerettet werden (1. Tim. 2,1). Wenn wir ehrlich sind, ist es doch oft so, dass die Fürbitte für die Verlorenen gerade das ist, was vor allen anderen Dingen am ehesten weggekürzt wird. Aber gerade das ist eine Aufgabe des priesterlichen Dienstes. Wir können vielleicht keine Priester für alle Menschen sein, aber für unsere Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen, Mitschüler, aber auch für die Familie, oder für den irre geleiteten Bruder oder für die Schwester. Oder vielleicht auch für den Penner, der uns jetzt schon zum vierten Mal über den Weg läuft; oder für die schräge Frau, die immer wieder mit uns im Wartezimmer beim Arzt sitzt. Für manche von ihnen sind wir die Chance.
Ich lese gerade ein Buch von Alan Hirsch und Michael Frost, zwei australische Theologen, mit dem Titel „Die Zukunft gestalten - Innovation und Evangelisation in der Kirche des 21. Jahrhunderts“. Manches in diesem Buch erscheint mir sehr abwegig, aber es steckt auch viel Wahrheit drin. Sie schreiben bspw., dass an dem Punkt der Kirchengeschichte ein negativer Prozess eingesetzt hat, als die Kirche im 3. Jahrhundert zur Staatskirche wurde. So hat sich über die Jahrhunderte die Kirche zu einer „attraktionalen“ Kirche entwickelt, d.h. das Selbstverständnis heißt jetzt: „Kommt in unsere heiligen Gebäude, kommt in unsere Gottesdienste, dort und nur dort könnt ihr Gott erfahren!“ Geplant war Kirche aber als „inkarnierend“, d.h. so wie Gott in Jesus Mensch geworden ist, sollte die Kirche sich zwischen und unter und mit den Menschen sich entfalten, so wie es in den ersten Jahrhunderten auch gewesen ist, so wie es Jesus vorgelebt hat, als er Gemeinschaft mit den Ausgestoßenen hatte, so wie er gesagt hat: „Geht!“ und nicht „Holt!“.
Es sind interessante Gedanken, auch wenn ich finde, dass es wohl beides braucht, vielleicht in anderen Formen, als wie sie bisher kennen. Und so wollen auch wir als CGF in den Sommermonaten einige Male in die FGZ gehen um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, für sie zu beten, sie einzuladen. Und vielleicht werden da auch Menschen dabei sein, die absolut außerhalb unseres Ereignishorizontes liegen.
4. Geistliches Atmen
Zum Schluss möchte ich noch auf einen besonderen Aspekt der Fußwaschung eingehen. Jesus sagt zu Petrus: „Wer ein Bad genommen hat, ist ganz rein; er braucht sich später nur noch die Füße zu waschen.“ Wir sind rein durch das Bad der Wiedergeburt.
„errettete er uns, nicht aus Werken, die, in Gerechtigkeit vollbracht, wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit durch die Waschung der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes.“ (Tit. 3,5)
Wenn wir von neuem geboren sind, sind wir gereinigt für alle Zeit. Nicht mehr im Stand von Sündern, sondern im Stand von Heiligen, von Gerechten, wir sind Kinder Gottes. Trotzdem sündigen wir noch. Hier brauchen wir immer wieder Reinigung. Diese Reinigung wird durch die Fußwaschung symbolisch dargestellt. Die Füße, die immer wieder schmutzig werden.
Als ich Studentenarbeit bei Campus für Christus gemacht habe, hatten wir dort einen Begriff: „Geistliches Atmen“. ich weiß nicht, ob dieser Begriff eine Campus-Schöpfung war oder weiter verbreitet ist. Dieses „Geistliche Atmen“ beschreibt den Prozess, dass wir immer wieder neu unsere Sünden (schmutzigen Füße) vor Gott bekennen müssen (= Ausatmen) und seine Vergebung in Anspruch nehmen (= Einatmen). Auch wenn mein Stand als Kind Gottes nicht gefährdet ist, weil ich frei bin vom Rechtsanspruch der Sünde über mein Leben, ist dieser Prozess doch für mein geistliches Leben wichtig.
Warum? Aus drei Gründen:
1. Meine Beziehung zu Gott ist beeinträchtigt. Jesus sagt zu Petrus: „Wenn ich sie dir nicht wasche, hast du keine Gemeinschaft mit mir.“ Sünden verunreinigen uns, und wir brauchen wieder Reinigung. Ein kleines Kind, dass trotz des Verbots der Mutter, im Schlamm spielt und sich schmutzig macht, bleibt das Kind der Eltern, aber es braucht die Reinigung vom Schmutz und die Wiederherstellung der Vertrauensbasis zwischen Kind und Eltern.
2. Wir brauchen die Erfahrung der Vergebung, damit unser Gewissen wieder rein wird (Hebr. 10,22). Genauso wie Schuld uns trennen kann, kann uns auch das schlechte Gewissen von Gott trennen. Hier blockieren wir uns selbst. Wir brauchen dann den Zuspruch der Vergebung. Hier ist es oft hilfreich Schuld vor anderen zu bekennen und von ihnen die Vergebung zugesprochen zu bekommen.
3. Wir müssen Schuld bekennen, damit die Sünden keine Macht bekommt über uns bekommen. Da wo wir gewohnheitsmäßig immer wieder im selben Bereich sündigen, z.B. Lügen, Zornausbrüche, Neid usw. kann sich Sünde zu einer Macht verfestigen bis hin zur Dämonisierung, wo dann seelsorgerliche Intervention notwendig ist. Und um diesen Prozess zu vermeiden und zu unterbrechen, ist es wichtig immer wieder neu die Schuld zu bekennen um so den Sünden die Macht zu nehmen, bis wir dann vielleicht irgendwann feststellen, dass wir auf einmal in diesem Bereich gar nicht mehr anfällig sind.
Ich halte diesen Prozess für geistliches Wachstum sehr wichtig. In der Campus-Gruppe wurde es z.T. nicht in der christlichen Freiheit gelebt und war leider immer mit einem gewissen Verdammnisgefühl verbunden. Das war falsch. Das Ja Gottes zu uns steht nicht zur Disposition. Unsere Gotteskindschaft steht nicht zur Disposition. Es geht um geistliche Wachstums- und Jüngerschaftsprozesse. Das ist jetzt für die meisten sicherlich Kinderkram, aber für manche ist es doch wichtig es sich mal wieder neu bewusst zu machen und einzuüben.
Wir wollen als Gemeinde ja den Gründonnerstag und Karfreitag bewusst gemeinsam begehen mit zwei meditativen Gebetsgottesdiensten u.a. auch um uns neu zu vergegenwärtigen, dass wir Teil sind des gebrochenen und auferstandenen Leibes, zu einem neuen Leib zusammengefügt sind. Auch dort wird Raum sein Schuld loszuwerden und Vergebung zu empfangen.
Abschließen möchte ich mit folgenden Vers:
„Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit.“ (1. Joh. 1,9)
AMEN.
Samstag, 4. April 2009
Termine und Aktuelles April 2009
So 05.04. 10.00 Gottesdienst mit anschl. Essen (Predigt Norbert Wohlrab; Thema: "Die Salbung durch die Sünderin")
Do 09.04. 19.30 Meditativer Gebetsgottesdienst zum Gründonnerstag mit Abendmahl
Fr 10.04. 19.30 Meditativer Gebetsgottesdienst zum Karfreitag mit Abendmahl
So 12.04. 10.00 Ostern - Familiengottesdienst
So 19.04. 19.30 Lobpreis & Segnung
Di 21.04. 19.30 Gebetsabend
So 26.04. 10.00 Gottesdienst (Predigt alle: jeder (der will) hat ein Wort oder ein Zeugnis)
Do 09.04. 19.30 Meditativer Gebetsgottesdienst zum Gründonnerstag mit Abendmahl
Fr 10.04. 19.30 Meditativer Gebetsgottesdienst zum Karfreitag mit Abendmahl
So 12.04. 10.00 Ostern - Familiengottesdienst
So 19.04. 19.30 Lobpreis & Segnung
Di 21.04. 19.30 Gebetsabend
So 26.04. 10.00 Gottesdienst (Predigt alle: jeder (der will) hat ein Wort oder ein Zeugnis)
Dienstag, 3. März 2009
Termine und Aktuelles März 2009
So 01.03. 10.00 Gottesdienst mit anschl. Essen (Predigt Hans Heidelberger; Thema: Geistliche Jahreszeiten - Winter und Frühling)
Sa 07.03. 19.30 Feier-Abend zur Passionszeit
Mi 11.03. 19.30 Vorbereitungstreffen "Büchertische"
So 15.03. 10.00 Gottesdienst (Predigt Frieder Schinkel, Diakon a.D.; Thema: Persönlicher Lebensbericht)
Di 17.03. 19.30 Gebetsabend
So 22.03. 19.30 Lobpreis & Segnung
So 29.03. Besuchsgottesdienst
Sa 07.03. 19.30 Feier-Abend zur Passionszeit
Mi 11.03. 19.30 Vorbereitungstreffen "Büchertische"
So 15.03. 10.00 Gottesdienst (Predigt Frieder Schinkel, Diakon a.D.; Thema: Persönlicher Lebensbericht)
Di 17.03. 19.30 Gebetsabend
So 22.03. 19.30 Lobpreis & Segnung
So 29.03. Besuchsgottesdienst
Sonntag, 22. Februar 2009
Predigt von Norbert Wohlrab (15.02.09)
Das Gleichnis vom vierfältigen Acker
1. Einleitung
Ich mache heute etwas, was ich nur sehr selten bis gar nicht mache: ich nehme als Grundlage der Predigt den Predigttext des heutigen Sonntages. Das hat verschiedene Gründe, aber letztendlich war ich v.a. der Meinung, dass es für uns aktuell passt, sich mit diesen Text einmal neu auseinanderzusetzen.
Predigttext (Lk. 8, 4-15 NGÜ):
„Die Menschen scharten sich in großer Zahl um Jesus, und von Ort zu Ort wurden es mehr, die mit ihm gingen. Da erzählte er ihnen folgendes Gleichnis: »Ein Bauer ging aufs Feld, um zu säen. Beim Ausstreuen der Saat fiel einiges auf den Wegrand, wo es zertreten und von den Vögeln des Himmels aufgepickt wurde. Einiges fiel auf felsigen Boden. Die Saat ging zwar auf, verdorrte aber bald, weil die nötige Feuchtigkeit fehlte. Einiges fiel mitten ins Dornengestrüpp. Die Dornbüsche wuchsen mit der Saat in die Höhe und erstickten sie. Und einiges fiel auf guten Boden, ging auf und brachte hundertfache Frucht.« Jesus schloss mit dem Ausruf: »Wer Ohren hat und hören kann, der höre!«
Die Jünger fragten Jesus, was dieses Gleichnis bedeute. Da sagte er: »Euch ist es von Gott gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen; den Übrigen jedoch werden sie nur in Gleichnissen verkündet. Denn ›sie sollen sehen und doch nicht sehen, sie sollen hören und doch nichts verstehen.‹ Das Gleichnis bedeutet Folgendes: Die Saat ist das Wort Gottes. Bei einigen, die es hören, ist es wie mit der Saat, die auf den Weg fällt. Der Teufel kommt und nimmt das Wort wieder aus ihrem Herzen weg, sodass sie nicht glauben und daher auch nicht gerettet werden. Bei anderen ist es wie mit der Saat, die auf felsigen Boden fällt. Wenn sie das Wort hören, nehmen sie es mit Freuden auf. Aber sie sind wie Pflanzen ohne Wurzeln; zunächst glauben sie, doch wenn eine Zeit der Prüfung kommt, wenden sie sich wieder ab. Wieder bei anderen ist es wie mit der Saat, die ins Dorngestrüpp fällt. Sie hören das Wort, doch im Lauf der Zeit wird es von den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden, die das Leben bietet, verdrängt, sodass keine Frucht reifen kann. Bei anderen jedoch ist es wie mit der Saat, die auf guten Boden fällt. Mit aufrichtigem und bereitwilligem Herzen hören sie das Wort; sie halten daran fest, lassen sich nicht entmutigen und bringen Frucht.«“
Wir haben diesen Text wohl schon viele Male gehört oder gelesen. Und eigentlich ist er ja klar, Jesus legt ihn ja selbst aus: die einen sind offen für das Evangelium, die anderen nicht; die einen vollziehen eine tiefgehende Lebensübergabe und bringen Frucht, die anderen nur eine oberflächliche und fallen wieder vom Glauben ab. Da wir heute hier sitzen, sind wir noch dabei und gehören zu den Guten. Also brauchen wir uns damit gar nicht mehr auseinandersetzen, Punkt, aus, fertig, nächster Text. Irgendwelche Fragen? Danke, nein, dann kann ich mich ja wieder setzen. Es ist doch angenehm, wenn es Texte in der Bibel gibt, wo man guten Gewissens sagen kann, die habe ich schon abgehandelt, über diese Stufe auf meiner geistlichen Entwicklungsleiter bin ich schon drüber hinweg.
Aber könnte es nicht sein, dass der Text doch noch Aussagen enthält, die uns was zu Sagen haben?
2. Unser Herz
Ich denke, dass es durchaus noch wichtige Aussagen in diesem Text gibt. Ich denke, dass Jesus hier zu allererst eine Warnung ausspricht und diese Warnung lautet: Achte auf dein Herz! Achte auf dein Herz!
Der Ackerboden in diesem Gleichnis ist ja unser Herz und da merkt man, dass Gleichnisse oft nicht bis ins letzte Detail übertragbar sind. Denn in der Natur kann ein Acker nichts dafür, ob er gut oder schlecht, weich oder hart, ob er ertragreich ist oder ob die Nährstoffe ausgewaschen sind. Aber wir, wir können etwas dafür, wie unser Herz ist. Wir können sehr wohl etwas dafür ob unser Herz „aufrichtig und bereitwillig“ (V.15) ist. Wen gegenüber? Dem Wort Gottes! „Die Saat ist das Wort Gottes.“ (V.11)
Aber der Reihe nach. Betrachten wir zunächst einmal, was die Bibel über das Herz des
Menschen sagt. Wenn die Bibel vom Herzens des Menschen spricht, meint sie nicht in erster Linie das Körperorgan, sondern das Herz als Sitz des geistigen und seelischen Leben des Menschen Das Herz als Zentrum des Denkens, Wollens und Fühlens. Während in unserem Sprachgebrauch das Herz ausschließlich für den emotionalen Bereich zuständig ist - im Gegensatz zum Denken, zum Kopf -, ist im bibl. Verständnis das Herz auch für die Erkenntnis zuständig:
Mose spricht zum Volk Israel in der Wüste: „Aber der Herr hat euch bis zum heutigen Tag weder ein Herz gegeben zu erkennen noch Augen zu sehen, noch Ohren zu hören.“ (5. Mose 29,3)
Erkannt wird also mit dem Herzen, es ist ein ganzheitliches Erkennen, kein rein vernunftgemäßes logisches Nachvollziehen von Wahrheiten. Mit dem Herzen wird erkannt. Deshalb kann ich auch - wenn ich bspw. in einer Astronomie-Zeitschrift lese - feststellen, mit meinem Verstand bring ich diese ganzen Entfernungen und Zeitangaben nicht auf die Reihe, aber mit meinem Herzen weiß ich, dass Gott der Schöpfer des Himmels und der Erde ist.
Ich kann mich noch erinnern, dass am Tag nach meiner Bekehrung ich mich auf einer Party zurückgezogen habe, in den klaren Sternenhimmel geschaut habe und bei diesem herrlichen Anblick mir sofort die Gegenwart des Schöpfers bewusst war. Mit dem Herzen wird geglaubt!
„Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit“ (Röm. 10,10a)
Aber das Herz wird auch dargestellt als Quelle des Begehrens und zwar sowohl im Negativen, wie auch im Positiven. Es heißt ja zum einen:
„Habe deine Lust am Herrn, so wird er dir geben, was dein Herz begehrt.“ (Ps. 37,4)
und zum anderen
„das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an.“ (1. Mo. 8,21)
Das Herz ist aber auch der Ort der Liebe zu Gott und der Kommunikation mit Gott. Was sagt Jesus über das größte Gebot? Wir sollen Gott lieben mit ganzem Herzen (Mt. 22,37)! Wieder das Herz. Im Herzen vollziehen sich Glaube und Gehorsam gegen Gott. So ist das Herz auch der Sitz des geistlichen Lebens. Und dies umso mehr wir ja eine neue Schöpfung geworden sind durch unsere Bekehrung. Der Heilige Geist wohnt nun in uns. Unser Geist ist erneuert und befähigt zur Kommunikation mit Gott. Aber wo wohnt der Heilige Geist? Auch er wohnt in unserem Herzen:
„der uns auch versiegelt hat und das Unterpfand des Geistes in unsere Herzen gegeben hat.“ (2. Kor. 1,22)
Der Heilige Geist ist es, der in uns das neue Herz hervorbringt. Das Herz das fähig ist nach dem Willen Gottes zu leben. Glaube der nicht in das Herz sinkt und damit nicht das Denken, Wollen und Fühlen bestimmt, ist nur ein Teil-Glaube. Man könnte vielleicht sagen, so ein Glaube ist eigentlich nur Religion.
Trotzdem meine ich gilt auch uns „Neu-Beherzten“ noch die Ermahnung:
„Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens.“ (Spr. 4,23)
Sei achtsam! Behüte dein Herz!
3. Die ersten beiden Ackerböden
Dies ist also das Herz, das Jesus im Gleichnis vom Ackerboden im Blick hat. Jesus beschreibt hier vier verschiedene Herzen (= Ackerböden) bzw. Menschen. Lasst uns zunächst einmal einen Blick auf die ersten beiden Typen werfen:
1. Die Desinteressierten oder Hartherzigen
Hier fällt die Saat auf den Wegrand. Sie wird zertreten oder von den Vögeln aufgefressen. Jesus erklärt, dass das Gehörte vom Teufel wieder geraubt wird. Es sind Menschen, die das Evangelium zwar hören, aber kein Interesse daran haben, ihm keine Relevanz beimessen.
Ich denke, solche Menschen kennen wir alle und diejenigen unter uns, die nicht von Kindesbeinen an durchgehend geglaubt haben, waren auch mal solche Menschen. Ich kann mich noch sehr gut an die ersten Bekehrungsversuche erinnern, als man mich in eine Jugendevangelisation schleppte und ich dem Ganzen überhaupt nichts abgewinnen konnte. Nicht, dass ich die Leute verachtet hätte, aber es hat mich einfach überhaupt nicht interessiert. Aber es hat wohl jmd. weiter gebetet.
Interessant finde ich hier auch das Bild von den Vögeln des Himmels. Die Bibel und jüd. Überlieferungen sprechen ja von mehreren Himmeln. Der zweite Himmel wird hier als Sitz der satanischen Mächte angesehen. So kann dieses Bild Zufall sein, aber es ist auch möglich, dass Jesus hier mit den Vögeln auf diese Mächte verweist. Auf jeden Fall scheint es ihnen erlaubt zu sein das Gehörte wieder zu rauben.
Könnte es nicht auch sein, dass unsere Gebete und auch die Antworten erst diesen Himmeln durchdringen müssen und dadurch manches oft so schwer geht. Zumindest die Geschichte aus Daniel mit dem Engel der berichtet aufgehalten worden zu sein, erlaubt eine derartige Interpretation (vgl. Dan. 10).
2. Die Oberflächlichen oder Wetterwenderischen
Die Saat fällt auf felsigen Boden, sie geht zwar schnell auf, aber sie vertrocknet mangels Feuchtigkeit, sie bildet keine Wurzeln aus. Es sind Menschen, die sich in Zeiten der Anfechtung wieder vom Glauben abwenden. Der Glaube wird nicht mit der nötigen Nahrung versorgt. Das Wort Gottes, das Gebet, die Gemeinschaft, der Gottesdienst wird nicht in der nötigen Art und Weise gepflegt, so dass dem Glaube der Saft abgedreht wird. Und so ist der Mensch den Schwierigkeiten schutzlos ausgeliefert und kann nichts dagegen setzen. Es sind Menschen, deren Quelle der „Rat der Gottlosen“ ist und die nicht an den „Wasserbächen“ des Wortes Gottes gepflanzt sind, wie es im Psalm 1 beschrieben wird. Es ist wichtig wo meine Quellen sind. Gerade für die Jugendlichen, denen es oft noch an Stabilität und Fundament mangelt, ist dies eminent wichtig.
Ich habe Menschen erlebt, die sehr schnell begeistert waren vom Glauben, sich bekehrt haben, sogar innerhalb von wenigen Tagen die Glaubenstaufe vollzogen haben und als sie dann nach weiteren Tagen gemerkt haben, dass die Nachfolge mit Konsequenzen verbunden ist, das man bspw. nicht alle paar Tage in einem anderen Bett aufwachen sollte (ich rede jetzt nicht von Hotels!), haben sie sich schnell wieder dafür entschieden den alten Lebensstil zu folgen.
Bevor wir uns den nächsten beiden Menschentypen bzw. Ackerböden zuwenden, schauen wir uns an von welcher Art eigentlich die Saat ist.
4. Die Saat
Jesus sagt: „Die Saat ist das Wort Gottes“ (V. 11.). Aus unserer gemeindlichen Perspektive bedeutet das im allgemeinen die Lehre von der Errettung durch den Glauben an Jesus. Und wirklich spricht Jesus ja auch bei der ersten Gruppe davon, dass sie „nicht glauben und daher auch nicht gerettet werden“ (V. 12). Und so interpretieren wir das ganze Gleichnis hinsichtlich Bekehrung und Errettung. Vielleicht ist es ja auch so gedacht. Ich denke aber, dass Jesus dem Gleichnis noch eine umfangreichere Bedeutung zugedacht hat.
Wenn Jesus der Sämann ist, stellt sich die Frage welches Wort Gottes sät er denn aus? Die Propheten des AT haben auf den Erlöser hingewiesen. Die Apostel des Neuen Bundes erklären und vermitteln das Erlösungswerk Christi. Und Jesus? Jesus hat dieses Erlösungswerk eigentlich nur am Rand gelehrt, es war nicht seine zentrale Botschaft. Er hat es gelebt. Er hat es vollbracht. Und er war das Erlösungswerk in Person. Aber gelehrt hat er v.a. ein anderes Thema: die Botschaft vom Reich Gottes.
Und so kann er auch zu den Jüngern sagen, als sie ihn fragen, was das Gleichnis zu bedeuten hat: „Euch ist es von Gott gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen“ (V. 10.).
Der Same der hier gesät wird ist nach m.M. das Wort vom Reich Gottes. Und damit erhält dieses Gleichnis eine umfangreichere Bedeutung. Es geht hier nicht nur speziell um das Annehmen der Erlösungsbotschaft, es geht um das Annehmen der Botschaft vom Reich Gottes, in der die Botschaft von der Errettung ja enthalten und das grundlegende Element ist.
5. Die zentralen Aussagen der Lehre vom Reich Gottes
Erinnern wir uns an einige zentrale Botschaften vom Reich Gottes:
a) Jesus ist der König über das Reich Gottes (darauf weisen v.a. die at. Prophetien hin)
b) das Reich Gottes ist nicht von dieser Welt, es ist übernatürlich, es ist innerlich und es ist zwischenmenschlich (Lk. 17,20.21; Joh. 18,36)
c) das Reich Gottes ist gleichzeitig bereits da, im Werden und noch in der Zukunft
d) die Botschaft vom Reich Gottes ist die zentrale nt. Verkündigung (es wird nach Johannes bis ans Ende der Zeit verkündet; Lk. 16,16; Mt. 24,14; Apg. 1,3; 8,12)
e) das Reich Gottes zeigt sich in Kraft (sowohl Jesus, als auch die Jünger und Apostel
demonstrieren die Autorität im Reich Gottes über Dämonen und Krankheiten; Mt. 12,28, Lk. 10,9; 1. Kor. 4,20)
f) die zentrale Methode im Reich Gottes ist der Glauben (es wird im kindlichen Glauben angenommen; Mk. 10,14.15; Wunder werden im Glauben gewirkt und empfangen)
g) das Reich Gottes soll das Zentrum unseres Strebens sein (wir sollen zuerst an seine
Umsetzung und seine Gerechtigkeit denken; Mt. 6,33; und dabei nicht zurücksehen; Lk. 9,62)
6. Der Lebensstil im Reich Gottes
Und: das Reich Gottes hat eine eigene Ethik, es hat einen eigenen Lebensstil. Vieles davon ist in der Bergpredigt beschrieben.
Jesus verdeutlicht immer wieder, das im Reich Gottes andere Maßstäbe gelten. So streiten sich die Jünger bspw. darum wer der Größte unter ihnen ist. Jesus hält dagegen wer der Größte sein will, der soll der Sklave oder der Diener der anderen sein (Mt. 20, 26.27) und gibt selbst durch sein Leben das passende Beispiel. Es geht im Reich Gottes nicht um Ehre und Anerkennung, es geht um Dienen und Demut. Eine völlig neue Ethik.
Oder Jesus verdeutlicht, dass es nicht nur auf Reichtum nicht ankommt, sondern das im Gegenteil überhaupt nicht danach gestrebt werden soll, denn ein Reicher wird es schwer haben ins Reich Gottes hineinzukommen (Mt. 19,23). Vielmehr geht es darum Schätze im Himmel sammeln (z.B. durch Geben, Großzügigkeit, Barmherzigkeit), denn da wo der Schatz ist, ist auch das Herz. Und wie ich vorhin ausgeführt habe ist das Herz das Zentrum all meines Denkens und Wollens. Der Mammon verführt das Herz, er nimmt es gefangen, er verändert es (Mt. 6, 19-24).
Bereitwillig geben, teilen, freiwillige Armut (Sozialarbeiter!) statt dem Streben nach Reichtum. Auch wieder ein völlig neuer Maßstab. Viele haben jetzt im Zuge der Bankenkrise erkennen müssen, dass die Gier nach Profit letztlich ein dem Mammon Nachjagen ist. Im Reich Gottes gilt nicht reich sein im Nehmen, sonder reich sein im Geben.
Jesus hat uns gelehrt, dass wir nicht unser Recht durchsetzen sollen, sondern nachgeben sollen. Die andere Backe hinhalten, wenn wir beleidigt werden; freiwillig die zweite Meile gehen, wenn wir genötigt werden; den Mantel noch dazu geben, wenn man uns verklagt; nicht nur die Freunde, sondern auch die Feinde lieben (Mt. 5, 38-48). Eine völlig neue Form des menschlichen Verhaltens. Keiner macht so was doch freiwillig. (Ich habe diese Woche bei Ebay zwei Kunden angemahnt, weil sie nicht gezahlt hatten. Hinterher habe ich mir gedacht, wäre das richtige Verhalten - gemäß der Ethik des Reiches Gottes - nicht gewesen, nachzufragen, ob sie vielleicht Zahlungsaufschub benötigen oder ob wir den Kaufvertrag in beiderseitigen Einverständnis stornieren wollen, anstatt sie in Zahlungsverzug zu setzen?)
Oder Jesus verdeutlicht uns, dass es nicht auf die eigene Stärke, nicht in erster Linie auf das eigene Schaffen ankommt, sondern darauf dass wir unsere Bedürfnisse Gott anvertrauen und in allem auf seine Versorgung vertrauen, anstatt uns in materielle Sorgen zu verstricken. Ein Leben im Glauben und Vertrauen. Auch dies ist eine neue Verhaltensethik.
Nicht die Mächtigen, sondern die Verfolgten erben das Reich Gottes; nicht die Reichen, sondern die Armen usw. Es gibt noch viele Aussagen Jesu, die verdeutlichen, dass ein Leben nach der Gerechtigkeit des Reiches Gottes etwas ganz andersartiges ist. Anders als es die Pharisäer zu Jesu Wirkenszeiten zu leben pflegten. Keine Selbstgerechtigkeit des Buchstabens, sondern eine geistgewirkte des Herzens.
Dies alles ist ein Teil der Saat, die Jesus aussät. Und es wird deutlich, dass es um ein sehr ganzheitliches und umfassendes Christsein geht. Ich glaube ein Leben nach der Gerechtigkeit des Reiches Gottes enthält noch viel mehr radikale Freisetzungsqualität, als wir schon erkannt haben.
7. Die Dynamik des Reiches Gottes
Es wird deutlich, es geht nicht nur um ein Abnicken, um ein einmaliges Ja-Sagen, es geht um eine lebensdurchdringende Maßnahme. Dies wird auch in zwei anderen Gleichnissen Jesu verdeutlicht, im Gleichnis vom Senfkorn und vom Sauerteig.
„Dann sagte Jesus: »Mit welchem Bild lässt sich das Reich Gottes darstellen? Womit soll ich es vergleichen? Es ist mit dem Reich Gottes wie mit einem Senfkorn, das ein Mann in seinem Garten sät. Es geht auf und wächst und wird zu einem Baum, in dessen Zweigen die Vögel nisten.«
Jesus fuhr fort: »Womit kann ich das Reich Gottes noch vergleichen? Es ist mit dem Reich Gottes wie mit dem Sauerteig. Eine Frau nimmt eine Hand voll davon, mengt ihn unter einen halben Sack Mehl, und am Ende ist die ganze Masse durchsäuert.“ (Lk. 13, 18-21 NGÜ)
In diesen beiden Gleichnissen werden m.M. mach zwei Prinzipien deutlich:
1. Das Reich Gottes hat in sich das Potenzial das ganze Leben eines Menschen umzukrempeln. Ich interpretiere das Bild vom Senfkorn nicht auf ein globales Wachstum, sondern bezogen auf das Wachstum innerhalb des Menschen. Ein einfaches kleines Ja zu Jesus, ein Senfkorn, ein bisschen Sauerteig, beinhaltet - wenn es ernst gemeint ist - die Dynamik und die Kraft die ganze Person, das ganze Leben, das ganze Herz umzukrempeln. Und wenn wir an Aspekte des Lebens im Reich Gottes denken, wie Dienen, Geben, Glauben, die Dimension der Kraft, dann entsteht dadurch eine völlig neue Lebensqualität.
2. Die Entwicklung des Reiches Gottes in mir benötigt meine aktive Beteiligung
(= Arbeit), zumindest aber mein aktives Zulassen. Das zweite Prinzip scheint jetzt fast ein Widerspruch zum ersten zu sein, aber Jesus benutzt verschiedene Bilder zum Reich Gottes, die sich durchaus ergänzen können. Wie komme ich darauf. Wenn man eine Handvoll Sauerteig in 40 Kg Mehl einarbeitet, dann erscheint mir dies doch erstmal Arbeit zu sein. Damit er gleichmäßig durchmengt wird, bevor der Sauerteig seine Kraft gleichmäßig entfalten kann, ist erstmal Handarbeit notwendig. Ich muss mich aktiv daran beteiligen, wenn ich will das sich die Dimension des Reiches in allen meinem Lebensbereichen verwirklicht.
8. Die letzten beiden Ackerböden
Und jetzt schließe ich meinen Kreis und komme zu den letzten beiden Ackerböden. Erinnern wir uns, der erste war der Desinteressierte. Der zweite war der Oberflächliche. Der dritte ist der Geteilte, der Halbherzige. Die Dornen verdrängen die Saat. Durch die „Sorgen, dem Reichtum und den Freuden, die das Leben bietet“ (V.14). Die Saat kann lange Zeit wachsen, es ist ein langandauernder Prozess, sie konkurriert mit den Dornen, aber sie kann sich nicht entfalten und das Wachstum von Frucht wird verhindert, wird minimiert und letztlich wird das Leben in der Gerechtigkeit und in der Kraft und in der Qualität des Reiches Gottes nicht in Fülle freigesetzt. In anderen Bildern ist davon die Rede, dass der Feind dieses Unkraut sät. Er ist es der uns daran hindern will, dass sich göttliche Lebensqualität freisetzt.
Dies ist die Stelle, die uns zuruft: Achtet auf Euer Herz. Wir alle laufen Gefahr uns zu verstricken in Sorgen, Materiellem, sich irgendwelchen Dingen des Lebens in einem Umfang hinzugeben, der alles Geistliche erstickt. Es können Dinge sein, die an sich nicht schlecht sind. Kein säkularer Mensch würde sich etwas dabei denken. Ich denke nicht dass Jesus hier irgendwelche Perversionen im Blick hat, sondern eher alltägliche Dinge. Freundschaften, Hobbys, Arbeit, Genuss. Alles was in sich gut ist, kann zu einem Dornengestrüpp werden und mein geistliches Leben ersticken, wenn das Geschenk die Position des Schenkenden einnimmt. Es muss mich ja gar nicht ganz ersticken, aber es kann die Frucht minimieren.
Der vierte Typ ist nun endlich der fruchtbare Boden. „Mit aufrichtigem und bereitwilligem Herzen hören sie das Wort; sie halten daran fest, lassen sich nicht entmutigen und bringen Frucht.“ (V.15)
Festhalten, es bewahren, sich nicht entmutigen lassen, ausharren. Das sind die Eigenschaften dieses Menschen. D.h. es gibt genug Grund entmutigt zu sein, verzweifelt sein. Aber er hat den richtigen Boden. Er ist an den Wasserbächen gepflanzt. Hier kann die Pflanze ihre Wurzeln ausstrecken und Frucht bringen. Hundertfach.
Wollen wir nicht alle so sein? - und oft sind wir es auch. Aber wir dürfen und sollen und müssen immer wieder neu zu unserem Herrn kommen und ihm sagen, dass wir seine Hilfe brauchen, damit die Wurzeln wieder richtig ausgerichtet werden, dass die Dornen entfernt werden sollen, dass der Boden bearbeitet werden muss.
Lasst uns gemeinsam daran festhalten, dass uns das Streben nach dem Reich Gottes, nach seiner Kraft und nach seiner Gerechtigkeit immer wieder neu zum Wichtigsten in unserem Leben wird und lasst uns gemeinsam entdecken welch großen Schatz der Lebensdynamik und Qualität es noch zu entdecken gibt.
AMEN.
1. Einleitung
Ich mache heute etwas, was ich nur sehr selten bis gar nicht mache: ich nehme als Grundlage der Predigt den Predigttext des heutigen Sonntages. Das hat verschiedene Gründe, aber letztendlich war ich v.a. der Meinung, dass es für uns aktuell passt, sich mit diesen Text einmal neu auseinanderzusetzen.
Predigttext (Lk. 8, 4-15 NGÜ):
„Die Menschen scharten sich in großer Zahl um Jesus, und von Ort zu Ort wurden es mehr, die mit ihm gingen. Da erzählte er ihnen folgendes Gleichnis: »Ein Bauer ging aufs Feld, um zu säen. Beim Ausstreuen der Saat fiel einiges auf den Wegrand, wo es zertreten und von den Vögeln des Himmels aufgepickt wurde. Einiges fiel auf felsigen Boden. Die Saat ging zwar auf, verdorrte aber bald, weil die nötige Feuchtigkeit fehlte. Einiges fiel mitten ins Dornengestrüpp. Die Dornbüsche wuchsen mit der Saat in die Höhe und erstickten sie. Und einiges fiel auf guten Boden, ging auf und brachte hundertfache Frucht.« Jesus schloss mit dem Ausruf: »Wer Ohren hat und hören kann, der höre!«
Die Jünger fragten Jesus, was dieses Gleichnis bedeute. Da sagte er: »Euch ist es von Gott gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen; den Übrigen jedoch werden sie nur in Gleichnissen verkündet. Denn ›sie sollen sehen und doch nicht sehen, sie sollen hören und doch nichts verstehen.‹ Das Gleichnis bedeutet Folgendes: Die Saat ist das Wort Gottes. Bei einigen, die es hören, ist es wie mit der Saat, die auf den Weg fällt. Der Teufel kommt und nimmt das Wort wieder aus ihrem Herzen weg, sodass sie nicht glauben und daher auch nicht gerettet werden. Bei anderen ist es wie mit der Saat, die auf felsigen Boden fällt. Wenn sie das Wort hören, nehmen sie es mit Freuden auf. Aber sie sind wie Pflanzen ohne Wurzeln; zunächst glauben sie, doch wenn eine Zeit der Prüfung kommt, wenden sie sich wieder ab. Wieder bei anderen ist es wie mit der Saat, die ins Dorngestrüpp fällt. Sie hören das Wort, doch im Lauf der Zeit wird es von den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden, die das Leben bietet, verdrängt, sodass keine Frucht reifen kann. Bei anderen jedoch ist es wie mit der Saat, die auf guten Boden fällt. Mit aufrichtigem und bereitwilligem Herzen hören sie das Wort; sie halten daran fest, lassen sich nicht entmutigen und bringen Frucht.«“
Wir haben diesen Text wohl schon viele Male gehört oder gelesen. Und eigentlich ist er ja klar, Jesus legt ihn ja selbst aus: die einen sind offen für das Evangelium, die anderen nicht; die einen vollziehen eine tiefgehende Lebensübergabe und bringen Frucht, die anderen nur eine oberflächliche und fallen wieder vom Glauben ab. Da wir heute hier sitzen, sind wir noch dabei und gehören zu den Guten. Also brauchen wir uns damit gar nicht mehr auseinandersetzen, Punkt, aus, fertig, nächster Text. Irgendwelche Fragen? Danke, nein, dann kann ich mich ja wieder setzen. Es ist doch angenehm, wenn es Texte in der Bibel gibt, wo man guten Gewissens sagen kann, die habe ich schon abgehandelt, über diese Stufe auf meiner geistlichen Entwicklungsleiter bin ich schon drüber hinweg.
Aber könnte es nicht sein, dass der Text doch noch Aussagen enthält, die uns was zu Sagen haben?
2. Unser Herz
Ich denke, dass es durchaus noch wichtige Aussagen in diesem Text gibt. Ich denke, dass Jesus hier zu allererst eine Warnung ausspricht und diese Warnung lautet: Achte auf dein Herz! Achte auf dein Herz!
Der Ackerboden in diesem Gleichnis ist ja unser Herz und da merkt man, dass Gleichnisse oft nicht bis ins letzte Detail übertragbar sind. Denn in der Natur kann ein Acker nichts dafür, ob er gut oder schlecht, weich oder hart, ob er ertragreich ist oder ob die Nährstoffe ausgewaschen sind. Aber wir, wir können etwas dafür, wie unser Herz ist. Wir können sehr wohl etwas dafür ob unser Herz „aufrichtig und bereitwillig“ (V.15) ist. Wen gegenüber? Dem Wort Gottes! „Die Saat ist das Wort Gottes.“ (V.11)
Aber der Reihe nach. Betrachten wir zunächst einmal, was die Bibel über das Herz des
Menschen sagt. Wenn die Bibel vom Herzens des Menschen spricht, meint sie nicht in erster Linie das Körperorgan, sondern das Herz als Sitz des geistigen und seelischen Leben des Menschen Das Herz als Zentrum des Denkens, Wollens und Fühlens. Während in unserem Sprachgebrauch das Herz ausschließlich für den emotionalen Bereich zuständig ist - im Gegensatz zum Denken, zum Kopf -, ist im bibl. Verständnis das Herz auch für die Erkenntnis zuständig:
Mose spricht zum Volk Israel in der Wüste: „Aber der Herr hat euch bis zum heutigen Tag weder ein Herz gegeben zu erkennen noch Augen zu sehen, noch Ohren zu hören.“ (5. Mose 29,3)
Erkannt wird also mit dem Herzen, es ist ein ganzheitliches Erkennen, kein rein vernunftgemäßes logisches Nachvollziehen von Wahrheiten. Mit dem Herzen wird erkannt. Deshalb kann ich auch - wenn ich bspw. in einer Astronomie-Zeitschrift lese - feststellen, mit meinem Verstand bring ich diese ganzen Entfernungen und Zeitangaben nicht auf die Reihe, aber mit meinem Herzen weiß ich, dass Gott der Schöpfer des Himmels und der Erde ist.
Ich kann mich noch erinnern, dass am Tag nach meiner Bekehrung ich mich auf einer Party zurückgezogen habe, in den klaren Sternenhimmel geschaut habe und bei diesem herrlichen Anblick mir sofort die Gegenwart des Schöpfers bewusst war. Mit dem Herzen wird geglaubt!
„Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit“ (Röm. 10,10a)
Aber das Herz wird auch dargestellt als Quelle des Begehrens und zwar sowohl im Negativen, wie auch im Positiven. Es heißt ja zum einen:
„Habe deine Lust am Herrn, so wird er dir geben, was dein Herz begehrt.“ (Ps. 37,4)
und zum anderen
„das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an.“ (1. Mo. 8,21)
Das Herz ist aber auch der Ort der Liebe zu Gott und der Kommunikation mit Gott. Was sagt Jesus über das größte Gebot? Wir sollen Gott lieben mit ganzem Herzen (Mt. 22,37)! Wieder das Herz. Im Herzen vollziehen sich Glaube und Gehorsam gegen Gott. So ist das Herz auch der Sitz des geistlichen Lebens. Und dies umso mehr wir ja eine neue Schöpfung geworden sind durch unsere Bekehrung. Der Heilige Geist wohnt nun in uns. Unser Geist ist erneuert und befähigt zur Kommunikation mit Gott. Aber wo wohnt der Heilige Geist? Auch er wohnt in unserem Herzen:
„der uns auch versiegelt hat und das Unterpfand des Geistes in unsere Herzen gegeben hat.“ (2. Kor. 1,22)
Der Heilige Geist ist es, der in uns das neue Herz hervorbringt. Das Herz das fähig ist nach dem Willen Gottes zu leben. Glaube der nicht in das Herz sinkt und damit nicht das Denken, Wollen und Fühlen bestimmt, ist nur ein Teil-Glaube. Man könnte vielleicht sagen, so ein Glaube ist eigentlich nur Religion.
Trotzdem meine ich gilt auch uns „Neu-Beherzten“ noch die Ermahnung:
„Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens.“ (Spr. 4,23)
Sei achtsam! Behüte dein Herz!
3. Die ersten beiden Ackerböden
Dies ist also das Herz, das Jesus im Gleichnis vom Ackerboden im Blick hat. Jesus beschreibt hier vier verschiedene Herzen (= Ackerböden) bzw. Menschen. Lasst uns zunächst einmal einen Blick auf die ersten beiden Typen werfen:
1. Die Desinteressierten oder Hartherzigen
Hier fällt die Saat auf den Wegrand. Sie wird zertreten oder von den Vögeln aufgefressen. Jesus erklärt, dass das Gehörte vom Teufel wieder geraubt wird. Es sind Menschen, die das Evangelium zwar hören, aber kein Interesse daran haben, ihm keine Relevanz beimessen.
Ich denke, solche Menschen kennen wir alle und diejenigen unter uns, die nicht von Kindesbeinen an durchgehend geglaubt haben, waren auch mal solche Menschen. Ich kann mich noch sehr gut an die ersten Bekehrungsversuche erinnern, als man mich in eine Jugendevangelisation schleppte und ich dem Ganzen überhaupt nichts abgewinnen konnte. Nicht, dass ich die Leute verachtet hätte, aber es hat mich einfach überhaupt nicht interessiert. Aber es hat wohl jmd. weiter gebetet.
Interessant finde ich hier auch das Bild von den Vögeln des Himmels. Die Bibel und jüd. Überlieferungen sprechen ja von mehreren Himmeln. Der zweite Himmel wird hier als Sitz der satanischen Mächte angesehen. So kann dieses Bild Zufall sein, aber es ist auch möglich, dass Jesus hier mit den Vögeln auf diese Mächte verweist. Auf jeden Fall scheint es ihnen erlaubt zu sein das Gehörte wieder zu rauben.
Könnte es nicht auch sein, dass unsere Gebete und auch die Antworten erst diesen Himmeln durchdringen müssen und dadurch manches oft so schwer geht. Zumindest die Geschichte aus Daniel mit dem Engel der berichtet aufgehalten worden zu sein, erlaubt eine derartige Interpretation (vgl. Dan. 10).
2. Die Oberflächlichen oder Wetterwenderischen
Die Saat fällt auf felsigen Boden, sie geht zwar schnell auf, aber sie vertrocknet mangels Feuchtigkeit, sie bildet keine Wurzeln aus. Es sind Menschen, die sich in Zeiten der Anfechtung wieder vom Glauben abwenden. Der Glaube wird nicht mit der nötigen Nahrung versorgt. Das Wort Gottes, das Gebet, die Gemeinschaft, der Gottesdienst wird nicht in der nötigen Art und Weise gepflegt, so dass dem Glaube der Saft abgedreht wird. Und so ist der Mensch den Schwierigkeiten schutzlos ausgeliefert und kann nichts dagegen setzen. Es sind Menschen, deren Quelle der „Rat der Gottlosen“ ist und die nicht an den „Wasserbächen“ des Wortes Gottes gepflanzt sind, wie es im Psalm 1 beschrieben wird. Es ist wichtig wo meine Quellen sind. Gerade für die Jugendlichen, denen es oft noch an Stabilität und Fundament mangelt, ist dies eminent wichtig.
Ich habe Menschen erlebt, die sehr schnell begeistert waren vom Glauben, sich bekehrt haben, sogar innerhalb von wenigen Tagen die Glaubenstaufe vollzogen haben und als sie dann nach weiteren Tagen gemerkt haben, dass die Nachfolge mit Konsequenzen verbunden ist, das man bspw. nicht alle paar Tage in einem anderen Bett aufwachen sollte (ich rede jetzt nicht von Hotels!), haben sie sich schnell wieder dafür entschieden den alten Lebensstil zu folgen.
Bevor wir uns den nächsten beiden Menschentypen bzw. Ackerböden zuwenden, schauen wir uns an von welcher Art eigentlich die Saat ist.
4. Die Saat
Jesus sagt: „Die Saat ist das Wort Gottes“ (V. 11.). Aus unserer gemeindlichen Perspektive bedeutet das im allgemeinen die Lehre von der Errettung durch den Glauben an Jesus. Und wirklich spricht Jesus ja auch bei der ersten Gruppe davon, dass sie „nicht glauben und daher auch nicht gerettet werden“ (V. 12). Und so interpretieren wir das ganze Gleichnis hinsichtlich Bekehrung und Errettung. Vielleicht ist es ja auch so gedacht. Ich denke aber, dass Jesus dem Gleichnis noch eine umfangreichere Bedeutung zugedacht hat.
Wenn Jesus der Sämann ist, stellt sich die Frage welches Wort Gottes sät er denn aus? Die Propheten des AT haben auf den Erlöser hingewiesen. Die Apostel des Neuen Bundes erklären und vermitteln das Erlösungswerk Christi. Und Jesus? Jesus hat dieses Erlösungswerk eigentlich nur am Rand gelehrt, es war nicht seine zentrale Botschaft. Er hat es gelebt. Er hat es vollbracht. Und er war das Erlösungswerk in Person. Aber gelehrt hat er v.a. ein anderes Thema: die Botschaft vom Reich Gottes.
Und so kann er auch zu den Jüngern sagen, als sie ihn fragen, was das Gleichnis zu bedeuten hat: „Euch ist es von Gott gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen“ (V. 10.).
Der Same der hier gesät wird ist nach m.M. das Wort vom Reich Gottes. Und damit erhält dieses Gleichnis eine umfangreichere Bedeutung. Es geht hier nicht nur speziell um das Annehmen der Erlösungsbotschaft, es geht um das Annehmen der Botschaft vom Reich Gottes, in der die Botschaft von der Errettung ja enthalten und das grundlegende Element ist.
5. Die zentralen Aussagen der Lehre vom Reich Gottes
Erinnern wir uns an einige zentrale Botschaften vom Reich Gottes:
a) Jesus ist der König über das Reich Gottes (darauf weisen v.a. die at. Prophetien hin)
b) das Reich Gottes ist nicht von dieser Welt, es ist übernatürlich, es ist innerlich und es ist zwischenmenschlich (Lk. 17,20.21; Joh. 18,36)
c) das Reich Gottes ist gleichzeitig bereits da, im Werden und noch in der Zukunft
d) die Botschaft vom Reich Gottes ist die zentrale nt. Verkündigung (es wird nach Johannes bis ans Ende der Zeit verkündet; Lk. 16,16; Mt. 24,14; Apg. 1,3; 8,12)
e) das Reich Gottes zeigt sich in Kraft (sowohl Jesus, als auch die Jünger und Apostel
demonstrieren die Autorität im Reich Gottes über Dämonen und Krankheiten; Mt. 12,28, Lk. 10,9; 1. Kor. 4,20)
f) die zentrale Methode im Reich Gottes ist der Glauben (es wird im kindlichen Glauben angenommen; Mk. 10,14.15; Wunder werden im Glauben gewirkt und empfangen)
g) das Reich Gottes soll das Zentrum unseres Strebens sein (wir sollen zuerst an seine
Umsetzung und seine Gerechtigkeit denken; Mt. 6,33; und dabei nicht zurücksehen; Lk. 9,62)
6. Der Lebensstil im Reich Gottes
Und: das Reich Gottes hat eine eigene Ethik, es hat einen eigenen Lebensstil. Vieles davon ist in der Bergpredigt beschrieben.
Jesus verdeutlicht immer wieder, das im Reich Gottes andere Maßstäbe gelten. So streiten sich die Jünger bspw. darum wer der Größte unter ihnen ist. Jesus hält dagegen wer der Größte sein will, der soll der Sklave oder der Diener der anderen sein (Mt. 20, 26.27) und gibt selbst durch sein Leben das passende Beispiel. Es geht im Reich Gottes nicht um Ehre und Anerkennung, es geht um Dienen und Demut. Eine völlig neue Ethik.
Oder Jesus verdeutlicht, dass es nicht nur auf Reichtum nicht ankommt, sondern das im Gegenteil überhaupt nicht danach gestrebt werden soll, denn ein Reicher wird es schwer haben ins Reich Gottes hineinzukommen (Mt. 19,23). Vielmehr geht es darum Schätze im Himmel sammeln (z.B. durch Geben, Großzügigkeit, Barmherzigkeit), denn da wo der Schatz ist, ist auch das Herz. Und wie ich vorhin ausgeführt habe ist das Herz das Zentrum all meines Denkens und Wollens. Der Mammon verführt das Herz, er nimmt es gefangen, er verändert es (Mt. 6, 19-24).
Bereitwillig geben, teilen, freiwillige Armut (Sozialarbeiter!) statt dem Streben nach Reichtum. Auch wieder ein völlig neuer Maßstab. Viele haben jetzt im Zuge der Bankenkrise erkennen müssen, dass die Gier nach Profit letztlich ein dem Mammon Nachjagen ist. Im Reich Gottes gilt nicht reich sein im Nehmen, sonder reich sein im Geben.
Jesus hat uns gelehrt, dass wir nicht unser Recht durchsetzen sollen, sondern nachgeben sollen. Die andere Backe hinhalten, wenn wir beleidigt werden; freiwillig die zweite Meile gehen, wenn wir genötigt werden; den Mantel noch dazu geben, wenn man uns verklagt; nicht nur die Freunde, sondern auch die Feinde lieben (Mt. 5, 38-48). Eine völlig neue Form des menschlichen Verhaltens. Keiner macht so was doch freiwillig. (Ich habe diese Woche bei Ebay zwei Kunden angemahnt, weil sie nicht gezahlt hatten. Hinterher habe ich mir gedacht, wäre das richtige Verhalten - gemäß der Ethik des Reiches Gottes - nicht gewesen, nachzufragen, ob sie vielleicht Zahlungsaufschub benötigen oder ob wir den Kaufvertrag in beiderseitigen Einverständnis stornieren wollen, anstatt sie in Zahlungsverzug zu setzen?)
Oder Jesus verdeutlicht uns, dass es nicht auf die eigene Stärke, nicht in erster Linie auf das eigene Schaffen ankommt, sondern darauf dass wir unsere Bedürfnisse Gott anvertrauen und in allem auf seine Versorgung vertrauen, anstatt uns in materielle Sorgen zu verstricken. Ein Leben im Glauben und Vertrauen. Auch dies ist eine neue Verhaltensethik.
Nicht die Mächtigen, sondern die Verfolgten erben das Reich Gottes; nicht die Reichen, sondern die Armen usw. Es gibt noch viele Aussagen Jesu, die verdeutlichen, dass ein Leben nach der Gerechtigkeit des Reiches Gottes etwas ganz andersartiges ist. Anders als es die Pharisäer zu Jesu Wirkenszeiten zu leben pflegten. Keine Selbstgerechtigkeit des Buchstabens, sondern eine geistgewirkte des Herzens.
Dies alles ist ein Teil der Saat, die Jesus aussät. Und es wird deutlich, dass es um ein sehr ganzheitliches und umfassendes Christsein geht. Ich glaube ein Leben nach der Gerechtigkeit des Reiches Gottes enthält noch viel mehr radikale Freisetzungsqualität, als wir schon erkannt haben.
7. Die Dynamik des Reiches Gottes
Es wird deutlich, es geht nicht nur um ein Abnicken, um ein einmaliges Ja-Sagen, es geht um eine lebensdurchdringende Maßnahme. Dies wird auch in zwei anderen Gleichnissen Jesu verdeutlicht, im Gleichnis vom Senfkorn und vom Sauerteig.
„Dann sagte Jesus: »Mit welchem Bild lässt sich das Reich Gottes darstellen? Womit soll ich es vergleichen? Es ist mit dem Reich Gottes wie mit einem Senfkorn, das ein Mann in seinem Garten sät. Es geht auf und wächst und wird zu einem Baum, in dessen Zweigen die Vögel nisten.«
Jesus fuhr fort: »Womit kann ich das Reich Gottes noch vergleichen? Es ist mit dem Reich Gottes wie mit dem Sauerteig. Eine Frau nimmt eine Hand voll davon, mengt ihn unter einen halben Sack Mehl, und am Ende ist die ganze Masse durchsäuert.“ (Lk. 13, 18-21 NGÜ)
In diesen beiden Gleichnissen werden m.M. mach zwei Prinzipien deutlich:
1. Das Reich Gottes hat in sich das Potenzial das ganze Leben eines Menschen umzukrempeln. Ich interpretiere das Bild vom Senfkorn nicht auf ein globales Wachstum, sondern bezogen auf das Wachstum innerhalb des Menschen. Ein einfaches kleines Ja zu Jesus, ein Senfkorn, ein bisschen Sauerteig, beinhaltet - wenn es ernst gemeint ist - die Dynamik und die Kraft die ganze Person, das ganze Leben, das ganze Herz umzukrempeln. Und wenn wir an Aspekte des Lebens im Reich Gottes denken, wie Dienen, Geben, Glauben, die Dimension der Kraft, dann entsteht dadurch eine völlig neue Lebensqualität.
2. Die Entwicklung des Reiches Gottes in mir benötigt meine aktive Beteiligung
(= Arbeit), zumindest aber mein aktives Zulassen. Das zweite Prinzip scheint jetzt fast ein Widerspruch zum ersten zu sein, aber Jesus benutzt verschiedene Bilder zum Reich Gottes, die sich durchaus ergänzen können. Wie komme ich darauf. Wenn man eine Handvoll Sauerteig in 40 Kg Mehl einarbeitet, dann erscheint mir dies doch erstmal Arbeit zu sein. Damit er gleichmäßig durchmengt wird, bevor der Sauerteig seine Kraft gleichmäßig entfalten kann, ist erstmal Handarbeit notwendig. Ich muss mich aktiv daran beteiligen, wenn ich will das sich die Dimension des Reiches in allen meinem Lebensbereichen verwirklicht.
8. Die letzten beiden Ackerböden
Und jetzt schließe ich meinen Kreis und komme zu den letzten beiden Ackerböden. Erinnern wir uns, der erste war der Desinteressierte. Der zweite war der Oberflächliche. Der dritte ist der Geteilte, der Halbherzige. Die Dornen verdrängen die Saat. Durch die „Sorgen, dem Reichtum und den Freuden, die das Leben bietet“ (V.14). Die Saat kann lange Zeit wachsen, es ist ein langandauernder Prozess, sie konkurriert mit den Dornen, aber sie kann sich nicht entfalten und das Wachstum von Frucht wird verhindert, wird minimiert und letztlich wird das Leben in der Gerechtigkeit und in der Kraft und in der Qualität des Reiches Gottes nicht in Fülle freigesetzt. In anderen Bildern ist davon die Rede, dass der Feind dieses Unkraut sät. Er ist es der uns daran hindern will, dass sich göttliche Lebensqualität freisetzt.
Dies ist die Stelle, die uns zuruft: Achtet auf Euer Herz. Wir alle laufen Gefahr uns zu verstricken in Sorgen, Materiellem, sich irgendwelchen Dingen des Lebens in einem Umfang hinzugeben, der alles Geistliche erstickt. Es können Dinge sein, die an sich nicht schlecht sind. Kein säkularer Mensch würde sich etwas dabei denken. Ich denke nicht dass Jesus hier irgendwelche Perversionen im Blick hat, sondern eher alltägliche Dinge. Freundschaften, Hobbys, Arbeit, Genuss. Alles was in sich gut ist, kann zu einem Dornengestrüpp werden und mein geistliches Leben ersticken, wenn das Geschenk die Position des Schenkenden einnimmt. Es muss mich ja gar nicht ganz ersticken, aber es kann die Frucht minimieren.
Der vierte Typ ist nun endlich der fruchtbare Boden. „Mit aufrichtigem und bereitwilligem Herzen hören sie das Wort; sie halten daran fest, lassen sich nicht entmutigen und bringen Frucht.“ (V.15)
Festhalten, es bewahren, sich nicht entmutigen lassen, ausharren. Das sind die Eigenschaften dieses Menschen. D.h. es gibt genug Grund entmutigt zu sein, verzweifelt sein. Aber er hat den richtigen Boden. Er ist an den Wasserbächen gepflanzt. Hier kann die Pflanze ihre Wurzeln ausstrecken und Frucht bringen. Hundertfach.
Wollen wir nicht alle so sein? - und oft sind wir es auch. Aber wir dürfen und sollen und müssen immer wieder neu zu unserem Herrn kommen und ihm sagen, dass wir seine Hilfe brauchen, damit die Wurzeln wieder richtig ausgerichtet werden, dass die Dornen entfernt werden sollen, dass der Boden bearbeitet werden muss.
Lasst uns gemeinsam daran festhalten, dass uns das Streben nach dem Reich Gottes, nach seiner Kraft und nach seiner Gerechtigkeit immer wieder neu zum Wichtigsten in unserem Leben wird und lasst uns gemeinsam entdecken welch großen Schatz der Lebensdynamik und Qualität es noch zu entdecken gibt.
AMEN.
Sonntag, 8. Februar 2009
Sonntag, 1. Februar 2009
Termine und Aktuelles Februar 2009
So 01.02. 10.00 Gottesdienst mit anschl. Essen (Predigt Günther Kerschbaum, Thema: Wo ist Euer Glaube?)
Sa 07.02. 19.30 Alpha-Fest (Predigt Norbert Wohlrab)
So 15.02. 10.00 Gottesdienst (Predigt Norbert Wohlrab)
Di 17.02. 19.30 Gebetsabend
So 22.02. 19.30 Lobpreis & Segnung
Sa 07.02. 19.30 Alpha-Fest (Predigt Norbert Wohlrab)
So 15.02. 10.00 Gottesdienst (Predigt Norbert Wohlrab)
Di 17.02. 19.30 Gebetsabend
So 22.02. 19.30 Lobpreis & Segnung
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